Zur Beurteilung der Situation in der DDR
11. Januar 1955
Informationsdienst Nr. 2412 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Der Kampf gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge1 steht weiterhin im Vordergrund der wenigen Diskussionen über politische Tagesfragen. Diese Diskussionen werden größtenteils von Arbeitern geführt und sind überwiegend positiv. Dabei bringt man zum Ausdruck, dass es gilt, den Kampf gegen die Wiedererrichtung einer faschistischen Wehrmacht in Westdeutschland zu verstärken. In diesem Zusammenhang begrüßt man auch die Prager Konferenz2 und ist erfreut, dass Polen, die ČSR und die DDR gemeinsam gegen die Kriegsgefahr kämpfen werden. Jedoch treten diese Diskussionen erst vereinzelt auf.
Ein parteiloser Arbeiter aus Flöha, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es ist ganz richtig, wenn Polen, die ČSR und die DDR eine gemeinsame Sache gegen die Kriegstreiber machen. Es tut nichts, wenn man nur in dem Abgeordnetenhaus auf die Pauke haut, so wie es Ollenhauer3 macht, sondern es müssen Taten folgen.«
Teilweise treten Diskussionen auf, in denen man sich in der Form äußert, dass man gegen einen Krieg nichts machen könne und der Kampf gegen die Pariser Verträge zwecklos sei, da die Westmächte von ihrer Politik nicht abgehen werden.
So äußerten z. B. die Kollegen der Abteilung Hochdruck in dem Leuna-Werk »Walter Ulbricht«4 Halle: »Wir können ja doch nichts machen gegen die drohende Kriegsgefahr.«
Zum Interview des Genossen Malenkow5 wird weiterhin wenig diskutiert meist nur von fortschrittlichen eingestellten Menschen und überwiegend positiv. Das Interview wird als erneuter Beweis der Friedensliebe der Sowjetunion gewertet.6
Ein Kollege von der Bleihütte des Mansfeld Kombinates7 in Hettstedt: »Ich habe das Interview gelesen und alle Fragen sind sehr wichtig für uns. Sie sind beispielgebend für beide Teile Deutschlands. Es kommt hier klar zum Ausdruck, dass die UdSSR mit allen Völkern der Welt den Frieden wünscht, auch mit Amerika, aber Eisenhower8 und die ganze Bande will ja nicht.«
Gerücht
Im VEB Knäckebrotwerk9 Burg, [Bezirk] Magdeburg, wurde das Gerücht verbreitet, dass die Männer aus dem Betrieb entlassen werden und später zum Militär als Arbeitslose eingezogen werden. Dieses Gerücht wurde entwickelt aus der Tatsache, dass verschiedene weibliche Mitarbeiter angesprochen wurden, ob sie die Arbeitsstelle eines Mannes innerhalb des Betriebes übernehmen wollen, da die männlichen Mitarbeiter für körperlich, schwere Arbeit eingesetzt werden sollen.
Auswirkungen der feindlichen Propaganda machen sich im VEB Reifenwerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, bemerkbar, wo einige Arbeiter dazu übergehen, weniger Arbeit zu leisten. So wollen einige Kollegen nur noch drei Stück 12 cm Reifen und vier Stück neuner Reifen anfertigen, wogegen sie früher vier Stück und fünf Stück dieser Reifen angefertigt haben. Sie begründen dies damit, dass in nächster Zeit eine Normerhöhung kommen soll.
Im Zweigwerk des Kaliwerkes10 Roßleben, [Bezirk] Halle, ist zu verzeichnen, dass man verschiedene Arbeitsnormen ohne Absprache mit den Kumpels oder der BGL erhöht hat. Dadurch entstanden große Unstimmigkeiten innerhalb der Belegschaft.11
Eine Überprüfung der Abteilung Verkehr beim Rat des Kreises Hagenow, [Bezirk] Potsdam, hat ergeben, dass für das Plan Jahr 1955 die Summe von 535 000 DM für Straßen Ausbesserung und Straßenbau zur Verfügung stehen. Diese Summe wurde bereits aufgeschlüsselt und dabei festgestellt, dass alle Kosten-Voranschläge von einem Privatbetrieb eingebracht wurden und sämtliche Arbeiten bereits an diese Firma vergeben sind. Es wurde lediglich noch ein Betrag von 85 000 DM als Reserve für eventuelle Ausbesserungen zurückgehalten. Dadurch ist der VEB Bau (K) Hagenow, [Bezirk] Potsdam,12 gezwungen, seine Straßenarbeiter, wie bereits im Jahr 1954, außerhalb des Kreisgebietes zu beschäftigen. Durch diese Beschäftigung außerhalb des Kriegsgebietes entstehen dem VEB Bau (K) beträchtliche Nebenkosten, welche die Bauvorhaben gegenüber dem privateigenen Betrieb entsprechend verteuern.
Im VEB Volltuch13 Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, wurde die Planauflage für das I. Quartal 1955 gekürzt. Durch diese Maßnahme können im I. Quartal 1955 von 73 Mehrstuhlwebern nur 17 als solche beschäftigt werden. Die übrigen 56 Weber können nicht in dem Mehrstuhlsystem arbeiten. Die Rentabilität des Betriebes ist dadurch nicht gewährleistet. Dies wirkt sich auch finanziell nachteilig auf die Arbeiter aus und zwar würde sich der Lohn monatlich durchschnittlich um 100 DM verringern. Weiterhin bestehen in diesem Betrieb Schwierigkeiten bzw. Unstimmigkeiten bei der Auslieferung der Stoffe. Durch die Hauptabteilung Textil wurde den deutschen Handelszentralen14 mitgeteilt, dass die Stoffe jetzt 42 % Wolle enthalten.
Der Betrieb VEB Volltuch Luckenwalde erhielt eine Anordnung, von dem Ministerium für Leichtindustrie, in der gefordert wird, die Stoffe nur mit 20 % Wolle herzustellen, wegen Mangel an Rohstoffen. Diese Anordnung wurde durchgeführt. Die Handelszentralen verlangen jetzt vom Betrieb die 42%igen wollhaltigen Stoffe und haben schon verschiedentlich Prozesse eingeleitet, um dem VEB Volltuch Vertragsstrafen wegen Nichteinhaltung der Verträge aufzuerlegen.
Kohlenmangel
Die Brikett-Fabriken Impuls »Morgenrot«, »Klara Zetkin« im Kreis Senftenberg werden unzureichend mit Rohkohle beliefert, was sich hemmend auf die Produktion auswirkt. So erfüllten z. B. am 7.1.1955 diese Brikett-Fabriken ihr Tagessoll mit ca. 2 220 Tonnen Brikett unter dem Plan.
Im VEB Oberlausitzer Leinenzwirnerei besteht großer Kohlenmangel. Wenn keine Lieferung eintrifft, muss der Betrieb stillgelegt werden. Zu bemerken ist, dass dieser Betrieb der einzige Zwirnverarbeitende Betrieb in der gesamten DDR ist und teilweise auch Export-Artikel herstellt. Rückfragen bei der DHZ15 Kohle Dresden und Cottbus, sowie mit dem Ministerium – Industriezwei Bastfaser – Leipzig hatten bisher nicht den gewünschten Erfolg.
Produktionsstörung
Am 8.1. ereignete sich in dem VEB Kittwerk Pirna, [Bezirk] Dresden, eine Explosion in der Oxydationsblase.16 Die Ursache ist noch nicht geklärt. Schaden der Anlage ca. 12 000 DM und Brandschaden ca. 400 DM.
Im Bericht vom 10.1.1955 berichteten wir, dass einige technische Intelligenzler von der Farbenfabrik17 Wolfen, von ihrem Westurlaub nicht in die DDR zurückgekehrt sind. Ähnliche Erscheinungen sind in den ehemaligen Leuna-Werken »Walter Ulbricht«,18 im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld zu verzeichnen. Im Bergbaukombinat »Wilhelm-Pieck« Eisleben/Halle kehrte der Diplom- Ingenieur Günter Klaus19 ebenfalls von seinem Westurlaub nicht mehr in die DDR zurück.
Handel und Versorgung
Am 8.1.1955 wurden in der HO Görlitz 71 Kündigungen ausgesprochen, was besonders unter den Verkäuferinnen des HO-Warenhauses große Verärgerung hervorgerufen hat. Die meisten Diskussionen beinhalten, »man sollte lieber bei den Kollegen mit den großen Gehältern einsparen, aber nicht bei den kleinen Verkäuferinnen«.20
Die HO-Gaststätte »Goldener Löwe« in Stolpen, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, hat wegen Personaleinsparung nur noch von 17.00 bis 1.00 Uhr geöffnet. Von den Werktätigen in Stolpen wird dies bemängelt, da viele bisher dort ihr Mittagessen einnahmen.21
Die Bevölkerung von Schkölen, [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera, ist über Fleischpreiserhöhungen in der Konsumverkaufsstelle des Ortes verärgert. Eine Überprüfung des zuständigen ABV22 der VP ergab, dass die Preise z. B. bei Knochen von DM 0,50 auf DM 1,00 pro Kilo, Schweinefleischkonserven (400 g) von 1,16 auf 2,11 DM, Schlachtfette von 2,60 auf 2,92 DM pro kg und Hammelfleisch (Import) von 3,00 auf 3,18 DM pro kg heraufgesetzt wurden. Der Konsumverkaufsstellenleiter erklärte dazu, dass es sich bei den angeführten Waren um angeblich bessere Qualität handle.
Eine mangelhafte Organisation in der Fleischverteilung besteht bei der Kreiskonsumgenossenschaft Artern, [Bezirk] Halle. So wird z. B. das Schlachtvieh vom Kreis Artern zum Schlachthof nach Halle gebracht, von wo das Fleisch wieder nach Artern zurückgeht, wodurch sich der Kostenaufwand erheblich erhöht. Es bestehen jedoch alle Voraussetzungen, im Kreis Artern die Schlachtungen durchzuführen.
Die HO-Verkaufsstelle für Backwaren in Neue Mühle, [Kreis] Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, erhält die Backwaren von der HO-Bäckerei Ludwigsfelde, [Kreis] Zossen. Durch den langen Anfahrtsweg sind die Backwaren nie frisch und meist nicht in ausreichender Menge vorhanden, was zu Unzufriedenheit unter der Bevölkerung von Neue Mühle führt.
Landwirtschaft
Die Diskussionen zu politischen Tagesfragen sind unter der Landbevölkerung weiterhin gering. Bezüglich der Diskussionen zum Kampf gegen die Pariser Verträge haben sich keine Veränderungen gegenüber den Vortagen ergeben.
Zur Aufstellung Nationaler Streitkräfte in der DDR wurden verschiedentlich pazifistische Meinungen vertreten.
So erklärte z. B. ein werktätiger Bauer (LDP) aus Erlbach/Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Man muss erkennen, dass eine Armee im Westen für eine Aggression aufgestellt wird. Doch Streitkräfte sind immer für einen Krieg. Deshalb müssen sich die friedliebenden Staaten zusammenschließen und den anderen zeigen, dass sie ohne Streitkräfte nur für den Frieden sind.«
Unter den Landarbeitern, besonders im Kreis Herzberg, [Bezirk] Cottbus, wird oft diskutiert, dass durch die Schaffung Nationaler Streitkräfte die Kriegsgefahr erhöht würde und man deshalb dagegen sei.
In diesem Zusammenhang wird vereinzelt eine feindliche Einstellung zur Oder-Neiße-Grenze gezogen und ihre Revision gefordert.
So sagte z. B. ein Alt-Bauer aus Metschow, [Kreis] Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg: »In Westdeutschland wird auch gerüstet. Es ist ja auch Zeit, dass die Oder-Neiße-Grenze rückgängig gemacht wird. Die Russen und Franzosen haben mehr Nationalstolz als die Deutschen, denn sie haben die alten Grenzen ihrer Länder wiederhergestellt. Also müssen auch die Deutschen danach trachten.«
Ein Gemüsebauer aus Groß Breesen, [Kreis] Guben, [Bezirk] Cottbus, ist der Meinung, dass man uns das Land östlich der Oder-Neiße wiedergeben solle, dann wäre ein großer Kriegsherd beseitigt.
Zu den VdgB-Wahlen23 wird aus Potsdam berichtet, dass der Besuch der Versammlungen allgemein gering ist. So betrug z. B. die bisherige Beteiligung im Kreis Kyritz durchschnittlich 37 %, im Kreis Pritzwalk 58 %. Teilweise verhalten sich selbst LPG-Mitglieder den Wahlen gegenüber interessenlos und erscheinen oft nicht zu den Versammlungen.
So konnte z. B. in der Gemeinde Schünow, [Kreis] Zossen kein Genossenschaftsbauer in den Vorstand gewählt werden, da die LPG-Mitglieder an der Versammlung nicht teilnehmen.
In den bisher gewählten Vorständen sind Großbauern24 nun sehr gering vertreten.25 So befinden sich z. B. im Kreis Kyritz bei 23 Neuwahlen kein Großbauer im Vorstand und im Kreis Zossen bei 23 Neuwähler nur zwei Großbauern.
Vereinzelt ergriffen werktätige Bauern Partei für Großbauern. So wurde z. B. in Horstfelde, [Kreis] Zossen, ein Großbauer als Kandidat vorgeschlagen. Als daraufhin von Beauftragten des Kreisvorstandes der VdgB erklärt wurde, dass dies nicht statthaft sei, erwiderten die Anwesenden: »Dann wählen wir keinen anderen Bauern«. (Auch der LPG-Vorsitzende des Ortes gab seine Stimme für den Großbauern.)
Die Hühnerpest trat in der LPG »Glückauf« in Helbra, [Kreis] Eisleben, [Bezirk] Halle, auf, weshalb 350 Hühner notgeschlachtet wurden.
Im Bezirk Cottbus sind bisher insgesamt 55 Befall Stellen festgestellt worden, wobei 200 Hühner verendeten und 405 notgeschlachtet werden mussten.
Nach Meinung des Kreistierarztes Dr. Riedel26 aus Herzberg, [Bezirk] Cottbus, ist der Ausbruch der Hühnerpest angeblich darauf zurückzuführen, dass in vielen Haushalten während der Feiertage Hühner verbraucht wurden, die aus Ungarn eingeführt und von der Hühnerpest befallen waren.
Übrige Bevölkerung
Die Stellungnahmen zur gegenwärtigen politischen Lage haben sich im Vergleich zu den Vortagen inhaltsmäßig nicht wesentlich verändert.
Verschiedentlich zeigt sich u. a. im Kreis Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, dass in den Verwaltungen eine schlechte Haltung gegenüber dem Beschluss der Partei »Kader aufs Land«27 eingenommen wird, auch vonseiten der Genossen.
Zum Beispiel erklärte der Abteilungsleiter für Kultur beim Rat des Kreises (Genosse), dass er erst einen Fachlehrgang absolvieren will. Er ließe sich nichts vorschreiben, auch nicht von der Partei, er lege sich seine Perspektiven selbst fest.
Der persönliche Referent (Genosse) des Vorsitzenden des Rates des Kreises: »Ist es überhaupt so wichtig, mit der Frage Kader aufs Land? Erst wird den Genossen etwas vorgemacht und danach ist es gar nicht so von Bedeutung. Wenn es unbedingt sein soll, gehe ich auch ein Jahr auf Land, aber nicht länger.«
Der Kraftfahrer (Genosse) von der HO-Industriewaren in Treuenbrietzen hatte sich verpflichtet, als Traktorist oder Brigadier zur MTS Fröhden zu gehen. Als er nach dort kam sagte er, dass er von der Landwirtschaft keine Ahnung habe und hat sich dann als Kraftfahrer bei der Konservenfabrik Elsholz beworben.
Bei den BGL-Wahlen zeigen sich vielfach Schwierigkeiten bei der Aufstellung von Kandidaten. Das ist u. a. im Krankenhaus Meißen der Fall, wen die alten BGL-Mitglieder eine Wiederaufstellung ablehnen.
Jugendweihe28
Weiterhin ist zu verzeichnen, dass die Kirche ziemlich aktiv gegen die Jugendweihe Stellung nimmt und versucht die Bevölkerung gegen diese Maßnahmen zu beeinflussen.
Zum Beispiel versucht die Kirche im Kreis Sonneberg, [Bezirk] Suhl, mit allen Mitteln die zur Schulentlassung Kommenden von der Jugendweihe fernzuhalten. Unter anderem wurde bekannt, dass der Pfarrer Jansa29 aus Sonneberg zu den Eltern geht und dieser droht, ihre Kinder nicht zu konfirmieren, wenn sie zur Jugendweihe gehen. Dadurch ist es sehr schwer, die Kinder für die Jugendweihe zu gewinnen.
In Groß Schwechten, [Kreis] Stendal, [Bezirk] Magdeburg, ist zu verzeichnen, dass sich durch die Beeinflussung der Kirche von sechs angemeldeten vier Jugendliche von der Teilnahme an der Jugendweihe wieder abgemeldet haben.
In Burkartshain, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, lehnten zwei Lehrer (CDU) die Mitarbeit im Ausschuss zur Vorbereitung der Jugendweihe ab. Sie begründeten es damit, dass die oberste Kirchenbehörde den Beschluss gefasst habe, alle Kinder und Eltern bei Teilnahme an der Jugendweihe aus der Kirche auszuschließen bzw. die Kinder nicht zu konfirmieren.
Im Kreis Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, werden in sich nicht geringem Umfang Diskussionen über die Jugendweihe geführt, in denen vorwiegend Folgendes zum Ausdruck gebracht wird: »Sie wollen mit Macht die Jugend an die Politik heranziehen und mithilfe der Jugendweihe wollen sie die Jugendlichen von der Kirche fernhalten oder es ist der Anfang, dass man die Kirche abschaffen will.«
Organisierte Feindtätigkeit
Hetzschriftenverbreitung
SPD-Ost Büro:30
- –
Erfurt ca. 300;
- –
Karl-Marx-Stadt 4 000;
- –
Halle ca. 2 100;
- –
Potsdam 60;
- –
Dresden und Rostock einige.
Inhalt: »Hetze gegen Nationale Streitkräfte – gegen Volkswahlen«
KgU:31
- –
Rostock einige.
In tschechischer Schrift:
- –
Wismut 250.
Potsdam: ca. 400 »Tarantel«32 und Halle ca. 500 »Der Tag«.33
In Naumburg, [Bezirk] Halle, wurden mehrere handgedruckte Hetzzettel: »Schluss mit der Besatzung, wir wollen frei sein, weg mit den Russen!« angeklebt.
In Halle wurden in einigen Briefkästen ebenfalls handgedruckte Hetzzettel aufgefunden. Text: Hetze gegen die DDR.
Anlage 1 vom 11. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2412
Auswertung der Westsendungen
Die Westsender beschäftigen sich mit den Neuwahlen in die Gewerkschaftsleitungen.34 die Aufforderungen führender Funktionäre des FDGB zur erhöhten Wachsamkeit um das Eindringen des Klassengegners als Ausdruck der »Angst vor einem unerwünschten Wahlergebnis« bezeichnet. Damit wird gleichzeitig die Aufforderung verbunden, Kollegen in die neuen Leitungen zu wählen, die nicht im Interesse unserer Aufgaben arbeiten. Es heißt dazu: »… Der FDGB-Bundesvorstand hat allen Grund, anzunehmen, dass die Gewerkschaftsmitglieder, vor allem in den unteren Leitungen grundsätzlich und ohne Zögern für den weniger linientreuen Kandidaten stimmen werden …« Für die Kandidaten zur Neuwahl werden folgende Hinweise für ihre kommende Arbeit gegeben: »… Die Funktionäre in den unteren Leitungen können sich zu unangenehmen Zeitgenossen entwickeln, wenn sie stur und linientreu die Forderungen der Partei vertreten. Sie können jedoch auch, wenn sie weniger stur und linientreu sind, einen Teil des Druckes abfangen, der von den Funktionär Zentralen auf die Arbeiterschaft ausgeübt wird. Und sie können hier und da eine Kritik weitergeben und eine Forderung vertreten …«
Zur Beunruhigung der Werktätigen mehren sich in den letzten Tagen die Meldungen des RIAS35 über Entlassungen36 in Industrie und Handel. Die Meldungen werden in den meisten Fällen ohne Kommentar gebracht und sollen als nackte Tatsachen wirken. Vereinzelt wird festgestellt, dass die Entlassungen aufgrund der fehlenden Finanzmittel erfolgen und die noch verbleibenden Arbeiter und Angestellten jetzt noch mehr »ausgebeutet« würden. Zum Beispiel wird der VEB Mechanische Weberei Zittau genannt, wo Frauen und Mädchen am Webstuhl zusammengebrochen seien.
Gleichzeitig wird gehetzt, dass die Entlassungen besonders Parteilose und im Demokratischen Sektor von Groß-Berlin die in den Randgebieten und in Westberlin Wohnenden, beträfen.
In einer Sendung für die Landbevölkerung beschäftigt sich der RIAS mit den Preisen für landwirtschaftliche Erzeugnisse. Es wird gehetzt, dass die Bauern mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, denn »… nur noch Betriebe, die größere Mengen freie Spitzen verkaufen können, sind in der Lage, ihren Betrieb finanziell durchzuhalten …« Die Preispolitik unserer Regierung halte sich nicht an die Erfordernisse der Mittel- und Großbauern, sondern werden von dem Ziel, »die Kollektivierung der Sowjetzone zu beschleunigen« bestimmt.
Nach dieser negativen Beeinflussung, die besonders an die Mittel- und Großbauern gerichtet ist, wird gefordert, »die Sollpreise anzuheben«. Gleichzeitig soll das »bisherige doppelte Preisniveau« d. h. Sollpreise und Preise für freie Spitzen,37 abgeschafft werden. In der gleichen Sendung wird auch die Heraufsetzung der Holzpreise gefordert.
Gegen die Aktion »Arbeiter aufs Land«38 richtet sich eine andere Sendung des RIAS. Um die Landbevölkerung gegen die kommenden Arbeiter zu beeinflussen, konzentriert sich die Hetze auf die Feststellung, dass es sich herbei ausschließlich um Genossen der SED handele, die jeweils bestimmte parteipolitische Aufgaben hätten und erst an letzter Stelle zur Hilfe für die Bauern kämen. Gleichzeitig sei damit zu rechnen, dass »eine Reihe Bürgermeisterposten neu besetzt würden«, da sich die Funktionäre aus dem Dorf selbst oft als unzuverlässig für die Partei erwiesen hätten. Unter anderem spricht dabei der Hetzsender von der »Solidarität der Landbevölkerung« und fordert sie auf, noch enger zusammenzurücken, um den kommenden Funktionären das Eindringen in ihre Reihen und damit ihre Arbeit zu erschweren.
Immer wieder zeigt sich in den Hetzsendungen das Bestreben, eine Kluft zwischen den Genossenschaftsbauern und den werktätigen Einzelbauern zu schaffen. In den letzten Sendungen wurde dabei das unterschiedliche Abgabesoll und die Arbeit der MTS – vordringlich für die LPG – benutzt. Der werktätige Einzelbauer wird als das »Opfer« der Politik unserer Partei hingestellt und gegen die LPG wird als »bevorzugte Schicht« gehetzt.