V. Parlament der FDJ in Erfurt (II)
31. Mai 1955
V. Parlament der Freien Deutschen Jugend in Erfurt (II) [Information M 6/55]
(Bericht vom 29.5. und 30.5.1955)
Nach den zugegangenen Informationen ist die Stimmung unter der Bevölkerung im Allgemeinen mit gut zu bezeichnen. Vor allen Dingen unter den Jugendlichen riefen die bisher durchgeführten kulturellen sowie sportlichen Veranstaltungen helle Begeisterung hervor.1
Im Kulturpark Cyriaksburg fanden mehrere Darbietungen statt. Schon in den Vormittagsstunden wurde das Gelände von ca. 12 000 Besuchern aufgesucht und die Veranstaltungen des Nachmittags erreichten eine Besucherzahl von ca. 35 000 Personen. Nach Rücksprache mit der Verwaltung des Parkes war dieser Besuch der Höhepunkt seit Bestehen des Geländes. Allerdings kann gesagt werden, dass das Gelände einem derart großen Ansturm nicht gewachsen ist, deshalb mussten die Eingänge zeitweilig geschlossen werden.
Für unsere westdeutschen Gäste wurde im Palast-Theater2 nach der Ansprache eines FDJlers der Film »Stärker als die Nacht«3 gezeigt. Das Referat wurde mit Begeisterung aufgenommen. Nachdem der FDJler die letzten Worte gesprochen hatte, standen alle Jugendlichen spontan auf und sangen das Lied »Wann wir schreiten Seit an Seit«.4
Das Filmgeschehen selbst verfolgten sie aufmerksam und an Stellen, wo vor allem die Entschlossenheit der Kommunistischen Partei und der Funktionäre zum Ausdruck kam, applaudierten sie.
In Diskussionen über das Parlament wurde besonders über den Punkt I in dem neuen Statut der FDJ »Jeder FDJler ist verpflichtet mit der Waffe seine Heimat zu verteidigen« gesprochen.5
Einzelne waren der Meinung, man brauche fürs erste kein Wehrgesetz, da jeder FDJler zur KVP müsste.6
Wieder andere meinten: »Diese Jugend hat ja auch etwas zu verteidigen, denn was bekommen die doch alles von unserem Staat für Vergünstigungen, was wir früher nicht kannten.« Schließlich muss man seine Dankbarkeit unserem Staat auch durch Taten beweisen und nicht nur durch Reden.
Argumente westdeutscher Jugendlicher zu einigen Fragen der heutigen Politik.
Zur Ratifizierung der Pariser Verträge7 wurde gesagt:
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»Beim Barras8 kann es uns auch nicht schlechter gehen als im Pütt.9 Im Pütt verrecken täglich Kumpels. Wir müssen uns halb totarbeiten und beim Barras haben wir abends unsere Ruhe, ein vernünftiges Bett und auch unser Geld.«
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»Wir sind doch ein demokratischer Staat und die Gesetze müssen eingehalten werden. Es wird also kaum möglich sein, um den Barras herumzukommen.«
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»Wir müssen an der Ausarbeitung der Wehrgesetze mitarbeiten, damit es eine demokratische Wehrmacht wird.«
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»Aufrüstung ist nicht schlimm, da gibt es wenigstens keine Arbeitslosigkeit.«
Die Gewerkschaftsjugend aus dem Saargebiet äußerte zum sozialistischen Kampf:
»Jetzt haben wir solange gestreikt und doch keine Lohnerhöhung erhalten. Ein Streik macht den Unternehmern nichts aus, die halten länger aus als wir. «
Die Gewerkschaftsjugend und die Falken10 meinten weiterhin:
»Ihr Kommunisten und FDJler seht immer viel zu schwarz und schätzt nicht richtig ein. Auch der Kapitalist ist ein Mensch und wenn wir mit ihm verhandeln, kommen wir weiter als mit Streiks und mit Kampf gegen ihn.«
Besondere Vorkommnisse
Bei der Ankunft der Rostocker-Delegation wurde festgestellt, dass das Ehepaar Adam fehlte.
Adam, Günter11 und seine Frau Adam-Bose, Uschi12 wurden in der Nacht vom 26.5.1955 republikflüchtig.
Der A. war stellvertretender Ensembleleiter und die Ehefrau Leiterin der Volkstanzgruppe.
Unter den Mitgliedern der Volkstanzgruppe herrschte eine starke Beunruhigung, da es die A. verstanden hatte, die Mehrheit von ihnen zu beeinflussen und in ihre Abhängigkeit zu bringen.
Auf dem Gelände der Cyriaksburg, wo u. a. durch die GST Sportschießen durchgeführt wurde, wurde der Mitarbeiter der Abteilung V unserer Bezirksverwaltung, Alfred Noll,13 durch eine verirrte Kugel verletzt. Noll stand auf dem Kinderspielplatz, der sich in unmittelbarer Nähe neben dem Schießstand befindet. Der Verletzte wurde zur Unfallstation gebracht. Das Projektil muss durch eine Operation entfernt werden. Das Schießen wurde sofort auf allen Ständen eingestellt.
In der Gaststätte zum »Deutschen Hof« erschien am 29.5.1955 eine Frau und erklärte, dass die Verpflegungsstelle aufzulösen sei, da sie nicht mehr benötigt würde. Die Rückfrage beim Org.-Büro ergab, dass dies nicht den Tatsachen entspricht. Die bisher geführten Ermittlungen zeigten noch keinen Erfolg, der o. a. Person habhaft zu werden.
Mangelnde Wachsamkeit der Verantwortlichen zum Schutze der jeweiligen Objekte führten in der Grundschule I »Rosa Luxemburg« zu folgendem Tatbestand:
Der Jugendliche [Name, Vornamen] aus Erfurt wurde von einem Jugendfreund beim Verlassen des Objektes festgehalten und die Kontrolle der Person ergab, dass er weder eine Teilnehmerkarte noch ein Dokument besaß. Er hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits eineinhalb Stunden im Objekt aufgehalten und das Hauptrohr der Wasseranlage abgestellt. Des Weiteren bewegte er sich in der mit Stroh ausgelegten Turnhalle mit einer brennenden Zigarette.
Der Jugendliche wurde der VP – Abt. K übergeben.