Zur Beurteilung der Situation in der DDR
13. Januar 1955
Informationsdienst Nr. 2413 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie, Verkehr, Handel und Landwirtschaft
Industrie und Verkehr
Der Kampf gegen die Ratifizierung der Pariser Verträge1 steht weiterhin in dem Vordergrund der Diskussionen über die politischen Tagesfragen. Veränderungen gegenüber den Vortagen ergaben sich nicht.
Über das Interview des Genossen Malenkow2 wird weiterhin nur in geringem Umfang diskutiert. Die Gespräche werden meist nur von fortschrittlichen eingestellten Werktätigen geführt. Dabei wertet man das Interview als erneuten Friedensbeweis der Sowjetunion.3
Oft wird über die Aufstellung Nationaler Streitkräfte gesprochen,4 wo bei man feststellen kann, dass schon ein größerer Teil der Werktätigen die Notwendigkeit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte erkennt. Dabei bringt man zum Ausdruck, dass man gewillt ist, die geschaffenen Errungenschaften zu verteidigen. Dabei ist besonders im Wismut-Gebiet zu verzeichnen, dass durch intensive Aufklärungsarbeiten Seiten der Partei und den demokratischen Massenorganisationen die anfänglich ablehnende Haltung der Kumpels nachgelassen hat und ein großer Teil die Notwendigkeit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte einsieht.
Ein Hauer vom Schacht 250 Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich kann es nur begrüßen, wenn die Regierung der DDR Nationale Streitkräfte aufstellt und werde dementsprechend auch unter meinen Arbeitskollegen diskutieren. Es ist doch jedem klar, dass im Falle eines Krieges gerade das deutsche Volk die meisten Verluste zu tragen hätte, und dadurch unsere Errungenschaften wieder zerstört würden. Dies können wir auf keinen Fall so ruhig hinnehmen. Unsere Aufgabe ist es, den Kampf um den Frieden zu verstärken, damit es keinen neuen Krieg gibt.«
Ein parteiloser Kumpel vom Wismut-Schacht XIII in Aue äußerte, dass er mit vielen Kollegen über die Aufstellung Nationaler Streitkräfte gesprochen hätte und dabei feststellen konnte, dass die meisten Kumpel der Ansicht sind, im Falle eines Überfalles ihre Errungenschaften und den Betrieb mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.
Trotzdem äußert sich noch ein Teil der Werktätigen negativ zur Aufstellung Nationaler Streitkräfte. Dabei fordert man, dass die Gestellungsbefehle zerrissen werden sollen.
Am 7.1.1955 fand in der VEB Papierfabrik Golzern, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, eine Frauenversammlung statt. Von den Frauen wurde geäußert, dass bei einer eventuellen Aufstellung von Nationalen Streitkräften bei uns die Gestellungsbefehle genauso zerrissen werden müssen, wie in Westdeutschland, denn könne es auch keinen Krieg geben.
Vereinzelt wurden uns Diskussionen im Zusammenhang mit dem 21. Plenum der ZK5 bekannt. Diese Diskussionen lassen erkennen, dass die Aufklärungsarbeit in dieser Hinsicht in den Betrieben noch verbessert werden muss.
Aus der Volkswerft Stralsund, [Bezirk] Rostock, wurde bekannt, dass unter den Arbeitern der Taktstraße in der Halle IV und der Halle 2 dahingehend diskutiert wird, dass man jetzt noch schäbigere Mittel zur Durchführung der Beschlüsse des 21. Plenums anwendet, als vor den neuen Kurs.6 Diesmal hätte sich die Regierung aber verrechnet, denn bei einem zweiten 17. Juni7 würden die Arbeiter andere Mittel anwenden.
Ein parteiloser Kollege aus Fambach, [Kreis] Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, sagte in einem Gespräch über das 21. Plenum Folgendes: »Von den Funktionären der SED wird das 21. Plenum nicht richtig ausgewertet, sonst könnten die Arbeiter nicht sagen, aus dem Neuen Kurs wird wieder der alte gemacht, denn die Arbeiter werden wieder getrieben, bis der Krach wieder da ist.«
In der letzten Zeit führen Normenfragen teilweise zu heftigen Diskussionen,8 unter einer Reihe von Wismut-Kumpel.9 So herrscht z. B. unter den Lokfahrern im Schacht XIII Aue eine schlechte Stimmung, da laut Anweisung des Schachtleiters und der Verwaltung vom Objekt IX die Normen der Lokführer im Einzelgedinge10 verrechnet werden müssen. Gerade die besten Lokfahrer sind damit nicht einverstanden, da die Einzelverrechnung den Nachteil hat, dass wild darauf losgefahren wird, weil jeder bestrebt ist, so viel wie möglich zu verdienen. Sie sind der Meinung, wenn einem Fahrer die Lok oder der Hunt11 aus den Schienen springt, ihnen dann kein Kollege mehr hilft.
Im Wismut-Objekt Gera traten ebenfalls Missstimmungen wegen Normen auf.
Im Wismut-Objekt 101 Zwickau wird zurzeit eine neue Abrechnungsmethode eingeführt. Diese stößt bei Meistern, Normern, Ingenieuren, Brigadiere und anderen auf Ablehnung und wird als bürokratisch bezeichnet. Ein Meister hat deshalb gekündigt, ein Kumpel meinte, diese Abrechnungs-Methode diene zur Verringerung des Lohnes, ein Ingenieur der Bau-Abteilung erklärte:
»Dass wir infolge des Befehls die neue Methode durchführen. Jede Verantwortung lehne ich jedoch ab, sie trägt der sowjetische Obernormierer.«12
In einigen Betrieben des Bezirkes Gera diskutierte man ebenfalls über Normen und Lohn-Fragen.
So kam es im Stahlwerk13 Silbitz zu heftigen Diskussionen, als technisch begründete Arbeitsnormen14 für den Export-Auftrag – Stützrollen – festgelegt wurden. Durch ausführliche Diskussionen mit den Kollegen wird jetzt nach dieser Norm ohne Störung gearbeitet. Nur vereinzelt tauchen jetzt noch negative Diskussionen auf. So äußerte z. B. ein parteiloser Arbeiter: »Was wollt ihr machen, wenn wir uns auf die Maschinen setzen und eben warten bis alles in Ordnung ist?«
Im VEB Dreschmaschinenwerk Zeulenroda beklagen sich die Arbeiter über die festgesetzten Normen, indem sie sagen, dass sie mit diesen Zeit nicht auskämen, begründet wird dies auch noch damit, dass infolge der Produktionsumstellung hauptsächlich Lohnaufträge für auswärtige Maschinenbetriebe durchgeführt werden und die Festsetzung der Normen für diese Teile nach den Zeiten der Lieferbetriebe erfolgt, aber die zu bearbeitenden Teile ohne Hilfsmittel bearbeitet werden und dadurch hohe Zeitverluste entstehen. Ein Bohrwerksdreher äußerte sich wie folgt: »Bei einem Kapitalisten ist mir so etwas nicht passiert, der hatte noch immer Verständnis für solche Arbeiter, und er hat auch die fehlenden Werkzeuge, die wir heute nicht haben, herangeschafft. Auch wurden wir früher nicht so gedrückt, wie es jetzt in einem VEB der Fall ist.«
Auch im VEB Maxhütte Unterwellenborn herrscht verschiedentlich Unzufriedenheit über das Lohn- und Prämien-System.
Ein parteiloser Arbeiter in der Kranabteilung äußerte: »Die Arbeiter werden sich in der Entlohnung nie einig werden. Einige verdienen 300 DM, das kaum zum Leben reicht und andere wieder 1 000 DM. Ähnlich sieht dies mit der Prämienzahlung aus, die wird auch nicht gerecht verteilt.«
Ähnliche Diskussionen werden im Elektro-Kraftmaschinen-Werk15 III in Greiz geführt.
Vom VEB Textil-Veredlungswerk Elsterberg,16 [Kreis] Greiz, wird uns bekannt, dass unter der Belegschaft eine erregte Stimmung herrscht, weil angeblich die Normen erhöht werden sollen.
Der Gegner versucht, auch die Produktionsschwierigkeiten auszunutzen, um die Arbeiter unter seinen Einfluss zu bekommen.
Zum Beispiel im VEB Rheinmetall Sömmerda, [Bezirk] Erfurt, führten die Schwierigkeiten in der Produktion zu Wartezeiten, dies nutzte der Gegner aus, um in einer kleinen Abteilung die Arbeiter zum Sitzstreik aufzufordern. Jedoch landet es bei diesen kein Gehör.
Verschiedentlich treten bei den BGL-Wahlen17 Schwierigkeiten auf.
Oft wird auch von Kollegen die Mitarbeit in der BGL abgelehnt.
Im Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz,18 [Bezirk] Suhl, werden die Vorbereitungen für die BGL Wahlen getroffen. Es ist zu verzeichnen, dass man bei der Auslese der Organisatoren für die AGL und BGL nicht immer die richtigen Kollegen findet. Ein Kollege äußerte sich dazu wie folgt: »Wenn man wirklich einen guten und fortschrittlichen Kollegen gefunden hat, dann nimmt dieser die Funktion nicht an. Durch die Struktur des Betriebes müssen manche Kollegen 15 bis 20 km nach Hause fahren, wenn sie dann noch eine Funktion ausüben, kommen sie bei jeder Sitzung später nach Hause.«
Im VEB Waggonbau Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurden bisher noch keine Vorbereitungen für die BGL Wahlen getroffen. In der Abteilung Lackiererei hat die BGL-Vorsitzende zu den Arbeitern Folgendes geäußert: »Macht Euch Gedanken über die Vorschläge für den Gruppenorganisator und andere Vorschläge für die BGL. Die letzte Woche im Januar machen wir die Wahl, damit dann alles in Ordnung geht!«
In anderen Abteilungen des Betriebes gibt es die gleichen Erscheinungen.
In der Vorbereitung der BGL-Wahlen in der Kyffhäuser-Hütte Artern [Bezirk] Halle, wurde eine scharfe Kritik an der BGL selbst durchgeführt. Die angegebenen 42 000 DM im Jahre 1954 als Gelder für Wartezeiten seien nicht schuld der Belegschaft, sondern sie forderten, dass die Werkleitung und die BGL zur Rechenschaft gezogen wird. Weiter treten in diesem Betrieb in Erscheinung, dass von zwölf vorgeschlagenen BGL-Mitgliedern zehn Personen die Funktion wegen angeblicher politischer Überlastung ablehnten.
In den VEB Guss-Betrieben des Kreises Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg, treten Schwierigkeiten bei der Aufstellung der Kandidaten für die AGL auf, da die vorgeschlagenen Kollegen es ablehnen, diese Funktion zu übernehmen.
In dem Privatbetrieb Deckert-Strickwaren19 – Roßwein, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, hindert der Besitzer die Durchführung der BGL-Wahlen und lässt den Instrukteur aus der BPO des »Hermann-Matern« Werkes20 nicht in seinen Betrieb. In diesem Betrieb wurden ebenfalls Entlassungen, ohne Befragen der BGL durchgeführt. Bei den Entlassungen waren auch BGL-Mitglieder dabei.
Materialverschrottung
In der Abteilung Schrottaufbereitung des Stahlwerkes21 Riesa, [Bezirk] Dresden, herrscht Empörung über das mutwillige Zerstören von Massenbedarfsartikeln. Jetzt ist wieder ein Waggon mit verchromten Schlössern für Aktentaschen und Koffern im Werk eingegangen, welche verschrottet werden sollen.
Erkrankungen
Im VEB Bauelemente-Werk Großbreitenbach, [Bezirk] Suhl, erkrankten 320 Arbeiter an Durchfall und Brechreiz. Ursache: Werkküchenessen des Betriebes. Ermittlungen werden noch geführt.
Produktionsstörungen
Am 9.1.1955 brach am Ofen V des EKS Frankfurt22 unterhalb der 9. Form das Roheisen durch den Panzer. Durch das Herauslaufen des Roheisens kam es außerhalb des Panzers zu einer Wasserstoff-Explosion, da das Kühleisen vom flüssigen Roheisen in seine Bestandteile zersetzt wurde. Ein Teil der Ofenhülle wurde durch die Explosion zerstört. Schaden: ca. 1 200 Tonnen Roheisen. Die Reparatur dauert ca. drei Tage.
Durch einen vermutlichen Erdrutsch im Abraum des Werkes Mücheln [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, sackte der Tiefbagger 522, sechs Meter ab und wurde beschädigt. Die Reparatur dauert ca. drei bis vier Monate.
Im VEB Sprengstoffwerk Gnaschwitz, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, fiel am 7.1.1955 die Mischmaschine 13 Stunden aus. Ursache: Ein Arbeiter schmierte das Getriebe der Mischmaschine mit einer Spachtel ab, diese kam zwischen die Zahnräder, wodurch Beschädigungen im Getriebe entstanden. Produktionsausfall: 1,2 Tonnen Sprengstoff.
Am 10.1.1955 entstand im Edelstahlwerk Böhlen,23 [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, ein Ofendurchbruch. Ein vermutlicher Grund des Ofendurchbruches wird schlechte Arbeit der Ofenmaurer, nach einem vorhergegangenen Durchbruch angenommen.
Im VEB Porzellanwerk Kloster Veilsdorf, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, gab es in der Abteilung Dreherei einen Produktionsausfall von ca. drei Tagen. Ursache: falsche Kaolin-Sendung aus der ČSR. Der Schaden beträgt ca. 8 000 DM.
Berichtigung
Im Bericht vom 11.1.1955 wurde auf der Seite 3, Abschnitt 3 geschrieben Rat des Kreises Hagenow, [Bezirk] Potsdam, richtig muss es heißen: Rat des Kreises Hagenow, [Bezirk] Schwerin.24
Handel und Versorgung
Die Entlassungen im Handel, die oft nur bei Verkaufskräften durchgeführt werden, sind darauf zurückzuführen, dass die Ausführungen über die Rentabilität auf dem 21. ZK-Plenum so ausgewertet werden, dass man statt das Verwaltungspersonal zu reduzieren, die Verkaufskräfte entlässt. So wurde z. B. eine Verkäuferin der KG-Verkaufsstelle 104 in Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, entlassen und bekam keine neue Arbeitsstelle zugewiesen. Über die Entlassungen wird von der Bevölkerung dahingehend diskutiert, dass diese Sparsamkeit auf Kosten der Bevölkerung durchgeführt wurde, da sie jetzt zum Einkauf ihrer Waren fast die doppelte Zeit benötigen, als vor der Reorganisation.25
Immer wieder tauchen Mängel in der Versorgung auf, die auf Materialschwierigkeiten und schlechte Auslieferung zurückzuführen sind. So konnte es geschehen, dass man in Kreisgebiet Roßlau durch Mangel an Streichhölzer die Lage ausnutzen, um Missstimmung unter die Bevölkerung zu bringen. In der Eisenbahn, auf der Fahr von Jeßnitz nach Dessau äußerten sich Arbeiter: »Es gibt keine Zündhölzer, da das Pulver für Munition der National-Armee gebraucht würde«.
Ebenso besteht ein Mangel an Glühbirnen in Karl-Marx-Stadt und Magdeburg. Dazu kommt noch, dass im Bezirk Karl-Marx-Stadt (Werdau) kein Packpapier zur Verfügung steht. Der Leiter der Fa. Fockendorf26 in Bitterfeld teilte mit, dass genügend Papier für das I. Quartal vorhanden sei, aber eine Freigabe noch nicht erfolgt ist.
Im Bezirk Suhl ist ein Engpass in der Versorgung mit Kindernährmitteln zu verzeichnen. Die Ursache dafür ist, dass einige Bezirke zu hoch vertraglich gebunden haben. aufgrund dieser Tatsache wurden einige Bezirke, u. a. auch der Bezirk Suhl, benachteiligt.
In der HO-Wismut-Annaberg befinden sich sechs Tonnen Hammel-Gefrierfleisch auf Lager, die nicht abgesetzt werden können, da die Bevölkerung kein Hammelfleisch verlangt.
In der Konsumgenossenschaft Bernburg wird die Jahresabschlussinventur durch erhöhten Wareneingang erschwert. Die Wareneingänge sind noch nicht abgeschlossen.
Ursache: Die Lieferbetriebe lieferten erst im IV. Quartal die meisten Waren. Der KGV hat einen Überplanbestand von 1½ Millionen DM (Hauptsächlich Textilien).
Landwirtschaft
Die Diskussionen über politische Tagesfragen haben sich gegenüber den Vortagen in Inhalt und Umfang nicht geändert.
In einer Belegschaftsversammlung der MTS Frankfurt/Oder, wo über politische Tagesfragen diskutiert wurde, brachte ein Traktorist zum Ausdruck: »Ich habe die Nase voll von der KVP, denn ich war 3½ Jahre dabei. Mich soll man damit zufriedenlassen.«
Nach dieser Diskussion schwiegen auch die anderen Kollegen, sodass die Versammlung abgebrochen werden musste.
In einigen LPG des Kreises Wittstock, [Bezirk] Potsdam, besteht Missstimmung, da sie ihre Arbeitseinheiten27 zu hoch festgesetzt hatten und jetzt der Lohn nicht ausgezahlt werden kann. So ist es z. B. in der LPG Klein Haßlow, wo einige Mitglieder erklärten, dass sie aus der LPG austreten wollen, wenn sie ihr Geld nicht erhalten.
Eine Unzufriedenheit besteht unter den Mitgliedern der LPG Strahlendorf [Kreis] Parchim, da ihnen die Investitionsmittel für den Bau eines Wirtschaftsgebäudes mit Kulturraum und Küche nicht genehmigt wurden. Vom Rat des Kreises warf ihnen versprochen worden, dass sie 1955 die Mittel für diesen Bau erhalten sollten.
Die LPG Böken, [Bezirk] Schwerin, wird in ihrer Entwicklung dadurch gehemmt, dass sie keinen Wohnraum zur Verfügung hat, um neue Mitglieder aufzunehmen. Die betriebseigenen Wohnungen sind alle von Familien belegt, die außerhalb der Ortschaft arbeiten. Außerdem wurde der LPG der Bau eines Kuhstalls im Jahre 1955 nicht genehmigt, da der Rat des Kreises keine Investitionsmittel zur Verfügung stellt.
Diese LPG besteht seit April 1954 und hat sich bereits gut entwickelt.
In der LPG Wedringen, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, besteht eine schlechte Arbeitsorganisation. So verrichten z. B. sämtliche Mitglieder ihre Arbeit nach eigenem Ermessen, weil kein Arbeitsplan vorhanden ist und die Arbeit nicht eingeteilt wird. Aus diesem Grunde haben einige LPG-Mitglieder die Absicht aus der LPG auszutreten.
In der Gemeinde Buchholz, [Bezirk] Frankfurt/Oder, besteht ein großer Mangel an Futtermitteln. Es müssen noch ca. 32 Tonnen Futtermittel an den ÖLB und die Bauern des Ortes aus dem Vorjahr geliefert werden. Der VEAB Fürstenwalde hat als Abschlag hierfür lediglich drei Tonnen Kleie zur Verfügung gestellt.
Im VEG Amalienruh [Kreis] Meiningen sind größere Mengen Futtermittel verdorben. Als Ursache wird mangelhafte Kontrolle durch den Betriebsleiter über die Arbeit im VEG angegeben.
In den ÖLB des MTS-Bereichs Erdeborn, [Kreis] Eisleben besteht ein großer Mangel Strohmangel. Ebenso ist es bei der genossenschaftlichen Schafhaltung der Großgemeinde Muschwitz, [Bezirk] Halle, wo für die Schafe kein Stroh vorhanden ist, sodass sie im Dreck stehen.
Auf dem Bahnhof Hagenwerder, [Kreis] Görlitz, [Bezirk] Dresden, lagert der VEAB Stroh, das von den Bauern dort abgeliefert wurde. Dieses Stroh liegt im Freien und ist dem Verderb ausgesetzt.
Die Hühnerpest hat sich im Bezirk Potsdam auf die Kreise Brandenburg und Belzig ausgedehnt. So sind z. B. in der LPG Niederwerbig, [Kreis] Belzig, von 147 Hühnern 100 verendet, die übrigen wurden notgeschlachtet.
Die Schweinepest ist in mehreren LPG im Kreis Freital aufgetreten.
Übrige Bevölkerung
Immer wieder wird in den Diskussionen über die gegenwärtige politische Lage zum Ausdruck gebracht, dass man die Pariser Verträge verurteilt, weil sie eine Kriegsgefahr in sich bergen und man auf keinen Fall will, dass es zu einem Krieg kommt. In diesem Zusammenhang diskutiert man über die Entwicklung in Westdeutschland und verurteilt die Politik der Adenauer-Clique28, da diese Politik den Frieden gefährdet.
Auch nimmt man zur Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte Stellung und erklärt, dass bei Ratifizierung der Pariser Verträge die DDR zu Schutzmaßnahmen greifen muss. Solche Äußerungen kommen aus allen Schichten der übrigen Bevölkerung.
Neben diesen Stellungnahmen zeigt sich aber immer wieder, dass von einem Teil eine ablehnende Haltung in dieser Frage eingenommen wird.
Vielfach sind es pazifistische Tendenzen und zum andern werden aber auch direkt feindliche Meinungen zum Ausdruck gebracht.
Folgendes Beispiel ist typisch für die Einstellung feindlicher Elemente.
Ein Omnibusfahrer aus Ziesar, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam: »Ich bin der Meinung, dass ich als ehemaliger Major der Luftwaffe nun sicher auch bald wieder Soldat werden kann. Ich hoffe stark, dass die Aufstellung unserer Armee nichts nützen wird. Am 17. Juni 53 konnten volle 15 Division nicht eingesetzt werden, weil sie sich weigerten, mit der Waffe gegen ihre Brüder vorzugehen.«
Wie bereits berichtet, werden verschiedentlich ablehnende Diskussionen über den Beschluss der Partei »Kader aufs Land«29 geführt, u. a. ist das beim Rat des Kreises Schmölln der Fall. Dort lehnt ein großer Teil der Genossen ab, aufs Land zu gehen.
Zum Beispiel sagte ein Genosse, dass er im Staatsapparat unabkömmlich sei und ein anderer lehnte es grundsätzlich ab, aufs Land zu gehen, »weil dort immer dieselben Gesichter zu sehen sind«.
Ein anderer Genosse erklärte, er sei in Gefangenschaft in England auf dem Lande tätig gewesen und habe das Land satt.
Außerdem gehe die Partei falsch an diese Frage heran. Man solle die Arbeiter aus der Produktion und nicht aus dem Staatsapparat dazu nehmen.
Bei den BGL-Wahlen treten vor allem Schwierigkeiten bei der Aufstellung von Kandidaten auf, da sich vielfach Mitglieder nicht in die BGL wählen lassen wollen.
Zum Beispiel klagte man in der Gewerkschaft Gesundheitswesen des Kreises Köthen, [Bezirk] Halle, darüber, dass sich die Mitglieder nicht in die BGL wählen lassen wollen und zum BGL-Vorsitzenden will man sich gleich gar nicht wählen lassen. In den Belegschaftsversammlungen, die die Gewerkschaft durchführt, ist zu verzeichnen, dass zu politischen Fragen niemand Stellung nimmt.
Beim Rat der Stadt Stolpen, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, sind noch keine Vorbereitungen zu den BGL-Wahlen getroffen worden. Der ehemalige BGL-Vorsitzende legte am 23.11.1954 seine Funktion nieder und seit dieser Zeit wird keinerlei BGL-Arbeit geleistet. Er lehnte eine erneute Kandidatur mit der Begründung ab, dass er als Haushaltssachbearbeiter und Standesbeamter überlastet sei.
Jugendweihe30
Die Aktivität der Kirche gegen die Jugendweihe hält weiterhin an. Zum Beispiel warnte der katholische Pfarrer aus Falkenberg, [Kreis] Herzberg, [Bezirk] Cottbus, in seiner Predigt die Eltern ihre Kinder nicht zur Jugendweihe zu schicken, weil sie sonst nicht zur Kommunion zugelassen würden.
Der gleiche Pfarrer verliest in Schlieben, [Kreis] Herzberg einen »Hirtenbrief«31 in dem es u. a. heißt: » … Wir sagen Nein zur Jugendweihe.«
Der evangelische Gemeindekirchrat in Falkenberg versandt Briefe an Lehrer und Eltern, in denen erklärt wird, dass diejenigen, die sich an der Jugendweihe beteiligen, nicht konfirmiert werden können.32 Weiter heißt es: »… Christen, die sich an der Jugendweihe beteiligen, schließen sich dadurch von selbst aus der Kirche aus.« Aufgrund dieser Briefe sind bereits gegebene Anmeldungen zur Jugendweihe zurückgezogen worden.
In der Gemeinde Mirow, [Kreis] Neustrelitz wurde von einem Pastor ein Umlaufschreiben gegen die Jugendweihe herausgegeben.33
In Müggeln, [Kreis] Oschatz/Leipzig, verteilte ein Pfarrer an Eltern, deren Kinder zur Schulentlassung kommen, Zettel mit der Aufforderung ihre Kinder nicht an der Jugendweihe teilnehmen zu lassen. Außerdem brachte dieser Pfarrer zum Ausdruck, dass sich die Kirche schon viel zu viel vom Staat hätte gefallen lassen und dass damit endlich Schluss gemacht werden müsste.
In Weißenberg, Kreis Bautzen/Dresden, verteilte die katholische Kirche an die zur Schulentlassung kommenden Caritaspakete, um sie zu beeinflussen, nicht an der Jugendweihe teilzunehmen.
Organisierte Feindtätigkeit
SPD-Ostbüro:34
- –
Neubrandenburg einige;
- –
Halle 2 180;
- –
Dresden 21;
- –
Potsdam einige.
NTS:35
- –
Karl-Marx-Stadt 100;
- –
Potsdam 205.
CDU-Ostbüro36:
- –
Potsdam ca. 1 000;
- –
Magdeburg 450.
»Tarantel«:37
- –
Potsdam 100.
unbekannter Herkunft:
- –
Potsdam 40 000.
Gefälschte Anweisungen
Im Bezirk Schwerin werden an Angestellte der HO gefälschte Anweisungen zur Reihenuntersuchung übersandt. Man beruft sich dabei auf eine angebliche Anordnung des Ministeriums für Gesundheitswesen vom 12.12.1954.
Der Werkdirektor des VEB Synthesewerk Schwarzheide, [Bezirk] Cottbus, erhielt eine fernmündliche Mitteilung – angeblich vom Werkleiter des Braunkohlenwerkes »Franz Mehring«38 – dass ab sofort auf telefonische Anweisung der Hauptverwaltung Kohle, die Produktion von Spezialbrikett für das Synthesewerk einzustellen. Eine derartige Anweisung wurde nach Rückfrage von der Hauptverwaltung Kohle nicht gegeben.
Antidemokratische Handlungen und Schmierereien
Am 8.1.1955 wurde auf der Herren-Toilette der DHZ Textil in Greifswald, [Bezirk] Rostock, folgende faschistische Losung angeschmiert: »Nationalsozialismus« und »Heil Hitler«.
Im VEB Maschinenbau Görlitz, [Bezirk] Dresden, wurden an Werkstücke Hakenkreuze angemalt und in einem Fall »Adenauer ist mein Freund« angeschmiert.
Im VEB Abus Sebnitz, [Bezirk] Dresden, wurde in der Toilette ein Zettel mit der Aufschrift:
»Russen raus – Amis rein« gezeichnet BGL – gefunden.
An der Wandzeitung der Berufsschule Elstra, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, wurde ein Stalinbild39 gewaltsam entfernt.
Vermutlich organsierte Feindtätigkeit
Am 12.1.1955, gegen 20.45 Uhr, wurde in der Kirche Merseburg-Neumarkt, Bezirk Halle, ein Einbruch verübt. Es wurden Gesangbücher und zwei Bibeln zerrissen, sowie in der Kapelle von einem Sarg der Deckel aufgebrochen. Am Tatort wurde ein Stück Papier gefunden, auf dem mit Blockschrift stand: »Hier hat die schwarze Hand gewütet.«
Einschätzung der Situation
Zum Kampf gegen die Kriegsverträge ergeben sich keine bemerkenswerten Veränderungen in der Stimmung.
Zu beachten ist die sich weiter verstärkende Propaganda reaktionärer Kirchenkreise gegen die Jugendweihe. Teilweise zeigt sich bereits, dass daraufhin Anmeldungen zur Jugendweihe unter dem Druck der Geistlichen zurückgezogen werden.
Die umfangreichen Entlassungen in der Industrie und im Handel führen im zunehmenden Masse zu Unzufriedenheit. Diese Maßnahmen werden häufig nicht verstanden, da z. B. im Handel vorwiegend Verkaufskräfte entlassen werden, und der große Verwaltungs-Apparat dagegen oft bestehen bleibt. Ähnliches wird auch in einigen Industrie-Betrieben kritisiert. Weiterhin ist die Unterbringung der freiwerdenden Arbeitskräfte in neuen Arbeitsstellen schlecht organisiert. Der Gegner benutzt die Tatsachen und Mängel zur Hetze. Wenn diese Maßnahmen nicht verbessert und vor allem mit gleichzeitig verstärkter Aufklärung verbunden werden, wird sich die Stimmung besonders der betroffenen Werktätigen, verschlechtern.
Anlage 1 vom 13. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2413
Stellungnahme des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamtes Sachsen zur Jugendweihe
Obengenannte kirchliche Institutionen zitiert in einer Stellungnahme – die für den innerkirchlichen Dienstgebrauch bestimmt ist – einen Artikel über die Jugendweihe,40 der »Sächsischen-Zeitung«41 vom 9.6.1953. Darin heißt es unter anderem, dass die Schulentlassungsfeier im Leben aller jungen Menschen einen Höhepunkt darstelle und dass »einen solchen Kraftquell weder Jugendweihen noch andere feierliche Veranstaltungen, die oft noch von manchen Eltern aus falschen traditionsgebundenen Vorstellungen als Abschluss der Grundschulzeit betrachtet werden, ersetzen können«.42
An anderer Stelle des Schreibens nimmt man u. a. Bezug auf die offizielle Erklärung des Zentralen Ausschusses der Jugendweihe und hebt vor allem den Satz hervor: »Die Konfirmation werde von der Jugendweihe nicht berührt«.
Mit folgendem versucht man das zu widerlegen:
- 1)
Die Jugendweihe 1955 wird an einem Aprilsonntag stattfinden, also im Konfirmationsmonat.
- 2)
Es geht ihr eine Vorbereitungszeit voraus, also eine Parallele zum Konfirmationsunterricht.
- 3)
Es soll den Teilnehmern bei diesem Akt eine Urkunde feierlich überreicht werden, also eine Imitation zur Konfirmationsschein.
- 4)
Die Jugendweihe soll ein Kraftquell für das Leben der Jugendlichen sein, also das, was der Konfirmationsunterricht erst recht für sich in Anspruch nimmt.
Des Weiteren heißt es:
»… Natürlich ist die Konfirmation etwas ganz anderes als die Jugendweihe, aber man muss schon sehr unbefangen sein, wenn man annehmen soll, es handele sich hier um einen zufälligen und unbeabsichtigten Parallelismus …«
Anlage 2 vom 13. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2413
Stimmung aus Westberlin
SPD-Parteitag43
In seinem Referat führte Suhr44 unter anderem aus, dass die Konzessionen gegenüber den Verhandlungspartnern notwendig und logisch waren und dass sie sich freundschaftlich ausgesprochen hätten. Nach diesen Worten entstand Unruhe unter den Delegierten.
In seinen weiteren Ausführungen erklärte er, dass der Landesausschuss angegriffen worden sei, weil die CDU Bau- und Wohnungswesen erhalten soll. Seiner Meinung nach wären Verkehr und Betriebe wichtiger als Bau- und Wohnungswesen.45 Die CDU stimme nur zu, wenn ihnen ein wirtschaftliches Amt zugestanden wird. Daraufhin erfolgte Gelächter und der Zwischenruf: »Gebt doch gleich alles hin!«
In der anschließenden Diskussion wurde u. a. von einem Mitglied erklärt:
»Selten ist ein Parteitag mit solchen Vorbelastungen zustande gekommen wie dieser. Diese Vorbelastung reicht bis in den Wahlkampf zurück und sie reicht hier bis zu Ollenhauer.46 Vorbelastungen, die heute der Parteitag zu erledigen haben wird.
Wenn wir 62 oder 63 Mandate gehabt hätten, wer hätte dann nach der SPD gefragt? Die politischen Seiltänzereien gehen in Bonn bis in den Parteivorstand. Die hier so oft erwähnten ›Silvester-Vereinbarungen‹ sehe ich als einen Silvester-Scherz an. Die SPD hat die absolute Mehrheit.47 Die CDU hat 44 Mandate. Wer will die SPD stürzen und auch mit einer Stimme. Die Versprechungen Adenauers gegenüber Suhr gehen dahin, der CDU eine günstige Koalitionsbasis zu schaffen. Man hätte die Partei vorher fragen müssen, ob überhaupt Verhandlungen geführt werden sollen.«
Ein anderer Delegierter äußerte: »… Die CDU rühmte sich im Wahlkampf, mit 24 % regiert zu haben. Sie sieht eine Schwäche in einer Stimme Mehrheit. Wir müssen Stärke beweisen. Ich habe einmal einen Ausspruch August Bebels48 gelesen und zwar: ›Wenn ich als Sozialdemokrat in ein Bündnis mit Bürgerliche eingehe so ist 1:1000 zu wetten, dass die Bürgerlichen die Gewinner sind‹.«49
Es ist eine Tatsache, dass unter der Bevölkerung große Unruhe herrscht, weil viele uns ihre Stimme gegeben haben, damit das geändert wird, was unter dem alten Senat bestand und jetzt weiter bleiben soll. Zum Beispiel das Volksbildungsamt in den Händen der CDU und noch dazu in Händen Tiburtius!50 Wir haben die Verpflichtung, die Erwartung der Wähler zu erfüllen.
Ergänzend dazu sagte ein anderer: »Die Forderung bezüglich des Volksbildungsamtes wird von mir unterstrichen. Die Lehrer und die Eltern betrachten es als enttäuschend, dass Tiburtius bleibt. Die Frage der Grundschule usw. wird bei dieser Besetzung keine Änderung erfahren. Eine Belastung des neuen Senates mit Tiburtius stärkt nicht das Vertrauen der Wähler.«51
Aus den Kreisen der CDU
Aus den Reihen der CDU wurde bekannt, dass nochmals eine Aussprache mit Lemmer52 geführt wurde, um ihn als den stellvertretenden Bürgermeister zu benennen, was er erneut ablehnte. Lemmer ist jetzt beim »Kurier«53 neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur auch noch Teilhaber geworden.
Trotzdem die CDU die Besetzung des stellvertretenden Bürgermeisters durch Schreiber54 abgelehnt hat, sind die amerikanischen Dienststellen daran interessiert, Schreiber in diese Funktion einzusetzen, da sie sich eine gute Zusammenarbeit zwischen Suhr und Schreiber versprechen.
Mitglieder der CDU im Bezirk Tempelhof äußerten, dass die SPD kein Anzeichen einer sozialistischen Partei mehr habe und sich vollkommen von den Amerikanern korrumpieren lassen. Die Haltung der SPD-Führung wird eine Opposition bei den Mitgliedern schaffen und diese Opposition wird nur für den Osten zum Nutzen sein.
In Unterhaltungen über die Bildung der Koalition wird die Meinung vertreten, dass die CDU noch mehr Forderungen hätte stellen können, die ihnen von der SPD auch gewährt worden wären, da diese Partei nicht in der Lage sei, die ganze Verantwortung zu übernehmen.
Anlage 3 vom 12. Januar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2413
Über Entlassungen in volkseigenen Betrieben
Oft werden uns jetzt Entlassungen von Kollegen aus den volkseigenen Betrieben bekannt.55 Als Gründe für die Entlassungen werden teilweise Änderung der Produktions- und Arbeitskräftepläne oder Einsparungsmaßnahmen zur Erhöhung der Rentabilität angegeben, letzteres trifft besonders für die Handelsorganisationen zu.
Der größte Prozentsatz der entlassenen Kollegen sind Arbeiter, weniger Angestellte. Bei der HO werden vorwiegend Verkaufskräfte entlassen, weniger Verwaltungsangestellte.
So wurde z. B. im VEB Werk für Fernmeldewesen Oberschöneweide-Berlin der Produktionsplan gegenüber 1954 um 25 % gekürzt, sodass die Beschäftigtenzahl auf Anweisung des Ministeriums für Maschinenbau von 8 000 auf 6 100 reduziert werden muss.
Über die Durchführung der erforderlichen Umbesetzungen bzw. Entlassungen herrscht zurzeit bei dem Arbeitsdirektor, Kaderleiter und Parteisekretär keine Klarheit. Diese vorgesehenen Maßnahmen sind der Belegschaft noch nicht bekannt geworden.
Der Arbeitskräfteplan für das Jahr 1955 im Kabelwerk Berlin-Köpenick sieht vor, dass insgesamt ca. 110 Beschäftigte entlassen werden müssen, davon 40 Angestellte und 70 Produktionsarbeiter. Weiterhin ist vorgesehen, die 23 Beschäftigten Westberliner nach und nach aus dem Werk zu entlassen. Mit fünf bis sechs Intelligenzlern aus Westberlin will die Betriebsleitung eine Rücksprache führen um sie zu veranlassen, in den demokratischen Sektor umzuziehen, anderenfalls sollen auch diese entlassen werden.
Im Kabelwerk Berlin-Oberschöneweide müssen aufgrund des Arbeitskräfteplanes für das Jahr 1955 300 Personen aus dem Betrieb entlassen werden. Von diesen 200 Personen sind ca. 40 bis 50 Westberliner zur Entlassung vorgesehen.
Im VEB Gespannfahrzeugbau Rathenow, [Bezirk] Potsdam, wurden aufgrund der Kürzung des Arbeitskräfteplanes 21 Kollegen gekündigt. Da zur gleichen Zeit eine Werbung für die VP in dem Betrieb durchgeführt wurde,56 diskutieren die Kollegen jetzt, dass die Entlassungen nur deshalb erfolgen, um Kräfte für die VP freizubekommen. Der Arbeitskräfteplan wurde aber gekürzt, weil der Produktionsplan wegen Engpässen in der Bereifungsfrage herabgesetzt werden musste. Die Kollegen können diese Maßnahme gerade im letzten Jahr des Fünfjahrplanes nicht verstehen.
Bei den durchgeführten Entlassungen in der Berliner Bauindustrie sind organisatorische und politische Fehler aufgetreten. Als großer Mangel zeigt sich, dass häufig die Abteilungsleiter nicht nach ihrer Meinung gefragt werden bei den Entlassungen. Negativ wirkt sich aus, dass teilweise mit den Kollegen die zur Entlassung vorgesehen waren, vonseiten der BPO und BGL nicht gesprochen worden ist und ihnen die Kündigungen ohne eine Erklärung ausgehändigt wurden.
Mit den zur Entlassung kommenden Kollegen im VEB Tiefbau Berlin wurde nur in den seltensten Fällen gesprochen. Sie erhielten durch die Kaderabteilung ohne eine Erklärung ihre Kündigungen ausgehändigt. Bei den Kollegen der verschiedenen Abteilungen des Betriebes, aus denen Kollegen entlassen worden sind, zeigt sich eine abwartende Haltung und es erweckt den Eindruck, dass diese mit den Kündigungen nicht einverstanden sind. Als Beispiel dafür wird angeführt, dass der Kaderinstrukteur, als er am 3.1.1955 durch die Abteilungen ging und den Kollegen ein gesundes neues Jahr wünschte, von ihnen schief angesehen wurde und keine Antwort erhielt.57
Teilweise wird die Meinung vertreten, dass die Entlassungen nur deshalb durchgeführt werden, um Kräfte für die KVP frei zu bekommen.
Ein Angestellter der HO-Industriewaren Berlin-Prenzlauer Berg, der am Randgebiet Berlins wohnhaft ist, brachte bei einer Aussprache mit einem zur Entlassung kommenden Kollegen seine Empörung über die Entlassung zum Ausdruck und führte an, dass noch gar keine Möglichkeit besteht, in seinem Kreis (Teltow) wieder Arbeit zu bekommen. Er war der Meinung, dass es in der DDR keine »Arbeitslosenunterstützung« gibt und ihm nur eine Möglichkeit bleibt, zur VP zu gehen, was ja mit der Entlassung auch erreicht werden soll.
Im RAW Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus, diskutierten die Kollegen, dass in Kürze auch in diesem Betrieb Entlassungen vorgenommen werden. Sie begründen es damit, dass Ende Januar 1955 in der DDR die ersten Rekruten eingezogen werden. Dieses Gerücht wurde von den Kollegen des Werkes damit begründet und bestätigt, dass im Waggonbau Niesky auch viele junge Kollegen entlassen würden und durch das Arbeitsamt keine andere Arbeit erhalten haben.
Nur vereinzelt wurden uns Beispiele bekannt, wo die Entlassungen Missstimmungen bzw. Empörung auslösten.
Im VEB Neunhofer-Konservenfabrik, [Kreis] Zossen, [Bezirk] Potsdam, wurden aufgrund des neuen Arbeitskräfteplanes des Betriebes zum 10.1.1955 60 Arbeiter und Arbeiterinnen gekündigt, mit der Begründung, sie seien Saisonarbeiter und im Plan 1955 sei für das erste Quartal nicht die derzeitige Menge Arbeitskräfte vorgesehen und deshalb würden auch keine Lohngelder von der Bank freigestellt werden.
Zu bemerken hierzu ist, dass die betroffenen Kollegen nicht als Saisonarbeiter eingestellt wurden und dass sich die Betriebsleitung im BKV verpflichtet hat, in den Wintermonaten keine Entlassungen vorzunehmen, dafür aber Produktionsräume zu schaffen, damit die Produktion von tischfertigen Konserven gesichert ist. Die Produktionsräume wurden zwar geschaffen, aber nun werden trotzdem Entlassungen durchgeführt. Die Kündigungen lösten bei sämtlichen Belegschaftsmitgliedern, auch bei denen, die nicht gekündigt wurden, eine Welle der Empörung aus.
Es war sogar soweit, dass sich einige Arbeiter beinah an dem Werkleiter vergriffen hätten. Ein Teil der Gekündigten hatten sofort am Kündigungstage (zwölf Tage vor der Entlassung) die Arbeit niedergelegt, andere nahmen sich frei, um sich andere Arbeit zu suchen. Die nichtgekündigten Kollegen sprechen davon, dass sie aus Protest ebenfalls ihre Kündigung einreichen wollen.
Einige Kollegen, die den neuen Arbeitskräfteplan nicht verstehen, diskutieren wie folgt: »Es wird genau wieder so werden, wie im vergangenen Jahr, dass der Betrieb wieder von Dorf zu Dorf fährt, um Arbeitskräfte für die Sommerarbeit zu werben. Im vergangenen Jahr sind dann kaum Arbeitskräfte gefunden worden und ob es in diesem Jahr besser wird ist zu bezweifeln«.
Die Angestellten des Phosphatwerkes58 Rüdersdorf, [Bezirk] Frankfurt/Oder, sind missgestimmt, da keine Geldmittel für die Lohnauszahlung der Angestellten vorhanden sind. Außerdem hat das Forschungslabor keine Aufträge mehr. Weiterhin ist eine gedrückte Stimmung wegen der vorgenommenen und in Aussicht gestellten Entlassungen zu verzeichnen. Diese Entlassungen erfolgen zum Teil mit der Begründung und dem Hinweis auf das 21. Plenum des ZK. Einer großen Anzahl der entlassenen Kollegen wurde noch nicht mitgeteilt, wo sie neue Arbeit aufnehmen können.