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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

13. Juli 1955
Informationsdienst Nr. 2466 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

In dieser Berichtsperiode bildeten der 5. Jahrestag der Unterzeichnung der Oder-Neiße-Grenze,1 sowie die bevorstehende Vierer-Konferenz in Genf2 und vereinzelt die Note der SU an Bonn3 den Hauptdiskussionsstoff der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben.

Die Diskussionen über die Oder-Neiße Grenze in Verbindung mit der Deutsch-Polnischen-Freundschaft werden vorwiegend in Umsiedlerkreisen4 geführt und sind in der Mehrzahl negativ.

Von fortschrittlichen Kräften – vereinzelt auch von Umsiedlern – wird die Bedeutung der Deutsch-Polnischen-Freundschaften hervorgehoben und die Anerkennung der Oder-Neiße-Friedensgrenze zum Ausdruck gebracht.

Umsiedler betonen z. B. in diesem Zusammenhang, dass sie ebenfalls mit dieser Grenzregelung einverstanden sind und den Gedanken der Rückkehr in ihre ehemalige Heimat aufgeben, da sie in der DDR eine neue Heimat gefunden haben.

So ist z. B. die Meinung eines Arbeiters aus dem VEB Hebewerkzeug ABUS Sebnitz, [Bezirk] Dresden: »Ich bin Umsiedler aus Schlesien und habe in der DDR eine neue Heimat gefunden. Deshalb unterstütze ich die friedlichen Beziehungen zwischen der DDR und Volkspolen.«

Oder eine Umsiedlerin aus dem VEB EKO Oschatz,5 [Bezirk] Leipzig, sagte: »Ich kenne die Oder-Neiße-Grenze an. Wir wollen nicht wieder zurück, da wir hier eine neue Heimat gefunden haben. Uns gefällt es in der DDR

Wie bereits erwähnt, ist die Zahl der ablehnenden Diskussionen aus den Kreisen der Umsiedler größer als die zustimmenden Erklärungen. Meist bringen sie zum Ausdruck, dass sie den Gedanken auf Rückkehr in ihre ehemalige Heimat nicht aufgeben und sich deshalb mit der Grenzregelung nicht abfinden. Demzufolge nehmen sie auch eine negative Haltung gegenüber der Deutsch-Polnischen-Freundschaft ein. Auch machen sich negative Elemente zu Fürsprechern der Umsiedler und argumentieren in ähnlicher Weise gegen die Oder-Neiße-Grenze sowie gegen die Deutsch-Polnische-Freundschaft.

In diesem Zusammenhang kommt es noch vereinzelt zu Äußerungen, dass Adenauer6 in Moskau7 gegen die Oder-Neiße-Grenze auftreten wird.

So erklärte z. B. ein Umsiedler aus dem VEB Leipziger Wollkämmerei: »Die jetzige Grenze erkenne ich nicht an. Das Gebiet hinter der Oder-Neiße, war immer deutsches Land. Ich würde sofort wieder in meine alte Heimat zurückkehren.«

Ein Umsiedler aus dem VEB Tuchfabrik in Forst, [Bezirk] Cottbus: »Ich bin mit der Oder-Neiße-Grenze nicht einverstanden. Ich bin aus Schlesien und möchte meine Heimat wieder haben und wenn es mit der Waffe in der Hand wäre.«

In einer Versammlung im VEB Bau Cottbus, Baustelle Block, äußerte ein Umsiedler: »Ich liebe meine Heimat auch, aber die hinter der Oder-Neiße-Grenze.«

Als ihm aufgezeigt wurde, wer die Schuld an der Aussiedlung trägt, äußerte er: »Der Pole, der dich rausgeschmissen hat.« Daraufhin verließ er die Versammlung.

Im VEB Holzglaswerk Ernstthal, [Bezirk] Suhl, brachten mehrere Kollegen zum Ausdruck, dass sie es nicht berechtigt finden, dass man die Deutschen aus den Gebieten hinter der Oder-Neiße-Grenze ausgesiedelt habe.

So sagte z. B. ein Kollege: »Ich finde es nicht richtig, dass man die Leute rausgeschmissen hat und dass jetzt die Gebiete brachliegen.«

Ein Kollege aus dem Stahl- und Walzwerk Brandenburg: »Das Übereinkommen mit Polen besagt, dass die Grenze zwischen Deutschland und Polen endgültig sei. Die werden sich noch wundern. Im Sommer kommt die Erlösung, dann sind wir die Herren.«

Bei den Diskussionen zur bevorstehenden Vierer-Konferenz und der Note der SU an Bonn steht im Vordergrund die Frage der Einheit Deutschlands.

Aus den meisten Stellungnahmen spricht der Wunsch, dass die vier Siegermächte ein Übereinkommen treffen und dass Adenauer nach Moskau fährt, damit bald das Deutschlandproblem gelöst wird.

Negative Kräfte sprechen in diesem Zusammenhang über freie Wahlen8 und darüber, wie es in Deutschland nach der Wiedervereinigung aussehen wird.

Zum Beispiel sagte ein Schrankenwärter vom Bahnhof Schwanheide, [Bezirk] Schwerin: »Wenn freie Wahlen durchgeführt werden, können verschiedene Funktionäre ihre Koffer packen. Mit den Zuständen in der DDR kann man sich nicht einverstanden erklären.«

Fragen der Intelligenz

Einige Kollegen des Büros für Erfindungswesen in Magdeburg äußerte ihre Unzufriedenheit darüber, dass eingereichte Verbesserungsvorschläge mangelhaft und schleppend bearbeitet werden.

So kommt es vor, dass eingereichte Verbesserungsvorschläge über 14 Tage bei dem technischen Direktor zur Unterstützung liegen.

Sehr oft tritt in Erscheinung, dass Verbesserungsvorschläge nicht realisiert werden und von den Betrieben bei Anmahnung der Bescheid kommt, dass für solche Dinge keine Mittel zur Verfügung stünden.

Einige Intelligenzler des VEB Werk Fernmeldewesen Berlin beschäftigten sich mit den Ausführungen des Diplom Ingenieurs J. Stanek9 auf der wissenschaftlich-technischen Konferenz vom 6. bis 8.7.1955 in Berlin.10

Sie brachten dabei ihre Verwunderung darüber zum Ausdruck, dass in dem Referat, »ganz offen davon gesprochen wurde, dass sich unsere Forschungsarbeiten auch auf das Studium des internationalen Standes (kapitalistische Länder einbegriffen) der Technik und auf die internationale Fachliteratur stützen sollen«.11

Zum anderen wird es Zeit, dass sich die HV RFT umstelle, um den technischen Stand der Betriebe zu verändern.

Im Carl-von-Ossietzky-Werk Teltow,12 [Bezirk] Potsdam, sind vier Jungingenieure seit über einem halben Jahr beschäftigt. Laut Gesetz steht ihnen nach einem halben Jahr Tätigkeit eine Gehaltserhöhung zu. Aus dem Grunde wandten sie sich an den Leiter der Abteilung Arbeit, der eine Gehaltserhöhung ohne Begründung ablehnte.

Bei einer nochmaligen Rücksprache sah er zwar diese Forderungen als berechtigt an, aber lehnte wiederum mit der Begründung ab, dass er im Moment nicht mehr Gehalt zahlen könnte. Die vier Jungingenieure tragen sich deshalb mit dem Gedanken, sich [eine] andere Beschäftigung zu suchen. Es handelt sich dabei um Fachkräfte, die wichtige Funktionen bekleiden und deren Weggang ein Verlust für das Werk bedeuten würde.

Materialmangel wurde uns in dieser Berichtsperiode aus nachstehenden Betrieben berichtet:

  • VEB Bau (I) Leipzig (Ziegelsteine);

  • VEB Dachpappenwerk Brüel,13 [Bezirk] Schwerin (Rohpappe und Rohton) und

  • VEB IKA Sonneberg Suhl (Messingblech).

Im VEB Sprengstoffwerk Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, ist der Vorrat von verzinntem Eisendraht für die Herstellung von Elektrozündern für den gesamten Bergbau der DDR völlig erschöpft, deshalb kann die Produktion von Elektrozündern nur noch bis zum 15.7.1955 aufrechterhalten werden.

Da wiederum keine Vorräte von Elektrozündern vorhanden sind besteht die Gefahr, dass die Produktion des gesamten Bergbaus der verschiedensten Zweige in der DDR zum Erliegen kommen. Deshalb ist es dringend erforderlich, dass dem genannten Werk schnellstens verzinnter Eisendraht in der Stärke von 0,6 mm monatlich 23 bis 28 t zur Verfügung gestellt werden. (Die Lieferungen aus Westdeutschland sind ausgeblieben und Verträge mit der ČSR wurden noch nicht eingegangen – als Ersatz kann auch Kupferdraht verwendet werden, der aus Hettstedt14 geliefert werden müsste.)

In dem Trikotagenwerk VEB »Vinora«15 und VEB »Goldfisch«16 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern für einige Hunderttausend DM Fertigwaren aus der Produktion des Jahres 1954, für die keine Absatzmöglichkeiten bestehen.

Der VEB Fliesenwerke Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, erhielt eine größere Lieferung von Dänemark zurück, die aufgrund der schlechten Qualität beanstandet wurde.

Die Ursachen dafür liegen in dem Verbrauch von schlechter Kohle, was Temperaturschwankungen zur Folge hatte und in der Verwendung von eisenhaltigem Wasser, wodurch die Fliesen verändert wurden.

Produktionsstörungen

Am 9.7.1955, in der Zeit von 17.00 bis 23.00 Uhr, und von 23.20 zum 10.7.1955, 17.00 Uhr, stand der gesamte Betrieb des VEB Witznitz-Brikettfabrik Leipzig still. Ursachen: Pressehausredler17 gerissen – infolge Materialverschleißes am Steilredler Laschenglieder zum Reißen kamen. Produktionsausfall: 1 700 t Brikett.

Durch einen Rohrbruch im Leuna-Werk (wobei es sich um altes Material handelt) entstand ein Produktionsausfall von ca. 200 t Ammonsulfat.18

Im VEB Deutzen19 wurden am 6. bzw. 7.7.1955 die Bagger 352 und 307 außer Betrieb genommen. Ursache: Freibüchsenbruch bzw. Bruch der Kupplungsklappen. Produktionsausfall insgesamt 6 500 cbm Abraum.

Im VEB Steinkohlenwerk Freital, [Bezirk] Dresden, fiel am 8.7.[1955], gegen 10.00 Uhr, die Hauptfördermaschine aus. Ursache: Ankerwicklung defekt – dadurch entstand Kurzschluss.

Am 7. und 8.7.[1955], gegen 21.30 Uhr bzw. 12.35 Uhr, kam es im VEB Grobgarnwerk Kirschau,20 [Bezirk] Dresden, im Werk II und III zu einem Großbrand. Insgesamt 150 000 DM Schaden. Brandursache noch nicht geklärt.

Am 6.7.[1955], gegen 8.55 Uhr, brach in der Teerdestillation21 des Kombinates Gölzau, [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, ein Brand aus. Schaden ca. 40 000 DM. Untersuchungen werden zurzeit noch geführt.

Im Ferienlager des VEB Waggonbau Ammendorf in Kipsdorf, [Bezirk] Dresden, musste eine Küchenhilfe aufgrund einer Vergiftung durch ein Arzneimittel in das Krankenhaus Dippoldiswalde eingeliefert werden. Die Küchenhilfe hatte etwas Hustensaft zu sich genommen – aus der Schwanenapotheke Ammendorf – kurz danach brach sie zusammen.

Die Untersuchungen ergaben, dass der Hustensaft mit 40 % Zinkchlorid-Lösung durchsetzt war.

Die Arznei wurde von der genannten Apotheke auf einem Lkw nach dem Ferienlager transportiert. Beim Öffnen der Arzneikiste wurde festgestellt, dass diese durch fremde Personen durchwühlt war.

Am 11.7.1955 wurde bei Arbeitsbeginn im VEB Granitwerk Demitz-Thumitz, [Bezirk] Dresden, festgestellt, dass der Maschinenraum, in dem größere Seilwinde stehen, mit einem Dietrich geöffnet worden war und dass in die Trommel ein Holzpfahl gesteckt wurde. Damit sollte bezweckt werden, dass beim Anlaufen der Winde dieselbe auseinandergerissen wird. Durch die Wachsamkeit der Arbeiter konnte Schaden verhütet werden.

In nachstehenden Betrieben kam es zum Anschmieren von Hetzlosungen und Hakenkreuzen.

  • VEB Verlade- und Transportanlagen Werk II Leipzig (Hetzlosung gegen einen führenden Funktionär der SED);

  • VEB Baumwollspinnerei Mittweida, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (ein Hakenkreuz und »Heil Hitler«);

  • VEB Waggonbau Görlitz Werk III (Hakenkreuze – KVP Werbeplakate abgerissen);

  • Stahlwerk Riesa Werk II (Hetzparole gegen die Kampfgruppe); .

  • VEB Eilenburger Zelluloid-Werke (Hitlergruß);

  • VEB Rujekta Steinach, [Bezirk] Suhl (ein Hakenkreuz und »Ostpreußen ist ewig deutsch!« und

  • VEB Sachsenwerk Niedersedlitz, [Bezirk] Dresden.

(Unter die Einladung einer Produktionsbesprechung »später kommen früher gehen« geschmiert und die Ankündigung des Vortrages »Warum sind Volksarmeen unbesiegbar« mit Lackmasse durchgestrichen.)

Versorgung der Bevölkerung

Die Lage in der Versorgung hat sich in den letzten Tagen nicht wesentlich verändert. Schwierigkeiten bestehen noch in der Versorgung mit Kartoffeln, Nährmitteln, Streichhölzern, HO-Zucker22 usw.

In den letzten Tagen macht sich in einigen Bezirken örtlich verstärkt ein Mangel an Marmelade, Kunsthonig und billigen Zigaretten bemerkbar. Zum Beispiel in den Bezirken Halle, Dresden, Gera, Suhl und Schwerin.

Vereinzelt ist auch wieder ein Mangel an HO-Margarine zu verzeichnen, wie z. B. im Kreis Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, in den Landgemeinden des Kreisgebietes Schmölln, [Bezirk] Leipzig, im Kreis Pößneck, [Bezirk] Gera, und im Kreis Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg.

Auch die Versorgung mit Massenbedarfsartikeln wie z. B. Damenschuhe (neue Modelle) Sommermäntel, sommerliche Kleiderstoffe, Motorräder und Motorroller wird bemängelt.

Zur Kartoffelversorgung ist noch zu erwähnen, dass in der nächsten Zeit mit einer Lieferung aus unserer Landwirtschaft nicht zu rechnen ist, weil die Kartoffeln noch zu klein sind.

Die Diskussionen über die Versorgungslage sind meistens negativ, weil örtlich immer wieder neue Mängel auftauchen. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass wir 1953 mehr zu kaufen bekamen, als jetzt, 1955.

Von den Hausfrauen wird Klage geführt, dass es keinen HO-Zucker gibt und sie mit dem Markenzucker in der Einmach-Zeit nicht auskommen.

In den letzten Tagen gingen mehrere Partien Importfleisch aus Abessinien23 und der Volksrepublik Rumänien wertgemindert im VEB Schlachthof Dresden ein. Es handelt sich um 2 177 kg abessinisches Rindfleisch und 461 Schweinehälften aus Rumänien. Ursache: nichtsachgemäße Einfrostung des Fleisches in den Waggons durch die Handelsvertreter.

In Petershagen Kreis Strausberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, lagern bei mehreren Fleischermeistern ca. 5 000 kg Fett und Talg. Trotz wiederholter Meldung bei den zuständigen Dienststellen wurde bisher zum Absatz dieser Waren nichts unternommen.

Im Großhandelskontor24 Leder in Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, lagern noch für ca. drei Mio. DM Schuhe, als Überplanbestände. Es handelt sich zum größten Teil um Schuhe (Arbeits- und Straßenschuhe, Austauschschuhe für Herren und Damen), bei denen der Preis zu hoch ist. Alle bisher geführten Verhandlungen mit dem Ministerium für Leichtindustrie verliefen erfolglos.

In der DHZ25 Strümpfe Gersdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern sechs Mio. Paar Strümpfe im Werte von 21 Mio. DM, die nicht abgesetzt werden können.

Bei der diesjährigen Submission wurden vom staatlichen und genossenschaftlichen Handel nur ca. 37 % der Planauflage des VEB Herrenmoden (Stadtbezirk Prenzlauer Berg Berlin) gebunden. Trotz einer im Monat Juni diesbezüglich durchgeführten Nachsubmission konnte kein wesentlicher Erfolg erzielt werden. Die Handelsorgane erklären, dass sie durch die große Anzahl der lagernden Waren beim Handel nicht in der Lage sind, neue Waren abzunehmen.

So lagern im VEB Herrenmoden 12 656 Anzüge, 13 703 Sakkos und 15 526 Hosen im Werte von 1 573 388 DM. Es handelt sich um modebedingte Konfektion, die trotz Nachfrage der Bevölkerung nicht in den Handel gelangt, weil die Handelsorgane nicht in der Lage sind, durch o. a. Gründe diese Waren zum Verkauf zu bringen. Wenn keine Änderung erzielt wird, muss der Betrieb in einiger Zeit die Produktion einstellen.

Ähnliche Absatzschwierigkeiten bestehen auch im VEB Herrenbekleidung Lichtenberg. Dort lagern aus der Produktion von 1953 bis 55 für ca. 1½ Mio. DM Anzüge, Sakkos und Hosen.

Bei der HO-Industriewaren Köpenick/Berlin ist ein Überplanbestand an Konfektionsware von 2 300 000 DM vorhanden. Trotz laufender Sonderverkäufe zu stark herabgesetzten Preisen ist der Umsatz sehr schwierig, sodass vom Rat des Stadtbezirkes der Vorschlag gemacht wurde, diese Waren dem Zerreißwolf zuzuführen.

Die Lage in der Landwirtschaft

Von der Landbevölkerung werden weiterhin politische Diskussionen nur im ganz geringen Umfange geführt, da die wirtschaftlichen Probleme, hauptsächlich die Vorbereitung der Ernte, im Vordergrund stehen.

Die Diskussionen über die Viermächtekonferenz sind in der Mehrheit positiv. Im Zusammenhang damit nimmt die Frage, wie das einheitliche Deutschland aussehen soll, einen breiten Raum ein.

In dieser Frage wird hauptsächlich von den Großbauern26 gegen die Regierungen der SU und der DDR gehetzt und erklärt, dass Adenauer der richtige Mann für die Regierung eines einheitlichen Deutschlands wäre.

Zum Beispiel erklärte der Sohn eines ehemaligen Großbauern aus Schlesien, wohnhaft in Dienstedt, [Kreis] Jena, [Bezirk] Gera: »Adenauer ist der beste Staatsmann. Schade, dass er nicht 30 Jahre jünger ist. Wenn eine freie Wahl kommt, braucht sich Adenauer nicht zu fürchten, denn viele andere und auch ich würden ihn wählen. Unsere jetzige Regierung ist nur pro forma, denn die Regierungsgeschäfte machen ja nur die Russen. Außerdem hat der Russe Angst vor dem Amt und deshalb geht er auch jetzt auf Verhandlungen ein.«

In der Gemeinde Lüdersdorf, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, die hauptsächlich aus Großbauern besteht, wird folgende Meinung vertreten: »Wir hoffen alle, dass durch die bevorstehende Viermächtekonferenz in Genf eine Änderung in der Hinsicht eintreten wird, dass nach der Einigung Adenauer an die Regierung kommen wird.«

Unter den Umsiedlern wird in den Bezirken Rostock, Halle, Schwerin, Potsdam, Neubrandenburg, Suhl und Leipzig anlässlich des 5. Jahrestages der Unterzeichnung des Vertrages der Oder-Neiße-Friedensgrenze verstärkt gegen diese gehetzt und zum Ausdruck gebracht, dass die Oder-Neiße-Friedensgrenze nicht endgültig ist und sie wieder in ihre Heimat zurück wollen, denn Polen bearbeite diese Gebiete doch nicht.

Zum Beispiel tritt in der Gemeinde Bandelow, Kreis Straßburg, [Bezirk] Neubrandenburg, das Argument auf, dass Adenauer anlässlich der Verhandlungen in Moskau dafür sorgen wird, dass eine Grenzberichtigung vorgenommen wird und die Umsiedler dann wieder in ihre Heimat zurück könnten.

Ein Schlosser von der MTS Burkartshain, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, erklärte: »Die Gebiete hinter der Oder und Neiße sind nur deutsches Land, das steht sogar im Realienbuch,27 jeder Umsiedler würde wieder zurückfahren, wenn er dazu die Möglichkeit hätte.«

In der Gemeinde Reppen, [Kreis] Oschatz, [Bezirk] Leipzig, kursiert ein Gerücht, das Molotow28 den Westmächten einen Vorschlag unterbreitet habe, in dem zum Ausdruck kommt, wenn die Saar wieder zu Deutschland kommt,29 dann werde auch Schlesien wieder Deutschland angegliedert.

Die Bezirke beschäftigten sich in den letzten Tagen mit der Vorbereitung der Einbringung der Ernte und der vorfristigen Erfüllung des Ablieferungssolls. Vereinzelt versucht man auch Kampfpläne aufzustellen, um dieses Ziel schneller zu erreichen.

In diesem Zusammenhang wird der Mangel an Ersatzteilen wie z. B. Schrauben, Kugellager, Reifen für Traktoren, Rundeisen usw. sowie die Belieferung mit Öl kritisiert.

In der MTS Zirkow, [Kreis] Putbus, [Bezirk] Rostock, können vier Traktoren (IFA-Pionier)30 nicht eingesetzt werden, weil Reifen (12,75 × 20) fehlen.

In der MTS Thurow, Kreis Sternberg, sowie MTS Wolfshagen fehlen Schrauben in den Größen 10 bis 24.

Im Bezirk Suhl bestehen in den MTS Schwierigkeiten in der Beschaffung von Reifen für Traktoren und Anhänger, Gruppenzinken, Schrauben, Muttern, Rundeisen und Federbügeln.

In den Bezirken Rostock und Suhl macht sich ein Mangel an Maschinenöl bemerkbar. Es wurden nur kleinere Mengen zugeteilt.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

Im Bezirk Schwerin bei Kleinbauern in den Gemeinden Roggendorf, Müsselmow, Herren Steinfeld, Marnitz, 145 Schweine notgeschlachtet.

Bei zwei werktätigen Bauern in Gohrau und Boßdorf Halle, 38 Schweine wurden notgeschlachtet.

Bei einem Mittelbauern im Bezirk Freital, [Bezirk] Dresden, zehn Schweine notgeschlachtet, fünf verendet.

Bei einem Großbauern und Mittelbauern in Poertig,31 [Bezirk] Leipzig, mussten zwei Zuchtsauen und vier Schweine notgeschlachtet werden.

In der LPG Prachenau, [Bezirk] Dresden, wurden im neuerbauten Kükenstall von ca. 500 acht Wochen alten Küken 40 bis 50 Küken tot aufgefunden. Die Todesursache konnte noch nicht festgestellt werden.

Im VEG Wipperdorf, [Kreis] Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, wurde in die fahrbare Spritzanlage für Schädlingsbekämpfung Kalk-Ammon eingeworfen. Diese Maschine stand in der Scheune des VEG.

In der Gemeinde Dannenwalde, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam, fiel am 8.7.1955 eine Giftstreumaschine aus, die mit Gift gefüllt war, in dem Fremdkörper (Splinte, Geschosshülsen) enthalten waren. Gift wurde bezogen von der Fa. Schering Berlin.

Am 7.7.1955 wurden in der LPG Dossow, [Kreis] Wittstock, [Bezirk] Potsdam, der Motor der Kreissäge und ein Pumpenmotor durch Einschütten von Eisenlack in die Motore außer Betrieb gesetzt.

Am 5.7.[1955] wurden in der NTS Steinbach, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, an einer Pickauf-Presse die Gummiecken an den Rädern zerschnitten. Die Presse stand ohne Schutz auf dem Felde.

In der Nacht zum 8.7.1955 wurden in der LPG Koblenz in Zischkowitz, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, von einem Traktor die Stahlkappen abmontiert und ein Ventil abgebrochen.

Durch Kokzidienbefall32 sind im Brütereibetrieb Lange in Blankenstein, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, 3 000 Küken verendet. Aus dem gleichen Grund verendeten in der LPG Golberode, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, von 500 Küken 300, die in der Brüterei gekauft wurden.

Am 5.7.1955 wurde das Kleefeld eines werktätigen Bauern aus Falken, [Kreis] Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, mit einem unbekannten Präparat, das den Klee als Futtermittel unbrauchbar macht, bestreut. Sämtliche Tiere, die vom Klee gefressen hatten, erkrankten an Durchfall.

Durch oberflächliches Arbeiten wurde von einem Traktoristen der MTS Lüdersdorf, [Bezirk] Potsdam, auf einem Kartoffelschlag der LPG Märtensmühle, Kreis Luckenwalde, erheblicher Schaden angerichtet. Er hatte beim Striegeln von ca. vier ha Kartoffeln 50 % Kartoffelstauden herausgerissen. Geschätzter Schaden beläuft sich auf ca. 300 Zentner Ernteertrag. Traktorist wurde inhaftiert.

In der letzten Zeit fahren Personen aus den Landgebieten des Bezirkes Cottbus verstärkt per Bahn und Bus nach Westberlin, um dort Pilze zu verschieben.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Am 10.7.1955, um 17.45 Uhr, wurde im Kreis Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, Katastrophenalarm betreffs Hochwasser ausgelöst. In den Ortschaften Löderburg und Adersleben ist damit zu rechnen, dass die Dämme den ansteigenden Fluten der Bode nicht standhalten. Die Dämme wurden verstärkt.

Im Kreis Halberstadt ist das Hochwasser zurückgegangen. Es besteht keine Gefahr mehr.

Im Kreis Spremberg, [Bezirk] Cottbus, ist die Zahl der Personen, die an Paratyphus erkrankt sind, auf 19 gestiegen.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber der vorhergehenden Berichtszeit nicht wesentlich verändert.

Anlage 1 vom 13. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2466

Bericht über Lohnfragen

Bei den betrieblichen Belangen sind es vielfach Lohnfragen, die eine gewisse Unzufriedenheit unter den Beschäftigten der Industrie- und Verkehrsbetriebe hervorrufen.

Diese Unzufriedenheit, die entweder durch unterschiedliche Lohnzahlung bei gleicher Arbeit oder durch angeblich zu niedrige Entlohnung erzeugt wird, führt einerseits zu negativen Diskussionen und verschiedentlich noch zur Fluktuation von Arbeitskräften von einem Industriezweig in den anderen.

So diskutieren z. B. die Beschäftigten in den Papierfabriken des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, dass ihre Entlohnung zu niedrig sei und ihnen schon mehrmals versprochen worden sei, dass in ihrem Produktionszweig höhere Tarife gezahlt werden sollen. Sie könnten bei den jetzigen Preisen mit ihrem Verdienst nicht auskommen und möchten daher lieber in andere Betriebe überwechseln, wo sie mehr verdienen.

(Aus diesem Grunde haben in der Papierfabrik Grünhainichen, [Kreis] Flöha, seit Jahresbeginn 60 Fachkräfte gekündigt.)

Unter anderem ein Arbeiter aus diesem Betrieb: »Ich arbeite seit drei Jahren als Holländer-Einträger33 und erhalte die Lohngruppe III, das heißt einen Stundenlohn von DM 1,03. Mit allen Zuschlägen verdiene ich im Monat DM 250 netto. Dieses Geld langt nur zum Lebensunterhalt und zu nichts anderem. Die Partei und die Regierung sollen sich nicht wundern, wenn ein ganzer Teil Menschen, die genau so wenig verdienen, nicht an Versammlungen und Veranstaltungen teilnehmen. Für die heutigen Preise ist der Verdienst in unserem Industriezweig zu niedrig.«

Unter dem Fahr- und Schaffnerpersonal des VEB Kraftverkehr Eilau, [Bezirk] Dresden, herrscht ebenfalls eine schlechte Stimmung wegen zu niedriger Bezahlung.

Zum Beispiel erhält ein Busfahrer einen Stundenlohn von DM 1,45 DM, aber ein Kraftfahrer in einem VEB oder Privatbetrieb bekommt stündlich DM 1,70 bis 2,00. In den letzten drei Monaten sind deshalb 17 Personen aus dem Betrieb ausgeschieden.

Im VEB Braunkohlenwerk Techau, [Bezirk] Leipzig, besteht ein Mangel an Arbeitskräften, da in der letzten Zeit ca. 60 Kumpel wegen zu geringem Verdienst gekündigt haben. Zum größten Teil wechselten sie zur Wismut SDAG34 über.

Im VEB Kreisbaubetreib Schleiz, [Bezirk] Gera, ist eine starke Fluktuation von Bauarbeitern zu verzeichnen. Sie nehmen in anderen Städten wie z. B. Plauen, wo eine höhere Ortsklasse35 gezahlt wird, Arbeit auf. Die Bauarbeiter vertreten die Meinung, dass sie durch das Ortsklassensystem benachteiligt würden, da sie für die gleiche Arbeit eine niedrigere Lohnstufe erhielten als z. B. ihre Kollegen in Plauen.

Mehrere Arbeiter des Kreisbaubetriebes Meiningen, [Bezirk] Suhl, kündigten ihr Arbeitsverhältnis und nahmen bei der Bau-Union Suhl, welche zurzeit mit dem Bau des Kühlhauses in Grimmenthal beschäftigt ist, ihre Arbeit auf. Als Begründung gaben sie an, dass die Bau-Union höhere Löhne zahle. Durch diese Fluktuation verzögern sich die Bauarbeiten in den LPG.

Auf der Baustelle VEB Silica-Werk Bad-Lausick der Bau-Union Leipzig wurden negative Diskussionen über die Entlohnung geführt. So äußerte z. B. ein Maurer: »Es ist kein Geld, wenn man die Woche DM 65 verdient. Die Preise stehen entsprechend unseres Verdienstes viel zu hoch. Auf der Baustelle Borna erfüllen die Kollegen ihre Norm mit 180 % und wir mit 115 % und schuften dabei wie die Verrückten.«

Der Aufbauleiter unterstützt solche Diskussionen, indem er gegenüber den Bauarbeitern äußerte: »Den Lohn, den die Bauarbeiter früher hatten, bekommt heute der Bergbau und die Bauarbeiter erhalten heute den Lohn der Kumpel von früher, der bedeutend niedriger liegt.«

Anlage 2 vom 13. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2466

Bericht über Normenfragen

An vielen Beispielen aus den Betrieben zeigt es sich immer wieder, dass über die Bedeutung der Einführung technisch begünstigter Arbeitsnormen36 noch große Unklarheiten bestehen. Dadurch sind die Diskussionen darüber in der Mehrzahl ablehnend. Meistens heißt es, dass mit der Neufestsetzung der Normen eine Lohnminderung zusammenhängt und demzufolge werden mitunter sehr heftige Diskussionen geführt und ziemlich negative Äußerungen getan.37

So z. B. nehmen die Arbeiter im VEB Schaubach-Kunst38 in Lichte, [Bezirk] Suhl, eine ablehnende Haltung gegenüber der Einführung technisch begründeter Normen ein. Sie vertreten die Meinung, dass es auch ohne technisch begründete Normen ginge, da »sie dadurch weniger verdienen«.

So erklärte z. B. ein Kollege: »Wenn sie jetzt reale Normen mit einer Höchstleistung von 120 % erarbeiten, dann brauchen wir gar nicht mehr zu arbeiten, denn dann verdienen wir zu wenig.«

Als in einer Abteilung des Feinstrumpfwerkes Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, eine Normen-Kontrolle durchgeführt werden sollte, sagte eine Arbeiter (parteilich) zu seinen Kollegen: »Kommt mal alle her, der TAN-Sachbearbeiter will uns wieder einmal Geld abziehen. Mit Neuerermethoden39 sind wir nicht einverstanden, diese bringen uns um den Verdienst und um unseren Arbeitsplatz«.

Im VEB Gummiwerk »Elastik« Gotha, [Bezirk] Erfurt, wurden auch Diskussionen über die Normenfrage geführt und dabei äußerte ein Arbeiter: »Wenn ihr uns durch die Normen das Geld wegklaut, dann bekommt ihr mitsamt dem Arbeitsdirektor eine Tracht Prügel.«

Im Ziegelwerk Altglietzen der Ziegelwerke Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, entstanden durch die geplante Einführung realer Normen heftige Diskussionen.

So sagte z. B. ein Setzer am Ringofen: »In der DDR darf nicht gestreikt werden, die Stimmung der Belegschaft ist aber so.«

Am 26.7.[1955] verlangten fast alle Kollegen am Ringofen vom Produktionsleiter die Zuweisung einer anderen Arbeit.

Dazu äußerte ein Kollege: »Wir wollen keine Arbeitsverweigerung machen, jedoch nehmen wir die vorgeschlagenen Normen nicht an und werden bis zur Klärung im Stundenlohn arbeiten.«

Von der Partei wurden entsprechende Maßnahmen eingeleitet.

Im VEB Landmaschinen Torgau, [Bezirk] Leipzig, löste die Überprüfung der Normen ebenfalls heftige Diskussionen aus.

Anlage 3 vom 13. Juli 1955zum Informationsdienst Nr. 2466

Auswertung der Westsendungen

In verleumderischer Weise nimmt RIAS40 zu der wissenschaftlich-technischen Konferenz41 Stellung.

Im Wesentlichen geht es darum, unsere Wissenschaftler und Techniker gegen die Aufgaben, die das 24. Plenum des ZK42 unserer Partei darlegt und die auf der gesamten Konferenz Gegenstand der Beratung war, aufzuhetzen, in dem man diese Aufgaben u. a. als »utopisch« und »überheblich« bezeichnet.

Um unter den Angehörigen der Technischen Intelligenz Misstrauen zu säen und sie gegen die Partei und Regierung zu beeinflussen, behauptet RIAS Folgendes:

»… Die Intelligenzler haben mehr als einen Grund, den Forderungen der Partei gegenüber misstrauisch zu sein. Die Bedingungen für die Auszahlung von Quartalsprämien43 sind bereits verschärft worden, Kündigungsfristen werden geändert und Bestrebungen zur Senkung der Intelligenzgehälter beginnen sich abzuzeichnen. Der politisch geschulte Nachwuchs rückt in die Betriebe ein und soll die unpolitischen Fachleute, alter Schule ersetzen und überwachen …«

Weiter behauptet RIAS, dass zwar für Forschungs- und Entwicklungsarbeiten rund 50 000 000 DM bereitgestellt seien, doch würde der größte Teil nicht für friedliche Zwecke, sondern für den »Aufbau der Flugzeugindustrie und des Atommeilers« verwendet werden.

Die Erklärung im Referat des Diplom-Ingenieur Stanek,44 wo es heißt, dass es bei der Erreichung des internationalen Standes der Technik notwendig sei, die Erfahrungen der internationalen Technik sowie die Fachliteratur auszuwerten,45 wird dieses vom RIAS verstellt wiedergegeben und er sagte dazu: »Um den Anschluss an die Entwicklung der Technik in westlichen Ländern zu gewinnen, soll das Zentralamt für Forschung und Technik Kontakte mit westlichen Technikern und Wissenschaftlern und einen Erfahrungsaustausch organisieren. Und die Fachliteratur der westlichen Welt soll hingehend studiert und ausgewertet werden.«

Um eine Kluft zwischen die Mitglieder unserer Partei und die Parteiführung zu treiben und Misstrauen zu säen, wird vom Sender »Freies Berlin«46 dahingehend gehetzt, dass die SED keine Arbeiterpartei sei und keine sozialistischen Ziele verfolge. Als »Begründung« gibt er an, dass sich unsere Partei angeblich nur noch zu 40 % aus Arbeitern zusammensetzt und dass davon ein großer Teil mit der Politik der SED nicht einverstanden sei, da »immer mehr Mitglieder aus Arbeiterkreisen der Partei den Rücken kehren würden«.

Der »Sender Freies Berlin« schlussfolgert daraus, dass eine »Änderung der sozialen Zusammensetzung« nur dadurch erreicht werden könnte, wenn die SED einen anderen Kurs einschlagen würde. Doch könnte davon keine Rede sein, denn die Partei »will die richtige Schlussfolgerung nicht ziehen«.

Unter anderem sagte er dazu: »… Die von Walter Ulbricht47 im vergangenen Monat vor dem 24. Plenum des ZK angekündigte Verhärtung des Kurses und nicht zuletzt die vom Regime geforderte Verteidigung der Errungenschaften mit der Waffe in der Faust,48 könne nur dazu führen, den Bruch zwischen der SED und ihren Mitgliedern aus der Arbeiterschaft noch mehr zu vertiefen.«

In einer Sendung des RIAS, wo er angebliche Hörerbriefe49 wiedergibt, hetzt er gegen die KVP-Werbung.50 Um die Jugendlichen davon abzuhalten, in die Reihen der KVP zu gehen, gibt er folgenden Hinweis: »Die Jugendlichen, die sich einer Brigade anschließen und einen Wettbewerb anmelden, würden von der Werbung ausgeschlossen. Die Erfüllung oder Nichterfüllung des Wettbewerbes sei den Jugendlichen überlassen. Die Hauptsache sei, sie könnten bleiben wo sie sind.«

Die Hetze gegen unseren sozialistischen Wettbewerb wird vom RIAS in einer anderen Sendung fortgeführt. In dem er versucht, die Jugendlichen am Wettbewerb zu hindern, hetzt er, die Regierung hätte kein Glück bei den älteren Arbeitern und deshalb hätte sie die Jugendlichen aufgefordert, neue Normen aufzustellen, die dann auf den gesamten Betrieb übertragen werden sollten. Weiter sagte er, dass so eine Brigade zwar einen Ehrentitel und Prämien erhalte, doch müssten sie auch die Verantwortung für die weitere »Ausbeutung ihrer Kollegen durch das Regime tragen«.

Anlage 4 vom 12. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2466

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 8.7. bis 11.7.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD-Ostbüro:51

  • Halle: Kreis Sangerhausen 4 000, Kreis Bernburg 30, Kreis Gräfenhainichen 2 000, Kreis Aschersleben 1 500;

  • Rostock 67: Kreis Doberan 6;

  • Potsdam 4 000: Kreis Brandenburg 15 175, Kreis Jüterbog 5 000;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Stollberg 1 050, Kreis Auerbach 1 000, Kreis Zwickau 100, Kreis Freiberg und Kreis Brand-Erbisdorf 35;

  • Dresden: Kreis Niesky 55, Kreis Sebnitz 60;

  • Neubrandenburg: Kreis Templin 90;

  • Cottbus: Kreis Jessen 1 120, Kreis Luckau 30;

  • Frankfurt: Kreis Fürstenwalde 200.

NTS:52

  • Magdeburg: Kreis Zerbst 3 000;

  • Potsdam: Kreis Jüterbog 5 000, Kreis Belzig 4 000;

  • Schwerin 500;

  • Halle: Kreis Köthen 1 000, Kreis Roßlau 80, Kreis Nebra 10, Kreis Sangerhausen 30;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Zwickau 20, Kreis Doberan 500;

  • Neubrandenburg: Kreis Waren 100.

ZOPE:53

  • Potsdam: Kreis Brandenburg 4 500.

DGB-Ostbüro:54

  • Erfurt 160.

CDU-Ostbüro:55

  • Halle 200.

Unbekannter Herkunft:

  • Potsdam: Kreis Brandenburg 11 500.

»Der Tag«:56

  • Potsdam 4 000: Kreis Brandenburg 180.

»Freie Junge Welt«:57

  • Gera: Kreis Lobenstein 1 500;

  • Erfurt: Kreis Arnstadt 1 500;

  • Neubrandenburg: Kreis Neustrelitz 500.

KgU:58

  • Magdeburg: Kreis Staßfurt 1 000;

  • Potsdam: Kreis Belzig 1 400.

In Tschechischer Sprache:

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Brand-Erbisdorf 5.

Der Inhalt der Hetzschriften hat sich gegenüber den Vortagen nicht verändert.

Im Lautawerk,59 Kreis Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus, ist in letzter Zeit zu verzeichnen, dass Jugendliche, worunter sich auch Jugendliche aus Westdeutschland befinden, das Deutschlandlied60 und andere faschistische Lieder singen bzw. spielen.

Der Parteisekretär der SED, Ortsleitung Wittenberge, [Bezirk] Schwerin, erhielt einen Drohbrief, worin er aufgefordert wird, die politische Arbeit sofort aufzugeben und republikflüchtig zu werden. Als Unterschrift war ein Totenkopf gezeichnet.

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    16. Juli 1955
    Informationsdienst Nr. 2467 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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    Informationsdienst Nr. 2465 zur Beurteilung der Situation in der DDR