Direkt zum Seiteninhalt springen

Zur Beurteilung der Situation in der DDR

24. August 1955
Informationsdienst Nr. 2478 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Gegenüber der letzten Berichtsperiode zeigt sich in der Stimmung der Werktätigen keine wesentliche Veränderung.

Über politische Fragen, wie z. B. über die Regierungserklärung1 oder die Reise Adenauers2 nach Moskau3 wird weiterhin verhältnismäßig wenig gesprochen.

Der Grund dafür ist u. a. auf eine gewisse Gleichgültigkeit bzw. Interessenlosigkeit zurückzuführen.

Zum Beispiel wird im VEB Gießerei- und Maschinenfabrik Berlin unter den Beschäftigten gar nicht über die Regierungserklärung gesprochen, da ihnen der Inhalt nicht bekannt ist.

Trotzdem im VEB Herrenbekleidung Lichtenberg/Berlin den Kollegen durch den Betriebsfunk der Wortlaut der Regierungserklärung bekannt gegeben wurde, werden hierüber keine Diskussionen geführt.

Einige Angestellte des VEB Gaselan Berlin brachten zum Ausdruck, die Regierungserklärung hat »nichts Neues« gebracht. Oder es heißt: »Die Erklärung enthält das Gleiche, was Bulganin4 bereits schon gesagt hat.«

In der Abteilung Turbinenschaufel des VEB E.-T.-Werk in Suhl5 wird ebenfalls nicht über die Regierungserklärung gesprochen. Allerdings wurden auch noch keine Kurzversammlungen durchgeführt.

In einer Abteilungs-Versammlung des VEB Kabelwerk Vacha, [Bezirk] Suhl, in der die Regierungserklärung ausgewertet wurde, nahmen nur 50 % der Kollegen teil. In den Gesprächen wurde oftmals zum Ausdruck gebracht, »was nützen die vielen Konferenzen und Vorschläge, diese kosten nur eine Menge Geld und für das Volk kommt nichts dabei heraus«.

Im Übrigen enthalten die meisten Diskussionen zur Regierungserklärung sowie zur Reise Adenauers Zustimmung, und die Argumente sind im Wesentlichen immer wieder die gleichen und bereits bekannt.

Die Unklarheiten über das Problem der freien Wahlen,6 wie sie im letzten Bericht geschildert wurden,7 bestehen weiterhin bei einem Teil der Werktätigen, sodass es Aufgabe der Agitatoren in den Betrieben sein muss, besonders darüber Aufklärung zu schaffen.

Dass besonders der Gegner in seiner Propaganda dieses Problem aufgreift und zu seinen Gunsten auswertet, beweist die Tatsache, dass darüber die meisten negativen Diskussionen zu verzeichnen sind. Das Hauptargument dabei ist die Verleumdung gegen unsere Partei und Regierung, indem es heißt: »Sie sind gegen freie Wahlen, weil sie Angst haben davor.«

In diesem Zusammenhang werden auch vereinzelt Stellungnahmen bekannt, in denen die Verhältnisse in Westdeutschland verherrlicht werden.

So sagte z. B. ein Kollege aus dem BKW »Freundschaft« Senftenberg, [Bezirk] Cottbus: »Grotewohl8 hat freie Wahlen abgelehnt,9 wir müssen aber die Durchführung verlangen. Es wird sich dabei herausstellen, welcher Teil Deutschlands besser ist. In Westdeutschland hat jeder zweite oder dritte Arbeiter ein Motorrad oder Auto, was gibt es dagegen schon bei uns.«

Ein Arbeiter aus dem VEB IKA Zella-Mehlis, [Bezirk] Suhl: »Es ist doch ganz klar, bei freien Wahlen kommt unsere Regierung nicht zum Zug. Wenn die SED viel erreichen würde, wären es höchstens zwei bis drei Sitze im Parlament.«

In einer öffentlichen Parteiversammlung des VEB Elisabeth-Hütte in Brandenburg10 stellten zwei Angestellte die Forderung nach »Freien Wahlen«. Von einem großen Teil der Anwesenden wurden diese Diskussionsbeiträge durch Beifall unterstützt.

Einige Beschäftigte des VEB Kondensatorenwerk Gera vertreten die Meinung: »Die SED hat nur Angst vor der Durchführung freier Wahlen, weil sie nicht die Mehrzahl der Stimmen erhalten würde.«

Ein Hauer aus dem Wismut-Schacht11 18/53 – Johanngeorgenstadt –: »Die SED kann keine freien Wahlen durchführen, weil sie genau wissen, dass sie dann verloren sind.«

Ein Genosse aus dem VEB Meba (Optik) Döbeln,12 [Bezirk] Leipzig: »Die Einheit kann nicht eher kommen, bis wir die gleichen Preise wie in Westdeutschland haben. Die Bevölkerung von drüben will von uns nichts wissen, da hier der Lebensstandard viel zu niedrig ist.«

Ein Arbeiter aus dem VEB Leipziger Verkehrsbetriebe – Werkstatt Leutzsch:13 »Jetzt, unter dieser Regierung, werden die Arbeiter mehr ausgebeutet, als unter der Hitlerregierung. Damals bekam man wenigstens das entsprechende Geld für seine Arbeit. Jetzt verdienen nur die SED-Leute. Die Regierung wird sowieso bald kippen.«

Ein Arbeiter aus dem Kraftwerk Regis,14 [Bezirk] Leipzig: »Eine Wiedervereinigung unter dem jetzigen System in der DDR, besonders unter dem Regime der SED, kann ich mir nicht vorstellen.«

Ein technischer Angestellter im VEB Baumwollspinnerei Tannenberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Da haben sie mit ihrer Regierungserklärung wieder mal tüchtig auf die Pauke gehauen. Sie sollen sich bloß nicht einbilden, dass sie damit zur Einheit kommen. In einer Gesamtdeutschen Regierung sitzt keiner von den Jetzigen drin, die wird ganz anders aussehen.«

Großes Interesse bestand für das Fußballspiel in Moskau,15 was die zahlreichen Diskussionen beweisen.

Allerdings wird es in erster Linie als ein großes sportliches Ereignis gewertet.

So kommt es z. B. zu Äußerungen, »dieses Spiel trägt zur Völkerfreundschaft bei«, oder »das Spiel beweist erneut, dass die sozialistische Gesellschaftsordnung der kapitalistischen überlegen ist« und Ähnliches.

Vor Beginn des Spieles waren viele vom Sieg der westdeutschen Mannschaft überzeugt und mussten sich aber dann überzeugen lassen, dass das Spiel der sowjetischen Mannschaft besser war.

Ein großer Teil drückt offen seine Freude über den Sieg der sowjetischen Mannschaft aus.

Teilweise, meist in negativer Hinsicht, beschäftigt man sich in den Diskussionen damit, dass die westdeutschen Sender zu Beginn des Spieles u. a. die »Nationalhymne« der Bundesrepublik, das »Deutschlandlied« übertragen haben. Dabei trifft man die »Feststellung«, dass unsere Sender dies »unterschlagen« hätten.

So wird z. B. im VEB PWS Schmölln,16 [Bezirk] Leipzig, die Frage aufgeworfen: »Warum haben unsere Sender nicht das Deutschlandlied übertragen? Die SU hat doch auch bei Beginn des Spieles dieses Lied intoniert. Also ist es nur Sturheit von unserem Rundfunk gewesen. Wenn schon eine Annäherung der Deutschen untereinander erfolgen soll, dann muss jeder etwas nachgeben.«

Ein Genosse aus dem Gaswerk »Max Reimann« Leipzig: »Ich habe den Frankfurter Rundfunk17 gehört, und von dort wurde zu Beginn des Spieles das Deutschlandlied gespielt. Ich möchte nur wissen, warum dies unsere Sender nicht gebracht haben.«

Einige Kollegen aus dem Hydrierwerk Zeitz, [Bezirk] Halle, brachten zum Ausdruck, dass der Hamburger Sender18 das Deutschlandlied übertragen und dass unser Rundfunk dies direkt unterschlagen habe.

Ein Kollege aus der Schuhfabrik »Lipsia« Weißenfels, [Bezirk] Halle: »Ich habe einen Sieg der sowjetischen Mannschaft vorausgesehen. Aber eins kann ich nicht verstehen, dass die Reportage, welche die Westsender gebracht haben, besser war. Vor allem, weil vor dem Spiel die Begrüßung übertragen und die Nationalhymne der Bundesrepublik, das Deutschlandlied gespielt wurde. Wenn dies von der SU anerkannt wird, konnten es unsere Sender auch übertragen.«

An betrieblichen Mängeln und Schwierigkeiten wurde uns in dieser Berichtsperiode u. a. nachstehendes bekannt:

Vor ca. zwei Jahren wurde durch die staatliche geologische Kommission in Verbindung mit dem VEB Schachtbau Nordhausen ein Vorkommen an Polierschiefer in Seifhennersdorf, [Bezirk] Zittau, unter Verwendung von ca. 1,5 Mio. DM Investmittel erschlossen.

Daraufhin wurde am 2.5.1955 der Kreisbetrieb VEB Polier-Schieferbergbau gegründet.

Die Perspektive war, Kleinmengen für die optische Industrie und eine hauptsächliche Jahresproduktion von ca. 20 000 t als Grundstoff für Porenbeton (Leichtbeton) für die Baustoffindustrie im DDR-Maßstab zu verwenden.

Mit der DHZ-Baustoffe geführte Verhandlungen erbrachten nicht die gewünschten Absatzverträge. Dadurch wird die Frage aufgeworfen, dieses Objekt wieder zuzuschütten. Die Kumpels des Werkes bringen zum Ausdruck, dass es fast so aussieht, als wenn es sich um eine bewusste Fehlplanung handeln würde.

Der Leiter des Zentralen Absatzkontors19 für Fischwirtschaft in Stralsund erklärte Folgendes: »Es bestehe zurzeit eine äußerst schwierige Situation in der Fischversorgung, da ein großer Anfall an Fischen in den Kombinaten zu verzeichnen ist.

Gleichzeitig werden noch große Mengen aus Hamburg angeliefert. Dadurch sind die Kombinate nicht mehr in der Lage, den Fisch zu verarbeiten. In erster Linie wird der Fisch aus Hamburg verarbeitet, da er aufgrund des langen Transportes minderwertiger ist. Zurzeit sind weitere Lieferungen unterwegs. Die verantwortlichen Genossen haben sich mit den übergeordneten Dienststellen in Berlin und in den Bezirken in Verbindung gesetzt. Sie können jedoch der Situation nicht Herr werden.«

Über Materialmangel klagten:

  • VEB Gummi- und Textilwerk in Bad Blankenburg, [Bezirk] Gera (3 mm verzinkter Draht – Erfüllung von Exportaufträgen dadurch gefährdet);

  • VEB Waggonbau Niesky, [Bezirk] Dresden (Zubringerteile – dadurch entstehen in den Vorbereitungswerkstätten laufend Wartestunden).

Im Kreis Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, besteht im Verkehrswesen ein Mangel an Reifen und Diesel- sowie Motorenöl. Dadurch fallen für den Berufsverkehr neun Lastkraftwagen und ein Kraftomnibus aus. Wenn der Mangel in den nächsten Tagen nicht behoben wird, fallen noch weitere Wagen aus.

Ein Auftragsmangel besteht in der Stahlformgießerei des Stahl- und Walzwerkes Riesa, [Bezirk] Dresden, und in der Nähmaschinen-Abteilung des VEB »E.-T.-Werk«, Produktionsbereich II, in Suhl. Dadurch wird die Stimmung unter den Beschäftigten wesentlich beeinträchtigt. So schlugen z. B. die Arbeiter im letztgenannten Betrieb der betreffenden Abteilung vor, dass zur Besprechung beim ZK ein Kollege ihrer Abteilung benannt werden sollte, um dort diese Schwierigkeiten im Auftrag der Kollegen vorzubringen.

Als ihnen klargemacht wurde, dass dies Sache des 1. BPO-Sekretärs sei, wiesen dies die Arbeiter mit Entrüstung zurück und sagten, »der 1. Sekretär kann unsere Interessen nicht vertreten, weil er sich in der Abteilung ja gar nicht sehen lässt und deshalb unsere Sorgen und Nöte gar nicht kennt«.

In einer Leitungssitzung der BPO wurde beschlossen, einen Kollegen dieser Abteilung nach Berlin mitzunehmen.

Produktionsstörungen

Am 16.8.1955 musste die VEB Patentpapierfabrik Penig, Kreis Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, gegen 11.50 Uhr stillgelegt werden, da ein Oberhitze-Rohrbruch eintrat. Die Ursache bestand darin, dass es sich bei dem Oberhitzerohr um veraltetes Material handelte, woran in letzter Zeit schon öfters Schäden auftraten.

Gegen 21.15 Uhr des gleichen Tages konnte der Betrieb die Arbeit wieder aufnehmen.

Am 22.8.1955, gegen 14.50 Uhr, wurde die Stromzufuhr vom VEB Textilwerk Zittau unterbrochen. Es wurde festgestellt, dass die Kabelunterbrechung zwischen Verteilerhaus ca. 300 m vom Betrieb entfernt liegt.

Die Produktion des Betriebes, welcher in drei Schichten arbeitet, ist dadurch stillgelegt. Der Grund des Stromausfalles ist noch nicht bekannt – vermutlich Erdschluss.

Am 19.8.1955 erfolgte in unmittelbarer Nähe des VEB Flachsspinnerei Hirschfelde, [Kreis] Zittau, [Bezirk] Dresden, ein Blitzschlag in die Hochspannungsleitung. Es entstand eine Überspannung an der Stromzuführung zur Trafostation. Die Überspannung hatte zur Folge, dass an dem Stromumwandler eine Überbelastung entstand und diese durchschlugen. Dadurch erfolgte ein Überschlag an Trafo 1. Der Trafo wurde beschädigt und der Betrieb war stromlos.

In den Morgenstunden des 20.8.1955 konnte die Produktion mit dem Trafo 2, Leistung 250 KW, zu 50 % wieder weitergeführt. Der Schaden kann zurzeit noch nicht festgestellt werden.

Am 19.8.1955, gegen 1.00 Uhr, brach in zwei Kokskammern des VEB Gaswerk »Max Reimann« Leipzig ein Brand aus. Die Ursache hierfür ist Selbstentzündung des Kokses. Nach einer Stunde konnte der Brand gelöscht werden. Die Höhe des Schadens ist noch nicht bekannt.

Infolge Spurverengung entgleiste am 18.8.1955 der Bagger 750 im VEB Regis, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, mit zwei Achsen. Produktionsausfall: 100 cbm Abraum.

Am 19.8.1955 ereignete sich im BKW Seelitz, Kreis Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, durch Fahrlässigkeit ein Zugzusammenstoß. Der Schaden beläuft sich auf ca. 1 000 t Rohkohle und 8 000 bis 10 000 DM.

Durch vorzeitige Weichenstellung entgleiste am Stellwerk des Fortschrittschachtes 1 in Eisleben, [Bezirk] Halle, ein Rollwagenzug, bestehend aus Lokomotive und drei Rollwagen mit Rohbraunkohle beladen, wobei ein Gesamtschaden von 2 000 DM entstand.

Im VEB Grube Rositz-Tagebau Ruppersdorf, Kreis Altenburg, [Bezirk] Leipzig, wurde die Strecke durch Achsenbruch eines Kohlenwagens blockiert. Ausfall ca. 650 t Rohkohle = 2 860 DM.

Vom Kombinat 277 – Auerbach – wird bekannt, dass am 13.8.1955 ein Wasserhahn aufgedreht wurde, wodurch das ganze Wasser in den Schacht lief. Der Täter konnte bisher nicht ermittelt werden.

Im sächsischen Kunstseidenwerk Pirna, [Bezirk] Dresden, wurde ein Webeplakat der KVP durchgestrichen.

In der Klosettanlage des Rohrwerkes II Stahlwerk Riesa, [Bezirk] Dresden, wurde eine Hetzschrift in Bezug auf Lohnabzug festgestellt. Des Weiteren eine Hetzschrift »Ade, Oder-Neiße-Grenze«, »Prima«.

Am 15.8.1955 wurde in der Toilette des VEB Werkzeugmaschinenfabrik Magdeburg die Hetzlosung »Freie Wahlen oder Streik, nieder mit der SED« an der Wand mit blauer Ölkreide festgestellt.

Unter der Bevölkerung kursieren weiterhin die Gerüchte über den Verbleib des Genossen W. Ulbricht.20 Dies ist einmal darauf zurückzuführen, dass vielen nicht bekannt ist, dass er sich zurzeit im Urlaub befindet, und zum anderen, weil durch die Westpropaganda Verleumdungen gegen den Genossen W. Ulbricht verbreitet werden.

Zum Beispiel schreibt die »Nachtdepesche«21 am 23.8.1955 auf der ersten Seite ganz groß »Ulbricht ist abgesetzt«22 – »Nach der Selbstkritik ausgeschaltet«.

So entstanden z. B. Gerüchte wie »Ulbricht ist verhaftet und befindet sich in der Festung Torgau, da er sich besonders gegen die Jugoslawien-Frage23 aufgelehnt hat«.

Oder: »Er ist verhaftet worden, weil er der Bevölkerung einen Lebensstandard für 1955 versprochen und nicht gehalten hat.«24

Und: »Er hat einen Nervenzusammenbruch bekommen und befindet sich in Berlin-Buch25 im Sanatorium«, »wegen seiner harten sozialistischen Linie aus dem Brennpunkt der Öffentlichkeit entfernt wurden«, und ähnliches mehr.

Versorgung der Bevölkerung

Trotzdem in der letzten Zeit eine Besserung in der Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln eingetreten ist, halten örtlich die Schwierigkeiten noch an, was zum Teil auf ungenügende Rodung der Kartoffeln zurückzuführen ist.

So stand am 20.8.1955 eine 80 m Schlange von Hausfrauen auf dem Platz der Republik26 in Meiningen, [Bezirk] Suhl, um von den drei Tonnen ausgelieferten Kartoffeln einige zu erhalten.

Im Leuna-Werk »Walter Ulbricht« sind ab Mittag des 20.8.1955 keine Kartoffeln mehr vorhanden. Das Werk muss täglich ca. 11 000 Essensportionen herstellen.

Im Kreis Quedlinburg, [Bezirk] Halle, konnte die Bevölkerung sowie ein Teil der Werkküchen nicht mit Kartoffeln beliefert werden.

Aus diesem Grunde kommt es vor, dass Kinder vorzeitig die Kinderferienheime verlassen und wieder nach Hause fahren.

Mangel an Kartoffeln tritt vor allem noch in Neustadt, Kreis Sebnitz, [Bezirk] Dresden, in einigen Kreisen des Bezirkes Karl-Marx-Stadt, in den Kreisen Hagenow, Ludwigslust und Parchim, [Bezirk] Schwerin, im Kreis Wolgast, [Bezirk] Rostock, in den Kreisen Eilenburg und Grimma, [Bezirk] Leipzig, in einigen Kreisen des Bezirkes Gera, in Dessau, [Bezirk] Halle, im Bezirk Suhl und teilweise im Bezirk Erfurt auf.

Die Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit billigen Zigaretten sind nach wie vor unverändert. Obgleich in einigen Orten eine Aufstockung durch Importzigaretten usw. erfolgte, reichte die Menge nur wenige Tage, sodass jetzt wieder der gleiche Zustand herrscht.

So ist z. B. trotz der Preissenkung27 von »Travel« und »Derby« in der Versorgung mit billigen Zigaretten im Bezirk Halle noch keine Veränderung eingetreten. Mangel besteht vor allem noch in den Bezirken Gera, Frankfurt/Oder, Potsdam, Schwerin und Halle.

In den ländlichen Gemeinden ist die Versorgung mit Lebensmitteln und Genussmitteln besonders schlecht. Besonders fehlt es dort an Marmelade, Kunsthonig, Süßwaren, Nährmittel.

In einigen Fällen gibt es auch kein Bier und andere Erfrischungsgetränke, die besonders jetzt in der Ernte benötigt werden.

Dazu sagte z. B. ein HO-Angestellter28 aus Putbus, [Bezirk] Rostock: »Auf dem Lande ist die Versorgung mit Bier, Brause usw. sehr schlecht. Gerade in der Erntezeit werden diese Getränke dringend benötigt. Die staatlichen- und Privatgaststätten haben wochenlang kein Flaschenbier. Die Bevölkerung diskutiert negativ darüber und bringt zum Ausdruck, dass man ja für die Stadt besser sorgen muss, aber die Landbevölkerung braucht ja kein Bier und keine Brause, die können ja Wasser trinken.«

Das trifft besonders im Bezirk Potsdam, Schwerin und Rostock auf.

Trotz des großen Andranges, der in den Geschäften Berlins aufgrund des Sommerschlussverkaufes zu verzeichnen ist, kann festgestellt werden, dass das Ergebnis des Verkaufes keine besonderen Erfolge hinsichtlich der Minderung der Überplanbestände zeigt. So wurden z. B. am ersten Tag des Schlussverkaufes im Verband der KG Berlin bei Textilien eine Umsatzsteigerung von 20 bis 30 % erreicht. Am zweiten Tag ca. 15 % und am dritten Tag war keine wesentliche Steigerung festzustellen.

Der Konsum29 in Weißensee hatte in den ersten drei Tagen einen Umsatz von insgesamt 105 000 DM, worin für 13 300 DM im Preis gesenkte Waren enthalten sind.

Die HO hatte folgenden Umsatz:

  • Montag 95 000 DM – davon gesenkte Ware 8 000 DM,

  • Dienstag 97 000 DM – davon gesenkte Ware 7 000 DM,

  • Mittwoch 83 600 DM – davon gesenkte Ware 10 000 DM.

Von Leipzig wird berichtet, dass der Absatz im Sommerschlussverkauf im HO-Warenhaus Leipzig sehr gering ist. Es werden täglich für 10 000 bis 12 000 DM verkauft, was ein Prozent der im Schlussverkauf befindlichen Warenmengen entspricht.

Die Diskussionen zur Versorgungslage sind nach wie vor vorwiegend negativ. Sie drücken immer wieder aus, dass zehn Jahre nach Kriegsende solche Mängel in der Versorgung nicht auftreten dürfen. Zu bemerken ist aber, dass diese Diskussionen nicht ausschließlich gegen unsere Regierung und DDR gerichtet sind, sondern überwiegend die Missstände und die schlechte Arbeit der Handelsorgane aufzeigen und kritisieren. Verschiedentlich stellen solche Personen, die Besuche in Westdeutschland abgestattet haben, Vergleiche mit Westdeutschland an und bringen zum Ausdruck, dass dort die Lebenslage viel besser als in der DDR sei.

Der kommunale Großhandel und die KG-Molkereiprodukte Berlin erhalten einen Waggon mit Sahneschichtkäse und Quark, der für den menschlichen Genuss unbrauchbar ist. Der Waggon enthielt 548 Kisten Sahneschichtkäse und sechs Fässer Speisequark, insgesamt 3 170 kg von der Molkereigenossenschaft Kyritz, [Kreis] Prignitz, [Bezirk] Potsdam. Es wurde festgestellt, dass der Waggon vor der Beladung nicht gereinigt wurde und vorher in diesem Schweine transportiert wurden.

Zur Lage in der Landwirtschaft

Die politischen Diskussionen treten durch die Erntearbeiten weiterhin nur vereinzelt auf. Es wird besonders über die Regierungserklärung und die Ergebnisse der Genfer Konferenz30 in der bereits schon berichteten Form gesprochen. Neue Momente traten nicht auf.

Breiten Raum nahmen die Erntearbeiten ein. Hierbei zeigen sich auch, trotz vieler guter Erfolge, noch große Mängel und Schwächen. Besonders wird die unterschiedliche Arbeit der MTS kritisiert, die es in vielen Fällen nicht verstehen, ihre Verträge einzuhalten. Die Schuld ist aber nicht immer in der schlechten Arbeit der MTS, sondern in den schlechten Maschinen zu suchen. Vor allem die Mähdrescher, die im Werk Weimar hergestellt werden, werden stark kritisiert, weil diese durch das dazu verwendete schlechte Material nur kurze Zeit einsatzfähig sind und dann durch die laufenden Reparaturen lange Zeit ausfallen. Dadurch, dass die MTS ihre Verträge in verschiedenen Fällen nicht einhalten, steht in einigen Fällen das Getreide schon überreif auf den Feldern, sodass es nur noch mit dem Mähdrescher abgemäht werden kann, wenn keine größeren Verluste entstehen sollen.

Die Bauern sind über die Nichteinhaltung der Verträge durch die MTS empört und bringen oft zum Ausdruck, dass sie nie wieder Verträge mit der MTS abschließen wollen, wenn diese ihren Verpflichtungen so schlecht nachkommt.

So hält z. B. die MTS Murchin, Kreis Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, ihre Verträge über den Einsatz des Mähdreschers nicht ein.

Ähnlich ist es auch in den MTS Rositz, [Kreis] Altenburg, [Bezirk] Leipzig, MTS Pannewitz, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, MTS Kitzen, Landkreis Leipzig, MTS Dröschkau, [Bezirk] Leipzig, MTS Zierkow, [Kreis] Putbus, [Bezirk] Rostock.

Hinsichtlich der schnellen vorfristigen Ablieferung gibt es unter den Bauern verschiedene Meinungen. Während eine ganze Reihe LPG, VEG und werktätige Bauern den zehnten Jahrestag der Bodenreform31 zum Anlass nehmen, bis zum 3.9.1955 ihr Getreide 100%ig abzuliefern,32 gibt es verschiedene Bauern, die nicht bereit sind, bis zu diesem Zeitpunkt ihr Getreide an den Staat abzuliefern. Das wird damit begründet, dass bis zum 31.12.195533 Zeit zur Ablieferung sei, es notwendig wäre, das Getreide erst mal unter Dach und Fach zu bringen, um erst die Feldarbeiten zu beenden, dass das Getreide zu nass wäre und dadurch zu viel Feuchtigkeitsprozente abgerechnet würden, die VEAB durch Übererfüllung ihrer Lager das Getreide sowieso nicht abnehme usw.

Zum Beispiel ist in der Gemeinde Oberhain, [Kreis] Rudolstadt, [Bezirk] Gera, ein großer Teil werktätiger Bauern mit dem Ablieferungstermin für Getreide am 3.9.1955 nicht einverstanden. Es wird wie folgt diskutiert.

»Jetzt verlangt man schon die Ablieferung, wo noch keine Aussicht auf rechtzeige Einbringung besteht. Dann soll man neben den Erntearbeiten, wo jede Stunde gebraucht wird, auch noch Zwischenfrüchte anbauen und dann noch dreschen. Dabei ist in den Speichern nicht genügend Platz und sehr oft verdirbt dann das Getreide. In den oberen Stellen müssen recht viel Leute sitzen, die Langeweile haben, denn sonst würden sie nicht solchen Unfug schreiben. Es wäre besser, die oberen Instanzen würden dafür sorgen, dass genügend Arbeitskräfte für die Landwirtschaft da sind oder sie sollen selbst mitarbeiten.«

Unter den Bauern der Gemeinde Lützschena, Landkreis Leipzig, ist die Parole verbreitet: »Alles Getreide in die Scheunen einfahren, dann erst alle Feldarbeiten erledigen und erst danach wird gedroschen und abgeliefert.«

Ein werktätiger Bauer aus Frauendorf, [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock, sagte: »Es wird nicht möglich sein, das Ablieferungssoll bis zum 3.9.1955 zu erfüllen. Es ist doch auch egal, wann wir unser Getreide abliefern. Die Hauptsache ist doch, wir liefern es überhaupt ab.«

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

In der LPG Schönewerda, Kreis Artern, [Bezirk] Halle – Bestand von 140 Schweinen notgeschlachtet.

In der LPG Penkun, Kreis Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg – Bestand von 37 Schweinen, davon sieben verendet, Rest notgeschlachtet.

Von der LPG »Wilhelm Pieck« in Baasdorf, Kreis Köthen, wurde beim Bindern von Hafer festgestellt, dass unbekannte Täter auf den 104 Morgen großen Haferschlag Eisenteile in den Erdboden gesteckt hatten. Durch die Umsicht des Traktoristen konnte verhindert werden, dass der Binder mit der Schnittfläche nicht in die Eisenteile fuhr.

In verschiedenen Getreideflächen in Bornstedt, Kreis Eisleben, [Bezirk] Halle, wurden Holzscheite gefunden, die dazu dienen sollten, den dort mähenden Mähdrescher außer Betrieb zu setzen.

Unbekannte Täter zerschnitten die Bindetücher von einem der MTS Staschwitz, Kreis Zeitz, [Bezirk] Halle, gehörenden Mähbinder.

Von der MTS Bannewitz, [Kreis] Freital, [Bezirk] Dresden, wurde ein Mähdrescher im MTS-Bereich Schönfeld, [Kreis] Großenhain, eingesetzt. Dieser Mähdrescher fiel mehrere Stunden aus, da sich eine Schraube im Getreide befand und ein Getriebezahn vollkommen zermalmt wurde.

In der Nacht vom 14. zum 15.8.1955 wurde von einem auf dem Feld unbewacht stehenden Mähbinder der MTS Wüstenbrand, Kreis Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Laufrad von bisher unbekannten Tätern gestohlen.

Der Binder war am 14.8.1955 von einem LPG-Bauern wegen Kurbelschaden auf dem Feld abgestellt worden. Als am nächsten Tag der Schaden behoben werden sollte, stellten Arbeiter der MTS den Diebstahl des Rades fest.

Auf der MTS Gademow, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock, wurden folgende Schäden festgestellt:

An einem Traktor wurde der Reifen mit einem Messer aufgeschnitten, sodass der Traktor für einige Tage ausfiel.

Des Weiteren wurden von einem Traktor zwei Zündkabel abgerissen. Auch dieser Traktor musste für eine Zeit ausfallen.

Bei einem weiteren Traktor stellte man fest, dass Wasser in den Tank gegossen worden war.

Auf der MTS Appelshof, [Kreis] Grimmen, [Bezirk] Rostock, wurde aus einem Mähdrescher das gesamte Spezialwerkzeug gestohlen. Ebenfalls wurde das Getriebeöl abgelassen. Bei zwei Traktoren wurden die Reifen zerschnitten.

Am 15.8.1955, gegen 0.20 Uhr, wurde etwa 200 Meter vor der Bahnschranke auf der Straße von Löbau nach Bernstadt,34 [Bezirk] Dresden, durch unbekannte Täter die Straße mit Kornpuppen verstellt, die den Verkehr stark behinderten.

Im VEG Löbau, [Bezirk] Dresden, konnte ein neuer Mähbinder aus Zella-Mehlis, [Bezirk] Suhl, nicht eingesetzt werden infolge ständiger Störungen. Untersuchungen ergaben, dass in der Ölwanne ein Stück Eisen gelegen hat.

Am 19.8.1955 fiel eine Zugmaschine »Pionier«35 von der MTS Nöbdenitz, [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, für fünf Stunden aus.

Dieser »Pionier« war in der LPG Dobra eingesetzt und war beim Binden auf eine Egge aufgefahren, die mit den Zinken nach oben lag und die Reifen der Zugmaschine zerstach. Dieses Feld sollte nach Anhauen durch den Mähbinder mit einem Mähdrescher abgeerntet werden. Hinweise auf die Täter sind nicht bekannt.

Von einem Binder der LPG Neuplatendorf, Kreis Hettstedt, [Bezirk] Halle, der zum Einsatz kommen sollte, wurden die Reifen bis auf die Leinwand zerschnitten.

Im Wachbuch der Ernteschutzwache Rathaus Lommatzsch, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurde Folgendes festgestellt:

»Nehmt die Brandschutzwache nicht auf die leichte Seite, wenn eine Scheune mit Getreide abbrennt, dann dürft ihr euch nicht beschweren, wenn ihr 1955 und 1956 gesagt bekommt, an der Hungersnot sind wir nicht schuld, das lag an den Wächtern. Also lasst dem Staat keine Ausrede und passt gut auf.«

Am 21.8.1955, gegen 14.40 Uhr, geriet bei einem Mittelbauern in Meißen, [Bezirk] Dresden, das Wohn- und Stallgebäude in Brand. Zurzeit des Brandes befanden sich die Ehefrau und deren 82-jährige Mutter im Wohngrundstück. Ursache noch nicht festgestellt. Schaden ca. 3 500 DM.

In der Gemeinde Görzig, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, geht das Gerücht um, wer mit dem Mähdrescher gemäht und gedroschen hat, gibt das Getreide nach Riesa zum Trocknen, und es gibt keine Frühdruschprämie.

Am 18.8.1955 brach in dem Rapsstrohhaufen der LPG Ducherow, Kreis Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, der unmittelbar an einem Holzschuppen gelagert war, Feuer aus. Das Feuer griff auf den Holzschuppen über und von hier auf den Dachstuhl des Pferdestalles, der unmittelbar daneben stand. Durch das Feuer wurde folgendes Inventar vernichtet: eine Strohmühle, ein Elektromotor.

Lebendes Inventar verbrannte nicht. Der Schaden beläuft sich auf ca. 2 000 DM. Ursache des Brandes ist vermutlich fahrlässige Brandstiftung.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Der Stand der Kinderlähmung ist im Kreisgebiet Bautzen 30 Fälle. Darunter zwei mit tödlichem Ausgang.

Es betraf hier einen Arzt selbst sowie ein Schulkind, welches sich in einem Ferienlager in Weißwasser befand.

Einschätzung der Situation

Zurzeit wird wenig zu den aktuellen politischen Fragen Stellung genommen. Sonst zeigen sich keine wesentlichen Veränderungen in der Lage.

Anlage 1 vom 22. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2478

Auswertung von Hetzschriften

Die Feindzentralen36 nehmen die Rede des Genossen Chruschtschow37 anlässlich des Staatsbesuches in der DDR38 zum Anlass, die Bevölkerung aufzuhetzen, dass die SU keine Wiedervereinigung Deutschlands will.39

Unter Berufung auf die Ausführung des Genossen Chruschtschow, »man kann die deutsche Frage nicht auf Kosten der DDR lösen«, hetzt die KgU40 in ihrem Hetzblatt »Die Wahrheit«41 vom 1.8.1955 die Bevölkerung auf, »Freie Wahlen« zu fordern, indem es heißt: »Wirklich freie Wahlen würden Chruschtschow sehr schnell vom Gegenteil überzeugen.«

In ähnlicher Weise hetzt die KgU auch in einer Hetzschrift »an die ländlichen Funktionäre des Kreises Greiz/Thüringen«.

Unter Bezugnahme auf die Aussprachen des Genossen Chruschtschow mit den Wissenschaftlern des Institutes Bernburg42 über den Maisanbau43 hetzt die KgU gegen die bestehende Wirtschaftsform in der DDR, indem geschrieben wird: »Solange sich die Pankower Satelliten44 nicht davon freimachen, dass alles was aus der SU kommt gut ist, wird eine Stabilisierung der Wirtschaft in der SBZ nicht möglich sein.«

Diese hetzerische Behauptung wird zum Anlass genommen, um die Bevölkerung aufzufordern »Freie Wahlen« zu verlangen, indem geschrieben wird: »Lasst euch nicht weiterhin zu sowjetischen Handlagern herabwürdigen. Fordert die Einheit Deutschlands in Freiheit, damit das deutsche Volk durch freie Wahlen entscheiden kann, nach welchem System es leben will.«

Verbunden mit der Hetze an die Bevölkerung der DDR, »Freie Wahlen« zu fordern, wird gegen die Oder-Neiße-Grenze gehetzt. In der Hetzschrift »Die Wahrheit« der KgU wird die Bevölkerung der DDR aufgefordert, die Forderung nach Revision dieser Grenze zu stellen, da sonst die Wiedervereinigung nicht möglich wäre.

Wörtlich heißt es darin: »Ohne Regelung der deutsch-polnischen Grenze kann es keine endgültige Einigung über die Wiedervereinigung geben.«

In der gleichen Hetzschrift wird jedoch nicht nur die Forderungen nach »Freien Wahlen« gestaltet, sondern die Bevölkerung zum aktiven Widerstand aufgefordert. Unter der Überschrift »Widerstand ist noch nicht zu Ende« behandelt das Hetzblatt den 20. Juli 1944, und schreibt darin wörtlich: »Jeder Widerstand sei nicht nur ein Aufstand des Gewissens gegen Verbrechen, sondern Symbol gegen künftige Gewaltaktionen.«

Die Hetzschrift »Die Wahrheit von A bis Z«45 des »Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften«46 vom August 1955, hetzt gegen die Verständigung der Konsum-Genossenschaften der DDR und Westdeutschland, indem es zu den Angeboten, gemeinsame Beratungen aufzunehmen,47 schreibt: »Alle diese Vorstöße sind diktiert von dem unverhüllten Wunsch, die westdeutschen Konsum-Genossenschaften für Aktionen zu gewinnen, die scheinbar der Wiederherstellung der deutschen Einheit in Wahrheit den parteipolitischen und machtpolitischen Bestrebungen dienen sollen … sie dienen ausschließlich dem politischen Zweck, Anhänger für das in der Sowjetzone herrschende System zu werben, um diesem im Falle der Wiedervereinigung seine Herrschaft zu sichern.«

Dadurch soll erreicht werden, dass die Konsum-Genossenschaftler keinen Verständigungsangeboten oder Einladungen westdeutscher Genossenschaften mehr zustimmen.

Im verstärkten Maße verbreiten die Feindzentralen jetzt Meldungen, wonach angeblich österreichische Kommunisten aufgrund des Abzuges der sowjetischen Truppen aus Österreich nach der DDR flüchten würden, wo sie in Dresden, Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Halle angesiedelt würden, um die Bevölkerung aufzuhetzen.48

Um Unruhe unter den Studenten der DDR zu stiften sowie die Jugendlichen abzuhalten, an den Universitäten ihr Studium aufzunehmen, verbreitet der UfJ49 in der Hetzschrift »Aus der Zone des Unrechts«50 vom Juni 1955, eine Meldung, wonach »jeder Student sich verpflichten muss … sobald das Wehralter erreicht ist, auf zwei Jahre für den Dienst in der KVP seine Studienzeit zu unterbrechen. Wer nicht unterschreibt, verliert sein Stipendium oder wird sogar exmatrikuliert«.

In diffamierender Weise nehmen die Feindzentralen zu den vor dem Obersten Gericht der DDR durchgeführten Prozesse gegen Agenten der verschiedenen Verbrecherzentralen51 Stellung, um dadurch die Bereitschaft der Bevölkerung zum Schutze der Errungenschaften der DDR zu untergraben. Gleichzeitig werden die Prozesse zum Anlass genommen, die Bevölkerung zur Begehung von Verbrechen aufzuhetzen.

So schreibt die »KgU« in ihrer Hetzbroschüre »Die Wahrheit«52 vom 1.7.1955, in der zu den Prozessen Stellung genommen wird: »Unsere Pflicht ist es, diesen Menschen nachzueifern, um an ihrer Bereitschaft zum Opfer ein Beispiel zu nehmen.«53

Dem gleichen Ziel, die Bevölkerung aufzuhetzen und von der Verteidigungsbereitschaft abzuhalten, dienen auch die in letzter Zeit vor den Feindzentralen verbreiteten Flugblätter und Hetzschriften, deren Inhalt in hetzerischer Form über die Arbeit des SfS, über neue Enteignungsaktionen in Mecklenburg, über das noch bestehende Kartensystem54 in der DDR sowie über die Normen55 in der Industrie und im Handel Stellung zu nehmen.

Besonders die Normen werden zum Anlass genommen, die Werktätigen gegen die Regierung aufzuhetzen. So wird in einer Hetzschrift vom 26.7.1955, die als Brief an Volkskorrespondenten verschickt wurde, geschrieben: »Wie sagten doch die Mitglieder vom Verkaufsstellenausschuss des Konsum Lichtenberg, 43 Jahre haben wir am 1. Mai für den 8-Stundentag demonstriert, bis er Wirklichkeit wurde und heute wird er uns von der Arbeiter- und Bauernregierung wieder genommen. Zehn bis zwölf Stunden arbeiten wir jetzt bei schlechter Ernährung für einen Hungerlohn und unsere Gewerkschaftsvertreter wollen immer noch mehr Normenerhöhungen … Dies ist die Methode, die unsere Arbeiter verärgert und sie am 17.6.195356 zur Verzweiflung trieb, bis sie ihr Recht auf der Straße suchten.«

Die Feindzentralen nehmen den Rücktritt des Genossen Willi Stoph57 zum Anlass,58 eine wüste Hetze gegen den Warschauer Vertrag59 durchzuführen, indem sie unter Verdrehung und Entstellung des Standpunktes der Regierung der DDR, im Interesse der Herstellung der Einheit Deutschlands, die Frage der Beteiligung deutscher Truppenkontingente vorläufig noch offenzulassen,60 als Beweis dafür hinstellen, dass die DDR nicht souverän und gleichberechtigt am Warschauer Vertrag beteiligt ist. Außerdem soll der Eindruck erweckt werden, als ob die SU bereit wäre, die DDR eventuell »aufzugeben«.

In der Hetzschrift heißt es dazu: »Unsere Kader wissen, dass der Konflikt um den Genossen Stoph im unmittelbaren Anschluss an die Warschauer Konferenz begonnen hat. Bekanntlich wurde auf dieser Konferenz unsere DDR nicht als gleichberechtigt mit den übrigen Volksdemokratien anerkannt. Von der Proklamation der Nationalen Streitkräfte als Antwort auf die Aufrüstung der Bonner Regierung war keine Rede, vielmehr wurde diese Frage der Zukunft überlassen. Damals beschlich die gesamte Partei eine trübe Ahnung, die DDR meistbietend zu verkaufen, wenn eben die Westmächte bereit sein würden, entsprechende Konzessionen zu machen.«

Von einer unbekannten Feindzentrale wird eine neue Hetzschrift »Die grüne Reihe«61 verbreitet. Unter den Unterschriften »Ein Fall Montesi62 – mitten unter uns!« und »Wenn es Nacht wird am Scharmützelsee« werden die übelsten Verleumdungen gegen unsere Staatsfunktionäre und hauptsächlich gegen unsere Kulturfunktionäre vorgebracht. Ziel ist die Beeinflussung der Bevölkerung mit der Lüge, dass unsere Staatsfunktionäre dem sittlichen Verfall preisgegeben seien. Weiterhin will man damit Empörung der Bevölkerung erzeugen, indem man anführt, dass hierzu die DEFA-Villa63 am Scharmützelsee und andere Villen in Niederschönhausen sowie das Landhaus der Akademie der Künste im Bezirk Potsdam zu derartigen sexuellen Ausschweifungen und Rauschgiftorgien benutzt werden.

Besonders angeschuldigt werden folgende Staats- und Kulturfunktionäre:

  • Kulturminister Johannes R. Becher64

  • Schriftsteller Willy Bredel65

  • DEFA-Direktor Sepp Schwab66

  • Schauspieler: Hans Klering,67 Ingrid Bergman,68 Anneliese Kock,69 Dr. Sophie Jürgens,70 Anna Seghers,71 Dr. Lily Hermlin,72 Hedda Zinner73

  • Volkskammerabgeordnete: Änne Saefkow,74 Selma Frank,75 Roland Waissig,76 Peter Kersten,77 Wolfgang Dietze,78 Heinz Altmann,79 und Dieter Borg80

In einer anderen Ausgabe unter der Überschrift »Die schleichende Krankheit«81 versucht man die Funktionärskader der Partei zu zersetzen, indem man die Partei beschuldigt, sie würde »ihre besten Mitarbeiter ruinieren«.

Wörtlich heißt es dort: »Die Partei lastet ihren Funktionären derartig viele Pflichten auf, das sie diese nicht mehr erfüllen können, bzw. wenn sie sie erfüllen sollen, unvermeidlich in eine seelische und körperliche Krise geraten.«

Weiter will man mit dieser Hetzschrift erreichen, dass die Funktionäre unserer Partei die Parteiarbeit ablehnen. Es wird argumentiert, dass der Mensch die großen Belastungen nur eine kurze Zeit aushalten würde und dann würde er krank. Die Krankheit bestände darin, dass man den enormen Belastungen, die die Partei auferlege, nicht mehr gewachsen sei.

Davon ausgehend fordert die Hetzschrift auf: »Legen Sie die Hälfte ihrer Funktionen nieder, gönnen sie sich Zeit zur Entspannung, beschäftigen Sie sich mit Ihrer Frau und mit Ihren Kindern, gehen Sie mal ins Kino oder ins Theater, lassen Sie – mit einem Satz – mal alle Fünf gerade sein.«

Zur Störung der landwirtschaftlichen Ausstellung vom 20.8.1955 in Erfurt wurden von den Feindzentralen an die LPG gefälschte Schreiben verschickt, in denen sie aufgefordert werden, Nutzvieh bester Qualität zur Ausstellung zu schicken. Weiterhin wird in den Schreiben gesagt: »Mit den zustellenden Tieren ist ein Pfleger nach Erfurt abzustellen. Die Miete für die Kojen und Spesen für den Pfleger werden von der Ausstellungsleitung getragen.«

Außerdem wurden zur Störung der Westimportpläne für 1956 gefälschte Schreiben an die Wasserwerke in der DDR verschickt. Darin werden die Wasserwerke aufgefordert, bei der Siemens und Halske AG in Westberlin den Bedarf an Wasserzählern und Ersatzteilen anzumelden, die die professionelle Rechnung dem DIA zustellen wird.

Anlage 2 vom 23. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2478

Die Normenfrage

Anhand einer Reihe von Beispielen zeigt sich immer wieder, dass unter den Beschäftigten der Industrie- und Verkehrsbetriebe noch große Unklarheiten über die Notwendigkeit der Einführung der technisch begründeten Arbeitsnormen82 bestehen.

So sagte z. B. ein Arbeiter aus dem Spezialstrumpfwerk Gehlenau, Kreis Zschopau: »Wenn ich jetzt an meiner Maschine eine Verbesserung anbringe, wodurch ich schneller arbeiten kann, dann kommen auch gleich die Normer, und ich als Arbeiter habe keinen Nutzen von dieser Verbesserung.«

Im VEB Glaswerk in Großbreitenbach, [Kreis] Ilmenau, wird ebenfalls über die Normenfrage diskutiert, wobei ein Arbeiter Folgendes zum Ausdruck brachte: »In der Zeit vom 17.6.1953 haben wir unsere Norm freiwillig von 50 % erhöht. Für diese Verpflichtung haben wir beinah Schläge von den übrigen Kollegen bekommen. Aufgrund des neuen Kurses wurde die Norm wieder gesenkt.83 Wenn sie jetzt wieder erhöht werden soll und wir einen Pfennig weniger bekommen, schmeißen wir euch das Werkzeug hin.«

In den Diskussionen wird wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass die Normen nicht verändert werden dürften, weil sie dann weniger verdienen. Dadurch, dass nun auch der Gegner seinen Einfluss geltend macht, sind die Erscheinungen bei Neufestsetzungen der Normen oftmals negativ.

In der Abteilung Kunststein des VEB Stuck- und Naturstein Berlin fand eine Versammlung statt, in der über die Notwendigkeit der Neufestsetzung der Normen gesprochen wurde.

So machten u. a. einige Brigadiere den Vorschlag, dass der TAN-Sachbearbeiter auf die einzelnen Baustellen geht, um dort gemeinsam mit den Kollegen neue Normen festzusetzen. Trotzdem alle Versammlungsteilnehmer durch ihre Unterschrift das Einverständnis zu diesem Vorschlag gaben, kündigten zwei Tage danach drei Kollegen einer Brigade, darunter der Brigadier, ihr Arbeitsverhältnis. Als Begründung gaben sie an, dass sie nicht gewillt seien, nach neuen Normen zu arbeiten.

Darüber hinaus wurde bekannt, dass die übrigen Kollegen dieser Brigade ebenfalls den Betrieb verlassen und wahrscheinlich bei einer Privat-Firma die Arbeit aufnehmen wollen.

Im VEB Schlacht- und Viehhof Magdeburg wurden zwecks Einführung neuer Normen Zeitaufnahmen an den Arbeitsplätzen der Kollegen vorgenommen. Dabei zeigt es sich, dass fast sämtliche Kollegen langsamer als üblich arbeiten.

In den Betrieben Altglietzen und Neuenhagen 3 der Ziegelwerke Neuenhagen, [Bezirk] Frankfurt/Oder, bestehen unreale Normen, die im Durchschnitt mit 160 % und noch höher erfüllt werden.

Bei den Diskussionen über die Notwendigkeit der Festsetzung technisch-begründeter Arbeitsnormen drohen vereinzelt feindliche Elemente mit den Worten, »denkt an den 17. Juni 1953«.

Im VEB Landmaschinenwerk in Barth, [Kreis] Ribnitz, [Bezirk] Rostock, wird von Arbeitern im Falle einer Normveränderung mit Arbeitsniederlegung gedroht. Im Zusammenhang damit wird auch von einigen Arbeitern »bedauert«, dass im neuen Statut des FDGB84 nicht das Streikrecht enthalten ist.85

Ein Funktionär unserer Partei dieses Betriebes äußerte: »Wagt nicht an den Worten zu rütteln, denn dann ist unsere Bude schnell leer.«

Auch kommt es vereinzelt vor, dass in der Normenfrage nicht richtig vorgegangen wird, indem ohne vorherige genügende Aufklärung einfach ein Zeitpunkt für die Einführung technisch-begründeter Normen bestimmt wird.

So z. B. müssen im VEB Oberlausitzer Baumwollweberei Neusalza, [Kreis] Spremberg, Werk 5 Löbau, technisch-begründete Normen eingeführt werden, da noch keine bestehen, weil der Betrieb erst 1954 volkseigen wurde.

Die Arbeiter zeigen sich deshalb ablehnend, weil sie vorher nicht genügend von der Richtigkeit und Notwendigkeit der Einführung dieser Normen überzeugt worden sind.

Es wurde beschlossen, ab 15.8.1955 die neuen Normen einzuführen und drei Tage vorher probeweise danach zu arbeiten.

Eine Arbeiterin sagte dazu: »So etwas will unsere Partei und Regierung nicht, wie man hier gegen die Arbeiter vorgeht. Von den Arbeitern wird deshalb die neue Norm abgelehnt.«

Anlage 3 vom 22. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2478

Auswertung der Westsendungen

Mit allen Mitteln versucht der Gegner Arbeitskräfte, hauptsächlich vom Bergbau, nach Westdeutschland abzuziehen, um unserer Volkswirtschaft großen Schaden zufügen zu können.

Um die Arbeiter zu ködern, wird von den Westzeitungen, wie »Kurier«,86 »Tagesspiegel«, »Telegraf«87 und vom »Sender Freies Berlin«88 propagiert, dass im September eine Werbeaktion für den Bergbau in den Flüchtlingslagern durchgeführt wird und die Flüchtlinge, auch wenn sie nicht als politische Flüchtlinge anerkannt würden,89 könnten durch den Arbeitermangel in der Bundesrepublik aufgenommen werden.

Auch würden die Arbeiter der DDR wissen oder hätten es gehört, dass in Westdeutschland ein Arbeiterkräftemangel zu verzeichnen ist und sie ein besserer Lebensstandard erwartet, was die Zunahme der Republikfluchten beweisen würde.

Um die Arbeiter davon abzuhalten, sich am Wilhelm-Pieck-Aufgebot90 zu beteiligen, wird vom RIAS91 gehetzt, dass selbst vonseiten der SED und des FDGB zugegeben würde, dass der Wettbewerbsbewegung bisher noch der Massencharakter fehlt, weil die Arbeiter mit dem Hinweis auf die unzureichende und unregelmäßige Materiallieferung ablehnen sich am Wilhelm-Pieck-Aufgebot zu beteiligen. So können z. B. die Maurer nicht teilnehmen, weil die Ziegelproduktion nicht ausreicht.

Weiter wird erklärt, dass eine Steigerung der Arbeitsproduktivität von den Arbeitern der DDR zum Wilhelm-Pieck-Aufgebot verlangt würde, ohne dass der Lohn erhöht wird.

RIAS behauptet auch, wenn überhaupt Prämien gezahlt würden, können diese nicht sehr hoch sein.

Der RIAS hetzt gegen die Bildung von Handwerksgenossenschaften.92

Um die Handwerker von einer Beteiligung abzuhalten, wird erklärt: »Die SED wird daher härtesten Druck ausüben, damit sich nun auch die 275 000 Handwerksbetriebe der Sowjetzone, deren größter Teil bisher die Selbstständigkeit bewahren konnten, zu … Produktionsgemeinschaften zusammenzuschließen.«

Weiter wäre das dazu gehörige Musterstatut »kein Muster … von dem abgewichen werden könnte, je nach den Wünschen der Gemeinschaftsmitglieder, das vielmehr für rechtsverbindlich erklärt« würde.

Durch die Bestimmungen im Statut würde das einzelne Mitglied für immer an die Genossenschaft gebunden und wenn einer austritt, »dann hat er keine Existenzgrundlage mehr«. Auch könnte ein Handwerker ausgeschlossen werden, wenn er »beispielsweise … das politische Leben innerhalb der Produktionsgenossenschaft nicht fördert«.

In einem Kommentar nimmt RIAS Stellung zu der Rückvergütung93 der Konsum-Genossenschaft und weist daraufhin, dass für das Jahr 1954 »nur 1,33 % ausgezahlt werden soll«. Er begründet diese Herabsetzung der Rückvergütung damit, dass die leitenden Funktionäre der Genossenschaft kaufmännisch unfähig seien und ihre Hauptaufgabe nur darin sehen, die Mitglieder zur politischen Arbeit heranzuziehen. Weiterhin würden die nicht absetzbaren Textilien, Schuhe94 und andere Bedarfsartikel den Anteil des Gewinns beträchtlich schwächen. Damit soll erreicht werden, dass niemand mehr Mitglied des Konsums werden soll und die Genossenschaftsmitglieder werden aufgefordert, ihre Austrittserklärung abzugeben. Dazu heißt es wörtlich:

»… Alles zusammen ist kein Anreiz für den Eintritt in die Konsum-Genossenschaft, sondern im Gegenteil Grund genug, dieser kaum noch getarnten Massenorganisation der SED eine Austrittserklärung zu schicken.«

Und gibt Hinweise, dass »dies satzungsgemäß des jeweils zum Jahresschluss mit dreimonatiger Frist möglich ist, gegenwärtig also bis zum 1. Oktober 1955«.

Anlage 4 vom 23. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2478

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 19.8. bis 22.8.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD-Ostbüro:95

  • Potsdam: Kreis Oranienburg 1 000, Kreis Pritzwalk 100, Kreis Zossen 40, Kreis Brandenburg 3 800;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Klingenthal 1 500, Kreis Stollberg und Auerbach 5 116, Kreis Oelsnitz 2 316;

  • Magdeburg: Kreis Tangerhütte 500;

  • Leipzig: Kreis Borna 10 000;

  • Frankfurt: Kreis Fürstenwalde 1 000, Kreis Strausberg 1 425;

  • Halle: Saalkreis 3 300;

  • Gera: Kreis Lobenstein 2 400, Kreis Pößneck und Schleiz 1 000;

  • Neubrandenburg: Kreis Prenzlau 500;

  • Schwerin: Kreis Parchim 1 100, Kreis Bützow 250, Kreis Perleberg 1628;

  • Dresden 2 000.

NTS:96

  • Potsdam: 5 100;

  • Gera: 800;

  • Schwerin: 8 000;

  • Karl-Marx-Stadt: einige.

Tschechische Sprache:

  • Karl-Marx-Stadt 228.

Zope:97

  • Gera: Kreis Lobenstein 3 500.

KgU:98

  • Potsdam: Kreis Belzig 3 000;

  • Erfurt: Kreis Sonderhausen 300, Kreis Arnstadt 700;

  • Gera: 1 000, Kreis Schleiz 4 000;

  • Cottbus 1 354.

DGB-Ostbüro:99

  • Neubrandenburg: Kreis Neustrelitz 25.

Unbekannte Herkunft:

  • Potsdam 50 500;

  • Dresden 1 388.

»Freie Junge Welt«:100

  • Potsdam: Kreis Pritzwalk 500;

  • Halle: Kreis Hettstedt 50, Kreis Köthen 550.

»Die Wahrheit«:101

  • Magdeburg: Kreis Halberstadt 500.

»Berliner Monatsecho«:102

  • Halle 50.

Tarantel:103

  • Halle 600.

Antidemokratische Tätigkeit

An einer Annahmestelle der SZ104 und Dewag in Königstein, [Bezirk] Dresden, wurde ein Zettel angeklebt »Lest den Völkischen Beobachter,105 das Blatt der Wahrheit«.

In Dresden wurde ein Plakat der Jungen Pioniere106 überschmiert: »Alles Scheiße – alles Mist.«

Ein Pfarrer aus Olbersdorf, [Kreis] Zittau, sprach bei den Eltern der Jugendlichen, welche an der Jugendweihe107 teilgenommen haben, vor und teilte ihnen mit, dass sie aus der Kirche ausgeschlossen seien. Eltern, welche mit diesem Bescheid nicht einverstanden waren, bekamen zur Antwort, »sie seien für eine Wiedergutmachung verpflichtet. Dies könne geschehen, wenn sie dafür sorgen, dass ihre Kinder aus der FDJ austreten und Mitglied der Jungen Gemeinde würden.«

In der Nacht vom 20. zum 21.8.1955, gegen 0.50 Uhr, wurde ein Grenzpolizist, welcher in Stadt Wehlen, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Leipzig, zum Tanz war, auf dem Nachhauseweg von drei Burschen überfallen und geschlagen. Die drei hatten schon während des Abends die VP-Angehörigen zu provozieren versucht. Einer der Burschen verließ 10.40 Uhr mit einem Mädel das Lokal und begegnete auf dem Heimweg den VP-Angehörigen. Er begann ein Gespräch und darauf die Schlägerei. Die beiden anderen kamen hinzu und schlugen ebenfalls mit. Die Täter sind noch nicht ermittelt.

  1. Zum nächsten Dokument Zur Beurteilung der Situation in der DDR

    26. August 1955
    Informationsdienst Nr. 2479 zur Beurteilung der Situation in der DDR

  2. Zum vorherigen Dokument Zur Beurteilung der Situation in der DDR

    19. August.1955
    Informationsdienst Nr. 2477 zur Beurteilung der Situation in der DDR