Zur Beurteilung der Situation in der DDR
24. Juni 1955
Informationsdienst Nr. 2461 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Gegenüber der letzten Berichtsperiode sind die Diskussionen zur Note der SU an die Bonner Regierung1 zurückgegangen, auch treten keine neuen Momente auf.
Die Stellungnahmen zur Viererkonferenz2 sind noch immer gering, was auch auf andere aktuelle Probleme zutrifft.
Zu dem Prozess gegen die KgU-Agenten3 vor dem Obersten Gericht der DDR4 nehmen vorwiegend fortschrittliche Kräfte Stellung, sodass die Äußerungen fast ausschließlich positiv sind. Übereinstimmend wird die Tätigkeit dieser Verbrecher verurteilt und die härteste Bestrafung gefordert.5 Besondere Empörung löste die von der KgU geplante Sprengung der Saaletalsperre aus.6
Einigen ist es unverständlich, dass sich immer wieder Elemente für solche Verbrechen finden.
Auch drücken die Stellungnahmen Freude über die Festnahme dieser Verbrecher durch die Sicherheitsorgane aus.
Zum Beispiel sagte ein Ingenieur aus dem Kaliwerk »Friedenshall« [Bezirk] Halle: »Ich habe mich mit vielen Arbeitern über den KgU-Prozess unterhalten und habe bisher niemanden festgestellt, der diese Banditen nicht abgelehnt hätte. Es herrscht eine allgemeine Genugtuung darüber, dass es den Staatsorganen gelungen ist, diese Verbrecher zu fassen und sie der gerechten Strafe zu zuführen.«
Die negativen Äußerungen stammen meist von feindlichen Elementen. Sie sprechen sich entweder gegen die »hohe« Bestrafung aus oder stellen die ganze Agententätigkeit als unwahr hin.
Zum Beispiel sagte ein Gütekontrolleur (CDU) aus dem VEB Landmaschinenbau Torgau, [Bezirk] Leipzig: »Es ist eine Schande, dass in einem Monat vier Personen zum Tode verurteilt worden sind.7 Man hat eine Brücke fotografiert und das nennt man Spionage. Es wird in der Zeitung davon geschrieben, dass in Westdeutschland Kommunisten eingesperrt werden, aber darüber, dass bei uns Menschen für nichts den Kopf abgehackt bekommen, wird nichts geschrieben.«
Ein Arbeiter aus dem »Ernst-Thälmann-Werk« Magdeburg:8 »Die in den Agentenprozessen Angeklagten sind von der SED gestellte Strohpuppen, die das sagen, was die SED will. Nach der Verurteilung verschwinden sie dann nach der SU oder woanders hin.«
Gegenüber dem von uns laufend Berichteten über die KVP-Werbung9 und Verstärkung der Kampfgruppen10 zeigt sich nichts wesentlich Neues. Der größte Teil der angesprochenen Jugendlichen lehnt den Beitritt zur KVP ab.11 Am häufigsten ist immer wieder das Argument: nicht freiwillig zu gehen, sondern es soll die Wehrpflicht eingeführt werden, sodass sie dann gezwungen sind zu gehen.
Auch gibt es noch immer einen beachtlichen Teil Genossen sowie Parteiloser, die die Bedeutung der Kampfgruppen nicht erkennen und sich demzufolge ablehnend verhalten.
Fragen der Intelligenz
Im Chemischen Werk Buna beklagt sich der Betriebsleiter von C 17 darüber, dass die Investpläne für wissenschaftliche Forschungsarbeiten zu wenig beweglich sind. Wenn er solche Arbeiten durchführt und dabei auf neue Momente stößt, ist er nicht in der Lage, Zusatzgeräte zu beschaffen, weil der Investplan dies nicht zulässt. Deshalb ginge es dann los mit dem Eigenbau, der weit mehr Geld verschlingt, als die von einer Spezialfirma bezogenen Geräte.
Im Konstruktionsbüro der Neptunwerft in Rostock herrscht seit längerer Zeit eine äußerst schlechte Arbeitsorganisation sowie Arbeitsdisziplin. Besonders Jungingenieure sind entweder tagelang ohne Arbeit oder es werden Arbeiten an sie vergeben, die ältere Kollegen ablehnen. Dies trägt nicht zur fachlichen Weiterbildung der Jungingenieure bei. Aus diesem Grunde versuchen sie, in anderen Betrieben Beschäftigung zu bekommen. Auch wird dadurch ihre politische Einstellung ungünstig beeinflusst, was sich in einer verstärkten Republikflucht ausdrückt.
(In kurzer Zeit setzten sich zwölf Mitarbeiter des Konstruktionsbüros nach dem Westen ab.)
In den letzten zwei Jahren wurden im VEB Anlagenbau Leipzig ca. 23 Spezialkräfte republikflüchtig. Zuletzt setzte sich ein Gleichrichterspezialist (Diplom-Ingenieur) nach dem Westen ab. Dies war der fünfte Fall seit dem 14.4.1955.
Im VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow, [Bezirk] Potsdam, wurden fünf Außenmonteure beauftragt, am Bau einer Kesselanlage in Lauta zu arbeiten. Alle fünf wurden aus unbekannten Gründen republikflüchtig. (Vier davon waren im Alter von 19 bis 27 Jahren.)
Exportfragen
Verschiedentlich kommt es vor, dass Exportlieferungen von ausländischen Bestellfirmen reklamiert werden.
Zum Beispiel kommt es bei den Exportlieferungen von Messautomaten des VEB Feinmess Suhl nach der ČSR laufend zu Beanstandungen.
Bei den Messautomaten handelt es sich um eine Neukonstruktion, die im Werk als mangelhaft bezeichnet wird.
Der VEB Kaliwerk »Marx-Engels« Unterbreitenbach, [Bezirk] Suhl, lieferte vor einiger Zeit eine Sendung von 60 % Chlorkalium nach Neuseeland. Von dort kam eine Beanstandung, dass die Lieferung Eisenteile und Steinsalzbrocken enthalten hätte. Von dem DIA wurde diese Sendung zurückgefordert und im o. g. Werk untersucht, dies ist bis jetzt noch nicht abgeschlossen.
Ähnliche Erscheinungen treten auch im Kaliwerk »Ernst Thälmann« Suhl auf.
Bei dem VEB Porzellanwerk Triptis, [Bezirk] Gera, treffen laufend Reklamationen aus den Ländern Österreich, Holland, Griechenland und auch aus Westdeutschland ein.
So beanstandete z. B. Österreich, dass bei einer Sendung im Mai 1955 eine Fehlmenge von 270 Tellern und ein Mocca-Service zu verzeichnen war. Dagegen enthielt die Sendung eine Anzahl Teller und Tassen, die nicht bestellt waren.
Ähnlich sind auch die Beschwerden aus den anderen Ländern.
Bei den betrieblichen Mängeln und Unzulänglichkeiten spielen weiterhin vor allem die Materialschwierigkeiten in den verschiedensten Industriezweigen eine Rolle.
Entweder klagen die Betriebe über unregelmäßige Lieferungen durch die Zubringerbetriebe oder über das Nichtausreichen der Kontingente sowie über verzögerte Importlieferungen.
Die Auswirkungen sind immer wieder die gleichen, u. a. wird auch die Stimmung der Beschäftigten dadurch beeinflusst. Besondere Verärgerung besteht über die Wartestunden, die durch den Materialmangel hervorgerufen werden.
So besteht z. B. in der Roßlauer Schiffswerft, [Bezirk] Halle, über die laufend anfallenden Wartestunden eine schlechte Stimmung.
Dazu äußerte ein Arbeiter: »Wir haben immer wieder Wartezeiten, die da oben, die das verschulden, mussten auch einmal welche haben, damit sie wissen wie es ist, wenn man weniger verdient. Aber die bekommen immer ihr volles Gehalt.«
In nachstehenden Betrieben fehlt es an folgendem Material:
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VEB »Apollo-Werk« Gößnitz,12 [Bezirk] Leipzig (Bleche, Schrauben und Muttern);
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VEB »Rheinmetall« Sömmerda, [Bezirk] Erfurt (Einzelteile für die Moped-Produktion);
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VEB IKA Worbis, [Bezirk] Erfurt (Zinkband);
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Eisenhüttenwerk Thale, [Bezirk] Halle, und VEB Walzlager Fraureuth, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Kugellager);
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VEB Teppichwerk Gera (Rohstoffe);
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VEB Feintuch Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus (Zellwolle und Wolle) und
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Jutespinnerei Meißen, [Bezirk] Dresden (Flachs und Hanf).
Aus dem Sektor Kraftverkehr kommen laufend Klagen über Reifenmangel. Dies wirkt sich größtenteils so aus, dass die Kraftwagen nicht einsatzfähig sind und dadurch der Personen- und besonders der Berufsverkehr beeinträchtigt werden.
Zum Beispiel sind beim Kraftverkehr Hettstedt, [Bezirk] Halle, 50 % aller Autobusse des Berufsverkehrs nicht einsatzfähig. Seit einem Jahr wurde keine Bereifung geliefert.
Unter den Walzwerkern und den Arbeitern der Hettstetter Feinhütten13 herrscht eine schlechte Stimmung, da ein regelmäßiger Berufsverkehr nicht gewährleistet ist.
Aufgrund des Reifenmangels mussten im VEB Kraftverkehr Demmin und Neubrandenburg Omnibusse aus dem Verkehr genommen werden. Außerdem fährt der größte Teil ohne Ersatzreifen und in einem Zustand, der für den Personenverkehr kaum zulässig ist.
Im VEB Trikotagenwerk Limbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern für 1,5 Mio. DM hochwertige Artikel, die nicht abgesetzt werden können. Darüber sind die Beschäftigten sehr ungehalten, da andererseits von ihnen Produktionssteigerungen verlangt werden. Sie verlangen, dass sich entweder Vertreter der Regierung oder der Partei um diese Angelegenheit kümmern und im Betrieb in einer Versammlung über diese Missstände sprechen sollen.
(Durch diese Absatzschwierigkeiten musste das Werk erhebliche Kredite aufnehmen, um überhaupt die Löhne auszahlen zu können.)
Produktionsstörungen
Am 23.6.1955, gegen 2.07 Uhr, fielen durch Erdschluss von der elektrischen Unterstation – Bau 207 – des Leuna-Werkes die Turbinen 1 und 5 aus. Durch den Ausfall der Turbine 1 fielen sämtliche Turbinen aus, welche auf die Zentrale geschalten sind. Es handelt sich um die Turbine 1, 6, 7, 8 im Bau 516 und die Turbinen 18 und 20 im Bau 203 sowie die Turbinen 23 und 25 im Bau 204.
Durch den Ausfall dieser Turbinen war die Stromversorgung nach der Sauerstofffabrik, dem Wasserwerk Daspig und teilweise zum Gaskompressor der Hydrierung und des Salzbetriebes unterbrochen.
Gegen 2.35 Uhr wurden in den einzelnen Bauten die Aggregate wieder angefahren. Schaden und Produktionsausfall noch nicht bekannt.
Im Braunkohlenwerk Golpa, [Bezirk] Halle, fiel der Absetzer 977 im Tagebau II infolge Störungen im Eimerkettenantrieb vier Stunden aus. Produktionsausfall: 4 000 cbm Abraum.
Der Absetzer 990 fiel infolge Schadens am Antrieb der Eimerkettenbandvorrichtung gleichfalls aus. Produktionsausfall: 35 000 cbm Abraum.
Am 21.6.1955 musste im VEB Lobstädt,14 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, der gesamte Betrieb für ca. 2½ Stunden stillgelegt werden. Ursache: Am »Redler«15 hatte sich der Durchlass gelockert. Produktionsausfall: 70 t Brikett.
Am 20.6.1955, in der Zeit von 19.50 Uhr bis 21.05 Uhr, war der gesamte Tagebau Witznitz, [Kreis] Borna, außer Betrieb. Ursache: Die Turbinen in Großzössen16 waren ausgefallen. Produktionsausfall: 1 500 cbm Abraum und 600 t Rohkohle.
Am 21.6.1955, in der Zeit von 7.00 bis 14.00 Uhr, war im VEB Kombinat Böhlen der Absetzer 16 durch das Entgleisen einer E-Lok blockiert. Produktionsausfall: 2 880 cbm Abraum.
Am 20.6.[1955], von 3.00 bis 20.10 Uhr, war im gleichen Werk der Bagger 8 außer Betrieb. Ursache: Kettenbruch. Produktionsausfall: 1 000 cbm Abraum.
Am 21.6.1955, um 7.30 Uhr, erfolgt im Braunkohlenwerk Goitzsche, [Kreis] Bitterfeld, eine Betriebsstörung auf dem Gleis der Kohlenbahn. Vier Reichsbahnwagen wurden stärksten beschädigt. Schaden: 60 000 DM.
Im Tagebau Pegau,17 BKW Deuben, [Bezirk] Halle, stießen am Stellwerk zwei Abraumzüge durch grobe Fahrlässigkeit des Stellwerkers zusammen. Schaden: ca. 2 800 DM.
Im VEB Brikettfabrik Haselbach, [Bezirk] Leipzig, stand am 20.6.1955 von 19.15 bis 19.45 Uhr der gesamte Betrieb still. Ursache: Stromstoß durch den Stromanschluss von Regis. Produktionsausfall: noch nicht bekannt.
Im Braunkohlenwerk Deuben wurde am 21.6.1955 die Brikettfabrik 1 infolge elektrischer Störungen außer Betrieb genommen. Produktionsausfall ca. 400 t Brikett.
Am 19.6.1955, gegen 21.20 Uhr, wurde in der Bahnhofswirtschaft der Station Mittenwalde bei Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, öffentlich eine Fernsehübertragung des RIAS durchgeführt. anwesend ca. 25 Personen.
Am 21.6.1955 wurden im RFT Zittau-Olbersdorf in der Abteilung Peilermontage 17 Antennen-Ableitungen für Peilanlagen des Seefunkes heruntergerissen und dadurch zerstört. Es handelt sich um Exportaufträge.
Auf dem Gelände des Stahlwerkes Riesa wurde eine Hetzlosung angeschmiert, und in einer Männertoilette des Bahnhofes Zwickau stand die Hetzlosung: »Auch der Normenschwindel muss fallen, denn das ist kommunistisch und Kommunismus ist unser Untergang. Russischer Soldat gehe heim, dann haben wir wieder Ruhe!«
Unter den E-Schweißern des Stahl- und Walzwerkes Hennigsdorf wurde das Gerücht verbreitet, dass in Westberlin am Bahnhof Beuselstraße eine Fabrik wäre, die vornehmlich E-Schweißer aus dem demokratischen Sektor von Berlin und aus der DDR einstellen würde.
Am 23.6.1955 wurde im Arbeiterzug von Leipzig nach Espenhain das Gerücht verbreitet, dass auch in der DDR eine 10%ige Mietserhöhung erfolgen würde.
Versorgung der Bevölkerung
Über den noch immer bestehenden Mangel an HO-Margarine18 werden von der Bevölkerung weiterhin Klagen geführt. Damit im Zusammenhang kommt es auch zu negativen Diskussionen.
Der Inhalt derartiger Diskussionen ist, wie schon des Öfteren berichtet, der, dass man sagt, zehn Jahre nach Kriegsende dürften solche Pannen in der Versorgung nicht mehr auftreten, ob dies der viel versprochene Wohlstand im letzten Jahr des ersten Fünfjahrplanes sei, usw.
In Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, wurden in mehreren Verkaufsstellen festgestellt, dass größere Mengen Margarine (bis zu zehn kg) von einem Betrieb aus dem Kreis Bautzen aufgekauft wurden, da in Bautzen zurzeit die Margarine sehr knapp ist.
In den Gemeinden Muschwitz, Söhesten,19 Kreischau20 und Tornau, Kreis Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, erhielten die Verkaufsstellen nur 15 kg Margarine. Die Gemeinde Mutzschen und Göthewitz erhielten 30 kg, was aber bei Weitem für die Befriedigung des Bedarfs der Gemeinden nicht ausreicht.
In der Gemeinde Rattey, [Kreis] Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, wo der Konsum21 nur zehn kg Margarine erhielt, kam es unter den Einwohnern zu Unzufriedenheit.
Das Gleiche ist in der Gemeinde Schönebeck, Kreis Strasburg, zu verzeichnen, wo man den werktätigen Bauern keine Margarine mehr verkauft mit der Begründung, »sie hätten ja Kühe im Stall und damit auch Butter«.
Neben dem Mangel an Rindfleisch, Hülsenfrüchten, Süßwaren, Kakao, Tee, Kaffee, Marmelade, Kunsthonig, besteht weiter der Mangel an billigen Zigaretten, anderen Bedarfsgütern wie Textilien, Sommer-Konfektion, -stoffe, Mäntel usw., Milchkannen (Bauern können hierdurch keine Milch an die Molkereien liefern) usw. Der Mangel an diesen Waren wird im großen Umfang gemeldet.
Der Kartoffelmangel besteht ebenfalls noch, was sich besonders, wenn in den nächsten Tagen keine Abhilfe geschaffen wird, in den Großbetrieben, FDGB-Heimen usw. bemerkbar macht.22
Die Belieferung der Bevölkerung mit Frischgemüse ist ungenügend. Es kommt dadurch morgens vor, dass die Hausfrauen vor den Gemüsegeschäften Schlange stehen.
Innerhalb des Kreiskonsumverbandes Erfurt kam es zu Diskussionen über die Preisanordnung 416 vom 16.5.1955 »Anordnung über die Verkaufspreise für frisches Obst und Gemüse«.23
Es wurde festgestellt, dass sich die praktische Auswirkung dieser Preisordnung in einer außerordentlichen Begünstigung des privaten Handels beim freien Aufkauf zeigen wird. Während dem staatlichen, genossenschaftlichen und kommunalen Handel festliegende Höchstpreise für den Aufkauf sowie für den Verkauf Mindestpreise vorgeschrieben sind, ist dem privaten Handel beim freien Aufkauf preisrechtlich völlige Handlungsfreiheit gegeben. Die Mitarbeiter des Kreiskonsumverbandes Erfurt sind der Ansicht, dass dem privaten Handel Vorteile eingeräumt werden, die unserer wirtschaftlichen Entwicklung zuwiderlaufen.
Die Nachfrage nach Eiern kann im Bezirk Halle nicht befriedigt werden, weil der Aufkauf durch die Erfassung sehr schleppend erfolgt. Wenn die Eier täglich in den Handel gelangen, sind sie in kurzer Zeit ausverkauft. Der Einlagerungsplan von Eiern sah bis 10.6.1955 18,4 Mio. Stück vor. Bis zu diesem Termin wurden aber nur ca. 10 Mio. Stück erreicht.
Im gesamten Kreis Borna, [Bezirk] Leipzig, kommen 8 Mio. [DM] Bergarbeiterprämie zur Auszahlung, die durch das mangelnde Warenangebot nicht aufgefangen werden können.
Zum Beispiel plant das Werk Thräna24 eine Modenschau mit Verkauf (von diesem Werk werden 600 000 DM ausgezahlt), aber der Konsum kann kein reichhaltiges Angebot bringen.
Von den Bergarbeitern werden besonders Bekleidungsstücke, Bettwäsche, Motorräder und andere Gebrauchsgegenstände gefragt.
Aus einer Aufstellung der Sparkassen für den Bezirk Magdeburg geht hervor, dass die Einzahlung der letzten Monate gegenüber Anfang des Jahres erheblich nachgelassen haben. Auch die Auszahlungen sind größer, jedoch macht sich dies hier nicht so bemerkbar wie bei den Einzahlungen (ca. 1,4 %).
Folgendes Beispiel zeigt den Rückgang der Einzahlungen:
[Monat] | GB | DBB | BHG | Sparkasse | Gesamt |
|---|---|---|---|---|---|
Januar | 2 023 | 721 | 4 093 | 16 812 | 23 649 |
März | 1 207 | 349 | 4 083 | 12 829 | 18 468 |
Mai | 1 236 | 252 | 2 557 | 10 813 | 14 858 |
Die Lage in der Landwirtschaft
Die Gespräche über die Note der SU an die Bonner Regierung bestimmen, wenn auch nicht mehr in so starkem Maße wie in den ersten Tagen, die politischen Diskussionen. Sie haben sich nicht wesentlich verändert und tragen vorwiegend positiven Charakter. Negative Diskussionen (nur gering) dazu, sind von feindlichen Elementen, die damit eine Hetze gegen die SU und die DDR verbinden.
Zu den anderen politischen Problemen, Viermächte-Verhandlung usw. werden nur vereinzelt Diskussionen bekannt.
Etwas breiteren Raum nehmen noch die Diskussionen über den Prozess gegen die fünf KgU-Agenten ein. Die dazu bekannt gewordenen Stimmen sind positiv. Sie drücken alle im Wesentlichen aus, dass diese Agenten die härteste Strafe verdient haben, weil sie den friedlichen Menschen nach dem Leben trachten. Dazu wird auch gesagt, dass dieser Prozess, der nicht der erste ist, wieder einmal allen die Pflicht aufzeige, die Staatsorgane in ihrer Arbeit zu unterstützen, indem von jeden einzelnen ehrlichen und friedliebenden Deutschen noch mehr Wachsamkeit geübt wird. Weiter wird zum Ausdruck gebracht, dass es ganz richtig ist, wenn mit diesen Verbrechern ein öffentlicher Prozess durchgeführt wird, damit den übrigen Agenten die Lust zur Spionage und Sabotage genommen wird.
Dazu sagte z. B. ein Traktorist von der MTS Wessin, [Bezirk] Schwerin: »Mit solchen Banditen sollte man keinen großen Prozess machen. Denn solchen Menschen, die anderen nach dem Leben trachten, sollte man alle zum Tode verurteilen. Wir wissen, welche ungeheure Gefahr deren Tätigkeit für uns alle bedeutet. Darum ist es Pflicht aller ehrlichen Menschen wachsam zu sein.«
Augenblicklich steht in der Landwirtschaft das Problem der Hackfruchtarbeiten, die in verschiedenen Fällen noch sehr zurückliegen. Besonders tauchen die Schwierigkeiten bei dem Hacken und Verziehen der Rüben auf. Es werden noch nicht überall Neuerermethoden25 angewandt, womit die Arbeiten schneller und mit weniger Muskelkraft durchgeführt werden, wie das z. B. in der LPG Göhren, [Kreis] Querfurt, [Bezirk] Halle, der Fall ist. Dort ging man zum maschinellen Querhacken der Rüben über und hat dabei gute Erfolge und Einsparung von Arbeitskräften erzielt. Dieses Beispiel war Anlass dafür, dass auch in anderen LPG diese Methode angewandt wurde.
So werden Schwierigkeiten bei der Pflege der Hackfrüchte aus einigen Kreisen des Bezirkes Magdeburg berichtet. Im Kreis Zerbst sind insgesamt 2 777 ha Rüben zu verziehen. Bis zum 13.6.[1955] wurden aber nur ca. 676 ha (24 %) verzogen. Besonders treten Schwierigkeiten in den LPG Lindau, Dornburg, Badetz, Hohenlepte und Steutz auf. Durch den anhaltenden Regen konnten in diesen LPG nicht die Maschinen eingesetzt werden, sodass die Genossenschaftsbauern die Arbeiten zum großen Teil mit der Hand machen mussten. Durch den Mangel an Arbeitskräften kamen diese LPG mit ihren Arbeiten weit in Rückstand.
Im Kreis Loburg sind die Pflegearbeiten bis zum 17.6.[1955] erst zu 16 % durchgeführt worden. Ursache sind [sic!] hier auch Arbeitskräftemangel.
Im Kreis Stendal sind die gleichen Erscheinungen wie im Kreis Zerbst zu verzeichnen. Auch hier arbeiten mehr Saisonarbeiter bei Großbauern,26 da sie dort mehr Geld verdienen. Die Arbeiten in den LPG bleiben dadurch zurück, weil außerdem die Maschinen teilweise nicht eingesetzt werden können.
Auch im Bezirk Frankfurt/Oder liegen die Hackfruchtarbeiten noch sehr zurück. Ganz besonders tritt dies im Kreis Strausberg auf.
Es ist bereits vorgekommen, dass mehrere Hektar Rüben umgepflügt wurden, weil die Felder vollkommen verkrautet waren.
In den letzten Tagen wurde des Öfteren über das stärkere Auftreten der Rübenfliege und anderen Schädlingen berichtet.
So sind zum Beispiel in der Gemeinde Schönhagen, [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, die Rübenfelder sehr stark von der Rübenfliege befallen, sodass schon ca. 80 % der Futterrüben vernichtet sind.
Der Bürgermeister erhielt vom Pflanzenschutzamt die Anweisung, das in der Gemeinde lagernde Pflanzenschutzmittel »Wofatox«27 dafür nicht auszugeben, da dieses für die Kartoffelkäferbekämpfung bestimmt sei. Nach Anforderung und Auslieferung des Pflanzenschutzmittels wurde vom Pflanzenschutzamt als Grund für die ungenügende Lieferung angegeben, »man hätte in diesem Jahr mit so einem starken Auftreten der Rübenfliege nicht gerechnet«.
In Hettstedt, [Bezirk] Halle, ist die Rübenfliege ebenfalls stark verbreitet.
Im Kreis Roßlau, [Bezirk] Halle, ist der Kartoffelkäfer stark aufgetreten.28
Im Gelände des Braunkohlenwerkes Großkayna, [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, wurde der Spitzmausrüssler,29 der die Klee- und Luzernenfelder vernichtet, festgestellt.
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus.30
Im ÖLB Ganschow, [Kreis] Güstrow, [Bezirk] Schwerin31 – Bestand 21 Schweine – verendet vier – notgeschlachtet 17.
Bei einem Mittelbauern aus Ladenthin,32 [Bezirk] Neubrandenburg33 – Bestand 38 Schweine – verendet 16 – notgeschlachtet – 14.
Bei einer Kleinbäuerin aus Rollwitz, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg34 Bestand zwölf Schweine – verendet zwei – notgeschlachtet zehn.
In der LPG Breitenheerda, [Kreis] Jena, [Bezirk] Gera, wurden in den letzten Tagen sieben schriftliche Austrittserklärungen abgegeben. Als Begründung werden Streitigkeiten innerhalb der LPG angegeben.
In der LPG »Vereinte Kraft« in Falka, [Bezirk] Gera, herrscht ebenfalls eine unzufriedene Stimmung und einzelne Genossenschaftsbauern tragen sich mit dem Gedanken aus der LPG auszutreten. Der Grund liegt hier im Mangel an Arbeitskräften, da alle Mitglieder außer dem Vorsitzenden schon über 60 Jahre alt sind.
Auch in der LPG Zukunft in Mosen, [Bezirk] Gera, sind Austrittserscheinungen zu verzeichnen, die auf die schlechte Arbeit des Vorsitzenden zurückzuführen sind.
Am 20.6.1955 nachmittags legten Erntehelfer aus Karl-Marx-Stadt, die zurzeit aus dem ÖLB35 in Pragsdorf, [Bezirk] Neubrandenburg, tätig sind, die Arbeit nieder. Die Erntehelfer sind ca. acht Tage dort beschäftigt und verlangten Weiterzahlung ihres Lohnausgleiches, den sie als Industriearbeiter hatten. Insgesamt befanden sich auf dem ÖLB zwölf Erntehelfer, von denen fünf wieder zurückfuhren, weil ihnen der Verdienst zu gering war, sieben Erntehelfer verbleiben auf dem ÖLB und zeigen eine gute Arbeitsmoral.
Am 20.5.1955 legten im ÖLB Badeleben, [Kreis] Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, von 28 dort beschäftigten Frauen 25 die Arbeit nieder. Diese Brigade ist jedes Jahr in der Saison beschäftigt worden. Die Frauen zeigen eine schlechte Arbeitsmoral. Der Leiter des ÖLB ist bestrebt, diesen unrentablen Betrieb in einen rentablen zu verwandeln und er erklärte deshalb den Frauen, ab 20.6.[1955] den Leistungslohn einzuführen. Da die Einführung des Leistungslohnes von der Betriebsleitung, der BGL und der BPO nicht richtig vorbereitet wurde, entstanden Unklarheiten in der Bezahlung von Wegegeldern. Außerdem ist der Acker stark verunkrautet, was den Leistungslohn beeinträchtigen würde.
Am 22.6.[1955] wurde die Arbeit früh wieder aufgenommen.
Unter den Genossenschafts-, Einzel- und Großbauern in Zeitz, [Bezirk] Halle (Gemeinde Spora und Nißma), sind Unstimmigkeiten aufgetreten, weil einzelne Bauern versuchen, Schulkinder vom Rübenverziehen in der LPG fernzuhalten und sie für sich zu gewinnen. Dadurch nahmen am 20.6.[1955] von 20 Kindern 15 die Arbeit in der LPG nicht auf.
In verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben im Kreis Zeitz, [Bezirk] Halle, wurden größere Flächen Rüben umgebrochen, weil der einkeimige Rübensamen nicht aufgegangen war.
Am 21.6.[1955] mussten in der LPG Heßberg, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, 13 Schweine notgeschlachtet werden. Es wird vermutet, dass beim Bau des Schweinestalles eine Farbe verwendet wurde, welche sich auf die Organe der Schweine schädlich ausgewirkt hat.
Am 20.6.[1955] wurde auf dem Gerstenfeld eines Mittelbauern in Gabersdorf, [Kreis] Weimar, [Bezirk] Erfurt, ein Hakenkreuz, dass durch besonders gute Düngung gegenüber der anderen Saat viel größer gewachsen war (Größe 7 × 7 m), festgestellt. Der Bürgermeister des Ortes ließ das Hakenkreuz entfernen.
Durch den stellvertretenden Leiter der LPG-Hochschule Meißen,36 [Bezirk] Dresden, wurde bekannt, dass gefälschte Schreiben an Genossenschaftsbauern verschickt wurden. Diese Schreiben beinhalten eine Einladung für einen angeblich am 22.6.[1955] beginnenden Lehrgang. Dadurch gab es bereits an der LPG-Hochschule einige Anfragen wegen der Anmeldung für diesen Lehrgang.
Am 19.6.1955 wurden in den Kreisen Glauchau und Stollberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, handgroße Heupäckchen gefunden, die nach Zeugenaussagen aus der Luft gekommen sein sollen. In einem Falle wurden im Kreis Glauchau diese Päckchen von einem Bauern bei der Heuernte mit eingefahren. Es handelt sich um vorjähriges Heu. Untersuchung wird sofort durchgeführt.
Einschätzung der Situation
Die Diskussionen zu aktuellen politischen Fragen haben weiterhin einen überwiegend positiven Charakter. Die Diskussionen über die Note der SU an Bonn gehen allmählich zurück.
Die Abwürfe feindlicher Flugblätter haben in den letzten Tagen erheblich nachgelassen.
Sonst zeigen sich keine besonderen Veränderungen in der Lage.