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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

17. Mai 1955
Informationsdienst Nr. 2450 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Im Vordergrund der politischen Gespräche stehen der Staatsvertrag mit Österreich,1 die Warschauer Konferenz2 und die Abrüstungsvorschläge der SU.3

Zu bemerken ist, dass die Diskussionen keinen großen Umfang haben. Größtenteils sind es fortschrittliche Arbeiter, weniger Angestellte und nur vereinzelt Intelligenzler, die dazu Stellung nehmen. Demzufolge sind die Äußerungen fast ausschließlich positiv.

Bei allen drei Problemen wird übereinstimmend erklärt, dass die Initiative, den Frieden zu erhalten und zu festigen, von der SU ausgehe. Die Westmächte würden dadurch immer mehr in die Enge getrieben und wenn sie beispielsweise nicht auf die Abrüstungsvorschläge der SU eingehen, wäre dies ein deutliches Zeichen dafür, dass ihnen am Frieden nichts gelegen ist.

In den Stellungnahmen zum Abschluss des Staatsvertrages mit Österreich zeigt sich die Hoffnung, dass es doch noch gelingt, auch das Deutschlandproblem durch Verhandlungen zu lösen.4

So heißt es u. a. »was bei Österreich möglich war, muss auch bei der Deutschlandfrage möglich sein«.

Es wird wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass es nur durch die SU zum Abschluss dieses Staatsvertrages kam und dass die Sowjetregierung immer gemäß ihren Worten handelt.

Der Abschluss des Warschauer Vertrages wird im Allgemeinen begrüßt und mit folgendem begründet: »Die sich aus dem Pariser Abkommen5 ergebene Lage erfordert den Zusammenschluss der friedliebenden Staaten in Europa.«

Des Weiteren wird hervorgehoben, dass der Warschauer Vertrag einen friedlichen Charakter trägt und nur der Verteidigung dienen soll. Demzufolge kann er nicht mit den Pariser Verträgen gleichgestellt werden.

Nachstehende Äußerungen sind charakteristisch für einen großen Teil der Stellungnahmen.

Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem Buna-Werk: »Jetzt ist eigentlich der richtige Moment gekommen, die USA zu zwingen, alle strittigen Fragen auf friedlichem Wege zu lösen. Alle Völker der Erde fordern immer stärker die Abrüstung und die friedliche Anwendung der Atomkraft. Das Übereinkommen in der Österreich-Frage gibt allen Deutschen neue Hoffnung zur Klärung des Deutschlandproblems.«

Ein Arbeiter aus dem Hütten-Zement-Werk Ost,6 [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Nun ist es wohl mit der Politik der Stärke7 bald zu Ende. Schon in Korea und Vietnam war es die SU, die den Frieden herbeiführte und jetzt wieder bei Österreich hat sie auch dem Kuhhandel der Kriegstreiber ein Ende bereitet. Ich bin davon überzeugt, dass es die Sowjetregierung auch fertigbringen wird, unser Vaterland zu vereinen.«

Ein Arbeiter (SED) aus dem Kraftwerk G. Dimitroff Leipzig:8 »Die Warschauer Vereinbarungen werden von mir voll und ganz gebilligt. Wir können nicht erst warten bis die Faschisten uns überfallen, sondern müssen uns schon vorher zusammenschließen, um den Kriegstreibern Einhalt zu gebieten.«

Ein Schaffner (parteilos) aus den Greizer Verkehrsbetrieben: »Der Warschauer Vertrag wurde nur notwendig, weil die Pariser Verträge ratifiziert wurden. Der Osten muss sich vor eventuellen Angriffen der Westmächte schützen. Dieser Vertrag ist mit den Pariser Verträgen nicht zu vergleichen, weil nach wie vor die Erhaltung des Friedens im Vordergrund steht.«

Ein Diplom-Ingenieur drückt die Meinung vieler aus. Er sagte: »Schon wieder hat die SU Vorschläge zur allgemeinen Abrüstung und zur friedlichen Verwendung der Atomkraft gemacht. Es dürfte bald niemanden mehr geben, der an dem Friedenswillen der SU zweifelt. Wie leicht könne der Frieden in der Welt gefestigt werden, wenn die Westmächte diese Vorschläge annehmen würden.«

Demgegenüber gibt es vereinzelt Äußerungen, in denen der Warschauer Vertrag mit dem Pariser Abkommen gleichgesetzt wird, oder es wird auch erklärt, dass sich die allgemeine politische Lage durch die Warschauer Konferenz verschärfen würde.

Die Ursache der verhältnismäßig wenig geführten Diskussionen über diese aktuellen politischen Probleme ist einmal die zum Teil ungenügende Popularisierung durch die Agitationsgruppen in den Betrieben und zum anderen aber auch eine gewisse Gleichgültigkeit der Werktätigen gegenüber politischen Fragen.

Zum Beispiel wurden in allen Abteilungen des VEB PWS Schmölln,9 [Bezirk] Leipzig, Kurzversammlungen durchgeführt. In den Abteilungen Dreherei, Härterei und Schlosserei nahmen insgesamt 60 Kollegen teil. Obwohl sie mehrmals aufgefordert wurden, sprach kein einziger zur Diskussion. Auch kein Genosse nahm zu diesen aktuellen Problemen Stellung.

Ähnliche Erscheinungen zeigten sich auch in anderen Betrieben. Unter anderem im VEB Galvanotechnik Leipzig und VEB ECW Eilenburg.10

Negative Äußerungen wurden nur im geringen Maße festgestellt. Sie lassen größtenteils auf eine Beeinflussung durch die Westpropaganda schließen. Inhaltlich sind sie meist gegen die SU gerichtet.11 Zum Beispiel wurden aus dem ABUS-Bau in Wismar, [Bezirk] Rostock, einige negative Stimmen bekannt, die größtenteils von Elementen stammen, die die Westsender hören.

Ein Dreher aus der mechanischen Werkstatt dieses Betriebes sagte: »Was soll bei der Warschauer Konferenz weiter herausgekommen sein. Es wird eine Armee aufgestellt, aber wozu? Der Westen greift uns doch nicht an. Unsere Armee soll zum Angriff dienen und die Russen übernehmen natürlich das Kommando.« Drei andere Kollegen stimmten ihm zu.

In einer anderen Unterhaltung einiger Arbeiter aus diesem Betrieb kam zum Ausdruck:

  • »Die Abrüstungsvorschläge der Russen sind eine Schwäche.«12

  • »Ich habe neulich im NWDR13 das Deutschlandlied gehört, die kümmern sich doch gar nicht um die Vorschläge der Russen.«

  • »Durch die Warschauer Konferenz wird es bei uns nun bald Militär geben.«

Darauf erwiderte ein anderer: »Wenn es Krieg geben sollte, steht der Russe allein da, auch der Pole hat für ihn nichts übrig.«

Viele Kollegen dieses Betriebes rechnen damit, dass nun, nach der Warschauer Konferenz die Wehrpflicht bei uns eingeführt wird.

Die Diskussionen über die Verteidigungsbereitschaft verlaufen weiterhin in der bereits bekannten Form und weisen keine wesentlichen neuen Momente auf.

Neben den Diskussionen über politische Probleme wird immer wieder über betriebliche Schwierigkeiten diskutiert.

Zum Beispiel äußerte ein Angestellter zur Lage im Seehafen Stralsund: »In unserem Hafen liegen seit einiger Zeit keine Schiffe mehr, welche gelöscht oder beladen werden können. Zurzeit werden alle Arbeiter nur mit Gelegenheitsarbeiten beschäftigt oder sie sitzen herum und wissen nicht, was sie tun sollen.

Mehrere Arbeiter beabsichtigen zu kündigen und wollen in Privatbetriebe gehen. Unser Seehafen hat für das Jahr 1955 eine Planauflage von 950 000 t Umschlag. Hiervon soll eine große Menge Stückgut sein. Es wurden zu diesem Zweck zwei Stückgutkräne im Werte von 140 000 DM angeschafft. Außerdem wurden noch 30 Arbeiter eingestellt. Dies alles wurde gemacht, um die geplante Arbeit zu schaffen.«

Im VEB Schwerweberei Vetschau, [Bezirk] Cottbus, herrscht unter den Arbeitern eine sehr schlechte Stimmung. Dies ist auf die Schwierigkeiten in der Produktion zurückzuführen. Seit einiger Zeit bekommt der Betrieb keine bzw. nur in geringen Mengen Garne geliefert, sodass die Produktion kaum noch aufrechterhalten werden kann.

Lieferbetriebe: Die Spinnereien in Heinitz, Wiesenbad, Hirschfelde und die Zwirnerei Sachsenring in Glauchau.

Über Materialmangel klagen weiter: VEB Plattenwerk Meißen, [Bezirk] Dresden, (Glasurrohstoffe), VEB EWS Sörnewitz,14 [Bezirk] Dresden, (Borsäure), VEB Kfz-Werk »Ernst Grube« Werdau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, (Spurstangen), Fließen Werk Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, (Borax)15 und VEB »Hammerschuh« Roßwein, [Bezirk] Leipzig, (Porokrepp).16

In den Öl- und Fettwerken »H. Schellheimer« Magdeburg musste vom 10. bis 14.5.[1955] die Abt. Ölabfüllung stillgelegt werden, weil es an leeren Flaschen mangelte.

Andere betriebliche Schwierigkeiten außer Materialmangel und Produktionsstörungen wurden in dieser Berichtsperiode nicht bekannt.

Produktionsstörungen

Am 11.5.1955 explodierte aus bisher unbekannten Gründen im Leuna-Werk der Trafo 3022. Dadurch fielen einige Turbinengebläse aus und die Betriebe Stickstoff und Methanol mussten zurückgefahren werden, wobei ein Sachschaden von 150 000 DM entstand.

Durch eine Betriebsstörung am 11.5.1955 im Bereich der Großkokerei Lauchhammer kam es zum Stillstand sämtlicher drei Brikettfabriken des BKW »Friedenswacht«, einschließlich Förderbrücke und Kraftwerk. Produktionsausfall: ca. 260 t Brikett, 6 000 cbm Abraum, 800 t Rohkohlenförderung und ca. 19 000 KW.

Am 14.5.[1955] fiel im VEB Sägewerk Guben, [Bezirk] Cottbus, die Dampfmaschine aus. Der Schaden und Produktionsausfall beträgt ca. 20 000 DM.

Der VEB Braun- und Kunsttöpferei Bischofswerda wurde ein Waggon Ton vom VEB Tonwerk Weidmannsheim, [Kreis] Niesky, geliefert. (60,1 t). Bei der Vorbereitung wurden Eisenschrottabfälle gefunden. Diese Teile gehen ohne Mühe durch die Vorbereitungsmaschine und stellen sich erst nach dem Brennen durch ihr Schmelzen heraus. Der ständige Ausschuss der Produktion von 3,5 % wurde dadurch auf 10 % bis 12 % erhöht. Diese Eisenteile wurden erstmalig seit 194517 in den gelieferten Tonmengen festgestellt.

Dem VEB Förderwagenbau Vetschau, [Bezirk] Cottbus, werden laufend gefälschte Angebotskarten über Materialmengen, die zurzeit in unserer Wirtschaft ein Engpass sind, zugestellt.

Ein Brigadier aus dem Benzinwerk des VEB Böhlen wurde telefonisch befragt, wo seine Tochter arbeitet. (Diese hat auf einer Gewerkschaftskonferenz zum Eintritt in die KVP und in die Kampfgruppen18 aufgerufen.) Auf die Frage, weshalb man das wissen wolle, wurde dem Brigadier geantwortet, seine Tochter solle für diese Ausführungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Im VEB Waggonbau Niesky wurde in einem Klosett folgende feindliche Losung angeschmiert: »Otto19 und Walter,20 wir lassen euch nicht allein, aber in die KVP treten wir nicht ein!«

In der Schachtanlage Kleinbodungen des Kaliwerkes Bleicherode, [Bezirk] Erfurt, wurde in der Nacht zum 14.5.[1955] ein Förderwagen mit folgendem Text beschmiert: »Wir arbeiten am 15.5. nicht, nieder mit den Kommunisten.«

Am 12.5.[1955] wurde im Werk 512, Objekt 34 – Aue – an eine Klosettür Folgendes geschmiert: »Nieder mit der SED und KVP. Ausbeutergesindel!« Am gleichen Tage wurden im Wohnheim des gleichen Werkes an die Zimmertür mehrere Hakenkreuze geschmiert.

Das gleiche wurde auch am 12.5.[1955] in einer Toilette im IFA Kfz »Ernst Grube« in Werdau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, festgestellt. Des Weiteren stand da noch folgende Schmiererei: »Unser Führer Adolf Hitler kommt wieder.«

Im VEB Abus Sebnitz, [Bezirk] Dresden, wurde in einer Toilette in die Wand eingeritzt: »Rache den roten Hunden!«

Im VEB Kunstblume Sebnitz, [Bezirk] Dresden, wurde das Gerücht verbreitet, dass Trefflich21 dieses Jahr bei der Friedensfahrt22 deshalb nicht dabei wäre, weil man vergangenes Jahr in Volkspolen die Fahrer der DDR mit Steinen geworfen hätte und Nägel auf die Straße geworfen habe.23

Versorgung der Bevölkerung

In der letzten Zeit beschweren sich die Hausfrauen verschiedener Kreise wieder über den Mangel an HO-Margarine.24

In ihren Diskussionen bringen sie immer wieder zum Ausdruck, dass die Schuld an dem Warenmangel an einer schlechten Warenbereitstellung liegen muss, da in anderen Orten Margarine in genügendem Maße vorhanden sei.

So standen z. B. am 13.5.1955 um 15.00 Uhr vor den Molkereigeschäften in Magdeburg schon die Menschen Schlange, da bekannt geworden war, dass es um 17.00 Uhr Margarine geben soll. Circa zwei Drittel der Hausfrauen bekamen keine Margarine mehr ab, obwohl nur ein halbes Pfund pro Person ausgegeben worden war.

Die Hausfrauen äußerten sich dazu wie folgt: »Im Bezirk Halle gibt es Margarine, warum bei uns nicht? Wenn man jetzt schon bei Beendigung des Fünfjahrplanes25 nach Margarine anstehen muss und dazu nur ein halbes Pfund bekommt, dann wird es wohl bald keine mehr geben.«

Am 15.5.1955 wurde in Bautzen ein Frischfischtransport von zehn Tonnen angeliefert. Der Fisch war zum Teil durch den langen Transport auf der Reichsbahn verdorben. Der Waggon benötigte von Belgien bis an die Demarkationslinie einen Tag und von da bis Bautzen drei Tage.

Am 14.4.1955 wurde mittags an die Delegierten der Kreisdelegiertenkonferenz der SED in der HO-Gaststätte in Lichtenstein (Unionshof), [Kreis] Hohenstein-Ernstthal, ein Mittagessen ausgegeben.

Nach dem Genuss zeigten sich bei mehreren Personen gesundheitliche Störungen. Fünf Delegierte erkrankten und konnten am 15.5.[1955] nicht wieder zur Konferenz erscheinen und bei weiteren ca. 100 Personen traten Brechreiz und Durchfall auf. Nach bisherigen Ermittlungen handelt es sich vermutlich um eine Fleischvergiftung.

Vom 12. bis 16.5.[1955] fand in Leipzig der dritte Genossenschaftstag26 des Konsumverbandes27 statt. Die Tagung verlief ohne besondere Vorkommnisse. Bei der Abstimmung über ein Begrüßungstelegramm an den Präsidenten Genossen Pieck28 gab es einen Teil Stimmenthaltung über die darin gebrauchte Anrede ›Genosse Pieck‹.

(Vorwiegend Delegierte aus den Bezirken Magdeburg und Rostock.)

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Warschauer Konferenz und die Österreich-Frage stehen augenblicklich im Vordergrund der politischen Diskussionen, die allerdings keinen großen Umfang haben.

Zur Warschauer Konferenz wird von den fortschrittlichen Kräften positiv diskutiert. Dabei wird vor allem immer wieder hervorgehoben, dass die Warschauer Konferenz klar die Stärke des Weltfriedenslagers, an dessen Spitze die SU steht, dokumentiert. Besonders begrüßt werden auch die Abrüstungsvorschläge der SU, die damit wieder einmal beweist, wie sie für die Erhaltung des Friedens eintritt und nichts unversucht lässt, eine internationale Entspannung herbeizuführen.

Ein Traktorist von der MTS Götz, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, äußerte sich z. B. folgendermaßen: »Ich begrüße besonders den Vorschlag der sowjetischen Delegation zum Verbot aller Kernwaffen und den Vorschlag zur Liquidierung aller ausländischen Militärstützpunkte. Aus diesen Vorschlägen ist wiederum ersichtlich, dass die SU und das gesamte Weltfriedenslager alle Möglichkeiten ausnutzen, um sämtliche Probleme auf friedlichem Wege zu lösen.«

Die in geringem Maß auftretenden negativen Äußerungen zur Warschauer Konferenz kommen vorwiegend aus Kreisen der Groß- und Mittelbauern. Es heißt darin vor allem, dass Warschau die bestehenden internationalen Spannungen noch weiter verschärfen würde, da jetzt auch im Friedenslager ein Militärblock geschaffen worden sei und das Warschau das Signal zum Rüstungswettstreit geben würde.

Ein Großbauer29 aus Theißen, [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle, sagte z. B.: »Warschau gibt uns die Perspektiven des Rüstungsbeginns. Wo das hintreibt, können wir uns an allen zehn Fingern abzählen. So geht’s auf keinen Fall.«

Ein Mittelbauer aus dem gleichen Ort: »Warschau bringt uns nur weitere und verstärkte internationale Spannungen, denn jetzt entsteht organisiert auch im sogenannten Friedenslager ein geschlossener Militärblock, für friedliche Zwecke natürlich. Das hat Adolf auch schon gesagt.«

Bei den Diskussionen über den Abschluss des Staatsvertrages mit Österreich wird vor allem die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass auch bald mit Deutschland ein Friedensvertrag abgeschlossen werden möge30 und die vier Großmächte auf einer Viermächteverhandlung auch über die Lösung des Deutschlandproblems verhandeln sollten.

Ein Traktorist der Außenstelle der MTS Oberreißen, [Kreis] Apolda, [Erfurt] Erfurt sagte z. B.: »Was jetzt in Österreich vor sich gegangen ist, könnte meiner Meinung nach auch in Deutschland der Fall sein. Unter dem Druck der Massen waren die USA-Imperialisten gezwungen, diesen Vertrag mit zu unterzeichnen. Schon durch die Unterzeichnung des Staatsvertrages mit Österreich haben sie für sich einen wertvollen Militärstützpunkt verloren.«

Ein Genossenschaftsbauer aus Wersdorf, [Kreis] Apolda, [Bezirk] Erfurt: »Nun endlich nach zehn Jahren Kriegsende ist für den Frieden in Europa ein Anfang gemacht worden. Das, was in Österreich möglich ist, muss doch auch in Deutschland durchzuführen sein.«

Aus dem Bezirk Leipzig wird bekannt, dass im Kreis Altenburg verschiedene Genossenschaftsbauern, nachdem sie sich durch die LPG bzw. durch den Kredit der LPG Tiere usw. angeschafft haben, aus der LPG austreten und entgegen dem Statut der LPG (die Mitglieder sind beim Austritt aus der LPG für die aufgenommenen Kredite voll haftbar zu machen) nicht daran denken, bzw. sich nicht bemühen, ihre Kredite zurückzuzahlen.31 Die LPG-Vorsitzenden wenden sich in dieser Frage an den Rat des Kreises und die SED-Kreisleitung, konnten aber von diesen Stellen auch nicht erfahren, wie sie sich zu verhalten haben.

Solches spekulantenhaftes Verhalten von Genossenschaftsbauern trat in den LPG Mockzig, Göhren und Wintersdorf in Erscheinung.

Die Kartoffelaussaat ist in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben wegen Mangel an Saatkartoffeln noch immer nicht 100%ig beendet. Dazu kommt noch, dass auch des Öfteren die Qualität der Saatkartoffeln beanstandet wird, weil häufig ein Teil der Lieferungen schlecht ist.

So wurde z. B. ein Waggon Saatkartoffeln von dem ÖLB32 Dreschvitz, [Kreis] Rügen, [Bezirk] Rostock, an die Gemeinde Niederwillingen,[Kreis] Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, geliefert, die nur noch für Futterzwecke zu verwenden sind, da ca. 60 % bis 65 % der Kartoffeln von der Nassfäule befallen und der Rest auch mehr oder weniger stark angefault ist.

Saatkartoffelmangel besteht noch in folgenden landwirtschaftlichen Betrieben:

In dem ÖLB Grube, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, (ca. 200 dz Saatkartoffeln).

In der LPG Charlottenfelde, [Kreis] Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, (ca. 100 dz Saatkartoffeln).

Auch im Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, und im Saalkreis, [Bezirk] Halle, fehlen noch erhebliche Mengen.

In verschiedenen MTS ist die Frage der Ersatzteilbeschaffung noch nicht geklärt. Zum Teil ist auch die Qualität der gelieferten Ersatzteile nicht entsprechend den Erfordernissen, sodass nach kurzer Zeit die reparierten Fahrzeuge und Maschinen wieder ausfallen.

So z. B. wurden in der MTS Rodewisch, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, zwei generalüberholte IFA-Motoren 40 PS neu eingebaut. Nach zehnstündiger Laufzeit stellte sich bereits bei einem Motor Düsenschaden heraus, da die Düsen nicht den Anforderungen entsprachen. Bei dem zweiten Motor war nach ca. 25stündiger Einlaufzeit die Zylinderkopfdichtung durchgebrannt.

Es mangelt neben Schrauben, Muttern usw. auch an Gummibereifung.

Die MTS Lindow, [Bezirk] Potsdam, benötigt z. B. für einen Lkw und für Traktoren »Pionier«33 Gummibereifung. Wenn die MTS in Kürze keine Bereifung erhält, fallen zwei Traktoren aus. Ebenso fehlen im Kreis Kyritz Reifen für Traktoren, wodurch bei der MTS Kyritz drei Traktoren bei der Frühjahrsbestellung ausfielen.

Aus den Bezirken Dresden, Gera und Halle wird über Wildschweinplage berichtet. Die Bauern, deren Land durch die Wildschweine zerwühlt wird, beschweren sich darüber, dass vonseiten der staatlichen Organe nichts unternommen wird, die in der letzten Zeit überhandgenommene Plage zu beseitigen. Die Bauern haben doppelte Arbeit, weil die bereits bestellten Felder zerwühlt werden und deshalb neu bestellt werden müssen.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

  • In dem ÖLB Pastin, [Kreis] Sternberg, [Bezirk] Schwerin, wurde der Bestand von 38 Schweinen notgeschlachtet.

  • Bei einem Mühlenbesitzer in Karbow, [Kreis] Lübz, [Bezirk] Schwerin, sind von 30 Schweinen 29 notgeschlachtet worden, ein Schwein verendete.

In Friesack, [Bezirk] Potsdam, wurde ein Abdecker festgenommen,34 weil vermutet wird, dass er die Schweinepest verbreitet hat. Der Abdecker hat an einem Bauern in Vietznitz rohes Fleisch verkauft. Einige Tage später brach dort die Schweinepest aus. Durch den Kreistierarzt wurde bekannt, dass sich die Tierkörperverwertungsanstalt in einem unhaltbaren Zustand befindet und einen Seuchenherd bildet.

In Röhrsdorf bei Königsbrück, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, wurden am 5.5.1955 die Schweine gegen Rotlauf35 geimpft. In zehn landwirtschaftlichen Betrieben erkrankten in der Zeit vom 10. bis 13.5.[1955] 56 geimpfte Schweine. Wie bereits berichtet sind auch in anderen Kreisen Schweine nach der Rotlaufimpfung erkrankt.

Das benutzte Serum wurde vom Kreistierarzt an das Institut Berlin zur Untersuchung36 gegeben.

In der LPG Hainitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurden unter dem Trockenfutter Glasscherben gefunden. Es besteht der Verdacht der Feindtätigkeit.

Bauern aus dem Kreis Freital, [Bezirk] Dresden, erhielten fingierte Anrufe, mit der Anweisung sich Kalbfleisch aus dem Schlachthof Dresden abzuholen.

Aus Torgau, [Bezirk] Leipzig, wird berichtet, dass im VEG Köllitsch ca. 350 bis 400 Zentner Zuckerrübenstecklinge lagern, die trotz mehrmaliger Aufforderung von der DSG Torgau nicht abgeholt wurden. Diese Stecklinge wurden bereits vor einiger Zeit aus den Mieten genommen und beginnen stark zu treiben, wodurch die Verwendung als Saatgut erheblich herabgemindert wird.

Die BHG Beilrode, [Kreis] Torgau, [Bezirk] Leipzig, bekam am 9.5.1955 einen Waggon (10 000 kg) Saatkartoffeln vom VEG Schwedtow,37 [Bezirk] Mecklenburg. Die Überprüfung vom Pflanzenschutzamt am 13.5.[1955] ergab einen Fäulnisgrad von 60 %. Die Fäulnis tritt nicht wie üblich auf, sondern weist eine Zersetzung der gesamten Schale der Kartoffel in kurzer Zeit auf. Es wird vermutet, dass diese Fäulnis durch Streuung eines chemischen Mittels bewirkt wird.

Erst jetzt wurde bekannt, dass der Leiter des ÖLB Kerzlin, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, in der Nacht vom 7. zum 8. Mai [1955] von zwei Personen überfallen und niedergeschlagen wurde. Haftbefehl gegen den Täter wurde beantragt.

In der MTS Suckow, [Kreis] Templin, Stützpunkt Pinnow, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde in der Nacht zum 13.5.[1955] in einem Traktor RS 1538 durch unbekannte Täter Dünger in den Tank geschüttet.

Brände

Am 13.5.1955 brach im VEG Prenzlau, Betriebsteil Sabinenkloster, [Bezirk] Neubrandenburg, im Schweinestall ein Brand aus. Durch diesen Brand wurde der Schweinestall und zwei Schweinehütten vernichtet. Der Schaden beträgt ca. 30 000 DM. Brandursache noch nicht ermittelt.

Am 13.5.1955 brach in der LPG Siedenbrünzow, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, ein Stallbrand aus.

Durch den Brand wurden zwei Viehställe und eine Scheune vernichtet. Unter anderem verbrannten 47 Schweine, 90 dz Getreide, 35 Zentner Futtermittel, eine Schrotmühle, eine Kartoffelsortiermaschine, 200 dz Kartoffeln, eine Schrotmühle, eine Herdbuchkuh,39 eine Ziege und andere landwirtschaftliche Geräte.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Im Kreis Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, sind 117 Personen an Ruhr erkrankt.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert. Die politischen Gespräche werden vor allem von der Warschauer Konferenz, den Abrüstungsvorschlägen der SU und der Österreich-Frage bestimmt, haben allerdings keinen großen Umfang und sind überwiegend positiv.

Anlage 1 vom 17. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2450

Auswertung der Westsendungen

Die Westsender beschäftigten sich in den letzten Tagen mit den verschiedensten politischen Problemen, ohne dass eine Konzentration auf eine bestimmte Frage erfolgt.

RIAS40 teilt mit, dass ab sofort täglich 19.10 Uhr eine neue Sendung über die DDR »Aus der Zone – für die Zone«41 gebracht wird, die »dem Hörer die Bemühungen um regelmäßige Unterrichtung erleichtern soll. Der Hörer soll wissen, wenn er den Kopf an seinem Apparat betätigen muss, will er wissen, was im sogenannten Arbeiter-und-Bauern-Staat geschieht und wie das, was geschieht, zu beurteilen ist … Unser Ziel, bleibt das gleiche. Wir wollen darstellen, was in der Zone vorgeht und wir wollen versuchen, die Vorgänge zu deuten, zu erläutern, zu werten.«

In ihren Bemühungen, unsere Verteidigungsbereitschaft zu schwächen, greifen die Westsender zu den verschiedensten Methoden.

Zum Beispiel behauptet RIAS in einer Sendung über den »Bau der Jugend«42 – Trattendorf, dass dort die Verhältnisse »absichtlich so schlecht gehalten würden«, da die Jugendlichen gern bereit seien, »die unwürdigen Bedingungen in Trattendorf gegen saubere Unterkünfte und bessere Bezahlung bei der KVP einzutauschen«. Am Schluss heißt es dann: »Leider lassen sich auch noch allzu viele Kollegen breitschlagen, wenn sie aus ihren Betrieben entlassen werden, eine Arbeit in Trattendorf anzunehmen. Ich rate jeden ab. Denn wer jetzt entlassen wurde, weil er zur KVP gehen sollte und nicht gehen will und dann nach Trattendorf kommt, der hat von Trattendorf nur noch den Weg in die KVP. Also nicht freiwillig melden …«

An anderer Stelle berichtet RIAS über ein Verbot der Werbung zur KVP in folgenden Berufen: Leichtbau-Aluminium, Bauingenieur-Wesen, sämtliche landwirtschaftliche Berufe, Lehrer für Polit-Ökonomie, für Gesellschaftswissenschaft,43 Philosophie, Außenpolitik so wie Plan- und Arbeitsökonomie.

Hauptgegenstand der Hetze sind nach wie vor die Kampfgruppen. In Verbindung mit dem 17. Juni 195344 wird festgestellt, dass die damaligen Ereignisse gar nicht die Notwendigkeit der Sicherung der Betriebe bewiesen hätten, da es die Arbeiter sowieso als eine Selbstverständlichkeit betrachtet hätten, ihre Arbeitsplätze zu erhalten. RIAS sagt dazu u. a.: »… In manchen ehemaligen Großbetrieben z. B. hätte ein Handgriff genügt, um die Produktion in diesem Betrieb für Monate stillzulegen; dieser Handgriff wurde nicht ausgeführt …«

Die Sendung schließt mit der Behauptung, dass auch heute nicht die Sicherung der Betriebe als Hauptaufgabe für die Kampfgruppen stünde und in Fortsetzung der Verleumdung wird gehetzt: »… Heute, wo man nicht nur zuverlässige Genossen, sondern auch Meister und Brigadiere und fortschrittliche Parteilose zum Eintritt in die Kampfgruppen zwingt, geht es nicht um die Sicherung des Arbeitsplatzes. Durch die Existenz der Kampfgruppen will die Partei vielmehr einschüchtern, sie will eine Schlagkraft vortäuschen, die nicht vorhanden ist …«

Zur Beeinflussung der Studenten meldet RIAS, dass die Medizin-Studenten der Universität Halle aufgefordert worden seien, sich auf eine Übersiedlung nach Greifswald vorzubereiten, da sie als KVP-Ärzte ausgebildet werden sollen. Bei Weigerung hätten sie mit Exmatrikulation zu rechnen.45

Um die Studenten der DDR von einer Verpflichtung zur KVP abzuhalten, berichtet der Londoner Rundfunk46 über bisher nur sehr gering eingegangene Meldewagen. (z. B. Medizinische Fakultät Halle drei Studenten, Technische Hochschule Dresden von 300 – 27, Universität Leipzig von 150 – drei).

Bei seiner Hetze gegen das neue Statut der FDJ47 wendet sich der RIAS in einer Sendung besonders gegen die ausgesprochene Verpflichtung, alles zum Schutz unseres Staates zu tun. Er bezeichnet die FDJ in diesem Zusammenhang als »Hilfstruppe des SSD«.

Zur Beunruhigung der Privatindustrie berichtet RIAS über einen Entwurf für eine neue Gewerbezulassungsverordnung, die u. a. »eine weitgehende Aufhebung der freien Verfügbarkeit des Eigentümers über private gewerbliche Unternehmen« vorsehe.

Auch würde damit das Bestreben ersichtlich, Privatbetriebe in weitgehendem Maße ins Volkseigentum zu überführen.

Anlage 2 vom 17. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2450

Bericht über die Normfrage

In der Abteilung Feinschleiferei des VEB Oberlausitzer Glaswerke Weißwasser, [Bezirk] Cottbus, bestehen keine technisch begründeten Arbeitsnormen.48 Die Normen werden im Durchschnitt, bei nicht Vollauslastung der Arbeitszeit mit 200 % bis 250 % erfüllt.

Von der Betriebsleitung, Parteileitung und BGL werden Vorbereitungen getroffen, diesen Zustand zu beenden und neue technisch begründete Arbeitsnormen zu schaffen.

In den Diskussionen der Kollegen kommt zum Ausdruck, dass sie damit nicht einverstanden sind. Unter anderem heißt es: »Einmal ist es mit der Lebensmittelversorgung schlechter geworden und zum anderen sollen wir noch weniger verdienen.«

In der Brikettfabrik des VEB Kombinat Böhlen, [Bezirk] Leipzig, diskutierten die Arbeiter über die Normenerhöhung, die von der Partei und Gewerkschaftsleitung vorgeschlagen wurde u. a. wie folgt: »Warum wird die Normenfrage nicht im ganzen Kombinat gelöst.« Man soll lieber erst »oben« anfangen mit Einsparen z. B. in der Verwaltung von der Abt. Arbeit. »Wenn man uns die Normenerhöhung diktiert, können wir nichts machen, aber freiwillig erhöhen wir nicht.« Ein Genosse sagte: »Ich bin ein alter Gewerkschaftler und Genosse, aber dafür haben wir nicht gekämpft. Dass bedeutet doch eine Lohnsenkung.« Von den 480 Kollegen sind es nur wenige, die einer Normerhöhung zustimmen.49

Ein Brigadier der Baustelle Franzburg, VEB Bau Stralsund äußerte, dass in seiner Brigade eine sehr schlechte Stimmung herrsche, was er wie folgt begründet: »Die Arbeiter sind verärgert, weil sie ihre Norm nicht erfüllen können, die 50 % höher als im vergangenen Jahr liegt. So können Sie bei Einsatz aller Kräfte nur mit 90 % erfüllen. Außerdem ist die Arbeitsplanung der Bauleiter schlecht. Dadurch entstehen den Kollegen täglich bei einer ehemaligen Arbeitseinheit50 zwei Wartestunden. Aus diesem Grunde hat bereits eine Brigade gekündigt und arbeitet jetzt in einem anderen Berufszweig.«

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