Zur Beurteilung der Situation in der DDR
23. Juli 1955
Informationsdienst Nr. 2469 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Die Diskussionen über die Genfer Konferenz1 nehmen jetzt in den Industrie- und Verkehrsbetrieben breiten Raum ein und verdrängen die anderen politischen und zum Teil auch die wirtschaftlichen Probleme.
Immer wieder kommt in den Gesprächen die Hoffnung auf eine Lösung der deutschen Frage auf der Genfer Konferenz zum Ausdruck. Dabei wird vor allem auf die SU großes Vertrauen gesetzt, weil diese durch ihre ganze Haltung immer bewiesen hat, dass sie es ehrlich mit der friedlichen Lösung des Deutschlandproblems meint, und auch an der Entspannung der internationalen Lage interessiert ist, was sie ja auch durch die in der letzten Zeit erfolgreich geführten Verhandlungen in der Österreichfrage2 mit Tito3 usw. bewiesen hat.4
Auch werden die Vorschläge Bulganins5 allgemein begrüßt und auf die Verwirklichung dieser Vorschläge gehofft.6 Es wird deshalb verlangt, dass die Westmächte mit der gleichen Ehrlichkeit wie die SU verhandeln mögen.
Zum anderen wird auch gesagt, dass es höchste Zeit sei, dass sich die vier Großmächte zu Verhandlungen über die Deutschlandfrage bereiterklärt haben.
Neben den zahlreichen positiven Diskussionen gibt es aber auch eine ganze Reihe solcher Diskussionen, in denen Gleichgültigkeit, Pessimismus und Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck kommen. Es wird vielfach ein Erfolg der Konferenz angezweifelt, da die Gegensätze der Großmächte zu groß seien, die Amerikaner ihren Standpunkt behaupten, und nicht nachgeben werden. Wenn etwas auf der Konferenz bezüglich der Deutschlandfrage herausspringen würde, so würde doch niemals das erzielt werden, was in Österreich erreicht wurde.
Vereinzelt werden auch Diskussionen über das zukünftige Aussehen Deutschlands geführt. Es werden dabei die verschiedensten Vermutungen angestellt. Verschiedentlich wird dazu die Ansicht vertreten, dass die Gegensätze zwischen der DDR und Westdeutschland zu groß sind und man sich aus diesem Grunde keine Einigung vorstellen könnte.
Feindliche Elemente bringen in diesem Zusammenhang oft zum Ausdruck, dass die Einheit Deutschlands zu Gunsten des Adenauer7-Staates ausfallen würde. Es wird gesagt, dass, wenn etwas auf der Konferenz erreicht würde, die DDR ausgespielt hätte, da dieses System morsch und abgewirtschaftet wäre. Ebenso würden die freien Wahlen,8 die bei der Einheit Deutschlands endlich durchgeführt würden, zeigen, dass auch die SED erledigt wäre, weil sie bestimmt die wenigsten Stimmen erhalten würde.
Die Diskussionen über freie Wahlen nehmen einen beachtlichen Raum ein, beinhalten aber im Wesentlichen, dass dabei die SED die wenigsten Stimmen erhalten würde.
In einigen Fällen versuchen feindlich eingestellte Personen auch gegen die SU zu hetzen, in dem sie sagen, dass die SU die Schuld an dem Scheitern dieser Konferenz tragen würde, weil sie die Punkte von Eisenhower9 nicht anerkannt hätte und verlangt habe, die Deutschlandfrage Punkt für Punkt zu lösen.10 Das würde nichts anderes als eine Verzögerungstaktik der SU bedeuten.
Dazu sagt z. B. ein Angestellter, parteilos, aus dem Kreis Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es wäre gut, wenn die Einigung erzielt würde. Aber ich glaube es nicht, weil der Russe zu stur ist. Man kann Österreich nicht mit Deutschland vergleichen, denn dort waren andere Verhältnisse. Dort gab es auch im russischen Teil keine enteigneten Betriebe.«
Von einem großen Teil ehemaliger Umsiedler11 wird immer wieder geäußert, dass auf dieser Konferenz die Oder-Neiße-Grenze geändert würde. Man setzt dabei große Hoffnung auf Adenauer, der sich ganz bestimmt für diese Frage einsetzen und den ehemaligen Umsiedlern das Land wiedergeben würde.
Vereinzelt diskutieren besonders Intelligenzler darüber, dass viele Menschen gezwungen wären Westsender zu hören, wenn sie sich über die Konferenz ein umfassendes Bild machen wollten.
So bringen z. B. die Intelligenzler im Labor des Sachsenwerkes Radeberg, [Bezirk] Dresden, zum Ausdruck, dass unsere demokratische Presse ausgiebig den Standpunkt der sowjetischen Delegation kommentiert, die Ausführungen Bulganins wörtlich zitiert werden, jedoch die der westlichen Regierungschefs nur sehr wenig zu finden sind.
Da von westlicher Seite angefordert wurde, zu Beginn des Verhandlungstages der Genfer Konferenz die Glocken läuten zu lassen und zwei Minuten Arbeitsruhe durchzuführen, versucht der Gegner auch bei uns, die Arbeiter in den Betrieben usw. dazu zu beeinflussen.
Es ist ihm aber bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht gelungen.
Lediglich im Flachswerk Steutz,12 [Kreis] Zerbst, [Bezirk] Magdeburg, wurden am 18.7.1955, um 12.00 Uhr und um 20.30 Uhr, zur Eröffnung der Konferenz von einem Betriebsarbeiter, Mitglied der LDP, angesprochen, ob nicht zur Eröffnung der Genfer Konferenz eine Gedenkminute durchgeführt werden sollte, da es im Radio durchgekommen sei. Der Betriebsleiter ließ aus diesem Grunde die Sirene auslösen, sprach kurz zu den Arbeitern und ließ danach die Sirene das zweite Mal auslösen.
Der Betriebsleiter hatte angenommen, dass er darüber nicht rechtzeitig von der SED-Kreis-Leitung unterrichtet worden war und hat deshalb diese Maßnahmen durchgeführt.
Durch die Genfer Konferenz sind die Diskussionen über die KVP-Werbung13 etwas in den Hintergrund getreten. Es haben sich jedoch diesbezüglich noch keine wesentlichen Veränderungen vollzogen.
Zu bemerken ist jedoch, dass immer weitere Jugendliche nach der Aussprache mit der Werbekommission republikflüchtig werden.
So wurden z. B. seit Anfang April 1955 mehr als 110 Jugendliche aus dem VEB Zeiss Jena, welche für die KVP-Werbung infrage kamen, republikflüchtig.
Vom VEB Landmaschinenbau Torgau, [Bezirk] Leipzig, wurden zwei Jugendliche republikflüchtig, nachdem sie sich zum Eintritt in die KVP verpflichtet haben.
Aus dem Reichsbahnamt (nur Bahnhöfe) Leipzig wurden im II. Quartal 26 Beschäftigte, darunter 14 Jugendliche, republikflüchtig.
Im VEB Bleierzgruben Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde ein Berg-Ingenieur (SED) republikflüchtig, nachdem er mehrere Male von der Werbekommission angesprochen und ihm von dieser gedroht wurde, als Arbeiter eingesetzt zu werden, wenn er sich nicht bereit erklärt.
Neben den politischen Diskussionen gibt es in den Betrieben oft auch Diskussionen über wirtschaftliche und betriebliche Probleme.
Diese Probleme sind in den einzelnen Betrieben verschieden.
So wird z. B. die Stimmung der Arbeiter im Leichtmetallbau der Warnowwerft Warnemünde, [Bezirk] Rostock, von der dortigen Lage beherrscht. Meister, Brigadiere und Technologen haben sich zum Flugzeugbau Dresden beworben. Unter den Kollegen wird von Auflösung und Umbesetzung gesprochen, jedoch kann niemand etwas Genaues darüber sagen.
Im Reichsbahnwerk Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, wurde im Herbst vergangenen Jahres die Dachkonstruktion vom Stand 1 bis 6 des Schuppens abgerissen. Für die Rekonstruktion wurden für das Jahr DM 80 000 geplant, wovon aber nur DM 40 000 bewilligt sind.
Diese Summe reicht jedoch nicht aus, sodass die Gefahr besteht, dass der Schuppen nicht benutzt werden kann.
Unter den Arbeitern herrscht darüber eine schlechte Stimmung.
Der VEB Ernst-Thälmann-Werk Suhl14 wurde mit einem Plan der Hauptverwaltung von 35 000 Stück Nähmaschinen beauftragt, trotzdem vom Werk darauf aufmerksam gemacht wurde, dass der Absatz in einer derart großen Menge nicht gesichert ist.
Jetzt, nach Ablauf eines halben Jahres, wurde der Plan geändert und um ca. 16 000 Nähmaschinen reduziert, wodurch ein großer Teil Arbeitskräfte frei werden. Hinzu kommt noch, dass auch die KK-Gewehrfertigung in diesem Betrieb wesentlich eingeschränkt wurde und folglich auch hier Arbeitskräfte übrig sind.
Die Kollegen dieses Werkes sagen, dass unter solchen Umständen niemals ein Plan im Betrieb erfüllt werden kann und der Direktorenfonds15 auch danach aussieht.
Viele Kollegen gehen morgens in den Betrieb und wissen nicht was sie im Laufe des Tages zu tun haben. Sie fordern, dass diese Missstände schnellstens überprüft und abgestellt werden.
Materialmangel herrscht in folgenden Betrieben:
Im VEB Elektrowaren Sörnewitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden (Schwierigkeiten in der Belieferung von Borax,16 das für die Emailleherstellung dringend benötigt wird, wird aus dem Ausland bezogen);
Im VEB Maschinenstrickerei Rehna, Kreis Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, herrscht Materialmangel seit sechs Wochen. Bisher wurden Ausweichartikel (Socken, Handschuhe, usw.) hergestellt. Der Betrieb bekam vom VEB Wichauer Kammgarnspinnerei17 das notwendige Material. Der Liefervertrag für das III. Quartal 1955 sollte im Juli bereits realisiert werden. Jetzt wurde der Betrieb verständigt, dass die Lieferung erst im September erfolgen kann. Der Betrieb muss wegen Materialmangel vorübergehend geschlossen werden.
Im Objekt 34, Werk 536 Cainsdorf, [Kreis] Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (U-Eisen 12 mm und 14 mm, Rohr 5 mm und 8 mm.) Motoren 18–21 kwh 940 Umdrehungen, usw.)
Produktionsstörungen
Am 18.7.1955, gegen 7.00 Uhr, ereignete sich in der Salzsäurefertigungsanlage der deutschen Solvaywerke Westeregeln, Kreis Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, eine Explosion, die vermutlich durch Ausfall des Chlorventilators verursacht wurde. Schaden beträgt ca. DM 8 500.
Am 19.7.1955, 3.00 Uhr, brach in der Dreherei der Möbelfabrik Kreutz18 in Benneckenstein, Kreis Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, ein Brand aus. Brandursache wahrscheinlich Blitzschlag oder Kurzschluss. Schaden beträgt ca. DM 20 000.
Im Teerverarbeitungswerk Rositz, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, war am 18.7.1955 die Spaltanlage 2 außer Betrieb. Ursache: undichte Einlassventile an der Spritzblase. Produktionsausfall 55 t Teer = DM 7 150.
Vom 16. zum 17.7.1955 war der Bagger 513 im VEB Phönix Mumsdorf,19 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, wegen Schaden am Hauptmotor außer Betrieb. Produktionsausfall von DM 4 335.
Durch wiederholtes Heißlaufen des Polykonlagers20 im Bagger 3 des Tagebaues des VEB Kombinat Böhlen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, musste dieser außer Betrieb gesetzt werden. 2 925 cbm Abraum konnten nicht transportiert werden.
Infolge unsachgemäßer Lagerung von Material aus dem Pressentisch einer 110 t Doppelständer-Presse im VEB Triumphatorwerk Mölkau,21 [Bezirk] Leipzig, ging diese bei Inbetriebnahme zu Bruch. Da keine Reparaturmöglichkeit besteht, muss diese verschrottet werden. Schaden ca. DM 22 000.
Infolge schlechter Gleisanlagen im Tagebau des VEB Kombinat Borna, [Bezirk] Leipzig, wurde am 20.7.1955 die Förderbrücke ca. drei Stunden außer Betrieb genommen und die gesamte Brückenbesatzung zu Gleisbauarbeiten eingesetzt. Es entstand ein Ausfall von 3 885 cbm Abraum.
Im Braunkohlenwerk des Tagebaus des VEB Rositz,22 [Bezirk] Leipzig, kam es infolge schlechter Gleisanlagen zur Entgleisung von zwei vollen Waggons. Produktionsausfall: 4 500 cbm Abraum = DM 3 450.
Im BKW Franz Mehring, Kreis Senftenberg, [Bezirk]Cottbus erfolgte durch falsche Signalstellung ein Zugzusammenstoß. Sachschaden wird auf ca. DM 35 000 geschätzt.
In der Neptunwerft Rostock wurde auf dem Trawler V festgestellt, dass kein Öl durch die Umlaufleitung dringt. Der Anschluss zum Untersetzungsgetriebe zur Hauptmaschine war mit Bohrspänen verstopft. Liefer-Firma Abus Dessau.
In der Zeche B3 des Objektes Wismut 101 Zwickau wurde an der Grobsetzmaschine eine Fettbüchse, die Sand enthielt, festgestellt.
Am 18.7.1955 wurde in der Nachtschicht laufend der Strom für den Schnellstoß-Schacht I – Wismut Johanngeorgenstadt – unterbrochen.
Am 19.7.1955 wurde im Schacht I Johanngeorgenstadt auf der 95er-Sohle festgestellt, dass zwei Schläger zwischen die Schienenverbindung gesteckt worden waren.
Im VEB Glasfabrik Coswig, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurden zwei Plakate der VP-Werbung abgerissen.
Am 18.7.1955 wurden in der Garage Gera die Fahrzeuge 95–75 und 94–30 mit den Losungen »Nimm dir Zeit, aber nicht das Leben« und »Nimm dir das Leben« beschmiert.
In der Schlosserei Eberlein23 in Weida,24 [Kreis] Riesa, [Bezirk] Dresden, wurde das Gerücht verbreitet, die Regierung der DDR habe [in] Schweden um Asyl ersucht.
Am 24.6.1955 verbreiteten einige Elektriker im Gebläsehaus (Sinter-Anlage) des EKS Frankfurt/Oder unter den Stammarbeitern, dass in den nächsten Tagen alle Rundfunkapparate im Gebiet der DDR eingezogen würden. Als Ersatz sollten in allen Ortschaften Drahtfunk eingerichtet werden.
Sämtliche Arbeiter fielen auf dieses Gerücht herein und schimpften über die Partei und Staat.
Versorgung der Bevölkerung
In der Versorgung der Bevölkerung ist in den letzten Tagen keine wesentliche Änderung eingetreten.
Obwohl schon neue Kartoffeln zum Verkauf gelangten, ist die Versorgung mit Kartoffeln nach wie vor Schwerpunkt.
Weiterhin mangelt es immer noch an Nährmitteln, billigen Zigaretten, Streichhölzern, Marmelade, Kunsthonig usw.
Die Diskussionen über die Versorgung sind meistens negativ.
Es wird immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass nach zehn Jahren Aufbau unserer Republik es an Lebensmitteln nicht mehr fehlen dürfte.
Von den Hausfrauen aus den Bezirken wird kritisiert, dass sie nach Kartoffeln und einem Pfund Tomaten sehr lange anstehen müssen.
Zum Beispiel erklärte eine Hausfrau aus Rostock: »Es macht keinen guten Eindruck auf westdeutsche Besucher, wenn man nur ein Pfund Tomaten erhält und danach noch anstehen muss.«25
Die Verwaltung der HO-Gaststätten26 Görlitz, [Bezirk] Dresden, erhielt in den letzten Tagen über die DHZ27 Elektrotechnik Dresden eine Sendung von 380 Glühbirnen aus dem Herstellerwerk VEB Berliner Glühlampen-Werk. Der überwiegende Teil war unbrauchbar, weil sie sich von der Fassung losdrehen.
Am 19.7.1955 ereignete sich in der Konsum-Fleischerei28 Hellerau, Dresden, an einem Kompressor einer Propankälteanlage eine Explosion mit Brandfolge. Durch die zweite Explosion mit Stichflamme wurden der Betriebs-Leiter und sieben Personen verletzt (Verbrennungen). Ursache noch nicht bekannt.
Vom Konsum-Kreislager Rüdersdorf, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurden von der Molkerei Angermünde drei Tonnen Butter abgeholt. Von der Auslieferung wurden bisher 121 kg von den Verkaufsstellen an das Lager zurückgeliefert, weil die Butter völlig mit Maden durchsetzt war.
Diese Butter wurde der Tierkörperverwertungsanstalt zugeleitet.
Die Lage in der Landwirtschaft
Von der Landbevölkerung wird jetzt etwas mehr über politische Probleme diskutiert. Hierbei stehen Die Diskussionen über die Genfer Konferenz im Vordergrund.
Das Hauptaugenmerk ist aber auf die Vorbereitung und Durchführung der Ernte gerichtet.
Die Diskussionen über die Genfer Konferenz sind in ihrer überwiegenden Mehrheit positiv. Es wird erwartet, dass in der Deutschlandfrage eine Einigung erzielt, damit die Einheit Deutschlands endlich wiederhergestellt wird.
Auch wird eine Entspannung der internationalen Lage erhofft.
Es wird erkannt, dass die SU nichts unversucht lässt, um sich für die Entspannung der internationalen Lage und für die Einheit Deutschlands einzusetzen.
Von einigen Personen, hauptsächlich Großbauern,29 wird von der Genfer Konferenz kein Erfolg erwartet, weil sich die Großmächte doch nicht einig würden, sondern nur viel geredet und gegessen würde. »Am Ende aber bleibt alles wie es war.«
Zum Beispiel erklärte ein Großbauer aus Bockwitz, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig: »Das in Genf nur geredet wird und Bankette gegeben werden. Für Deutschland aber kommt dabei nichts heraus.«
Einige Angestellte der VEAB Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, äußerten: »Jeder der vier Großmächte hat einen eigenen Standpunkt und den werden sie auch beibehalten. Darum wird es zu keiner Einigung kommen.«
Von feindlichen Elementen wird gegen die SU und die DDR gehetzt und erklärt, dass die SU den Forderungen der Westmächte zustimmen und die Ostgebiete zurückgeben sollte, dann würde die Einheit Deutschlands schnell hergestellt sein.
Weiterhin wird behauptet, dass bei »freien Wahlen« die SED schlecht abschneiden würde und dass die Wiedervereinigung nur nach westlichem Muster erfolgt.
Zum Beispiel erklärte ein Landwirt aus Heste,30 [Kreis] Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus: »Die Viererkonferenz wird jetzt die Entscheidung sein. Der Russe wird Druck bekommen, sodass er nachgeben muss und nicht immer die Konferenz zerstört.«
Zwei Großbauern aus Olvenstedt, [Bezirk] Magdeburg, sind der Meinung, dass sich die vier Großmächte nicht so schnell einigen würden, »und wenn sie sich einig werden, dann kriegen wir bei uns auch eine westliche Demokratie«.
Bei den wirtschaftlichen Fragen wird als Hauptaufgabe die Vorbereitung und Durchführung der Ernte, die im vollen Gange ist, gesehen. Bei der Aufstellung der Druschpläne ist zu verzeichnen, dass viele Bauern gegen den Nachtdrusch31 sind. Sie sind der Meinung, dass sie erst im Januar bzw. Februar dreschen wollen, weil sie während der Herbstbestellung trotzdem genug Arbeit und außerdem nur wenig Arbeitskräfte haben.
Hauptsächlich wird von Großbauern gegen den Nachtdrusch gehetzt.
Zum Beispiel sagte ein Großbauer aus Trages, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig: »Der Nachtdrusch ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.«
Ein Großvater aus Reddelich, [Kreis] Doberan, [Bezirk] Rostock, erklärte: »Wir werden unser Getreide erst im Januar bzw. Februar dreschen, denn bei der Herbstbestellung haben wir genug Arbeit.«
Ein werktätiger Bauer, auch aus Reddelich, erklärte: »Die sollen oben nicht so viele Befehle geben. Die Bauern wissen von alleine, was sie zu tun haben.«
In Allstedt, [Kreis] Sangerhausen, [Bezirk] Halle, wurde in einer Bauernversammlung der Nachtdrusch von den anwesenden Bauern abgelehnt, weil sie nicht Tag und Nacht arbeiten wollen.
Von einigen Bezirken wird berichtet, dass die reparierten Maschinen nach kurzem Einsatz ausfallen oder dass Ersatzteilmangel besteht. Dadurch sind die Bauern verärgert, weil die Verträge nicht rechtzeitig realisiert werden.
Zum Beispiel fielen am 18.7.1955 in der MTS Oschatz, [Bezirk] Leipzig, zwei Mähdrescher aus, weil die Kolben festgefahren waren. Beide Mähdrescher hatten erst zwölf Stunden gearbeitet. Sie wurden in der MTS Spezialwerkstatt Liebertwolkwitz generalüberholt.
In der MTS Nünchritz, [Kreis] Riesa, [Bezirk] Dresden, können die Dreschsätze nicht eingesetzt werden, weil trotz mehrmaliger Anforderung der LPG in Gröba die Zähler noch nicht geprüft und repariert sind.
Aus dem Bezirk Rostock wird berichtet, dass die vorhandenen 150 Mähdrescher auf den MTS des Bezirkes nicht ausgelastet sind.
Zum Beispiel hat die MTS Dassow für vier Mähdrescher nur 350 ha abgeschlossen.
Es war geplant, 22 000 ha mit den Mähdreschern zu mähen. Es sind jedoch erst für 16 000 ha Verträge abgeschlossen.
Dies ist mit auf die schlechte Aufklärungsarbeit der Stationen zurückzuführen.
In den letzten Tagen brannten durch Blitzeinschlag bei sechs werktätigen Bauern und einer LPG in den Kreisen Radeberg, Dippoldiswalde, Meißen, [Bezirk] Dresden, Parchim, Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, und Oschatz, [Bezirk] Leipzig, Scheunen, Ställe und Schuppen ab. Durch diese Brände wurde ein Schaden von ca. DM 71 000 verursacht.
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:
In der LPG Toddin, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin – 42 Schweine notgeschlachtet, drei verendet.
Bei fünf werktätigen Bauern der Kreise Rathenow und Belzig, [Bezirk] Potsdam – 45 Schweine notgeschlachtet.
In der Gemeinde Leuschentin, [Kreis] Malchin – 46 Schweine verendet.
In der Gemeinde Wardekow,32 [Kreis] Gadebusch, [Bezirk] Schwerin – 32 Schweine notgeschlachtet.
Bei einem Mittelbauern in Penig, [Kreis] Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt – zwei Schweine notgeschlachtet, eins verendet.
In der LPG Thießen,33 [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle, wurde der neuerbaute Schweinestall asphaltiert. Vor acht Tagen wurden 180 Schweine darin untergebracht. An der Teermasse des Fußbodens blieben die Schweine kleben. Mehrere Schweine rissen sich die Schwänze aus und bei vielen Tieren platzte die Schwarte. Bisher wurden fünf Schweine notgeschlachtet und fünf weitere zeigen Krankheitserscheinungen.
Auf dem VEG Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, wurde am 14.7.1955 vor den Viehställen rotgefärbter Giftweizen gestreut. Verendet sind davon eine Sau, vier Ferkel.
Im Bezirk Karl-Marx-Stadt stößt die Abnahme von Ferkeln in den bäuerlichen Betrieben auf Schwierigkeiten, da der Bedarf an Ferkeln im Bezirk Karl-Marx-Stadt sowie in allen anderen Bezirken der DDR durch eigenes Aufkommen gedeckt ist.
Gegenwärtig besteht im Bezirk Karl-Marx-Stadt ein Angebot an ca. 3 000 Ferkeln. Diese Zahl erhöht sich wöchentlich um ca. 500 Stück.
Der Abschluss von Ferkelaufzucht-Verträgen erfolgt nur sehr schleppend, weil bei den Bauern die Futtermittel (Kartoffeln) nicht im ausreichenden Maße vorhanden sind.
Im Kreisgebiet Worbis, [Bezirk] Erfurt, tritt in verstärktem Maße in Erscheinung, dass flüchtige Personen, deren Eigentum in volkseigene Verwaltung übernommen wurde, und auch enteignete Personen aus Westdeutschland zurückkehren, nachdem sie mithilfe eines Antrages ihre Vermögenswerte zugesprochen erhielten, sich wieder nach Westdeutschland begeben. Diese Personen versäumen jedoch nicht einen Vermögensverwalter oder einen Erben für ihre Besitztümer einzusetzen, bevor sie flüchtig werden.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
In den Abendstunden des 20.7.1955 ging in Jöhstadt und Umgebung des Kreises Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein wolkenbruchartiger Regen nieder, der größere Schäden anrichtete. Und besonders deshalb, weil auf tschechoslowakischer Seite Dammbrüche hervorgerufen wurden waren und durch das starke Gefälle der Wassermassen den Schaden noch verstärkten.
Besonders betroffen wurde der VEB Feuerlöschgerätewerk Jöhstadt. Es entstand nach vorläufiger Schätzung ein Sachschaden von ca. 1½ bis 2 Millionen DM und außerdem wird der Produktionsausfall längere Zeit dauern.
Des Weiteren entstanden größere Schäden im VEB Garnveredlungswerk Sehma, Zweigwerk Jöhstadt und im Privatbetrieb Krahl34 ebenfalls in Jöhstadt.
Zwischen Jöhstadt und Schmalzgrube wurde eine Eisenbahnbrücke stark beschädigt und mehrere Hundert Meter Damm unterspült.35
Von sechs zuerst vermissten Personen wurden fünf tot geborgen.
Am 19.7.1955 fiel, gegen 2.00 Uhr, im Walz- und Hammerwerk des Edelstahlwerkes Freital, [Bezirk] Dresden, die Produktion aus. Die Ursache war, dass vom Ventilator des Gasgebläses ein Flügel abgebrochen war. Das ist darauf zurückzuführen, dass wahrscheinlich durch Gewitter Stromschwankungen hervorgerufen wurden.
Durch Hochwasser wurden in der Gemeinde Prislich,36 Kreis Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, 14 ha Kartoffelacker und in der Gemeinde Breetz, [Kreis] Ludwigslust, 30 ha Sommergetreide vernichtet.
Am 19.7.1955 brach der Sonnendeich bei Dömitz,37 Kreis Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, in einer Breite von 15 m durch. 1 700 ha Wiesen und Weiden sind gefährdet. Zurzeit stehen 600 ha unter Wasser. Das Wasser hat bereits den Stillstand erreicht.
Im Kreis Rathenow, [Bezirk] Potsdam, wurden insgesamt 2 000 ha Wiesen überschwemmt. Von 130 ha konnte das Gras noch geborgen werden.
Die Bewässerungsschleuse bei Schwedt, Kreis Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, an der Ost-Oder ist beschädigt. Diese Schleuse reguliert den Wasserstand der Polder zwischen Ost- und West-Oder.
Durch Wassereinwirkung wurden die Betonpfeiler beschädigt, sodass die Tore nicht mehr dicht schließen. Dadurch strömt das Wasser in die Oder-Polder, wodurch eine Überschwemmungsgefahr im Poldergebiet zwischen Schwedt und Stützdorf, Kreis Angermünde, besteht. Von der Wasserwirtschaft Schwedt/Oder wurden Maßnahmen eingeleitet. Größerer Schaden ist bisher nicht eingetreten.
Einschätzung der Situation
In der Berichtsperiode wurde die Stimmung breitester Kreise der Bevölkerung von den Diskussionen über die Genfer Konferenz bestimmt. Die Gespräche darüber haben zugenommen und werden vor allem von der Hoffnung auf Lösung des Deutschlandproblems und Entspannung der internationalen Lage getragen. Dabei setzt man große Hoffnung auf die Politik der sowjetischen Staatsmänner.
Zweifelnde sowie pessimistische und ausgesprochene negative Stimmen gibt es auch weiterhin eine ganze Reihe; sie nehmen aber keinen wesentlichen Einfluss auf die sonst überwiegend positiven Stimmen.
Aufgrund des starken Interesses an der Genfer Konferenz treten andere Probleme in den Hintergrund.
Anlage vom 22. Juli 1955 zum Informationsdienst Nr. 2469
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 19.7. bis 21.7.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:38
- –
Rostock 4;
- –
Dresden 8;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Auerbach 5 000, Kreis Flöha 185;
- –
Halle 9;
- –
Berlin 428;
- –
Magdeburg: Kreis Oschersleben 2 000;
- –
Suhl: Kreis Schmalkalden 25 000.
NTS:39
- –
Dresden: Kreis Löbau 20;
- –
Suhl: Kreis Sonneberg 5 000;
- –
Magdeburg 15 000;
- –
Potsdam: Kreis Potsdam 2 000, Kreis Brandenburg 60;
- –
Berlin: Treptow 19, Lichtenberg 70, Pankow 87;
- –
Neubrandenburg: Kreis Waren 3 000;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Zwickau 24.
ZOPE:40
- –
Cottbus 5 000,
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Reichenbach 14.
KgU:41
- –
Magdeburg 7 000;
- –
Halle: Kreis Roßlau mehrere tausend, Kreis Hohenmölsen 3, Kreis Gräfenhainichen 128, Kreis Dessau 18;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Oelsnitz 1 000;
- –
Berlin: Köpenick 200, Lichtenberg 500.
Unbekannter Herkunft:
- –
Potsdam: Kreis Luckenwalde 12 000, Kreis Rathenow 53;
- –
Frankfurt/Oder: 3 000;
- –
Dresden: Kreis Zittau 23, Kreis Görlitz 4;
- –
Magdeburg: Kreis Zerbst 100, Kreis Oschersleben 20;
- –
Potsdam: Kreis Brandenburg 2 700, Kreis Belzig 100, Kreis Potsdam, 5 800;
- –
Halle: Kreis Querfurt 600.
Freie Junge Welt:42
- –
Neubrandenburg: Kreis Neustrelitz 5;
- –
Schwerin: Kreis Parchim 500.
Die Flugblätter sind zum größten Teil älteren Datums und beinhalten Hetze gegen die SU, die FDJ und die Regierung der DDR.
Am 19.7.1955 wurde ein Angehöriger der VP, gegen 0.30 Uhr, auf dem Wege von Waßmannsdorf nach Schönefeld, [Bezirk] Potsdam, aus einem Getreidefeld heraus beschossen. Da schon wiederholt in dieser Gegend Schüsse wahrgenommen wurden, wurde sofort eine Suchaktion eingeleitet, die aber ergebnislos verlief.
Gerüchte
In Dresden wird das Gerücht verbreitet, dass von unbekannter Seite Funktionäre aller demokratischen Massenorganisationen aufgefordert werden, bis zum 18.7.[1955] ihre Funktion niederzulegen. Die Einheit Deutschlands käme, aber nicht so wie wir sie wünschen. Wer seine Funktion bis zum genannten Termin niedergelegt habe, dem würde nichts passieren.
Im Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wird das Gerücht verbreitet, dass in den Ferienlagern Eberswalde Diphterie ausgebrochen ist.
Am 17.7.1955, gegen 3.00 Uhr, fuhr ein Arbeiter mit seinem Krad auf der Staats-Straße von Tharandt in Richtung Wilsdruff, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, auf eine Straßensperre.
Der Arbeiter verstarb am Tatort, während die Soziusfahrerin mit Kopfplatzwunden und schwerer Gehirnerschütterung in das Krankenhaus eingeliefert werden musste.
Die zwei festgestellten Täter waren sich im Klaren, dass Personen, die mit Kraftfahrzeugen gegen die Sperre fuhren, tödlich verunglücken müssen.
Sie hatten von einem abgestellten Langholzwagen einen etwa zwei Meter langen und im Durchmesser 20 cm starken, ca. zwei Zentner schweren Baumstamm quer über die Straße in Höhe von ca. einem Meter gelegt.