Zur Beurteilung der Situation in der DDR
1. Juli 1955
Informationsdienst Nr. 2463 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode haben die Diskussionen über die Note der SU an die Bonner Regierung1 weiterhin nachgelassen, sodass nur noch im geringen Umfang darüber gesprochen wird.
Über die sonstigen politischen Ereignisse wird allgemein wenig diskutiert, mit Ausnahme der Agentenprozesse,2 die in den letzten Tagen in Berlin und in der DDR durchgeführt wurden.
Damit befassen sich viele Werktätige und es wird vorwiegend positiv dazu Stellung genommen.
Die ausgesprochenen Strafen finden die meisten als gerechtfertigt und einigen erschienen sie sogar noch zu niedrig.3 Dies begründen sie damit, dass diese Verbrecher nicht vor Anschlägen auf das friedliche Leben der Bürger in der DDR zurückschreckten, indem sie Sprengungen von Objekten planten, die Menschen gefährdet hätten.4
Immer wieder heißt es, dass man mit solchen Verbrechern, die im amerikanischen und englischen Sold standen und Verrat an der DDR begangen haben, kein Mitleid haben sollte.
Übereinstimmend spricht aus diesen Äußerungen die Verurteilung der Agententätigkeit und die enthalten eine positive Einstellung gegenüber unserer demokratischen Ordnung.
Die Einstellung eines Parteilosen aus dem Hartfaserplattenwerk in Ribnitz, [Bezirk] Rostock, gilt für viele.
Er sagte: »Es ist richtig, dass man solchen Menschen das Handwerk legt und dass alle Anschläge auf unsere Republik verhindert werden. Alle aufrichtigen Deutschen müssten hierbei mithelfen.«
Negative Diskussionen über die Agentenprozesse sind nur ganz vereinzelt und beinhalten, dass die Urteile zu hoch seien.
Zum Beispiel wurde unter den Jugendlichen des Karl-Marx-Werkes Potsdam5 argumentiert, wenn bei uns so hart gestraft wird, dann wäre das Urteil gegen Jupp Angenfort6 ebenfalls gerecht, eher noch zu niedrig.
In Triptis, [Kreis] Zeulenroda, [Bezirk] Gera, wurde von einigen Personen der Agent Kammacher7 in »Schutz« genommen, indem geäußert wurde: »Kammacher war ein richtiger ordentlicher Mensch und wegen der paar Berichte, die er geliefert hat, wurde er zu hoch bestraft.«
Über die KVP-Werbung8 in Verbindung mit den Verteidigungsmaßnahmen wird hauptsächlich in den Betrieben gesprochen, wo sich Werbekommissionen befinden. Die meisten Diskussionen darüber sind ablehnend, was auf die mangelnde Verteidigungsbereitschaft zurückzuführen ist.
Immer wieder erklären die Jugendlichen, dass sie nicht freiwillig gehen und dass die Wehrpflicht eingeführt werden soll, damit sie nicht mehr von den Werbern »belästigt« werden.
Zum Beispiel sagte ein Bergmann aus Freiberg: »Ich gehe nicht freiwillig, da mein Vater im Krieg gefallen ist. Ich gehe erst, wenn ich durch die Wehrpflicht gehen muss, dann ist es mir gleich.«
Ein Lokschlosser (parteilos) aus dem Bahnbetriebswerk Zwickau: »Ich gehe nicht freiwillig zur KVP. Soll man doch die allgemeine Wehrpflicht einführen, dann werde ich mich nicht weigern.«
Zum anderen äußern sich auch negative Elemente über die KVP-Werbung und versuchen u. a. die Werbung in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Zum Beispiel ist in der mechanischen Werkstatt des BKW Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, zu verzeichnen, dass die Jugendlichen von negativen Kräften vom Beitritt in die KVP abgehalten werden.
Als Wortführer treten dabei besonders ein paar Kollegen auf, die aus der Partei ausgeschlossen wurden.
Es kommt vor, dass in diesem Betrieb Jugendliche, die zur Werbekommission bestellt werden, dort nicht erscheinen und die Meinung vertreten, dass sie sowieso nicht zur KVP gehen und deshalb auch keine Unterhaltung darüber führen brauchten.
Ein Kollege aus dem Nährmittelwerk Hadmersleben, [Bezirk] Neubrandenburg: »Ich spiele hier nicht Soldat, lieber gehe ich nach Westdeutschland und melde mich drüben zur Armee.«
Weiterhin zeigt sich bei der KVP-Werbung die Tendenz des Absetzens von Jugendlichen nach dem Westen.
So sind z. B. im VEB Mähdrescherwerk Weimar, [Bezirk] Erfurt, in der Zeit vom 1.5. bis 23.6.[1955] siebzehn Republikfluchten zu verzeichnen.
Davon zehn Jugendliche, die wegen des Beitrittes zur KVP angesprochen wurden. Sie hatten gegenüber den Werbern erklärt, dass sie nicht zur KVP sondern lieber nach dem Westen gingen.
Im Kreis Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden in der Zeit vom 25.5. bis zum 26.6.[1955] insgesamt 51 Personen republikflüchtig. Davon 50 % Jugendliche, die von der Werbekommission angesprochen wurden.
Wie bereits schon berichtet, setzen sich in letzter Zeit verstärkt Intelligenzler und Fachkräfte nach dem Westen ab.
So wurden z. B. aus dem VEB Konstruktions-Ingenieurbüro Chemie Leipzig in der Zeit von Mai bis Juni 1955 sieben Spezialisten und im VEB Zentral-Konstruktionsbüro Metallurgie Leipzig von April bis Mai 1955 sechs Spezialisten republikflüchtig.
Im VEB Anlagenbau Dresden setzen sich seit Jahresbeginn 15 hochqualifizierte Arbeitskräfte nach dem Westen ab. Zu bemerken ist dabei, dass eine Reorganisation der Anlagenbaubetriebe ab 30.6.1955 geplant ist. Die Facharbeiter sind der Meinung, dass der Hauptteil des Betriebes der Deutschen Post angegliedert wird und sie lehnen ab, dort zu arbeiten. Vermutlich wegen zu niedriger Bezahlung. (Außerdem gehörte früher der VEB zum Siemens-Konzern und es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Fachkräfte zu diesem Konzern nach Westdeutschland überwechseln.)
Im VEB ECW Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, besteht unter der technischen Intelligenz Unzufriedenheit, weil nach ihrer Meinung zu hohe Anforderungen an sie gestellt wurden.
Zum Beispiel äußerte ein Oberingenieur (parteilos): »Was heute verlangt wird, geht über die Kräfte eines normalen Menschen.« Weiter bezeichnet er alles, was in der DDR gemacht wird, als schlecht. Er verherrlicht den Westen und ist der Meinung, dass man drüben besser und sorgloser leben würde.
Der Leiter des Konstruktionsbüros (Ingenieur) des gleichen Betriebes: »Ich bin vollkommen fertig, weil eben heut zutage zu viel verlangt wird.«
Ein Bautechniker (SED): »Lieber arbeite ich wieder als Zimmermann, als dass ich mich durch das zu leistende Arbeitspensum kaputtmachen lasse.«
(Ähnliche Diskussionen wurden von anderen Intelligenzlern und Technikern dieses Betriebes geführt.)
Bei den Diskussionen über betriebliche Belange spielen vielfach Lohnfragen eine Rolle. Dabei zeigt sich in den meisten Fällen eine Unzufriedenheit, was nachstehende Beispiele beweisen.
Zum Beispiel herrscht unter den Maurern des Kraftwerkes Trattendorf, [Bezirk] Cottbus, über die unterschiedliche Zahlung der Auslösung eine Missstimmung.
Die Montagearbeiter von Metall bekommen DM 7,00 und die Montagearbeiter von Stein und Holz nur DM 4,00 Auslösung.
Dies hat zur Folge, dass viele Abgänge vom Spezialbau Magdeburg zu verzeichnen sind.
Die Bauarbeiter des VEB (K) Bau Borna, [Bezirk] Leipzig, sind über ihren Verdienst unzufrieden, der ihrer Meinung nach zu niedrig sei.
Daher ist eine ständige Fluktuation zu verzeichnen. Die Kollegen wechseln in Privatbetriebe über, da sie dort mehr verdienen würden.
In einer Woche kündigten aus zwei Brigaden und neun Maurer.
Die Bauarbeiter der Großbaustelle Worbis, [Bezirk] Erfurt, waren über eine Anordnung vom Rat des Kreises, die besagte, dass die Bauarbeiter von der Ortsklasse »B«9 zurückgestuft werden sollten, derart ungehalten, dass sie mit Arbeitsniederlegung drohten.
Diese Angelegenheit konnte geklärt werden und es erfolgte keine Zurückstufung.
Unter den Jugendlichen der Abteilung Elektrofahrzeugbau der LEW Potsdam herrscht eine schlechte Stimmung, weil sie bei gleicher Arbeit die Stunde DM 2,20 und die älteren Kollegen DM 2,80 bekommen. Aus diesem Grunde haben schon sieben E-Schweißer den Betrieb verlassen und jetzt haben wieder einige gekündigt.
Bei den betrieblichen Schwierigkeiten wie z. B. Material- und Rohstofflieferungen schlechter Qualität, Auftragsmangel, Plankürzungen u. Ä. spielt vor allem der Materialmangel eine Rolle.
Aufgrund des Rohstoffmangels im VEB Gubener Wolle [Bezirk] Cottbus, wurde auf einer ökonomischen Konferenz10 beschlossen, das Werk II zu schließen und die Belegschaft in die anderen drei Werke umzusetzen. Die Belegschaft findet für diese Maßnahme kein Verständnis und es besteht darüber Verärgerung und Missstimmung.
Ein Kollege aus dem Werk II verfasste ein Schreiben an die Regierung, in dem gegen diese Maßnahme Stellung genommen wird.
Dieses Schreiben trug die Unterschrift von 150 Kollegen.
Des Weiteren mangelt es an Material in:
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VEB (K) Bettfedernfabrik Güstrow, [Bezirk] Schwerin (Import-Federn);
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VEB Kombinat Espenhain-Plasta (Import-Holzmehl) und
VEB EFR Brotterode, [Bezirk] Suhl (Walzblech und Federstahl).
Das Press- und Schmiedewerk in Wismar klagt über eine Sendung von Generatorenbriketts schlechter Qualität, die von Großräschen,11 [Bezirk] Cottbus, geliefert wurden.
Die Kohle kann für die Generatorenanlage nicht verwendet werden, da sie beim Schütteln auseinanderfällt und Verstopfungen verursacht.
Der VEB Galvanotechnik Leipzig erhielt vor einer Woche 20 t Bleche aus Unterwellenborn.12 Davon waren 19 t Ausschuss. Die Bleche waren derart wellig, dass sie vor der Verwendung von einem anderen Betrieb erst gerichtet werden mussten.
Die Kollegen, die an der Rentabilität des Betriebes interessiert sind, werden durch solche Ausschusslieferungen missgestimmt.
Die Großbetriebe »Ernst-Thälmann-Werk«,13 »Karl-Liebknecht-Werk«14 und »Karl-Marx-Werk«15 in Magdeburg klagen über Auftragsmangel.
Die Kollegen führen entweder unproduktive Arbeiten durch oder schreiben Wartestunden. So hatten z. B. bei der letzten Lohnzahlung 15 Kollegen der Dreherei des »Ernst-Thälmann-Werkes« sechs bis 20 Wartestunden zu verzeichnen.
Die vogtländische Baumwollweberei Treuen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist in ihrer Kapazität nicht ausgelastet. Aus dem Grunde stehen zurzeit 160 Webstühle still.
Produktionsstörungen
Am 23.6.[1955] fuhr im Werk »Freiheit« Grube Goitsche, Kreis Bitterfeld, ein Leerzug auf einen Vollzug auf. Ursache: Fahrlässigkeit des einen Lokführers. Gesamtschaden: DM 3 000. Produktionsausfall: 2 500 cbm Abraum.
Am 21.6.[1955] (17.30 Uhr) bis zum nächsten Tag (14.45) fiel im VEB Witznitzer,16 [Bezirk] Leipzig, der Bagger 105 aus. Ursache: wegen Auswechseln eines Lagers. Produktionsausfall: 900 t Rohkohle und ca. 3 000 cbm Abraum.
Im Kraftwerk des VEB Kombinat Espenhain fiel der Kessel aus. Ursache: Rohrreißer. Produktionsausfall: ca. 30 Millionen Watt.
Am 23.6.1955, gegen 19.00 Uhr, fiel in den Öl- und Fettwerken in Magdeburg eine Diesellok aus. Vermutliche Ursache: Materialschaden. Schaden: ca. 8 000 DM.
Am 26.6.[1955], gegen 5.30 Uhr, kam es durch Nichtbeachtung des Haltesignals in der Grube Berzdorf, [Kreis] Görlitz, zu einem Zugzusammenstoß. Sachschaden: ca. 20 000 DM.
Im Laufe des Sonnabends und in der Nacht zum Sonntag (25./26.6.1955) waren in der Grube des BKW Profen, [Bezirk] Halle, einige elektrische Störungen zu verzeichnen. Durch diese sowie durch die Störungen, die durch das Gewitter am Sonnabend hervorgerufen wurden, kam es zu einer Verminderung der Kohleförderung von ca. 30 %.
Am 24.6.1955 kam es im VEB Gummimühle Velten, [Kreis] Oranienburg, zu einem Brand im Filter der Mühle. Ursache: Heißlaufen der Mühle sowie das Nichtbeachten der hohen Außentemperatur. Schaden: 15 000 DM. Produktionsausfall noch nicht bekannt.
Im Schacht 312 – Aue – wurden bereits zum dritten Mal die Telefonkabel zur Partei- und Gewerkschaftsleitung zerschnitten. (Die Kabel wurden mit einer Bauklammer unterbrochen).
In der Lehrwerkstatt der Warnowwerft in Warnemünde wurde die Losung: »An der Spitze des Weltfriedenslagers« mit der Schmiererei »steht die USA« verändert.
Im VEB Eisenbau Leipzig stand am 23.6.[1955] in einer Abortanlage die Schmiererei: »Lingel,17 Ring18 und Eichler19 verkehrt aufhängen!« (Es handelt sich dabei um drei Wirtschaftsfunktionäre des Betriebes.)
Nach dem 17.6.1955 wurde im VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig bereits das vierte Mal ein Hakenkreuz in eine Wand der Männergarderobe eingeritzt.
In einer Männertoilette des Martinwerkes I des Stahlwerkes Riesa wurde am 24.6.[1955] eine Hetzlosung gegen die KVP festgestellt.
Im VEB Waggonbau Görlitz wurde das Gerücht verbreitet, dass ein Westsender in den Nachrichten gebracht habe, dass Adenauer20 nächsten Monat nach der SU fahren21 und dass die SU die Gebiete bis an die Oder räumen würde; in Westdeutschland wäre ein Sondergericht errichtet worden, welches Funktionäre aus der DDR aburteilen würde und dass die Agentenprozesse in der DDR nur Schauprozesse seien.
Der ehemalige Besitzer vom jetzigen VEB Polygraph Leipzig wurde nach 1945 republikflüchtig und besitzt jetzt in Bielefeld ein neues Werk.22 Vor Kurzem schickte er an Mitarbeiter des VEB Polygraph Einladungen zur 100-Jahr-Feier seines ehemaligen Betriebes und forderte sie auf, nach Bielefeld zu kommen. Einige Kollegen leisteten dieser Einladung Folge.
Versorgung der Bevölkerung
Durch Aufstockung ist die Versorgung der Bevölkerung mit Margarine zu einem Teil wieder normal. Örtlich treten jedoch nach wie vor Schwierigkeiten auf, sodass es auch immer wieder zu Unzufriedenheiten kommt. Vereinzelt wird dabei auch gegen das »System« in der DDR gehetzt.
So sagte z. B. eine Arbeiterin aus dem ÖLB23 Gnevsdorf, [Kreis] Lübz, [Bezirk] Schwerin: »Die Regierung der DDR wird sich bald festfahren, denn das merkt man doch täglich an der Versorgung. Es kann doch nicht so weitergehen.«
Von den Privatgaststätten, die oft nur einen geringen Teil der HO-Waren24 (besonders HO Bockwurst und Fleischwaren) erhalten, wird Klage geführt, weil den Gästen nichts angeboten werden kann.
Besonders bemerkbar macht sich dies in Ausflugsorten, wo die Sonntagsausflügler Essen verlangen und nichts bekommen können.
Im VEB Schlachthof Neubrandenburg lagern 320 bis 330 t Speck, der »nicht absetzbar« ist. Aufgrund dieser Tatsache können die Schweine an die Konsumfleischerei25 nicht entspeckt geliefert werden, sodass auch hier ca. 6 t lagern.
Demgegenüber fehlt im Bezirk Frankfurt/Oder Fett.
Dem Institut für Lebensmittelchemie des Magistrats von Groß-Berlin sind größere Mengen Fleischkonserven »Sibirischer Lachs im eigenen Saft« zwecks Untersuchung auf Lagerfähigkeit ausgeliefert worden.
Es handelt sich um Stichproben von insgesamt 25 Waggons, aus den verschiedenen Einlagerungsstellen in der DDR.
Die Untersuchung ergab, dass bezüglich des Geruchs und Geschmacks bei etwa 40 % der dem Institut übergebenen Dosen Mängel festzustellen sind.
Die Dosen sind nicht mehr lagerungsfähig und müssen schnellstens abgesetzt werden.
Hierbei entsteht aber die Schwierigkeit, dass diese Ware, obwohl sie schon einmal im Preis gesenkt wurde, schwer absatzfähig ist.
Im Nord-Westlager in der Scharnhorststraße/Berlin lagern mehrere Tonnen Schafkäse, der schon zu einem Teil verdorben ist.
Es handelt sich hier um Staatsreserven.
Die Lage in der Landwirtschaft
Durch die Pflegearbeiten an den Hackfrüchten, die Heumahd usw. stehen die politischen Gespräche nicht mehr so wie in den letzten Tagen im Vordergrund.
Aber immer noch bilden bei den auftretenden politischen Diskussionen die Note der SU an die Bonner Regierung und auch der Prozess gegen die KgU-Agenten den Hauptgesprächsstoff.
Die Stimmen zur Note der SU sind nach wie vor vorwiegend positiv.
Immer wieder wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass damit eine Wende in der Politik Westdeutschlands zugunsten des Friedens erzielt werden möge und Adenauer nach Moskau fahren muss, wenn man der Einheit Deutschlands einen Schritt näherkommen will.
Negativ eingestellte Personen bringen im Zusammenhang damit die verschiedensten feindlichen Argumente gegen die Politik der SU und der DDR.
Einige drücken die Hoffnung aus, dass man bald auf ein »anderes« Deutschland rechnen könnte und das »alte System« wieder eingeführt würde.
Unter den Bauern im südlichen Teil des Kreisgebietes Worbis, [Bezirk] Erfurt, besteht z. B. die Meinung, dass man in diesem Jahr die Ablieferung hinauszögern solle, da durch die Verhandlung zwischen der SU und Adenauer vermutlich die Einheit Deutschlands käme und damit eine Währungsreform verbunden sei.
Auch über den Prozess der KgU-Agenten werden in etwas größerem Umfange als zu den anderen politischen Problemen Diskussionen geführt.
Auch hier sind die Äußerungen größtenteils positiv. Sie drücken die Zustimmung zu der Verurteilung dieser Agenten aus. Das Urteil wird als gerecht angesehen und gefordert, gegen alle diejenigen, die es wagen sollten, Spionage und Sabotage in der DDR zu treiben, die härteste Strafe anzuwenden.
So sagte z. B. eine Landarbeiterin aus Mariental, [Bezirk] Potsdam:
»Ich habe noch nicht allzu viel über diesen Prozess gelesen, aber was ich bisher daraus entnehmen konnte, zeigt mir, dass diese Agenten, die unsere gesamte Wirtschaft stören wollten, u. a. die Sprengung der Saaletalsperre26 vorhatten, die höchste Strafe verdienen.«
Die KVP-Werbung zeigt noch immer keine wesentlichen Fortschritte. In der letzten Zeit wird aufgrund dieser Werbung eine größere Republikflucht unter den Jugendlichen festgestellt.
Zum Beispiel trat im Kreisgebiet Wittstock, [Bezirk] Potsdam, im Monat Juni eine verstärkte Republikflucht auf. So wurden z. B. aus der Gemeinde Schweinrich drei Jugendliche und aus der Gemeinde Blandikow ein Jugendlicher republikflüchtig.
Im VEB Baumschule Ketzin, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, wurden aus diesem Grunde vier Jugendliche republikflüchtig.
Bei der KVP-Werbung tritt immer wieder das Argument auf, die Werbung nicht auf dem Lande durchzuführen, da hier sowieso schon so wenige Arbeitskräfte vorhanden seien.
Am 25.6. und 26.6.[1955] wurde in den landwirtschaftlichen Betrieben der »Tag der Erntebereitschaft«27 durchgeführt.
Im Allgemeinen bemühen sich die MTS, LPG und VEG, ihre Maschinen an diesem Tage einsatzbereit zu haben.
Zu verzeichnen war aber, dass sich die Bauern nur gering von der Einsatzfähigkeit der Maschinen überzeugten.
So gab es Fälle, wo die Mitglieder der Kommissionen die Hofbegehungen in den Gemeinden, LPG und VEG vorwiegend allein durchführten.
In den MTS und MTS-Stützpunkten konnte, wenn auch nur gering, eine bessere Beteiligung festgestellt werden.
Zum Beispiel beteiligten sich im Kreis Oschatz, [Bezirk] Leipzig, an der Besichtigung der vier MTS und der dazugehörige Stützpunkte insgesamt 66 Genossenschafts- sowie werktätige Einzelbauern.
Die Ursache an der mangelhaften Beteiligung am »Tag der Erntebereitschaft« ist vorwiegend die, dass die Bauern aufgrund des günstigen Wetters mit der Heuernte beschäftigt waren.
Zum anderen wurde aber auch durch die OPO und die Politabteilungen der MTS der Tag nicht agitatorisch vorbereitet, sodass dadurch selbst bei den Genossenschaftsbauern das Interesse oft nur gering war.
Eine volle Einsatzfähigkeit der Maschinen konnte in einigen MTS durch den Mangel an Ersatzteilen nicht gewährleistet werden.
Es fehlte wie schon des Öfteren berichtet an Ersatzteilen für KS 62,28 Raupen und Traktoren »Aktivist« sowie Mähdrescher usw.
Es gab auch einige MTS die diesen Tag nicht genügend vorbereiteten.
So z. B. in der MTS Ostingersleben, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, wo die Geräte und Maschinen nicht gesäubert und die Sichtagitation schlecht war. Auch war die Teilnahme der Bevölkerung mangelhaft.
Während in einigen landwirtschaftlichen Betrieben die Pflegearbeiten bei Zucker- und Futterrüben schon fast beendet sind, gibt es noch immer Betriebe, wo diese Arbeiten nur sehr schleppend durchgeführt werden. Das ist zum Teil auch auf einen Arbeitskräftemangel zurückzuführen.
So fehlen z. B. in der LPG Mehmke, [Kreis] Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, Arbeitskräfte, sodass die LPG gezwungen ist, Arbeiterinnen von Salzwedel einzustellen. Dies ist mit größeren Kosten verbunden. Seit drei Wochen zahlt die LPG für diese Frauen pro Tag DM 2,50 Fahrkosten und DM 20,00 Lohn, was in 20 Tagen DM 5 000 beträgt.
Die Genossenschaftsbauern äußern sich dort verschiedentlich, dass sie dadurch Schaden bei der Auszahlung der Arbeitseinheiten29 haben.
In der LPG Brügge,30 [Kreis] Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, sind die Rüben- und Kartoffelfelder in einem sehr schlechten Zustand. Die Felder sind so verunkrautet, dass bereits drei ha Rübenfläche wieder umgebrochen werden mussten. Der schlechte Zustand der Pflegearbeiten ist in dieser LPG darauf zurückzuführen, dass unter den Genossenschaftsbauern eine schlechte Arbeitsmoral besteht, was auf die schlechte Arbeitsweise des Vorsitzenden zurückzuführen ist.
Bei der Feldbegehung in der LPG Goldenstedt, [Bezirk] Schwerin, wurde festgestellt, dass auf den31 Kartoffelflächen (20 ha), die von der MTS mit Maschinen bepflanzt wurden, so schlechte Arbeit geleistet wurde, sodass mit einem Ausfall im Ertrag von 40 % zu rechnen ist.
Eine Rücksprache mit dem Agronom der MTS und den Traktoristen ergab, dass nach deren Meinung die geforderte Norm von 6 ha zu groß ist, um eine einwandfreie Arbeit zu leisten.
In der LPG Waltersdorf, [Kreis] Königs Wusterhausen, werden noch ca. 50 t Saatkartoffeln benötigt, da noch 100 Morgen Ackerland unbebaut sind. Vom Rat des Kreises wurde das Versprechen, die 50 t zur Verfügung zu stellen, nicht gehalten. Der Vorsitzende der LPG muss sich jetzt in Wittstock einen Freigabeschein für die 50 t Kartoffeln holen.
Die LPG hat vor einiger Zeit 17,4 t Kartoffeln erhalten, wofür sie pro Zentner 31,00 DM zahlen musste. (Im freien Verkauf kostet sonst der Zentner nur 14,00 DM.)
Aus den Bezirken Cottbus, und zwar aus den Gemeinden Pechern, Nochten und Boxberg, [Kreis] Weißwasser, im südlichen Teil des Kreises Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, und im Kreis Riesa, [Bezirk] Dresden, wurde verstärkt über die Wildschweinplage berichtet.
Die Bauern sind beunruhigt darüber, dass die Wildschweine die Felder verwüsten und von keiner Seite diesbezüglich Unterstützung gewährt wird. Die Beschwerden, die die Bauern an die zuständigen Stellen einreichen, bleiben unberücksichtigt.
In den Gemeinden südlich des Kreises Königs Wusterhausen ist es aufgrund dieser Tatsache nicht mehr möglich, irgendwelche Versammlungen durchzuführen, weil dort die Bauern immer wieder die Frage stellen »warum ist in dieser Hinsicht nichts unternommen worden«.
Am 22.6.1955 wurden in der Gemeinde Jeeben-Darnebeck,32 [Kreis] Klötze, [Bezirk] Magdeburg, durch tollwütige Dachse und Füchse mehrere Personen angefallen und gebissen.
Die Schweinepest brach in folgenden landwirtschaftlichen Betrieben aus:
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bei einem Mittelbauern in Wittenförden, [Bezirk] Schwerin – Bestand 15 Schweine – verendet sieben – notgeschlachtet acht;
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bei einem Mittelbauern in Groß Schwiesow, [Kreis] Güstrow, [Bezirk] Schwerin – Bestand 26 Schweine – verendet acht – notgeschlachtet 18;
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in der LPG Dolge,33 [Kreis] Neustrelitz – Bestand von 36 Schweinen notgeschlachtet;
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bei einem Kleinbauern in Goldendorf,34 [Bezirk] Neustrelitz – Bestand 23 Stück Schweine – notgeschlachtet zwei;
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bei einem Bauern in Upost, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg – Bestand 14 – notgeschlachtet 13 – verendet ein Schwein.
Aufgrund von Magen- und Darmentzündungen verendeten bei einem Großbauern35 in Boddendorf, Kreis Artern, [Bezirk] Halle, acht Rinder.
Die Untersuchungen ergaben, dass Stroh als Futter verwendet wurde, welches mit Rote-Bindegarn der Fa. Mey & Co.36 Heiningen37 gebunden war. Um weiteren Schaden zu vermeiden, wurden an die landwirtschaftlichen Betriebe vom Rat des Kreises Hinweise gegeben.
Am 24.6.[1955] gegen 19.00 Uhr brach in der LPG »Morgenrot« in Beiersdorf, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, aus den bisher ungeklärten Gründen ein Brand aus. Schaden ca. 15 000 DM.
Vor einigen Tagen fand in der Gaststätte Schmokenberg in Havelberg, [Bezirk] Magdeburg38 eine Bauernversammlung mit den Themen: »Warschauer Konferenz39 und Ministerratsbeschluss vom 10.3.1955«40 statt.
Anwesend waren 22 Bauern, in der Mehrzahl Mittel- und Kleinbauern.
Auch einige Großbauern waren erschienen. 50 % der Teilnehmer verließen bei der Diskussion über politische Probleme den Versammlungsraum, und als über Sollfragen gesprochen wurde, kehrten sie zurück.
Aus der gesamten Diskussion war eine feindliche Einstellung gegenüber der DDR festzustellen.
Am 17.6.[1955] erhielt die LPG Retschow, [Bezirk] Rostock, von der BHG Bad Doberan Schlempe-Kali-Phosphat. Dieser Dünger wurde von vier Mann am 20.6.[1955] gestreut. Daraufhin mussten diese vier Personen sofort zum Arzt, da ihnen die Finger zerfressen waren. Diese Lieferung stammt vom VEB Gärungschemie Dresden.
Die LPG Goldenstedt erhielt vom VEB Ziegelei Lüblow, [Kreis] Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, 10 000 Mauersteine, die für den Bau eines Schweinestalles bestimmt waren. Durch den eintretenden Regen fielen 90 % der Steine auseinander, da sie zu viel ungelöschten Kalk enthielten.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Am 25.6.1955, gegen 19.00 Uhr, ging in den Bezirken Halle und Magdeburg ein wolkenbruchartiger Regen nieder.
In Merseburg kam es zu Straßenüberschwemmungen, wo teilweise ein Wasserstand bis zu 40 cm zu verzeichnen war.
Das Wasser drang in Lagerräume der HO und des Konsums, wodurch ein Schaden von ca. 8 000 DM im Konsum Merseburg zu verzeichnen ist.
Im Bezirk Magdeburg wurden Licht- und Telefonleitungen sowie Dächer beschädigt.
Im Kreis Halberstadt ging ein starker Hagelschlag nieder, sodass auf den Feldern ein erheblicher Schaden entstand.
Im Werk Neumark und BKW Großkayna-Süd, [Bezirk] Halle, kam es für kurze Zeit zu Betriebsstörungen.
Einschätzung der Situation
Es zeigen sich gegenüber den vorhergehenden Tagen keine besonderen Veränderungen in der Lage.
Anlage 1 vom 27. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2463
Auswertung der Westsendungen (I)
Der RIAS41 versucht die Partei ideologisch zu verwirren.
In einer Reihe Sendungen versucht der RIAS in den letzten Tagen nachzuweisen, dass eine Änderung der Politik notwendig sei.
Damit will er Verwirrung in die Reihen der Partei tragen und der Partei eine Diskussion über den »besonderen deutschen Weg zum Sozialismus« aufzwingen. Damit sollen wir von unserer Politik für Frieden und Einheit abgelenkt und besonders die Partei geschwächt und zersetzt werden.
Der RIAS behauptet, das vom Genossen W. Ulbricht42 erschiene Buch »Zur Geschichte der neuen Zeit«43 behandle die Entwicklung der »Zone« völlig einseitig und mit einer Reihe »Fälschungen«. Wörtlich: »Das ideologische Konzept der KPD-SED von 1945 bis 1948, die Theorie vom deutschen Sonderweg zum Sozialismus44 ist in Ulbrichts Buch mit keinem Wort erwähnt.«
In den weiteren Ausführungen zeigt sich, dass der RIAS beabsichtigt, durch seine Sendungen der Partei jetzt eine breite Diskussion über den »besonderen deutschen Weg zum Sozialismus« in Verbindung mit Anton Ackermann45 und der Erklärung des Genossen Chruschtschow46, dass »die konkreten Formen der Entwicklung des Sozialismus ausschließlich Angelegenheit der Völker der einzelnen Länder ist«,47 aufzuzwingen.
Damit sollen die Reihen der Partei verwirrt und Misstrauen gegen die Parteiführung entfacht werden. Dies wird noch betont durch die Erklärung: »Heute nun, nach dem Besuch Chruschtschows in Belgrad48 und seiner Erklärung ist dieses Problem wieder aktuell geworden, es wird in der Partei eifrig diskutiert. Das ZK und die Publikationsorgane der Partei beteiligen sich allerdings nicht an dieser Diskussion.«
»Die einzig mögliche Konsequenz für die SED aus der Belgrader Abschlusserklärung49 wäre, erneute Diskussion der Theorie vom deutschen Sonderweg zum Sozialismus.«
Die Bemühungen des Feindes richten sich ganz offensichtlich gegen die führende Rolle der SU im sozialistischen Lager. Deshalb hebt der RIAS besonders hervor, dass die »Ackermannsche Theorie«, die 1948 von unserer Partei als falsch und gefährlich erkannt wurde, »das Bekenntnis der Partei zu einer selbstständigen unabhängigen Politik« gewesen sei. Wogegen, so behauptet RIAS sinngemäß, unsere Partei jetzt nicht Politik im Interesse der deutschen Werktätigen, sondern im Interesse der Sowjetregierung macht.
Um gegen die führende Rolle der SU und gegen die Politik unserer Parteiführung innerhalb unserer Partei Stimmung zu machen faselt der RIAS:
»Mit der Belgrader Abschlusserklärung … hat Moskau nun auch den Kommunistischen Parteien in den einzelnen Ländern und damit auch … der SED das Recht zugestanden, eine selbstständige Politik zu betreiben.«
Als »Konsequenz« wird gefordert, eine »von Moskau unabhängige Politik« zu betreiben.
Die Genossen sollen besonders verwirrt werden durch den vom RIAS konstruierten »Widerspruch« zwischen der Ablehnung der »Ackermannschen Theorie« durch unsere Partei und der Erklärung des Genossen Chruschtschow, dass die Entwicklung der konkreten Formen des Sozialismus ausschließlich Angelegenheit der Völker der einzelnen Länder ist.
Die fortlaufenden Sendungen des RIAS zu vorstehenden Fragen sollen aber auch dazu dienen, die Werktätigen außerhalb der Partei, besonders die kleinbürgerlichen Kreise und die Bauern, von der Zusammenarbeit mit unserer Partei im Rahmen der Nationalen Front50 und des Blocks51 abzubringen.
RIAS behauptet, dass das fortschrittliche Bürgertum und die Bauern systematisch vor den Kopf gestoßen, niemals zur »gleichberechtigten« Mitarbeit herangezogen, ja sogar wirtschaftlich und politisch bekämpft worden sind.
Zum »Beweis« führt man besonders die Kaderpolitik in Verwaltung und Wirtschaft, die zahlreichen Republikflüchtigen und den »17. Juni«,52 an.
Der Abzug von Fachkräften aus der DDR
Der RIAS gab in seiner Sendung »Werktag der Zone«53 am 23.6.1955 einen »Bericht« über die angebliche Arbeitsmarktlage in der Bundesrepublik.
Durch diese Propaganda wird versucht, Spezialkräfte aus der DDR reifzumachen, für den Abzug nach Westdeutschland. Der RIAS versucht dabei die Menschen mit folgenden Behauptungen zu ködern:
Die Zahl der Arbeitslosen haben den niedrigsten Stand seit 1948. In den meisten Teilen der Bundesrepublik sei die Vollbeschäftigung erreicht.
Die Zunahme der Beschäftigten würde seit 1950 über drei Millionen betragen.
Zur Frage, woher die vielen neuen Arbeitskräfte kommen sagt der RIAS: »Einen sehr wesentlichen Teil stellen … die Flüchtlinge aus der Sowjetzone.«
Die Wirtschaft der Bundesrepublik hätte »sich als ein Magnet von großer Anziehungskraft erwiesen«.
In vielen Berufen würden ständig Arbeitskräfte gesucht, dabei spricht man viel von großem Bedarf und es wäre unmöglich, diesen zu decken.
Viele Betriebe wären eifrig bemüht, Wohnungen und Unterkünfte für die auswärtigen Arbeitskräfte zu bauen, die Bauunternehmer würden die Unterkünfte unentgeltlich für ihre auswärtigen Arbeitskräfte zur Verfügung stellen.
In dieser Sendung zeigt der Gegner besonderes Interesse für den Abzug folgender Kräfte:
Ingenieure und Techniker, besonders jüngere und Nachwuchskräfte, Chemiker und chemisch-technische Assistentinnen, Medizin-technische Assistentinnen, Lehrer und Lehrerinnen an Volks- und Mittelschulen, an höheren Schulen und Fachschulen, dazu wird behauptet, dass bereits in vielen Ländern Lehrkräfte aus der DDR eingestellt worden sind.
Maurer und Bauhilfsarbeiter, Dreher, Schlosser, Schweißer, Werkzeugmacher, Schleifer, Polierer, Drücker und Automateneinrichter, Arbeitskräfte und Lehrlinge im Steinkohlenbergbau, Landarbeiter und Landarbeiterfamilien, Arbeitskräfte in chemischen Betrieben und in der Gummiindustrie, Hotelangestellte und Hoteldiener, Kellner, Köche, Köchinnen, Küchenchefs, Küchenhelferinnen, Kellnerinnen, Servierinnen und Zimmermädchen.
Anlage 2 vom 29. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2463
Auswertung der Westsendungen (II)
Die Westsender, besonders der RIAS, treiben weiterhin eine umfangreiche Hetze gegen unsere Agrarpolitik. Hauptziel ist gegenwärtig, die Bauern zu beeinflussen, dass sie Drescharbeiten nachts ablehnen und damit die planmäßige Ablieferung verzögern.
Dazu sagt der RIAS, dass der Plan einer Reglementierung der Erntearbeiten nicht möglich sei, denn man könnte den Bauern nicht zumuten, am Tage zu ernten und nachts zu dreschen, des Weiteren die Zwischenfrucht zu bestellen und das Getreide abzuliefern. Weiter stellt er die Forderung »nach der wirtschaftlichen Selbstständigkeit, eigenen Maschinen und die Befreiung von allem Anbau- und Ablieferungsplänen«.
Das heißt der MTS und der kollektiven Bearbeitung der Felder.
Um die Bauern davon abzuhalten, sich einer Weidegemeinschaft anzuschließen, benutzt RIAS zu seiner Hetze u. a. die in unserer Presse geübte Kritik über fehlende Teile des Weidezaungerätes und verallgemeinert dies auf die gesamte DDR.
Weiter argumentiert er, dass die Gemeinschaftsweide der »Zwangsabgabe« von Heu unterliegt.
Die Veröffentlichung im »Freien Bauern«54 über die Preise für ablieferungspflichtiges Geflügel55 benutzt RIAS zu seiner Hetze und sagt, dass der Preis mit den Aufzuchtkosten nicht in Einklang zu bringen sei, da der Bauer für seine Arbeit keine Entschädigung erhalten würde. Um gegen unsere volkseigenen Güter Stimmung zu machen heißt es weiter, dass diese für ihre Produkte einen höheren Preis bekämen und fordern die Bauern auf, für so einen »Spottpreis« kein Geflügel zu halten.
Um die Bevölkerung, hauptsächlich unsere Hausfrauen zu beruhigen, wird vom RIAS gegen unsere Versorgung gehetzt.
So behauptet er, dass von den Bezirksverwaltungen angeordnet wird, bei einem Engpass von HO-Margarine diese nur gegen Abstempelung auf der Lebensmittelkarte und nur 500 Gramm im Monat abzugeben.
Ein weiterer Anlass ist die Anmeldung der Einkellerungskartoffeln für 1955. RIAS erklärte, dass auch dieses Jahr die Hausfrauen noch im November um ihre Einkellerungskartoffeln bangen müssten, und sagte dazu: »… Wir sind gespannt, welche Entschuldigungen die kommunistische Presse in diesem Jahr wieder ins Feld führen wird, wenn die Bevölkerung im November noch nicht voll mit Speisekartoffeln versorgt sein wird.«
Um die Eltern davon abzuhalten, ihre Kinder ins Pionierlager56 zu schicken, wird vom RIAS behauptet, dass das Programm der Ferienaktion nicht Sport und Spiel enthält, sondern die Kinder sollen für Übungen, die zur Verteidigung der Heimat dienen, herangezogen und ausgebildet werden. Zur Ausbildung würden VP-Offiziere und Funktionäre der GST zur Verfügung stehen.
Anlage 3 vom 23. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2463
Organisierte Feindtätigkeit (I)
In der Zeit vom 24.6. bis 27.6.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:57
- –
Magdeburg: Kreis Oschersleben 6 000, Kreis Haldensleben 10 000;
- –
Neubrandenburg: Kreis Templin einige;
- –
Schwerin: Kreis Parchim 10;
- –
Cottbus 31 000;
- –
Dresden: Kreis Freital 920, Kreis Großenhain 15, Kreis Meißen 140, Kreis Kamenz 20, Kreis Löbau 220, Kreis Niesky 27, Kreis Kamenz [sic!] und Bautzen 110;
- –
Halle: in den Kreisen Hettstedt, Köthen, Bernburg und Naumburg 5 100, Kreis Eisleben 5 200, Kreis Aschersleben 450, Kreis Weißenfels und Zeitz 24;
- –
Gera: Kreis Greiz, Kreis Lobenstein, Kreis Rudolstadt, Kreis Schleiz und Pößneck 9 300;
- –
Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Freiberg und Stollberg 100, Kreis Oelsnitz 950;
- –
Potsdam: Kreis Nauen 1 120, Kreis Brandenburg 80, Kreis Rathenow 5 000, Kreis Pritzwalk 15, Kreis Kyritz 15;
- –
Suhl: Kreis Schmalkalden 200.
NTS:58
- –
Magdeburg: Kreis Seehausen 5 000;
- –
Frankfurt: Kreis Bernau 2 200;
- –
Gera 2 350;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Stollberg 7, Kreis Glauchau und Marienberg 35.
ZOPE:59
- –
Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Zwickau und Annaberg, Kreis Hohenstein-Ernstthal, Rochlitz und Kreis Oelsnitz 1 350.
KgU:60
- –
Gera: Kreis Pößneck 2 600;
- –
Magdeburg: Kreis Haldensleben 1 500;
- –
Halle: Kreis Naumburg einige Tausend;
- –
Karl-Marx-Stadt: in dem Kreis Stollberg und Glauchau 30;
- –
Potsdam 3 000.
»20,00-DM-Scheine«:
- –
Frankfurt: Kreis Freienwalde 600;
- –
Teltow, [Bezirk] Potsdam: 20.
»Wahrheit«:
- –
Halle 120;
- –
Magdeburg: Kreis Haldensleben 1 000;
- –
Potsdam: Kreis Neuruppin.
»Freie Junge Welt«:61
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Auerbach 300.
Antidemokratische Tätigkeit
Am 23.6.[1955], gegen 11.00 Uhr, wurden im Treppenaufgang beim Rat des Kreises Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, auf Plakaten und Transparenten fünf Hakenkreuze festgestellt.
In der Nacht zum 24.6.[1955] wurde in Schwarznaußlitz,62 [Kreis] Bautzen, ein Schaukasten der DSF entfernt und in den Straßengraben geworfen.
Am 24.6.[1955] hat eine Berufsschullehrerein aus Linum, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, an der Schultafel »Nieder mit den Kommunistenpack« geschrieben. Nach ihren eigenen Aussagen hat sie es getan, weil sie gegen die FDJ erbost war, da sie ausgelacht wurde von den FDJlern, als sie in die »Junge Gemeinde« eintreten wollte.
Terror
In der Nacht zum 23.6.1955 wurde der 1. Kreissekretär der SED von Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, von unbekannten Tätern, als er auf dem Wege von der Kreisleitung zur Wohnung war, mit Steinen beworfen, er reagierte nicht darauf und setzte im beschleunigten Tempo seinen Weg fort, ohne sich provozieren zu lassen.
Das Jugendheim der Intelligenz63 in Dresden-Klotzsche war am 16.6.1955 drei Stunden ohne Strom. Es wurde festgestellt, dass der Sicherungskasten, welcher außerhalb des Hauses angebracht ist, vollkommen zerschlagen war, die Blechkapsel, welche die Sicherung schützt, entfernt und alle Sicherungen gestohlen waren.
Am 23.6.1955, gegen 17.00 Uhr, wurde vom Prüfschrank der Entstörungsstelle in Erfurt Störungen in den Überweisungsleitungen nach Alach, [Bezirk] Erfurt, festgestellt. Die Untersuchungen ergaben, dass sämtliche Leitungen zwischen den Ämtern Erfurt und Alach unterbrochen waren. Vom Messbeauftragten wurde festgestellt, dass in dem Kabelschacht vor dem ehemaligen Luftschutzbunker in Bindersleben das dort durchlaufende PM-Kabel abgedreht und in einer Länge von etwa zwei Meter gestohlen war.
Anlage 4 vom 30. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2463
Organisierte Feindtätigkeit (II)
In der Zeit vom 28.6. bis 29.6.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:
- –
Leipzig: Kreis Grimma 200;
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Dresden: Kreis Freital 285, Kreis Großenhain 25, Kreis Meißen 10, Kreis Sebnitz 70, Kreis Merseburg 3 000;
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Halle: Kreis Bernburg 10, Kreis Quedlinburg 10 000, Kreis Oschersleben 200, Kreis Wanzleben 4 000, Kreis Genthin 2 000;
- –
Suhl: Kreis Sonneberg 500, Kreis Schmalkalden 300;
- –
Schwerin: Kreis Gadebusch 600;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Oelsnitz 3 500, Kreis Brand-Erbisdorf 25, Kreis Zschopau und Marienberg 70, Kreis Auerbach 80;
- –
Erfurt einige;
- –
Cottbus 8 750;
- –
Potsdam 35, Kreis Pritzwalk 40;
- –
Gera in den Kreisen Lobenstein, Schleiz, Greiz 3 400;
- –
Frankfurt: Kreis Fürstenwalde 50, Kreis Strausberg 400;
- –
Rostock einige.
NTS:
- –
Dresden: Kreis Zittau einige;
- –
Schwerin: Kreis Lübz 2 000, Kreis Perleberg 180;
- –
Gera: Kreis Stadtroda 1 500;
- –
Frankfurt: Kreis Eberswalde 600;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Zschopau einige;
- –
Potsdam 9 000.
»Die Wahrheit«:64
- –
Magdeburg 715, Kreis Haldensleben 500.
KgU:
- –
Magdeburg 200.
Die Hetzschriften beinhalten im Allgemeinen allgemeine Hetze gegen die SU und DDR, jedoch treten in den letzten Tagen vereinzelt Flugblätter mit der Unterschrift »Ulbricht ruft nach dem Volkssturm«, 65 auf. Diese Flugblätter beinhalten Hetzte gegen die Kampfgruppen. 66
In der Gemeinde Fichtenwalde, [Bezirk] Potsdam, wurden von bisher unbekannten Tätern bei mehreren Einwohnern die Hetzschrift »Tarantel« in die Briefkästen gesteckt.
Antidemokratische Tätigkeit
In der Gemeinde Meltewitz [Kreis] Wurzen, wurden in der Nacht zum 28.6.1955 drei Plakate zum 10. Jahrestag der VP von unbekannten Tätern abgerissen.
Auf der Straße Hildburghausen – Weitersroda wurden in der Nacht zum 28.6.1955 in Abständen drei Hakenkreuze in der Größe 30 x 30 cm mit Kreide auf die Straße geschmiert. Über den Hakenkreuzen waren Namen geschrieben, davon waren zwei Namen unleserlich, beim anderen konnte man den Namen Müller entziffern.
Terror
In der Nacht zum 27.6.1955 wurde ein Zeltlager der FDJ in Schelbach, [Bezirk] Halle, in dem sich acht FDJler befanden, durch fünf Jugendliche zerstört. Dabei wurde eine FDJlerin am Kopf verletzt und verlor die Besinnung, eine andere Jugendfreundin wurde mit einem Stock über das Auge geschlagen, sodass sie einen Bluterguss davontrug. Bei den Tätern handelt es sich um einen Sohn eines Großbauern, 67 den Sohn eines Gastwirtes und drei Söhne von Arbeitern.