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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

16. Juli 1955
Informationsdienst Nr. 2467 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

In zunehmendem Maße wird jetzt unter den Beschäftigten der Industrie- und Verkehrsbetriebe über die bevorstehende Viererkonferenz in Genf gesprochen.1 Die Diskussionen verlaufen in der Mehrzahl positiv und aus den meisten Stellungnahmen spricht der Wunsch nach Lösung des Deutschlandproblems.

Dabei setzt man große Hoffnungen auf die sowjetische Diplomatie und erwähnt in diesem Zusammenhang den Erfolg in der Lösung der Österreichfrage.2

Aus diesen Äußerungen ist zu ersehen, dass viele davon überzeugt sind, dass die Sache des deutschen Volkes bei den sowjetischen Vertretern auf der Viererkonferenz in Genf in den besten Händen liegt.

Zu bemerken ist dabei, dass viel zu wenig dazu Stellung genommen wird, dass in erster Linie das deutsche Volk selbst für die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes alles tun muss.

Zum anderen erhofft man auch von der Viererkonferenz Erfolge bezüglich der Abrüstungsvorschläge der SU,3 was allgemein als bedeutsam für die Erhaltung des Friedens bezeichnet wird.

So wie die Äußerung eines Kollegen aus der Farbenfabrik Wolfen ist die Meinung vieler. Er sagte: »Wenn ich nur die Erfolge des Weltfriedenslagers in der letzten Zeit betrachte sowie die Bestrebungen der SU auf Entspannung der internationalen Lage, so setze ich große Hoffnungen auf die Konferenz in Genf. Ich bin mir gewiss, dass die SU alle Anstrengungen machen wird, durch die Konferenz die Einheit Deutschlands um einen bedeutenden Schritt näherzubringen.«

Demgegenüber gibt es einen Teil zweifelnder Äußerungen, die aber im Verhältnis zu den Stimmen, die auf einen Erfolg der Viererkonferenz hoffen, gering sind.

In diesen Stellungnahmen wird meist davon gesprochen, dass die Gegensätze zwischen der SU und den Westmächten nicht zu überbrücken seien und »wenn die Großmächte sich nicht einig würden, dann bliebe auch für die Deutschen nichts zu tun«.

So erklärte z. B. ein Tischler aus dem Holzverarbeitungswerk Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg: »Wir können ja doch nichts tun. Uns bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten, was dort beschlossen wird. Viel erhoffe ich mir sowieso von dieser Verhandlung nicht.«

Ein Kollege aus der Farbenfabrik Wolfen sagte: »Ich habe nicht viel Hoffnung. Die Verhandlungspartner werden wohl wieder ohne Ergebnis auseinander gehen.«

Ein Arbeiter aus dem Industriewerk Rauenstein,4 [Bezirk] Suhl: »Was können wir Kleinen denn schon tun? Wir können zum Gelingen der Einheit Deutschlands auch nichts beitragen, wenn sich die Großen nicht einig sind.«

Zum anderen beschäftigen sich die Werktätigen in den Betrieben vielfach mit der Frage, wie die Einheit Deutschlands zustande kommt. Dabei spielt das Problem der freien Wahlen5 eine Rolle und auch, wie wird das wiedervereinte Deutschland dann aussehen. Dabei treten die verschiedenartigsten Meinungen auf, die aber nur in einzelnen Fällen ausgesprochen negativen Charakter tragen.

In einer Unterhaltung mehrerer Konstrukteure im VEB Gaselan Berlin stellte einer von ihnen Folgendes fest: »Wenn auch in der DDR vieles nicht gut ist, in der Frage der beruflichen Weiterentwicklung sind jedoch bei uns alle Türen geöffnet. Es wäre deshalb ein großer Fehler, wenn man den ehemaligen Besitzern die Betriebe wieder zurückgeben würde, die von den Werktätigen in der DDR mühsam wiederaufgebaut wurden.«

Während einer Diskussion mehrerer Arbeiter aus dem gleichen Betrieb brachten diese ihre Befürchtungen darüber zum Ausdruck, dass es dann nach der Wiedervereinigung auch bei uns Arbeitslose geben würde und überhaupt Zustände herrschen könnten, wie sie jetzt in Westdeutschland bestehen. Deshalb »sollen sie im Westen machen was sie wollen und wir in der DDR bleiben für uns«.

Mehrere Kollegen der Abteilung Dreherei des VEB Verlade- und Transportanlagen Leipzig unterhielten sich in der Nachtschicht über dieses Problem und es kam dabei zum Ausdruck, dass bei der Herstellung der Einheit Deutschlands die VEB keine Aufträge mehr erhielten und es würde dadurch eine Arbeitslosigkeit entstehen.

Ein Arbeiter aus dem Schleifscheibenwerk Dresden: »Hoffentlich bringt diese Konferenz gesamtdeutsche freie Wahlen, wo man wirklich wählen kann. Da müssen alle Parteien, außer den faschistischen, auf einer Liste stehen. Dann wollen wir es so machen, wie Molotow6 gesagt hat, wir wählen eine Regierung, nicht die jetzige vom Westen oder von der DDR, sondern eine neue Regierung. In der es aber keine Junker und Militaristen gibt, damit endlich die Kriegstreiberei ein Ende hat.«

Der Leiter (SED) der Schlosserwerkstatt im VEB Jenapharm Gera: »Wie wird es wohl in Deutschland nach der Wiedervereinigung aussehen? Ich befürchte für unsere Partei nicht gut.«

Einige Kollegen aus dem VEB Hydrierwerk Zeitz äußerten sich in ähnlicher Form, indem sie sagten: »Bei gesamtdeutschen Wahlen wird es für die SED nicht gerade rosig aussehen.«

Ein Bewohner (SPD) der Laubenkolonie Baumschulenweg sagte zu einem Westberliner: »Bald brauchst du deine Flasche Bier im Osten nicht mehr zu verstecken. Am 18. Juli [1955] ist die Konferenz in Genf und dann haben wir im Osten auch bald euer Geld.«

Eine Buchhalterin aus dem VEB Gaselan Berlin: »Das Regime der Ostzone lässt sich nicht auf den Westen übertragen, denn der Westen in seiner Mehrheit wird sich kein kommunistisches System aufzwingen lassen. Die Bundesrepublik hat wirtschaftliche und politisch große Erfolge zu verzeichnen und die DDR wird durch ihre Struktur von selbst ruiniert. Deshalb wird man wohl den rechtmäßigen Besitzern ihre Betriebe wiedergeben.«

Ein Angestellter der HV der BEWAG Berlin äußerte gegenüber seinen Kollegen, dass er darüber informiert sei, dass vonseiten der West-BEWAG alles zur Übernahme der Ost-BEWAG bzw. eines Zusammenschlusses vorbereitet sei.

Dabei würden alle die Kollegen entlassen, die nach 1945 eingestellt worden sind.

Diskussionen über die Oder-Neiße-Grenze werden weiterhin meist in Umsiedlerkreisen7 geführt, zwar nicht mehr so zahlreich, aber in der Mehrzahl negativ.

Es zeigen sich dabei keine neuen Momente, sondern vorherrschend ist der Wunsch nach Rückkehr in ihre Heimat und demzufolge sind sie gegen die getroffene Grenzregelung.

Zum Beispiel wurde im Haldenrevier der Karriere »IV. Parteitag« Wismut,8 [Bezirk] Gera, anlässlich des 5. Jahrestages der Unterzeichnung der Oder-Neiße-Grenze9 eine Versammlung durchgeführt, die sehr negativ verlief.

Diese Abteilung setzt sich überwiegend aus Umsiedlern aus den Gebieten Oberschlesien und Ostpreußen zusammen.

In den Diskussionen brachten die Umsiedler zum Ausdruck, dass sie mit der Oder-Neiße-Grenze nicht einverstanden sind, da diese Grenze von den Alliierten nur als vorläufig erklärt worden sei und die DDR würde selbstständig handeln, wenn sie, ohne das Volk zu fragen, diese Grenze als endgültig erklärt. Es ist eine nochmalige Versammlung vorgesehen, um Klarheit unter den Umsiedlern zu schaffen.

Im Stahlwerk Frankleben, [Bezirk] Halle, werden viele Diskussionen unter den Umsiedlern in der Form geführt, dass es heißt: »Wir sind nicht einverstanden mit der Oder-Neiße-Grenze, da die Gebiete dahinter deutsches Land sind.«

Vereinzelt werden Gespräche über den Verbotsprozess gegen die KPD in Westdeutschland10 geführt, die fast ausschließlich positiv sind. Übereinstimmend spricht aus den Stellungnahmen eine Ablehnung des Terrorregimes in Westdeutschland, was sich vor allem auch in den zahlreichen Protestschreiben an das Karlsruher Bundesverfassungsgericht ausdrückt.11

Solche Beispiele, wie nachstehendes sind nur ganz vereinzelt:

Im Bau 279 Wicklergeneratoren Leuna, [Bezirk] Halle, wurde von einigen Studenten eine Unterschriftensammlung durchgeführt, alle Kollegen, außer einem Studenten, gaben dazu bereitwillig ihre Unterschrift.

In einer mit ihm geführten Aussprache sagte der Student, dass der Betriebsleiter auch nicht unterschrieben habe und dies wäre für ihn maßgebend. Des Weiteren erklärte er, dass Adenauer12 seine vollste Sympathie besitze und wenn er die KPD verbieten lassen will, würde er dafür auch seine Gründe haben. Außerdem sei er aufgrund seiner Weltanschauung (katholisch) nicht dafür, dass sich die marxistische Weltanschauung noch mehr verbreitet.

Außer den politischen Diskussionen wird viel über betriebliche Belange, wie Mängel und Schwierigkeiten, die beim Produktionsablauf in Erscheinung treten sowie über persönliche Belange, die unmittelbar mit betrieblichen Fragen in Zusammenhang stehen, gesprochen.

So machen sich z. B. die Kollegen von der VEB Schiffswerft Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, darüber Gedanken, wie es in ihrem Betrieb weitergehen soll, da sie in Kürze ihren Plan erfüllt haben.

Ein Kollege sagte u. a.: »Unser Betrieb ist auf dem Gebiet des Schiffsbaues einer der rentabelsten in der DDR. Mit unserer Planerfüllung sind wir ziemlich fertig, trotzdem wir noch zwei Schiffe zu bauen haben, die uns die Schiffswerft Oderberg übertragen hat. Für das letzte Quartal haben wir keine Arbeit mehr.«

Aus dem Grunde befürchten die Kollegen des Betriebes, dass »sie gar noch stempeln gehen müssen«.

Unter der Belegschaft des VEB »Heinrich Rau« Wildau,13 [Bezirk] Potsdam, werden Diskussionen über die Verpflichtung ihres Werkes, den Plan 1955 mit Gewinn abzuschließen, geführt.

Vereinzelt kommt es dabei zu negativen Meinungen, die zum Inhalt haben, dass diese Verpflichtung nur auf Kosten der Arbeiter erfüllt werden könnte.

Zwei Bohrwerksdreher aus der Halle VII äußerten in diesem Zusammenhang: »Hier spricht man viel davon, dass der Mensch und seine Gesundheit im Vordergrund stehen, aber wie sieht es damit in Wirklichkeit aus? In unserer Halle wurde noch nicht einmal eine Entlüftungsanlage gebaut. Wir wissen manchmal nicht, wie wir die Dieselgase aus der Halle ablassen sollen. Zum anderen haben sich die Kollegen hier bald wegen der neufestgesetzten Normen geschlagen. Sie verdienen ja auch bald gar nichts mehr, da die Norm von 28 auf 180 Minuten herabgesetzt wurde. Unter solche Voraussetzungen hat man bald keine Lust mehr, zu arbeiten.«

In den Harzer-Werken Blankenburg,14 [Bezirk] Magdeburg, werden heftige Diskussionen über den Arbeiterwohnungsbau in Blankenburg geführt. Und zwar wird seit März 1955 an 15 Doppelhäusern gebaut. Bis zum 15.7.1955 sollte für alle Häuser das Bauholz zur Verfügung stehen, Tatsache ist aber, dass noch nicht einmal für ein Haus der Dachstuhl vorhanden ist. Der VEB Holzbau Wernigerode gibt an, zurzeit kein Holz vorrätig zu haben.

Die Kollegen der Harzer-Werke sehen solche Missstände als Feindtätigkeit an und fordern, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden sollten.

In der Abteilung Technologie (ca. 80 Beschäftigte) des VEB Turbinenfabrik Dresden gab es über die neue Prämienverordnung, die besagt, dass nur noch die »anerkannte Intelligenz« Quartalsprämien erhält, heftige Diskussionen.15

Der überwiegende Teil der Technologen (ca. 70 %) rechnen nicht zur »anerkannten Intelligenz«, müssen aber aufgrund der Struktur des Betriebes ingenieur-technische-Arbeiten ausführen.

Dieser Teil umfasst langjährige Fachleute und Spezialisten, die in ihrer Abteilung die Jungingenieure erst mit der Arbeit vertraut machen. Die Technologen sind der Meinung, dass sie dann ihre Arbeit, welche Ingenieur-Wissen erfordert, nicht mehr ausführen brauchen, »diese sollen die machen, die die Prämien erhalten«. Da diese aber nicht dazu in der Lage sind, wäre dadurch der reibungslose Produktionsablauf gefährdet.16

Materialschwierigkeiten wurden aus dem

  • Glaswerk Welzow, [Bezirk] Cottbus (Verpackungsmaterial für Exportartikel);

  • VEB »Welt« Kamerawerk Freital, [Bezirk] Dresden (Prontor-Verschlüsse17 Import);

  • VEB Simson Werk Suhl (Kugellager und Rollen) und

  • VEB Bremsbelag Coswig, [Bezirk] Dresden (Kresol18) gemeldet.

Im VEB Margarinewerk Dresden-Leuben wird zurzeit die alljährliche Generalreinigung durchgeführt. Dies wurde rechtzeitig an das zuständige Ministerium gemeldet. Das Werk erhielt jetzt den Bescheid, sofort die Produktion aufzunehmen, da gleichzeitig drei andere Margarinewerke die gleiche Generalreinigung durchführen. Dieser Aufforderung kann aber das Werk nicht nachkommen, da bereits die gesamte Anlage auseinandergenommen ist. Durch diese Situation kann eine Stockung in der gesamten Margarinebelieferung der Bevölkerung in der DDR eintreten.19

Produktionsstörungen

Am 12.7.[1955] trat im BKW Berzdorf, [Kreis] Görlitz, ein Erdrutsch ein. Schaden: ca. 30 000 DM. Produktionsausfall: ca. 400 t Kohle.

Im Tagebau Pirkau, [Bezirk] Halle, kam es zu einem Zugzusammenstoß. Materialschaden 200 DM. Produktionsausfall 500 t Rohkohle.

Durch schlechte Gleisanlagen entgleisten drei volle Abraumwagen im VEB Grube »Regis« Borna. Produktionsausfall: 8 900 cbm Abraum.

Im VEB Witznitz,20 [Kreis] Borna, fiel der Bagger 55 wegen Lattenbruch aus. Produktionsausfall: 5 000 cbm Abraum.

Im VEB Thräna,21 [Kreis] Borna, riss ein Bremsgestänge. Dadurch wurde die Fahrstrecke blockiert. Produktionsausfall: 1 000 t Rohkohle.

Wegen schlechter Gleisanlage – durch Witterungseinflüsse – mussten in der Grube Phönix,22 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, die Bagger 509, 911 und 959 außer Betrieb genommen werden. Produktionsausfall: 30 800 cbm Abraum.

In dem VEB Grube Rositz, [Kreis] Altenburg, war das Hauptdampfventil defekt und es entstand ein Produktionsausfall in Höhe von 77 500 DM.

Durch einen Schaden an der Förderbrücke des VEB Kombinat Espenhain, [Kreis] Borna, kam es zu einem Schaden in Höhe von ca. 40 000 DM.

Am 11.7.1955, gegen 21.12 Uhr, fiel im Kraftwerk Espenhain die Turbine 10 aus. Gleichzeitig die Turbine 2, welche mit der Turbine 10 parallel geschaltet ist. Da das Kraftwerk Böhlen mit Espenhain parallel geschaltet ist, fielen in Böhlen ebenfalls zwei Turbinen aus. Ursache: Auf der Förderbrücke im Tagebau Espenhain war ein Gleichrichter durchgeschmort. Schaden steht noch nicht fest – ein Teil des Werkes war ohne Strom, außerdem führte dies zu Abschaltungen im Bezirk.

Von der Fachschule für Schwermaschinenbau in Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, wurde bekannt, dass vonseiten Westdeutschlands versucht wurde, Dozenten von dieser Fachschule nach drüben abzuziehen. So wurde z. B. der Dozent für Betriebswirtschaft von einer Fachschule für Bauwesen und Innenarchitektur angeschrieben und ihm eine Stelle von dort angeboten.

Am 12.7.1955, gegen 13.25 Uhr, wurde im Lausitzer Kabelwerk Zittau ein etwa 50 cm langes Montiereisen mit Gummiabfällen in die Gummiwalze geschüttet. Die Gummiwalze wurde dadurch unbrauchbar. Diese verarbeitet täglich drei Tonnen und es hängt die Betriebsproduktion von Gummierzeugnissen des Kabelwerkes davon ab. Reparaturdauer ca. sechs Wochen, Produktionsausfall: ca. 800 000 DM.

In der Nacht zum 12. Juli [1955] wurde im VEB Buntspinnerei Naunhof, [Bezirk] Leipzig, die Alarmanlage unbrauchbar gemacht, indem zwei Batterien abgerissen wurden.

In der Nacht zum 10.7.1955 wurden im VEB Glashütte Torgau, [Bezirk] Leipzig, auf einer Bekanntmachungstafel die Wörter »Ökonomische Konferenz«23 in »komische Konferenz« umgewandelt.

Im RAW Engelsdorf, [Bezirk] Leipzig, wurde am 11.7.1955 in einer Männertoilette folgende Hetzlosung festgestellt: »Achtung Genossen, es wird höchste Zeit, dass die Ostzone von dem kommunistischen Joch befreit und der Kommunismus beseitigt wird.«

Im Schacht 31 Revier 6 Wismut – Johanngeorgenstadt – wurden in der Nacht zum 12.7.1955 auf der 190er-Sohle die Luftschläuche zerschnitten.

In der Grube »Glück auf« Zittau wurde eine Bekanntmachung über Neuregelung der Versorgung der Kumpels mit Kohle angebracht. Daraufhin wurde an eine Klosetttür geschmiert »Streik gegen den Betriebsleiter, wir fordern gerechte Verteilung der Kohle«.

Im Kunstseidenwerk Pirna, [Bezirk] Dresden, wurde ein Hakenkreuz und im Sprengstoffwerk Gnaschwitz, [Bezirk] Dresden, eine antidemokratische Losung sowie eine eingeschnitzte Rune des nazistischen Jungvolks24 festgestellt.

In der Nacht zum 10.7.1955 wurden in der mechanischen Werkstatt des »Karl-Marx-Werkes« Potsdam-Babelsberg25 von der Wandzeitung Statistiken über das Bummelantentum im Betrieb abgerissen. Dies waren die einzigen Unterlagen über die Bummelantenzeiten.

Versorgung

In der Versorgung der Bevölkerung bestehen nach wie vor Schwierigkeiten in der Belieferung mit neuen Kartoffeln, billigen Zigaretten, Nährmitteln, HO-Margarine26 und Streichhölzern.

Die Schwierigkeiten in der Versorgung mit Nährmitteln sind mit darauf zurückzuführen, dass keine Futtermittel für Kleintiere (Küken usw.) vorhanden sind und darum im verstärkten Maße Nährmittel für die Verfütterung gekauft werden. Auch durch den Mangel an Kartoffeln werden verstärkt Nährmittel benötigt.

In den letzten Tagen macht sich in den Bezirken Erfurt, Frankfurt/Oder, Potsdam, Halle und Rostock wieder ein Mangel an billigen Zigaretten bis zu 0,10 DM bemerkbar, was mit auf eine schlechte Warenstreuung zurückzuführen ist.

Zum Beispiel wird die HO des Stahl- und Walzwerkes Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, mangelhaft mit diesen Zigaretten beliefert. Während die Privathändler im Ort Hennigsdorf mit diesen Zigaretten laufend beliefert werden.

In Schwedt, [Bezirk] Frankfurt/Oder, besteht auch ein Mangel an billigen Zigaretten. Bis vor Kurzem bestand in Schwedt eine Zigarettenfabrik, die jetzt geschlossen ist.

Die Bevölkerung kann nicht verstehen, dass eine Zigarettenfabrik geschlossen wird, obwohl ein Mangel an Zigaretten besteht.

In den HO-Gaststätten sowie in Privatgeschäften in Worbis, [Bezirk] Erfurt, gibt es keine Zigaretten in der Preislage 0,08 bis 0,10 DM.

Die Versorgung mit neuen Kartoffeln ist immer noch der Schwerpunkt in der Versorgung, obwohl in einzelnen Fällen wie z. B. im Kreis Doberan, [Bezirk] Rostock, es den staatlichen Organen gelungen ist, hauptsächlich für die Ferienheime Kartoffeln aufzutreiben.

Der Mangel an Kartoffeln kann noch nicht behoben werden, weil die Kartoffeln noch zu klein sind.

Zum Beispiel sollte der Bezirk Frankfurt/Oder bis zum 10.7.1955 80 t Frühkartoffeln erfassen. Stichproben ergaben, dass die Kartoffeln erst einen Durchmesser von 1,3 cm haben und es unverantwortlich ist, diese zu roden.

Vereinzelt macht sich in einigen Bezirken z. B. Potsdam, Rostock und Frankfurt/Oder örtlich wieder ein Mangel an HO-Margarine bemerkbar.

Die Bevölkerung ist der Meinung, dass der Mangel an Margarine auf die schlechte Warenstreuung zurückzuführen ist.

Die Diskussionen über die Versorgung haben sich nicht wesentlich verändert.

Es wird zum Ausdruck gebracht, dass wir wohl zehn Jahre nach Kriegsende verlangen könnten, dass wir das zum Leben Notwendigste kaufen können.

Von den Hausfrauen wird immer noch darüber diskutiert, warum es keinen HO-Zucker gibt,27 denn jetzt in der Einmachzeit reicht der Markenzucker nicht aus. Sie sind der Meinung, dass wir doch nicht vorher Zucker exportieren können, bevor der eigene Bedarf gedeckt ist.

Im VEB Hydrierwerk Zeitz, [Bezirk] Halle, wird unter den Kollegen stark diskutiert, warum es keine Streichhölzer zu kaufen gibt. Sie sind der Meinung, dass an irgendeiner verantwortlichen Stelle einer sitzt, der unfähig ist.

In Beeskow, Bad Freienwalde, Bernau, [Bezirk] Frankfurt/Oder, und im Bezirk Halle ist besonders ein Mangel an Streichhölzern zu verzeichnen.

In Erkner, Kreis Strausberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, unterhielten sich einige Angestellte in der HO-Gaststätte »Spreeeck«28 darüber, dass die Preise in der DDR nur bis zum 18. Juli [1955] und kurz danach gehalten werden, denn nach der Genfer Konferenz wäre mit einer Preissteigerung in einer ganzen Reihe von Waren zu rechnen.

Am 11.7.1955 erhielt der VEB Schlachthof in Rathenow, [Bezirk] Potsdam, ein Waggon mit 4,5 t Importfleisch aus der Volksrepublik Ungarn. Beim Ausladen wurde festgestellt, dass das Fleisch beschlagen war und roch.

Die tierärztliche Untersuchung ergab, dass die Knochen verworfen werden mussten, das Fleisch aber für die menschliche Ernährung genießbar war. Als Ursache für die Qualitätsminderung ist der Transport in einem Kühlwagen anzusehen, welcher den heutigen Anforderungen nicht mehr entspricht.

Am 8.7.1955 traf in Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, ein Transport mit 27 t Rohspeck aus der Volksrepublik Rumänien ein. Da im Kreis Neustrelitz keine Lagerungsmöglichkeiten vorhanden waren, wurde der Transport nach Neubrandenburg weitergeleitet, wo er noch am gleichen Tage ankam. Durch Untersuchung des Bezirkstierarztes wurde festgestellt, dass der Rohspeck verdorben ist, weil der Rohspeck in Rumänien nicht richtig zum Versand gebracht wurde.

Im Großhandelskontor29 Textil Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern für 12 Mio. Überplanbestände. Diese Überplanbestände bestehen hauptsächlich aus Wäschestoffen, Konfektionen, Leibwäsche, Gardinen und Teppichen. Die Ursache für die bestehenden Überplanbestände wird darin gesucht, dass der private Einzelhandel seine Einkäufe in den einzelnen Werken tätigt und nicht bei dem Großhandelskontor. Bis zum 15.7.1955 trifft in diesem Kontor noch laufend Ware ein, sodass mit einer Steigerung der Überplanbestände um 1,5 bis 2 Mio. DM zu rechnen ist.

Im VEB Strumpfwerk Geyer, Kreis Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern für ca. 45 Mio. DM Herren-, Kinder- und Damensocken.

Der Warenbereitstellungsplan im Bezirk Frankfurt/Oder sieht im Quartal 220 t HO-Butter vor, die in dieser Höhe nicht verbraucht werden kann, sondern nur ca. 120 bis 150 Tonnen.30

In Magdeburg werden durch die gekürzte Kontrollziffer für Milch 210 000 kg Milch weniger verkauft. Obwohl die Milch in der jetzigen Jahreszeit in verstärktem Maße anfällt, darf der Handel nur in Höhe seiner Kontrollziffer, die nicht dem Bedarf der Bevölkerung entspricht, abnehmen. Dadurch gehen dem Handel 210 000 DM Umsatz verloren.

Die Lage in der Landwirtschaft

In der Landwirtschaft nehmen die Diskussionen über wirtschaftliche Probleme wie z. B. Beendigung der Hackfruchtpflege, Heuernte und Vorbereitungen der Getreideernte den größten Raum ein. Die politischen Diskussionen beziehen sich hauptsächlich auf die bevorstehende Genfer Konferenz und sind in ihrer Mehrheit positiv. Von der Genfer Konferenz wird eine Entspannung in der internationalen Lage und eine Lösung der Deutschlandfrage erwartet. Es wird auch verlangt, dass Vertreter Ost- und Westdeutschlands über ihre Meinung zur Deutschlandfrage gehört werden.

Zum Beispiel erklärte ein werktätiger Bauer aus Borgisdorf, Kreis Jüterbog, dass wir fordern müssen, dass Vertreter beider Teile Deutschlands auf der Viererkonferenz zur Deutschlandfrage gehört werden.

Wenn sich die Großmächte über Österreich geeinigt haben, dann muss auch in Genf etwas Gutes für uns herauskommen. Die SU setzt sich bestimmt für die Einheit Deutschlands ein.

Ein Motorenschlosser der MTS Großschirma, [Kreis] Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Das Weltfriedenslager hat auch bei der Zusammenkunft in Genf klare Ziele. Die Amis müssen doch gar nicht mehr wissen, wo ihnen der Sinn steht, denn ihre Politik der Stärke31 ist doch ganz zerfahren.«

Ein Mittelbauer aus Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, erklärte: »Wenn man nicht direkt positive Erfolge auf der Viererkonferenz erzielt, so ist doch das Zusammentreffen schon als positiv zu bezeichnen. Ich hoffe jedoch, dass dort positive Maßnahmen für unsere Zukunft, nämlich für die Einheit Deutschlands getroffen werden.«

Vereinzelt gibt es auch pessimistische Stimmung, die keinen Erfolg von der Viererkonferenz erwarten, weil die Gegensätze zwischen Ost und West zu groß seien.

Ein werktätiger Bauer aus Rätzlingen, [Kreis] Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, äußerte: »Auch die Genfer Konferenz wird keine Einigung herbeiführen, denn die Gegensätze zwischen Ost und West sind zu groß. Es haben schon des Öfteren Konferenzen stattgefunden, auf welchen auch nichts erreicht wurde.«

Feindliche Argumente tragen im Zusammenhang mit der Genfer Konferenz über die Oder-Neiße-Friedensgrenze hauptsächlich unter den Umsiedlern auf, die hoffen wieder in ihre Heimat zu kommen.

Zum Beispiel auf dem VEG Immergut in Stavenhagen, [Bezirk] Neubrandenburg, erzählte eine Frau, dass in Westberlin eine Zusammenkunft stattfindet, wo behandelt werden soll, dass Stettin von unseren polnischen Freunden geräumt werden soll und alle Stettiner wieder nach Hause kämen. Der Ursprung dieses Gerüchtes ist darauf zurückzuführen, dass in letzter Zeit mehrere Personen Einladungen zu einem Treffen nach Westberlin erhalten haben.

Vereinzelt tritt das Argument auf, dass nach der Viererkonferenz freie Wahlen durchgeführt würden und dass das Regime der DDR dann nichts mehr zu sagen hätte.

Zum Beispiel erklärte ein Bauer aus Wilmersdorf, [Kreis] Bernau, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »In Österreich geht es heute vielen KPÖ-Funktionären32 so, dass sie nicht wissen, wo sie hin sollen, denn der Russe hat sie nicht mitgenommen. Wenn die Viermächtekonferenz vorbei ist, hört der ganze Krempel in der DDR auf und die anschließende freie Wahl wird beweisen, dass unsere Regierung dann nichts mehr zu bestellen hat.«

In Klötze, [Bezirk] Magdeburg, ist zu verzeichnen, dass die Bauern nur zögernd ihre Produkte abliefern. Insbesondere trifft das auf die Erfassung von Schlachtvieh zu.

Dies ist in Zusammenhang mit der erhofften Herstellung der Einheit Deutschlands zu bringen, weil sie der Meinung sind, im Falle der Herstellung der Einheit Deutschlands lieber Sachwerte zu besitzen als das Geld auf der Bank, dass eventuell ungültig werden könnte.

Die nur 50 bis 70%ige Auszahlung der Arbeitseinheiten33 in den LPG löst teilweise unter den LPG-Bauern heftige Diskussionen aus. Sie bringen zum Ausdruck, dass sie von dem wenigen Verdienst ihre Familien nicht ernähren können.

Dadurch wird verschiedentlich Missstimmung unter den LPG-Bauern hervorgerufen, die in einzelnen Fällen zur Nichtaufnahme der Arbeit oder Drohungen mit Austrittserklärungen führte.

Zum Beispiel herrscht unter den Mitgliedern der LPG »Frohe Zukunft« in Haage, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, eine starke Verärgerung über die nur 70%ige Auszahlung der Arbeitseinheiten, da die Mitglieder der Feldbaubrigade für 14 Tage nur 60 DM ausgezahlt bekamen. Am nächsten Tag erschienen nur ca. 50 % zur Arbeit.

In einigen LPG im Kreis Ilmenau, [Bezirk] Suhl, erhalten die Mitglieder auch nur 70 % der geleisteten Arbeitseinheiten. Die Genossenschaftsbauern kommen dadurch in finanzielle Schwierigkeiten, da sie mit einem monatlichen Einkommen von 120 bis 180 DM nicht auskommen.

In der LPG Vogelsdorf, [Kreis] Halberstadt, [Bezirk] Magdeburg, äußerten in diesem Zusammenhang einige Jugendliche, dass sie nach der Ernte zum Eisenhüttenwerk Thale gehen wollen, weil sie dort mehr verdienen.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

In der LPG Philipp Müller in Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, und 145 Schweine notgeschlachtet.

In der LPG Kremkau, [Kreis] Kalbe, [Bezirk] Magdeburg, 33 Schweine notgeschlachtet 13 verendet.

In sechs Gemeinden Roggendorf, Groß Thurow, Demern, Passow, Gadebusch im Bezirk Schwerin und Groß-Ziethen, Kreis Königs Wusterhausen im Bezirk Potsdam, sind bei Klein- und Großbauern34 171 Schweine notgeschlachtet und 16 verendet.

In den letzten Tagen häufen sich die Brände in der Landwirtschaft, die zum Teil auf Blitzeinschlag und zum anderen auf vermutliche Brandstiftung zurückzuführen sind.

In der LPG Liepe, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, geriet am 12.7.1955 eine Feldscheune in Brand. In der Scheune befanden sich 150 dz Heu, was vollkommen verbrannte. Bisher festgestellter Sachschaden betrifft 2 000 DM. Es handelt sich hierbei vermutlich um Brandstiftung.

Am 12.7.1955 brannte der Dachstuhl einer Scheune der Gemeinde Liepen, [Kreis] Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, ab. Der Schaden beträgt ca. 700 DM. Auch hier besteht der Verdacht auf Brandstiftung.

Am 12.7.1955 brannten die Schuppen von zwei werktätigen Bauern in Liepe, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, vollständig ab. Es entstand ein Sachschaden von ca. 6 000 DM. Die Brandursache ist noch nicht vollständig geklärt.

Durch Blitzeinschlag brannten am 11. und 12.7.1955 bei vier werktätigen Bauern in Büchlitz, [Kreis] Brandenburg, Siegmannshorst, [Kreis] Wittstock, Münchehofe, [Kreis] Königs Wusterhausen, und Wagnitz, [Kreis] Nauen, im Bezirk Potsdam Scheunen bzw. Ställe mit einem Gesamtschaden von ca. 13 000 DM ab.

Im Kreis Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, stehen nach bisherigen Einschätzungen folgende Flächen unter Wasser:

  • Getreidekulturen 226,50 ha

  • Zuckerrüben 72,56 ha

  • Kartoffeln 97,14 ha

  • Ölsaaten 23,87 ha

  • Futter 68,75 ha

  • Flutwiesen und Bruchgelände 543 ha

Im Kreis Rathenow, [Bezirk] Potsdam, stehen 50 ha bis 60 ha gemähte Wiesen unter Wasser. Bei weiteren 130 ha besteht die Gefahr, dass sie infolge Steigen des Hochwassers nicht mehr abgeerntet werden können.

Am 12.7.1955 ging in Seifersdorf, [Bezirk] Dresden, ein Wolkenbruch nieder, wodurch ein Gesamtschaden von ca. 100 000 DM entstand.

Am 11.7.1955 wurde auf dem Universitätsgut Berge, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, festgestellt, dass sich in dem Tank eines Traktors ca. 15 Liter bis 20 Liter Wasser befanden, wodurch der Traktor nicht ansprang.

In der Gemeinde Mittelhagen, [Bezirk] Rostock, wurde festgestellt, dass dort von der BHG Mönchgut gelieferte Samen für Wruken35 kein Wrukensamen, sondern Raps war. Dies wurde erst festgestellt, als die Pflanzen schon größer waren. Die Bauern sind gezwungen, die bereits gesetzten Pflanzen wieder zu entfernen. Dies bedeutet eine wesentliche Verschlechterung in der Futtergrundlage für den kommenden Winter.

Im VEG Klingenberg, [Kreis] Freital, bestand eine Planauflage von Läuferschweinen bis 494 Stück und 70 Muttersauen. Vom Betrieb wurde die Zahl der Läufer auf 590 erhöht, weil er es durchaus schaffen kann. Die neue Planauflage soll in Zukunft aber nur 350 Läufer vorsehen. Dies hätte zur Folge, dass gleichzeitig der Bestand an Muttersauen herabgesetzt werden muss.

Die Planauflage an Rind- und Schweinefleisch wurde von 550 dz auf 338 dz herabgesetzt.

Die verantwortlichen Kollegen des VEG lehnen diese Planänderungen ab.

In der Gemeinde Stützkow, [Kreis] Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde vor ca. vier Wochen der Bürgermeister verhaftet. Der Grund war Hetze gegen die SU. Jetzt versuchen Großbauern den ehemaligen Bürgermeister wieder freizubekommen, indem sie in der Gemeinde Unterschriften für die Freilassung des Bürgermeisters sammeln.

Einschätzung der Situation

Die Bevölkerung blickt erwartungsvoll und mit Hoffnung auf die Genfer Konferenz. Die Diskussionen sind nicht sehr umfangreich, aber überwiegend positiv. Feindliche Argumente werden verhältnismäßig wenig festgestellt.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die Mängel in der Versorgung beeinflussen weiterhin die Stimmung der Bevölkerung. Dies macht sich aber nicht mehr so stark und so negativ bemerkbar als in den ersten fünf Monaten des Jahres.

Anlage 1 vom 16. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2467

Auswertung der Westsendungen

RIAS36 hetzt jetzt im verstärktem Maße gegen unsere Politik auf dem Lande.

Mit dieser Hetze will RIAS vor allem erreichen, dass unsere Erntearbeiten verzögert werden, deshalb versucht er die Bauern von der Aufstellung von Erntekampfplänen abzuhalten, da dies angeblich »keinen praktischen Wert habe, weil vielerorts die Zahl der verfügbaren Arbeits- und Hilfskräfte und die einsatzfähigen Erntemaschinen fehlen würden«.

Weiter versucht RIAS die Bauern zu beeinflussen, dass sie die Vorteile der MTS für jeden einzelnen nicht anerkennen. Um dies zu erreichen, weist RIAS immer wieder auf die Vorteile eigener Maschinen hin und versucht zu beweisen, dass die Selbstkosten für die Bauern geringer wären.

Mit folgenden Argumenten will RIAS dies begründen: »So hoch wie die Selbstkosten für die MTS angegeben werden, z. B Pflügen pro ha DM 62,00, werden die Selbstkosten beim Bauern nie sein, wenn der Staat den Dieselkraftstoff zu normalen Preisen ablässt. Denn einmal fallen ja bei einem eigenen Schlepper die vielen Anfahrtswege und -zeiten fort und dann pflegt der Bauer erfahrungsgemäß seine Maschine viel besser als der Durchschnitt der MTS-Traktoristen.«

In einer anderen Sendung versucht RIAS das Vertrauen der Bauern zu den Funktionären unserer Partei zu untergraben, indem RIAS sagt, dass »die politischen Funktionäre Schuld haben an den Versorgungsschwierigkeiten«.

Unter anderem heißt es dort: »Früher, als es in der Landwirtschaft noch nicht so viele Behörden gab, vor allem auf den Behörden noch keine politischen Funktionäre revidierten, klappte es in der Landwirtschaft besser als heute. Die Bevölkerung hatte zu jeder Zeit genug zu essen und dem Bauern stand das, was er brauchte, um seine Wirtschaft aufrechtzuerhalten, jederzeit zur Verfügung.«

Um Missstimmung unter den Hausfrauen der DDR zu erzeugen, hetzt RIAS gegen die Zuckerversorgung und führt an, »dass jetzt der Zucker fehlt ist einzig und allein darauf zurückzuführen, dass die Sowjetzonenverwaltung mehr Zucker ausgeführt hat, als sie es hätte im Interesse der Sowjetzonenbevölkerung tun dürfen«.

Mit allen möglichen Versprechungen versucht RIAS Facharbeiter und Arbeiter, hauptsächlich die im Bergbau beschäftigt sind, nach Westdeutschland abzuziehen.

Um die Arbeiter zu ködern sagte RIAS: »Übertarifliche Bezahlung ist fast schon die Regel. Außerdem bieten die Betriebe zusätzliche Sozialleistungen, Werkswohnungsbau, zusätzliche Alters-, Witwen- und Waisenversorgung, Gesundheitsdienst und Werksfürsorge, Erholungsheime für die Betriebsangehörigen und ihre Kinder und viele andere Maßnahmen der sozialen Betriebsgestaltung werden in fast allen Großbetrieben eingeführt.«

Weiter wäre die Beteiligung an »Abschlussvergütungen« durch den Arbeiter möglich und die Höhe der zur Ausschüttung gelangten Dividendenbeträge erreichbar. Im großen Umfange würde für die Weiterbildung des Nachwuchses aus den Ingenieurschulen, der praktischen Ausbildung durch Gesellenaustausch mit befreundeten Betrieben, gesorgt.

Auch bestünde ein gutes Verhältnis zwischen den Betriebsleitungen und den Arbeitern, und das Wort vom Herrn im Hause wäre nicht mehr aktuell, sondern das paritätische Mitbestimmungsrecht würde herrschen, und zu jeder Zeit könnten die Arbeiter ihr Streikrecht in Anspruch nehmen.

In einer Sendung des RIAS »Werktag der Zone«37 wird das Referat38 des Genossen Walter Ulbricht39 zum Tag des Eisenbahners40 zum Anlass genommen, um eine wüste Hetze gegen die angeblich »schlechten mechanisierten und technisierten Arbeiten« der Gleisunterhaltung der Reichsbahn der DDR vom Stapel zu lassen.

Damit will RIAS die Reichsbahner weiter beeinflussen, dass sie die Arbeit unter den jetzigen Arbeitsverhältnissen ablehnen. Dazu benutzt er Beispiele von Westdeutschland, wo angeblich alle Arbeiten mechanisiert sind, wörtlich heißt es u. a.: »Bei der Bundesbahn sind dagegen Bettungsreinigungsmaschinen41 seit fünf Jahren im Einsatz. Mit Hunderten von Großgeräten, von denen die Sowjetzonen-Eisenbahnen auch nicht ein Stück besitzen, werden auf den Strecken der Bundesbahn körperlich sehr schwere Arbeiten im Bahnunterhaltungsdienst maschinell ausgeführt. Dazu dienen Gleisstopfmaschinen,42 Gleisverladekräne usw.«

Demgegenüber stellt er dann die »Zustände« in der DDR, wo es angeblich »nicht nur an einfachen Maschinen zum Aufheben von Schienen, zum Befestigen oder Lösen von Schwellenschrauben fehlt, sondern es herrscht auch Mangel an den einfachsten Werkzeugen, wie Schaufeln, Stopfhacken und Gabeln«. Als Ursache der angeblichen Mängel bei der Reichsbahn der DDR gibt RIAS den Abbau von Gleisen durch die SU an.43

Am Schluss der Sendung weist RIAS auf eine neuerschienene Zeitschrift hin »Kameraden vom Flügelrad«44, wo er die Anschrift bekannt gibt, die wie folgt lautet: Würzburg, Postfach 39.

Wörtlich sagt RIAS: »Die erste Nummer enthält Berichte über Wiedersehenstreffen ehemaliger Angehöriger der Reichsbahndirektion Danzig, Osten und Posen, wobei im Anschluss an diese Treffen zahlreiche Anfragen nach dem Verbleib von Eisenbahnern, nach verloren gegangenen Personalpapieren, Erkennungs- und Prüfungsurkunden beantwortet werden können.«

Hieraus ist klar ersichtlich, dass man mithilfe dieser Zeitschrift neue Agenten werben will.

Um die Körperbehinderten, die einen Schwerbeschädigten-Ausweis besitzen, zu beunruhigen, behauptet RIAS, dass in nächster Zeit eine Neuüberprüfung durchgeführt wird und viele Ausweise mit der Begründung »altersbedingte Erscheinungen« einbehalten werden.

Anlage 2 vom 15. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2467

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 12.7.1955 bis 14.7.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt.

SPD-Ostbüro:45

  • Potsdam 200; Kreis Jüterbog 2 500;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Aue 5 000;

  • Dresden: Kreis Sebnitz 20, Kreis Löbau 8, Kreis Großenhain 23;

  • Magdeburg: Kreis Zerbst 17 000, Kreis Genthin 200;

  • Erfurt: Kreis Nordhausen 15 000, Kreis Arnstadt 2 000, Kreis Gotha 50;

  • Rostock 10;

  • Suhl 5 000;

  • Gera 1 500;

  • Leipzig: Kreis Eilenburg46 800;

  • Halle: Kreis Dessau 150.

NTS:47

  • Potsdam: Kreis Rathenow 5 100, Kreis Brandenburg 515, Kreis Nauen 45;

  • Magdeburg: Kreis Seehausen 2 000;

  • Halle: Saalkreis 30;

  • Gera: Kreis Stadtroda 500;

  • Frankfurt: Kreis Angermünde 20.

ZOPE:48

  • Potsdam 2 500: Kreis Brandenburg 45.

KgU:49

  • Frankfurt: Kreis Seelow 500;

  • Potsdam: Kreis Rathenow 1 000, Kreis Brandenburg 60;

  • Halle: Kreis Sangerhausen 20 000.

Unbekannte Herkunft:

  • Potsdam: Kreis Nauen 24, Kreis Brandenburg 140;

  • Schwerin 500: Kreis Bützow 20;

  • Halle: Kreis Köthen 1 000.

CDU-Ostbüro:50

  • Halle 130.

»Der Tag«:51

  • Halle 230.

»Freie Junge Welt«:52

  • Gera: Kreis Rudolstadt 1 500.

Inhaltlich ist bei den Hetzschriften keine Veränderung aufgetreten, weil nur bekannte Flugblätter gefunden wurden.

Antidemokratische Tätigkeit

Am 13.7.1955 wurde von unbekannten Tätern auf die Straßenkreuzung Stahnsdorf, [Bezirk] Potsdam, mit weißer Lackfarbe ein »W« und eine »NTS-Gabel«53 angeschmiert.

In der Nacht zum 10.7.1955 wurde von unbekannten Tätern das Denkmal des Dichters Erich Mühsam54 in Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, umgestürzt.55

An der Treppe des Käthe-Kollwitz-Kinderheimes in Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurde ein Blatt aus einem Bilderbuch mit Sprüchen aus der Nazizeit festgeklebt.

Auf dem Flugplatz Großenhain, [Bezirk] Dresden, wurden auf der neuangelegten Beton-Rollbahn vier Hakenkreuze angeschmiert.

In der Oberschule Nossen, [Bezirk] Dresden, wurden zwei Schüler wegen ihrer negativen Einstellung ausgeschlossen. Bei der Abschlussfeier im Sachsenhof Nossen wurden daraufhin der FDJ-Sekretär und sein Vertreter von bisher unbekannten Tätern tätlich angegriffen.

In der Gemeinde Winkel, Kreis Sangerhausen, [Bezirk] Halle, wurde von drei Jugendlichen eine FDJ-Versammlung gesprengt, wobei der FDJ-Instrukteur geschlagen wurde.

Am 10.7.1955 wurden im Kinderferienlager Schönwalde, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, zwei Zelte beschädigt. Die Täter zerbrachen die Zeltstöcke. Täter sind bekannt. Zwei westdeutsche Kinder waren über diesen Vorfall sehr beunruhigt.

Am 8.7.1955 wurden von mehreren Jugendlichen im FDJ-Heim in Schönefeld, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, einige Fenster, Stühle und Tische zerschlagen sowie einzelne Geräte mit Kot verunreinigt. Anstifterin dieser Tat war eine Schülerin, die Mitglied der »Jungen Gemeinde« ist.

In der Nacht zum 10.7.1955 wurde aus dem Kinderferienlager »Neues Deutschland« in Pätz, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, ein Viermastzelt entwendet, welches als Wachzelt gedacht war. Eigentümer des Zeltes ist die Grenzpolizei.

Im Kinderferienlager in Finkenburg, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, wurde festgestellt, dass sich in einem Brötchen Glassplitter befanden. Die Brötchen liefert die Konsumbäckerei Lietzow, [Bezirk]Potsdam. Ermittlungen ergaben, dass die Mehlsiebvorrichtung defekt ist, wodurch das Mehl nicht durchgesiebt wurde. Das Mehl haben Selbstversorger abgeliefert.

Gerüchte

In der Gemeinde Märkisch-Buchholz, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, wird das Gerücht verbreitet, dass in der DDR eine verschärfte Postzensur eingeführt sei. Es wird verbreitet, dass die gesamte Post, die in Märkisch-Buchholz aufgegeben wird, erst nach Berlin zur Zensur kommt und dann weiterbefördert wird.

Von Belegschaftsmitgliedern des Konsumkaufhauses des Friedens in Leipzig56 wurde erzählt, dass angeblich im demokratischen Rundfunk mitgeteilt wurde, das in einem Kinderferienlager an der Ostsee ein Blitz eingeschlagen habe, wobei elf Kinder ums Leben kamen.

An den Rat der Stadt Saalfeld, [Bezirk] Gera, wurde ein Schreiben geschickt vom Ortskuratorium »Unteilbares Deutschland«57 – Aktionsausschuss – Stadt Erkenschwick (Westdeutschland) mit folgendem Inhalt:

»Am 18. Juli 1955 beginnen in Genf die Verhandlungen der Mächte, die für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands die Verantwortung tragen.

Aus diesem Anlass rufen wir das ganze deutsche Volk auf zu einer allgemeinen Verkehrs- und Arbeitsstille von zwei Minuten am 18. Juli, um 12.00 Uhr mittags, zur Besinnung auf das Schicksal unseres zerrissenen Landes und als Bekundung unseres Willens zur Wiedervereinigung für Frieden und Freiheit.

Das Ortskuratorium »Unteilbares Deutschland«, dem Männer und Frauen aus allen Schichten der Bevölkerung angehören, bittet sie dringlich, sich im Bereich ihrer Stadt nachdrücklich für den Erfolg der Demonstration einzusetzen.

Ich bitte Sie, alle Betriebe und Institutionen des öffentlichen Lebens zu dieser Aktion zu veranlassen, damit die Durchführung der Verkehrs- und Arbeitsstille zu einem machtvollen Bekenntnis des ungeteilten Deutschlands wird. (gez. Winter,58 1. Vorsitzender)«

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