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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

16. August 1955
Informationsdienst Nr. 2476 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Weiterhin finden mit Ausnahme der Regierungserklärung vor der Volkskammer am 12.8.19551 die aktuellen politischen Ereignisse verhältnismäßig wenig Beachtung. Trotzdem wird auch über die Regierungserklärung der Bedeutung nach noch nicht im genügenden Maße diskutiert.

Wenn auch in zahlreichen Betrieben Gemeinschaftsempfänge sowie Kurzversammlungen organisiert wurden, so beschäftigten sich damit vorerst in der Hauptsache nur fortschrittliche Kräfte. Demzufolge sind die meisten Stellungnahmen positiv.

Die Zustimmung zeigt sich nicht nur in den Diskussionen, sondern auch in vielen Verpflichtungen, die anlässlich der Regierungserklärung eingegangen wurden.

In den Gesprächen befasst man sich vorwiegend mit den Ausführungen des Genossen Otto Grotewohl,2 dass die Einheit Deutschlands niemals auf Kosten der Errungenschaften der DDR erfolgen wird.3

In diesem Zusammenhang bringen Arbeiter und Angestellte zum Ausdruck, dass es richtig sei, unsere Erfolge nicht preiszugeben und die VEB den alten Machthabern nicht wieder in die Hände zu geben.

Die Meinung eines Parteilosen aus dem VEB Eisenwerk Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, gilt für viele. Er sagte: »Eine Wiedervereinigung wollen wir, aber nicht so, wie es sich Adenauer4 denkt. Wir werden es nicht zulassen, dass die alten Besitzer ihre Betriebe wiederbekommen. Unsere Regierung wird schon dafür sorgen, dass dies nicht geschieht.«

Des Weiteren findet Beachtung, dass auf der Außenministerkonferenz im Oktober in Genf5 eine gesamtdeutsche Delegation die deutschen Belange vertreten soll.

Dazu erklären die Werktätigen, dass die Absicht der DDR-Regierung richtig sei, wenn nicht anders möglich, auch nur durch Vertreter der DDR, die Interessen des ganzen deutschen Volkes zu vertreten. »Wenn eben Adenauer weiterhin die Vorschläge unserer Regierung hintertreibt, so wird eben die DDR allein die Belange der Deutschen in Ost und West auf der Außenministerkonferenz vortragen.«

Ein weiterer Diskussionspunkt ist das Problem der freien Wahlen.6 Dabei zeigt sich, dass fortschrittliche Kräfte erklären, dass es unter den Bedingungen der Pariser Verträge7 unmöglich sei, freie gesamtdeutsche Wahlen durchzuführen, »dafür muss in Westdeutschland erst eine demokratische Basis geschaffen werden«.

Andererseits gibt es gerade in dieser Frage einige Unklarheiten bzw. falsche Ansichten, die besonders durch die Westpropaganda unter der Bevölkerung verbreitet werden.

So diskutierten z. B. Intelligenzler im VEB WEMA III Aschersleben:8 »Warum macht man jetzt keine freien Wahlen mehr, wo man doch vorher lange genug davon gesprochen hat, freie Wahlen unter allen Umständen herbeizuführen.«

Gegenüber einem Genossen äußerte ein Parteiloser vom Schacht 6 Oberschlema: »Wir Arbeiter in Ost und West wollen keinen Krieg. So lasst doch eine Klärung in der Frage der Einheit herbeiführen. Warum werden dann keine gesamtdeutschen Wahlen durchgeführt, nur weil ihr Angst habt.«

Eine Arbeiterin aus einem Betrieb in Zschopau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Einheit kann nur erreicht werden, wenn Wahlen durchgeführt werden, wo alle Parteien aufgestellt werden, dann wird sich ja entscheiden, welche Partei die meisten Stimmen bekommt. Vor allem musst auf jeder Seite ein Pflock zurückgesteckt werden.«

In der Hauptwerkstatt des Leichtmetallwerkes Rackwitz, [Bezirk] Leipzig, vertreten einzelne Arbeiter die Meinung, dass es nicht richtig sei, dass unter den Bedingungen der Pariser Verträge keine freien Wahlen durchgeführt werden könnten, dies wäre trotzdem möglich.

Direkt negative bzw. feindliche Äußerungen wurden nur im geringen Umfange bekannt. Sie lassen auf eine gegnerische Einstellung gegenüber unserer Partei und Regierung schließen, was sich in Folgendem ausdrückt:

So sagte z. B. ein Tischler, parteilos, aus dem VEB Möbel in Eisenberg:9 »Na, das eine will ich sagen, die sollen nur einmal freie Wahlen machen, dann wird sich die SED umgucken. Oder glauben die, dass die Arbeiter mit dem System zufrieden sind. Sollen nur mal in die Betriebe gehen, was da für eine Stimmung herrscht. Eine größere Ausbeutung gibt es doch gar nicht. Adenauer hat im Westen die Menschen hinter sich, weil er für ein Deutschland eintritt, wo auch die Ostgebiete dazu gehören.«

Ein Kranfahrer aus dem VEB Dimitroffwerk Magdeburg:10 »Es ist richtig, dass Bonn die Regierung der Ostzone nicht anerkennt,11 da diese nicht auf demokratischem Wege gewählt wurde. Deshalb schicken sie bestimmt auch keine Delegation zur Außenministerkonferenz nach Genf.«

Ein Kollege, parteilos, aus dem VEB Feinprüf Schmalkalden,12 [Bezirk] Suhl: »Diese Vorschläge können nicht verwirklicht werden, weil eine Wiedervereinigung bloß nach der Politik der DDR erfolgen soll.«

Ein Angestellter, SED, vom VEB Plasta Sonneberg, [Bezirk] Suhl: »Warum erst verhandeln. Erst sollen sie uns einmal mit Nahrungsmittel und Textilwaren besser versorgen, dann fallen auch die Verhandlungen zwischen beiden Teilen Deutschlands auch leichter. Wenn man sieht wie die Arbeiter in Westdeutschland leben, so ist es bei uns schlechter anstatt besser geworden.«

Wie bekannt, besteht für wirtschaftliche und betriebliche Fragen, wie z. B. die Versorgungslage, die Entwicklung in der DDR im Allgemeinen oder für Prämienfragen sowie betriebliche Unzulänglichkeiten stärkeres Interesse. Dabei zeigt sich immer wieder, dass vor allem über die wirtschaftliche Lage, besonders über die Versorgung, in der Mehrzahl negativ bzw. unzufrieden diskutiert wird, was auch auf die betrieblichen Belange zutrifft.

So herrscht z. B. unter der Belegschaft des VEB Schaubach-Kunst Lichte,13 [Kreis] Neuhaus, [Bezirk] Suhl, eine äußerst schlechte Stimmung, und zwar deshalb, weil die Werksküche seit ein paar Tagen keine Kartoffeln mehr hat.

Aus dem gleichen Grunde herrscht ebenfalls eine schlechte Stimmung im VEB Sägewerk in Mellenbach und im VEB Industriewerk Rauenstein, [Bezirk] Suhl.

Unter den Arbeitern werden darüber heftige Diskussionen geführt.

So sagte z. B. ein Kollege aus dem letztgenannten Betrieb: »Es ist sehr schlecht, dass wir für die Betriebsküche keine Kartoffeln bekommen. Ich bin der Meinung, dass bei den zuständigen Verteilerstellen etwas nicht stimmen kann, da in der Gemeinde Schalkau, die sechs km von Rauenstein entfernt liegt, jede Menge Kartoffeln zu haben sind.«

Ein anderer Arbeiter sagte: »Die Ursache für die schlechte Warenstreuung an Kartoffeln und Gemüse ist bei der Abt. Handel und Versorgung beim Rat des Kreises zu suchen. Diese Leute müssten zur Verantwortung gezogen werden.«

Im E.-T.-Werk in Suhl14 diskutierten einige Arbeiter: »Wir müssen jetzt viel mehr arbeiten als bei den Kapitalisten. Damals konnten wir uns außerdem viel mehr kaufen als heute. Das kommt nur daher, weil die Intelligenz und die Funktionäre so hohe Gehälter bekommen.«

Eine feindliche Meinung brachte ein Kollege aus dem VEB Zellstoff-Papierfabrik Rosenthal, [Bezirk] Gera, zum Ausdruck: »Der 17.6.195315 war nur der Polterabend, die Hochzeit kommt erst nach. Unsere Industrie pfeift auf dem letzten Loch, denn es gibt keine EMW-Wagen,16 noch etwas anders mehr.«

Bei den Diskussionen über Prämienfragen zeigt sich verschiedentlich eine Tendenz der Gleichmacherei.

So äußerte z. B. ein Genosse aus dem Martin-Hoop-Werk in Zwickau:17 »Man kann die bei uns herrschenden Zustände bald nicht mehr gutheißen. Eine Scheuerfrau, die ihr Leben lang mit 160 DM im Monat nach Hause geht, wäre doch auch berechtigt, einmal eine Prämie zu erhalten, denn sie muss auf ihrem Gebiet genauso arbeiten wie ein Büroangestellter oder Kaderleiter auf seinem Gebiet. Wenn man bedenkt, ein Direktor erhält monatlich 2 000 DM Gehalt und dann noch Prämien von 1 600 DM, dann kann man sich im Klaren sein, dass in der Grube schlecht diskutiert wird. Die Gelder müssten etwas gerechter verteilt werden. Ich glaube, die Regierungsstellen wissen nicht alles, was hier unten so geschieht.«

Bei den betrieblichen Schwierigkeiten tritt immer wieder besonders der Materialmangel in Erscheinung, was nicht nur den Produktionsablauf hemmt, sondern auch die Stimmung in den Betrieben beeinträchtigt.

So diskutieren z. B. in der Roßlauer Schiffswerft [Bezirk] Halle, viele Arbeiter: »Wir könnten weit mehr schaffen, wenn wir nicht so viel Wartestunden hätten. Man soll doch endlich einmal nach zehn Jahren nach Kriegsende daran gehen, die Mängel in der Arbeitsorganisation und Materialfrage zu beseitigen.«

Auch in der E.-T.-Werft in Brandenburg18 werden seit Anfang dieses Jahres verhältnismäßig viel Wartestunden geschrieben. Die Arbeiter sind darüber verärgert und sie erklären: »Wir könnten zehn Schiffe über den Plan hinaus herstellen, wenn das notwendige Material vorhanden wäre. Wir können nicht verstehen, dass immer noch derartige Schwierigkeiten auftreten.«

Die Rohstoffversorgung des VEB Espenhain,19 [Bezirk] Leipzig, hat sich in der letzten Zeit immer mehr verschlechtert. Es fehlt besonders an Holzmehl, Kresol20 und Phenol. Dadurch ist die Stimmung im Betrieb äußerst schlecht.

Die Arbeiter vertreten die Meinung, dass die Wirtschaftsfunktionäre des Betriebes unfähig seien, die notwendigen Rohstoffe zu beschaffen und einen geregelten Produktionsablauf zu gewährleisten.

Die Verwaltungsangestellten diskutieren: »Entweder sitzen Dummköpfe in den Ministerien oder es wird wissentlich Sabotage getrieben, um Unruhe unter den Beschäftigten zu erzeugen.«

Im Gaswerk Karl-Marx-Stadt besteht ein Planrückstand in Gas von ca. 4,5 Mio. cbm und an Koks von ca. 7 000 t. Die Arbeiter dieses Betriebes sind der Meinung, dass sie dadurch den Volkswirtschaftsplan 1955 nicht mehr erfüllen können. Die Ursachen des Rückstandes werden verschiedentlich begründet. Zum Beispiel nicht termingemäße Fertigstellung verschiedener Investbauten und Generalreparaturen wie des Ofenblockes II, stockende Zufuhr der Kohlen usw.

Der VEB Walzengießerei Coswig, [Bezirk] Dresden, wurde vom zuständigen Ministerium beauftragt, ab 1.1.1955 mit der Produktion von Stahlwerkskokillen21 zu beginnen. Trotz Schwierigkeiten wurde der Termin eingehalten. Das monatliche Soll lag bei 300 t und der Ausstoß dagegen war 400 bis 500 t monatlich. Nach einer Verfügung vom 10.8.1955 des Ministeriums soll die Produktion stark abgebremst werden, was damit begründet wurde, dass die Kokillen nur auf Lager kämen.

Jetzt wurde wieder vom Ministerium angeordnet, dass sofort kleinere Kokillen herzustellen sind, obwohl dazu erst wieder sämtliche Modelle, Formen, Kerne usw. geändert werden müssen. Andererseits werden in anderen Betrieben diese Kokillen schon in Mengen hergestellt.

Vonseiten der HV-Polygraph wurden die Betriebe angewiesen, bis zum 3.8.1955 konkrete Nachweise über notwendige, jedoch noch dieses Jahr realisierbare Investitionen mit Liefernachweisen an die HV zu melden.

Daraufhin überbrachte der technische Leiter des VEB Planeta Dresden22 am 3.8.1955 die in Tag- und Nachtarbeit ausgearbeiteten Investitionsunterlagen, einschließlich der Liefernachweise im Wertumfange von 300 000 DM der HV III Polytex23 und wurde dort angewiesen, sofort die Verträge abzuschließen und diese Investitionen schnellstens zu realisieren.

Nachdem am 9.8.1955 die letzten Verträge mit den Lieferanten (insgesamt 40 Lieferanten) abgeschlossen waren, erhielt der Betrieb von der HV III Polytex die Anweisung, sofort alle erteilten Aufträge bzw. abgeschlossenen Verträge wieder zurückzuziehen, da anstelle von 300 000 DM nur noch 40 000 DM bewilligt werden können.

Daraufhin hat der Betrieb alle abgeschlossenen Verträge wieder zurückgezogen. Ähnlich geht es allen Betrieben, die der HV III im Bezirk Dresden unterstehen.

Im VEB Spinnerei Hainsberg, [Bezirk] Dresden, können aufgrund der Entnahme von Strom aus dem Landesnetz größere Mengen Braunkohle eingespart werden. Deshalb wurde bereits mehrmals bei der DHZ24 Kohle Dresden um Lieferstopp gebeten. Die DHZ reagiert aber nicht darauf, was sie damit begründet, dass laut Direktive 2425 derartige Lieferstopps ohne offizielle Rückbuchung von Berlin nicht möglich seien. Trotz des hohen Lagerbestandes war der Betrieb gezwungen, noch 38 t Braunkohle aufzunehmen.

Ergänzend zum Ausfall der Turbine 9 im Kraftwerk Harbke, Kreis Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg,26 wird berichtet, dass außer den Packungen im Generator auch der Induktor27 beschädigt ist. Die Reparatur wird vermutlich ein viertel Jahr in Anspruch nehmen. Der Schaden wird zurzeit auf ca. 300 000 DM geschätzt.

Am 11.8.1955 sind in der VEB Gasversorgung Magdeburg die Kompressoren 1, 3 und 6 ausgefallen. Ursache ist auf Überalterung der Maschinen zurückzuführen. Die normale Gasleitung von 20 000 cbm geht dadurch auf 10 000 cbm zurück, sodass die Industrie mit 60 % weniger beliefert wird als sonst.

Am 11.8.1955, 18.15 Uhr, brannte eine Baracke des geologischen Instituts in Zschopau für Untersuchungen von Erz ab. In dieser Baracke standen zwei Kompressoren. Ursache: Der Verantwortliche für die Kompressoren fuhr erstmalig am 11.8.1955 unter Tage ein und überließ die Aufsicht dem Betriebsschutz. Dieser erhielt eine einstündige Unterweisung in der Bedienung. Nach seinen Angaben entstand der Brand während seiner Abwesenheit und bei ausgeschalteten Kompressoren. Schaden: ca. 5 000 bis 10 000 DM.

Am 12.8.1955, um 22.15 Uhr, fiel im Kaliwerk Roßleben, [Bezirk] Halle, die Pumpe 7 aus. Die Ursache wurde noch nicht festgestellt. Von der ausgefallenen Pumpe hängt die Versorgung des gesamten Betriebes mit Wasser ab.

Im Braunkohlenwerk Profen, Kreis Zeitz, fiel am 14.8.1955 durch Kurzschluss ein Trafo im Gleichrichter aus. Dadurch kamen zwei Bagger und ein Absetzer zum Stillstand. Während ein Bagger weiterarbeiten kann, müssen die beiden anderen Geräte stillliegen, bis ein Ersatztrafo vom Werk Bösau herangeschafft wird. Während die Kohlenförderung weiter läuft, wirkt sich diese Störung auf den Abraum stark aus.

In der Zeit vom 25.7.1955 bis 3.7.1955 gingen im Stahlwerk Gröditz, [Kreis] Riesa, fünf Waggons mit angeblichem Schrott ein. Bei der Entladung wurde festgestellt, dass in den Schmelzeisenpaketen Sand sowie Steine enthalten waren.

Vor Bemerken dieser falschen Füllung wurden bereits einige offene Pakete in den Ofen 5 chargiert. Dadurch entstand eine dreieinhalbstündige Chargen-Verzögerung. Diese Waggons wurden von der VHZ-Schrott Zwickau geliefert.

Am 12.8.1955, gegen 22.00 Uhr, brannte die Verteileranlage des Ventilators im Schacht 207 – Aue – durch. Der Brand wurde von einem Schießmeister im Entstehen bemerkt und wurde mittels Feuerlöscher gelöscht. Da um 22.00 Uhr gerade Schichtwechsel ist, wurde die neueinfahrende Schicht aufgrund des Vorkommnisses nicht in den Schacht gelassen. Die Produktion wurde gegen 24.00 Uhr wieder voll aufgenommen.

Im VEB Reifenwerk Riesa wurde im Flur an einer Bekanntmachungstafel ein Hakenkreuz angeschmiert.

In der Herrentoilette der Halle 4 der Warnowerft in Warnemünde wurde am Abend des 12.8.1955 folgende Hetzlosung festgestellt: »Es lebe die NSDAP, die SPD.« Über dieser Hetzlosung befand sich ein Hakenkreuz.

Am 9.8.1955 wurde im Rüdersdorfer Zementwerk Frankfurt/Oder an der Wand einer Herrentoilette eine Hetzlosung festgestellt. Unbekannte Täter hatten dort mit blauer Kreide die Worte: »Deutschland erwache28 – der SED Rache« angeschrieben.

In der Männertoilette des VEB Sachsenwerk Radeberg, [Bezirk] Dresden, Abt. Televisorenbau, wurde an drei Türen die Parole: »Arbeiter! macht Schluss mit Pankow,29 kämpft für gerechte Löhne, wir waren berechtigt zu streiken« geschrieben.

In der Nacht vom 5.8. zum 6.8.1955 wurde in der Großkokerei Lauchhammer in der Waschkaue auf der Abortanlage mit Kopierstift an zwei Seitenwände und an der Vordertür ein Hakenkreuz mit SS-Zeichen und in großen Buchstaben SPD angeschrieben.

In der Damen-Toilette der Abt. Versand des VEB Pressstoffwerk Spremberg, [Bezirk] Cottbus, wurde eine Hetzlosung in Druckschrift mit folgendem Inhalt angebracht: »Adolf war doch der Beste« Unter den Namen »Adolf« wurde mit kleiner Schrift »Hitler« hinzugefügt. Des Weiteren wurde unter dieser Losung ein Hakenkreuz angebracht.

Versorgung der Bevölkerung

Die Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit den verschiedensten Lebensmitteln und auch Industriewaren halten in den Bezirken noch weiter an. Die in der letzten Zeit besonders aufgetretenen Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung sind in den Bezirken Berlin, Dresden und Neubrandenburg durch die augenblicklich laufenden Rodeaktionen zum größten Teil behoben, und in den Bezirken Frankfurt/Oder, Potsdam und Schwerin hat sich die Lage verbessert. In den übrigen Bezirken ist die Lage nach wie vor unverändert, sodass es dort noch zu Schlangenbildungen vor den Gemüseläden kommt.

Auch in der Belieferung mit billigen Zigaretten, hat sich, bis auf wenige Ausnahmen, noch nichts verändert.

Ebenso mangelt es örtlich weiterhin an Süßwaren, Marmelade, HO-Zucker,30 Öl, HO-Margarine, HO-Butter, Milch, Eier, Rindfleisch und anderen HO-Fleischwaren, Obst und Gemüse usw.

Örtlich gibt es auch weiterhin noch Schwierigkeiten in der Belieferung mit Streichhölzern.

Der immer wieder auftauchende Mangel an diesen wichtigen Lebensmitteln ist die Ursache der unter weiten Bevölkerungskreisen auftauchenden negativen Diskussionen. Diese Diskussionen können aber nicht ausschließlich als feindlich bezeichnet werden, weil die Bevölkerung die bestehenden Mängel in ihren Diskussionen aufzeigt und mit Recht feststellt, dass unsere Handelsorgane, Verwaltungen, vor allem die örtlichen Organe usw. einer reibungslosen Belieferung der Verkaufsstellen oftmals nicht die genügende Beachtung schenken. Zum Teil wird auch gesagt, dass die schlechte Warenstreuung und die örtlich auftretenden Schwierigkeiten nur auf Agententätigkeit, unverantwortlicher Arbeit, Nachlässigkeit usw. von verschiedenen Handelsfunktionären zurückzuführen sind, die bewusst die Arbeit im Handel desorganisieren, um die Bevölkerung gegen die Partei und Regierung aufzuwiegeln.

So unterhielten sich z. B. ca. 20 Hausfrauen in einer Konsum-Verkaufsstelle31 in Unterwellenborn, Kreis Saalfeld, [Bezirk] Gera, wobei sie Folgendes zum Ausdruck brachten: »Mit unserer Regierung sind wir schon zufrieden, jedoch müsste sie dafür sorgen, dass eine bessere Warenbereitstellung erfolgt. Des Weiteren müssten in einigen Artikeln die Preise herabgesetzt werden. Auch müsste in der Konfektion dafür gesorgt werden, dass die entsprechenden Artikel zu der jeweiligen Jahreszeit zum Verkauf kommen, und nicht, wie zurzeit, dass man sich die Winterbekleidung im Hochsommer kaufen muss, und umgekehrt.«

Der Leiter des VEB Kraftverkehr Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg: »Ich kann es auch nicht verstehen, denn wo ich jetzt in Berlin und Sachsen war, gibt es dort genügend Lebensmittel, wie Mehl, Marmelade, usw. Auch Textilien gibt es in Sachsen bessere, als bei uns. Es kann nur an den leitenden Stellen der Handelsorgane liegen, weil diese eine ungerechte Verteilung durchführen.«

Feindlich eingestellte Personen versuchen die bestehenden Versorgungsschwierigkeiten zur Hetze gegen die Entwicklung der DDR und gegen unsere Partei und Regierung auszunutzen, indem sie Argumente, wie »unsere Regierung ist nicht fähig einen Staat zu lenken, nach zehn Jahren Kriegsende dürften diese Versorgungsschwierigkeiten nicht mehr auftreten, alles ist nur Propaganda, im Westen gibt es so etwas schon lange nicht mehr usw. …«, unter die Bevölkerung bringen.

Ebenso werden aber auch solche Argumente nicht nur von feindlichen Personen verbreitet, sondern auch von solchen Personen, die sich durch die Verhältnisse im Westen blenden und beeinflussen lassen.

Ein Arbeiter aus Weißenfels, [Bezirk] Halle, sagte z. B.: »Es ist doch eine Schande. Es wird von Tag zu Tag schlechter und aus den Menschen wird immer mehr herausgepresst. Mit der Ernährung und dem Lebensstandard wird es immer schlechter. Sie sollten sich was schämen, sich eine Arbeiterregierung zu nennen, da uns versprochen wurde, bis Ende des Jahres einen Lebensstandard zu erreichen, wie nie zuvor.32 Das Gegenteil ist der Fall. Schlechtes Brot,33 keine Kartoffeln und kein bisschen Bohnenkaffee.«

Ein Einkäufer vom Großhandelskontor34 für Textilien in Wittstock, [Bezirk] Potsdam: »Bei uns in der Presse und in Versammlungen wird erklärt, dass die Arbeiter in Westdeutschland nur ihr Leben fristen können. Nun habt ihr selbst von einer westdeutschen Delegation gehört wie sie leben. Bei uns ist alles nur Propaganda und entspricht nicht den Tatsachen.«

Besonders treten Schwierigkeiten auch immer wieder in der Versorgung der Landbevölkerung auf. Diese bringt über die schlechte Belieferung der Landverkaufsstellen zum Ausdruck, dass es nicht richtig ist, wenn das Land immer benachteiligt wird, während in den Städten genügend Waren zum Verkauf gelangen. Auch würden dadurch, dass die Landbevölkerung gezwungen wäre, ihre Ware in der Stadt einzukaufen, viele Arbeitsstunden verloren gehen.

Der Einsatzleiter der MTS Wilhelmshagen, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Rostock, sagte z. B.: »Die Versorgung der Bevölkerung auf dem Lande wird gegenüber der Stadt vernachlässigt. Besonders jetzt in der Erntezeit macht sich ein starker Mangel an Bier, Dunkelbier und Brause bemerkbar.«

Die Bevölkerung der Ortsteile Bremerhagen und Horst, [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock, diskutiert: »In der Stadt ist alles zu haben, aber für die Landbevölkerung ist nichts da. Wir können jetzt in der Erntezeit nicht jeden Tag in die Stadt fahren. Dazu haben wir keine Zeit.«

Im Schlachthof Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern über 20 t Schmalz. Obwohl dieser Warenstau allen verantwortlichen Stellen bekannt ist, wird der Schlachthof veranlasst, weitere Mengen Schmalz aus Importen zu lagern.

Die Lage in der Landwirtschaft

Durch die schnellstmögliche Einbringung der Ernte stehen die politischen Gespräche weiter im Hintergrund. So gibt es auch, trotz der im sozialistischen Sektor zum Teil durchgeführten Kurzversammlungen anlässlich der Regierungserklärung der Volkskammer, nur vereinzelt Diskussionen darüber. In diesen wird zum Ausdruck gebracht, dass die Regierungserklärung zu begrüßen ist, weil sie zeigt, »wie die Wiedervereinigung Deutschlands aussehen soll, und diese nicht auf Kosten der Errungenschaften der DDR geht, was sich unsere Arbeiter keinesfalls gefallen lassen würden«. Auch wird erwartet, dass auf der Konferenz im Oktober, wenn über die Deutschlandfrage verhandelt werden soll, Vertreter aus ganz Deutschland anwesend sein müssten.

Ein Agronom, parteilos, vom VEG Demmin, [Kreis] Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte: »Die Regierungserklärung halte ich für richtig und wegweisend, denn kein Mensch soll glauben, dass wir unsere Errungenschaften in der DDR wieder hergeben werden. Dazu kommt es niemals. Jeder Arbeiter ist jetzt genau informiert, unter welchem System und welchen Bedingungen er besser leben kann. Es ist eine Tatsache, dass jeder Arbeiter aufgeklärt ist, und niemals werden Arbeiter der DDR unter kapitalistischen Bedingungen zwölf bis 14 Stunden für die Profite der kapitalistischen Junker arbeiten.«

Ein Traktorist der MTS Tann, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera: »Man muss die Regierungserklärung des Genossen Grotewohl aufs Vollste unterstützen. Es ist mir auch klar, dass die Wiedervereinigung Deutschlands nicht auf Kosten unserer Errungenschaften durchgeführt werden kann.«

Negative Diskussionen wurden bisher ganz vereinzelt bekannt.

Ein Großbauer35 aus Luke, [Kreis] Roßlau, [Bezirk] Halle, sagte z. B.: »Was Grotewohl gesagt hat, wissen wir alleine. Aber was die wollen, damit sind wir nicht ganz einverstanden. Es handelt sich hier besonders um die scharfe Klärung in der Frage der Besitzverhältnisse. In der kleinen DDR herrschen die Arbeiter und regieren sich selbst. Sie haben enorme Schwierigkeiten an allem. Das große Westdeutschland steht bei Weitem besser. Es wird doch alles aus dem Westen geholt und dann will Grotewohl, dass wir unsere Verhältnisse hier in der DDR gutheißen. Ja, wenn es besser wäre, dann ohne Weiteres.«

Ein Kleinbauer aus Birkenhügel, [Kreis] Lobenstein, [Bezirk] Gera: »Mir wäre es lieber, wenn die Einheit Deutschlands von westlicher Seite hergestellt würde, denn die Arbeiter in Westdeutschland leben ja doch viel besser als bei uns.«

Alle landwirtschaftlichen Betriebe sind bestrebt, die Ernte, deren verlustlose Einbringung durch den anhaltenden Regen gefährdet ist, schnellstens zu bergen. Es zeigt sich aber, dass neben den Schwierigkeiten aufgrund der Witterungsverhältnisse noch andere technische Schwierigkeiten auftreten. Da ist vor allem ungenügender Einsatz von Maschinen, schlechte Organisation des Ernteablaufes, schlechte Arbeit der Betriebe, der MTS-Brigaden, Ersatzteilschwierigkeiten usw. Zum Teil werden auch den landwirtschaftlichen Betrieben Schwierigkeiten hinsichtlich der Abnahme des Getreides gemacht, weil die Getreidelager der VEAB bereits überfüllt sind. Besonders wird auch über die zum Teil schlechte Arbeit der MTS geklagt.

So geht z. B. die Ernte in der LPG Mittenwalde, Kreis Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, sehr langsam vor sich, weil die MTS Mittenwalde der LPG keine Binder zur Verfügung stellt, während diese bei einem Großbauer das Getreide abmähte.

In den Kreisen Wittstock, Brandenburg, Potsdam-Land, [Bezirk] Potsdam, beschweren sich die LPG und werktätigen Bauern über die Arbeit der MTS, weil diese teilweise die Arbeit bei Großbauern vorrangig durchführen. So z. B. die MTS Zanschwitz, Kreis Potsdam-Land.

Ähnliche Erscheinungen traten auch noch in den MTS anderer Bezirke auf. Zum Beispiel in der MTS Zschölkau, [Bezirk] Leipzig, wo ein Brigadier besonders die Groß- und Mittelbauern bevorzugt. Ebenso in anderen MTS des Bezirkes.

In der Gemeinde Dambeck, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, wo die Einzelbauern sich darüber beschweren, dass der Einsatz der Traktoren erst bei den Großbauern erfolgt. Nachdem die Feldarbeiten bei diesen Großbauern beendet waren, traten diese an die Kleinbauern heran, um ihnen ihre Pferde und Maschinen zur Verfügung zu stellen, wenn sie sich verpflichten, bei den Großbauern anschließend die Ernte mit einzufahren.

Bei der Rodung der Frühkartoffeln tritt in den letzten Tagen eine Verbesserung ein, weil freiwillige Erntehelfer aus den Betrieben und Verwaltungen auf das Land fahren. Durch die Hilfe dieser Kräfte wurden in den letzten Tagen erhebliche Mengen Kartoffeln gerodet.

Ersatzteilmangel besteht in folgenden MTS:

  • Im Kreis Eilenburg, [Bezirk] Leipzig (Rollenketten 7/16 mal 3/4 für die Mähdrescher, die bisher vom Ersatzteilauslieferungslager Wurzen nicht geliefert werden.);

  • MTS Pfaffendorf, [Kreis] Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder (2 t Bindegarn);

  • in der MTS Jamitzow,36 [Bezirk] Rostock (Reifen 1750 X 20).

Sehr oft tritt der Materialmangel für Mähdrescher auf, weil durch die Nässe auf den Feldern ein hoher Materialverschleiß zu verzeichnen ist, und zum anderen zum Teil das verwandte Material zu weich ist und deshalb schnell verschleißt.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

In der LPG Werder, Kreis Jüterbog, [Bezirk] Potsdam – Bestand von 46 Schweinen notgeschlachtet.

Bei drei Kleinbauern in der Gemeinde Leuschentin und Malsfeld, Kreis Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg – Bestand 59 Schweine – davon verendet 32 Schweine, notgeschlachtet 27.

In der LPG »Morgenrot« Lüdersdorf, [Kreis] Luckenwalde,37 [Bezirk] Potsdam – Gesamtbestand 92 Schweine – davon bereits ein Teil notgeschlachtet.

Am 13.8.1955 wurden auf der Weide der LPG »Neues Leben« im Kreis Klingenthal von sieben weidenden Jungtieren drei Kälber und neun Hühner verendet aufgefunden. Nach Angaben des Tierarztes besteht der Verdacht der Vergiftung.

In den Gemeinden Römhild und Mendhausen, [Kreis] Meiningen, [Bezirk] Suhl, erkrankten bzw. verendeten einige Tiere. Diese Erkrankungen traten unmittelbar nach der durchgeführten Fliegenbekämpfung in den Ställen auf. So mussten z. B. in diesen zwei Gemeinden mehrere Kühe und trächtige Schweine notgeschlachtet werden. Mehrere trächtige Mutterschweine verendeten und ein großer Teil ist noch erkrankt.

In der LPG Rüsseina, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurden 19 Hühner vergiftet.

In der LPG Konn38 Cosel, [Kreis] Kamenz, wurde drei bis vier Mal das Vieh nachts aus der Koppel herausgelassen. Das letzte Mal geschah es in der Nacht vom 8. zum 9.8.1955.

Das Gleiche ist in der LPG Nebelschütz zu verzeichnen.

Bei der LPG Pepelow, [Kreis] Doberan, [Bezirk] Rostock, wurden des Nachts die Schleusen von der Koppel geöffnet, sodass Rinder frei herumlaufen konnten und auf den Feldern großen Schaden anrichteten.

Die MTS Rochau, Kreis Stendal, [Bezirk] Magdeburg, führte am 9.8.1955 einen Großeinsatz mit vier Mähdreschern in der LPG »John Schehr«39 in Schinne zum Rapsdrusch durch. Beim Drusch stellte sich heraus, dass in einer Garbe ein Stück Flacheisen (30 × 6) sich befand und in die Maschine geraten war. Das Eisen kann nur durch eine Person in die Garbe gelangen. Schaden an der Mähmaschine entstand nicht.

Das Gerstenfeld des VEG Hohen Luckow, [Kreis] Doberan, sollte von dem Mähdrescher S 440 abgeerntet werden. Gleich zu Anfang der Erntearbeiten fuhr der Mähdrescher über einen eisernen Pfahl, welcher in den Acker eingeschlagen war und nur so weit herausragte, dass die Messer der Maschine daran zerbrachen.

Am 12.8.1955 wurden auf einem Getreidefeld der ÖLB41 Bad Sulza mehrere Rollen Draht gefunden, die dazu dienen sollten, den Einsatz eines Mähdreschers zu verhindern.

Durchgeführte Ermittlungen ergaben, dass der Draht erst wenige Tage dort lagerte. Täter konnten bisher nicht ermittelt werden.

In der Nacht vom 12.8. zum 13.8.1955 wurde in Porschendorf, [Bezirk] Dresden, von einem Mähbinder der MTS Lohmen, [Kreis] Sebnitz, der Knüpfer (Spanner, Schraube, Druckfeder und Platte für Bindfadenknoten) entfernt.

Von VEAB Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, wurden drei Waggons mit Raps nach Burg verladen, die zum Teil nicht mehr verwertet werden können. Ein Waggon (17 t) ist verschimmelt, da der Raps mit einem zu hohen Feuchtigkeitsgehalt verladen wurde.

In allen Kreisen des Bezirkes Gera ist zu verzeichnen, dass die Parole, welche vom Klassengegner immer wieder verbreitet wird und in dem man die christliche Landbevölkerung gegen unsere Regierung zu beeinflussen sucht, noch öfters zu hören ist. »Ohne Gott und ohne Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.«

In der Gemeinde Waldkirchen, Kreis Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, taucht das Gerücht auf, das der Traktorist, welcher die obige Losung an seinen Traktor angebracht haben soll, auf Anweisung der SED in Stollberg verhaftet worden sei.

Auch im Kreis Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, kursiert dieses Gerücht. In Wiederau42 sagte ein Bauer, dass in der MTS in Penig ebenfalls die Losung »ohne Gott usw.« angebracht gewesen sei.

In der Gemeinde Trippigleben, Kreis Klötze, [Bezirk] Magdeburg, brannte am 15.8.1955, um 14.00 Uhr, eine Scheune, die von der LPG sowie von einzelnen Bauern benutzt wird, vollständig ab. Verbrannt sind acht Pferdewagen und das Getreide von insgesamt 21 Morgen. Voraussichtlicher Sachschaden 10 000 DM.

Am 13.8.1955 gerieten an der Eisenbahnstrecke Berlin – Leipzig mehrere Felder im Kreis Königs Wusterhausen durch Funkenschlag einer Lokomotive in Brand. Ein Weizenfeld des VEG Waßmannsdorf geriet an mehreren Stellen in Brand und wurde zu ca. 60 % vernichtet. Schaden beträgt ca. 3 800 DM.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Das II. Pioniertreffen43 in Dresden – ca. 50 000 Junge Pioniere44 nahmen an der Pionierparade teil. Es war auch eine sehr starke Beteiligung der Dresdener Bevölkerung zu verzeichnen.

In den Gesprächen der Jungen Pioniere nach der Pionierparade sowie bei Beginn der Parade konnte festgestellt werden, dass die Pioniere enttäuscht waren, dass unser Präsident Wilhelm Pieck45 sowie Genosse Otto Grotewohl und Genossen Walter Ulbricht46 nicht zur Parade erschienen sind.

Negative Stimmung wurde nicht festgestellt.

Junge Pioniere äußerten sich teilweise darüber, dass die Bevölkerung von Dresden zum Teil sehr stur gewesen ist und keine Begeisterung während der Pionierparade zum Ausdruck gebracht habe.

Die Versorgung mit Getränken und Lebensmitteln für die Jungen Pioniere und die Bevölkerung war ausreichend. Es traten nur kleine Mängel auf, die aber schnellstens wieder behoben werden konnten.

Durch das Organisations-Büro Dresden wurde bekannt, dass bis zum 14.8.1955, 18.00 Uhr, 1 200 leichte Krankheitsfälle behandelt wurden, was im Wesentlichen darauf zurückzuführen war, dass unter den aus den Kreisen des Bezirkes Dresden kommenden Pionieren starke Entzündungserscheinungen zu verzeichnen waren.

In der 5. Grundschule trat ein Scharlachfall auf. 15 Pioniere, die mit den Scharlachkranken zusammen waren, wurden in ein Quarantänelager in Radebeul eingewiesen.

Besondere Störungen oder Feindtätigkeit wurden nicht festgestellt.

Am 10.8.1955 wurde im Pionierferienlager »Philipp Müller« in Weißwasser,47 [Bezirk] Cottbus, in einem Fall spinale Kinderlähmung mit tödlichem Ausgang festgestellt.

Die übrigen Kinder dieses Zeltes wurden zur Beobachtung in einem Heim untergebracht. Am 11.8.[1955] wurde ein weiteres Kind wegen vermutlicher Kinderlähmung ins Krankenhaus eingeliefert. In diesem Pionierlager befinden sich zurzeit 700 Kinder, davon 45 westdeutsche Kinder.

Am 11.8.1955 wurden vor dem Hotel »Stadt Hannover«48 in Benneckenstein, [Kreis] Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, drei Kinder durch einen explodierenden Sprengkörper verletzt, Lebensgefahr besteht nicht.

Im Kinderferienlager des Konsums in Ferchesar, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, sind neun Kinder und drei Erwachsene an Ruhr erkrankt. Über das Lager wo ca. 100 Kinder untergebracht sind, wurde Quarantäne verhängt.

Einschätzung der Situation

Über die aktuellen politischen Fragen wird weiterhin nur verhältnismäßig wenig, meist von fortschrittlichen Kreisen, gesprochen. Die Stellungnahmen entsprechen im Wesentlichen der von unserer Partei vertretenen Politik, wie sie in der Regierungserklärung vom 12.8.1955 vor der Volkskammer zum Ausdruck gebracht worden ist.

Falsche Ansichten und feindliche Argumente werden zurzeit im verhältnismäßig geringen Umfang festgestellt. Sie sind oft eine Folge der ungenügenden Aufklärung der Bevölkerung, und zum Teil zeigen sie den Einfluss der feindlichen Propaganda, wobei der Gegner häufig mit den sogenannten »Freien Wahlen« argumentiert.

Die letzten Tage zeigen, dass im Allgemeinen der »höchste« Punkt der Unzufriedenheit über die ungenügende Versorgung der Bevölkerung überwunden ist. Dies trifft allerdings bis jetzt nur für die Gebiete zu, wo die Verkaufsstellen ausreichend mit Kartoffeln beliefert werden, da die Kartoffelversorgung der Schwerpunkt der Unzufriedenheit ist.

Daneben bestehen aber weiterhin eine ganze Reihe Mängel in der Versorgung mit Obst, Gemüse, Zigaretten, zum Teil auch mit verschiedenen anderen Lebensmitteln und Industriewaren, die immer wieder eine Quelle der Unzufriedenheit bilden und vom Gegner häufiger ausgenutzt werden, um die Bevölkerung im feindlichen Sinne zu beeinflussen.

Bemerkenswert ist, dass die große Mehrheit der Bevölkerung die Ursachen für die Mängel in der Versorgung in der schlechten Arbeit der Handelsorgane sieht. Während ein kleiner Teil sich die Argumente des Feindes zu eigen macht und unserer Partei, Regierung und unserem Wirtschaftssystem die Schuld gibt.

Anlage 1 vom 13. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2476

Auswertung der Westsendungen

Die Anweisung für die Angestellten der Ministerien und sonstigen Institutionen, die Westsektoren und Berlin nicht aufzusuchen49 oder zu durchfahren, nimmt der Londoner Rundfunk50 und RIAS51 zum Anlass, die Werktätigen gegen die Maßnahmen unserer Regierung aufzuhetzen und die Bevölkerung zu beeinflussen, dass unsere Regierung und Partei gar nicht an der Herstellung der Einheit Deutschlands interessiert seien.

Dazu sagte der Londoner Rundfunk: »… So verlangt die SED-Regierung diese schriftliche Verpflichtung ausgerechnet in diesen Wochen der Annäherungspropaganda nun auch von sämtlichen Staats- und Verwaltungsangestellten und den Arbeitern und Angestellten sämtlicher VEB, zunächst in Ostberlin und der Umgebung Berlins … Wer es ablehnt, diese Verpflichtung auf sich zu nehmen oder sie nur zum Schein zu unterschreibt … wird tatsächlich entlassen, und zwar fristlos.«

In einer Sendung für die Landbevölkerung soll erreicht werden, dass die Bauern vom Zwischenfruchtanbau absehen, um dadurch die Futtergrundlage für den Viehhalteplan52 zu gefährden.

Der Zwischenfruchtplan sei nur für die Bauern zum Nachteil, was RIAS mit folgenden Worten begründet: »… Der Bauer muss gewöhnlich noch Getreide gegenliefern, wenn er etwas Zwischenfruchtsaatgut haben will. Getreide, was ihm im Viehstall wieder fehlt. Und so sagt er sich mit recht, soll ich das Getreide hingeben und mir damit das teure Saatgut für den Zwischenfruchtanbau kaufen, der mir am Ende missrät, weil entweder das Saatgut nichts taugt oder weil es zu spät ausgeliefert wird.«

Weiter heißt es, dass der Bauer, solange er nicht seine wirtschaftliche Selbstständigkeit besitzt, niemals die gestellten Hektarerträge erreichen wird, da durch den Fruchtfolgeplan eine »Steigerung nicht möglich« sei, sondern »die Fruchtbarkeit des Ackers nachteilig beeinflussen« würde. Das Gleiche gelte angefangen vom Dünger bis zu den Zuteilungen von Baumaterialien.

In diesem Zusammenhang wird die wirtschaftliche Selbstständigkeit und der eigene Maschinenpark gefordert. Dazu heißt es am Schluss der Sendung: »… dass Betriebe, die über einen eigenen Schlepper verfügen, zu ganz andern Leistungen befähigt sind als Wirtschaften, die auf die Hilfe der MTS angewiesen sind. Das wird sich auch in diesem Jahr wieder herausstellen. Und solange man in der Sowjetzone den Bauern ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit vorenthält, werden notgedrungen ihre Erträge hinter denen ihrer Berufskollegen im Westen zurückstehen müssen. Vom sozialistischen Sektor der sowjetzonalen Landwirtschaft ganz zu schweigen.«

Anlage 2 vom 16. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2476

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 12.8. bis 15.8.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD-Ostbüro:53

  • Neubrandenburg: Kreis Altentreptow 15, Kreis Demmin 20, Kreis Waren 10, Kreis Malchin 30;

  • Potsdam 5 000: Kreis Neuruppin 6, Kreis Pritzwalk 10, Kreis Belzig 30, Kreis Brandenburg 10;

  • Rostock: Kreis Grevesmühlen 7, Kreis Wolgast 17, Kreis Stralsund 10;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Annaberg und Werdau 260;

  • Halle: Kreis Roßlau 700, Kreis Quedlinburg 25, Kreis Bernburg 25;

  • Suhl: Kreis Schmalkalden 3 000;

  • Schwerin 5 250: Kreis Parchim 4 000, Kreis Wittenberge 5 000;

  • Magdeburg: Kreis Burg 5 000;

  • Erfurt: Kreis Arnstadt 1 300.

NTS54:

  • Potsdam: Kreis Belzig 8 025, Kreis Königs Wusterhausen 370;

  • Karl-Marx-Stadt 30;

  • Schwerin: Kreis Parchim 1 000;

  • Halle 3 000: Kreis Quedlinburg 1 000.

ZOPE:55

  • Gera 40.

»Freie Junge Welt«56:

  • Halle: Kreis Quedlinburg 2 000;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Plauen 4 000.

»Tarantel«:57

  • Frankfurt/Oder: Kreis Freienwalde 300.

In tschechischer Sprache:

  • Gera 125;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Oelsnitz 1 500, in den Kreisen Klingenthal und Auerbach 70;

  • Dresden: Kreis Dippoldiswalde 5.

»Der Tag«:58

  • Potsdam: Kreis Jüterbog 300, Kreis Oranienburg 180 (S-Bahn).

Unbekannter Herkunft:

  • Potsdam 4 000;

  • Schwerin 1 200.

KgU:

  • Potsdam: Kreis Brandenburg 645.

Bei den Hetzschriften handelt es sich in der Mehrzahl um bereits bekannte Exemplare, die Hetze gegen die SU und DDR beinhalten. Nur vereinzelt tauchen Flugblätter mit Hetze gegen die V. Weltfestspiele in Warschau59 auf.

Antidemokratische Tätigkeit

In der letzten Zeit wurde im Kreis Ilmenau festgestellt, dass von einigen Personen Jugendliche angesprochen wurden Unterschriften zu sammeln, um die Personen, die von den Sicherheitsorganen verhaftet wurden, wieder freizubekommen. So z. B. wandte sich eine Hausfrau aus Großbreitenbach, [Kreis] Ilmenau, deren Sohn inhaftiert ist, an den FDJ-Instrukteur und sagte ihm, dass er Unterschriften unter den Jugendfreunden sammeln soll, um die Freilassung ihres Sohnes zu erlangen. Ähnliche Tendenzen sind auch in den Gemeinden Gräfinau und Oberpörlitz zu verzeichnen.

Beim Leeren des Briefkastens am S-Bahnhof Zepernick wurde am 9.8.1955, gegen 5.00 Uhr, festgestellt, dass dort bisher unbekannte Täter einen Teil des Inhaltes des Postbriefkastens verbrannt hatten. Der größte Teil des Inhaltes blieb jedoch unbeschädigt, da das Feuer vermutlich schnell ausging.

In der Gemeinde Lippendorf, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, wurde folgende Hetze über den Genossen Walter Ulbricht verbreitet: Walter Ulbricht wollte nach Westdeutschland, wo man ihn aber nicht aufgenommen hat. Daraufhin wäre er in die SU und die Volksdemokratien gereist, wo man ihn ebenfalls nicht aufgenommen hat. Dann wäre er nach China gegangen, wo er unter dem Namen Halunke leben würde.60 Personen sind nicht bekannt.

Der Inhaber des Zeitungskioskes am Kreuz – Connewitz/Leipzig verbreitete folgendes Gerücht: »Innerhalb Leipzigs findet eine große Wohnraumerfassung statt. Der Grund wäre darin zu suchen, dass in Österreich die gesamten Kommunisten ausgewiesen würden und in die DDR kämen.«61

In Görlitz, [Bezirk] Dresden, kursieren die Gerüchte, dass Genosse Walter Ulbricht sich in Haft befindet, sich in der Schweiz aufhält oder auf einer Versammlung halb totgeschlagen wurde und jetzt zur Erholung sei.

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