Zur Beurteilung der Situation in der DDR
9. August 1955
Informationsdienst Nr. 2474 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Allgemein zur Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben ist zu sagen, dass zurzeit verhältnismäßig wenig zu den politischen Geschehen Stellung genommen wird. Die Diskussionen über die Genfer Konferenz,1 im Zusammenhang mit der bevorstehenden Außenministerkonferenz,2 werden nur noch im geringen Maße, aber weiterhin überwiegend positiv geführt. Bei den positiven Stellungnahmen zeigen sich keine wesentlich neuen Momente, und bei den negativen Äußerungen handelt es sich meistens um Hetze gegen die DDR und SU, was größtenteils auf die Beeinflussung der Westpropaganda schließen lässt.
Es dreht sich dabei hauptsächlich um die Frage der freien Wahlen,3 die »für die DDR ungünstig ausfallen« würden und darum, dass die Herstellung der Einheit Deutschlands durch »die sture Politik der SU hintertrieben« würde, und ähnliche Argumente.
So äußerte z. B. ein Arbeiter von der Neptunwerft Rostock: »Zuerst sah ich nicht klar, was die Russen wollen. Nachdem ich aber einen Kommentar von drüben gehört habe, weiß ich, was sie vorhaben. Er will unser System auf ganz Deutschland ausdehnen, das schafft er aber nicht. Um freie Wahlen drücken sie sich und die Westmächte lassen aber nicht locker, um sie zustande zu bringen. Für mich steht fest, dass ich die Brüder hier nicht wähle.«
Ein Schlosser vom Bahnbetriebswerk Karl-Marx-Stadt – Hilbersdorf: »Seht nur, die Einheit Deutschlands wurde in Genf nicht zustande gebracht. Die Russen wollen nur sehen, wie sie ihre Aufmarschgebiete festlegen können.«
Ein Schmied aus dem VEB Elektro-Stahlgusswerk Leipzig: »Die Genfer Konferenz hat überhaupt nichts gebracht. Der Russe soll doch endlich einmal richtige geheime Wahlen, so wie in Westdeutschland, zulassen. Aber er lässt sich deshalb nicht darauf ein, weil er weiß, dass dann die SED einpacken kann.«
In einer Unterhaltung zweier Arbeiter vom Schacht 1 – Johanngeorgenstadt – sagte der eine: »Man muss die Westsender hören, denn die sagen was anderes. Nie werden sich die Siegermächte einig werden, solange der Russe auf seiner Politik bestehen bleibt.«
Das zu aktuellen politischen Problemen wenig Stellung genommen wird, trifft auch auf die V. Weltfestspiele in Warschau4 zu. Damit befassen sich in erster Linie fortschrittliche Jugendliche. Demzufolge sind die bekannt gewordenen Äußerungen ausschließlich positiv. Aus den meisten Stellungnahmen spricht die Freude, dass es gelungen ist, eine gesamtdeutsche Delegation aufzustellen, die gemeinsam in Warschau mit der Jugend der Welt für Einheit und Frieden demonstrieren.
Ein Teil der Beschäftigten in den Betrieben diskutiert über die Möglichkeit der Fahrt zum Fußballspiel nach Moskau.5 Neben der Zustimmung kommt es vereinzelt zu negativen Meinungen, die größtenteils besagen, dass die Fahrt zu teuer sei, die Arbeiter sich dies nicht leisten könnten und es »nur etwas für die Funktionäre« sei.
Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem VEB Stahlgusswerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Die Reise nach Moskau kann sich nur die Prominenz leisten, weil die genug Geld verdienen. Der wirklich sportbegeisterte Arbeiter kann nicht fahren, da er kein Geld dazu hat.«
Stärker treten jetzt wieder Diskussionen über wirtschaftliche Fragen, über betriebliche Mängel und Schwierigkeiten sowie über die politische und wirtschaftliche Entwicklung in der DDR in Erscheinung. Dabei zeigt sich, dass ein nicht geringer Teil der Werktätigen über die fortwährenden Mängel in der Produktion, besonders über die Materialschwierigkeiten sowie über die wirtschaftliche Lage in der DDR im Allgemeinen unzufrieden bzw. missgestimmt ist.
So werden immer wieder Vergleiche zu den Verhältnissen in Westdeutschland gezogen, die zuungunsten der DDR ausfallen. Außerdem wird die Meinung vertreten, dass der »versprochene Lebensstandard für 1955 nicht erreicht«6 worden sei.
In der Dampfziegelei Weißwasser, [Bezirk] Cottbus, kam es zu folgender negativer Erscheinung:
Aufgrund des Kartoffelmangels wurde den Kollegen zu Mittag Fleisch und Brot verabreicht. Verschiedene Arbeiter nahmen daraufhin das Brot, kneteten es zu einem Klumpen und warfen es an die Wand. Dazu äußerten sie: »Für so einen Kitt müssen wir schwer arbeiten, und das ist der dauernd gepredigte Wohlstand in der DDR. Anstatt besser wird es immer schlechter.« Die anderen Kollegen befürworteten diese Meinung.
So wird z. B. aus dem Zeiss Jena berichtet, dass in verstärktem Maße über den Lebensstandard diskutiert wird, und zwar in der Form, dass der Verdienst gegenüber den bestehenden Preisen viel zu niedrig sei, und »dass dies auf die Dauer kein gesundes Verhältnis ist«.
In zwei Privatbetrieben in Mühltroff, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera, diskutieren viele Arbeiter: »Jetzt ist nun bald der erste Fünfjahrplan7 erfüllt und wo bleibt der nie gekannte Lebensstandard der Bevölkerung.«
Unter den Elektrikern des ehemaligen VEB Schiffselektrik Rostock besteht eine gewisse Missstimmung. (Dieser Betrieb wurde den jeweiligen Werften angegliedert.)
So brachten z. B. zwei Elektriker von der Warnowerft zum Ausdruck: »Aufgrund der Verschlechterung unseres Verdienstes werden wir keine vier Wochen mehr hier arbeiten. Erst verdienten wir 500 bis 700 DM und jetzt höchstens nur noch 380 DM. Wenn sich dieser Zustand nicht ändert, gehen wir nach dem Westen, denn dort sucht man Fachleute für den Schiffsbau.«
Unter den Bauarbeiten der einzelnen Baustellen wie Kokerei, BKW »Friedenswacht« usw. der Bau-Union Kohle Cottbus, herrscht eine schlechte Stimmung, was sich hemmend auf die Arbeitsproduktivität auswirkt. Der Grund dafür ist folgender:
Die Revierleitung der Braunkohle Senftenberg gab die Anweisung heraus, dass alle Bauarbeiter, die durch die Bau-Union Kohle in Wohnbaracken untergebracht sind, ab sofort nicht mehr die zwei Zentner Deputat-Kohlen bekommen. Sie werden nur an diejenigen ausgegeben, die privat wohnen.
Darüber werden Diskussionen geführt wie z. B.: »Erst nimmt man uns das Übernachtungsgeld, dann rüttelt man [an] den Heimreisegeldern und jetzt die Kohlensache.«
Die Bauarbeiter bringen dafür kein Verständnis auf und sie sagen: »Zu uns haben führende Persönlichkeiten, u. a. der Minister Selbmann8 gesprochen und sie haben gesagt, dass die zwei Zentner Kohlen eine Anerkennung für unsere Leistung am Aufbau der Schwerindustrie sei.«
Im VEB Metallgusswerk Leipzig besteht Auftragsmangel. Deshalb musste in der Abt. Leichtmetall – Alu – eine Nachtschicht aufgelöst werden. Dies löste unter den Kollegen lebhafte und unzufriedene Diskussionen aus.
So äußerte z. B. ein Arbeiter: »Das ist ein Saftladen hier, große Hallen und keine Arbeit.«
Ein anderer Arbeiter sagte: »Lasst mich mit der Politik in Ruhe, wenn nicht mal Arbeit beschafft werden kann. Die sollen lieber als Straßenkehrer gehen.« (Gemeint ist damit die Betriebsleitung.)
Auftragsmangel besteht auch im VEB Textima Hartha,9 [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, was sich ungünstig auf die Planerfüllung auswirkt. (Im Juli nur mit 85 % erfüllt – im August wahrscheinlich nur mit 64 %.)
In dem VEB »Thuringia«10 und IKA in Sonneberg, [Bezirk] Suhl, wird die schlechte Belieferung von Normenteilen (Schrauben und Muttern – kleine Abmessungen) kritisiert. Das zuständige Ministerium ist darüber informiert.
Dazu äußerte der technische Leiter des VEB Thuringia: »Wir könnten unseren Finanzplan weit übererfüllen, wenn wir dieses Material von der DHZ-Metallurgie11in Erfurt bekommen würden. Die Selbstanfertigung dieser Teile kommt weit teurer als der Fertigungspreis.«
Des Weiteren klagten in dieser Berichtsperiode noch folgende Betriebe über Materialmangel:
- –
BFG12 Lauchhammer, [Bezirk] Cottbus, – Produktionsbetriebe Oberhammer – (Stahl für die Herstellung von Baggern und Förderbrücken);
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VEB Elbewerft Roßlau, [Bezirk] Halle (Walzlager für die Dieselmotorenanfertigung);
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VEB Kleinmetallwarenwerk Heiligenstadt, [Bezirk] Erfurt (Kaltband und Draht – Import).
Durch den Mangel an Ersatzteilen sind im Monat Juli 1955 im VEB Verkehrsbetrieb Greiz, [Bezirk] Gera, 46 % der Autobusse ausgefallen. (Es fehlt vor allem an Reifen). Die Auswirkungen zeigen sich besonders im Berufsverkehr.
Im Bezirk Magdeburg ist der Mangel an Ziegelsteinen einer der größten Hemmnisse im Bauwesen.
Aufgrund dessen wurde das Hartsteinwerk Tangermünde, welches bereits seit einigen Jahren ruht, nochmals überprüft. Dabei wurde festgestellt, dass der Betrieb (Privatbesitz) in einer Entfernung von ca. drei km ein Sandvorkommen von 28 Morgen hat, welches ausgenutzt werden kann (für die Herstellung von Kalksandsteinen).
Dazu wäre eine Investitionssumme von 200 000 DM notwendig. Verhandlungen sind im Gange.
Im VEB Glaswerk in Steinach, [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl, konnte durch laufende Verbesserungen die Produktion übererfüllt werden. Dadurch lagern jetzt ca. 100 t Glaswolle, die der Betrieb nicht absetzen kann. Dadurch sind dem Betrieb finanzielle Schwierigkeiten entstanden.
Am 25.7.1955 fiel im Steinbruch Leukersdorf, [Kreis] Stollberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, der Steinbrecher wegen Mangel an Öl und Fett in den Lagerstellen aus. Ursache: Nach Ausbau der Lagestellen wurde festgestellt, dass die Laufschicht zerschmolzen war. Die Überprüfung der automatischen Schmierung ergab, dass Steine, Nägel usw. darin gefunden wurden, obwohl erst am 23.7.1955 der Steinbrecher gereinigt wurde.
Am 3.8.1955, gegen 15.00 Uhr, wurde in dem VEB Kohlenpressanlage in Magdeburg, Winterhafen, die Pressmaschine 1 durch Einwerfen eines Vierkantbolzens geschädigt und stillgelegt. Bei dem Vierkantbolzen handelt es sich um einen Laschbolzen, wie er nur bei der Reichsbahn Verwendung findet.
Ein versehentliches Hereinkommen des Bolzens in die Presse ist unmöglich. Schaden entstand in Höhe von ca. 350 DM.
Am 6.8.1955, um 9.30 Uhr, wurde im Schacht 1 – Johanngeorgenstadt – auf dem Querschlag 7/2, Block 4/9 30 Meter vor der Pumpenstation entfernt, ein Unterstromkabel mit einem Beil eingehackt.
Eine Phase wurde glatt durchgeschlagen, Schnittfläche zwei cm lang. Das Kabel wurde sofort ausgewechselt.
Beim Reichsbahnamt Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurde in der Nacht vom 5.8. zum 6.8.1955 eine Fahne abgerissen. Zwei weitere Fahnen der DDR wurden ebenfalls in der gleichen Nacht in Bautzen beschädigt bzw. entfernt.
In der Männertoilette der Halle 16 der Warnowwerft Warnemünde wurde folgende Hetzlosung angeschmiert: »Deutschland soll kein Satellitenstaat der Bolschewisten werden.«
Am 1.8.1955 ist ein Bautechniker aus dem VEB Maschinenbau »Heinrich Rau« Wildau13 republikflüchtig geworden. Seine Ehefrau teilte auf Befragen mit, dass er durch eine Person aus dem Werk telefonisch gewarnt worden sei, er würde kurz vor seiner Verhaftung stehen. Tatsächlich lag aber gegen den Bautechniker nichts vor.
Am 4.8.1955, gegen 20.30 Uhr, wurde durch einen Betriebsschutzmann an der Späneablage der Tischlerei der Ernst-Thälmann-Werft in Brandenburg, [Bezirk] Potsdam, ein Feuer entdeckt, welches vermutlich durch unbekannte Täter vorsätzlich angelegt wurde. Das Feuer konnte sofort gelöscht werden, sodass kein wesentlicher Schaden entstand. Zu bemerken ist, dass diese vermutliche Brandstiftung in der Tischlerei schon die zweite in diesem Jahr ist.
Am 8.8.1955, 6.15 Uhr, brach im VEB Ölwerke Riesa ein Brand aus. Es handelt sich dabei um die Trockenanlage. Schaden: 25 000 DM.
Im VEB Mineralölwerk Herrenleithe, [Kreis] Pirna, brach am 7.8.1955, gegen 2.25 Uhr, ein Brand aus.
Nach bisherigen Schätzungen beträgt der Brandschaden ca. 60 000 DM. Personenschaden ist nicht zu verzeichnen. Der dadurch entstandene Produktionsausfall wird ca. 100 000 DM betragen. In ca. 14 Tagen wird die volle Produktion wieder aufgenommen. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen.
Am 7.8.1955, gegen 4.30 Uhr, trat im Kraftwerk »Ernst Thälmann« im chemischen Werk Buna eine Störung auf, die den Stillstand sämtlicher Turbinen zur Folge hatte. Ursache: Es wird angenommen, dass ein Speiserohr geplatzt ist, wodurch ein Kurzschluss entstand.
In der Nacht vom 5.8. zum 6.8.1955 fiel im VEB Maxhütte Unterwellenborn, gegen 1.20 Uhr, ein Generator aus.
Die bisherigen Ermittlungen ergaben, dass der Ausfall auf den Brand eines Kabels zurückzuführen ist. Schaden: ca. 60 000 DM.
Am 4.8.1955, gegen 8.30 Uhr, trat im Kaliwerk Bleicherode, Kreis Nordhausen, eine Betriebsstörung ein. Durch das Ausbrechen eines Zahnes aus dem Tellerrad der Fördermaschine und durch das Blockieren des Tellerrades, wurde der Lagerblock abgerissen und die Welle verbogen. Produktionsausfall wird auf ca. 1 000 t Rohsalz geschätzt.
Am 4.8.1955, gegen 2.00 Uhr, wurde das Zubringerband 9 der Förderbrücke des VEB Kombinat Espenhain, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, durch ein mitgefördertes Rohstück in der gesamten Länge aufgeschnitten. Die Schadensumme beträgt ca. 20 000 DM.
Größerer Produktionsausfall tritt nicht ein, da eine Planreparatur vorgesehen war.
Am 2.8.1955, gegen 9.45 Uhr, ist der Kessel 1 im VEB Kombinat Böhlen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, bis zum 3.8.1955, gegen 12.00 Uhr, infolge Schadens am Vorwärmer ausgefallen. Produktionsausfall: ca. 2 460 t Dampf = ca. 5 535 DM.
Am 5.8.1955 war der Schaufelbagger im VEB Borna,14 [Bezirk] Leipzig, außer Betrieb. Ursache: Defekte Kupplin-Ritzel. Produktionsausfall: 1 500 t Rohkohle = 4 500 DM.
Durch Kohlenmangel infolge des Ausfalls des Schaufelbaggers, musste die Fabrik I des BKW Neukirchen am 5.8.1955 ca. zehn Stunden angehalten werden. Produktionsausfall: 300 t Brikett = 4 500 DM.
Infolge fahrlässiger Arbeitsweise des Weichenstellers entgleiste im Braunkohlenwerk Golpa, Kreis Gräfenhainichen, der letzte Wagen eines Vollzuges. Der dadurch entstandene Produktionsausfall beträgt ca. 3 000 DM.
Am 7.8.1955 war der Absetzer des VEB Rositz15 – Tagebau Ruppersdorf, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, außer Betrieb. Ursache: Eimerkettenbruch. Produktionsausfall: ca. 4 300 DM.
Im VEB Kombinat Böhlen, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, war vom 6.8.1955 bis 7.8.1955 der Bagger 7 außer Betrieb. Der Grund lag darin, dass das Querband infolge Brüchen an Reparaturstellen neu geklammert werde müsste. Produktionsausfall: ca. 7 980 DM.
Versorgung der Bevölkerung
Die Versorgungslage hat sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert. Nach wie vor bestehen die schon berichteten Schwierigkeiten besonders in der Kartoffelversorgung.
Obwohl schon Frühkartoffeln zum Verkauf gelangten, reichen diese bei Weitem nicht aus, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken. Darum werden auch gerade über Kartoffelknappheit sehr viele negative Diskussionen geführt, hauptsächlich von Hausfrauen. Häufig wird zum Ausdruck gebracht, dass nur westdeutsche Kinder in die DDR geholt werden, um damit Propaganda zu machen,16 wir aber selbst nicht genug zum Essen haben.
Hausfrauen erklären, »wenn sie keine Kartoffeln bekommen, würden ihre Männer nicht mehr zur Arbeit gehen«, oder »warum gibt es denn im Westen genügend Kartoffeln«.
Weiterhin wird erklärt, dass der Mangel an Kartoffeln durch die zu kurze Terminsetzung der Getreideablieferung kommt, denn dadurch haben die Bauern keine Zeit zum Kartoffelroden.
Westdeutsche Besucher erklären, »dass sie in der DDR nicht satt werden, weil es keine Kartoffeln gibt«.
In diesem Zusammenhang wird sogar gegen die Sowjet-Armee gehetzt und erklärt, dass diese die Kartoffeln für sich beschlagnahmt.
Zum Beispiel sagte eine Hausfrau aus Schleiz, [Bezirk] Gera: »Da werden von Westdeutschland viele Kinder in die DDR eingeladen, um an der Ferienaktion teilzunehmen. Dabei ist es so, dass wir noch nicht einmal für unsere eigenen Kinder Kartoffeln haben.«
Im Ort Stecklenberg im Harz, [Bezirk] Halle, wurde von den Hausfrauen diskutiert: »Wenn wir keine Kartoffeln bekommen, können wir unsere Männer nicht zur Arbeit schicken.«
Beim Vorsitzenden des Rates des Kreises Prenzlau erschienen Frauen und forderten Kartoffeln. Sie ließen sich auf keine weiteren Diskussionen ein und erklärten, dass sie sich mit einer derartigen Belieferung nicht mehr zufriedengeben, da diese schlechte Belieferung ja nicht nur in Kartoffeln zu verzeichnen ist.
Weiterhin brachten sie zum Ausdruck, dass sie von ihren Männern geschickt wurden und falls keine Kartoffeln auf den Markt kommen, sie ihren Männern Bescheid geben und dann wird man ja sehen was kommt.
In Bärenstein, [Kreis] Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, haben17 sich wegen der schlechten Kartoffelversorgung 39 Frauen auf einer Liste unterschrieben, welche sie an den Genossen Walter Ulbricht18 schicken wollten.
Verschiedene westdeutsche Besucher in Waren, [Bezirk] Neubrandenburg, besonders Frauen, äußerten zur Kartoffelversorgung: »Sie müssen hungern, es gibt hier keine Kartoffeln. Im Westen gibt es so viel wie sie haben sollen.«
Im VEB Messgerätewerk Quedlinburg kursiert das Gerücht: »Die Sowjet-Armee hat die gesamten Kartoffeln beschlagnahmt.«
Die Diskussionen über die Versorgung insgesamt gesehen sind ebenfalls in der Mehrheit negativ.
Es wird auch immer wieder geäußert, dass die Regierung endlich einmal an die Erfüllung ihrer Versprechungen denken soll, denn von den Versprechungen allein wird man nicht satt.
In sehr vielen Diskussionen wird der Lebensstandard der DDR dem Westdeutschlands gegenübergestellt und erklärt: »obwohl drüben Kapitalisten regieren, geht es der Bevölkerung dort besser«, und »was nützen uns die vielen Verhandlungen, der Osten soll uns lieber Lebensmittel schicken, so wie es der Westen auch tut«.
Zum Beispiel erklärte ein Arbeiter aus Lauchstädt, [Bezirk] Cottbus: »Es gibt aber etwas, was wir im Überfluss haben, das sind die Versprechungen, davon bekommen wir in Rundfunk, Zeitungen und mündlich so viel, aber ich weiß nicht, ob schon jemand davon satt wurde.«
Eine Hausfrau aus Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte: »Drüben im Westen gibt es alles zu kaufen. Bei uns nicht einmal Kartoffeln. Es wird nicht mehr lange dauern, dann führt man auch die Brotmarken wieder ein.19 Diese Zustände haben nichts mit Wohlstand zu tun.«
Eine Magazinausgeberin, beschäftigt in den Buna-Werken, [Bezirk] Halle: »Dass man zehn Jahre nach dem Krieg noch solchen Mist von Brot20 essen muss, und das in einem Staat, wo die Arbeiter und Bauern regieren. In Westdeutschland würde so etwas nicht mehr vorkommen, obwohl dort die Kapitalisten herrschen.«
Einige Hausfrauen aus Neuruppin, [Bezirk] Potsdam: »Die Verhandlungen in Genf nützen uns sehr wenig. Der Osten soll uns lieber Lebensmittel schicken, so wie es der Westen macht, damit wir bei uns die Versorgungsschwierigkeiten überwinden.«
Die Bevölkerung im Bezirk Dresden kann nicht begreifen, dass chinesisches Schweinefleisch in großen Mengen vorhanden ist. Auf der anderen Seite aber kein schwarzer Tee zu bekommen ist. Ferner, dass mitten im Sommer von Ungarn Pfefferkuchen eingeführt werden.
In vielen Diskussionen wird meistens von Hausfrauen und Berufstätigen ihre Verärgerung darüber zum Ausdruck gebracht, dass sie nach fast allen Waren, wie z. B. Kartoffeln, Gemüse, Obst und verschiedenen anderen Waren, längere Zeit anstehen müssen.
Westdeutsche Kinder, die sich im Kinderferienlager Heinenwalde, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, befinden, erklärten, dass es bei uns keinen Kakao und Schokolade gibt, außerdem sind die Bonbons viel zu teuer.
Durch den Mangel an verschiedenen Lebensmitteln und Textilien fährt ein Teil unserer Bevölkerung, hauptsächlich aus Berlin und den Randgebieten, nach Westberlin, um dort einzukaufen.
Hierfür ein charakteristisches Beispiel: In Westberlin fand der Sommerschlussverkauf statt. In den Schuh-, Leder-, Konfektions- und Wäschegeschäften wurde festgestellt, dass die Mehrzahl der Käufer aus dem demokratischen Sektor oder aus der DDR sind.
Bei der Bezahlung der gekauften Ware an den Kassen wurde festgestellt, dass alles in DM der Deutschen Notenbank bezahlt wurde. Es zeigte sich, dass besonders viel Frauen aus den nördlichen Randgebieten Berlins als Käufer auftreten.
Warenverderb
Im Fruchthof Magdeburg ist in den letzten Tagen eine größere Menge an Aprikosen verdorben. Bisher wurden 1,5 t Aprikosen der Schweinemästerei in Magdeburg zugeführt.
Am 1.8.1955 erhielt das Großhandelskontor21 für Lebensmittel in Liebenwerda, [Bezirk] Cottbus, von der Warnemünder Fischverwertungsgenossenschaft Rostock einen Waggon Seefische (4 470 kg Dorsch und 210 kg Seelachs). Noch am gleichen Tage wurde der Waggon geöffnet und festgestellt, dass alles verdorben war.
Während in den Gemeinden des Kreisgebietes Frankfurt/Oder Klage über die schlechte Zuteilung an Fischwaren geführt wird, verkommen in der Stadt Frankfurt/Oder große Mengen an Fischwaren. So mussten z. B. 1 034 kg verdorbene Fischwaren an die Abdeckerei in Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, geliefert werden.
Beim kommunalen Großhandel in Sebnitz, [Bezirk] Dresden, gingen am 28.7.[1955] acht Waggons Kartoffeln ein. Von diesen acht Waggons waren fünf offen. Zwei Waggons kamen aus Leuben, [Kreis] Meißen, zwei Trebbichau, [Kreis] Köthen, und einer von Halle. Insgesamt wurde eine Menge von 38 t geliefert. Von diesen 38 t sind durch ungünstige Witterungsbedingungen, teilweise schon auf dem Transport und zum anderen durch Lagerung, 25 t für den menschlichen Genuss nicht zu gebrauchen.
Die 25 t Kartoffeln mussten der LPG Polenz und dem VEG Langburkersdorf zur Verfütterung zur Verfügung gestellt werden.
Die Lage in der Landwirtschaft
In der Landwirtschaft wird sehr wenig über das Ergebnis der Genfer Konferenz diskutiert. Die noch geführten Diskussionen beinhalten keine neuen Argumente.
In der Landwirtschaft gilt jetzt das größte Interesse der verlustlosen Einbringung der Ernte und der Ablieferung.
Es kann gesagt werden, dass die Mehrheit der Genossenschafts- und werktätigen Bauern, auch einzelne Großbauern,22 daran interessiert sind, so schnell wie möglich ihren Verpflichtungen dem Staat gegenüber nachzukommen.
Das beweisen viele Beispiele: So haben z. B. die Gemeinden Grano und Deulowitz, [Kreis] Guben, [Bezirk] Cottbus, ihr Getreidesoll 100%ig erfüllt. Die angrenzenden Nachbargemeinden wollen diesem Beispiel folgen.
Im Kreis Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde am 6.8.1955 eine Sternfahrt zur Ablieferung durchgeführt und 1 222 t Getreide abgeliefert. Die Gemeinden Platkow, Weichendorf, Jamlitz, Doberburg, Blasdorf und Schönow, [Bezirk] Cottbus, erfüllten ihr Getreidesoll mit 100 %. Die LPG Schadow, das VEG Wochowsee, die Gemeinden Trebnitz und Kohlsdorf, [Kreis] Beeskow, [Bezirk] Cottbus, erfüllten ihr gesamtes Soll, außer Kartoffeln.
Zahlreiche Bauern verpflichteten sich auch weiterhin, bis zum 10. Jahrestag der Bodenreform23 am 3.9.1955, ihr Getreidesoll abzuliefern.
Es gibt auch einen Teil der Großbauern, die die diesjährige gute Ernte bedauern, weil sie dadurch gezwungen sind, ihre Rückstände aufzuholen.
Im Bezirk Magdeburg versuchen sogar einige Großbauern, Traktoristen und andere Arbeitskräfte für sich zu gewinnen.
So kam es z. B. in der LPG Rohrberg, Kreis Klötze, [Bezirk] Magdeburg, vor, dass die Traktoristen abends ihre Arbeit pünktlich beenden, im Ort Ristedt jedoch ab morgens 3.00 Uhr bei den Großbauern den Hockendrusch24 durchführen, ehe sie in der LPG arbeiteten.
In der LPG Hohenhenningen, [Kreis] Klötze, [Bezirk] Magdeburg, wollte ebenfalls ein Traktorist vor Arbeitsbeginn in der LPG bei einem Großbauern mähen, was jedoch verhindert werden konnte.
Über die Mähdrescher aus dem VEB Mähdrescherwerk Weimar wird immer wieder Klage geführt, weil diese nach kurzem Einsatz schon ausfallen.
Zum Beispiel mussten im Bezirk Rostock an insgesamt 54 Mähdreschern aus Weimar die Kugellager der vorderen Antriebswelle ausgewechselt werden, da die vom Werk eingebauten Lager der Belastung nicht Stand hielten.
In anderen Bezirken sieht es ähnlich aus.
In den Bezirken Leipzig und Rostock besteht ein Mangel an Getriebe- und Motorenöl. Der Vorrat ist in den MTS aufgebraucht und wenn nicht schnellstens Abhilfe geschaffen wird, wird ein größerer Ausfall von Maschinen eintreten.
Zum Beispiel besteht im Bezirk Rostock ein Mangel an Getriebeöl. Bisher haben sich die Stationen untereinander ausgeholfen. Wenn dieser Zustand nicht schnellstens verändert wird, ist zu erwarten, dass ein größerer Ausfall von Maschinen eintreten wird. Der Vorrat der MTS Hof, [Bezirk] Leipzig, reicht nur noch einige Tage. Vor ca. acht Wochen wurde vom Rat des Bezirkes Leipzig eine Anweisung herausgegeben, dass alle Maschinen auf Buna-Öl25 umgestellt werden müssen, da dieses in größeren Mengen vorhanden wäre als Mineralöl. Von der MTS wurden auch dementsprechend die Maschinen umgestellt. Jetzt tritt jedoch in Erscheinung, dass dieses Buna-Öl nicht zu bekommen ist. Von der MTS-Leitung wurde versucht, Buna-Öl aus dem Kreis Döbeln zu bekommen, aber auch dort ist keins vorrätig.
Aus den Bezirken Suhl, Potsdam, Dresden, Frankfurt/Oder, Gera, Erfurt und Halle wird berichtet, dass die Schwarzwildplage einen immer größeren Umfang annimmt. So beträgt z. B. der Wildschaden in der Gemeinde Milz, [Bezirk] Suhl, ca. 50 000 DM.
In den Diskussionen der Bauern wird darauf hingewiesen, dass in der Zeit, als die Förster noch die Jagd ausübten, derartige Zustände nicht eingetreten sind. Weiterhin vertritt man die Meinung, dass es bei der Vielzahl der Volkspolizisten doch ohne Weiteres möglich sein müsste, hier wirksame Maßnahmen einzuleiten. Die Bauern sind darüber missgestimmt, weil bisher noch keine Jagdkommandos26 eingesetzt wurden, obwohl wiederholt welche angefordert wurden.
Zum Beispiel brachten einige Bauern aus der Gemeinde Naundorf, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, zum Ausdruck: »Da gibt es nun bei uns in der DDR Jagdgesetze, aber das Wild erfreut sich bei uns der Freiheit, nur weil von den verantwortlichen Stellen nichts unternommen wird. Wenn diese Zustände so weitergehen, werden wir ganz einfach den Schaden von unserem Soll abziehen.«
Ein Bauer aus Neustadt, [Kreis] Eisenach, [Bezirk] Erfurt, erklärte: »Ich mache bald nach den Westen und wenn ich dort als Knecht gehen muss. Die Schweinerei hier mache ich bald nicht mehr mit. Erst vernichten mir die Wildschweine die Kartoffeln und jetzt die Hirsche die Rüben. Da soll der Mensch noch ruhig bleiben. Vom Staat wird da nichts unternommen. Aber das Ablieferungssoll wollen sie haben.«
In der Gemeinde Titschendorf, [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Gera, bringen die Bauern zum Ausdruck: »Dass sie alles stehen und liegen lassen und die DDR verlassen wollen, wenn nicht bald der Wildschweinplage entgegengetreten wird. Durch die Wildschweinplage können sie das gestellte Soll nicht mehr erfüllen.«
Gerüchte
In den Bezirken Magdeburg und Gera wird das Gerücht verbreitet, dass an den Traktoren der MTS die Losung »Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein« gestanden haben soll.
Im Bezirk Magdeburg geht es bereits so weit, dass selbst Mitglieder der SED diesen Einflüsterungen des Klassengegners Glauben schenken und nicht die notwendige Stellung gegenüber diesem Gerücht beziehen.
In den südlichen Dörfern des Sorbengebietes des Kreises Kamenz, [Bezirk] Dresden, wird das Gerücht verbreitet, dass in Königswartha, [Kreis] Bautzen, eine große Munitionsfabrik gebaut werden soll und dazu 60 ha Land notwendig sind. Daraufhin entstand unter den Bauern eine Panikstimmung, und sie schlagen das Holz ab, um es zu verkaufen. Sie tarnen ihre Ladung mit Reisig und Stöcken und lassen es dann im Sägewerk Burkau,27 [Kreis] Bischofswerda, schneiden.
Am 3.8.1955 wurden durch Spaziergänger in der Flur Heikestille,28 [Kreis] Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, Phosphorblättchen gefunden, die mittels Luftballons eingeschleust wurden.
Am 3.8.1955 erhielt die BHG Groß-Sterkewitz, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, einen Waggon Thomasmehl29 aus Westdeutschland. Das Thomasmehl war in Papiersäcken eingepackt. Die Säcke waren mit dem Hakenkreuz bedruckt und trugen Hetzparolen gegen unsere Regierung.
Am 4.8.1955 verendeten in der LPG Zaasch, [Kreis] Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, drei Kühe und drei Färsen, vier Kühe mussten notgeschlachtet werden. Die genaue Ursache ist noch nicht bekannt, vermutlich handelt es sich um eine Vergiftung.
Am 2.8.1955 fuhr ein Mähdrescher der MTS Wiederode, [Kreis] Oschatz, [Bezirk] Leipzig, während der Arbeit auf einen Holzklotz. Der Holzklotz gelangte durch das Förderband in die Einlegetrommel und zerschlug dort die Exzenterwelle.30
Die Ermittlungen ergaben, dass dieser Holzklotz in der Größe von 20 × 20 cm ungefähr ein Meter weit in einem Feld aufgestellt wurde.
Einschätzung der Situation
Die Diskussionen über die aktuellen Fragen haben stark nachgelassen. Im Mittelpunkt steht noch die Genfer Konferenz und die bevorstehende Außenministerkonferenz. Inhaltlich hat sich dabei nicht wesentlich verändert.
Die Gespräche über wirtschaftliche Probleme treten wieder stärker in Erscheinung. Das Hauptproblem ist dabei die ungenügende Versorgung der Bevölkerung. Darüber besteht eine verhältnismäßig große Unzufriedenheit. Weil die Bevölkerung über die Ursachen der bestehenden Schwierigkeiten nur ungenügend oder gar nicht aufgeklärt wird und weil viele Schwierigkeiten durch eine bessere Ordnung im Handelsapparat überbrückt werden könnten, steht die Bevölkerung im Allgemeinen den Mängeln in der Versorgung verständnislos gegenüber. Dadurch wird sie teilweise negativen und feindlichen Argumenten zugänglich.
Anlage 1 vom 8. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2474
Auswertung von gefälschten Schreiben
Um das Gelingen des II. Pioniertreffens in Dresden31 vom 12.8. bis 19.8.1955 in organisatorischer Hinsicht zu stören, verschicken die Agentenzentralen in Westberlin32 gefälschte Schreiben, mit dem Absender des Zentralrates der FDJ, an Jugendliche und Lehrer der DDR.
Die gefälschten Schreiben beinhalten Einladungen am 10.8. und 11.8.1955 nach Dresden zu kommen. Als Grund wird angegeben, dass diese Jugendlichen als Betreuer und Volkskorrespondenten für westdeutsche Kinder zum Pioniertreffen vorgesehen sind.
In anderen gefälschten Schreiben fordert man LPG auf westdeutsche Kinder nach dem Pioniertreffen für acht Tage in Quartier zu nehmen, und zwar zwecks Erholung.
Der Rat der Gemeinde Dedeleben, Kreis Oschersleben, wird aufgefordert, in der Zeit vom 6. bis 12.8.1955 eine »Notauffangstelle für ca. 25 westdeutsche Jugendliche« einzurichten.
Anlage 2 vom 9. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2474
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 5.8. bis 8.8.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro33:
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Frankfurt/Oder: Kreis Seelow 1 000;
- –
Neubrandenburg: Kreis Altentreptow 11, Kreis Anklam 14, Kreis Templin 1 000;
- –
Potsdam 11 000: Kreis Zossen 2 500, Kreis Pritzwalk 450;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Stollberg 100;
- –
Halle: Kreis Wittenberg 9 000, Kreis Quedlinburg 1 400, Kreis Aschersleben 190;
- –
Dresden: Kreis Bautzen einige, Kreis Niesky 6, Kreis Pirna 5;
- –
Magdeburg: Kreis Salzwedel 200, Kreis Genthin 500;
- –
Schwerin 1 000: Kreis Parchim 105, Kreis Anklam einige, Kreis Lübz einige;
- –
Cottbus 18 000: Kreis Hoyerswerda 8 100;
- –
Rostock einige: Kreis Ribnitz 35;
- –
Gera: Kreis Ronneburg 10.
KgU34:
- –
Potsdam 2 000;
- –
Frankfurt/Oder: Kreis Fürstenberg 650, Kreis Freienwalde 24 250;
- –
Magdeburg: Kreis Haldensleben 2 000.
NTS35:
- –
Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 10 000, Kreis Belzig 4 000, Kreis Brandenburg 85;
- –
Magdeburg: Kreis Seehausen 5 000;
- –
Frankfurt/Oder: Kreis Fürstenwalde 250, Bad Freienwalde 40 000, Kreis Freienwalde 25;
- –
Halle: Kreis Köthen 1 400;
- –
Gera: Kreis Schleiz 1 500.
ZOPE36:
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Stollberg und Zwickau 30.
DGB37:
- –
Potsdam 5 000.
FDP-Ostbüro38:
- –
Frankfurt/Oder: Kreis Bad Freienwalde 120;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Marienberg 2 000, Kreis Klingenthal 150.
Unbekannter Herkunft:
- –
Potsdam 5 000;
- –
Halle: Kreis Sangerhausen 20;
- –
Frankfurt: Kreis Bad Freienwalde 1 750.
In tschechischer Sprache:
- –
Dresden: Kreis Sebnitz einige, Kreis Zittau 5.
Freie Junge Welt39:
- –
Frankfurt[/Oder] einige (Hetze gegen V. Weltfestspiele);
- –
Gera: Kreis Rudolstadt 1 500, Kreis Schleiz 1 500.
»Der Tag«40:
- –
Halle: Kreis Wittenberg 8 000.
Antidemokratische Tätigkeit
Am 2.8.1955 wurde in der Rentenauszahlungsstelle Magdala, Kreis Weimar, [Bezirk] Erfurt, zwischen 2,00 DM-Scheinen ein Schein gefunden, welcher mit »nieder mit der SED« beschriftet war.
Im Stadtteil Ufhoven, [Kreis] Langensalza, [Bezirk] Erfurt, wurden in der Nacht zum 2.8.1955 Losungen mit folgendem Inhalt auf den Bürgersteig geschmiert: »Nieder mit Ulbricht, schafft uns anderes Brot, wir wollen die SPD.«
Auf den Klosettanlagen beim Rat der Stadt Dresden wurden selbstgefertigte Hetzzettel gefunden, auf denen die angeblich neue Arbeitszeit ab Oktober in der Stadtverwaltung, angeführt ist. Es wird angeführt, dass sich die Kollegen beizeiten um eine andere Arbeit kümmern sollen.
Um das II. Pioniertreffen in Dresden in organisatorischer Hinsicht zu stören, verschicken die Feindzentralen in Westberlin gefälschte Schreiben an Jugendliche und Lehrer sowie an LPG, in denen man auffordert, nach Dresden zu kommen, um als Betreuer bzw. Volkskorrespondent tätig zu sein. Die LPG werden gebeten, westdeutsche Kinder zur Erholung nach dem II. Pioniertreffen in Dresden aufzunehmen.41
Die VdgB (BHG) werden angeschrieben mit der Bitte, Stroh Waggonweise nach Dresden-Neustadt A 16, Güntzplatz 5, zu senden.
Vorwiegend treten diese gefälschten Schreiben im Bezirk Halle und Magdeburg auf.
Unter der Bevölkerung von Meißen tritt das Gerücht auf, dass Genosse Walter Ulbricht abgesetzt sei. Dies sei die Auswirkung des Besuches der sowjetischen Regierungsdelegation.42
Dies tritt auch in anderen Bezirken auf.
Anlage 3 vom 8. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2474
Fluktuation von Arbeitskräften
In einer Reihe von Betrieben besteht unter den Beschäftigten über verschiedene betriebliche Unzulänglichkeiten, besonders aber wegen der Entlohnung, Unzufriedenheit, was oft zur Fluktuation von Arbeitskräften führt.
Bei der Reichsbahn des Bezirkes Gera zeigt sich aufgrund der Unzufriedenheit unter den Eisenbahnern über die Entlohnung eine verstärkte Fluktuation. Dies führt dazu, dass die verbleibenden Kollegen stark überlastet werden und auch eine geregelte Urlaubsabwicklung nicht gewährleistet ist. Das trifft besonders auf den Raum Schmiedefeld – Sonneberg – Schalkau – zu (niedrige Orts-Lohnklassen43).
Zum Beispiel sagte ein Eisenbahner, der nicht mehr bei der Reichsbahn bleiben will, aus Lauscha: »Wir erhalten monatlich 212 DM ausgezahlt. Meine Tochter dagegen, die im RFT Sonneberg arbeitet, verdient 400 DM Leistungslohn.«
In diesem Zusammenhang zeigt sich in Rauenstein, Sonneberg-Nord und Steinach, dass Eisenbahner teilweise keine FDGB-Beiträge mehr bezahlen.
Im VEB Chemische Fabrik in Finow,44 [Bezirk] Frankfurt/Oder, ist eine starke Fluktuation von guten Arbeitskräften zu verzeichnen. Sie wechseln zum Walzwerk oder Kranbau Eberswalde über.
Um ein weiteres Abwandern von Arbeitskräften zu verhindern, müsste der Betrieb in Ortsklasse 1 eingestuft werden.
In einigen Braunkohlenwerken des Kreises Altenburg, [Bezirk] Leipzig, besonders im Tiefbau Großröda und Tiefbau Molbitz treten im verstärkten Maße Fluktuationen auf. Die meisten Arbeiter gehen zur Wismut,45 »da dort bessere Verdienstmöglichkeiten bestehen«. In den letzten Tagen gingen allein aus dem Tiefbau Molbitz sechs Kollegen zur Wismut.
In der Zeit vom 1.5. bis 31.7.1955 wanderten im LEW Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, wegen der Unzufriedenheit über die Entlohnung 21 E-Schweißer ab. Der größte Teil davon nahm in Westberliner Betrieben und einige im demokratischen Sektor von Berlin ihre Arbeit auf. Dadurch ist ein Mangel an Fachkräften zu verzeichnen, der damit überbrückt wurde, dass von anderen Werken Schweißer auf Montage in die LEW geholt wurden.
Die Schweißer, die hauptsächlich aus dem RAW Halle gekommen sind, erzählten im Betrieb, dass sie im RAW einen Brutto-Verdienst im Durchschnitt von 650 DM haben. Dazu kämen noch Extravergünstigungen. Bei den E-Schweißern im LEW liegt die Lohnspitze bei 2,80 DM die Stunde. Darüber sind die Kollegen verärgert und es kommt zu Diskussionen wie z. B.:
»Früher beim Kapitalisten hätten wir gestreikt. Aber in einem VE-Betrieb wollen wir das nicht. Wir ziehen deshalb die Konsequenzen, indem wir kündigen und dort hingehen, wo wir besser bezahlt werden. Solange diese Zustände nicht geändert werden und sich die BGL sowie die Partei nicht bei uns sehen lässt, trotzdem wir mit ihnen darüber diskutieren wollen, werden noch mehr Kollegen den Betrieb verlassen.«
Seit ca. sechs Wochen macht sich im Kunstseidenwerk Premnitz, [Bezirk] Potsdam, eine starke Fluktuation, besonders in der Conerei II, bemerkbar. So haben z. B. in der Zeit vom 1. bis 31.7.1955 allein in der Conerei II 29 Arbeitskräfte gekündigt. (Der natürliche Abgang beträgt im Durchschnitt im Monat zehn bis 14 Arbeitskräfte.)
In der Abt. Kunstseide sind im letzten Quartal 130 Abgänge von Arbeitskräften zu verzeichnen. Dadurch fehlen allein in dieser Abteilung laut Arbeitskräfteplan 143 Mann.
Unter der Fluktuation fällt ein großer Prozentsatz westdeutscher Personen. Und zwar haben seit Januar 1955 von 78 eingestellten Arbeitern aus Westdeutschland in kurzer Zeit 39 wieder gekündigt. Für die Kündigungen im Allgemeinen werden in den meisten Fällen keine klaren Gründe angegeben. Vereinzelt wurde angegeben, dass es wegen der Normen oder der Nachtschicht sei.
In der Bau-Union Neubrandenburg ist ebenfalls eine starke Fluktuation, besonders unter den Maurern, zu verzeichnen. Dies ist auf betriebliche Unzulänglichkeiten, wie z. B. schlechte Arbeitsorganisation, sowie auf die Unzufriedenheit über die Entlohnung zurückzuführen. Die Bauarbeiter wechseln in solche Betriebe über, die Großbauten ausführen und dadurch die Beschäftigten nach der Ortsklasse A entlohnen dürfen.
Vereinzelt gibt es auch Beispiele dafür, wo das Abwandern von Arbeitskräften auf die Arbeit des Gegners schließen lässt.
Zum Beispiel kündigte am 1.8.1955 im VEB (K) Bau in Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, eine ganze Brigade (sieben Arbeiter) mit der Begründung, dass sie ihre Lebenslage verbessern wollten.
Eine Ermittlung ergab, dass die Brigademitglieder von einer Person, die am 17.6.195346 negativ in Erscheinung getreten ist, beeinflusst worden sind, ihre Kündigungen zu erklären und in einem Privatbetrieb überzuwechseln.
Zu bemerken ist, dass in dem VEB sowieso schon ein Arbeitskräftemangel besteht. Es fehlen 50 Mann.