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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

31. Mai 1955
Informationsdienst Nr. 2454 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Gegenwärtig wird in den Industrie- und Verkehrsbetrieben verhältnismäßig wenig zu aktuellen politischen Ereignissen Stellung genommen. So wurden z. B. zu dem Zusammentreffen sowjetischer Staatsmänner und dem jugoslawischen Staatschef1 Marschall Tito2 oder zu der sowjetischen Stellungnahme3 zur geplanten Viererkonferenz4 nur Einzelstimmen bekannt. Diese tragen ausschließlich positiven Charakter. Aus dem Inhalt geht hervor, dass neue Viermächteverhandlungen begrüßt werden und bereits im Voraus ein erfolgreicher Verlauf gewünscht wird. Zum Treffen in Belgrad wird herausgestellt, dass es von großer Bedeutung sei, wenn Jugoslawien für die Politik des Friedenslagers gewonnen würde.

Die Ursache der verhältnismäßig gering geführten politischen Gespräche liegt einerseits an der zum Teil ungenügenden Agitation in den Betrieben und zum anderen an einer gewissen Uninteressiertheit. Dies zeigt sich mitunter an den schlechten Besuchen von Versammlungen, in denen zu den politischen Problemen Stellung genommen wird und an den wenigen Wortmeldungen bei Diskussionen.

Zum Beispiel fand in der Abt. Glasveredlung der Glasfabrik in Döbern,5 [Bezirk] Cottbus, eine Kurzversammlung statt. Trotz mehrmaliger Aufforderung sprach kein einziger Kollege zur Diskussion.

Im Stahl- und Walzwerk Brandenburg findet zurzeit eine Versammlungskampagne statt. Die Beteiligung der Belegschaft ist äußerst schlecht. Zum Beispiel sind in der Abt. Werkverkehr von 60 Kollegen nur zehn erschienen. Bei Gesprächen an den Arbeitsplätzen brachten die Kollegen zum Ausdruck, dass sie politische Ereignisse nicht interessieren und sie sagen: »Es soll lieber dafür gesorgt werden, dass immer genügend Margarine vorhanden ist.«

Bei einer FDJ-Versammlung im VEB Werkin in Königsee,6 [Bezirk] Gera, sprach nicht ein Jugendlicher zur Diskussion und bei einer Gewerkschaftsaktivtagung meldete sich außer einigen Funktionären niemand zu Wort.

Die KVP-Werbung7 weist in den Betrieben noch immer die gleichen Symptome auf. Neben mitunter guten Erfolgen lehnt weiterhin ein großer Teil den Beitritt ab. Zurückzuführen ist dies in den meisten Fällen auf pazifistische Tendenzen sowie in den Vordergrund gestellte persönliche Belange. Viele Jugendliche erklären, dass sie nur einen freiwilligen Eintritt ablehnen und sich nicht weigern werden, wenn sie durch die Wehrpflicht gehen müssen.

Es mehren sich die Fälle, wo Jugendliche, die meist von den Werbern mehrmals angesprochen wurden, nach dem Westen absetzen.

Zum Beispiel sind in der Zeit vom 1. bis 25.5.1955 aus dem Leuna-Werk 51 Personen, davon 23 Jugendliche nach dem Westen gegangen.

Im Kreis Sebnitz, [Bezirk] Dresden, wurden aufgrund der KVP-Werbung zwei Jugendliche und im Kreis Zittau ein Jugendlicher republikflüchtig.

Im VEB Funkwerk Erfurt befinden sich zurzeit vier Kollegen, die des Öfteren wegen Beitritt zur KVP angesprochen wurden, besuchsweise in Westdeutschland und es wird angenommen, dass sie von dort nicht zurückkehren.

Zum anderen werden immer wieder schlechte Beispiele von der Arbeitsweise der Werbekommissionen bekannt.

Unter anderem erklärten im VEB Patentlineole8 Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, Mitglieder der Werbekommission gegenüber den Kollegen, die sich nicht freiwillig meldeten, dass sie daraufhin entlassen würden. Dies löste im Betrieb negative Diskussionen aus.

Im Fischkombinat Rostock besteht unter den Jugendlichen eine große Missstimmung, die durch Folgendes hervorgerufen wurde:

Ein Jugendlicher, der angesprochen wurde, erklärte sich bereit und bat sich aber aus, erst mit seinen Eltern darüber sprechen zu dürfen. Trotz dieses Einwandes ging man mit diesem und noch zwei anderen Jugendlichen zum Kombinatsleiter. Dieser erklärte den Jugendlichen: »Wenn ihr nicht zur KVP geht, wird der Betrieb die Konsequenzen ziehen und Euch der KVP zur Verfügung stellen.« Darauf erwiderte ein Jugendlicher: »Wenn so an die Werbung herangegangen wird, wird wohl kein Erfolg zu verzeichnen sein. Alle Jugendlichen im Betrieb sehen dies bestimmt als Zwang an.«

In der Volkswerft Stralsund wurde ein Jugendlicher (gehört der BSG Motor an), wegen negativen Äußerungen gegenüber der Werbekommission entlassen. Dieses Vorkommnis nimmt auf der Werft eine breite Diskussion ein.

So erklärte z. B. ein E-Schweißer: »Die Fußballmannschaft der BSG ›Motor‹ will nicht eher wieder spielen, bis der Mittelstürmer seinen Arbeitsplatz zurückerhält. Bei ihm hieß es: entweder zur KVP oder Entlassung.«

Trotz verschiedentlicher örtlicher Verbesserung in der Versorgung mit HO-Margarine9 und HO-Butter werden in den Betrieben noch immer mitunter heftige Diskussionen über die Versorgungslage geführt.

In der Filmfabrik Wolfen, [Kreis] Bitterfeld, im Elektro-Kombinat Bitterfeld10 und in der Hanfspinnerei Genthin, [Bezirk] Magdeburg, klagen besonders die Kolleginnen über die ungenügende Bereitstellung von Margarine und Butter.

Im letztgenannten Betrieb kommt es zu Äußerungen wie z. B.: »Wir haben uns an der Ernteeinbringung aktiv beteiligt und der Dank ist nun, dass wir mit Marmeladestullen zur Arbeit gehen müssen.«

Eine Arbeiterin aus dem Textilveredlungswerk Greiz sagte: »Überall muss man Schlange stehen. Es ist gleich, ob man Milch, Butter, Margarine oder Fleischwaren will. Es wird bei uns immer schlechter statt besser.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Chemiewerk Greiz-Dölau, [Bezirk] Gera: »Seit einem Jahr geht es bei uns nicht mehr vorwärts. Ich habe bestimmt geglaubt, nachdem wir die letzten 33 SAG-Betriebe zurückbekommen11 und keine Reparationen mehr zu leisten haben, dass es besser würde, aber das Gegenteil ist der Fall.«

Der stellvertretende Hauptdispatcher (SED) aus dem VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig: »Was hat es für einen Wert, wenn Pläne aufgestellt werden und uns ein höherer Lebensstandard versprochen wird. Jetzt gibt es nicht einmal Margarine und andere Sachen wie z. B. Schokolade zu kaufen.«

Vereinzelt wird in den Diskussionen auch der 17. Juni12 erwähnt.

Zum Beispiel sagte ein Dreher von der Peenewerft in Wolgast: »Es ist eine Schweinerei, dass es keine Butter und Margarine gibt. Dazu werden die Normen immer mehr gedrückt. Es sieht aus wie vor dem 17.6.1953.«

In einem Arbeiterzug Magdeburg – Haldensleben äußerte ein Arbeiter aus dem »Ernst-Thälmann-Werk« Magdeburg:13 »Man muss jetzt schon wieder mit Brot und Salz zur Arbeit gehen. Es muss erst wieder ein 17. Juni kommen, damit die Versorgung besser wird.«

Bei den betrieblichen Schwierigkeiten ist es immer wieder die ungenügende Bereitstellung von Material, was den planmäßigen Produktionsablauf insofern beeinträchtigt, dass die Monatspläne nicht erfüllt werden können; Wartestunden entstehen; Auslieferungstermine nicht eingehalten werden können u. a. mehr.

Auch werden dadurch Diskussionen ausgelöst, die zum Inhalt haben, dass durch diese anhaltenden Schwierigkeiten die Rentabilität nicht erhöht werden kann.

Zum Beispiel sagte ein Schlosser (parteilos) von der Peenewerft: »Die Arbeit macht bald keinen Spaß mehr. Dauernd heißt es, ihr müsst mehr schaffen und auf der anderen Seite ist kein Material da. Man soll erst das nötige Material beschaffen, dann brauchen wir auch keine Wartestunden mehr zu schreiben.«

Ein Schlosser aus der Abteilung Massenbedarfsgüterproduktion der gleichen Werft äußerte: »Man spricht so viel von der Verbesserung der Lebenslage der Arbeiter. Bei uns hier ist das aber nicht der Fall. Unser Lohn wird durch die schlechten Arbeitsbedingungen (Materialmangel) immer weniger.«

An Material mangelt es in folgenden Betrieben:

  • im VEB RFT – Glühlampenwerk Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, (Sockel);

  • im VEB Waggonbau Dessau (Graubleche);

  • im VEB Kraftverkehr Dresden (Reifen) und

  • im VEB IKA-Batteriefabrik Worbis, [Bezirk] Erfurt, (Zinkband).

Die Auswirkung im letztgenannten Betrieb besteht in folgendem: Da der Vorrat an Zinkband nur noch bis Ende Mai reicht und wenn keine Lieferungen erfolgen, müssen 40 bis 50 Kollegen Wartestunden schreiben und wichtige Aufträge für die sowjetische Armee, KVP und Reichsbahn können nicht durchgeführt werden. Zum Beispiel hat die Reichsbahn-Direktion Greifswald jetzt schon mitgeteilt, dass, wenn nicht sofort Batterien für die Signal-Anlage geliefert würden, erhebliche Störungen im Bahnbetrieb eintreten können.

Über eine nichtausgelastete Produktionskapazität klagen:

VEB Kugellagerfabrik Böhlitz, [Bezirk] Leipzig, (für 1955 nur zu 60 % ausgelastet) und VEB Kabelwerk Köpenick Berlin (aus diesem Grunde müssen im Juni aus dem Zweigwerk Adlershof 80 Kollegen entlassen werden.)

Vor einigen Monaten wurde durch die HV Gießerei im Ministerium für Schwermaschinenbau verfügt, dass die Abteilung Maschinenbau des VEB Gießerei und Maschinenfabrik Lichtenberg-Berlin die Produktion einstellen soll. Nachdem alle laufenden Aufträge abgeschlossen waren, machte die HV die Verfügung rückgängig. Da nun aufgrund der beabsichtigten Schließung keine Aufträge für diese Abteilung eingeholt wurden, ist jetzt nur in geringem Maße Arbeit vorhanden.

In den letzten Monaten wurde im VEB »7. Oktober« Magdeburg14 der Plan mitunter nur mit 35 bis 40 % erfüllt.

Die leitenden Angestellten des Werkes sind der Meinung, dass die schlechte Planerfüllung an der Produktion von leichten landwirtschaftlichen Geräten liegt, da der Betrieb für eine derartige Produktion nicht eingerichtet sei. Unter den Kollegen herrscht wegen der ungenügenden Planerfüllung eine schlechte Stimmung.

Der VEB-Bau Berlin wird in letzter Zeit vom VEB Ziegel-Kombinat Zehdenick mit Ziegelsteinen schlechter Qualität beliefert. Bis zu 20 % der Steine sind unbrauchbar.

Außerdem besteht bei den Baubetrieben in Berlin ein Mangel an Eisen schwacher Abmessungen. Zum Beispiel benötigt der VEB Bau-Union für die Bauvorhanden DEFA-Kopierwerk und VP-Unterkunft ca. 150 t schwaches Eisen.

Am 25.5.1955, gegen 13.39 Uhr, kam es im VEB Chemische Buna-Werke Bau A 44 – Polymerisation – durch Gasbildung im Schaltraum zu einer Explosion. Schaden ca. 25 000 DM.

In der Zeit vom 21. bis 24.5.1955 fiel im VEB Braunkohlenwerk Puschwitz,15 [Kreis] Bautzen, fünfmal mit insgesamt acht Stunden ein Greifbagger aus. Die Ermittlungen ergaben, dass in dem Auffüllgang Schlammablagerungen und in einem Fall 10 bis 15 Liter Wasser vorhanden waren. Produktionsausfall ca. 1 800 DM.

In der Nacht zum 26.5.1955 brannten in Magdeburg – Baustelle Angern16 – drei Baracken des VEB Kreisbetriebes ab. Schaden: ca. 1 500 DM.

Am 25.5.1955 wurde in einem Garderobengebäude Objekt 30 des VEB Transport- und Verladeanlagenbau Leipzig die Schmiererei »Jugend ist gegen Kommunismus« und darunter ein Hakenkreuz festgestellt.

Im VEB Waggonbau Gotha wurden wiederholt am Fahrstuhleinstieg des Verwaltungsgebäudes in der ersten und zweiten Etage Hakenkreuze angeschmiert.

Im VEB Kaliwerke Bleicherrode, [Bezirk] Erfurt, wurde im Revier III an der Ladebühne die Hetzlosung »Wir grüßen Adenauer17 und seine Soldaten – nieder mit der SED« angebracht.

Versorgung der Bevölkerung

In einigen Bezirken hat sich die Versorgung mit HO-Margarine und anderen Mangelwaren durch die Aufstockung aus den Staatsreserven etwas gebessert, sodass es diese Waren, wenn auch nicht im ausreichenden Maße, wieder zu kaufen gibt.

Im größten Teil der Bezirke ist jedoch die Lage nicht wesentlich anders geworden. Immer wieder kommt es an verschiedenen Fällen zu Angsteinkäufen und zu Schlangenbildungen.

So wurde in der Gemeinde Altruppin, [Bezirk] Potsdam, Margarine angeliefert, nach der ca. 300 Personen anstanden. Um einen ordnungsgemäßen Verkauf zu sichern, musste das Schnellkommando der VP eingreifen.

Auch in Ecknitz,18 [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, musste die VP eingreifen, da über 100 Personen in die Läden drangen und schimpften, dass nicht genügend Ware vorhanden ist.

In Görlitz, [Bezirk] Dresden, kam es am 25.5.1955 im HO-Warenhaus beim Verkauf von Margarine zu einer Schlägerei unter der Kundschaft, sodass das Schnellkommando der VP eingreifen musste. Westdeutsche Besucher, die in Görlitz weilten, brachten darüber ihr Missfallen zum Ausdruck.

Von einzelnen Personen wird der augenblickliche Mangel an HO-Margarine zum Anlass genommen, wieder Hamstereinkäufe zu tätigen.

Die Unzufriedenheit hält unter der Bevölkerung noch an, es werden nach wie vor die gleichen Argumente wie in den Vortagen zum Ausdruck gebracht. Vereinzelt wird von negativ eingestellten Personen mit einem neuen »17. Juni« gedroht.

So äußerten sich z. B. zwei Kundinnen in einem Bäckerladen in Genthin, [Bezirk] Magdeburg: »Na, die haben wohl den 17. Juni schon wieder vergessen.«

In verschiedenen Diskussionen wird auch zum Ausdruck gebracht, dass von der Verwaltung bei zeitweilig bestehenden Versorgungsschwierigkeiten auch die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet werden müssten. So wurde des Öfteren von den Hausfrauen gefordert, beim Verkauf von HO-Margarine die Lebensmittelkarten abzustempeln, damit es nicht zu Hamstereinkäufen kommen kann.

Zum Beispiel sagte eine Hausfrau aus Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, dazu: »Bei Erhalt von Margarine müsste die Lebensmittelkarte mit einem Stempel versehen werden. Wenn man genau beobachtet, kann man feststellen, dass fast immer dieselben Personen und Familien in mehreren Geschäften einkaufen.«

Aus dem Bezirk Leipzig wird noch berichtet, dass die Abteilung Handel und Versorgung beim Rat des Kreises Torgau laufend von Personen angerufen und um Auskunft über die Versorgungslage ersucht wird.

Unter anderem rief auch der Parteisekretär der Bahnmeisterei Torgau – Leipzig an und sagte, dass seine Kollegen die Arbeit niederlegen würden, wenn nicht sofort eine ausreichende Versorgung mit Margarine gewährleistet wird.

In der HO-Wismut19 Schwarzenberg – Erla, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind Zitronen, Apfelsinen und Äpfel im Gesamtwert von 48 560 DM verdorben. Verantwortlich dafür ist der ehemalige Lagerleiter. Er wurde mehrfach von den Belegschaftsangehörigen auf diese Missstände hingewiesen, aber von ihm wurde nichts unternommen, die Waren rechtzeitig dem staatlichen Einzelhandel zuzuführen. (Er ist seit dem 24.5.1955 republikflüchtig.)

In der Konsumverkaufsstelle20 Dessau, [Bezirk] Halle, sind ca. 6 000 Zentner eingemietete Kartoffeln verfault, sodass sie nicht weiterverwendet werden können.

Der bereits berichtete Eierstau21 (vier Millionen Stück) in den VEAB Eiererfassungsstellen Dresden ist noch nicht beseitigt. Die Ermittlungen ergaben, dass der Handel Eier in den Kreisen des Bezirkes verkaufen kann, jedoch müsste die Hauptabteilung Handel und Versorgung in Berlin die Kontingente der Eier erhöhen. Dieses kann nur durch Umschreibung der Kontingente von Markenbasis auf HO-Kontingente erfolgen, da diese in größerem Maße abgesetzt werden könnten. Ein entsprechender Antrag wurde bereits Anfang Mai 1955 beim Ministerium für Handel und Versorgung gestellt, eine Beantwortung liegt bis heute noch nicht vor.

Die Lage in der Landwirtschaft

Über die politischen Tagesereignisse wird unter der Landbevölkerung nicht in großem Umfange diskutiert. Die Stimmen kommen vorwiegend aus dem sozialistischen Sektor.

Die Hauptprobleme bilden noch immer die KVP-Werbung und die Warschauer Konferenz.22 Vereinzelt werden aber jetzt auch schon Stimmen über die Verhandlungen der SU mit Jugoslawien bekannt.

Die Diskussionen über die Verhandlungen der SU mit Jugoslawien werden bis jetzt nur vereinzelt geführt. Die bekannt gewordenen Stimmen sind positiv und beinhalten im Wesentlichen, dass die Zusammenkunft eine große politische Bedeutung hat und einen weiteren Schlag für die Westmächte bedeutet.

So sagte z. B. ein Arbeiter vom VEG Kaltenhausen, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam: »Die Zusammenkunft hat eine große politische Bedeutung. Ich glaube, das wird der zweite Schlag gegen die Westmächte sein.«

Ein Kollege von der MTS Kospeda, [Bezirk] Gera: »Wenn das organisierte Friedenslager – vor allem die SU – es fertigbringt, auch Jugoslawien aus der amerikanischen Umklammerung herauszunehmen, dann müssen sie doch im Westen einsehen, dass sie nichts mehr zu bestellen haben.«

Ein Bauer aus Merseburg, [Bezirk] Halle, sagte: »Jugoslawien neigt schon sehr zu dem Friedenslager, was auch der Wille zur Verhandlung mit der SU beweist.«

Zur KVP-Werbung werden immer wieder die gleichen Argumente wie bereits berichtet gebracht. Zum größten Teil verhalten sich die Jugendlichen ablehnend dazu. Trotzdem gibt es aber auch positive Beispiele, wo bei der Werbung zur KVP Erfolge erzielt wurden, wie das z. B. im Kreis Neuruppin der Fall ist. Dort ist die KVP-Werbung bereits mit 101 % erfüllt.

Verschiedentlich kommt es auch vor, dass eine gute Werbung durch falsches Verhalten von Genossen bzw. FDJ-Funktionären beeinträchtigt wird.

So erklärte z. B. der FDJ-Sekretär der LPG Gützkow,23 [Kreis] Greifswald, [Bezirk] Rostock, Folgendes: »Man ist schon des Öfteren an mich herangetreten und hat gefragt, ob ich nicht zur KVP gehen will. Wenn man als Sekretär immer zum Vorbild gezwungen und immer mit dem Bewusstsein gehänselt wird, gebe ich meinen Posten ab. Ich will nicht zur VP gehen, da ich dafür kein Interesse habe. Soll dahin gehen wer will, ich bleibe zu Hause. Außerdem nehme ich kein Gewehr in die Hand. Für die FDJ-Arbeit habe ich keine Lust mehr, ich werde den Kram abgeben.«

Die Einstellung dieses Funktionärs bewirkte, dass in seiner Gruppe bisher noch kein Jugendlicher zur KVP geworben werden konnte.

In einzelnen Fällen bekunden Jugendliche ihre Ablehnung zur KVP zu gehen auch mit Zitaten aus der Nationalhymne und sie sagen, dass man jetzt diese Worte durch die verstärkte Werbung zur KVP nicht mehr beherzigen würde.

So sagte z. B. ein Kollege von der MTS Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam: »Von 1945 bis 1951 habt ihr gesagt, keine Mutter soll mehr ihren Sohn zum Militär ziehen lassen und heute wollt ihr davon nichts wissen.«

Ein Jugendlicher aus Lieberose, [Bezirk] Frankfurt/Oder, sagte: »Seht Euch die Nationalhymne an, da steht alles drin, dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint und jetzt will man, dass wir zur KVP gehen, um gegen Deutsche nachher zu schießen.«24

Im Kreisgebiet Apolda, [Bezirk] Erfurt, konnte festgestellt werden, dass sich die Landwirte, die nicht Mitglied der LPG sind, inoffiziell zusammenschließen, um die LPG und MTS in ihrer Arbeit zu hindern. Es wurde bekannt, dass Groß- und Mittelbauern, die über ausreichendes Zugvieh verfügen, werktätige Bauern ansprechen und Ihnen zur Bestellung ihres Landes Zugvieh anbieten und dazu äußern, dass angeblich die MTS so stark überlastet sei.

Forderungen für ihre Arbeitsleistungen oder das geliehene Zugvieh wurden bisher in finanzieller Hinsicht nicht erhoben. Die Bauern, die das Zugvieh in Anspruch nahmen, wurden lediglich gebeten, ihre Arbeitskraft für diese Großbauern25 bzw. Mittelbauern zur Verfügung zu stellen, d. h. ihnen zu helfen.

Dadurch besteht die Gefahr, dass die Aufnahme neuer Mitglieder in die LPG verhindert wird.

Auf dem Volksgut Barsikow, [Bezirk] Potsdam, sind die Arbeiter sehr empört und missgestimmt, weil vom Konsum Kyritz ca. 60 Zentner Suppenwürfel, z. B. Erbswurst mit Speck, Ochsenschwanzsuppe u. a. zum Verfüttern angeliefert wurden. Die Suppenwürfel hätten schon in den Jahren 1953/1954 verbraucht werden müssen und sind deshalb für den menschlichen Genuss unbrauchbar. Die Arbeiter äußern sich, dass sie diese Waren in den Verkaufsstellen auf dem Lande fast nie erhalten haben und außerdem, dass darin Fett enthalten wäre, was nun verdorben wäre. Sie können nicht verstehen, dass man mit Nahrungsmitteln so unachtsam umgehen könne.

In der Gemeinde Neuenkirchen, [Kreis] Neubrandenburg, häufen sich in der letzten Zeit die Fälle der Republikflucht bei wirtschaftlich schlechten Siedlungen. In kurzer Zeit verließen zwei Kleinbauern ihre Wirtschaften und begaben sich nach Westberlin. Nachdem man ihre Wirtschaften dem ÖLB26 übergeben hatte, kehrten diese wieder aus Westberlin zurück. Mit ihrer Republikflucht wollten diese erreichen, ihre Wirtschaften los zu werden.

In folgenden Bezirken ist die Kartoffelaussaat aufgrund von Saatgutmangel bzw. auch durch andere Ursachen noch nicht beendet:

Leipzig

Hier wurden aus verschiedenen Kreisen noch erhebliche Fehlmengen an Saatkartoffeln, besonders bei den LPG gemeldet. Im ganzen Bezirk wurden 5 868 t Pflanzkartoffeln mehr eingeführt und an die Kreise ausgeliefert, als von diesen angefordert wurde. Die jetzt noch auftretenden Fehlmengen sind vor allem darin zu suchen, dass das Saatgut von einigen Leitern der BHG in unverantwortlicher Weise ausgegeben wurde.

Zum Teil haben auch einige Bürgermeister über ihre Anforderungsmeldungen hinaus Saatkartoffeln bestellt und auch von den LPG erhalten.

Ebenso beliefern die BHG eine größere Anzahl Großbauern, obwohl ihnen bekannt war, dass diese kein Saatgut benötigten bzw. schon welches erhalten hatten.

Hierzu folgendes Beispiel aus dem BHG Bereich Mutzschen, [Kreis] Grimma: Die BHG Mutzschen lieferte auf telefonische Anweisung des Bürgermeisters von der Gemeinde Roda, [Kreis] Grimma, neun Tonnen und auf eine weitere telefonische Anforderung nochmals sechs Tonnen an die Einzelbauern unberechtigter Weise aus.

Ohne jegliche Anweisung wurden von der BHG 19 t vorwiegend an Großbauern ausgegeben.

Demgegenüber wurde die LPG Zeesewitz, [Kreis] Grimma, trotz der rechtzeitig geschickten schriftlichen Bedarfsanforderung von der BHG nicht im vollen Umfange beliefert, sodass in dieser LPG noch fünf Tonnen Pflanzkartoffeln fehlen.

Dresden

Hier wurden dem VEG Pommritz, [Kreis] Bautzen, von der DSG nur für 42 ha Saatkartoffeln geliefert, obwohl der Vertrag auf 48 ha lautete. Von den gelieferten Kartoffeln konnten ca. 4 ha nicht gepflanzt werden, da sie verdorben waren sodass dem VEG noch ca. 10 ha Kartoffeln fehlen.

Im Kreis Sebnitz fehlen noch 75 t Saatkartoffeln.

Schwerin

Hier fehlen ebenfalls in einigen Kreisen noch erhebliche Mengen. Die Kartoffelaussaat im MTS-Bereich Mestlin, [Kreis] Parchim, geht sehr schleppend voran. Von 800 ha wurden erst 400 ha bepflanzt. Das liegt daran, dass die LPG nicht genügend Saatgut haben und zum andern die Maschinen der MTS nicht voll eingesetzt werden können. Es fehlen z. B. in der LPG Severin, [Kreis] Parchim, noch ca. 150 dz Pflanzkartoffeln, in der LPG Groß Niendorf 300 dz, im ÖLB Parchim ca. 200 dz und in dem ÖLB Kossebade ca. 300 dz.

Frankfurt/Oder

Im Kreis Beeskow ist noch eine Fläche von ca. 110 ha mit Kartoffeln zu bestellen. Davon entfallen auf die VEG ca. 54 ha und auf die LPG ca. 35 ha.

Im Kreis Angermünde liegt die Kartoffelaussaat bei 63,1 %. Auch hier sind die VEG und LPG im Rückstand.

In der LPG Zörbitz, [Kreis] Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, wurden ca. 10 ha Rüben umgepflügt, da sie nicht aufgegangen waren. Es handelt sich um einen Versuchsplan von pillierten Rüben.

Die LPG Heinersdorf, [Bezirk] Frankfurt/Oder, stellte am 21.5.1955 fest, dass zwei Kartoffelmieten restlos verfault sind. Die Ursachen liegen in der schlechten Abdeckung der Mieten.

Brände

Am 27.5.1955, gegen 12.00 Uhr, brach in der Schmiede der LPG Fischbeck, [Kreis] Havelberg, [Bezirk] Magdeburg, ein Brand aus. Die Schmiede brannte vollkommen nieder. Schaden: ca. 3 500 DM. Ursache: noch nicht bekannt.

Am 26.5.1955 brach in Zwickau-Planitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bei einem Mittelbauern ein Scheunenbrand aus. Die Scheune brannte vollständig nieder. Schaden: ca. 25 000 DM. Ursache: vermutlich fahrlässige Brandstiftung.

Am 26.6.1955, gegen 14.30 Uhr, entstand in der LPG Sora, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, ein Scheunenbrand. Im unteren Teil der Scheune befanden sich Stallungen mit 110 Schweinen. Auf dem Boden lagerten ca. 100 Zentner Stroh, 20 Zentner Heu sowie Futtermittel. Ursache: bisher noch nicht ermittelt. Schaden: ca. 20 000 bis 25 000 DM. (Gebäude und Inventar.)

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Mit dem Stand vom 27.5.1955 beträgt die Zahl der Ruhrerkrankungen im Kreis Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, 233 Personen, davon sind bereits 74 Personen wieder entlassen. Von 162 Verbliebenen sind 21 Ruhrverdacht, 21 Ausscheider, 12 ungeklärte Fälle, 14 leichte Ruhr.

Von 26 erkrankten Personen aus dem Landkreis sind bereits 20 wieder entlassen.

Als Schwerpunkt der Erkrankungen bilden sich die Walzwerksiedlung27 und der Görden28 heraus.

Die Ursachen der Erkrankungen konnten trotz ständiger Untersuchung durch das Bezirkshygiene-Institut nicht geklärt werden. Zu bemerken ist, dass immer ganze Familien oder Bewohner eines gesamten Blockes erkrankt sind.

Diskussionen über die Ruhrerkrankungen nehmen im Bezirk Potsdam keinen großen Umfang an. Durch den Kreisarzt Dr. Rolbetzki29 wird behauptet, dass die Ruhrerkrankungen auf das chinesische Importfleisch zurückzuführen sind.

Am 25.5.1955, 11.30 Uhr, ereignete sich auf der Fernverkehrsstraße Nr. 71 bei der Gemeinde Kakerbeck30 ein schwerer Verkehrsunfall. Ein Lkw des »Karl-Liebknecht-Werkes« Magdeburg,31 welcher sich auf einer Fahrt zur Paten-LPG befand, stürzte um, wodurch ca. 20 Personen (Gewerkschafts- und Parteifunktionäre des Betriebes) teilweise schwer verletzt wurden. Drei Personen befinden sich in Lebensgefahr.32 Die Verletzten wurden in das Kreiskrankenhaus Gardelegen und Salzwedel eingeliefert.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht verändert.

  1. Zum nächsten Dokument V. Parlament der FDJ in Erfurt (II)

    31. Mai 1955
    V. Parlament der Freien Deutschen Jugend in Erfurt (II) [Information M 6/55]

  2. Zum vorherigen Dokument V. Parlament der FDJ in Erfurt (I)

    28. Mai 1955
    V. Parlament der Freien Deutschen Jugend in Erfurt (I) [Information M 5/55]