Zur Beurteilung der Situation in der DDR
5. August 1955
Informationsdienst Nr. 2473 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Zur Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben ist zu sagen, dass über das aktuelle politische Geschehen, außer der Genfer Konferenz,1 fast gar nicht diskutiert wird. Aber auch über dieses Problem gehen in den letzten Tagen die Diskussionen immer mehr zurück und die wirtschaftlichen sowie betrieblichen Probleme treten stärker in den Vordergrund.
Im Allgemeinen weisen die Gespräche über die Genfer Konferenz keine wesentlich neuen Momente auf.
Etwas zugenommen hat die Erkenntnis, dass in erster Linie wir Deutschen selbst für die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes kämpfen müssen.
Ansonsten wird noch stark die Frage der Wiedervereinigung und Gestaltung Deutschlands (wie dies vor sich gehen soll) gestellt. Dabei treten viele Unklarheiten auf, und zwar »ob dies auf demokratischer Basis geschieht oder ob die DDR auf ihre Errungenschaften verzichtet?« Es taucht dabei die Meinung auf, »da sie drüben niemals auf eine Enteignung und Entmachtung der Kapitalisten und Junker einwilligen, wird eine Wiedervereinigung kaum bzw. unmöglich sein«.
So sagte z. B. ein Arbeiter aus dem Karl-Marx-Werk aus Magdeburg:2 »Eine Wiedervereinigung ist nicht möglich, da die Bundesrepublik niemals zulassen wird, dass die großen Konzerne und Großgrundbesitzer enteignet werden. Bei der DDR ist es umgekehrt.«
Neben den Unklarheiten zeigt sich aber auch eine Bereitwilligkeit auf unsere Errungenschaften zu verzichten bzw. eine Befürwortung der westlichen Verhältnisse.
In negativer Weise spricht man dabei über die Entwicklung in der DDR sowie über freie Wahlen,3 »die für die DDR ungünstig« ausfallen würden.
Ein Arbeiter aus dem Ziegelwerk Neuenhagen, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Wenn wir die Einheit wollen, dann müssen wir den Großgrundbesitzern alles wiedergeben, was ihnen weggenommen worden ist.«
Ein Werkmeister, SED, beschäftigt in der Energieversorgung Mittweida, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die KVP müsste abgeschafft werden. Ebenso ist die Bildung von Kampfgruppen4 ein Hindernis bei der Wiedervereinigung Deutschlands.«
In einer Versammlung in der Neptunwerft stellte ein parteiloser Arbeiter die Frage: »Wie stellt ihr euch die Einheit vor? Ihr lehnt die Adenauer5-Regierung ab und diese lehnt unsere Regierung ab. Hier in der DDR wird immer nur viel geredet, ein Haufen Propaganda gemacht mit Plakaten, Transparenten usw., aber getan wird nichts und ändern tut sich vom vielen Reden auch nichts.«
Im Fahrzeugbau Waltershausen, [Bezirk] Erfurt, zeigte sich, dass sich ein großer Teil Kollegen darüber einig war, dass Adenauer bei einer Wahl die Mehrheit haben würde, »da es den Arbeitern in Westdeutschland besser geht, während bei uns in der DDR der Lebensstandard seit 1952 stagniert«.
Ein Baggerführer, wohnhaft in der Gemeinde Wintersdorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig: »Wenn wir geheime Wahlen bekommen, ist die SED erledigt. Wir haben die Pläne erfüllt und sehen doch keine Fortschritte. Die breite Masse will Tatsachen sehen und keine leeren Versprechungen.«
Ein Arbeiter aus dem VEB Kunstfaserwerk »W. Pieck« in Rudolstadt: »Die Einheit Deutschlands kommt niemals zustande, denn der Westen will nicht das Regime, welches in der DDR vorherrscht.«
Im Zusammenhang mit dem Besuch der sowjetischen Delegation in der DDR6 tauchte in den Diskussionen verschiedentlich die Frage auf, »weshalb der Genosse W. Ulbricht7 beim Empfang nicht zugegen war«.8 Vom Gegner werden Gerüchte verbreitet, dass »er nicht mehr in seiner Funktion sei«.
So wurde auf der Baustelle Trattendorf Folgendes verbreitet: »W. Ulbricht ist nicht mehr in seiner Funktion, er wurde durch H. Matern9 ersetzt. Bei dem Empfang der sowjetischen Delegation war er schon nicht mehr anwesend. In der Presse und Rundfunk ist auch nichts mehr von ihm zu hören. Wenn er im Urlaub wäre, hätte man dies bestimmt bekannt gegeben.«
Ein Arbeiter, wohnhaft in Treuenbrietzen,10 [Bezirk] Potsdam, sagte: »Grotewohl11 hat die sowjetische Delegation eingeladen, und beim Empfang waren W. Pieck12 und W. Ulbricht nicht zugegen. Die SU hat ihre Politik geändert, in dem sie jetzt andere Puppen tanzen lässt. Dabei schiebt sie Grotewohl vor, der die gemäßigte Richtung vertritt.«
Immer wieder kann festgestellt werden, dass über die wirtschaftliche Lage unter einem Teil der Werktätigen der Betriebe eine Unzufriedenheit besteht, die sich in negativen Diskussionen ausdrückt. Dabei tritt in Erscheinung, dass vor allem von Personen, die besuchsweise in Westdeutschland weilten, die Verhältnisse von drüben verherrlicht und mit unseren in negativer Form verglichen werden.
Zum Beispiel äußerte eine Arbeiterin, SED, aus Geithain, [Bezirk] Leipzig: »In der DDR ist alles Mist. Es gibt ja nicht mal Kartoffeln zu kaufen. Ich war jetzt mit einer Kulturgruppe drüben im Westen, da gibt es alles in Hülle und Fülle, Bettwäsche z. B. gibt es genügend zu kaufen und auch zu billigen Preisen.«
Ein Angestellter, SED, aus dem VEB Farbenwerk Nerchau, [Bezirk] Leipzig, äußerte nach seiner Rückkehr aus Westdeutschland gegenüber seinen Kollegen: »Ulbricht hat bei Beginn des Fünfjahrplanes den Arbeitern gesagt, dass nach drei Jahren ein nie gekannter Lebensstandard eintreten wird13 und jetzt sind fünf Jahre um und wie sieht es aus? Es ist eben alles Schwindel. Drüben hat man einen Lebensstandard, da gibt es alles in Hülle und Fülle und für Preise, die es bei uns nie geben wird.«
Ein Zugführer vom Verschiebebahnhof Leipzig sagte nach seiner Rückkehr aus Hannover: »Im Westen ist es viel besser als in der DDR, das trifft besonders auf den Lebensstandard zu.«
Auf die Frage, weshalb er nicht drübengeblieben ist, erwiderte er: »Die Einheit kommt sowieso bald und dann werden wir die gleichen Verhältnisse wie drüben haben.«
Mehrere Kollegen aus dem VEB Metallgusswerk Leipzig unterhielten sich ebenfalls negativ über die Verhältnisse in der DDR. So sagte z. B. ein Former: »Bei meiner Arbeit könnte ich in Westdeutschland viel besser leben. Na, bei wirklich freien Wahlen wird die Quittung für die letzten zehn Jahre präsentiert.«
Ein Arbeiter aus dem VEB »H. Matern« Roßwein,14 [Bezirk] Leipzig: »Ich habe die Arbeit in diesem Betrieb bald satt. Es wird nicht mehr lange dauern und ich haue nach drüben ab. Dort kann ich mir mein Geld leichter verdienen.«
Ein Bergarbeiter, wohnhaft in Gersdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich war in Westfalen zu Besuch und musste feststellen, dass dort die Arbeiter besser leben. Ihr Verdienst ist wie der unsere, aber sie können sich mehr dafür leisten. Zum Beispiel ein Verwandter von mir arbeitet auf dem Schacht, hat eine gut eingerichtete Wohnung, Fernsehapparat, Motorrad und lebt außerdem sehr gut. Die Arbeiter drüben denken nicht daran, zu uns zu kommen, denn da würden sie viel verlieren. Wenn wir aber zum Westen kommen, könnten wir nur gewinnen.«
Unter den Angehörigen der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft des VEB Gummiwerk »Elastik« Gotha, [Bezirk] Erfurt herrscht eine sehr schlechte Stimmung, die sich in Diskussionen wie z. B. ausdrückt: »Walter Ulbricht hat diese Sache ganz groß propagiert. In der Presse wurde große Reklame gemacht, aber vorwärts geht es mit den Bauten nicht. Da können wir auch nach dem Westen gehen und dort bauen, da bezahlen wir bloß den Zuschuss und brauchen keine freiwilligen Arbeitsstunden zu leisten. Dann wissen wir aber auch, dass wir eine Wohnung bekommen. Hier aber in der DDR ist es so, dass von 42 Mitgliedern dieser Genossenschaft nur zwölf eine Wohnung bekommen. Für die freiwilligen Arbeitseinsätze der anderen Kollegen werden wahrscheinlich Kasernen gebaut.«
Im Industriehafen der DSU Magdeburg sollte eine Schifferschule errichtet werden. Die Baugrunduntersuchung sowie die Projektierung dieser Objekte wurde durchgeführt, von der Gütekontrolle überprüft und [ist] nicht beanstandet worden.
Bei den Ausschachtungsarbeiten wurde jedoch ein anderes Ergebnis als das Gutachten der Baugrunduntersuchung festgestellt. Der Bau wurde deshalb abgebrochen und nach Schönebeck verlegt. Durch die bereits geleistete Arbeit sowie durch den Abbruch und das Wiederaufnehmen der Arbeiten entstand der Volkswirtschaft ein Schaden von ca. 142 000 DM.
Unter den Kumpels des Kaliwerkes Bleicherode, [Bezirk] Erfurt herrscht eine schlechte Stimmung, die auf Folgendem beruht: Die Betriebsleitung wurde von der übergeordneten Dienststelle beauftragt 30 Kumpels, die von Heiligenstadt und Leinefelde zur Arbeit nach Bleicherode kommen, an das Kaliwerk »Karl Marx« Sollstedt auszutauschen, um die Omnibuslinie, auf der die Kumpels zur Arbeit und nach Hause fahren, einzustellen. Die Mehrzahl dieser Kumpels sind mit dieser Reglung nicht einverstanden.
So sagten z. B. verschiedene Kumpels: »Wir lassen uns nicht verschachern wie ein Stück Vieh. Wenn man hier keine Lösung findet, dann kündigen wir alle. Die wissen wohl nicht wie sie Geld einsparen sollen, um den Bankrott aufzuhalten.«
Bei den betrieblichen Schwierigkeiten und Mängeln ist es außer schlechter Arbeitsorganisation, Absatzschwierigkeiten, Auftragsmangel vor allem der Materialmangel, der den planmäßigen Produktionsablauf beeinträchtigt.
Über die schlechte Arbeitsorganisation im VEB Waggonbau Dessau, [Bezirk] Halle, äußerte ein Ingenieur, der aus Westdeutschland kommend seit 14 Tagen in diesem Betrieb arbeitet: »Es ist mir unverständlich, dass die Arbeitszeit nicht voll ausgelastet wird. In den großen Hallen herrscht eine sehr unübersichtliche Arbeitsorganisation und auch Einteilung der Arbeitsplätze, sodass man sich bald die Knochen brechen kann. Wenn solche Zustände, soviel Bummelstunden in einem kapitalistischen Großbetrieb in Westdeutschland zu verzeichnen wären, da würde aber die Betriebsleitung streng durchgreifen. Deshalb sind diese Betriebe auch rentabel.«
In der Dreherei EKM in Aken,15 [Kreis] Köthen, [Bezirk] Halle, ist zurzeit für Großdrehbänke keine Arbeit vorhanden.
Einige Schlosser äußerten dazu: »In den meisten Sitzungen wird vom Steigern der Arbeitsproduktivität gesprochen und auf der anderen Seite müssen Wartestunden geschrieben werden. Das ist keinesfalls mit dem Aufruf »Spare mit jeder Minute und mit jedem Pfennig« zu vereinbaren.«
Im VEB Zeiss Eisfeld, [Bezirk] Suhl, herrscht ebenfalls Arbeitsmangel, worüber die Kollegen verärgert sind. Sie diskutieren z. B., dass erst unnütz Geld ausgegeben wird, um die Maschinen arbeitsfähig zu machen, und jetzt stehen sie seit Wochen still. »Weil verschiedene Schlampereien des Hauptwerkes in Jena die Produktion in ihrem Werk nicht vollkommen auslastet.« Die Kollegen stellen die Frage: »Wo bleibt da die Rentabilität?«
Der VEB Schuhfabrik Großharthau, [Bezirk] Dresden, hat für das 1. Halbjahr eine Auflage von 700 000 Paar Schuhen. Für das 2. Halbjahr sind nur 550 000 Paar Schuhe geplant. Da der Absatz der Sommerschuhe sehr schlecht ist (durch die ungünstige Witterung), ist der Betrieb gezwungen, jetzt den größtem Teil der Belegschaft Ferien zu geben.
Außerdem stehen z. B. von der Lieferung an die DHZ-Leder16 aus den Monaten November und Dezember 1954 noch 900 000 DM Forderungen aus. Dadurch wird der Betrieb mit 27 000 DM Zinsen belastet.
Im Glaswerk Großräschen, [Bezirk] Cottbus, herrscht unter den Arbeitern zurzeit eine schlechte Stimmung. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Lager alle voll sind und Absatzschwierigkeiten bestehen. So lagern z. B. 600 t Fertigwaren, in der Hauptsache Einweckgläser. Zum anderen ist dem Betrieb bekannt, dass zwei Privat-Firmen Weckgläser abnehmen würden, was aber nicht möglich ist, weil der Betrieb ohne Genehmigung des Großhandelskontor17 nicht liefern darf. Die Arbeiter diskutieren darüber, dass die ökonomischen Konferenzen18 Wettbewerbe und dergleichen keinen Zweck haben, wenn andererseits solche Zustände zu verzeichnen sind.
Materialmangel wurde aus folgenden Betrieben gemeldet:
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Zentrale Gesenkschmiede in Steinbach, [Bezirk] Suhl (Rohmaterial);
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VEB Halbmond Oelsnitz,19 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Rohstoffe);
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VEB Elektronik Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Kondensatoren für Elektrogeräte);
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VEB Tuchfabrik Parchim, [Bezirk] Schwerin (Rohstoffe) und
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VEB Bekleidungswerk Wittenberge (Rohstoffe).
Im Wismut-Schacht20 Zobes – [Kreis] Auerbach, herrscht eine schlechte Stimmung, weil die Materialversorgung sehr mangelhaft ist.
Im Revier 7 stehen zurzeit drei Bagger still, die nicht einsatzfähig sind, da die Baggerketten fehlen. Es kommt vor, dass die Brigaden fünf bis sieben Stunden nicht arbeiten können.
Produktionsstörungen
Am 1.8.1955, um 19.00 Uhr, wurden in der Fabrik 2 der Brikettfabrik des VEB Neukirchen, [Kreis] Borna, durch Stempelfeuer der Presse 5 Verpuffungen ausgelöst. Die Verpuffungen erfolgten durch den Redler,21 welcher dieselben in das Ofenhaus übertrug und dadurch in sämtlichen Öfen Feuer entstand. Das Feuer konnte in den Morgenstunden des 2.8.1955 gelöscht werden. Sachschaden entstand keiner. Produktionsausfall: 600 t Brikett.
Im VEB Deutzen,22 [Kreis] Borna, [Bezirk]Leipzig war durch Reißen des Seiles des Schrägzuges der Absetzer 905 ca. sechs Stunden außer Betrieb. Produktionsausfall: ca. 3 000 cbm Abraum.
Am 1.8.1955 stand im gleichen Betrieb der Bagger 463 still. Ursache: Laufrolle vom Lagerbock gefallen. Produktionsausfall: 2 400 cbm Abraum.
Am 2.8.1955 musste im VEB Werk Zipsendorf,23 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, der Absetzer 1 wegen Auswechselung des Fahrantriebes außer Betrieb genommen werden. Produktionsausfall: ca. 5 000 cbm Abraum.
Am 2.8.1955 musste im Kombinat Böhlen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, der Kessel 20 wegen undichtem Überhitzer außer Betrieb genommen werden. Produktionsausfall: 735 t Dampf = DM 1 650.
Am 1.8.1955 fiel in der Grube Phönix Mumsdorf,24 [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, der Bagger 514 aus. Ursache: Von der E-Lok 264 löste sich der Radschutzkasten, wodurch ein voller Wagen entgleiste. Produktionsausfall: ca. 3 500 cbm Abraum.
Am 31.7.1955 fiel der Bagger des VEB Braunkohlenwerk Kulkwitz, [Bezirk] Leipzig, infolge Erdschluss des Motors aus. Produktionsausfall noch nicht bekannt. Reparatur nimmt längere Zeit in Anspruch.
Am 2.8.1955 wurde festgestellt, dass die Tür des Pumpenwerkes am Hummelberg in Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, durch welches die Bevölkerung zusätzlich mit Trinkwasser versorgt wird, gewaltsam geöffnet war. Beschädigt wurde nichts. Maschinen sind nicht vorhanden, nur vier Anstellschieber und die mit Deckeln verschlossenen Wasserbehälter.
Durch die Hygiene-Inspektion des Rates des Kreises wurden sofort Wasserproben zwecks chemischer und bakteriologischer Untersuchung entnommen. Ergebnis ist noch nicht bekannt.
Am 2.8.1955 wurde im VEB Jutespinnerei Olbersdorf, [Bezirk] Dresden, gegen 16.00 Uhr, das Zuleitungskabel für das Gummitransportband zerschnitten. Der entstandene Produktionsausfall ist gering, da der Schaden durch Reparatur sofort beseitigt werden konnte.
Im Silo-Handelshafen Magdeburg fiel am 26.7.1955 eine Sauganlage aus. Zwischen den aus Westdeutschland gelieferten Sojabohnen wurden Eisenteile gefunden. Der Kahn gehört der DSU Magdeburg und wurde in Hamburg beladen. (Dieses wurde bereits schon mehrmals festgestellt.)
Der VEB ABUS Niedersedlitz, [Bezirk] Dresden, erhielt am 2.8.1955, um 0.05 Uhr, einen Anruf: »In einer Stunde bricht bei euch Großfeuer aus.« Daraufhin wurde aufgelegt.
Sicherungsmaßnahmen wurden sofort festgelegt. Es ereignete sich jedoch nichts.
Ein Betriebsabrechner aus dem sächsischen Kunstseidenwerk »Siegfried Rädel« Pirna verbreitet das Gerücht, dass in den Ministerien und Hauptverwaltungen innerhalb von zwei Stunden sämtliche Mitarbeiter entlassen worden wären, welche in den Westsektoren wohnen.
Versorgung der Bevölkerung
Die Stimmung der Bevölkerung über die Versorgungslage ist zum größten Teil negativ, weil immer wieder Mängel auftreten. Dabei spielt besonders die Kartoffelversorgung eine Rolle. Es wird erklärt, dass solche Fehler, die schon jährlich vorkommen, längst hätten beseitigt werden müssen. Auch Besucher aus Westdeutschland bringen ihr Missfallen darüber zum Ausdruck, dass es bei uns an dem Lebensnotwendigsten fehlt.
In mehreren Diskussionen kommt zum Ausdruck, dass die Stimmung der Bevölkerung ähnlich wie vor dem 17.6.195325 sei.
Die Hausfrauen sind empört, dass Kartenabschnitte für Kartoffeln zwar aufgerufen sind, in den Geschäften es aber nur selten welche zu kaufen gibt und sie dann noch anstehen müssen.
Oft wird gesagt »geht doch nach Westberlin, da gibt es Obst in Hülle und Fülle, und nicht nur kleine Kartoffeln«.
Auch wird an der Fähigkeit der zuständigen Stellen, die für die Versorgung verantwortlich sind, gezweifelt.
Über den Mangel an Streichhölzern spricht man, dass die Knappheit davon komme, weil der Schwefel für Kriegszwecke benötigt würde.
Ein Einwohner aus Pößneck, [Bezirk] Gera: »Wenn die Schweinerei so weitergeht, wird unsere Staatsmacht eines Tages wieder ins Schwanken geraten wie in der Zeit des 17. Juni.«
Ein Arbeiter aus dem Kreis Aschersleben, [Bezirk] Halle: »Es wird immer schlechter. Jetzt gibt es überhaupt nichts mehr und das im letzten Jahr des ersten Fünfjahrplanes.26 Die haben ja nichts mehr, die machen wieder solange, bis ein 17. Juni kommt.«
Ein Arbeiter aus dem Kraft- und Chemiewerk Lauta, [Kreis] Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus: »Es ist doch schon eine Weile her, dass es keine Streichhölzer mehr gibt, aber bisher hat man der Bevölkerung keine Aufklärung gegeben. Es wird viel davon gesprochen, dass dies der Kriegsvorbereitung dient.«
Im Dachziegelwerk Bad Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, spricht man davon, dass der Schwefel für Kriegszwecke benötigt wird.
Einige Arbeiterfrauen aus dem Kreis Ribnitz, [Bezirk] Rostock, äußerten: »Wenn es keine Kartoffeln gibt, dann gehen unsere Männer nicht mehr arbeiten.«
Ein Arbeiter aus dem Bezirk Halle: »Für die, die schon einen Haufen Geld verdienen, sind genügend Zigaretten in teuren Preislagen da, und wir, die schon in allem sparen müssen, sollen jetzt auch noch auf die billigen Zigaretten verzichten.«
In den Bezirken Rostock und Suhl bestehen örtlich Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Brot. Durch den Mangel an Kartoffeln wird viel Brot gekauft und dadurch herrscht auf diesem Gebiet eine Knappheit.
Zum Beispiel werden in den Badeorten im Kreis Putbus, [Bezirk] Rostock, täglich 3 000 Brote gebraucht. Die Bäckereien unter Mithilfe der Privatbäckereien können aber nur eine Menge von 2 000 Broten herstellen.
Stralsund dagegen ist in der Lage, zusätzlich Brot zu liefern. Hier scheitert es jedoch an der Transportfrage.
Eine weitere Ursache ist das Abwandern der Facharbeiter in die Industrie, weil die Bezahlung nach dem Facharbeitertarif im Bäckerhandwerk gegenüber der Industrie so niedrig ist.
Im Kreis Sonneberg, [Bezirk] Suhl, besteht auch ein Mangel an Brot, besonders am Wochenende. Der Grund für die unzureichende Brotversorgung liegt hauptsächlich darin, dass Bäckerfachgeschäfte fehlen und Facharbeiter ständig in die Industrie abwandern, weil dort die Bezahlung besser ist. In diesem Kreis sind in mehreren VEB über 50 Bäckergehilfen tätig. Obwohl der Rat des Bezirkes hiervon Kenntnis hat, ist noch nichts unternommen worden.
In der Gemeinde Trusethal, [Kreis] Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, erhalten die Konsum-Verkaufsstellen27 von 150 verlangten Broten nur 15 durch die Konsum-Bäckerei geliefert.
Der Leiter der Konsum-Bäckerei erklärte, dass die Bäckergehilfen es ablehnen Nachtschicht zu machen.
In Marienberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, trafen Importlieferungen aus den Volksdemokratien ein, wobei ziemlich hohe Verluste entstanden. So z. B. bei einem Waggon Aprikosen aus Bulgarien 30 % Verlust. Bei einem Waggon Pfirsiche aus Italien 15 % Verlust. Bei einem Waggon Tomaten aus Bulgarien 25 % Verlust.
Der Kreiskonsumgenossenschaft Döbeln, [Bezirk] Leipzig, ist wegen Verderb von ca. 9 000 Stück Bockwürsten ein Schaden von ca. 10 000 DM entstanden.
In der Stadtverwaltung Wriezen, [Kreis] Bad Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wird folgendes Gerücht verbreitet: »Die Brotversorgung, die in der nächsten Zeit zu erwarten ist, und die alte Qualität des Brotes28 wiederbringt, ist mit einer Preisehöhung des Brotes verbunden.«
Die Lage in der Landwirtschaft
Die verlustlose Einbringung der Ernte steht in der Landwirtschaft im Vordergrund. Dadurch werden die Diskussionen über das Ergebnis der Genfer Konferenz immer mehr zurückgedrängt. Der Inhalt der Diskussionen hat sich im Wesentlichen nicht verändert.
Von dem größten Teil der Landbevölkerung wird jetzt die ganze Hoffnung auf die Außenministerkonferenz im Oktober29 in Bezug auf die Lösung der Deutschlandfrage gesetzt. Es wird auch gefordert, dass zu dieser Konferenz Vertreter beider Teile Deutschlands hinzugezogen werden.
Ein Teil der Landbevölkerung, hauptsächlich aus dem sozialistischem Sektor, zieht immer mehr die richtigen Schlussfolgerungen aus der Genfer Konferenz, und zwar, dass das deutsche Volk in erster Linie für die Einheit Deutschlands kämpfen muss und dass wir in diesem Kampf die SU als guten Freund zu Seite haben.
Bei den Diskussionen über wirtschaftliche Probleme stehen die Fragen der verlustlosen Einbringung der Ernte, schnelle Ablieferung und der Appell des Zentralvorstandes der VdgB,30 bis zum 10. Jahrestag der Bodenreform,31 am 3.9.1955, das Ölfrucht- und Getreidesoll zu erfüllen, im Mittelpunkt der Diskussionen. In allen Bezirken sind die Erntearbeiten im vollen Gange. Von Genossenschaftsbauern und werktätigen Bauern wird im Allgemeinen zum Ausdruck gebracht, dass die diesjährige Ernte wirklich gut sei und sie mit der Ablieferung in diesem Jahr keine Schwierigkeiten hätten.
Zum Beispiel ist die Rapsmahd im Bezirk Magdeburg abgeschlossen. Es wurde festgestellt, dass in den Vorjahren ein Durchschnittsdruschergebnis von 6 bis 8 dz ha erreicht wurde, in diesem Jahr aber wurde das Ergebnis um das Dreifache übertroffen.
Obwohl die Mehrheit der Bauern bemüht sind ihren Verpflichtungen dem Staat gegenüber so schnell wie möglich nachzukommen, wird vereinzelt von Großbauern,32 hauptsächlich im Bezirk Potsdam, versucht, gegen diese Bestrebungen zu arbeiten.
Zum Beispiel wird von den Großbauern der Gemeinden Deutsch Bork und Brachwitz, [Kreis] Belzig, [Bezirk] Potsdam, verbreitet: »Habt es nicht so eilig mit der Ablieferung, im Herbst 1955 braucht ihr nichts mehr abzugeben.«
Dieses Argument trat schon während der Genfer Konferenz in diesen Gemeinden auf.
Teilweise wird auch von Groß- und Mittelbauern im Bezirk Potsdam versucht, durch negative Diskussionen die anderen Bauern gegen die Politik der DDR aufzuwiegeln und zu beeinflussen.
Zum Beispiel äußerte sich ein Mittelbauer aus Kossin, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam: »Heute ist es genau so wie früher. Während des Krieges hat man die Juden verfolgt und heute verfolgt man die Bauern.«
In den Bezirken Leipzig, Halle, Schwerin und Rostock haben sich zahlreiche LPG- und werktätige Bauern verpflichtet, bis zum zehnten Jahrestag der Bodenreform, am 3.9.1955, ihr gesamtes Getreidesoll abzuliefern. Sie bringen zum Ausdruck, dass sie sich ihrer Verpflichtung dem Staat gegenüber bewusst sind.
Zum Beispiel verpflichteten sich die LPG und werktätigen Bauern im Landkreis Schwerin auf der am 29.7.1955 stattgefundenen Kundgebung in Schwerin,33 bis zum 3.9.1955 ihr gesamtes Getreidesoll abzuliefern.
Alle anderen Verpflichtungen haben den gleichen Inhalt.
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:
Im Bezirk Neubrandenburg sind im Monat Juli 1955 516 Schweine notgeschlachtet und 107 verendet.
Im staatlichen Tierzuchtbetrieb in Kriele, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, 73 Schweine notgeschlachtet.
Bei vier werktätigen Bauern in den Kreisen Rathenow/Belzig/Luckenwalde/Potsdam 38 Schweine notgeschlachtet.
Bei vier Einzelbauern in den Kreisen Jüterbog und Belzig, [Bezirk] Potsdam – 172 Schweine notgeschlachtet.
In Korbow, [Kreis] Lübz, [Bezirk] Schwerin – 44 Schweine notgeschlachtet, zwei Schweine verendet.
In den Kreisen Perleberg/Hagenow/Güstrow, [Bezirk] Schwerin – 44 Schweine notgeschlachtet, zwei Schweine verendet.
Bei zwei Mittelbauern im Kreis Demmin und Templin, [Bezirk] Neubrandenburg – 36 Schweine notgeschlachtet, zwölf Schweine verendet.
In der LPG Massow, [Kreis] Roebel, [Bezirk] Neubrandenburg, erhalten die Mitglieder für ihre geleistete Arbeit kein Geld mehr, weil die Bauernbank kein Geld mehr auszahlt, da die eingeplanten Kosten weit überzogen sind.
Bei dem im Bau befindlichen Schweinestall der LPG »7. Oktober« in Rieder, Kreis Quedlinburg, [Bezirk] Halle, stürzte teilweise die vom VEB Holzverarbeitungsbetrieb Wernigerode gelieferte und von einem Privatunternehmer aus Rieder aufgestellte Dachkonstruktion ein. Schaden ca. 10 000 DM.
Am 3.8.1955 wurde in der LPG Brumby, Kreis Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, festgestellt, dass zwei Rinder auf der Koppel der LPG verendet waren und weitere Rinder bedenkliche Krankheitserscheinungen zeigten. Zwei weitere Rinder mussten notgeschlachtet werden. Die Ursache konnte noch nicht festgestellt werden.
Am 25.7.1955 wurde in der Gemeinde Durchwehne, [Kreis] Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, ein ca. 150 m langes Druschkabel zur Anschlussstelle gelegt. Am 2.8.1955 wurde festgestellt, dass das Kabel an drei Stellen mit einem scharfen Gegenstand bis an die Drähte angeschnitten worden ist.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Durch das Unwetter (wolkenartige Gewitter) der letzten Tage in dem Bezirk Karl-Marx-Stadt, Gera, Magdeburg und Halle entstanden folgende Schäden:
So z. B. im VEB Baumwollweberei Treuen, Kreis Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, standen die Keller, Lager und Maschinenräume bis zu 1,50 m unter Wasser. Es entstand dadurch ein Schaden von ca. 60 000 bis 70 000 DM. Weiterhin fällt die gesamte Maschinenanlage dieses Betriebes durch die Wassereinwirkung voraussichtlich für 14 Tage aus.
In Bartmühle, Kreis Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde eine Eisenbahnbrücke (Stahlkonstruktion) unterspült und zum Teil weggerissen. Sie wird nur noch durch die Eisenbahnschienen gehalten. Der Zugverkehr zwischen Plauen und Bartmühle musste aufgrund dessen eingestellt werden.
Im VEB Kammgarn Westsachsen, [Kreis] Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist ein Schaden von ca. 35 000 DM entstanden, und zwar durch das Einströmen der Wassermassen in das Kesselhaus. Der Produktionsschaden wird mit ca. 21 000 DM angegeben, sodass der Gesamtschaden ca. 56 000 DM beträgt.
In der Gemeinde Weisensand, [Kreis] Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, entstand ein Straßenschaden, deren Wiederherstellung ca. 300 000 DM erfordert. Ferner wurden durch Hagelschlag 50 % der Ernte vernichtet.
Am 1.8.1955 ist im Wismut-Objekt 31, Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, die Pumpenstation II und die Hauptpumpenstation ersoffen, und zwar durch Einbrechen des Stausees. Seit dieser Zeit liegt das gesamte Wismutobjekt 31 still.
Im Kreis Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, sind nach bisherigen Meldungen ca. 1 600 ha landwirtschaftlicher Nutzflächen überflutet.
Am 1.8.1955 wurden durch den Kreisrat des Kreises Waren, [Bezirk] Neubrandenburg, zehn Fälle Paratyphus festgestellt. Es besteht Verdacht, dass die Krankheit durch den Genuss von Gefrierfleisch hervorgerufen wurde.
Einschätzung der Situation
Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich geändert.
Anlage 1 vom 6. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2473
Auswertung der Westsendungen
In einer Sendung »Werktag der Zone«34 vom 4.8.1955 gibt RIAS35 einen Bericht über die angeblich gute Arbeitsmarktlage in der Bundesrepublik, der nach dem Kriege noch niemals so gut wie jetzt gewesen sei.
Mit dieser Propaganda wird versucht, Spezialkräfte aus der DDR nach Westdeutschland abzuziehen, indem behauptet wird, dass die Arbeitslosenquote in der Bundesrepublik auf 3 % zurückgegangen sei.36 Weiter heißt es, dass sämtliche Reserven an Facharbeitern erschöpft seien und in sämtlichen Berufszweigen, auch in der Landwirtschaft, laufend Arbeitskräfte gesucht würden.
Besonders für folgende Kräfte zeigt der Gegner Interesse:
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In der Bau-Industrie: Facharbeiter, leitende Angestellte und Arbeiter.
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In der Eisen- und Metall-Industrie: Ingenieure aller Art, Konstrukteure, Techniker, Physiker, Former, Werkzeugmacher, Maschinen-Schlosser, Bau-Schlosser, Schweißer, Dreher, Kupferschmiede, Klempner, Schlosser und Schiffsbauer.
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Im Steinkohlen-Bergbau: Untertage-Arbeiter, Berglehrlinge und Jungbergarbeiter.
Um auch weibliche Arbeitskräfte nach Westdeutschland abzuziehen heißt es u. a.:
»In manchen Berufen ist der Arbeitsmangel so groß, dass die Zulassung von ausländischen, insbesondere von italienischen Arbeitern gefordert wird. Die Arbeitsverwaltung hat diese Forderung bisher abgelehnt und darauf hingewiesen, dass erst die Reserven an den bisher nicht berufstätigen Frauen ausgeschöpft werden müssten.«
Um eine verlustlose Einbringung der Ernte zu verhindern, setzt RIAS seine Hetze fort und fordert die Bauern auf, keinen Gebrauch von Mähdrescher der MTS zu machen. Er »begründet« es damit, dass durch die Bearbeitung der Mähdrescher dem Bauern kostbares Stroh und Spreu verloren ginge, und als Futter dann fehlen würde, weil »der hohe Viehhalteplan37 einfach die Bauern dazu zwingt, jeden Halm, Stroh und jedes Pfund Spreu zu bergen«.
Anders dagegen sei es in der SU, »da ist der Viehbestand in den Kolchosen38 wesentlich geringer als in der Sowjet-Zone. Ja, es ist doch so, dass die Mehrzahl der Kolchosen auf je zehn ha nur ein Stück Groß-Vieh hält, und es spielt doch deshalb keine Rolle, wenn nicht alles Stroh und vor allem auch alle Spreu geborgen wird oder ob sie der Mähdrescher in die Luft bläst«.
In einer anderen Sendung versucht RIAS die Bauern vom Mais-Anbau39 abzuhalten, indem er hetzt, dass zur Pflege und Ernte des Mais-Anbaues viele Arbeitskräfte benötigt werden, die aber bei uns in der Landwirtschaft fehlen würden.
Des Weiteren sei der Monat August für den Mais-Anbau nach wissenschaftlichen Erkenntnissen viel zu spät und diene nur »propagandistischem Zweck«. Am Schluss der Sendung heißt es wörtlich: »Kein vernünftiger Bauer sollte sich danach richten.«
Anlage 2 vom 5. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2473
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 1. bis 4.8.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro40:
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Karl-Max-Stadt 20;
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Halle: Kreis Wittenberg41 5 000, Kreis Hohenmölsen 2 000, Kreis Gräfenhainichen 40;
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Neubrandenburg: mehrere;
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Suhl: Kreis Ilmenau mehrere Hundert;
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Cottbus: Kreis Lübben 3 000;
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Magdeburg: Kreis Genthin 1 700;
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Leipzig 330;
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Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 73, Kreis Nauen 200;
- –
Frankfurt/Oder 180.
KgU42:
- –
Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen mehrere;
- –
Berlin-Mitte 8 000.
NTS43:
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Karl-Marx-Stadt 15;
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Dresden mehrere;
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Schwerin 14 000: Kreis Perleberg 6 000;
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Berlin: Berlin-Pankow 10 000, Treptow 2 000, Berlin-Mitte 8 000.
ZOPE44:
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Halle: Kreis Quedlinburg 10.
In polnischer, englischer und französischer Sprache:
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Berlin-Treptow 50 000.
UFJ45:
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Potsdam: Kreis Brandenburg 10.
Ostbüro der FDP46:
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Potsdam: Kreis Brandenburg 450.
Ostbüro der CDU47:
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Halle: Kreis Wittenberg48 5 000;
- –
Dresden: Kreis Oschatz 1 000.
Unbekannter Herkunft:
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Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 10 000, Kreis Brandenburg 470;
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Frankfurt/Oder: Kreis Strausberg 550, Kreis Fürstenberg 150;
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Schwerin: Kreis Ludwigslust 5 000.
Bei den Hetzschriften handelt es sich um bereits bekannte Exemplare.
Terror
Am 30.7.1955 wurden zwei Angehörige der Grenzpolizei von einem Kraftfahrer in Kleinmachnow, [Bezirk] Potsdam, tätlich angegriffen. Der Kraftfahrer war betrunken und provozierte die beiden Genossen mit den Worten: »Ihr Sachsen, ihr Schweine, habt nichts bei uns in Berlin zu suchen.«
Am 2.8.1955, gegen 0.30 Uhr, wurde der Lagerleiter des Kinderferienlagers Zschorna, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, von drei Jugendlichen niedergeschlagen. Täter konnten noch nicht ermittelt werden.
In der Stadt Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, wird das Gerücht verbreitet, dass in Westberlin die Hartgeld-Fünfzigpfennigstücke der DM 1: 1 umgetauscht werden.
Gleichzeitig wurde festgestellt, dass sich in Brandenburg nur wenige dieser Geldstücke im Umlauf befinden.
Anlage 3 vom 4. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2473
Die Stimmung zur Genfer Konferenz und zum Besuch der sowjetischen Regierungs-Delegation
Zur Gesamtstimmung über die Genfer Konferenz kann gesagt werden, dass außer der Viermächte-Konferenz in Berlin49 selten ein anderes politisches Ereignis solche Beachtung bei der Bevölkerung gefunden hat.
Ein Beweis dafür ist [sic!] die zahlreichen Diskussionen vor und besonders während der Genfer Konferenz, die mit Ausnahme der Landbevölkerung, die sich nicht so stark beteiligte, in allen Schichten, aber besonders zahlreich von den Industriearbeitern geführt wurden. Erwähnenswert für das starke Interesse und für die richtige Einschätzung dieser Konferenz sind die Wismut-Kumpels. Und zwar wurden im gesamten Wismut-Gebiet anlässlich der Genfer Konferenz 1 989 Stoß- und Ehrenschichten verfahren, zahlreiche Resolutionen angenommen, Produktionsverpflichtungen eingegangen und Höchstleistungsschichten verfahren.
Tatsache ist, dass in der Zeit der Genfer Konferenz, sowie auch danach, alle anderen politischen Probleme in den Hintergrund gedrängt wurden, was aber nicht im gleichen Maße auf die wirtschaftlichen Fragen zutrifft.
Dagegen fand der Verlauf und der Ausgang der Konferenz unter der Landbevölkerung, vielfach wegen der Erntearbeiten, nicht die wünschenswerte Beachtung.
Auch unter den anderen Schichten der Bevölkerung, teilweise auch unter den Werktätigen der Betriebe, wurde über das Ergebnis der Genfer Konferenz im weit geringeren Maße diskutiert, als dies während der Verhandlungen der Fall war.
Dies ist einmal auf eine gewisse Interessenlosigkeit gegenüber dem politischen Geschehen – was jetzt wieder stärker in Erscheinung tritt – zurückzuführen.
Ein Beweis dafür ist u. a. die geringe Beteiligung an einer vor einigen Tagen stattgefundenen Großkundgebung in Magdeburg sowie in einigen Kreisstädten dieses Bezirkes. So waren selbst die Großbetriebe wie das ET-Werk,50 Karl-Marx-Werk51 und Karl-Liebknecht-Werk nur schwach vertreten.
In dem VEB Zuckerfabrik Salzwedel wurde am 27.7.1955 eine Belegschaftsversammlung mit dem Thema »Genfer Konferenz« durchgeführt. Daran nahmen nur 54 Kollegen teil, während 100 bis 120 Mann den Betrieb verließen.
Ein weiterer Grund dafür ist die ungenügende Agitation und Aufklärungsarbeit, was besonders auf die Landbevölkerung und die übrige Bevölkerung zutrifft und sich auch in einer Reihe von Betrieben zeigt.
Dies hat andererseits zur Folge, dass besonders über die Herstellung sowie über die Gestaltung eines einheitlichen Deutschlands große Unklarheiten bestehen. Eine ganze Reihe von Diskussionen beweisen, dass darüber in allen Schichten der Bevölkerung gesprochen wird. Dabei wird vor allem die Frage des gesellschaftlichen Eigentums berührt. Von fortschrittlichen Kräften, vorwiegend in der Industrie und im sozialistischen Sektor der Landwirtschaft, wird vielfach erklärt, dass das Geschaffene in der DDR, das Volkseigentum, niemals aufgegeben werden darf. »Niemals sollen die VEB wieder in die Hände der Kapitalisten gelangen« und »das Bauernland soll nie wieder in die Hände der Junker zurück«. Entgegen dieser fortschrittlichen und klaren Einstellung gibt es viele, die fragen: »Wie soll die Wiedervereinigung vor sich gehen? Die Kapitalisten drüben sind doch niemals gewillt ihren Besitz herzugeben.« und Ähnliches mehr.
Im demokratischen Sektor von Berlin52 zeigen die Diskussionen, dass sich ein Teil der Bevölkerung die Einheit Berlins hauptsächlich so vorstellt, dass »auch bei uns die Schaufenster so voll sind wie in Westberlin« und »es auch bei uns die Sachen zu kaufen gibt wie jetzt in Westberlin«. Mitunter werden gerade von Arbeitern nahezu Lobgesänge über das »Westgeld« vorgebracht.
Im Zusammenhang mit der Frage der Lösung des Deutschlandproblems spielten vielfach die freien Wahlen53 eine Rolle. Dabei ist bemerkenswert, dass in einer Reihe Diskussionen, besonders in einer Anzahl Betriebe, weil da am stärksten darüber gesprochen wird, der SED nur ein geringer Wahlerfolg in Aussicht gestellt wird. Feindliche Elemente – darunter ehemalige SPD-Mitglieder – vor allem in den Bezirken Leipzig und Potsdam, sprachen ihre »Genugtuung« darüber aus, dass »bei gesamtdeutschen freien Wahlen die SED ausgespielt hat«, »die SPD die meisten Stimmen erhält«, »viele ihre Koffer dann packen müssten« und Ähnliches.
Dabei zeigt sich aber auch, was aus dem Bezirk Magdeburg berichtet wird, dass ehemalige SPD-Mitglieder, die vor der Genfer Konferenz fest davon überzeugt waren, dass die SU die DDR aufgibt und sie zur »Macht« gelangen würden, jetzt eine abwartende Haltung einnehmen. So werden in diesen Kreisen fast keine Diskussionen über das Ergebnis der Genfer Konferenz geführt, sodass es scheint, als ob auf eine Neuorientierung gewartet würde.
Betont muss dabei noch werden, dass besonders von der Westpropaganda das Problem der freien Wahlen, wie überhaupt die Einheit Deutschlands, in provokatorischer Weise in den Vordergrund gedrängt und zur Hetze gegen die DDR und SU benutzt wurde.
Obgleich über den Ausgang und das Ergebnis der Genfer Konferenz nicht der Bedeutung entsprechend im genügenden Umfange gesprochen wird, so sind doch die Diskussionen aus allen Schichten der Bevölkerung, bis auf die ausgesprochenen reaktionären Kreise, in der Mehrheit positiv.
Am stärksten treten bei den positiven Diskussionen die Industriearbeiter in Erscheinung, und am wenigsten kleinbürgerliche- und großbäuerliche Elemente.
Die werktätige Intelligenz hält sich häufig zurück. Sie nimmt wenig, aber überwiegend positiv Stellung zur Genfer Konferenz.
Fortschrittliche Kräfte, vorwiegend Industriearbeiter, Organisierte sowie Parteilose, schätzen das Ergebnis der Genfer Konferenz richtig ein, indem es immer wieder hießt, »positiv war vor allem das gute Einvernehmen zwischen den Konferenzteilnehmern, wodurch eine Entspannung der internationalen Lage erzielt und auch günstige Voraussetzungen für weitere Beratungen über das Deutschlandproblem geschaffen wurden«.
In diesem Zusammenhang werden im zunehmenden Maße Hoffnungen auf die im Oktober 1955 geplante Außenministerkonferenz gesetzt. Davon erwartet man in erster Linie Fortschritte und teilweise auch die endgültige Lösung in der Deutschlandfrage und in zweiter Linie eine weitere Entspannung der internationalen Lage.
Mit Genugtuung wird des Öfteren auch erklärt, dass die »Politik der Stärke« eine Schlappe erlitten habe und Adenauers Störversuche ohne Wirkung auf den Verlauf der Genfer Konferenz geblieben sind.
Auch sagen viele, »Adenauer wird durch das positive Ergebnis von Genf nicht mehr länger an seiner starren Politik festhalten können und die Einladung nach Moskau annehmen müssen«.
Zusammenfassend kann zu den positiven Stellungnahmen gesagt werden, dass große Teile der Bevölkerung überzeugt davon sind, dass die Genfer Konferenz ein Erfolg war, der in erster Linie der Politik der sowjetischen Vertreter zu verdanken ist, die sich im Interesse der Erhaltung des Friedens vorbehaltlos für die Entspannung der internationalen Lage sowie für die Herstellung eines einheitlichen, demokratischen und friedliebenden Deutschland eingesetzt haben.
Des Weiteren zeigt sich jetzt durch die Entspannung der internationalen Lage unter der Bevölkerung eine weitgehende Beruhigung, da man sich nicht mehr so unmittelbar von einem neuen Krieg bedroht fühlt.
Allerdings muss noch zu der Einschätzung der positiven Stellungnahmen bemerkt werden, dass verhältnismäßig wenige die richtige Schlussfolgerung ziehen – obgleich es in letzter Zeit etwas zunimmt – nämlich, dass das vorbehaltlose Einsetzen der SU in der Herstellung der Einheit Deutschlands uns nicht von der Aufgabe befreit, dass in erster Linie wir Deutschen selbst für die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes kämpfen und dafür den entscheidendsten Beitrag leisten müssen und dass gerade das Ergebnis von Genf dazu Ansporn sein muss.
In den Stellungnahmen, aus denen diese Erkenntnis spricht, heißt es meistens, »da in Genf so eine Übereinstimmung erzielt wurde, muss es auch möglich sein, zwischen den Deutschen in Ost und West eine bessere Verständigung herbeizuführen«.
Auch sagt man, »es muss unbedingt erreicht werden, dass zu der Außenministerkonferenz im Oktober eine gesamtdeutsche Delegation gehört bzw. vertreten ist«.
Vielfach wurde auch über die Genfer Konferenz im Zusammenhang mit dem Besuch der sowjetischen Delegation diskutiert. Besonders dort, wo sich die sowjetischen Staatsmänner aufgehalten haben.
Die Äußerungen sind positiv bis auf ganz wenige Ausnahmen, wo man sagte »der Besuch kostet nur unser Geld« oder »davon haben wir auch nichts« und ähnliche Bemerkungen.
Ein Beweis, welchen Eindruck der Besuch der sowjetischen Delegation auf die Bevölkerung gemacht hat, sind vor allem immer wieder die Erklärungen derjenigen, die aus nächster Nähe die sowjetischen Staatsmänner gesehen haben. Entweder bei der Ankunft auf dem Flugplatz, in der Wuhlheide oder im Betrieb. Für sie war es »ein unvergessliches Erlebnis« oder »der Besuch zeigt die Verbundenheit dieser Staatsmänner mit den Werktätigen« und »darin zeigt sich die Freundschaft und Verbundenheit mit dem deutschen Volk«.
Dabei erwähnt man auch die politische Bedeutung dieses Besuches und stellt heraus, dass es ein Zeichen dafür sei, welchen Anteil die SU an dem Schicksal des deutschen Volkes nimmt. Auch zeige sich darin, entgegen der Behauptung der Westpropaganda, dass die SU »die DDR nicht aufgegeben hat«.
Zum anderen zieht man auch Vergleiche zu den westlichen Vertretern, die in Genf anwesend waren und gleich nach Beendigung der Konferenz in ihre Länder abgeflogen sind.
Nicht zuletzt beweist auch die starke Beteiligung an der Kundgebung am 26.7.1955 in Berlin, welchen Anklang der Besuch der sowjetischen Delegation in weitesten Kreisen der Bevölkerung gefunden hat.
Wenn auch die negativen Nebenerscheinungen dabei mit in Betracht gezogen werden müssen, wie z. B. die Nichtbeteiligung oder das vorzeitige Abwandern einer Reihe Kundgebungsteilnehmern, besonders weiblicher Personen, so muss doch gesagt werden, dass dies die im Allgemeinen herrschende Begeisterung unter den Kundgebungsteilnehmern nicht beeinträchtigte.
Noch zu erwähnen sind dabei die Diskussionen in einer Reihe von Betrieben des Bezirkes Halle über den Aufenthalt der sowjetischen Staatsmänner in dem genannten Bezirk. Diese drücken ebenfalls Anerkennung und Freude darüber aus, dass »so hohe Staatsmänner sich mit den Werktätigen unterhalten und ihnen sowie ihren Nöten Interesse entgegenbringen« und Ähnliches. Andere wieder sprachen ihr Bedauern darüber aus, dass »sie nicht in ihre Betriebe gekommen sind«.
Dazu ist noch zu bemerken, dass nach dem Abschluss der Genfer Konferenz und des sowjetischen Staatsbesuches ein ganzer Teil Industriearbeiter, besonders in den Braunkohlen- und chemischen Werken, stärker die Friedensinitiative der Sowjet-Regierung erkennt und unterstützt. Zum Beispiel zeigt sich in den chemischen Werken Buna, dass nach dem Besuch der sowjetischen Delegation ein großer Teil der Beschäftigten das Ergebnis der Genfer Konferenz anders beurteilen. Erst nachdem der Genossen Chruschtschow zu ihnen gesprochen hat sahen sie ein, dass die Viermächte-Konferenz ein Schritt war, der zur Erhaltung des Friedens beigetragen hat.54
Wie bereits schon erwähnt, beruhte das starke Interesse an der Genfer Konferenz vorwiegend auf der Hoffnung der baldigen Lösung des Deutschlandproblems. Dies trifft auf alle Schichten der Bevölkerung zu, nur mit dem Unterschied, dass fortschrittliche Kräfte an der Herstellung eines demokratischen Deutschlands interessiert sind und reaktionäre und feindliche Elemente die Einheit nach »westlichem Muster« wünschen.
Da nun die Genfer Konferenz keine konkreten Beschlüsse zur Lösung der Deutschlandfrage brachte, zeigt sich in breiten Kreisen der Bevölkerung eine Enttäuschung. So z. B. vielfach bei kleinbürgerlichen Elementen, teilweise bei Mitgliedern bürgerlicher Parteien und besonders unter den Hausfrauen, unter anderem in Suhl und Gera.
Diese Enttäuschung löst mehrfach eine gewisse pessimistische Stimmung aus. So werden Bemerkungen gemacht wie z. B. unter den Hausfrauen und Rentnern in Neubrandenburg, »es kommt eben bei Verhandlungen doch nichts heraus«, »wir können selbst nichts machen« und »die Großen machen doch was sie wollen«. Auch von Werktätigen in einer Reihe von Betrieben sowie unter der Landbevölkerung wird erklärt, »die Genfer Konferenz hat enttäuscht«, »es hat nur wieder eine Konferenz mehr stattgefunden und herausgekommen ist dabei wieder nichts«. Oder es wird auch gesagt, »die Außenministerkonferenz wird ebenso ergebnislos verlaufen«.
Zum anderen zeigt sich die Enttäuschung der reaktionären und feindlichen Elemente in negativen Äußerungen, was aber nur im ganz geringen Maße der Fall ist. Der Grund dafür ist, dass sie jetzt eine gewisse Zurückhaltung üben und nur selten mit ihrer Meinung hervortreten.
So ist z. B. in den Leuna-Werken zu verzeichnen, dass Personen, welche Westsender hören und zu Beginn der Konferenz den Standpunkt vertraten, dass die sowjetische Delegation den Westmächten Zugeständnisse machen müsste, jetzt schweigen und sich nicht über das Ergebnis der Genfer Konferenz äußern. Sie weichen jeder Diskussion aus.
Allgemein ist zu den negativen, bzw. feindlichen Stellungnahmen zu sagen, dass sie im Verhältnis zu der Gesamtstimmung nur vereinzelt zu verzeichnen waren.
Charakteristisch dafür ist, dass der Inhalt meist Hetze gegen die SU und DDR war und auf der Linie der Westpropaganda lag. Dies zeigte sich besonders im demokratischen Sektor von Berlin, da hier die Beeinflussung durch die Westpropaganda und Funk am stärksten ist.
Vereinzelt gaben reaktionäre Elemente in den Betrieben zu, dass sie die Westsender hören, »um sich richtig orientieren zu können« und sie verbreiteten dann Lügen, wie z. B. »die SU ist entgegen ihrer Behauptungen gegen die Lösung der Deutschlandfrage, da sie das Problem der kollektiven Sicherheit in den Vordergrund stellt«, »Bulganin hat die Reihenfolge der Tagesordnung kritisiert, demzufolge wollte er nicht, dass das Deutschlandproblem zuerst gelöst wird«,55 »Bulganin hat erklärt, die Lösung der Deutschlandfrage ist noch nicht reif«.
Bemerkenswert ist, dass während der Genfer Konferenz im erhöhten Maße festgestellt wurde, dass sich viele Menschen durch die westlichen Rundfunksender informiert haben. Dies trifft besonders für Berlin zu. Häufig wurde auch gefordert, dass unsere Presse und der Rundfunk auch die Reden der westlichen Außenminister ausführlich veröffentlichen soll.
Auf dem Lande wurden die negativen Diskussionen vorwiegend von den Großbauern in ähnlicher Weise geführt. Nur das hier, außer der Hetze gegen die SU, die Forderung nach freien Wahlen sowie nach »Freier Wirtschaft« in Verbindung mit einer Hetze gegen die DDR in Erscheinung trat. Sie »begründeten« ihre Forderungen damit, dass »dann endlich der Zwang von oben aufhört«, »sie dann endlich mit ihren Produkten machen können, was sie wollen«. Oder »bei freien Wahlen hat die SED ausgedient, dann werden wieder andere Verhältnisse, die Bevölkerung wird dann nicht mehr belogen hinsichtlich des Lebensstandards«.
In Kreisen der Umsiedler56 bestand die Hoffnung auf Revidierung der Oder-Neiße-Grenze und somit »auf Rückkehr in ihre Heimat«. Dies zeigten die Diskussionen besonders vor und während der Konferenz. Jetzt ist eine gewisse Zurückhaltung, bis auf einige negative Diskussionen, zu verzeichnen. Und zwar ergeht man sich in erneuter Hoffnung, dass »sich die westlichen Vertreter auf der Außenministerkonferenz dafür einsetzen werden, dass sie wieder in ihre Heimat zurückkönnen«. Dies beziehen sie meist darauf, dass »die westlichen Staatsmänner wiederholt erklärt haben, dass sie mit der Oder-Neiße-Grenze nicht einverstanden sind«.
Die westliche Beeinflussung und entsprechend feindliche Einstellung zeigt sich bei Geschäftsleuten und Handwerkern häufiger als in anderen Schichten der Bevölkerung, was besonders in Dresden, Schwerin, Leipzig sowie Potsdam in Erscheinung trat. Dies findet seinen Ausdruck in dem »Wunsch des Anschlusses an den kapitalistischen Westen«.
In Kreisen der Hausfrauen und Rentner war verschieden die Versorgungslage Anlass zu negativen Diskussionen über die Genfer Konferenz. So wurden z. B. aus den Bezirken Suhl und Leipzig Äußerungen bekannt, »was hat die Konferenz für einen Zweck, es gibt doch nicht einmal Kartoffeln«. Zum anderen wünschen teilweise Rentner, die z. B. ehemalige Offiziere und Beamte waren, ebenfalls eine westliche Lösung des Deutschlandproblems. »Sie versprechen sich davon eine Erhöhung ihrer Bezüge und Renten.«
Auch kommen aus den verschiedenen Schichten der Bevölkerung Stimmen, die Pessimismus und Ablehnung ausdrücken. So heißt es u. a. »die Konferenz interessiert uns nicht, da für uns sowieso nichts herauskommt«; »die großen Vier sind sich einig und versuchen nur recht viel aus Deutschland herauszuholen«; »sie sind in Genf nur zusammengekommen und fest [sic!] zu Essen und zu Trinken, sie haben alle vier für uns Deutsche nichts übrig«; »wenn die Großen zu keiner Lösung kommen, können wir Kleinen erst recht nichts machen«.
Zur Einschätzung der negativen Diskussionen ist zu sagen, dass dabei am stärksten die kleinbürgerlichen und großbäuerlichen Bevölkerungskreise sowie die reaktionären Elemente in den Betrieben hervortraten.
Es wurde auch häufig festgestellt, dass die feindlichen Elemente, welche gehofft haben, dass sich die »Politik der Stärke« durchsetzt, jetzt nach Abschluss der Konferenz äußerst zurückhaltend geworden sind.
Zum Abschluss muss noch bemerkt werden, dass sich jetzt, wenn auch noch vereinzelt, so doch im zunehmenden Maße, besonders unter den Jugendlichen in der Industrie sowie auf dem Lande und zum Teil bei Hausfrauen, aufgrund des positiven Ausganges der Genfer Konferenz und der westlichen Einflüsse, eine Unterschätzung der Kriegsgefahr bemerkbar macht.
Dies drückt sich in Äußerungen aus wie z. B. »der beste Beitrag zur Abrüstung wäre der Verzicht auf die Aufstellung Nationaler Streitkräfte«; »jetzt brauchen wir keine KVP-Werbung57 mehr durchzuführen« und »die Mitarbeit in den Kampfgruppen und GST ist nicht mehr nötig«.
Letzteres macht besonders deutlich, dass die Agitations- und Aufklärungsarbeit verstärkt werden muss.