Zur Beurteilung der Situation in der DDR
20. Juli 1955
Informationsdienst Nr. 2468 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Die Viermächtekonferenz1 steht jetzt im Mittelpunkt des Interesses aller fortschrittlichen Arbeiter und Angestellten in den Industrie- und Verkehrsbetrieben. Sie alle erwarten, dass in Genf Beschlüsse gefasst werden, die uns der Einheit Deutschlands näher bringen. Vertrauensvoll wird dabei besonders auf die Delegation der SU geblickt, die durch die Tass-Erklärung2 erneut bewiesen hat, dass sie die Interessen des deutschen Volkes vertritt.
Es wird auch ganz besonders deshalb Hoffnung auf die Genfer Konferenz gesetzt, weil die SU in der letzten Zeit in der internationalen Politik so große Erfolge erzielt hat und sie auch jetzt alles daran setzen wird, eine Entspannung der internationalen Lage herbeizuführen.
Immer wieder wird in Kurzversammlungen, Resolutionen usw. gefordert, dass eine gesamtdeutsche Delegation vorgelassen und vor den vier Mächten die Forderungen des deutschen Volkes vortragen soll.
Neben den zahlreichen positiven Stellungnahmen zur Genfer Konferenz nimmt aber auch ein Teil Arbeiter, Intelligenzler und Angestellte eine abwartende oder gleichgültige Haltung ein. Das kommt zum Ausdruck, dass man sich zur Konferenz überhaupt nicht äußert oder den Erfolg dieser Konferenz bezweifelt. Besonders werden dabei die Möglichkeiten einer Wiedervereinigung angezweifelt, da keiner, weder die SU noch die Westmächte nachgeben würden. Ebenso wird auch gesagt, dass zwar die Regierungschefs eine Erklärung herausgegeben hätten, man nun aber abwarten müsste, ob etwas Positives herauskommt.
Es gibt auch eine ganze Reihe negativer Diskussionen, deren Inhalt sich besonders mit auf die Frage der Oder-Neiße-Grenze bezieht. Im Wesentlichen werden diese Diskussionen in den Kreisen ehemaliger Umsiedler3 geführt, wo oft zum Ausdruck gebracht wird, dass man von Genf eine Regelung der Oder-Neiße-Grenze erwartet, und dass sich die Westmächte, insbesondere auch Adenauer4 für diese Änderungen dieser Grenze einsetzen würden.
In einigen Fällen wird auch gesagt, dass diese Konferenz schon von vornherein scheitern muss, weil die Hauptfrage dort die Oder-Neiße-Grenze sein wird, worauf die SU niemals eingehen würde.
Vielfach wird auch gesagt, dass bei der Verhandlung nicht viel herauskommen würde, da dort nur große Essen usw. gegeben werden, und die Arbeiter nur das Nachsehen hätten, obwohl alles von ihrem Gelde ginge, oder dass immer vom Krieg geredet wird, den die USA vom Zaune brechen will, dass man sich aber auf der anderen Seite vollkommen einig sei, und nur die Arbeiter das Nachsehen hätten.
So sagte z. B. ein Arbeiter aus einem VEB in Pößneck: »Auf der Viererkonferenz wird nichts Gescheites herauskommen. Der Eisenhower5 hat ja gleich zum Essen eingeladen. Da wird erst einmal tüchtig gefressen. Die Arbeiter aber gucken in den Mond und dabei geht alles von ihrem Geld. Ich kann das nicht verstehen. Erst reden sie immer vom Krieg, den die USA vom Zaune brechen will, und auf der anderen Seite sind die Spitzen sich einig. Das Volk soll eben immer den Dummen machen.«
Ein Angestellter, parteilos, ebenfalls aus einem VEB Pößneck, [Bezirk] Gera: »Was soll denn schon in Genf herauskommen. Erst werden sie ein Festessen nach dem anderen steigen lassen, und dann werden sie diskutieren und sich streiten, wie es immer war. Das Volk allein kann also nicht über die Einheit Deutschlands bestimmen.«
Verschiedentlich wird auch mit einem baldigen Ende der DDR gedroht und gesagt, dass die hohen Herren bald den Koffer packen müssten, da unsere Wirtschaft ruiniert sei, und auf der Konferenz diesbezüglich bald eine Änderung erzielt würde.
Zum Beispiel sagte ein Arbeiter, parteilos, vom VEB Schlepperwerk Nordhausen: »Es ist hier bald alles vorüber. Die hohen Herren sollen sich bald nach einem anderen Quartier umsehen, denn in nächster Zeit wird sich etwas auf der Viererkonferenz ereignen. Wir sind doch wirtschaftlich ruiniert.«
In einigen Fällen wird geäußert, dass eine Einheit nicht zustande kommt, da die Kommunisten nichts zu melden hätten, dass eine freie Wahl nicht zu Gunsten der DDR ausfallen würde, und dass niemals zwei verschiedene Wirtschaftssysteme miteinander auskommen könnten.
Zum Beispiel sagte ein Mechaniker vom VEB Goldfischwerk Oberlungwitz,6 Kreis Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich zweifle noch an einer Einigung, denn wenn es zu freien Wahlen7 kommt, wird die SED doch nicht durchkommen, wie sollen denn zwei verschiedene Wirtschaftssysteme auch zusammen wirtschaften. Im Konkurrenzkampf sind die VE-Betriebe den kapitalistischen Betrieben in Westdeutschland unterlegen.«
Ein Arbeiter, beschäftigt im Eisenwerk Pfeilhammer, Kreis Schwarzenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Meine Meinung zur Genfer Konferenz ist, dass ein demokratisches geeintes Deutschland niemals zustande kommen wird, weil bei der Durchführung freier Wahlen die Kommunisten nichts zu bestellen haben.«
Neben den politischen Diskussionen werden von den Kollegen in den einzelnen Betrieben oft Diskussionen über betriebliche Fragen geführt wie Mängel in der Produktion, Planerfüllung, Betriebsstörungen, Produktionsausfall, Kohleversorgung, persönliche Belange, die unmittelbar mit betrieblichen Fragen zusammenhängen.
Im Tagebau des VEB Witznitz,8 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, bestehen Schwierigkeiten in der Sollerfüllung, da im Mittelraum nicht genügend Kohle freigelegt wird. Die Ursachen liegen angeblich an geologischen Schwierigkeiten und der schlechten Gleisanlage. Die Arbeiter bringen zum Ausdruck, dass die Abnahmegeräte viel zu klein sind und die Züge deshalb immer warten müssen.
Durch die Stromschwankungen muss des Öfteren der Bagger 105 außer Betrieb genommen werden. Die Lokführer befürchten, dass durch die schlechten Gleisanlagen oft die Züge ohne ihr Verschulden entgleisen.
Unter den Arbeitern der VE Ziegelei Borgstedt,9 Kreis Sangerhausen, [Bezirk] Halle, herrscht unter den Arbeitern eine schlechte Stimmung, weil sie durch die im Betrieb vorhandenen alten Maschinen in Planrückstand gekommen sind. Bei Ausfall einer Maschine kommen die Arbeiter nicht auf ihren Leistungslohn und haben deshalb im Monat einen Ausfall von DM 50,00 bis 60,00.
Im VEB RFT Bautzen, [Bezirk] Dresden, werden zurzeit 250 Arbeiter entlassen, da der Betrieb eine neue Aufstellung des Lohnfonds erhalten hatte. Deshalb werden dort alle Arbeiter mit hohen Gehaltsstufen entlassen und die Arbeiter mit niedrigen Lohnstufen verbleiben im Betrieb.
Dazu sagte z. B. eine Arbeiterin, parteilos: »Wenn es überall mit dem Fünf-Jahresplan so aussieht wie bei uns, dann möchte ich wissen, wie und wann wir den Lebensstandard von 1936 erreichen werden.«10
Ein anderer Arbeiter sagte: »Man will aus uns Arbeiter machen, der für billiges Geld alle Arbeiten durchführt.«
Im Dimitroff-Werk Magdeburg11 ist die Stimmung aufgrund der mangelhaften Auslastung der Kollegen vor allem in den Gießereibetrieben nicht gut. Es fehlt eine geregelte Auftragserteilung. Dadurch macht sich ein Nachlassen der Arbeitsdisziplin bemerkbar. Es ist vorgekommen, dass in letzter Zeit die Spätschicht bereits um 21.00 Uhr in der Dreherei nicht mehr gearbeitet hat.
Die geleistete Arbeit an den Sonntagen ist mit der Bezahlung in keinen Einklang zu bringen.
Die Dreher des ET-Werkes Magdeburg12 beklagen sich über den schlechten Zustand der Bohrwerke. Die Maschinen werden durch die einzelnen Arbeiten, die daran verrichtet werden müssen (Bohren, Fräsen, Schlichten, usw.), stark beansprucht. In anderen Werken sind für diese Arbeiten andere Maschinen aufgestellt. Dadurch beschleunigt sich der Verschließ der Führungsbuchsen sowie der Bohrspindel.
Zurzeit können die Bohrwerke nicht überholt werden, da diese Reparaturen finanzmäßig nicht eingeplant sind.
Im ET-Werk besitzt jede Brigade seit einiger Zeit ein besonderes Konto, wonach sie in einem bestimmten Zeitraum eine begrenzte Summe abheben darf. Der dabei übrig gebliebene Betrag kann an die Mitglieder der Brigade nach einer bestimmten Zeit ausgezahlt werden. Das wirkt sich jedoch in Einzelfällen so aus, dass am verkehrten Ende gespart wird. So z. B. in der Werkzeugausgabe: Bei einer Anforderung eines Betriebes oder einer Brigade von zwei kg Putzwolle wird z. B. ca. 40 % weniger ausgegeben.
So erscheinen dann das erhaltene Material – zwei kg Putzwolle – als Belastung auf dem Konto der Brigade, die dies angefordert hat. 40 % davon hat dann trotzdem die Materialausgabe gut. Dies erscheint zum Kontenabschluss auf dieser Karte als Materialeinsparung.
Über die Handlungsweise sind die Kollegen unzufrieden, und einige erklären, dass man die Brigadekonten wieder abschaffen sollte, da sie nur Streit unter den Kollegen bringen.
Daneben werden aber auch in verschiedenen Betrieben Lohn- und Normfragen diskutiert, und es wird dabei zum Ausdruck gebracht, dass die Arbeiter mit den Neufestsetzungen der Normen und der Lohnzahlung nicht einverstanden sind.
So fordern z. B. einige Gepäckarbeiter in der Fahrkarten- und Gepäckabfertigung Leipzig/Hauptbahnhof den Grundlohn von DM 1,19 auf 1,36 zu erhöhen, da ihr jetziger Grundlohn bei den jetzigen Preisen zu niedrig ist.
Im VEB (K) Bau Dessau, [Bezirk] Halle, diskutierten die Arbeiter über Niederlegung ihrer Arbeit, weil sie zu wenig verdienen. Einige Kollegen sind der Meinung, dass sie vom Betrieb aus belogen würden.
Im VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm-Pieck« Rudolstadt, [Bezirk] Gera, diskutieren die Arbeiter nur über die Lohnfragen und erklären, dass ihr Lohn zu niedrig sei.
Ähnlich sieht es bei den Normfragen aus. Die Arbeiter bringen im Wesentlichen zum Ausdruck, dass sie mit der Neufestsetzung der Normen13 nicht einverstanden sind und eine Neufestsetzung ablehnen.
Dazu diskutierte so z. B. ein Patronenpresser bei der Neufestsetzung von TAN14 für die Patronenpresse im VEB Porzellanwerk Brattendorf, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl: »In Westdeutschland streikt man wegen drei Pfennigen. Hier zieht man uns pro 1 000 Stück DM 0,50 ab. Wir wollen ja mithelfen, dass es vorwärts geht, aber so nicht. Man zieht aus uns heraus, was nur geht. Ich werde mich hüten, wieder einmal einen Verbesserungsvorschlag zu machen bzw. mein Höchstes herzugeben. Man sieht ja was dabei herauskommt.«
In dieser Berichtsperiode wird aus folgenden Betrieben Materialmangel berichtet:
Im Kaltwalzwerk Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, fehlt Bandmaterial, das vom Kaltwalzwerk zum Walzwerk in Hettstedt zur Veredelung geschickt wird. Das Walzwerk Hettstedt liefert nicht direkt an den Betrieb zurück, sondern über einen Betrieb in Erfurt, wodurch das Material sehr lange liegt.
Im VEB Kraftverkehr Einsatzstelle Vacha, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl (Reifenmangel, durch den ein großer Teil der Omnibusse nicht eingesetzt werden können).
Im Press- und Schmiedewerk Wismar, [Bezirk] Rostock (Mangel an gezogenen Rundstahl).
Im VEB Tischfabrik Großröhrsdorf, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden (Mangel an Schleifmitteln. Wenn keine Änderung erfolgt ist die Produktion in der nächsten Woche infrage gestellt.)
Im VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin (Mangel an Stabstahl 15 mm).
Im Schacht 1 Johann-Georgenstadt (Mangel an Gestänge).
Produktionsstörungen
In der letzten Zeit wurden durch Blitzeinschläge und durch die anhaltenden Regenfälle in einigen Betrieben Produktionsstörungen hervorgerufen. Wie z. B. in Zeche 5 des Wismut-Objektes15 101 Zwickau, die stillgelegt werden musste, im Kraftwerk Harbke, Magdeburg, wodurch die Regenfälle zwei Turbinen ausfielen, usw.
Am 14.7.1955, gegen 1.20 Uhr, ereignete sich auf der Kohlenfernbahnstrecke BKW »Franz Mehring« und dem BKW »Josef Briewig«16 Kreis Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, ein Zusammenstoß.
Durch das Verschulden einer Weichenstellerin fuhr der Leerzug mit der E-Lok 2/16 auf den vor ihm fahrenden Leerzug mit der E-Lok 26 in voller Fahrt auf. Die E-Lok 2/16 und der letzte Wagen des Leerzuges 26 wurden stark beschädigt. Produktionsausfall: ca. 550 t. Sachschaden ca. DM 30 000.
Am 14.7.1955, gegen 15.45 Uhr, entgleiste an der Kurve kurz vor der Grubenböschung der Grube Skadow, [Bezirk] Cottbus, ein Abraumvollzug. Der Abraumvollzug hatte an der Überschneidung-Skadow eine überhöhte Geschwindigkeit. Vor dem Bahnhof der Grube setzte der Spitzenwagen aus, wobei gleichzeitig die fünf weiteren Wagen aussetzten.
Nach Angaben des E-Lokführers hatte er versucht, auf der ganzen Strecke durch Bremsen den Zug zum Stehen zu bringen, was aber infolge der Feuchtigkeit der Schienen und trotz der Gegenschaltung der Motoren nicht gelang. Schaden ca. DM 20 000.
Der gesamte Zugbetrieb von und zur Grube Skadow steht bis zur Freilegung der Gleise still.
Im VEB Großzössen,17 [Bezirk] Leipzig, musste durch schlechte Gleisanlage der Bagger 105 vom 13. bis 14.7.1955 außer Betrieb genommen werden. Produktionsausfall: 1 400 t Kohle und 1 500 qm Abraum, Schaden insgesamt: DM 4 480.
Im gleichen Betrieb musste am 15.7.1955 der Bagger 450 außer Betrieb genommen werden (Auslaufen eines Lagers an der Seiltrommel). Schaden: 1 500 t Kohle = DM 4 455.
Am 14.7.1955 entstand durch Fahrlässigkeit eines E-Lokführers im Tagebau des VEB Kombinat »Otto Grotewohl« Böhlen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, ein Zusammenstoß einer E-Lok mit einem Vollzug. Schaden ca. DM 50 000.
Am 18.7.1955 stieß im Tagebau Birkau des VEB Deuben,18 [Kreis] Hohenmölsen, [Bezirk] Halle, ein Leerzug auf einen Vollzug.
Ursache: Versehen des Stellwerkers. Zwei Wagen wurden total beschädigt, während die anderen mittleren oder geringeren Sachschaden erlitten.
In der Zeit vom 16. zum 17.7.1955 war im VEB Zipsendorf,19 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, der Lübecker Kohlenbagger wegen einer Stromstörung außer Betrieb. Produktionsausfall: 2 400 t Rohkohle = DM 7 608.
Am 15.7.1955 war im VEB Witznitz, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig – Tagebau – der Bagger 105 außer Betrieb. Ursache: Infolge schlechter Gleisanlage kippte ein Abraumwagen um, und ein weiterer entgleiste und versperrte die Zufuhr zum Bagger. Produktionsausfall: 5 000 qm Abraum und 1 800 t Rohkohle = DM 7 700.
Am 15.7.1955 war der Tagebau des VEB Thräna,20 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, teilweise ohne Strom, da in Deutzen21 die Turbine 2, die den Tagebau versorgt, repariert wurde. Produktionsausfall: 9 000 qm Abraum = DM 9 000.
Am 16.7.1955 entstand im Tagebau des Kombinates Böhlen, [Kreis] Borna, durch Bruch zweier Druckschienen und Kettenriss am Bagger 5 ein Produktionsausfall von 7 800 qm Abraum.
Im VEB Gummiwerk Ballenstedt, Kreis Quedlinburg, [Bezirk] Halle, brach im Streichraum, wo Benzingummilösung lagert, durch Verpuffung ein Brand aus, der nach 30 Minuten gelöscht werden konnte. Sachschaden: ca. DM 5 000 bis 6 000.
Am 16.7.1955 wurden im Karl-Liebknecht-Werk in Oelsnitz,22 Kreis Stollberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, zwei Kohlenhunte23 mit folgenden Hetzlosungen beschmiert: 1. Hunt: »Antreiber SED, Lohnabbau, Ausbeutersystem, pfui.«, 2. Hunt: »War an der Seitenwand mit einem Hausgiebel bemalt und trug die Jahreszahl 1956, und mit einem Hakenkreuz.« Täter unbekannt.
In der letzten Woche wurden an verschiedene Funktionäre des ET-Werkes Magdeburg Hetzschriften mit Schreibmaschine geschrieben versandt. Inhalt: Hetze gegen die DDR und SU. Unterschrift »Widerstandsgruppe24 des Thälmann-Werkes«.
Das Gleiche wurde aus dem Karl-Liebknecht-Werk25 gemeldet, mit der Unterschrift »Widerstandsgruppe des Liebknechtwerkes«.
Sämtliche Schreiben haben den gleichen Wortlaut, nur eine andere Unterschrift. Poststempel Magdeburg, zum Teil Potsdam.
Am 15.7.1955 wurde die FDJ-Wandzeitung der Abt. Geschirrgießerei im VEB Steingutwerk Torgau verunstaltet. Es wurde ein ca. 3 cm großer Totenkopf angeklebt.
In der Nacht vom 13. zum 14.7.1955 wurde an das Tor der Abt. M des VEB Leipziger Eisen- und Stahlwerkes an beiden Flügeln ein Hakenkreuz ca. 40 cm groß mit Kreise angeschmiert.
Dieselbe Schmiererei wurde auch im Gang zum Vorrichtungsbau dieser Abteilung festgestellt.
Im VEB Federnwerk Zittau, [Bezirk] Dresden, wurde am 14.7.1955 ein Hakenkreuz an einer Bekanntmachungstafel angeschmiert.
Am 13.7.1955, gegen 18.35 Uhr, wurde im VEB Lederwerk Weida, [Bezirk] Gera, festgestellt, dass an einem Fettbehälter der Hahn offenstand und das darin befindliche Fett ausgelaufen war. Schaden: 3 t Fett, ca. DM 1 000.
Im Schacht 66 Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sind am 14.7.1955 zwei Ventilatoren in Stärke von 15 000 und 10 000 ausgefallen.
Ursache: Die vier Schrauben des Lagers, auf den der Ventilatorenflügel ruht, wurden von unbekannten Tätern gelöst.
Versorgung der Bevölkerung
Die Lage in der Versorgung hat sich in den letzten Tagen nicht wesentlich verändert. Es besteht weiterhin ein Mangel an Kartoffeln, billigen Zigaretten, Nährmitteln, Marmelade und Rindfleisch.
In den Bezirken Leipzig und Halle bestehen Schwierigkeiten in der Beschaffung von Kühlmasse (Chlormethyl) für die Kühlschränke in der HO- und Konsum-Verkaufsstellen.26 Diese Kühlmasse für die Kühlschränke wird im Buna-Werk Schkopau hergestellt.
Das Buna-Werk kann mit der vorhandenen Kapazität den Bedarf nicht decken.
Durch das Nichtvorhandensein von Kühlmaterial in der jetzigen Hitzeperiode droht Lebensmittelverderb. Zum Beispiel sind die Kühlschränke in 14 Verkaufsstellen des Konsums, und einigen HO-Verkaufsstellen im Kreis Grimma, [Bezirk] Leipzig, seit Wochen wegen Mangel an Kühlmasse außer Betrieb.
Die Diskussionen über die Versorgung sind in der Mehrheit immer noch negativ, weil örtlich immer wieder neue Mängel auftreten. Es wird diskutiert, dass unsere Regierung ihr Versprechen in Bezug auf die Erhöhung des Lebensstandards nicht eingehalten hat, denn wir wären ja fast am Ende des Fünf-Jahresplanes.27 In diesem Zusammenhang werden immer wieder Vergleiche mit Westdeutschland angestellt und gesagt, dass man in Westdeutschland billiger lebt.
Vereinzelt wird von feindlichen Elementen zum Ausdruck gebracht, dass die Oder-Neiße-Grenze schuld daran sei, dass es so wenig Kartoffeln gibt, denn die Ostgebiete würden uns fehlen.
Zum Beispiel erklärte eine Hausfrau aus Rostock: »Es ist kein Wunder, wenn unsere Kartoffeln und überhaupt die Ernährung nicht ausreicht, denn unsere besten Gebiete, wie Schlesien, Ost- und Westpreußen sowie Pommern, hat man uns ja gestohlen.«
Im VEB BMW Eisenach wird sehr stark über die Gemüse-Versorgung und die Preise des Gemüses diskutiert. Man ist allgemein der Ansicht, dass die Preise entsprechend den Lohnverhältnissen zu hoch seien.
Hierzu sagte der Kollege [Name], parteilos: »Es ist eine Gemeinheit, dass man den werktätigen Menschen so teures Zeug anbietet, wir arbeiten und schuften und statt es billiger wird, werden die Waren immer teurer. Je mehr wir arbeiten, umso teurer wird die Ware.«
Die Stanzerin aus dem gleichen Betrieb, Mitglied der SED, äußerte: »Ich bin der Meinung, dass das Gemüse viel zu teuer ist. Man könnte sich das eigentlich gar nicht leisten. Ich möchte nur wissen, wie es die Leute machen, die ein paar Kinder haben, wenn wir es schon kaum kaufen können. Da können sich doch kinderreiche Familien dieses Gemüse überhaupt nicht leisten.«
Von der Bevölkerung des Bezirkes Dresden wird zurzeit in den Geschäften die Tafelbutter beanstandet, da diese stark mit Maden und Stockflecken behaftet ist.
Der Milchhof Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, musste ca. 400 kg Butter aus verschiedenen Geschäften wieder zurücknehmen, da die Oberfläche dieser Butter modrige Flächen aufwies und deshalb von den Verkaufsstellen beanstandet wurde.
Die Ursache des Verderbens der Butter steht noch nicht fest.
In dem VEAB28 Magdeburg-Wolmirstedt bestehen Absatzschwierigkeiten für Obst und Gemüse.
Die VEAB ist verpflichtet, die Ware bei den Bauern zu erfassen und abzunehmen. Der kommunale Großhandel, der die Bevölkerung mit einwandfreien Waren versorgen soll, lehnt die angebotenen Waren der VEAB ab, weil die Ware nicht den Qualitätsbestimmungen entspricht. Es handelt sich hierbei um Kirschen, die infolge des Regens geplatzt waren.
Nach einigen Tagen wurden die Kirschen an die Schweinemästerei zur Verfütterung geliefert. Ähnlich ist es mit einigen Tausend Köpfen Salat und Blumenkohl erfolgt.
Die VEAB hat diese Angelegenheit der staatlichen Kontrolle übertragen.
Von ca. 50 Kollegen der Schweinemästerei in Magdeburg wird diskutiert, dass es unverantwortlich ist, dieses Obst der Bevölkerung zu entziehen, sondern man sollte die Ware zu herabgesetzten Preisen verkaufen.
Die Lage in der Landwirtschaft
Unter der Landbevölkerung wird zurzeit immer noch verhältnismäßig wenig über die politischen Probleme diskutiert. Das größte Interesse nimmt die Vorbereitung und Durchführung der Ernte ein.
Meistens wird über die Genfer Konferenz positiv diskutiert und zum Ausdruck gebracht, dass sie Beschlüsse erwarten, die uns der Einheit Deutschlands näherbringen und den Frieden erhalten. Es wird weiterhin erklärt, dass sich die SU auch auf dieser Konferenz genau wie bisher für die Einigung Deutschlands einsetzen wird.
Es gibt auch einige pessimistische Stimmen, die von der Genfer Konferenz keinen Erfolg erhoffen, weil angeblich schon viele Konferenzen stattgefunden haben und doch nichts erreicht wurde.
Negative Diskussionen gibt es in den letzten Tagen nur sehr wenige. Von feindlichen Elementen, hauptsächlich von Großbauern,29 wird im Zusammenhang mit der Konferenz in Genf gegen die DDR gehetzt.
Zum Beispiel wird das Argument verbreitet, dass nach der Konferenz freie Wahlen durchgeführt und die Arbeiter-und-Bauern-Macht beseitigt würde. Auch würde dann in der DDR, genau wie in Westdeutschland, die sogenannte freie Wirtschaft eingeführt.
Zum Beispiel erklärte ein Mittelbauer aus Rietzmeck,30 [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle: »Ja, die Einheit Deutschlands wäre schon wünschenswert, aber nicht nach dem russischen System. Mit ihrem Soll, ihren Normen, der Enteignung, damit sollen sie uns fernbleiben. In ganz Deutschland ist die Mehrzahl der Bauern für freie Marktwirtschaft.«
Von Großbauern wird in den Gemeinden Pötzschau und Mölbis, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, erwartet, dass freie Wahlen für ganz Deutschland beschlossen werden, wobei die sogenannte »freie Wirtschaft« auch auf dem Gebiet der DDR eingeführt wird und damit die Arbeiter-und-Bauern-Macht beseitigt wird.
Bei den Erntevorbereitungen, Aufstellung der Druschpläne usw. und auch bei der Hackfruchtpflege macht sich ein Mangel an Arbeitskräften bemerkbar. Dadurch wird hervorgerufen, dass einzelne Genossenschaftsbauern aus den LPG austreten wollen, weil sie die großen Flächen mit den wenigen Arbeitskräften nicht bearbeitet können.
Die Genossenschaftsbauern fragen sich, warum in diesem Jahr nicht auch Arbeitseinsätze von den volkseigenen Betrieben durchgeführt werden, denn diese Einsätze haben immer ein ganzes Stück vorwärts geholfen.
Zum Beispiel wollen einige LPG-Bauern von den LPG Neuensien und Garftitz, [Kreis] Puttbus, [Bezirk] Rostock, aus den LPG austreten, weil sie nicht in der Lage sind, die anfallenden Arbeiten zu bewältigen.
Durch Arbeitskräftemangel sind in der LPG Meuserlengefeld, [Kreis] Sangerhausen, [Bezirk] Halle, ca. zehn ha Kartoffeln völlig vom Unkraut überwuchert. Diese Kartoffeln sind noch nicht einmal gehackt. Weiterhin liegen noch 2,5 ha Mais und 1,25 ha Rüben völlig im Unkraut.
Die LPG Haßlau, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, muss mit 15 Genossenschaftsbauern 155 ha Land bearbeitet.
Bei der Vorbereitung der Ernte macht sich verstärkt ein Mangel an Ersatzteilen bemerkbar.
Aus nachstehenden landwirtschaftlichen Betrieben wird z. B. über Ersatzteilmangel berichtet:
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MTS Milow, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam (zwei Binderdecken für Transportrad, eine Achse für Picko-Presse, vier Satz Decken 5 × 16);
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MTS Schweinsburg, [Kreis] Werdau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (zwei Satz Reifen für »Pionier«31 und ein Satz Reifen für »Aktivist«);32
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MTS Schmölln, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden (eine Rechenwelle für Strohpressen, für KD 35,33 Sackhebergetriebe);
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MTS Zwethau, [Kreis] Torgau, [Bezirk] Leipzig (Zapfwellenanschlüsse und Gitterräder für Mähdrescher);
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MTS Grimma, [Bezirk] Leipzig (Maschinen- und Schlossschrauben und die dazugehörigen Muttern und Federringe in den Abmessungen 8–16 mm);
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MTS Zauchwitz, [Bezirk] Potsdam (Zylinderköpfe, RS 3034 und Einspritzpumpen für »Pionier«).
In den Kreisen Saalfeld, [Bezirk] Gera, Neuhaus, Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, und Zittau, [Bezirk] Dresden, sind die Bauern über die Wildschweinplage verärgert. Sie sind der Meinung, dass durch den Einsatz von Kommandos der VP35 die Wildschweinplage hätte beseitigt werden können.
Viele Bauern erklären, man sollte ihnen Waffen geben, dann würde die Wildschweinplage ganz bestimmt beseitigt werden.
Zum Beispiel werden in den Rhön-Gemeinden des Kreises Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, von den werktätigen Bauern Diskussionen darüber geführt, dass sie ihrer Ablieferungspflicht nicht nachkommen können, da die Wildschweine ihre Felder zerwühlen. Obwohl schon mehrere Male das Jagdkommando angefordert wurde, ist es nicht erschienen. Die Bauern sagen, man könnte von keiner guten Verbindung zwischen der VP und den werktätigen Bauern sprechen.
In den MTS-Bereichen des Kreisgebietes Zeitz, [Bezirk] Halle, ist zu verzeichnen, dass das drei-faserige Bindegarn, das vom VEB »Thüringer-Jutewerk« Weida stammt, eine sehr schlechte Qualität hat. So kommt es vor, dass beim Binden ca. 70 % der Garben nicht gebunden sind, weil das Garn reißt.
Am 14.7.1955 wurde in der LPG »1. Mai« in Groß Fredenwalde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, die Arbeit niedergelegt, weil bei der Gründung der LPG den Mitgliedern versprochen wurde, dass sie je Arbeitseinheit36 DM 8,00 erhalten. Im Monat Juli wird die Arbeitseinheit vom Rat des Kreises auf DM 4,00 herabgesetzt. Daraufhin erfolgte die Arbeitsniederlegung. Am 15.7.1955 wurde die Arbeit wieder aufgenommen.
In der LPG Sachsendorf, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, sind seit dem 14.7.1955 26 Milchkühe erkrankt.
Durch den zuständigen Tierarzt wurden bei der Untersuchung Vergiftungserscheinungen festgestellt.
In den VEG Amalienruh und Welcheshausen, [Kreis] Meiningen, [Bezirk] Suhl, wurde beim Anhäufeln der Kartoffeln festgestellt, dass sämtliche Vermehrungsschläge mit den Viruskrankheiten Schwarzbeinigkeit37 und Mosaikkrankheit38 befallen sind. Das Pflanzgut wurde von Groß Lüsewitz, [Bezirk] Rostock, über die BHG Petkus geliefert. Der Schaden beläuft sich auf beiden Gütern auf je 10 000 DM.
Außerdem wurde im VEB Amalienruh auf der veranlagten 8,3 ha großen Fläche Sommergerste als Saatgut festgestellt, dass auf einem Quadratmeter fünf bis sechs Brandähren39 vorhanden sind. Damit wird die Gerste als Saatgut nicht anerkannt. Der Schaden beträgt DM 5 000.
Einschätzung der Situation
Das Interesse an der Genfer Konferenz hat in den letzten Tagen weiter zugenommen. Die Meinungen sind überwiegend positiv, man erhofft gute Ergebnisse in der Deutschlandfrage und zur Entspannung der internationalen Lage.
Dabei zeigt sich großes Vertrauen zur Politik der Sowjetunion.
Die Anteilnahme entspricht aber ihrem Umfang nach noch nicht der Bedeutung dieser Konferenz.
Ein ganzer Teil zweifelt auch von vornherein an positiven Ergebnissen der Konferenz. Feindliche Argumente werden im kleinen Umfang festgestellt, daran sind Umsiedler am stärksten beteiligt.
Anlage 1 vom 20. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2468
Auswertung der Westsendungen und Westzeitungen
In zahlreichen Kommentaren des »Senders Freies Berlin«40 hetzt man gegen die Stellungnahme Bulganins41 auf der Genfer Konferenz,42 mit dem Ziel die Bevölkerung zu beeinflussen, dass falls in der deutschen Frage keine Einigung erzielt würde, die Sowjetunion einzig und allein die Schuld trage, da die Sowjetunion angeblich auf der Genfer Konferenz die Meinung vertrete, »die Zeit sei noch nicht reif für die Wiedervereinigung Deutschlands«. Dazu schreibt z. B. die Nachtdepesche43 Folgendes: – Genfer Konferenz noch bis Sonnabend – »Die Genfer Viermächtekonferenz steht heute an ihrem dritten Tage bereits in ihrer Krise. Der sowjetische Ministerpräsident Bulganin hat es gestern in einer ›wohlüberlegten Erklärung‹ abgelehnt, in Genf über die Wiedervereinigung Deutschlands zu verhandeln.«
Weiter hetzt man gegen den Vorschlag des Systems der kollektiven Sicherheit von N. A. Bulganin, der vorsieht, dies in zwei aufeinanderfolgenden Etappen zu verwirklichen.44 Wörtlich heißt es dazu wie folgt: »… wenn ich Herrn Bulganin richtig verstanden habe, in zwei Schritten. Der erste würde die gegenwärtige Situation einfrieren. Die Zonengrenze bei Helmstedt und das Zuchthaus von Bautzen und die Herrschaft der Kommunistischen Partei in Sachsen und natürlich auch das kasernierte Polizeiheer in Mitteldeutschland. Und das alles würde bleiben, und darüber hinaus müssten die beteiligten Mächte versprechen, ihre Truppen nicht zu vermehren, bis zu dem Augenblick, wo sie, und das ist nun der 2. Schritt, einen Vertrag abgeschlossen haben, indem sie sich verpflichten, die Atomwaffen nicht zu benutzen … und die Rüstung einzuschränken.«
RIAS45 nimmt die Veröffentlichung im »Neuen Deutschland«, wo über die KVP-Werbung geschrieben46 wurde, zum Anlass, um im verstärkten Maße gegen die KVP-Werbung zu hetzen.
In diesen Sendungen konzentriert sich RIAS mit seiner Hetze hauptsächlich auf die Oberschulen, und versucht, die Jugendlichen gegen das Lehrerkollektiv und die Regierung der DDR zu beeinflussen, indem er anführt, »dass sich die Jugendlichen erst dann zur KVP meldeten, als sie erfuhren, dass ihre Prüfungsarbeiten schlecht aussahen.«
Weiter hetzt RIAS in der Form, indem er noch anführt, dass »die Söhne von Funktionären und von sogenannten Staatsangestellten« nur deshalb zur KVP gehen würden, weil sie dort ein »sicheres Betätigungsfeld mit guter Bezahlung« erhalten würden.
In den Westberliner Zeitungen »Der Tag«47, »Der Telegraf«48 und »Der Tagesspiegel« wird eingehend über das Grubenunglück in Niederschlema49 geschrieben. Dabei versuchen diese Zeitungen, das Vertrauen der Bevölkerung zu unserer Regierung und unserer demokratischen Presse zu untergraben, in dem sie die Berichte maßlos übertreiben. So heißt es u. a. in der Westberliner Zeitung »Der Tag«:
»Wie Augenzeugen berichten, wurde das Unglück durch ein wegen Überlastung in Brand geratenes Hochspannungskabel verursacht. Ein Lager, indem beträchtliche Mengen Sprengstoff lagerten, fing Feuer. Bei der anschließenden Explosion wurden etwa 400 Bergleute zum Teil verschüttet und von Gasen vergiftet. Die Zahl der Toten soll höher liegen als die von sowjetischer Seite gemeldet sind. Es seien noch 30 Bergleute vermisst.«
Weiter ist in diesen Zeitungen noch davon die Rede, dass angeblich äußerst »mangelhafte elektrische Anlagen im Uranbergbau« seien, die schon öfters zu Unfällen geführt hätten, die jedoch »von den Sowjetzonen-Behörden« immer verschwiegen worden seien.
Anlage 2 vom 19. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2468
Stimmen zum Grubenunglück in Oberschlema
Von Aue wird berichtet, dass im Allgemeinen über die Brandursache im Schacht 250 von den Kumpels und auch von der Bevölkerung so diskutiert wird, dass es sich um einen Sabotageakt handelt, und dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden müssen.
Vereinzelt wird auch die Meinung vertreten, dass das Unglück durch die Überlastung des Kabels entstanden ist.
So ist das z. B. die Meinung der Kumpel vom Schacht 6b und 4 Oberschlema. Sie sagen, dass hier ein Sabotageakt vorliegen muss, da ein Kabelbrand kein so großes Ausmaß mit so viel Toten verursachen könnte.
Ein Kumpel äußerte, dass das Unglück mit der jetzigen politischen Situation zusammenhängt. Unter anderem sagte er: »Die Agenten und Saboteure versuchen doch alles, vor allem hier in der Wismut, was unseren friedlichen Aufbau schaden kann. Ob Menschenleben dabei kaputtgehen, ist denen ja egal.«
Einige Kumpels sagten am Bahnhof Aue, dass die Elektriker die Schuld trügen, da sie doch wissen müssten, wie stark die Leitung belastet werden kann.
Ein Kollege sagte, dass er schon vor längerer Zeit diese Anlage beanstandet hätte, als schon die Teermasse herauslief.
Erst später hätte der Sicherheitssteiger den Schaden abgestellt.
Dadurch, dass über das Unglück noch zu wenig die Tatsachen bekannt gegeben wurden, schwirren Gerüchte herum, und es werden die verschiedensten Vermutungen angestellt.
So wird z. B. erzählt, dass in Oberschlema alle Schächte brennen und noch viele Kumpel im Schacht wären. Feuerwehr usw. wären im Einsatz. Man hätte festgestellt, dass keine Ausrüstungsgegenstände wie Lampen und Ähnliches vorhanden wären.
Vereinzelt wird auch von einigen Personen geäußert, dass in unserer Presse immer viel über die Grubenunglücke in Westdeutschland geschrieben stand, aber dieses Unglück würde unsere Presse verschweigen.50
In der Fabrik 99 Oberschlema wurde am 18.7.1955 gesagt, dass in unserer Zeitung und Rundfunk nichts veröffentlicht würde, und alles würde man erst über den RIAS erfahren.
Im Allgemeinen kann festgestellt werden, dass die Kumpel der Wismut diszipliniert sind und ihre Arbeit gut durchführen.
Anlage 3 vom 19. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2468
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 15.7. bis 18.7.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:51
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Halle: Kreis Naumburg 1 200, Kreis Gräfenhainichen52 90;
- –
Erfurt: Kreis Arnstadt 2 000, Kreis Sonderhausen 80;
- –
Potsdam: Kreis Brandenburg 350, Kreis Nauen 1 000;
- –
Frankfurt/Oder: Kreis Fürstenberg 2 000;
- –
Dresden: Kreis Sebnitz 18, Kreis Löbau53 2 500, Kreis Kamenz 10;
- –
Karl-Marx-Stadt 6: Kreis Glauchau und Annaberg 35;
- –
Schwerin: Kreis Ludwigslust 1 000;
- –
Neubrandenburg: Kreis Neustrelitz einige;
- –
Leipzig: Kreis Delitzsch 700.
NTS:54
- –
Schwerin: Kreis Perleberg 5 000;
- –
Erfurt: Kreis Gotha 5 000;
- –
Potsdam: 125, Kreis Brandenburg 370, Kreis Nauen 12;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Glauchau einige;
- –
Magdeburg: Kreis Haldensleben 5 800, Kreis Zerbst 5 000, Kreis Genthin 5 000.
ZOPE:55
- –
Potsdam: Kreis Brandenburg 40;
- –
Erfurt: Kreis Arnstadt einige.
KgU:56
- –
Potsdam: Kreis Brandenburg 1 000, Kreis Rathenow 900;
- –
Halle: 30, Kreis Aschersleben 200.
Unbekannter Herkunft:
- –
Potsdam 2 000: Kreis Brandenburg 3 500, Kreis Rathenow 235;
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Magdeburg: Kreis Genthin 300;
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Dresden: Kreis Dippoldiswalde 65.
CDU-Ostbüro:57
- –
Leipzig 700.
FDP-Ostbüro:58
- –
Leipzig: Kreis Torgau 1 350.
Bei den Flugblättern handelt es sich um bereits bekannte Exemplare.
Im LEW Hennigsdorf, [Kreis] Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, wurde am 18.7.1955 in der Isolierstoff-Fabrik durch einen Arbeiter von 12.05. bis 12.07 Uhr die Schichtglocke geläutet. Eine Produktionsstörung trat nicht auf, da die Arbeiter sinngemäß äußerten: »Was ist denn mit dem los, jetzt ist doch noch nicht Feierabend.«
Am 18.7.1955, 7.00 Uhr, wurden in der Landgemeinde Neukirchen-Wyhra, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, etwa fünf Minuten die Glocken geläutet. Der verantwortliche Pfarrer ist in der Gemeinde Schönau, [Kreis] Geithain, [Bezirk] Leipzig, wohnhaft und als Reaktionär bekannt. Der Glöckner ist ein Betriebs-Arbeiter.
Der Betrieb VDK Leipzig erhielt einen Anruf, in dem er aufgefordert wurde, am 18.7.1955 zwei Gedenkminuten aus Anlass des Beginns der Genfer Konferenz durchzuführen.
Der Pfarrer aus der Gemeinde Wusterhausen, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, äußerte am 17.7.1955 bei seiner Predigt in der Kirche, dass er am 18.7.1955 aus Anlass des Beginnes der Genfer Konferenz die Glocken der Kirche läuten wird (wurde verhindert).
Am 18.7.1955 läuteten von 12.00 bis 12.05 Uhr die Glocken der Liebfrauenkirche in Jüterbog, [Bezirk] Potsdam. Außerdem wurde bekannt, dass der Superintendent Parisius59 aus Jüterbog sämtliche Pfarrer des Kreises aufforderte, an einer Großveranstaltung in der Marienkirche in Berlin teilzunehmen,60 wo Bischof Dibelius61 sprechen soll.
Antidemokratische Tätigkeit
Bei einem Fleischermeister in Görlitz wurde ein Flugblatt der »KgU« 15.7.1955 am Schaufenster angeklebt.
In der Nacht zum 10.7.1955 wurde an der Schule Remplin, [Kreis] Doberan, [Bezirk] Rostock, die Republikfahne und die Transparente heruntergerissen.
Am 13.7.1955 wurde im Kreis Aue in der öffentlichen Männer-Toilette zwei Hakenkreuze von unbekannten Tätern angeschmiert.
In der Nacht zum 15.7.1955 wurden auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Thale, [Bezirk] Halle, ca. 50 Grabsteine umgeworfen. Als Täter konnten zwei Arbeiter ermittelt werden.
Zur Beeinflussung der Bevölkerung werden verschiedentlich Gerüchte über Unglücksfälle in Kinderferienlagern verbreitet.
Zum Beispiel im Kreis Geithain, [Bezirk] Leipzig, erzählt man, dass Kinder aus dem Zug gestürzt sind oder dass bei Flöha ein Kindertransport verunglückt sei.
Im Kreis Lübben, [Bezirk] Cottbus, erzählt man, dass einmal zwei und einmal 35 Kinder ertrunken sind.
Im Haus der Freundschaft in Genthin, [Bezirk] Magdeburg62 wurde am 11.7.1955 festgestellt, dass sich auf der Rückseite einer Friedenstaube folgende Aufschrift befand: »Liebe Freunde der DSF, ihr werdet Euch noch wundern, was mit Euch passiert, Euch werden wir noch alle den Hals umdrehen. Der Vorstand der Kommunistengegner Kreis Genthin.«
In Eisfeld, [Bezirk] Suhl, wurden vor einigen Tagen sogenannte Kettenbriefe festgestellt, welche einen religiösen Inhalt hatten und meistens an Lehrlinge adressiert waren.
Gerüchte
In Coswig, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, kursiert das Gerücht, dass alle Einwohner, welche eine Drei-Zimmerwohnung besitzen Einquartierung von Offizieren der Sowjet-Armee nehmen müssen.
In der Gemeinde Niederau, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, tritt unter der Bevölkerung folgendes Gerücht in Erscheinung: »In den Wäldern in Richtung Moritzburg seien große Gebiete von der Roten Armee abgesperrt. Es könne sich kein Mensch wagen, vor allen die weibliche Bevölkerung, in den Wald zu gehen.«