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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

5. Juli 1955
Informationsdienst Nr. 2464 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Aus den politischen Gesprächen der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben, die im geringen Maße über die gegenwärtigen Probleme geführt werden, geht immer wieder der Wunsch nach baldiger Lösung der Deutschlandfrage hervor.

Die Mehrzahl der Äußerungen sind positiv und enthalten eine Befürwortung der sowjetischen Politik.

Übereinstimmend werden die Bemühungen der SU hinsichtlich der Entspannung der internationalen Lage sowie der Festigung des Friedens hervorgehoben.

Dabei erwähnt man größtenteils die Rede1 des Genossen Molotow2 auf der UN-Jubiläumstagung3 sowie seine Ausführungen auf der Pressekonferenz4 in San Francisco.5

Die dort gemachten Vorschläge finden Anerkennung und Zustimmung.

Negativ beeinflusste Kräfte nehmen in verleumderischer Weise zu der Pressekonferenz Stellung, indem sie behaupten, die SU bestehe nicht mehr auf ein demokratisches Deutschland und es wäre daher möglich, ein bürgerliches Deutschland herzustellen.

Zum Beispiel sagte ein Kollege aus dem Karl-Marx-Werk in Magdeburg:6 »Diese Erklärung ist sehr zweideutig. Man kann bald annehmen, dass Molotow nicht darauf besteht, dass die jetzige Regierung der DDR bestehen bleiben soll. Bei einer Wahl wird Westdeutschland sowieso gewinnen.«

Ein Parteiloser aus dem VEB Qualitätsmöbelfabrik Eilenburg, [Bezirk] Leipzig: »Bei freien Wahlen gibt es in Deutschland eine bürgerliche Mehrheit. Die VEB werden auch ihren Besitzern wieder zurückgegeben.«

Ein Schlosser aus dem Buna-Werk: »Man sieht, dass die Russen jetzt bedeutend nachgeben und wir werden zu einer Einheit kommen, nicht wie sie hier propagiert wird, sondern nach dem Beispiel Adenauers.«7

Ein Arbeiter (parteilos) aus dem VEB Fischkombinat Saßnitz, [Bezirk] Rostock: »Jetzt werden wir bald eine gesamtdeutsche Regierung haben, denn Molotow hat sich in San Francisco geäußert, dass er die Adenauer-Regierung und auch unsere Regierung ablehnt.«

Des Weiteren werden im geringen Maße auch negative Diskussionen über die Note der SU an die Bonner Regierung8 geführt. Dabei zeigt sich meist eine Befürwortung der Adenauer-Politik und zum anderen die Hoffnung auf »Regelung« der Oder-Neiße-Grenze.

Zum Beispiel sagte ein Schichtmeister aus dem Wismut-Schacht9 13 – Aue –: »Nie wird Westdeutschland die Oder-Neiße-Grenze anerkennen. Ich selbst kann es auch nicht, denn die Ostgebiete waren unsere Kornkammer und Kohlelager.«

Ein Kollege aus dem Bahnbetriebswerk Jüterbog, [Bezirk] Potsdam: »In Moskau wird Adenauer bestimmt die Oder-Neiße-Grenze zur Sprache bringen, denn Adenauer ist ein fähiger Mann. Die Grenzen können ja bestehen bleiben, aber man soll die Leute wenigstens wieder zurücklassen in ihre Heimat. Der Russe muss doch selbst einsehen, dass es ein großes Unrecht war, die vielen Menschen auszusiedeln.«

Einige Kollegen aus dem Elektro-Chemischen-Kombinat Bitterfeld brachten zum Ausdruck, dass Adenauer bestimmt in Moskau die Oder-Neiße-Grenze ansprechen würde, denn »die Neubürger10 wollen doch alle wieder in ihre Heimat«.

Bei der KVP-Werbung11 zeigt sich neben den positiven Erscheinungen immer wieder bei einem großen Teil der Jugendlichen eine mangelnde Verteidigungsbereitschaft. Deshalb lehnen viele den Beitritt zur KVP ab und kein geringer Teil setzt sich sogar nach dem Westen ab.

Zum Beispiel wurden in den letzten zehn Tagen im Kreis Magdeburg, vorwiegend aus den Betrieben, 127 Personen republikflüchtig, davon 40 % Jugendliche. Von einigen Jugendlichen wurden Äußerungen bekannt, aus denen hervorging, dass sie sich durch die Flucht nach dem Westen der KVP-Werbung entziehen wollten.

In den Bergwerksgebieten der Bezirke Suhl, Halle, Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt sowie im Wismut-Gebiet wurde am Sonntag unter guter Beteiligung der Bevölkerung der »Tag des Bergmannes«12 begangen. Die Kumpel brachten in Diskussionen ihre Freude über die Unterstützung seitens der Regierung zum Ausdruck, die sie den Beschäftigten der Bergwerke gewährt.

Unter anderem heißt es in den Stellungnahmen, dass es noch nie in Deutschland so eine Anerkennung der Kumpel, wie dies in der DDR der Fall ist, gegeben habe. Die Freude der Kumpel darüber zeigt sich nicht nur in den positiven Äußerungen, sondern auch in den zahlreichen Ehrenschichten, die anlässlich des »Tages des Bergmannes« verfahren wurden.

In den Objekten 02 und 11 – Oberschlema – verfuhren z. B. die Brigaden 3 296 Stoß- und Ehrenschichten mit einer durchschnittlichen Leistung von 160 %. Die Spitzenleistungen liegen bei 214 %.

Die Kumpel in Osternienburg, [Bezirk] Halle, erhielten bis zu 12 % ihres Jahreseinkommens als Prämie ausgezahlt.

Dazu äußerte ein Bergmann: »So etwas gab es bei den Kapitalisten nicht, dass wir so viel Geld bekamen. Wer da noch sagt, unser Arbeiter- und Bauern-Staat hat nichts für uns übrig, den muss man an die alten Zeiten erinnern, wo wir mehr als acht Stunden gearbeitet haben und kaum das nötigste Essen hatten.«

Bei der Kundgebung im Objekt Zipsendorf des VEB Phönix – Mumsdorf,13 [Bezirk] Leipzig, war eine gute Stimmung zu verzeichnen. Diese erreichte ihren Höhepunkt, als sich nach der Ansprache eines Vertreters unserer Partei 28 Jugendliche freiwillig zur KVP verpflichteten.

Im Allgemeinen nehmen die Veranstaltungen einen guten Verlauf und es kam zu keinen besonderen Zwischenfällen.

Fragen der Intelligenz

Der VEB Sachsenwerk Niedersedlitz, [Bezirk] Dresden, wurde vom zuständigen Ministerium angewiesen, 15 Jungingenieure (Hochschulabsolventen) einzustellen. Schwierigkeiten ergeben sich insofern, dass den Jungingenieuren kein Wohnraum zur Verfügung gestellt werden kann, da für Dresden und Umgebung keine Zuzugsgenehmigung erteilt wird.

Trotzdem das Ministerium davon in Kenntnis gesetzt wurde, besteht es weiter auf Einstellung dieser Absolventen, ohne sich aber für die Freigabe von Wohnraum einzusetzen.

Alle Bemühungen des Betriebes blieben bisher ohne Erfolg.

Im Zuge einer Arbeitsplatzüberprüfung in der Konstruktionsabteilung des VEB RFT-Friedrichshain Berlin wurden ca. 30 Kollegen des Verwaltungsbereiches (es handelt sich um Techniker, die nicht auf Montage gehen und im Innendienst tätig sind) aus der Einstufung der I-Gruppen herausgenommen. Nach einer vor längerer Zeit im Gesetzblatt veröffentlichten Anweisung erfüllen diese Kollegen nicht die Bedingungen für die Einstufung in die I-Gruppen, d. h. sie können keine Abschlussprüfung als Techniker nachweisen.14

Durch die Einstufung in die technische Lohngruppe werden künftig die Kollegen von der Zahlung der Quartalsprämien ausgeschlossen.15

In ihren Diskussionen bringen sie zum Ausdruck, dass Westberliner Betriebe Arbeitskräfte mit ihren Erfahrungen und fachlichen Voraussetzungen einstellen und dass den Technikern dort keine Einschränkungen auferlegt würden.

Im Eisenwerk Calbe, [Bezirk] Magdeburg, wurde der Assistent (Ingenieur) des technischen Direktors republikflüchtig. Aus Hanau teilte er am 25.6.[1955] dem Kaderleiter des Betriebes mit, dass er in Westdeutschland eine bessere Arbeit erhalten hätte.

Der Genannte war in der SED und FDJ und hatte sich freiwillig zur KVP gemeldet.

Im VEB Bürochemie Dresden setzte sich ein Chemie-Ingenieur über Westberlin nach Argentinien ab. Er ging auf ein Angebot ein, dass in einer Fachzeitschrift, die im Betrieb gehalten wird, veröffentlicht war. Der Ingenieur hat Kenntnis von der Zusammensetzung der Dokumententinte.

Im VEB Pels in Erfurt wurde ein Abteilungskonstrukteur republikflüchtig. Er war zweifacher Aktivist16 und Verdienter Erfinder. Es wird angenommen, dass er ein Angebot von einer westdeutschen Firma angenommen hat.

In den Spinnereien des Bezirkes Karl-Marx-Stadt wird im 3-Schichtsystem gearbeitet. Dies machen viele nur eine gewisse Zeit mit und es ist deshalb eine starke Fluktuation zu verzeichnen. Die Fachkräfte wechseln in die Privatindustrie über, weil dort nur im Ein- bzw. Zweischichtsystem gearbeitet wird. Dadurch entsteht in den VE-Spinnereien ein Arbeitskräftemangel.

So stehen hauptsächlich aus diesem Grunde in der VEB Baumwollspinnerei Mittweida, [Kreis] Hainichen, täglich 30 Maschinen still.

Um diese 30 Maschinen in drei Schichten zu besetzen, fehlen dem Betrieb 60 Arbeitskräfte.

In der Kammgarnspinnerei Westsachsen Reichenbach waren im Monat Juni 23 Abgänge von Facharbeitern in die Privatindustrie zu verzeichnen. Dadurch wurde ein Arbeitskräftemangel hervorgerufen und es musste zum Zwei-Schichtsystem übergegangen werden.

Ähnliche Erscheinungen zeigen sich auch im VEB Record Gera,17 dort wenden sich immer mehr Kollegen gegen die Schichtarbeit. Ein Teil davon legt ärztliche Bescheinigungen vor, die besagen, dass die betreffenden Kollegen sofort aus gesundheitlichen Gründen von der Nachtschicht zu befreien sind.

Außerdem ist ebenfalls eine starke Fluktuation zu verzeichnen. So verließen z. B. im Monat Juni 15 Kollegen den Betrieb.

Ein Antrag der Werkleitung beim Rat der Stadt Gera, den in der Nacht arbeitenden Kollegen eine höhere Lebensmittelkarte zuzubilligen, wurde abgelehnt.

Über Materialmangel klagten in dieser Berichtspierode:

  • VEB Energieversorgung Cottbus, Netzbetrieb Calau (lange Bolzen für Freileitungsmasten);

  • Schiffsbau und Reparaturwerft Stralsund (verzinktes Eisenblech);

  • VEB Tiefbau Berlin (Filterkies)

und im VEB Kabelwerk Oberspree mangelt es ebenfalls an Material und es mussten in den letzten Tagen drei Litzenmaschinen stillgelegt werden. Aus dem Grunde vertreten viele Kollegen des Betriebes die Meinung: »Was nützt die Arbeitsproduktivität zu heben, wenn Maschinen stillgelegt werden müssen, da kein Material vorhanden ist.«

Produktionsstörungen

Am 24.6.1955, in der Zeit von 17.45 bis 18.10 Uhr, kam in der Stadt Erfurt der gesamte Straßenbahn- und Omnibusbetrieb zum Erliegen. Ursache: Am Gleichrichter II im Unterwerk Mühlgasse waren die Verbindungen zu den Sicherungselementen weggebrannt. Die gesamte Gleichrichteranlage in der Mühlgasse sowie Transformator 1 bis 3 und die Gleichrichterstation Gothaer Straße schalteten sich ebenfalls automatisch ab. Schaden: ca. 3 000 DM.

Im VEB BKW Berzdorf,18 [Kreis] Görlitz, wurde seit Tagen das Heißlaufen eines Drucklagers an der 50 MW-Turbine bemerkt. Eine Untersuchung ergab, dass die Drucksteine in diesem Lager verkehrt eingebaut waren und dadurch eine gleichmäßige Schmierung des Lagers nicht möglich war.

Am 30.6.1955 fiel im Tagebau Kulkwitz, [Bezirk] Leipzig, der Absetzerbagger 5 mehrmals aus. Ursache: defekter Motor und Einbau eines Ersatzmotors. Produktionsausfall: 17 300 cbm Abraum.

Am 3.7.1955 entgleiste im Tagebau Böhlen, [Bezirk] Leipzig, ein Wagen eines E-Zuges. Dadurch wurde der Bagger 6 blockiert. Produktionsausfall: 2 460 t Rohkohle.

Am 3.6.1955 geriet im Kraftwerk Dimitroff Leipzig19 durch Kurzschluss der Generator der Turbine III in Brand. Ursache: Während der Reparatur an der Dampfleitung wurde ein Dampfschieber nicht geschlossen. Das Verschulden liegt beim Kesselmeister, der die zuständigen Stellen nicht von der Reparatur unterrichtete.

Am 28.6.[1955] wurden im Betrieb 500 des Karl-Marx-Werkes Magdeburg wegen einer Reparatur die Ventile der Dampfheizung geschlossen. Trotzdem am Hauptventil ein Schild angebracht war, mit dem Vermerk »Nicht anstellen«, wurde von bisher unbekannten Tätern die Heizung eingestellt. Dadurch entstand durch den auftretenden Dampf in der HO-Verkaufsstelle20 ein Schaden von ca. 1 100 DM.

Zu Schmierereien von Hetzlosungen und Hakenkreuzen kam es in nachstehenden Betrieben:

  • im Wismutwerk 526 – Zwickau – (70 cm großes Hakenkreuz);

  • IFA-Werk Wolfspfütz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (»Ami go home – Pieck21 und Ulbricht22 an den Baum!«);

  • im Werk II des VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig (Hetzlosung gegen die DDR);

  • im VEB Edelstahlwerk Freital, [Bezirk] Dresden (ein Hakenkreuz und »werft die Waffen weg!«);

  • in der Stahlformgießerei des Stahl- und Walzwerkes Gröditz (ein Hakenkreuz) und

  • im Grobgarnwerk Kirschau,23 [Bezirk] Dresden, wurden zwei Plakate, auf denen zur Verteidigung der Heimat aufgerufen wurde, beschmiert.

Dem VEB Kyffhäuserhütte Artern, [Bezirk] Halle, wurde ein gefälschtes Telegramm mit dem Inhalt, 39 t Feinblech versandbereit zu machen, zugestellt. Absender: Zentrale Leitung der DHZ24 Berlin.

Berichtigung:

Betrifft: Den Bericht vom 30.6.1955, Seite 4 erstes Beispiel (Baustelle Meiningen des VEB Bau-Union Suhl)25

Die Bauarbeiter haben nicht mit Arbeitsniederlegung gedroht, davon hat nur ein Arbeiter gesprochen. Es besteht jedoch große Unzufriedenheit über die jetzige Entlohnung.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgung der Bevölkerung hat sich in den letzten Tagen nicht wesentlich verändert. Neben dem in verschiedenen Stellen örtlich auftretenden Mangel an Nährmitteln, Marmelade, Honig, Kartoffeln usw. tauchen in den Bezirken Halle, Potsdam, Gera, Rostock, Wismut jetzt vor allem Schwierigkeiten in der Versorgung mit Gemüse auf.

Hier werden hauptsächlich die unterschiedlichen Preise und der Mangel an Gemüse kritisiert.

Die Bevölkerung ist der Meinung, dass die Preise für Gemüse zu hoch sind und dass es sinnlos ist, Preise festzulegen, wenn sich der Einzelhandel doch nicht danach richtet.

Aus Halle wird berichtet, dass in der HO ein Bund Zwiebeln 1,45 DM und im Konsum nur 0,80 DM kostet. Diese Preisunterschiede führen in der Bevölkerung zu einer schlechten Stimmung.

Die Diskussionen zur Versorgungslage sind durch den Mangel an den verschiedensten Lebensmitteln und Gebrauchsgütern zum großen Teil negativ und drücken aus, dass man zehn Jahre nach Kriegsende etwas anderes erwarten könne, oder dass wir am Ende des ersten Fünf-Jahrplanes den von Ulbricht versprochenen »nie gekannten Wohlstand«26 erreicht hätten.

Zum Beispiel sagte ein Kollege, beschäftigt in der Hydrierung in Halle: »Der 5-Jahrplan ist bald um und wir sollten einen Lebensstandard erhalten wie nie zuvor. Dabei kann man sich kein Glas Bier leisten. Essen muss man das, was gerade da ist. Verreisen mit dem FDGB kann man auch nicht, weil man kein Geld hat.«

Im Kreisgebiet Zittau ist ein Überhang von 800 t Blumenkohl vorhanden, der nicht abgenommen wird. Für das I. Quartal 1955 waren diese 800 t vertragsmäßig eingeplant, konnten aber aufgrund der schlechten Witterung nicht geliefert werden. Im Januar wurde das Ministerium bereits darauf aufmerksam gemacht, dass die Planauflage zu hoch ist, jedoch wurde keine Veränderung getroffen. Wenn die 800 t nicht schnellstens auf andere Gebiete der DDR verteilt werden können, sind sie dem Verderb preisgegeben. Als Sofortmaßnahme wurde eingeleitet, den Blumenkohl billiger zu verkaufen.

Außerdem lagern auf dem Bahnhof in Zittau große Mengen an Blumenkohl, die nicht abgesetzt werden können. Durch die Abt. Handel und Versorgung des Kreises wurde das Ministerium bereits verständigt. Wie jedoch festgestellt werden konnte, wurde trotz dieser ungeheuren Mengen Blumenkohl aus den Gärtnereien des Kreises noch Blumenkohl aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt eingeführt.

Im VEB Versorgungs- und Lagerungskontor27 Fischwirtschaft, Fischauslieferung Dresden, lagern durch unverantwortliche Zwangsdisposition durch die zentrale Stelle Berlin 102 t Rotbarsch, der durch Überfüllung der Kühlanlagen dem Verderb preisgegeben ist. Der Absatz an Frischfisch ist zurzeit äußerst gering, da genügend Obst und Gemüse auf dem Markt sind und der Bevölkerung der Preis zu hoch ist.

Berlin wurde mehrfach in aller Gründlichkeit auf diese Zustände, insbesondere auf die Gefahr des Verderbs der Waren, hingewiesen.

Berlin ließ sich jedoch nicht davon abhalten, weiterhin durch Zwangsdispositionen Frischfisch anzuliefern. Die verderbgefährdete Menge wird somit von Tag zu Tag größer.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert. Die wirtschaftlichen Gespräche stehen im Vordergrund, sodass die Diskussionen über die politischen Probleme nicht so umfangreich sind. Die Note der SU an die Bonner Regierung, die Viererkonferenz28 und die Verurteilung der RIAS-Agenten29 bestimmten die politischen Diskussionen, die überwiegend positiv sind.

Neue Argumente zur Note und zur Viererkonferenz traten nicht auf. Vor allem wird zur Viererkonferenz immer wieder ausgedrückt, dass diese positive Ergebnisse erzielen möge, damit eine Entspannung der internationalen Lage herbeigeführt wird.

Negativ eingestellte Personen äußern sich über die bevorstehende Viererkonferenz abfällig und drücken aus, dass dabei sowieso nichts herauskommen würde.

Trotz einiger Erfolge in der KVP-Werbung, wie z. B. in der MTS-Schule Groß Plasten, [Bezirk] Neubrandenburg, gibt es doch zum großen Teil immer wieder Beispiele, wo durch schlechte Werbung oder schlechte Arbeit in den FDJ-Gruppen die Jugendlichen nicht genau über die Bedeutung der KVP aufgeklärt und dadurch keine Erfolge erzielt werden.

So z. B. schickte der Bürgermeister von Waren, [Bezirk] Neubrandenburg, ca. 250 Einladungen an parteilose Jugendliche, wovon bei den Aussprachen aber nur 80 Jugendliche erschienen. An einem Tage wurden ca. 40 bis 50 Aussprachen durch Offiziere der Registrierabteilung durchgeführt, wo durch die flüchtige Durchführung die Aussprachen nicht den geringsten Erfolg zeigten.

Von 80 Jugendlichen erklärte sich nur ein Jugendlicher bereit, in die KVP einzutreten.

Ebenso war es in der MTS Libnitz, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock. Dort ist eine sehr schlechte FDJ-Arbeit zu verzeichnen. Es konnte trotz gründlicher Aussprache zur KVP-Werbung kein Erfolg erzielt werden. Zum größten Teil brachten die Jugendlichen zum Ausdruck, dass sie zu Hause nicht abkömmlich seien.

Bei den jetzt durchzuführenden Pflegearbeiten macht sich teilweise ein Mangel an Arbeitskräften bemerkbar. Die Auswirkungen zeigen sich darin, dass die Felder einiger LPG stark verunkrauten oder noch gar nicht bestellt sind.

Zum Beispiel sind in der LPG Bibra, Kreis Jena, die Felder mit den Rüben und Kartoffeln vollkommen mit Unkraut überwuchert. Ebenfalls sind 20 ha Land überhaupt noch nicht bebaut, obwohl die Saatkartoffeln vorhanden sind.

In der LPG Kamern,30 [Kreis] Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, sind ca. 30 bis 40 Morgen Acker nicht bestellt.

In der LPG Kamminka, [Kreis] Wolgast, [Bezirk] Rostock, mussten fünf Morgen Futterrüben umgepflügt werden, weil alles verunkrautet war. Dasselbe trifft für den ÖLB31 Voßberg zu.

Der ÖLB Sterrtz,32 [Bezirk] Halle, hat nur neun Arbeitskräfte, die 65 ha Land bearbeiten müssen.

Von einer geringen Anzahl Bauern wird immer wieder gegen die Anbaupläne und Ablieferungspflicht gesprochen. Im Wesentlichen wird dabei zum Ausdruck gebracht, dass man den Bauern bei der Aufstellung von Anbauplänen mehr Freiheit gewähren sollte. Zum andern tritt auch das Argument auf, dass die freien Spitzen33 wegfallen müssten und die Preise für Sollerzeugnisse erhöht werden sollten, oder man solle die Sollveranlagung erst kurz vor der Ernte festlegen, weil damit eine Einschätzung der Ernte gegeben ist. Zum Teil versuchen feindlich eingestellte Personen gegen die Pflichtablieferung zu hetzen und die Bauern von der Pflichtablieferung fernzuhalten.

So sagte z. B. ein Bauer aus Wiednitz, [Kreis] Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus (CDU): »Warum liefert ihr so pünktlich ab? Das hat doch sowieso keinen Zweck. Wir können die Wirtschaft doch nicht retten, Erdbeeren abliefern ist der größte Blödsinn. Ich gebe keine ab. Die behalte ich lieber für mich.«

Aus den Bezirken Leipzig, Suhl, Rostock, Cottbus und Dresden wird wiederholt über die Wildschweinplage berichtet, die besonders stark in einigen Gemeinden auftritt. Die Bauern sind der Meinung, dass die verantwortlichen Stellen endlich dafür sorgen sollen, dass die Schießkommandos34 mehr in die Dörfer kommen, um die Wildschweinplage zu beseitigen, da in einigen Gemeinden bereits verschiedene Hektar Kartoffeln und Getreide umgewühlt wurden.

Die Mitglieder der LPG Mitschurin in Ketzin, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, verweigerten am 2.7.1955 die Arbeit auf den Feldern und fütterten lediglich das Vieh. Der Grund hierfür ist, dass sie anstatt wie bisher 7,00 DM pro Arbeitseinheit35 nur noch 5,60 DM erhalten sollten. Am 4.7.1955 wurde von der SED Kreisleitung auf der LPG eine Vollversammlung durchgeführt.

In der LPG 1. Mai in Nackel,36 [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, nahmen am 1.7.1955 alle Mitglieder ihre Arbeit nicht auf. Sie wurden von einem Mitglied der LPG zur Arbeitsniederlegung aufgefordert, welcher die Losung aufstellte, wenn wir keine Lebensmittelkarten bekommen, legen wir die Arbeit nieder.

Zirka 40 Mitglieder der LPG versammelten sich am 1.7.1955 vor der Bürgermeisterei und forderten Lebensmittelkarten. Die Versorgung mit HO-Waren ist in dieser Gemeinde sehr schlecht. Besonders die Belieferung mit HO-Butter, die einige Mitglieder, unter ihnen auch der Anstifter, aufgrund von Krankheit brauchen.

Nachdem einige Funktionäre vom Rat des Kreises mit den Mitgliedern gesprochen hatten, nahmen sie am Nachmittag die Arbeit wieder auf.

In der LPG Posthausen, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, haben Mitglieder ihren Austritt erklärt. Als Begründung wurde angegeben, dass sie jetzt mehr arbeiten müssten als vorher, als sie ihre Wirtschaften noch individuell bearbeitet haben.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

In der LPG Heideglück, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin – Bestand von 60 Schweinen notgeschlachtet.

In den Gemeinden Müsselmow, Gustävel, Rothen-Mann Moor37 und Zahrensdorf38 Kreis Sternberg, [Bezirk] Schwerin, stellte der Tierarzt unter dem Schweinebestand von zehn Klein- und Mittelbauern die Schweinepest fest. Gesamtbestand von 112 Schweine notgeschlachtet.

Bei fünf werktätigen Bauern in den Gemeinden Goldenitz und Breese, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin – von 36 Scheinen 34 notgeschlachtet und zwei verendet.

Bei einem Mittelbauer in Kleinbothen, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, erkrankten von sieben Rindern drei an einer Magen- und Darmentzündung.

Auf den Weideflächen Sundische Wiese39 Ribnitz, [Bezirk] Rostock, sind seit Auftrieb 55 Rinder verendet. Ursache: Lungenentzündung und Darmkatarrh, was durch den ungünstigen Witterungsumschlag hervorgerufen wurde. Außerdem reicht die Weidefläche nicht für alle Tiere aus.

Am 28.6.1955 wurde in der MTS Domersleben, [Kreis] Wanzleben, [Bezirk] Magdeburg, der Dieselkraftstoff mit Wasser vermischt. Es wurden drei Traktoren, die damit getankt wurden blieben wenige Minuten nach der Anfahrt stehen [sic!]. Der verunreinigte Dieselkraftstoff entstammt einem Tank mit ca. 6 050 Liter Fassungsvermögen, in dem ebenfalls Wasser festgestellt wurde. Der Tankwagen ist am 10.6.1955 in der Station eingetroffen. Ermittlungen werden geführt.

In der Nacht zum 1.7.[1955] wurde in der LPG »Freiheit« in Wusterhausen, [Kreis] Kyritz, von bisher unbekannten Tätern eine motorisierte Kartoffelsortiermaschine umgekippt und [das] zugehörige Förderband mit einem Messer zerschnitten. Ferner wurde an das Scheunentor eine Anhängevorrichtung angebracht, welche der öffnenden Person große und schwere Verletzungen zugefügt hätte. Ermittlungen werden geführt.

Am 3.7.1955 überflog ein Flugzeug die Stadt Treuenbrietzen, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam. Danach fielen große Mengen Heu herunter, die von der VP auf ca. eine Tonne geschätzt wurden. Das Heu liegt in der ganzen Umgebung Treuenbrietzen verstreut. Bei einer Probe durch die VP wurde festgestellt, dass das Heu einen eigentümlichen Geruch verbreitet. Untersuchungen werden geführt.

Einschätzung der Situation

Zu politischen Problemen wird jetzt wenig und meistens nur von fortschrittlichen Kräften Stellung genommen. Die negativen Elemente halten sich dabei im Allgemeinen zurück. In der Stimmung zu den verschiedensten wirtschaftlichen Fragen zeigen sich keine besonderen Veränderungen.

Aufgrund der jetzigen Preisgestaltung im Obst- und Gemüsehandel ist mit einer zunehmenden Diskussion der Hausfrauen über die Höhe der Preise zu rechnen.

Zu beachten sind die Absichten des RIAS,40 er versucht durch seine laufenden Sendungen über den »besonderen Weg zum Sozialismus«41 und über die Politik Jugoslawiens42 die Reihen unserer Partei zu zersetzen.

Anlage 1 vom 4. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2464

Auswertung von Hetzschriften

In einer Hetzschrift der KgU43 unter der Überschrift »Kriegsschule zur Ausbildung von deutschen Partisanenkindern« hetzt man gegen die Kinderferienlager, dabei vergleicht man die Kinderferienlager mit »National-sozialistischen Ertüchtigungslagern« und versucht klarzumachen, dass dort nur vormilitärische Kenntnisse erworben und die Kinder zu Partisanen ausgebildet werden sollten.

Damit soll erreicht werden, dass die Eltern ihre Kinder nicht in die Ferienlager schicken. Wörtlich heißt es dort: »… Wir rufen die Eltern der Zone auf, jetzt auch auf die Allerjüngsten zu achten und Obacht zu geben, wenn diese ›Pädagogen‹ von der Schule der Pionierleiter44 an ihren Orten auftauchen, um ihr Unheil zu vollbringen.«

In einer anderen Hetzschrift der KgU fordert man Intelligenzler zur Republikflucht auf. Dabei benutzt man das Argument, dass eine junge Intelligenz herangebildet wird (Mitglied der SED) und demzufolge würde die alte Intelligenz »fallen gelassen«.

Unter anderem heißt es dort: »Alle Facharbeiter werden sich überlegen, ob sie weiterhin noch in der DDR arbeiten wollen oder dorthin gehen, wo sie wirklich gebraucht werden und ihnen Materialien und Arbeitsmöglichkeiten in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen. Die freie Welt braucht Facharbeiter! Hier ist die Lebensmöglichkeit vorhanden, die einen entsprechenden Lebensstandard garantiert. Es ist nicht nötig, unsichere Bedingungen einzugehen, sich eventuell nach China, Korea und in die anderen Ostblockstaaten verpflichten zu lassen, denn der Dank des Systems ist später doch nur ein Fußtritt.«

In einer anderen Hetzschrift, ebenfalls von der KgU wird unter der Überschrift: »Volksbetrug durch Wirtschaftsgesetz«, »gewarnt«, Grundstücke und Häuser, deren Eigentümer nach 1945 enteignet oder republikflüchtig wurden, zu kaufen.

Wörtlich hießt es: »Wir möchten die Neustrelitzer warnen, Besitz zu erwerben von einer Verwaltung, die nicht rechtmäßig handelt und deren Maßnahmen nicht als rechtskräftig anzusehen sind. Käufe in der Zone bringen nur wenig Glück. Man sieht es an dem letzten Beschlagnahmeversuch in Neustrelitz, Mühlenstraße, für sowjetisches Militär.«

Weiter argumentiert man in der Form, dass die erworbenen Sachen enteignet werden bzw. bei Verhaftung das Vermögen eingezogen wird.

In diesem Zusammenhang fordert man die Bevölkerung Mecklenburgs auf, ihre Gelder nicht in Sachwerten anzulegen.

Außerdem würde dies von den Gemeinden und Städten nur aufgrund ihrer »üblen Finanzlage« verkauft, um Geld zu bekommen.

Am Schluss fordert man auf, sich Sachwerte in Westdeutschland anzuschaffen.

Es heißt dort wörtlich: »Es ist klüger, die Sicherheit westdeutscher Banken und Unternehmen zu nutzen, dort gehen Kapitalien und Werte nicht verloren.«

In einem Flugblatt der KgU fordert man Mitarbeiter des Staatssekretariates für Staatssicherheit auf, sich entpflichten zu lassen. Man droht in der Form: »Nicht jeder von Euch hat bereits Blut an den Händen … überlegt es Euch rechtzeitig und wartet nicht, bis es zu spät ist zur Umkehr und Ihr – so oder so – an dem System, dem Ihr dient, zugrunde geht.«

Dabei wird auf den 17. Juni hingewiesen. Im Zusammenhang damit weist man auf das Schicksal des Genossen Hagedorn45 hin und wörtlich heißt es: »Wir warnen Euch, glaubt nicht, dass Euer System euch schützt. Auch Berija46 wurde liquidiert und wie schnell stürzte Zaisser47 vom Thron!48 Wisst Ihr, ob Ihr nicht morgen selbst in ein sibirisches Todeslager geschickt werdet, oder wollt Ihr einmal das Schicksal des SSD-Angehörigen Hagedorn teilen?«

Anlage 2 vom 4. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2464

Schwierigkeiten bei der Kartoffelversorgung

Augenblicklich werden aus einigen Bezirken, besonders Halle, Schwerin und Karl-Marx-Stadt, Schwierigkeiten über die Versorgung der Bevölkerung, Werkküchen, Krankenhäuser, Kinder- und FDGB-Ferienlager mit Kartoffeln, berichtet.

Besondere Schwierigkeiten bestehen in der Versorgung der Kinder-, der FDGB-Ferienlager- und Werkküchen.

Trotz wiederholter Versuche vonseiten der staatlichen Handelsorgane, Kartoffeln zu beschaffen, war dieses nicht möglich, weil die alten Kartoffeln aufgebraucht und neue noch nicht genügend vorhanden sind. Durch den Mangel an Kartoffeln müssen in einer Reihe Werkküchen, Krankenhäuser und Ferienheimen mehr Teigwaren verbraucht werden, was aber durch den verschiedentlichen Mangel auch an diesen Lebensmitteln zu einer Gefährdung der Versorgung in diesen Ferienlagern und Werkküchen führen kann.

Dazu aus einigen Bezirken folgende Beispiele:

Halle

Sämtliche Großverbraucher und ein großer Teil der Bevölkerung haben keine Vorräte an Kartoffeln mehr.

Der Kreis Bitterfeld benötigt allein für die Kinderferienaktion ca. 50 t Kartoffeln. 20 t stehen jedoch nur zur Verfügung.

Karl-Marx-Stadt

Die Kartoffelversorgung ist im Kreis Oelsnitz nur noch bis zum 5.7.1955 gesichert. Der Kreis Oelsnitz erhielt vom Bezirk eine Zuweisung für 30 t Kartoffeln aus dem Bezirk Suhl, welcher aber auch nicht liefern kann, weil dort ein ähnlicher Zustand zu verzeichnen ist. Durch den Mangel an Kartoffeln treten Engpässe an Teigwaren und Reis auf.

Kartoffelmangel besteht noch in mehreren Kreisen des Bezirkes.

Potsdam

Im Bezirk Potsdam ist der Kreis Königs Wusterhausen als Schwerpunkt in der Kartoffelversorgung anzusehen. Die größten Schwierigkeiten im Kreis Königs Wusterhausen treten im VEB »Heinrich Rau«49 auf, wo in der Großküche täglich 1,5 t Kartoffeln benötigt werden.

Am 30.6.1955 hatte der VEB keine Kartoffeln mehr. Es ist jedoch gelungen, 5 t Kartoffeln zu beschaffen, die aber nur für einige Tage reichen.

Bis zum Anschluss an die neue Ernte werden im Kreis Königs Wusterhausen 80 t Kartoffeln für die Versorgung der Bevölkerung und 220 t für die Großküchen der Werke und für die Ferienheime benötigt.

Rostock

In den nächsten Tagen werden in allen FDGB-Heimen im Kreis Doberan keine Kartoffeln mehr vorhanden sein, wenn nicht schnellstens welche geliefert werden.

Schwerin

Schwierigkeiten bestehen in der Belieferung der Krankenhäuser und Werkküchen mit Speisekartoffeln. So gibt es z. B. in den Werkküchen der Großbetriebe Wittenberge, Kreis Perleberg, nur noch an zwei bis drei Tagen in der Woche Kartoffeln. Von der Abt. Handel und Versorgung des Kreises erhielt das Zellstoffwerk Mitteilung, solange Speisen ohne Kartoffeln anzurichten, bis Import-Kartoffeln angeliefert werden.

In den Diskussionen der Bevölkerung über die Kartoffelknappheit wird zum Ausdruck gebracht, dass die Kartoffelkarten nur bis zum 30.6.1955 berechnet wären und dass für die Zeit, bis die neuen Kartoffeln zum Verkauf kommen, für eine Überbrückung gesorgt werden muss.

Man beklagt, dass noch keine neuen Kartoffeln verkauft werden.

Weiter wird gesagt, dass der Engpass an Kartoffeln beweise, dass auch nach Abschluss des ersten Fünf-Jahrplanes keine Erhöhung des Lebensstandards eintritt.

So diskutieren z. B. die Kumpel im Objekt I – Johanngeorgenstadt.

Anlage 3 vom 4. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2464

Wettbewerb in der Landwirtschaft

Aufgrund des Ministerratsbeschlusses vom 10.3.1955 »Zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion«50 gingen eine ganze Reihe landwirtschaftlicher Betriebe Wettbewerbe ein, um diesen Beschluss zu realisieren. Diese Wettbewerbe werden von Mann zu Mann, von Hof zu Hof, von Gemeinde zu Gemeinde usw. geführt.

Es zeigten sich dort, wo die Auswertung des Ministerratsbeschlusses gut war, positive Erfolge. Es gibt Beispiele, wo sich alle Bauern einer Gemeinde an dem Wettbewerb beteiligen und damit im Zusammenhang zahlreiche Verpflichtungen eingehen, die ha-Erträge zu steigern oder zusätzliche pflanzliche oder tierische Produkte dem freien Aufkauf51 zu Verfügung zu stellen.

Zum Beispiel beteiligten sich an dem Wettbewerb zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion in der Gemeinde Pretsch, Kreis Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, alle Bauern.

Das Ziel ihres Wettbewerbes ist es, 52 000 kg Milch, 4 650 kg Schwein, 3 800 kg Rind und 9 700 kg Eier über den Plan hinaus zu liefern.

In den Gemeinden Vollmershausen, Altkirchen, Drogen und Mohles, [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, ist es gelungen, die werktätigen sowohl Groß- und Mittelbauern für den Wettbewerb zu gewinnen.

Auch im Kreis Zeitz, [Bezirk] Halle, ist die Organisierung des Wettbewerbs als gut zu bezeichnen. Die BHG-Leiter haben es dort verstanden, die Bauern ihrer Gemeinde mit fast 100%iger Beteiligung heranzuziehen. So beteiligten sich z. B. in der Gemeinde Spera, [Bezirk] Halle, bis auf vier Großbauern52 alle bäuerlichen Wirtschaften.

Im BHG-Bereich Ringsleben, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, wurde von 42 werktätigen Bauern ein Wettbewerb von Hof zu Hof eingegangen. Bei der Durchführung dieses Wettbewerbes wurden zahlreiche Verpflichtungen in Bezug auf die vorzeitige und vorfristige Erfüllung des Solls, Viehaufzucht und Neuerermethoden53 abgegeben.

So verpflichtete sich ein Bauer mit elf ha Ackerland im Monat Juni über den Plan hinaus zwei Rinder, eine Sau und zehn Ferkel zu halten. Er erklärte sich bereit, dem freien Aufkauf 300 kg Fleisch und 3 000 kg Milch zur Verfügung zu stellen.

Auch die Ernte oder andere landwirtschaftliche Arbeiten geben Anlass, Wettbewerbe und darüber hinaus Verpflichtungen einzugehen.

Dort, wo die Aufklärung zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion schlecht ist, wird zum Teil der Wettbewerb abgelehnt und häufig kommt es auch zu negativen Diskussionen.

Diese Diskussionen haben im Wesentlichen zum Inhalt, dass man sich nicht auf Wettbewerbe einlasse, weil man nur den Verdienst der Bauern ermitteln wolle. Manche Bauern glauben auch, dass sie bei Nichterfüllung der Verträge zur Rechenschaft gezogen werden oder dass ihnen durch den Wettbewerb im nächsten Jahr das Soll heraufgedrückt werden soll.

So lehnte z. B. auf einer Bauernversammlung in der Gemeinde Meltewitz, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, die Mehrheit der anwesenden Bauern die Durchführung von Wettbewerben ab.

Ein werktätiger Bauer äußerte dazu: »Ich lasse mich auf einen Wettbewerb nicht ein, denn damit will man den Bauern nur in die Geldbeutel sehen.«

Ein Großbauer aus der Gemeinde Mülverstedt, [Kreis] Langensalza, [Bezirk] Erfurt, sagte, dass er sich an so einem Wettbewerb nicht beteiligen würde, da er sonst im kommenden Jahr ein höheres Soll erhalten würde.

Andere Bauern lehnen die Teilnahme an Wettbewerben zum Teil aus den verschiedensten Gründen ab. Wie z. B. örtliche Belange, Wetter, es wird sowieso schon abgeliefert usw.

So brachten z. B. die Bauern aus Wüst-Eldens, [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock, zum Ausdruck, dass der Rat des Kreises lieber dafür sorgen soll, dass die Gräben gesäubert werden, damit das Wasser an den Wiesen ablaufen kann.

Ein Einzelbauer aus Werburg, [Kreis] Pößneck, [Bezirk] Gera: »Wir können nichts produzieren, wenn uns das Wetter dabei nicht hilft und einen Wettbewerb kann man nicht eingehen, weil man noch nicht weiß, wie das Ergebnis der Ernte ausfällt.«

Bauern aus einigen Gemeinden des Kreises Dresden bringen zum Ausdruck: »Wir erfüllen den Plan so, und was wir darüber hinaus produzieren, liefern wir schon ab. Dazu brauchen wir keinen Wettbewerb.«

Zum Teil wird der Wettbewerb auch von feindlich eingestellten Personen zum Anlass genommen, gegen die Ablieferung usw. zu hetzen.

So sagte z. B. ein Mittelbauer aus Gräfendorf, [Kreis] Pößneck, [Bezirk] Gera: »Schafft eure freien Spitzen54 ab, wir wollen unsere Waren frei verkaufen. Was nützt uns denn ein freies Schwein, wenn wir auf unsere Sollprodukte nichts bekommen. Schafft uns Arbeitskräfte, denn ich mache sowieso nicht mehr lange mit, dann haue ich nach dem Westen ab, denn drüben kann man sich seine Maschinen kaufen. Ich pfeife auf die MTS. Den Mähdrescher haben die Russen den Amerikanern nachgebaut und jetzt geht das Ding nicht einmal richtig.«

Die Ablehnung der Wettbewerbe zeigt sich besonders in den Gemeinden Wüst-Eldena, [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock (hier wurde der Wettbewerb von den Bauern abgelehnt); in den Gemeinden Dornburg und Lübs, [Kreis] Zerbst, [Bezirk] Magdeburg.55 Hier wollten die LPG über die Einbringung der Ernte und schnellste Sollerfüllung einen Wettbewerb durchführen, was aber daran scheiterte, dass zur Besprechung kaum jemand anwesend war. (Die Brigadiere waren hier gegen einen Wettbewerb.); in den größeren Gemeinden des Saalkreises, [Bezirk] Halle; in der Gemeinde Großbuch, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig; im MTS-Bereich Heyda, [Bezirk] Leipzig, in den Gemeinden Göllnitz und Henkelwald, [Bezirk] Leipzig.

Anlage 4 vom 5. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2464

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 30.6. bis 4.7.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD-Ostbüro:56

  • Dresden: Kreis Freital 150, Kreis Meißen 16, Kreis Großenhain 25, Kreis Riesa 25, Kreis Bautzen 60, Kreis Dippoldiswalde 1 000, Kreis Niesky 150;

  • Gera: in den Kreisen Gera, Zeulenroda, Pößneck und Jena 460, Kreis Schleiz mehrere Tausend;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Reichenbach 80, Kreis Plauen 1 400, Kreis Oelsnitz 8 250, Kreis Schwarzenberg 65;

  • Magdeburg 10 300: Kreis Burg 200;

  • Frankfurt[/Oder] 250: Kreis Strausberg 500, Kreis Fürstenwalde;

  • Rostock 50;

  • Cottbus 8 910;

  • Potsdam: Kreis Pritzwalk 180, Kreis Belzig 5 000, Kreis Brandenburg 25, Kreis Königs Wusterhausen 30 000;

  • Halle: Kreis Weißenfels 65, Kreis Hohenmölsen 10;

  • Erfurt: Kreis Sömmerda 21;

  • Schwerin: Kreis Bützow 15.

NTS:57

  • Magdeburg: Kreis Haldensleben 200, Kreis Seehausen 2 000;

  • Schwerin: Kreis Perleberg 2 500;

  • Frankfurt: Kreis Fürstenwalde 880;

  • Gera 2 200.

ZOPE:58

  • Potsdam 10 000: Kreis Königs Wusterhausen 5 000, Kreis Brandenburg 20.

»20-DM-Scheine«:59

  • Schwerin: Kreis Güstrow 15.

»Der Tag«:60

  • Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 5 500.

»Die Wahrheit«:61

  • Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Reichenbach und Schwarzenberg 1 180.

»Tarantel«:62

  • Frankfurt: Kreis Strausberg 80;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Plauen 55.

»Freie Welt«:63

  • Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 55.

KgU:

  • Cottbus 600;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Plauen 300;

  • Halle: Kreis Artern 1 500.

Die Hetzschriften beinhalten neben Hetze gegen die DDR und SU, Hetze gegen die Kampfgruppen.64

Antidemokratische Tätigkeit

Von der Bürgermeisterei Strubensee, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, wurden in der Nacht zum 2.7.1955 zwei Fahnen abgerissen, ca. 100 m weiter geschleift und zerrissen.

In der Gemeinde Oelsnitz, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, wurden Plakate der Deutschen Volkspolizei beschmiert.

Am 30.6.1955, gegen 3.00 Uhr, versuchten unbekannte Täter, die Kränze am sowjetischen Ehrenmahl am »Platz der Einheit«65 in Dresden66 in Brand zu stecken. Durch die hinzukommende Streife wurden zwei glimmende Kränze gelöscht.

In vier Hausfluren in Dresden wurden Hakenkreuze in der Größe von einem Meter mit Kreide angeschmiert.

Von unbekannten Tätern wurden in der Nacht zum 3.7.1955 acht leere Teerfässer (Taubenheim) auf die Straße von Meißen nach Wilsdruff gestellt.

In Elgersburg, [Kreis] Ilmenau, wurde in den letzten Tagen zweimal der Schaukasten der FDJ von unbekannten Tätern entfernt und in den naheliegenden Brunnen geworfen.

Am 30.6.1955 wurde in Scharfenstein, Kreis Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, an einer Brücke ein Hakenkreuz festgestellt, welches von unbekannten Tätern mit Schlemmkreide angeschmiert worden war.

Der DFD-Kreisvorstand in Ilmenau erhielt am 28.6.1955 fünf fingierte Telefonanrufe, angeblich vom Bezirksvorstand des DFD in Suhl, wo mitgeteilt wurde, dass der Mütterkongress67 nicht am Sonnabend, den 2.7.1955 stattfindet, sondern an einem späteren Zeitpunkt.

Am 3.7.1955 kam es in einer HO-Gaststätte in Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, zu einer Schlägerei, wobei drei Zivilpersonen mit zur VP genommen werden sollten. Eine Person weigerte sich und schlug dabei einen Volkspolizisten nieder. Täter wurde inhaftiert.

Gerüchte

In Treuenbrietzen, Kreis Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, wird das Gerücht verbreitet, dass alle männlichen Personen, welche für den Eintritt in die KVP infrage kämen, keine Einreisegenehmigung mehr nach Westdeutschland erhalten.

In Fehrbellin, Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, wird das Gerücht verbreitet, dass in Friesack, Kreis Nauen, Massenentlassungen vorgenommen werden, weil sich die Kollegen weigern, zur KVP zu gehen.

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    9. Juli 1956
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