Zur Beurteilung der Situation in der DDR
20. Mai 1955
Informationsdienst Nr. 2451 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Zur Stimmung in den Industrie- und Verkehrsbetrieben ist zu sagen, dass die aktuellen politischen Fragen wie z. B. die Warschauer Konferenz,1 der sowjetische Abrüstungsvorschlag2 sowie der Abschluss des Staatsvertrages mit Österreich3 ihrer Bedeutung nach nicht umfangreich diskutiert werden.
Die meisten Gespräche hierüber sind positiv und verlaufen zu allen drei Problemen auf der Linie, dass die Friedensliebe der SU hervorgehoben wird. Charakteristisch für die Diskussionen über die Warschauer Konferenz ist die richtige Einschätzung derselben, indem immer wieder gesagt wird, »es war richtig, dass sich die friedliebenden Staaten zusammengeschlossen und somit den aggressiven Plänen der Weststaaten einen Riegel vorgeschoben haben«.
Zum anderen wird betont, dass die Warschauer Konferenz im Gegensatz zu den Pariser Abmachungen4 der Erhaltung des Friedens dient.
In den Gesprächen über den Abrüstungsvorschlag geht man besonders auf das Verbot der Massenvernichtungswaffen ein und stellt dabei heraus, dass die Westmächte gezwungen werden müssen, die sowjetischen Vorschläge zu beachten, weil sie die Garantie für die Erhaltung des Friedens bieten.
Bestimmend für die Äußerungen über den Staatsvertrag mit Österreich ist wiederholt der Wunsch, dass es auch bald zur friedlichen Lösung des Deutschlandproblems kommen möge.
Zu diesen drei genannten Fragen sind negative bzw. abfällige Äußerungen gering, da die Stellungnahmen vorwiegend von fortschrittlichen Kräften stammen.
In den negativen Stellungnahmen zeigt sich meist eine ablehnende Haltung gegenüber der SU und eine Parteinahme für die Politik der Westmächte, was nicht zuletzt auf eine Beeinflussung durch die Westpropaganda zurückzuführen ist.
Zum Beispiel sagte ein Schlosser (parteilos) aus der Baumwollspinnerei in Tanneberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Der Warschauer Vertrag ist doch bloß eine Nachahmung der Pariser Verträge, nur eben unter der Führung von Russland.«
In einer Kurzversammlung des Steigermagazin im Wismut-Schacht5 12 – Oberschlema – äußerte ein Kollege: »Die Warschauer Konferenz ist das gleiche wie die Pariser Verträge. Hier hat der Russe den Oberbefehl und dort der Ami. 1945 bis 46 hat uns der Russe die Gurgel abgedreht und alles aus Deutschland rausgeschleppt.« Zwei Kollegen stimmten seinen Worten zu.
Im VEB ECW Eilenburg,6 [Bezirk] Leipzig, wurde eine Zustimmungserklärung zur Warschauer Konferenz in Umlauf gebracht, die von den Kollegen unterschrieben werden sollte. In dieser Erklärung wurde u. a. auf die Bedeutung der Verteidigungsbereitschaft eingegangen und es heißt wörtlich: »… Wir sind noch mehr als bisher bereit, unsere Errungenschaften gegen jeden Angreifer, wenn es sein muss auch mit der Waffe in der Hand, zu verteidigen und sind gewillt, in den Reihen unserer Kampfgruppen,7 der GST und der KVP an der Erhaltung des Friedens mitzuarbeiten.«
Aufgrund dieser Formulierung wurde die Zustimmungserklärung von einem Teil der Kollegen nicht unterschrieben.
Zum Beispiel gab in der Abteilung Rohrlegerei kein einziger Kollege seine Unterschrift und in einer anderen Abteilung unterschrieben von 34 nur sieben Kollegen. Es kam zu Äußerungen wie z. B., »wenn wir das unterschreiben, müssen wir zur KVP«.
Diese mangelnde Verteidigungsbereitschaft zeigt sich noch immer bei einem großen Teil der Werktätigen, besonders aber bei den Jugendlichen.
Dies beweist, dass die Aufklärung zu diesen Fragen noch immer ungenügend ist. Wenn auch Erfolge gegenüber den letzten Jahren in der KVP-Werbung zu verzeichnen sind, so lehnt doch der größte Teil der angesprochenen Jugendlichen immer wieder ab, in die KVP einzutreten. Dass dies in den meisten Fällen nicht auf einer feindlichen Einstellung gegenüber unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat beruht, beweist das zumeist vorgebrachte Argument, nicht freiwillig gehen zu wollen, sondern nur, wenn sie durch einen Gestellungsbefehl dazu gezwungen sind. Es folgen dann immer eine Reine Vorwände, womit versucht wird, die Ablehnung zu begründen; z. B. berufliche Weiterbildung, familiäre Gründe, sowie die in den Vordergrund gestellte persönliche Freiheit.
Dabei muss man aber sehen, dass die Jugendlichen vielfach von jenen in ihrer Haltung bestärkt werden, die schon einmal der KVP angehörten.
Dies beweist nachstehendes Beispiel.
In einer Versammlung anlässlich der KVP-Werbung in der Halle 4 des Industrie-Werkes Ludwigsfelde, [Bezirk] Potsdam, wurde ein Kollege aufgefordert, über die Zeit, die er bei der KVP verbracht hat, zu berichten. Er äußerte dazu: »Soll doch jeder selbst hingehen, dann weiß er es, wie es ist.«
Dies löste unter den Anwesenden ein allgemeines Gemurmel und Gelächter aus.
Nach der Erklärung wurde er von einem Funktionär gefragt, wie er das meine. Darauf erwiderte er: »Um das Gute bei der KVP zu erfahren, soll jeder selbst hingehen und über das Schlechte darf man nichts sagen.«
Zum anderen trägt auch nicht immer die Art und Weise zum Erfolg der Werbung bei.
Zum Beispiel werden im VEB Pumpen- und Gebläsebau Leipzig Drohungen ausgesprochen. Unter anderem sagte der FDJ-Sekretär zu einigen Jugendlichen: »Entweder ihr geht zur KVP oder ihr seid für einen VEB nicht mehr tragbar.«
Vereinzelt kommt es vor, dass Jugendliche erklären, nach Westdeutschland zu gehen, wenn sie gezwungen werden sollten, in die KVP einzutreten.
Zum Beispiel wurden im VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow vier Jugendfreunde zur KVP geworben. Als sie ihren Dienst antreten sollten, wurden sie republikflüchtig.
Im VEB Schott Jena, [Bezirk] Gera, setzt sich aus dem gleichen Anlass ein Jugendlicher nach Westdeutschland ab und in der Maxhütte äußerte ein Arbeiter: »Wenn ich zur KVP muss, gehe ich nach dem Westen.«
In den Gesprächen über die Kampfgruppen geht es jetzt größtenteils um die Methoden der Ausbildung.
Die Einstellung eines parteilosen Arbeiters aus dem VEB Werkzeugmaschinenbau Zeulenroda, [Bezirk] Gera, trifft für viele zu. Er sagte: »Wenn man in den Kampfgruppen gleich wieder mit links- und rechtsrum beginnt, habe ich es schon satt. Wichtiger ist der Waffenunterricht. Über die andere Ausbildung wird nur von den anderen gelacht. Hitler stellte den Volkssturm8 auf und die Kampfgruppe ist auch so etwas.«
Im VEB Feintuch Finsterwalde,9 [Bezirk] Cottbus, wurden Unterschriften für eine Erklärung gesammelt, in der die höchste Bestrafung für den verhafteten Agenten Simross10 (war in dem Betrieb beschäftigt) gefordert wird.11 Darüber werden sehr negative Diskussionen geführt. In den Äußerungen kommt zum Ausdruck, dass sie »dafür nicht ihre Unterschrift geben, da sie ja gar nicht wissen, was er getan hat«. Selbst Genossen unserer Partei und Abteilungsmeister verweigern ihre Unterschrift. Ein parteiloser Meister, der sich für die Unterschriftenleistung einsetzt, wird in seiner Abteilung als »Arbeiterverräter« bezeichnet. Es gibt auch Meinungen, die besagen, »hier im Betrieb hat der nichts getan und was er privat gemacht hat, geht uns nichts an«.
Durch einen Entscheid der staatlichen Stellenplankommission Berlin wird am 1.6.[1955] die Arztstelle im VEB Bau- und Eisenwerk Guben, [Bezirk] Cottbus, aufgehoben. Gegen diese Entscheidung, die ohne örtliche Kenntnisse der Verhältnisse erfolgte, haben sämtliche Kollegen, einschließlich des Betriebsleiters und des BGL-Vorsitzenden, Einspruch erhoben. Da jetzt die Kollegen angewiesen sind, die Poliklinik aufzusuchen, entstehen dem Betrieb größere Kosten und Produktionsausfälle. Andererseits lehnt die Poliklinik in Guben die Behandlung der 1 600 Kollegen ab, da sie über zu wenig Kräfte verfügt.
In der Conerei12 des Kunstseidenwerkes in Premnitz, [Bezirk] Potsdam, sollte am 16. Mai 1955 eine neue Norm eingeführt werden. Damit waren die Arbeiterinnen nicht einverstanden und 16 legten die Arbeit nieder. Nach eingehender Diskussion erklärten sich die Kollegen nach einiger Zeit bereit, die Arbeit wieder aufzunehmen.
In den verschiedensten Industriezweigen spielen immer wieder die Materialschwierigkeiten, Materiallieferungen schlechter Qualität sowie ungenügende Planauflagen eine Rolle.
Diese Mängel beeinflussen nicht nur den planmäßigen Produktionsablauf, sondern beeinträchtigen auch die Stimmung in den Betrieben.
Zum Beispiel mangelt es in der Flockenfabrik Karstädt,13 [Bezirk] Schwerin, an Rohstoffen, wodurch die Belegschaft nicht immer voll beschäftigt werden kann. Es entstehen Diskussionen wie z. B.: »Man sieht, dass die DDR bald Pleite macht, nicht einmal Hafer gibt es genügend.«
Des Weiteren fehlt es im VEB Streichgarnspinnerei Rodewisch, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, an Rohstoffen; im VEB Strickwarenfabrik Treuen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, an Feingarnen; im VEB Reifenwerk Finsterwalde an Kautschuk; im VEB IKA Worbis, [Bezirk] Erfurt, an Zinkband; in der Abt. Stahlbau des Stahlwerkes Riesa an 4 mm Elektroden und in der Bau-Union Leipzig an feinem Stabstahl.
Im letztgenannten Betrieb besteht die Gefahr, dass durch diesen Materialmangel 1 000 bis 1 200 Kollegen in den nächsten Wochen nicht produktiv beschäftigt werden können.
Dem VEB Schamottewerk Wetro, [Kreis] Bautzen, müssen vom BKW Knappenrode laut Vertrag täglich 40 t Brikett geliefert werden.
Seit dem 15.5.1955 blieben die Lieferungen aus, sodass sämtliche Kohlenvorräte aufgebraucht sind. Da der Betrieb Exportaufträge zu erfüllen hat, muss schnellstens Abhilfe geschaffen werden.
Im VEB Sperrholzwerk Gernrode, [Bezirk] Erfurt, wird über die schlechte Qualität der Kettensägen (Motorsägen) geklagt. Zum Beispiel sind zurzeit alle sechs Kettensägen in Reparatur; zum Teil sind die Motore durchgebrannt.
Im VEB Kranbau Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, besteht eine ungenügende Planauflage. Die Aufträge von über zehn Millionen wurden auf sechs Millionen reduziert.
Das Gleiche trifft auch auf das Lehrwerk des Kranbaues zu.
Zum Beispiel verfügt die Abt. Stahlbau im Monat Juni über eine Kapazität von 4 400 Stunden und ausgelastet wird die Abteilung aber nur mit 400 Stunden.
Das Schwefelsäurewerk Coswig, [Bezirk] Halle, erhielt im Jahre 1954 vom zuständigen Ministerium die Anweisung, die Eisensulfat-Produktion zu erweitern. Dieser Anweisung kam der Betrieb nach und es wurde ein Kredit von 10 000 DM aufgenommen.
Im Jahre 1955 kam vom gleichen Ministerium die Anweisung, die Produktion aufgrund von Absatzschwierigkeiten wiedereinzustellen.
Am 17.5.1955 fiel im VEB Kombinat Böhlen, [Bezirk] Leipzig, der Kessel I aus. Ursache: Überhitzung. Schaden: Ausfall von 2 700 cbm Dampf.
Im VEB Zellstoff Trebsen, [Bezirk] Leipzig, fiel am 17.5.1955 durch einen Rohrreißer ebenfalls ein Kessel aus. Produktionsausfall ca. 50 t = 26 400 DM.
Da der VEB »Heinrich Rau« Schwermaschinenbau Wildau, [Bezirk] Potsdam, am 17.5.[1955], 16.45 Uhr, zu schwachen Strom hatte, mussten die Presswasserstation und die Kompressoranlagen abgeschaltet werden. Die Schmiede stand ebenfalls still. Die Ursache liegt in einer Fehlerquelle des Umspannwerkes Babelsberg.
Im VEB Kabelwerk Meißen, [Bezirk] Dresden, wurden in der vergangenen Woche zweimal der Bleimantel bei den angefertigten Kabeln mit einem scharfen Gegenstand eingeschnitten. Des Weiteren wurde in diesem Betrieb auf der Mischwalze im Kunststoffsaal ein Klumpen Zement gefunden und in dem Behälter, in dem sich Isoliermasse befand, waren Kupferspäne. Dies wurde rechtzeitig bemerkt, sodass ein größerer Produktionsausfall verhindert wurde.
Am 17.5.1955 wurde festgestellt, dass in dem Zeitraum vom 13.5.[1955], 14.00 Uhr bis 17.5.[1955], 6.00 Uhr, von unbekannten Tätern in die Staucherfettbüchsen einer Betonmischmaschine der Bau-Union Karl-Marx-Stadt, Einsatzort Schneeberg, Straße des Friedens, Sand gestreut worden ist.
Auf der Feldstrecke 150 – Aue – standen Hunte14 mit Sand beladen. In den Sand war ein Hakenkreuz eingezeichnet, mit Zement gefüllt und mit Wasser übergossen worden.
Im Schacht 250 – Aue – wurde auf ein Unfallschutzplakat der Spruch: »Schwarzes Brot15 und dünnes Bier,16 Grotewohl17 wir danken dir« angeschmiert.
Am 17.5.1955 wurde in der Karriere »IV. Parteitag« in Gera an ein Gebäude folgende Losung geschmiert: »Ruhm und Ehre den besiegbaren Streitkräften des Weltfriedenslagers.«
Im VEB Kirow-Werk Leipzig18 wurde an der FDJ-Wandzeitung, an der u. a. ein Bild mit einem Motorroller war, die Schmiererei angebracht: »Deutschlands größtes Blecherzeugnis.«
Im RAW Meiningen, [Bezirk] Suhl, wurde in einer Toilette die Hetzlosung: »Wir wollen nicht zur Volkspolizei, wir nehmen kein Gewehr in die Hand« angebracht.
Versorgung der Bevölkerung
Die Schwierigkeiten in der Belieferung mit HO-Margarine,19 die zum Teil auf die Kürzungen der Kontingente für das II. Quartal zurückzuführen sind, halten weiter an. In verschiedenen Fällen kommt es zu Schlangenbildungen und negativen Diskussionen, weil die Vorkaufsstellen den Bedarf der Bevölkerung durch die geringe Anlieferung von HO-Margarine nicht befriedigen können.
So erhielt z. B. die Konsumverkaufsstelle20 in Lauch, , [Kreis] Nebra, [Bezirk] Halle, sechs Pfund Margarine, wonach 30 Hausfrauen anstanden.
Auch im Kreis Perleberg, [Bezirk] Schwerin, gibt es in den Verkaufsstellen an mehreren Tagen in der Woche keine HO-Margarine.
Die Bevölkerung diskutiert dahingehend, dass es nicht richtig ist, wenn man nicht mal Margarine zu kaufen bekommt und dass jetzt wohl der von »Ulbricht21 ausgerufene Wohlstand22 am Ende des ersten Fünfjahrplanes«23 ausgebrochen sei.
Im Zusammenhang damit kommt es im Ölwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, zu folgender Diskussion: »Es ist doch eigentlich recht merkwürdig.
In der Stadt gibt es zurzeit keine Margarine und wenn es welche gibt, dann dauert es nicht lange, bis sie ausverkauft ist, während wir in unserem Betrieb genügend Öl vorrätig haben und in letzter Zeit so viel Erdnüsse erhielten, dass wir sämtliche Lagerräume voll haben. Außerdem liegen bei uns ca. 8 000 t Erdnüsse noch im Freien.«
In der Gemeinde Elstal, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, kursiert das Gerücht, dass in Zukunft die Margarine nur noch auf Marken verkauft wird und es keine mehr auf HO-Basis gibt. Aufgrund dieses Gerüchtes ist die Margarine auf HO-Basis im Konsum restlos ausverkauft.
Die Diskussionen über die neue Brotsorte haben keinen großen Umfang mehr.
Es werden aber überall noch verstärkt Weißbrot und Brötchen gekauft, sodass in verschiedenen Verkaufsstellen bis Mittag diese Waren restlos ausverkauft sind.
In Zeitz, [Bezirk] Halle, wurde festgestellt, dass bei privaten Bäckern helleres Brot als vorgesehen verkauft wird. Es wird vermutet, dass die Bäcker noch Bestände an weißem Mehl haben und diese jetzt mit verbacken. Aus diesem Grunde ist der Umsatz im Konsum zurückgegangen.
Beim VE-Versorgungs- und Lagerkontor24 der Lebensmittelindustrie Magdeburg wurden in den letzten zehn Tagen größere Mengen verdorbene Butter angeliefert. So lieferte der KG-Verband Kreis Osterburg am 6.3.1955 1 348,74 kg wertgeminderte Kochbutter an.
Nach Angaben des KG-Verbandes Osterburg stammt die Butter aus der Produktion der Molkerei Groß Rossau und war bereits nach acht Tagen, trotz sorgfältiger Lagerung in der Kühlzelle verdorben.
Bei der VEAB Belzig, [Bezirk] Potsdam, lagern zurzeit eine Mio. Eier, die nicht abgesetzt werden können. Mehrere Rücksprachen mit den Großhandelsbetrieben verliefen bisher erfolglos.
Im Bezirk Dresden sind bei den einzelnen VEAB-Eiererfassungsstellen ca. 4 Mio. Eier seit ca. drei Wochen vorhanden. Dieser Bestand ergab sich durch den erhöhten Anfall von Eiern, die nicht für die Einlagerungsaktion Verwendung finden und auch durch den ungenügenden Aufkauf durch die Handelsorgane nicht abgesetzt werden konnten.
Die Lage in der Landwirtschaft
Der Abschluss des Staatsvertrages mit Österreich findet unter dem fortschrittlichen Teil der Landbevölkerung großes Interesse, weil damit wieder die Hoffnung gegeben ist, dass auch in Deutschland endlich ein Friedensvertrag abgeschlossen wird.25 Dieser Wunsch kommt in den meisten Diskussionen zum Ausdruck. Den Hauptinhalt bildet immer wieder »Was für Österreich möglich war, muss auch für Deutschland möglich sein«.
Dabei wird auch herausgestellt, dass ein Friedensvertrag mit Deutschland die internationalen Spannungen wesentlich herabmindern würde und dass die SU wieder einmal bewiesen hat, wie ernst sie es mit der Erhaltung des Friedens in Europa meint.
Zum Beispiel sagte ein Landwirt aus Silberhausen, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt: »Was in Österreich möglich ist, müsste auch in Deutschland verwirklicht werden. Hier hat es sich deutlich erwiesen, dass die SU ein Fechter um die Erhaltung des Friedens und der Herstellung der Einheit Deutschlands und Österreichs war.«
Ein Bürger aus der Gemeinde Posdorf, [Kreis] Wittenberg, [Bezirk] Halle: »Der Staatsvertrag mit Österreich ist ein gewaltiger Sieg für das österreichische Volk. Die gesamte Bevölkerung ist freudig erregt und feiert den Abschluss dieses Vertrages. Wenn wir in Deutschland einen solchen Vertrag abschließen könnten, dann wäre die internationale Spannung behoben und es würde keinen Krieg geben.«
In den Diskussionen zur Warschauer Konferenz, die vorwiegend von Genossenschaftsbauern, Arbeitern der MTS und werktätigen Einzelbauern geführt werden, kommt vor allem zum Ausdruck, dass diese Konferenz zu begrüßen ist, und dass die Beschlüsse, die dort gefasst wurden dazu beitragen, den Frieden zu sichern.
Ein Bürger aus Obergruna, [Kreis] Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte z. B.: »Die Warschauer Konferenz zeigt uns ganz klar, dass die Friedenskräfte stärker sind als die Amerikaner. Wenn jetzt der Ami noch mit einem Krieg droht, da braucht uns nicht Angst zu sein, denn die DDR steht nicht mehr allein da.«
Hervorgehoben wird auch, dass sich die SU mit ihren Abrüstungsvorschlägen die Sympathien aller friedliebenden Menschen erworben hat.
Ein Buchhalter aus dem VEG Storkau, [Kreis] Weißenfels, [Bezirk] Halle, sagte dazu: »Ich begrüße die Maßnahmen der Warschauer Konferenz zur Verteidigung des Friedenslagers und ich begrüße auch die Vorschläge der Sowjetregierung abzurüsten und die Massenvernichtungswaffen zu verbieten. Diese Vorschläge werden der SU die Sympathie aller friedliebenden Menschen einbringen.«
Dass der politischen Erziehungsarbeit der Landbevölkerung noch immer nicht genügend Beachtung geschenkt wird, beweisen immer wieder Beispiele, wo Bauern auf Befragen nach bestimmten politischen Problemen keine Antwort geben, weil sie davon nichts wissen.
In verschiedenen Fällen stehen die Bauern dem Tagesgeschehen interessenlos gegenüber und beschäftigen sich nur mit wirtschaftlichen Fragen.
Zum Beispiel erklärte ein Bauer aus Audenhain, [Kreis] Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, als er in Bezug auf die Warschauer Konferenz angesprochen wurde: »Hat denn so eine Konferenz stattgefunden, was wird denn dort wieder ausgeheckt?«
Wie schon des Öfteren berichtet wurde, ist die Haltung der Landjugend zur KVP-Werbung ähnlich der Haltung der Jugendlichen in der Industrie. Die Gründe der Ablehnung sind verschiedener Art; vor allem persönliche Belange und pazifistische Tendenzen, weniger negative Einstellungen.
Auf Widerstand stößt die KVP-Werbung in der Landwirtschaft immer wieder bei der Einstellung vieler Bauern, man könne es sich nicht leisten, aus der Landwirtschaft für die KVP Kräfte abzuziehen, da sowieso schon ein großer Arbeitskräftemangel bestünde und die Bauern nicht wüssten, wer das Feld bestellen soll.
Auf häufigsten taucht diese Meinung unter Groß- und Mittelbauern auf, deren Söhne zwecks Werbung in die KVP angesprochen werden.
In verschiedenen MTS ist der vollständige Einsatz und die Auslastung der Maschinen aufgrund von Materialmangel, bzw. nicht einwandfreien Ersatzteilen nicht gewährleistet. Des Öfteren kommen Maschinen von der Reparatur, die nur wenige Stunden einsatzfähig sind und danach wieder ausfallen. Das ist besonders darauf zurückzuführen, dass in verschiedenen Fällen minderwertiges oder nicht dazu passendes Material für bestimmte Ersatzteile verwendet wird, was sich in kurzer Zeit abnutzt.
So fiel z. B. in der MTS Großzössen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, der Motor eines »Pionier«,26 welcher vom Motorenwerk Erfurt überholt wurde, nach vierstündiger Betriebszeit aufgrund der Abnutzung des Aluminiumlagers wieder aus. Der technische Leiter des Motorenwerkes erklärte, dass diese Lager noch nicht eingehend auf ihre Gebrauchsfähigkeit überprüft wurden.
Solche Erscheinungen treten noch in verschiedenen anderen Fällen auf.
Bei dem Ersatzteilmangel handelt es sich um die verschiedensten Artikel.
So fehlen z. B. in der MTS Spezialwerkstatt Halle Kolbenringe für die sowjetischen Lkw, sodass 18 Lkw nicht fertig repariert werden können. Auch fehlen dort Kugellager 51 110 für RS 15,27 wodurch zwölf Traktoren nicht repariert werden können.
Zum andern fehlen Muttern, Schrauben, Raupenketten, Getriebeteile usw.
Der Mangel an Saatkartoffeln ist immer noch nicht überall restlos beseitigt.
So fehlen im Kreis Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, noch 110 t. Obwohl die Aufkaufgenehmigung vom Rat des Bezirkes Schwerin über 300 t Saatkartoffeln für den Aufkauf im Kreis Perleberg vorliegt, weigert sich der Rat des Kreises Perleberg, die Kartoffeln auszuliefern.
Aus dem Bezirk Schwerin wird andererseits berichtet, dass in der Gemeinde Kribbe, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, noch ca. 200 Zentner Kartoffeln fehlen.
Im Kreis Grimma, [Bezirk] Leipzig, besteht noch ein Bedarf von 100 t, in den LPG Trebnitz; Edlau, Könnern, Ilbesdorf und Lebensdorf, [Kreis] Bernburg, [Bezirk] Halle, von 380 dz.
Im Bezirk Schwerin wird das termingerechte Auslegen der Saatkartoffeln von einigen MTS nicht eingehalten. Das liegt einmal daran, dass eine 100%ige Auslastung der Traktoren im zwei Schichtensystem nicht erfolgt, und zum anderen, dass die Kartoffellegmaschinen des Öfteren durch Materialschäden ausfallen. Zum Beispiel hat die MTS Mestlin, [Kreis] Parchim, ein Pflanzsoll von 800 ha Kartoffeln, wovon sie bisher nur 157 ha gepflanzt hat. Beim Einsatz der Kartoffellegemaschine stellte sich heraus, dass das Sieb die Kartoffeln zu flach in die Erde legt.
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:
In der LPG Meyenburg, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, wurde der Bestand von 80 Schweinen notgeschlachtet.
Bei einem Mittelbauern in Remsa, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, wurde der Bestand von 20 Schweinen notgeschlachtet.
Im VEG Paretz, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, bestand seit Januar 1955 der Verdacht auf Schweinepest. Eine Untersuchung auf der Insel Riems28 ergab jetzt, dass die Schweine wohl selbst gesund, aber Träger von Schweinepestbazillen sind. Aus diesem Grund muss der Bestand von 409 Schweinen laut Anordnung des Tierarztes im Laufe des Jahre abgeschlachtet werden.
Im VEG Großlangerwisch, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, sind in den letzten vier Wochen ca. 350 bis 400 Ferkel eingegangen. Anfangs verendeten die Ferkel vier bis sechs Wochen nach der Geburt, jetzt verenden sie gleich danach oder werden schon tot geboren. Die Zuchtsauen zeigen ebenfalls Krankheitserscheinungen; der Kreistierarzt und der Bezirkstierarzt konnten die Ursache bisher nicht feststellen.
Einschätzung der Situation
Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert.
Anlage 1 vom 20. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2451
Stimmung der übrigen Bevölkerung zur Warschauer Konferenz und zum Abschluss des Österreicher Staatsvertrages
Über die Warschauer Konferenz wird unter der übrigen Bevölkerung wenig diskutiert. Meist äußern sich fortschrittliche Verwaltungsangestellte, weniger Hausfrauen und Rentner. Demzufolge sind die Gespräche meist positiv.
Der Warschauer Vertrag wird meist begrüßt. Dabei bringt man zum Ausdruck, dass uns die Warschauer Konferenz neue Kraft im Kampf um die Erhaltung des Friedens gibt. Man äußert auch, dass die Westmächte gar keinen Frieden wollen, da sie einen neuen Weltkrieg vorbereiten. In diesem Zusammenhang spricht man auch davon, dass die Westmächte an der Kraft der Arbeiter und Bauern zu Grunde gehen werden.
Weiter wird begrüßt, dass die Regierungen des Friedenslagers nicht gewillt sind, ihre Länder vom Westen zerstören zu lassen. Deshalb freut man sich, dass gemeinsame Maßnahmen getroffen werden, um unsere Länder gegen die Aggressionsabsichten der Westmächte zu schützen.
Ein Gaststättenleiter der HO aus Frankfurt äußerte z. B.: »In Westdeutschland will man die Jahrgänge 1921 bis 25 einziehen. Ich bin der Meinung, dass man jetzt in unserer Republik auch Maßnahmen treffen muss, um nicht im Falle einer Aggression mit leeren Händen dastehen zu müssen.«
Nur ganz vereinzelt äußert man sich negativ zur Warschauer Konferenz und zu den Abrüstungsvorschlägen der Sowjet-Union, wobei der Einfluss der Westpropaganda ersichtlich wird.
So sagte z. B. ein Arbeiter aus der Gemeinde Braunsdorf, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Was auf der Konferenz zustande gekommen ist, das ist nur eine östliche NATO und hat das gleiche Ziel, wie die NATO in Westdeutschland.«
Ein Mitglied der LDPD aus Strausberg, [Bezirk] Potsdam, äußerte zu den sowjetischen Abrüstungsvorschlägen: »Warum jetzt die Vorschläge zur Abrüstung, wenn wir aufrüsten. Unter Aufrüstung verstehe ich, die Verstärkung der VP in der DDR.«
Im Zusammenhang mit der Unterzeichnung des Staatsvertrages in Österreich wird besonders über die Deutschlandfrage diskutiert. Meist äußern sich Verwaltungsangestellte und Hausfrauen, weniger Rentner – und überwiegend positiv.
Man diskutiert in der Form, dass die SU mit dem Staatsvertrag in Österreich der ganzen Welt bewiesen hat, dass es schnell zu einer Einigung kommen kann, wenn der gute Wille da ist. In Westdeutschland könnte es genauso schnell gehen, wenn die westdeutsche Bevölkerung sich aktiv dafür einsetzen würde.
So äußerte z. B. eine Angestellte beim Rat des Kreises Stadtroda: »Durch den Abschluss des Staatsvertrages mit Österreich ist die Hoffnung auf die Einheit Deutschlands und den Abschluss eines Friedensvertrages gestärkt worden. Was in Österreich möglich ist, muss doch in Deutschland ebenfalls möglich sein.«
Es wird auch betont, dass der Staatsvertrag mit Österreich als schwerer Schlag gegen die amerikanische Kriegspolitik zu werten ist, da sie nun Österreich nicht als Aufmarschgebiet gegen die Sowjet-Union benutzen können.
Hierzu folgendes Beispiel:
Ein Friseurgehilfe (parteilos) aus Grevesmühlen, [Bezirk] Rostock, erklärte: »Ich glaube, dass der österreichische Staatsvertrag ein anständiger Schlag für die Amerikaner ist, denn wenn Österreich neutral bleibt, so wird Amerika eine Aufmarschbasis gegen »Russland« weniger haben. Ich bin der Meinung, dass sich die vier Großmächte bald über das Deutschlandproblem einig werden müssen, denn lange genug dauert die Spaltung Deutschlands schon.«