Zur Beurteilung der Situation in der DDR
27. Mai 1955
Informationsdienst Nr. 2453 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
In den Diskussionen über die gegenwärtigen politischen Probleme, wie z. B. Warschauer Vertrag,1 Abrüstungsvorschläge2 der SU und Abschluss des Staatsvertrages mit Österreich,3 treten keine neuen Momente auf. Da die Stellungnahmen vorwiegend von fortschrittlichen Kräften stammen, sind sie nach wie vor in der Mehrzahl positiv.
Die in geringem Maße in Erscheinung tretenden negativen Äußerungen zeigen meist eine ablehnende Haltung, einmal gegenüber der DDR und besonders gegenüber der SU und eine Parteinahme für den Westen.
Weiterhin werden vielfach die Gespräche der Werktätigen von den Verteidigungsmaßnahmen,4 ganz besonders von der KVP-Werbung5 bestimmt. In den Betrieben, wo die Aufklärung gut ist und die Werbung richtig durchgeführt wird, zeigt sich auch meist Erfolg. Zum Beispiel:
Im VEB Landmaschinenbau Torgau, [Bezirk] Leipzig, wurde durch eine intensive Aufklärungsarbeit ein Durchbruch in der KVP-Werbung erzielt. Innerhalb der letzten Tage meldeten sich 15 Jugendliche freiwillig.
Im BKW Spreetal, [Kreis] Spremberg, besteht eine gute Zusammenarbeit zwischen der Werbekommission und der Partei. Dadurch konnten bis jetzt 42 Kollegen für den Beitritt zur KVP gewonnen werden.
Im Allgemeinen ist aber die Ablehnung der Jugendlichen noch immer groß und vor allem von dem Argument bestimmt, nicht freiwillig zur KVP zu gehen, sondern nur wenn es Pflicht ist. Die angegebenen Gründe sind immer wieder die gleichen und wurden schon des Öfteren erwähnt.
Mitunter werden auch die Jugendlichen von den älteren Kollegen beeinflusst, die den Jugendlichen abraten, zur KVP zu gehen.
Vereinzelt tritt in letzter Zeit in Erscheinung, dass Jugendliche mit dem Argument kommen »wenn sie mit der Werbung nicht in Ruhe gelassen werden, wollen sie nach dem Westen gehen«.
Zum Teil wurde dies bereits in die Tat umgesetzt. Wie z. B. in der Roßlauer Schiffswerft [Bezirk] Halle. Dort setzten sich in den letzten Tagen acht Jugendliche nach dem Westen ab.
Die Jugendlichen wurden, obwohl sie abgelehnt hatten, mehrmals angesprochen und zur Registrierabteilung bestellt.
Im Elektromotorenwerk Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, setzten sich ebenfalls Jugendliche, die von der Werbekommission angesprochen wurden, nach dem Westen ab. Dies trat besonders in der Abteilung Werkzeugmacherei auf. Die Werbung wurde zunächst eingestellt, um zu verhindern, dass sich weitere Fachkräfte absetzen.
Auch im Stahlwerk Brandenburg wurden einige Jugendliche republikflüchtig.
Ein Jugendlicher aus dem Feinstrumpfwerk Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Wenn man mich für die KVP gewinnen will, so gehe ich nicht und wenn man mich dazu zwingen will, setze ich mich sofort nach dem Westen ab.«
Aus diesem Werk wurde bereits ein Jungingenieur republikflüchtig.
So wie in vielen Industrie- und Verkehrsbetrieben geht auch die KVP-Werbung im Wismut-Gebiet6 schleppend vor sich. Zum Beispiel musste der gestellte Termin, bis zum 15.5.1955 drei Regimenter zu werben, verlängert werden. Um das Geplante zu realisieren, wurden am 20.5.1955 sämtliche Schüler der Gebiets- und Kreisparteischule der Wismut zur Aufklärung und Werbung in die einzelnen Arbeitsgebiete geschickt.
Gegenwärtig liegt der Stand der Werbung bei 16,2 %.
Auch bei den Jugendlichen des Wismut-Gebietes spielen bei der Ablehnung persönliche Belange, besonders der Verdienst, eine Rolle.
Mitunter nehmen sich die parteilosen Jugendlichen Genossen, die sich ebenfalls ablehnend verhalten, zum »Vorbild«.
Zum Beispiel lehnten im Feinstrumpfwerk Karl-Marx-Stadt acht Jugendliche ab, zur KVP zu gehen, da sich ein Genosse ebenfalls geweigert hatte, die Reihen der KVP zu verstärken.
Im VEB Kraftwerk »Dimitroff« Leipzig7 lehnen fast alle Jugendlichen den Beitritt zur KVP ab. Selbst der FDJ-Sekretär nimmt eine negative Haltung dazu ein. Er sagte: »Wenn der Eintritt in die KVP freiwillig ist, so kann mich auch niemand zwingen dahin zu gehen. Ich habe keine Lust dazu.«
Ähnlich wie bei der KVP-Werbung sieht es auch bei der Stärkung der Kampfgruppen8 aus. Mitunter treten die Arbeiter bei und nehmen aber nicht an der Ausbildung teil, die nach ihrer Meinung einen »Drill« darstellt, den sie ablehnen.
Zum Beispiel waren im Werk Deutzen,9 [Bezirk] Leipzig, von 170 Kampfgruppen-Mitgliedern nur zwei zur Übungsstunde erschienen. Dies lag auch mit daran, dass der Ausbilder ungeeignet ist.
In den Betrieben des Kreises Borna, [Bezirk] Leipzig, liegt die Zahl der Teilnehmer an den Übungsstunden durchschnittlich bei 40 bis 50 %.
Im Geräte- und Reglerwerk »Askania« in Brieselang, [Bezirk] Potsdam, wurde in einer Versammlung mit den leitenden Wirtschaftsfunktionären die Bildung von Kampfgruppen behandelt. Nach einem kurzen Referat wurden die anwesenden Kollegen um ihre Stellungnahme gebeten. Da sich keiner zu Wort meldete, wurden sie einzeln angesprochen. Dabei zeigte sich eine allgemeine Ablehnung.
Zum Beispiel erklärte dies der Leiter der Abteilung Technologie. Ein Meister äußerte: »Für mich kommt die Kampfgruppe nicht infrage, ich mache meine Arbeit und sonst nichts.«
Ein Ingenieur: »Ich lehne die Kampfgruppen deshalb ab, weil sie sich nachteilig bei der Herstellung der Einheit Deutschlands auswirken.«
Der BGL-Vorsitzende (Ingenieur) lehnte ebenfalls ab, ohne eine Begründung zu geben.
Ein Technologe: »Bei Hitler hat es auch so angefangen. Dies mache ich ein zweites Mal nicht mit.«
In den letzten Tagen wird in den Betrieben vielfach über die gegenwärtige Versorgungslage, insbesondere über den Mangel an HO-Butter10 und HO-Margarine, gesprochen. Aufgrund der darüber herrschenden Verärgerung verlaufen die Gespräche fast ausschließlich negativ.
Im Karl-Marx-Werk Babelsberg,11 [Bezirk] Potsdam, besteht unter der Belegschaft über die mangelnde Versorgung mit Margarine Unzufriedenheit.
Wenn im Betrieb eine Lieferung erfolgt, so beträgt sie nur 30 bis 40 Pfund. Dabei tritt meist der Umstand ein, dass die Angestellten der Verwaltung die ersten in der Verkaufsstelle sind und für die Produktionsarbeiter bleibt nichts übrig. Es werden dadurch Diskussionen ausgelöst wie z. B. »Solche Zustände nach zehn Jahren Kriegsende und im letzten Jahr des 5-Jahrplanes12 dürfte es nicht geben«.
Unzufriedenheit besteht auch unter einem Teil der Kollegen des Leuna-Werkes. Im VEB Rathenower13 Optische Werke und im Kunstseidenwerk Premnitz, [Bezirk] Potsdam, wo überwiegend Frauen beschäftigt sind, hat sich die Stimmung bedeutend verschlechtert. Es kommt zu Äußerungen wie z. B. »Die Ernährungslage ist jetzt wieder wie in den Jahren 1946/47«.
Auch im Eilenburger Zelluloid-Werk, VEB Kirow-Werk Leipzig,14 VEB Galvanotechnik Leipzig und VEB Kammgarnspinnerei Leipzig wird besonders von den Kolleginnen sehr stark über den Mangel an HO-Butter und Margarine diskutiert. Vielfach wird geäußert: »Noch immer muss man zehn Jahre nach Kriegsende nach den wichtigsten Lebensmitteln Schlange stehen.«
Im VEB Soda-Werken »Karl Marx« in Bernburg, [Bezirk] Halle, werden Diskussionen geführt wie z. B.: »Die schicken wahrscheinlich die Margarine nach Erfurt für das V. Parlament der FDJ.15 Die Hauptsache, die haben dort was zu fressen, der Kumpel braucht ja nichts.«
Ein Arbeiter (parteilos) aus der Molkerei Großenhain, [Bezirk] Dresden: »Ich kann nicht verstehen, dass es mit allem so knapp ist. Es wird doch von den Bauern täglich so viel abgeliefert und in der HO gibt es keine Butter zu kaufen. Das kann nur Sabotage sein.«
Die Arbeiter der Margarinefabrik »Milka« Halle16 bringen zum Ausdruck, dass sie nicht verstehen können, dass es im Handel keine Margarine gibt, wo doch bei ihnen im Werk alle Lager voll sind.
Im VEB Öl- und Fettwerke Magdeburg wurde ab 26.5.1955 die Produktion um ca. 25 t für Margarine pro Tag erhöht. Die Margarine Abteilung arbeitet ab sofort wieder in drei Schichten.
Vereinzelt versuchen feindliche Elemente, diese Situation zur Hetze gegen die DDR zu benutzen. Auch kommt es in diesem Zusammenhang zu Erwähnungen des 17. Juni.17
Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus der Bau-Union Magdeburg: »Die Unzufriedenheit unter den Arbeitern ist sehr groß. Die Lebensmittel werden immer knapper. Es besteht die Möglichkeit der Wiederholung des 17. Juni, aber dann würden alle mitgehen.«
Ein Kollege vom Baugeschäft Kutsche,18 Sonderbaustab Wünsdorf, [Bezirk] Potsdam, äußerte: »So schwarz wie das Brot19 ist auch die Zukunft der DDR. Die Oben haben uns an die Russen verkauft. Was hatten am 17. Juni 1953 die Russen dabei zu suchen. Wären die nicht gewesen, wäre es heute anders.«
In der Halle 21 des VEB »Heinrich Rau« in Wildau,20 [Bezirk] Potsdam, wurden Stimmen laut wie z. B.: »Wenn nicht in Kürze Margarine zu erwarten ist, werden wir demonstrieren.«
Ein Arbeiter aus dem VEB IFA-Getriebewerk Leipzig: »Wenn die Verhältnisse weiter so bestehen bleiben, wird es bestimmt wieder zu einem Tag X21 kommen.« Des Weiteren verherrlichte er den Lebensstandard in Westdeutschland.
Immer wieder werden Beispiele von betrieblichen Unzulänglichkeiten aus unserer volkseigenen Industrie bekannt, die auf der einen Seite nicht zur Rentabilität beitragen und auf der anderen Seite negativ auf die Stimmung der Werktätigen einwirken.
Im VEB Präzision-Werkzeugfabrik Schmölln, [Bezirk] Leipzig, herrscht unter der Belegschaft eine Unzufriedenheit über folgenden Zustand:
Der Betrieb zählt nicht mehr als Großbetrieb, sondern nur noch als mittlerer Betrieb. Da die Planauflage reduziert wurde, machen sich innerhalb des Betriebes laufend Umgruppierungen von Arbeitskräften notwendig.
Die Arbeiter sind im Allgemeinen sehr an ihrem Betrieb interessiert und deshalb über diese Lage verärgert. Dadurch kommt es zu Äußerungen wie z. B.: »Wir können nicht verstehen, wie die Schwerindustrie ohne die von uns produzierten Werkzeuge weiterentwickelt werden kann.« Und: »Entweder ist hier einer, der die Sache sabotiert, oder die da oben sind zu dumm dazu.«
Der VEB Yachtwerft Köpenick/Berlin erfüllt schon seit Jahren den Finanzplan nicht. Obwohl der Betrieb schon als Zuschussbetrieb gilt, sind gerade in letzter Zeit noch beträchtliche außerplanmäßige Verluste eingetreten. Unter anderem sind die Gründe der Unrentabilität folgende:
Im Betrieb wurde jetzt der zwölfte Betriebsleiter eingesetzt, alle vorhergehenden wurden wegen Unfähigkeit abgelöst.
Das zahlenmäßige Verhältnis der Angestellten zu den Arbeitern ist nicht gerechtfertigt.
Die einzelnen Werkteile liegen sehr weit auseinander und dies bedingt, dass beträchtliche Verwaltungs- und Transportkosten entstehen.
Die Normen sind zum Teil völlig unreal.
Durch die Auftraggeber (vor allem VP-See) werden des Öfteren während des Baues der Schiffe Konstruktionsänderungen verlangt. Dadurch wird der planmäßige Produktionsablauf gestört und es müssen Wartestunden geschrieben werden.
So sind beispielsweise im Monat Februar 1955 1 000 Wartestunden entstanden. Seit Beginn des Jahres 1955 wurden 170 Konstruktionsänderungen vorgenommen.
Im VEB Funkwerk Köpenick wurde kürzlich der Betriebsleiter abgelöst. Von den Kollegen wird die Begründung der Partei, dass dies aus gesundheitlichen Gründen geschah, angezweifelt und es wird die Meinung vertreten: »Die Partei soll uns die Wahrheit sagen. Wir wissen genau, dass der Betriebsleiter einen großen Teil Schuld an dem schlechten Produktionsablauf trägt.« Über die betrieblichen Schwierigkeiten werden in diesem Betrieb viele Diskussionen geführt und von negativen Elementen wird geäußert: »Das Einzige, was im Betrieb läuft, ist die Wasserleitung und das Einzige, was klappt, sind die Türen.«
Auf der Baustelle Stafehl,22 [Kreis] Bergen, des VEB Bau Stralsund herrscht unter der Belegschaft (70 Mann) eine starke Unzufriedenheit. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Baustelle sehr abgelegen ist, ein Mangel an Waschwasser besteht, keine Zeitungen zu bekommen sind, kein Radio zur Verfügung steht sowie die kulturelle Betreuung vollkommen fehlt. Die Kollegen, von denen nur zwei im FDGB organisiert sind, arbeiten fast immer den Sonnabend im Voraus, damit sie einen Tag länger zu Hause sein können. Die Bauarbeiter sind aber der Meinung, dass sie trotzdem ihre Auslösung für Sonnabend und Sonntag bekommen müssten.
Aufgrund dieser Forderung und der allgemeinen schlechten Stimmung kamen einige Funktionäre des FDGB auf die Baustelle, um mit den Kollegen zu sprechen. Sie stellten aber fest, »dass mit den Arbeitern nicht zu diskutieren ist«.
Fragen der Intelligenz
Aus dem Kreis Potsdam wurde bekannt, dass beim Rat des Kreises ein Technologe, der am 12.5.1955 aus der SU zurückkehrte, um eine Umzugsgenehmigung nach Westberlin nachgesucht hat. Als Begründung hat er angeführt, dass man ihm in der DDR keine befriedigende Arbeit nachgewiesen habe. Des Weiteren gab er an, dass er bis 1944 bei Zeiß in Berlin-Friedenau23 tätig war und ihm dieser Betrieb eine sofortige Einstellung zugesichert habe. (Um dies zu verhindern, wurden entsprechende Maßnahmen eingeleitet.)
Bei den betrieblichen Schwierigkeiten ist es auch bei dieser Berichtsperiode vorwiegend Materialmangel, der den planmäßigen Produktionsablauf beeinträchtigt. Zum Beispiel fehlen:
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in der Peenewerft in Wolgast (Propeller für Küstenmotorschiffe);
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VEB Galvanotechnik Leipzig (Borsäure);
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VEB Filterwerk Meißen, [Bezirk] Dresden, (Kieselgur) und
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VEB Wittstocker Holzindustrie (Öle und Farben).
Im VEB Zeiss Eisfeld, [Bezirk] Suhl, wurden zurzeit 5 000 Stück Kameras abmontiert, da festgestellt wurde, dass die Filmspulen nicht einwandfrei arbeiten.
Des Weiteren lagern in dem Betrieb 500 Kameras, die von Käufern reklamiert wurden. Das Zeiß-Werk Jena, Nebenstelle Saalfeld, welches die Objektive liefert, liefert dem Betrieb ca. 50 % Ausschuss.
Der VEB Nickelhütte in Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hat einen Exportauftrag für Belgien von 90 t Cupral24 im Werte von 87 000 Dollar vorliegen.
Trotzdem von dem DIA die Ausfuhrgenehmigung vorliegt, wird die Auslieferung von den verantwortlichen Kollegen der Absatz-Abteilung Schwerindustrie-Metallurgie V Berlin, mit der Begründung verzögert, dass Belgien eventuell aus diesem Cupral Reinkupfer gewinnen könnte.
Produktionsstörungen
Im Bau A/44 des Buna-Werkes Halle entstand eine Explosion, wobei eine Kollegin leicht und eine andere schwerverletzt wurde. Des Weiteren entstand ein Schaden von 25 000 DM.
Am 23.5.1955 erfolgte im VEB Braunkohlenwerk Rositz, [Bezirk] Leipzig, eine Kohlenstaub-Verpuffung. Dadurch wurde der gesamte Betrieb von 11.40 bis 22.00 Uhr stillgelegt. Ursache: Vermutlich Selbstentzündung. Produktionsausfall: 800 t Brikett.
In der Nacht zum 25.5.1955 erhielt die Ventilatoren-Wärterin (Untertage) des Schachtes – 31 – Johanngeorgenstadt einen anonymen Anruf. Dies erfolgte, um sie von ihrem Arbeitsplatz abzurufen und dadurch sollte die Möglichkeit der Ausübung einer Feindtätigkeit gegeben werden.
Der VEB Schuhfabrik in Seifhennersdorf, [Bezirk] Dresden, erhielt vom VEB Gummiwerk Schönebeck/Elbe Formsohlen- und Porokrepp-Schnittmaterial,25 in welchem Fremdkörper verschiedener Art eingewalzt waren. Dadurch wurden die Stanz- und Schneidewerkzeuge beschädigt.
Im VEB Sachsenwerk Niedersedlitz, [Bezirk] Dresden, befanden sich in einer Sendung Erbsen für die Werksküche, von der DHZ26 Dresden geliefert, Glasscherben, Nägel und andere Fremdkörper.
Im VEB Stahlbau Niesky wurde das Gerücht verbreitet, dass vor der HO-Görlitz am 24.5.1955 demonstriert worden sei, aufgrund der schlechten Belieferung mit HO-Butter und Margarine.
In einer Herrentoilette im VEB Regler- und Gerätewerk Teltow, [Bezirk] Potsdam, wurde »KVP – nee« angeschmiert.
In einer Frauentoilette des Stahlwerkes Riesa und in einer Männer-Toilette im Rohrwerk II wurden Hetzlosungen angeschmiert.
Versorgung der Bevölkerung
Die Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit HO-Margarine halten weiter an. Immer wieder werden Beispiele bekannt, wo Hausfrauen nach Margarine Schlange stehen und wo es zu Ausschreitungen dabei kommt. Verschiedentlich treten auch wieder Angsteinkäufe auf.
So wurde z. B. eine Konsumverkaufsstelle27 in Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, mit zehn Pfund Margarine beliefert, wonach 70 Personen anstanden.
In Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, wurde in einer Verkaufsstelle an alle Personen ein halbes Pfund Margarine ausgegeben. Beim Verkauf kam es unter den anstehenden Personen zu Tätlichkeiten.
Der Gemeinde Puttlitz, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, wurden in den letzten Tagen so wenige Mengen Margarine angeliefert, dass der größte Teil der anstehenden Personen nichts abbekam. Dabei kam es vor, dass sich zwei Frauen um das letzte halbe Pfund schlugen.
Solche Erscheinungen, wie in obigen Beispielen angeführt, treten in allen Bezirken mehr oder weniger auf.
In den Diskussionen bringen die Hausfrauen zum Ausdruck, dass zehn Jahre nach Kriegsende solche Sachen nicht mehr vorkommen dürften. Immer wieder wird auch erklärt, dass es verwunderlich sei, wenn gerade immer so kurz vor den Festen solche Erscheinungen auftreten, denn vor Ostern sei dasselbe gewesen.
Am 25.5.1955 standen vor einem Kolonialwaren-Geschäft (Privat) 30 Frauen, die alle Margarine haben wollten. Die Hälfte der anwesenden Frauen bekam jedoch keine. Dies rief eine negative Diskussion hervor. Sie sagten u. a.: »Gerade jetzt zu den Pfingstfeiertagen schafft man es nicht, bei uns die Bevölkerung mit Margarine zu versorgen. Wir sind ja bloß gespannt, wie das so weitergehen wird.«
Von negativ, bzw. feindlich eingestellten Personen wird wiederholt auf einen 17. Juni hingewiesen und erklärt, dass es wieder so schlecht wie damals sei.
So sagte ein Vertreter in Sortimentsartikeln (Genosse) beim GHK in Leipzig: »Die augenblickliche Stimmung der Bevölkerung ist wieder einmal katastrophal, hervorgerufen durch den Mangel der aller wichtigsten Nahrungsmittel wie Margarine, Butter, Fett, Marmelade. Weiterhin gibt es auch keinen schwarzen Tee zu kaufen. Wenn man in den Schlangen steht, kann man die wahre Meinung hören. Es wird geäußert, dass wohl wieder ein 17.6. kommen muss, um die Dinge zu verändern.«
In Torgau bildeten sich in den letzten Tagen des Öfteren vor den Geschäften größere Schlangen, da immer schon vorher bekannt war, zu welcher Zeit Margarine eintrifft. Es wurde dort immer wieder geäußert: »Muss es denn erst wieder so weit kommen, wie am 17.6.«
Bei dem Großhandelskontor28 – Lebensmittel in Halle lagern 177 hl Likör und dazu sollen noch 70 hl Likör von dem VEB Likörfabrik Zeitz übernommen werden. Das Großhandelskontor darf aber nur an Gaststätten ausliefern. Dadurch liegen 177 000 DM fest, und zum »Tag des Bergmannes«,29 sowie auch zu Pfingsten ist kein Likör in den Geschäften zu haben.
Die Lage in der Landwirtschaft
Die Diskussionen zu den aktuellen Tagesfragen, wie Warschauer Konferenz, Abrüstungsvorschläge der SU usw. nehmen keinen großen Raum ein und werden zurzeit auch in der Landwirtschaft vielfach durch Diskussionen über die Versorgungslage verdrängt.
Gegenwärtig herrschen, speziell unter den Hausfrauen, wie auch unter der übrigen Bevölkerung, Diskussionen über die mangelhafte Versorgung mit Lebensmitteln vor. Es wird am häufigsten zum Ausdruck gebracht, dass es in der DDR immer schlechter würde.
Eine Hausfrau aus Podelwitz, [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, sagte z. B.: »Bei uns ist jetzt der ›Wohlstand‹ ausgebrochen. So etwas dürfte es nach zehn Jahren Kriegsende nicht mehr geben, dass sich beim Einkaufen von Margarine Schlangen vor den Geschäften bilden.«
Am Sonntag, den 22.5.[1955] wurde im Kreis Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, ein Landsonntag durchgeführt. In vielen Diskussionen mit den Bauern brachten diese ihre Unzufriedenheit über die Versorgungslage zum Ausdruck. Einzelne Einwohner erklärten: »Wenn nicht eine Änderung in der Versorgung erfolgt, braucht man mit uns nicht über politische Fragen zu sprechen. Wir können nicht mehrmals am Tage zur HO oder zum Konsum laufen, um Margarine zu erhalten.«
Eine LPG-Bäuerin aus der LPG Mieste, [Kreis] Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, kam einen Tag nicht zur Arbeit und erklärte, als sie zur Rechenschaft gezogen wurde: »Ich habe die Arbeitszeit versäumt, damit ich mir mal Margarine im Konsum besorgen kann, da sonst am Abend alles weg ist.«
Die Diskussionen zur KVP-Werbung besonders auch von den Jugendlichen sind nach wie vor verhältnismäßig gering. Dabei treten vorwiegend ablehnende Stellungnahmen mit dem gleichen Inhalt wie in der Industrie auf. Wie schon des Öfteren berichtet, wird aber auch besonders in der Landwirtschaft die Meinung vertreten, dass man hier keine Werbung vornehmen solle, da der Arbeitskräftemangel bereits jetzt schon so groß wäre.
Verschiedentlich wird z. B. in der Gemeinde Herschdorf, [Kreis] Pößneck, [Bezirk] Gera, diskutiert, dass ein aus diesem Ort stammender junger Arbeiter aus dem VEB »Karl-Marx-Werk« Pößneck30 entlassen worden sei, weil er es abgelehnt hätte, in die KVP einzutreten. Das entspricht aber nicht den Tatsachen. Der Jugendliche wurde entlassen, weil er zweimal während der Arbeitszeit mutwillig einen Kollegen verletzt hat.
Vereinzelt treten Verärgerungen unter den Jugendlichen auf, weil sie mit den Werbemethoden nicht einverstanden sind.
So haben z. B. in der MTS Fürstenberg, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, in den letzten Tagen vier Jugendliche ihr Arbeitsverhältnis bei der MTS mit der Begründung gekündigt, dass sie nicht gewillt sind, der KVP beizutreten und es satthaben, sich immerfort daraufhin ansprechen zu lassen.
In der MTS Nonnendorf, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, äußerte sich ein Traktorist folgendermaßen: »Nun lasst mich bloß damit in Ruhe; jetzt geht es schon zwei Jahre lang damit, dass ich zur KVP gehen soll, das ist ja keine Freiwilligkeit mehr, sondern Zwang.«
Die Diskussionen über die Warschauer Konferenz treten nur noch vereinzelt auf. Der Inhalt der bekannt gewordenen Stimmen hat sich nicht wesentlich verändert. Es wird weiterhin zum größten Teil zum Ausdruck gebracht, dass dieser Vertrag zur Erhaltung und Festigung des Friedens dient. Besonders herausgestellt wird immer wieder die Deklaration der SU und die große Friedensliebe der SU, die nichts unversucht lässt, die drohende Kriegsgefahr von der Menschheit abzuwenden.
So sagte z. B. ein werktätiger Bauer aus Ebersbach, [Kreis] Geithain, [Bezirk] Leipzig: »Die Deklaration der SU,31 besonders der Punkt über den Abzug der Besatzungstruppen beweist erneut, dass sich die SU immer wieder für die Erhaltung des Friedens einsetzt.«
Wie bereits des Öfteren berichtet, bestehen noch immer Schwierigkeiten in der Beschaffung mit Saatkartoffeln. Dadurch ist in verschiedenen Fällen die reibungslose Durchführung der Kartoffelaussaat nicht gewährleistet.
Saatkartoffelmangel besteht noch:
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im Landkreis Leipzig (für 60 ha),
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im Kreisgebiet Wurzen, [Bezirk] Leipzig, (für 150 ha),
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im Kreis Geithain, [Bezirk] Leipzig, (ca. 700 Zentner),
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im Kreis Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, (ca. 250 t),
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im Kreisgebiet Kalbe/Milde, [Bezirk] Magdeburg, (bei den LPG noch 400 dz),
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in den LPG Langenbogen, Angersdorf,32 Saalkreis, [Bezirk] Halle, (je LPG 200 Zentner),
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im Kreis Güstrow, [Bezirk] Schwerin, (ca. 10 000 dz).
Zum Teil gibt es in einigen landwirtschaftlichen Betrieben aber auch andere Ursachen dafür, dass die Kartoffelaussaat noch nicht überall 100%ig erfolgt ist.
Zum Beispiel berichtet der Bezirk Neubrandenburg aus dem Kreis Neustrelitz Folgendes dazu: In diesem Kreis ist die Kartoffelanpflanzung, besonders in den LPG noch ungenügend, während bei den werktätigen Einzelbauern die Anpflanzung gut ist.
So waren in der LPG Schlicht am 15.5.[1955] von 61 ha auszupflanzenden Kartoffeln erst 17 ha ausgepflanzt.
Der Betriebsleiter erklärte hierzu, dass die Auspflanzung nicht vor Ende des Monats abgeschlossen sein kann, weil Arbeitskräfte fehlen.
Als Grund für die Verzögerung der Kartoffelpflanzung wird in den meisten Fällen angegeben, dass der Acker zu nass ist. Das trifft aber nur in einigen Fällen zu, meist hat das aber andere Ursachen.
Typisch ist die Meinung des Bürgermeisters der Gemeinde Koldenhof, der sagte, dass man in Koldenhof die Kartoffeln immer erst Ende Mai ausgepflanzt hat.
Eine andere Ursache der schleppenden Arbeit in den LPG ist die in ca. 30 % der LPG herrschenden Tendenz, nicht mehr als acht Stunden täglich zu arbeiten. Dazu kommt noch, dass in einigen LPG die Genossenschaftsbauern es vorzogen, am Sonntag die Kartoffeln auf ihrer individuellen Wirtschaft anzupflanzen.
Zum anderen liegt die mangelhafte Aussaat auch mit daran, dass die MTS noch ungenügend die Mehrschichtarbeit anwenden. So arbeiten von 23 Schichtfahrern der MTS Neuhof in Wirklichkeit nur neun Schichtfahrer.
Durch die Leitung der MTS »Fortschritt« Neustrelitz wurden die Schichtfahrer entlassen, weil angeblich die Hauptarbeiten beendet sind.
Verschiedentlich kommt es auch vor, dass durch nachlässige Arbeit wertvolles Saatgut verloren geht.
So wurden z. B. auf dem VEG Deutsch Wusterhausen, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, auf einem Kartoffelacker beim Abeggen ca. 70 % aller gesteckten Kartoffeln wieder herausgeeggt. Diese Kartoffeln sind schon angekeimt und liegen nun schon vier Tage frei auf dem Felde herum, sodass die Gefahr besteht, dass das Saatgut verkommt.
In der LPG Sylda, [Kreis] Hettstedt, [Bezirk] Halle, beklagt man sich darüber, dass man im März 1955 auf Anordnung der VEAB gute Speisekartoffeln zur Verwendung von Stärkemitteln aufmieten musste. Nach Öffnen der Miete wurde festgestellt, dass diese mit Trockenfäule befallen waren und nicht zum Essen und zur Saat zu verwenden waren. Für die LPG traten dadurch Schwierigkeiten auf, da sie 400 Zentner Kartoffeln für die Herstellung von Stärkemitteln abliefern musste und nun keine Saatkartoffeln vorhanden sind.
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:
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Im VEB Mekin, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, sind von 184 Schweinen 44 verendet, 31 mussten notgeschlachtet werden.
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In der LPG in Gischow, [Kreis] Lübz, ist von 77 Schweinen eins verendet und 76 wurden notgeschlachtet.
Die Mitglieder und Arbeiter der LPG »Morgenrot« in der Gemeinde Kaakstedt, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, haben am 23.5.1955 die Arbeit niedergelegt.
Es herrschte Unzufriedenheit unter den Mitgliedern, betreffs Auszahlung der Arbeitseinheiten.33 – Bisher wurde die Arbeitseinheit mit 5,00 DM ausgezahlt. Den Mitgliedern wurde versprochen, die Arbeitseinheit auf 7,50 DM zu erhöhen. Das ist jedoch bisher noch nicht geschehen. Dadurch ist die Arbeitsmoral gesunken, sodass es dann zur Arbeitsniederlegung kam. Der 1. Sekretär der Kreisleitung der SED war gegen 17.00 Uhr in der LPG und sprach mit den LPG-Bauern. In der LPG wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Am 27.5.1955 soll durch den Rat des Kreises eine Überprüfung der Finanz- und Produktionspläne dieser LPG stattfinden.
In der LPG Weddendorf und Oebisfelde, [Kreis] Klötze, [Bezirk] Magdeburg, herrscht unter den Mitgliedern eine Missstimmung, weil noch keine Klarheit in der Bezahlung der Arbeitseinheiten besteht. Mehrere LPG-Mitglieder, ehemalige Bahnarbeiter, wollen aufgrund dessen aus der LPG austreten. Die Diskussionen der Kollegen gehen darauf hinaus, dass aufgrund der Senkung der Arbeitseinheiten die Arbeitsproduktivität gesteigert werden soll.
In der Gemeinde Göppersdorf, [Kreis] Pirna, wurden in den letzten drei Wochen zehn Rinder, meist tragende, wegen Unterernährung abgeschlachtet, da verschiedene Einzelbauern nicht mehr das erforderliche Futter besitzen. Die Stimmung unter den Bauern ist schlecht, sie sind der Meinung, es sei eine Schande, dass das Vieh verhungern muss, wo auf der BHG – Göppersdorf über 1 000 Zentner Futtermittel, wie Sojaschrot und Rinderkraftfutter, lagern. Der BHG-Leiter erklärte, dass eine Vorauslieferung nur gegen eine entsprechende Lieferanweisung durch den Rat des Kreises erfolgen kann und die betreffenden Bauern ihre letzte Zuteilung schon verbraucht haben.
Im MTS Stützpunkt Hornow, [Kreis] Spremberg, [Bezirk] Cottbus, wurde in der Nacht vom 14. zum 15.5.1955 zum dritten Mal der linke Hinterreifen von einem Anhänger zerschnitten.
In der Nacht vom 23. zum 24.5.1955 wurde von bisher unbekannten Tätern ein Anhängepflug der MTS Dessow, [Kreis] Kyritz, unbrauchbar gemacht. Ermittlungen werden noch geführt.
Am 25.5.1955, gegen 18.00 Uhr, brach in der Gemeinde Rotschönberg, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, bei einem Einzelbauer im Stallgebäude Feuer aus. Zu dieser Zeit wurde von einem Elektriker eine defekte Lichtleitung repariert. Es entstand ein Gebäudeschaden von ca. 8 000 DM, ein Schaden an Getreide, Futtermitteln und Stroh von ca. 8 000 DM.
Am 21.5.1955, gegen 12.00 Uhr, geriet die Scheune der LPG Mönchenhof, [Kreis] Jessen, [Bezirk] Cottbus, in Brand. Es handelt sich hier vermutlich um eine Brandstiftung.
Am 26.5.1955, gegen 07.30 Uhr, wurde in Seifhennersdorf, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, eine Scheune durch Feuer völlig vernichtet. Die Ursache ist Brandstiftung durch den 5-jährigen Sohn des Pächters, welcher mit Streichhölzern spielte. Gebäude- und Sachschaden ca. 20 000 DM.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Im VEB Vieh- und Schlachthof Leipzig sind 112 Kollegen, davon 25 Kollegen an Typhus erkrankt. Als Ursache der Erkrankung wird der Genuss von Freibankfleisch34 angenommen, welches an die Kollegen verkauft wurde.
Einschätzung der Situation
Die Diskussionen zu politischen Tagesfragen sind weiterhing gering und werden teilweise von heftigen Diskussionen über die Versorgungslage verdrängt.
Vor allem Hausfrauen, aber auch Arbeiter, Angestellte und Teile der Landbevölkerung, üben Kritik an den Mängeln in der Versorgung, die zurzeit besonders stark in der Belieferung mit HO-Margarine auftreten. Dabei kommt es zu direkt feindlichen Äußerungen. Zum anderen brachte die schlechte Anlieferung von HO-Margarine in vielen Bezirken erneut Schlangenbildung mit sich, wobei es teilweise zu Ausschreitungen kam, da die angelieferte Ware nicht für alle Anstehenden reichte.
Gegenüber der letzten Berichtsperiode traten in der Industrie und Landwirtschaft keine wesentlichen Veränderungen auf.
Anlage 1 vom 26. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2453
Verteidigungsbereitschaft
Unter den Jugendlichen der Verwaltungen und unter Studenten wird oft über die KVP-Werbung gesprochen. Auch diskutieren Hausfrauen darüber, jedoch seltener.
Eine ganze Reihe positiver Beispiele zeigen uns, dass dort, wo die Partei eine gute Aufklärungsarbeit leistet, die Erfolge nicht ausbleiben. Dies beweist uns das Beispiel von der Universität Jena, wo die Kommission der KVP-Werbung die Arbeit bereits abschließen konnte und ihr Soll für die Werbung von Medizin-Studenten für die Greifswalder Militärakademie35 übererfüllt hat. Eine Ausnahme bildete allerdings dort das 4. Studienjahr, wo sich nur zwei Genossen bereiterklärten in Greifswald zu studieren.
In Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, ist durch die Werbung der Lehrer für KVP zu verzeichnen, dass in einer Schulklasse in einer Woche fünf Lehrer abwechselnd Unterricht abhalten mussten, da der Mangel an Lehrern so groß geworden ist.
Neben diesen positiven Erscheinungen, die keineswegs das Negative überwiegen, gibt es viele ablehnende Haltungen zur KVP-Werbung, wodurch z. B. in dem Bezirk Neubrandenburg das Soll erst mit 38 % erfüllt werden konnte. Es werden nach wie vor persönliche Gründe als Entschuldigung für die Ablehnung angeführt, wobei sehr oft angegeben wird, dass man sich fachlich qualifizieren will. Studenten führen an, dass sie weiter studieren wollen.
In der Oberschule Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, z. B. lehnten sämtliche Schüler (250 Schüler) den Beitritt zur KVP mit der Begründung ab, dass sie studieren wollen (ein großer Teil der Schüler sind Mitglieder der Jungen Gemeinde).
Vereinzelt lehnt man den Eintritt zur KVP auch mit der Begründung ab, im Ernstfalle nicht auf westdeutsche Brüder und Schwestern schießen zu wollen.
So äußerte z. B. ein Jugendlicher aus Wessin, [Bezirk] Schwerin:
»Mich haben die auch bearbeitet bei der Polit-Abteilung, bei der Kreisleitung der SED und der Betriebsleitung. Aber ich bin doch nicht dumm, ich gehe doch nicht zur KVP. Alle meine Verwandten sind im Westen. Ich werde doch nicht im Falle eines Krieges auf meine eigenen Verwandten schießen.«
Teilweise lehnen Jugendliche mit der Begründung ab, dass sie »ihre persönliche Freiheit« nicht aufgeben wollen. So äußerte ein FDJler vom Rat des Kreises Wolgast ([Bezirk] Rostock): »Ich sehe die Notwendigkeit ein, aber hin gehe ich nicht zur KVP, da wird ja meine persönliche Freiheit eingeschränkt.«
Diese Äußerung ist für einen Teil von Jugendlichen charakteristisch.
Es gibt Einzelbeispiele, wo FDJler den Austritt aus der FDJ erklären, um sich der KVP-Werbung zu entziehen.
So gingen z. B. Jugendfreunde aus Cursdorf, [Bezirk] Suhl, nach einer Aussprache mit der Werbekommission zum FDJ-Sekretär und legten die FDJ-Dokumente auf den Tisch und erklärten: »Wir treten aus der FDJ aus, denn wenn wir in der FDJ sind, kommt man uns eines Tages mit dem Verbandsauftrag, zur KVP zu gehen. Wenn wir aber nicht mehr dabei sind, kann man uns nichts mehr anhaben, also treten wir aus der FDJ aus.«
In den Mitgliederkreisen der CDU sowie der Kirchenanhänger des Bezirkes Suhl besteht eine ablehnende Haltung gegenüber den Sicherheitsmaßnahmen unserer Regierung. Zum Beispiel wollen im Kreis Schmalkalden elf Mitglieder aus der CDU austreten, da die CDU den Sicherheitsmaßnahmen zugestimmt hat. Als Begründung geben sie an, sie können das Verhalten der CDU nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren und den Sicherheitsmaßnahmen zustimmen.
Unter den CDU-Mitgliedern vertritt man weiterhin die Meinung, dass man Sabotage und Diversionstätigkeit vonseiten Westdeutschland bei uns bewusst übertreibt, um Maßnahmen der Staatssicherheit politisch begründen zu können.
Unter den Hausfrauen wird verschiedentlich die Meinung zur KVP-Werbung vertreten, dass sie ihre Söhne nicht für den Dienst in der KVP hergeben, da die Erfahrungen des Hitlerkrieges zeigen, dass sie auf fremden Schlachtfeldern verbluteten.
So äußerte z. B. eine Hausfrau aus Dahme, [Bezirk] Cottbus:
»Ich habe einen Sohn verloren, den anderen gebe ich nicht her. Wilhelm Pieck36 hat gesagt, die westdeutsche Jugend soll die Gestellungsbefehle zerreißen und in die DDR kommen,37 warum sollen unsere Kinder zum Militär, die können doch auch friedlicher Arbeit nachgehen.«
Anlage 2 vom 27. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2453
Negative Erscheinungen zum V. Parlament der Freien Deutschen Jugend in Erfurt
Im Allgemeinen herrscht unter den Delegierten des V. Parlaments eine gute Stimmung.
Jedoch treten Diskussionen in den verschiedenen Betrieben auf, wo Jugendliche die Teilnahme mit der Begründung ablehnen, dass der Betrag von 25,00 DM für die Teilnahme am V. Parlament zu hoch sei und sie nicht in der Lage sind, dies zu bezahlen.
So wird z. B. aus dem Kreis Schleiz, [Bezirk] Gera, bekannt, dass es bisher trotz größter Anstrengung erst gelungen ist, 200 Teilnehmer zu gewinnen; das Soll betrug 400 Jugendliche.
Von den angesprochenen Jugendlichen wurde in der Hauptsache so argumentiert, dass die Teilnehmergebühren von 25,00 DM für sie zu hoch seien. Das dies aber nur ein Vorwand ist, zeigt sich, dass von einer Anzahl Betriebe die Teilnehmergebühren übernommen wurden, und dann auch keine größere Bereitwilligkeit vorhanden war.
Aus dem Kreis Pößneck, [Bezirk] Gera, wird bekannt, dass von 500 Jugendlichen, die sich zur Fahrt nach Erfurt eingezeichnet hatten, jetzt nur 30 Jugendliche mitfahren wollen. Daneben zeigt sich bei den männlichen Jugendlichen im Alter von 18 bis 22 Jahren, dass sie befürchten, durch die Teilnahme am V. Parlament zum Eintritt in die KVP verpflichtet zu sein.38 Die Jugendlichen diskutieren: »Wir fahren nicht mit, weil wir sonst verartet39 werden.«
Vereinzelt werden auch negative Diskussionen von anderen Bürgern der DDR bekannt.
So äußert z. B. ein Kohlenhändler aus Erfurt/Nord: »Auf das Gut Stegner40 haben sie 40 Ballen Stroh gebracht, auch in die Salinenschule41 ist Stroh gebracht werden, um die Jugend unterzubringen. Die Bonzen werden in Hotels übernachten und leben auf unsere Knochen einige schöne Tage.«
Ein Hausmeister, beschäftigt bei der Nationalen Front,42 äußerte: »Solch ein Quatsch, was da gemacht wird. Das hilft doch alles nicht. Der Westen wird doch nur darüber lachen. So wie ich erfahren habe, kostet dies bis jetzt eine Million DM. Das Geld hätte für Straßen ausbessern und Wohnungsbau verwendet werden sollen.«
Feindtätigkeit
In der Umgebung der »H. Sailer« Schule43 in Erfurt wurden Transparente und Plakate, welche auf das V. Parlament hinwiesen, beschädigt und teilweise heruntergerissen.
Am 21.5.1955, gegen 7.30 Uhr, wurde in Erfurt in der Stalinallee44 bis zum Bahnhof Erfurt/Nord die anlässlich des V. Parlaments angebrachte Sichtagitation durch unbekannte Täter heruntergerissen.
17 Briefe, deren Inhalt eine Desorganisation in der Quartierbeschaffung hervorrufen sollte, wurden sichergestellt. Als Absender waren gefälschte Erfurter Anschriften angegeben.
Verstärkt setzt der Gegner das Gerücht in Umlauf, dass in Erfurt Typhus herrscht.
Nach einer Überprüfung sowie Rücksprache mit dem Bezirksarzt ergab, dass hier keinerlei Anzeichen für derartige Erkrankungen bestehen.
Nachträglich wurde bekannt, dass zwei Tage vor der Eröffnung des Parlamentes ein Jugendlicher mit einer Liste bei den Hausgemeinschaften erschienen ist, um die bereitgestellten Quartiere unter dem Vorwand, dass sie nicht benötigt werden, abzubestellen.
Hierauf musste in Zusammenarbeit mit dem Org.-Büro eine Überprüfung sämtlicher Quartiere vorgenommen werden.
Anlage 3 vom 27. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2453
Lohn- und Prämienfragen
Anlass zur Unzufriedenheit und schlechter Stimmung geben vielfach Lohn- und Prämienfragen.
Im VEB Fischkombinat Rostock bestehen Unstimmigkeiten, wegen der Auszahlung der Prämie für das I. Quartal 1955. Ohne Zustimmung der BGL haben der Arbeitsdirektor, der kaufmännische Direktor und der kaufmännische Leiter die Höhe der Prämien für die einzelnen Kollegen bestimmt. Für einige Kollegen wurden die Prämien gestrichen und andere haben sie nach Meinung der Kollegen ungerechtfertigt erhalten.
Im VEB Nähmaschinenfabrik Altenburg, [Bezirk] Leipzig, sind die Kollegen mit der Auszahlung der Prämien unzufrieden. Besonders wird kritisiert, dass der BGL-Vorsitzende vom Werkleiter eine Prämie erhielt, obwohl es von der Parteileitung abgelehnt wurde.
Unter den leitenden Angestellten und der techn. Intelligenz des VEB Glashütte Torgau, [Bezirk] Leipzig, besteht Verärgerung, was durch folgenden Umstand hervorgerufen wurde.
Der Betrieb hat seinen Plan mit112,1 % im I. Quartal 1955 erfüllt. Die dafür fällige Prämie war am 20.4.[1955] zu zahlen und ausgezahlt wurde sie erst am 25.5.[1955]. Sie wurde aber nicht in der entsprechenden Höhe für die 112,1 % der Planerfüllung gezahlt, sondern nur für 109,6 % Planerfüllung. Die Kürzung erfolgte, weil angeblich eine Wannenreparatur zu früh durchgeführt wurde. In Wirklichkeit wurde die Reparatur erst nach 20 Monaten Wannenreise45 durchgeführt, was einmalig in der DDR ist. Außerdem wurde die Reparatur mit sieben Tagen Planvorsprung durchgeführt.
Verantwortlich für die Prämienkürzung ist die HV Chemie Berlin. Die Intelligenzler diskutieren daraufhin, dass von ihnen eine anständige und termingerechte Arbeit in der Produktion verlangt wird, dasselbe erwarten sie aber auch von der HV.
Unter den Kollegen der Fernsehstation Collm, [Kreis] Oschatz, [Bezirk] Leipzig, besteht seit längerer Zeit Verärgerung wegen der geringen Bezahlung. Sie verdienen im Durchschnitt 260 DM. Sie bemühen sich, die Hochspannungszulage von 50,00 DM zu erhalten, was aber bisher ihnen mit der Begründung abgelehnt wurde, dass die Station nur eine Kurzwelle sendet.
Durch den geringen Verdienst besteht ein ständiger Wechsel der Arbeitskräfte.
Vor ca. einem halben Jahr wurde diesbezüglich mit dem Betriebsleiter und dem Personalleiter vom Funkamt Leipzig gesprochen und vereinbart, dass ein Ausgleich geschaffen werden soll. Bis heute hat sich aber nichts geändert.
Anlage 4 vom 27. Mai 1955 zum Informationsdienst Nr. 2453
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 24.5. bis 26.5.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:46
- –
Karl-Marx-Stadt 15, Kreis Stollberg 25, Kreis Aue 1 000, Kreis Klingenthal 135, Kreis Auerbach 160, Kreis Zwickau 40;
- –
Halle: Kreis Sangerhausen 2 000, Kreis Aschersleben 300, Kreis Zeitz 50, Kreis Querfurt 1 000;
- –
Erfurt 75;
- –
Dresden: Kreis Görlitz 20, Kreis Riesa 10, Kreis Freital und Niesky 60;
- –
Neubrandenburg: Kreis Templin 10;
- –
Magdeburg: Kreis Staßfurt 325, Kreis Oschersleben 1 000, Kreis Schönebeck 1 500,
- –
Cottbus 4 000;
- –
Potsdam 400, Kreis Rathenow 50.
NTS:47
- –
Schwerin: Kreis Lübz 30 000, Parchim 2 000;
- –
Halle: Kreis Artern 3 000, Kreis Roßlau 65;
- –
Dresden: Kreis Großenhain 15, Kreis Freital 12;
- –
Cottbus 4 000
Zope:48
- –
Dresden: Kreis Freital 20;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Johanngeorgenstadt 3 000, Kreis Klingenthal 20, Kreis Aue und Stollberg 2 100, Kreis Annaberg und Kreis Brand-Erbisdorf 340.
»Freie Junge Welt«49
- –
Erfurt: Kreis Arnstadt 200.
KgU:50
- –
Dresden: Kreis Niesky 5;
- –
Halle: Kreis Gräfenhainichen 7 100;
- –
Frankfurt: Kreis Fürstenwalde 12 250;
- –
Cottbus 170, Kreis Lübben 2 350;
- –
Erfurt 60;
- –
Leipzig: Kreis Oschatz 5 000.
»Tarantel«51
- –
Halle: Kreis Weißenfels 480.
Im Kreis Zeitz wurden gefälschte Lebensmittelkarten gefunden.
Vorwiegend wird in den Hetzschriften gegen die KVP-Werbung, gegen die SU und die DDR gehetzt.
In der Gemeinde Eickendorf, [Kreis] Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, wurden vier Hetzschriften mit Handdruckkasten angefertigt gefunden. Die Hetzschriften haben folgenden Inhalt: »Keine Margarine, klitschiges Brot,52 Wilhelm Pieck,53 das ist Dein Tod.«
Antidemokratische Tätigkeit
In Malschwitz, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurden in der Nacht zum 22.5.1955 der Schaukasten des DFD abgerissen und im Hof der HO-Gaststätte zwischen Bierfässern versteckt. Dies ereignete sich bereits das dritte Mal.
Im Bezirk Leipzig, in den Städten Altenburg, Delitzsch und im Bezirk Rostock wurden an Jugendliche gefälschte Vorladungen zum VPKA versandt.
Am 22.5.1955 wurde zwischen Königs Wusterhausen und Schenkendorf eine Genossin der Volkspolizei überfallen. Täter unbekannt.
In Deutsch Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, wurde eine Person gegen einen Volkspolizisten tätlich, als dieser ihm zum Gemeindebüro bringen wollte, weil er trotz Verbot auf dem Dorfplatz Fußball gespielt hat.
Am 19.5.1955 wurden in der Gaststätte in Thessau bei Kitzen, [Bezirk] Leipzig, mehrere Funktionäre der SED von drei Jugendlichen provoziert. Sie griffen die Genossen tätlich an, rissen ihnen die Parteiabzeichen ab und schlugen die Ehefrau eines Genossen nieder, wobei sich diese zweimal den Arm brach.
In der Gemeinde Wutike, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, wurde das Gerücht verbreitet, dass in der DDR russisches Geld eingeführt wird.