Zur Beurteilung der Situation in der DDR
30. August 1955
Informationsdienst Nr. 2480 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Unter den Werktätigen der Industrie- und Verkehrsbetriebe hält die Gleichgültigkeit bzw. Interessenlosigkeit gegenüber den politischen Geschehen weiterhin an.
Die verhältnismäßig wenig politischen Diskussionen enthalten keine wesentlich neuen Momente und entsprechen noch der Einschätzung des letzten Berichtes.1
Demgegenüber nehmen die Gespräche über die wirtschaftliche Lage in der DDR zu, und besonders unzufrieden wird immer wieder über die Versorgungsschwierigkeiten gesprochen. Dabei kommt es im zunehmenden Maße zu oberflächlichen Vergleichen mit den Verhältnissen in Westdeutschland, die größtenteils ungünstig für die DDR ausfallen.
Zum anderen nimmt ebenfalls die Unzufriedenheit über die Entlohnung zu und es herrscht vielfach die Tendenz vor, dass es in Westdeutschland bessere Verdienstmöglichkeiten gibt und die Werktätigen sich demzufolge in Westdeutschland mehr leisten können.
Größtenteils werden die Diskussionen über die »besseren« Verhältnisse in Westdeutschland von Kollegen ausgelöst, die drüben zu Besuch weilten.
So sagte z. B. ein Arbeiter aus der Karbidfabrik der Buna-Werke, der in Westdeutschland seinen Urlaub verbrachte: »In Westdeutschland lebt man besser als hier. Dort gibt es kein Schlangestehen vor den Geschäften, weil es alles zu kaufen gibt. Die Arbeiter verdienen auch mehr als bei uns hier, und kaputt machen sie sich auch nicht bei der Arbeit. Unsere Regierung ist eben nicht in der Lage, einen Staat zu führen.«
Ein Angestellter aus dem Karl-Marx-Werk in Zwickau:2 »Ich kann mit meinem Gehalt nicht auskommen. Meine Frau ist gezwungen noch mitzuarbeiten. Eine Aussicht auf mehr Verdienst besteht hier nicht. Wenn ich aber in Westdeutschland wäre, hätte ich ein besseres Auskommen.«
Eine Kollegin aus dem VEB Garnveredlungswerk Sehma, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Lebenslage eines Arbeiters in der DDR ist noch unzureichend. Zum Beispiel bei uns im Betrieb liegt der Durchschnittsverdienst bei 40,00 DM wöchentlich. Die Rationen auf Marken langen nicht, ein Stück Butter für 5,00 DM kann man sich bei diesem Verdienst nicht leisten, also muss man entweder mit Margarine- oder Marmeladenschnitten zur Arbeit gehen.«
Eine Kollegin aus dem VEB Sternradio Geringswalde, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Unsere Regierung soll erst einmal den Lebensstandard der Bevölkerung heben. Drüben braucht niemand wegen Tomaten anzustehen, und außerdem kosten drei Pfund nur eine Mark.«
Ein Meister, SED, aus dem Buna-Werk: »Wir reden immer, dass es besser werden soll und da müssten aber auch die Interessen der Arbeiter vertreten werden. In Wirklichkeit sieht es aber so aus, dass unsere Lebensmittel-Versorgung in allen Dingen nachhinkt. Warum unterstützt uns die SU nicht so, wie es die Amerikaner mit Westdeutschland machen?«
Im Hydrierwerk Zeitz, [Bezirk] Halle, brachte ein Kollege von Westdeutschland einen Katalog vom Sommerschlussverkauf mit und ließ alle Kollegen seiner Abteilung darin Einsichtnahme nehmen. Dadurch herrscht jetzt die Meinung vor, dass die Preise in Westdeutschland viel niedriger als bei uns seien und sich die Arbeiter deshalb mehr leisten könnten.
Ein Schlosser, parteilos, aus dem VEB Werkzeugmaschinenwerk in Zeulenroda, [Bezirk] Gera: »Wenn man betrachtet, was den Arbeitern in Westdeutschland geboten wird und die Verhältnisse hier betrachtet, fährt man von drüben gar nicht gern wieder nach hier zurück. Auf den Märkten werden Südfrüchte in Hülle und Fülle angeboten. Ebenso sind andere Dinge in reicher Auswahl zu haben. Bei uns hier muss man sich wegen einem Pfund Tomaten anstellen, wenn es überhaupt welche gibt.«
Ein Angestellter des gleichen Betriebes: »Ich war jetzt in Hamburg und ich habe gestaunt, was seit vergangenem Jahr dort alles gebaut wurde. Hier in Zeulenroda baut man ein ganzes Jahr an einem Wohnblock. Auch in technischer Hinsicht ist uns der Westen weit überlegen. Solche Maschinen, wie wir sie hier besitzen, würden drüben schon längst zum Schrott gegeben.«
In den Randgebieten von Berlin des Bezirkes Potsdam zeigt sich in der letzten Zeit ein verstärktes Abwandern von Arbeitskräften nach Westberlin oder nach der Bundesrepublik.
So kündigten z. B. in den letzten Tagen vier Fachkräfte vom VEB (K) Metallverarbeitung in Falkensee, Kreis Nauen, und sechs Bauarbeiter bei einer privaten Bau-Firma in Eichwalde, Kreis Königs Wusterhausen. Sie kündigten mit der Begründung, im Westen Arbeit aufzunehmen, da dort bessere Verdienstmöglichkeiten seien.
In den meisten Fällen ist dies der Grund.
In letzter Zeit tritt im VEB Bau (K) Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, eine starke Fluktuation von Facharbeitern auf. Diese wechseln zu der Union Schwerin über, da sie dort nach der Ortsklasse A3 bezahlt werden und noch andere Vergünstigungen erhalten.
Im VEB Bau (K) Ludwigslust werden die Löhne nach Ortsklasse C gezahlt. Die Arbeiter fordern deshalb eine Bezahlung nach Ortsklasse B, die in allen VEB des Kreises Ludwigslust gezahlt wird.
Die Betriebsleitung ersuchte daraufhin beim Rat des Bezirkes Schwerin die Genehmigung der Entlohnung nach Ortsklasse B, was abgelehnt wurde.
Daraufhin sandte eine Baubrigade, die in Dömitz, Kreis Ludwigslust, eingesetzt ist, eine schriftliche Forderung an die Betriebsleitung, bis zum 20.8.1955 die Löhne nach der Ortsklasse B zu zahlen. Falls dies nicht geschieht, wollen die Bauarbeiter der Außenstelle Dömitz eine Delegation zur Regierung schicken und sich dort über diese Zustände beschweren.
Große Unzufriedenheit herrscht ebenfalls unter den Kollegen der Montagestelle des BFG Lauchhammer in Neumark/Geiseltal, [Bezirk] Cottbus. Die Ursache liegt in der mangelnden sozialen und kulturellen Betreuung. Als außerdem noch Schwierigkeiten in der Restlohnzahlung auftraten und das Wegegeld sowie die Sondermietzulagen in Wegfall kamen, gab es Anzeichen dafür, dass die Kollegen die Arbeit niederlegen wollten.
In der Abteilung Konfektion des VEB Bekleidungswerk Seifhennersdorf, [Bezirk] Dresden, wurde vor ca. drei Wochen die Produktion vom Fließbandsystem auf Stromsystem umgestellt.
Bedingt durch Änderung der Aufträge war in letzten Tagen ein starker Farbenwechsel der verschiedensten Qualitäten der zu bearbeitenden Stoffe zu verzeichnen. Dadurch traten bei einzelnen Beschäftigten erschwerte Produktionsbedingungen auf, was zu unzufriedenen Diskussionen führte.
Außerdem wurde stark über die hohen Prämien diskutiert, welche bei der letzten Zahlungsdekade den Wirtschaftsfunktionären ausgezahlt wurden. (Die Prämienzahlung war auf die 137%ige Planerfüllung des II. Quartales zurückzuführen.)
Die auftretenden Schwierigkeiten durch den öfteren Farbenwechsel wurden schon mehrmals der Betriebsleitung bekannt gegeben und es wurde eine Klärung versprochen. Da dies aber nicht erfolgte, stellten am 24.8.1955, gegen 11.30 Uhr, die Beschäftigten (90 Frauen) dieser Abteilung die Arbeit ein. Sie verlangten eine sofortige Klärung dieser Schwierigkeiten und da sich zu diesem Zeitpunkt kein verantwortlicher Wirtschaftsfunktionär im Betrieb befand (Dienstreise und zur Teilnahme an einer Beerdigung von einem Betriebsangehörigen) konnte dies nicht geschehen, und deshalb nahmen die Kolleginnen bis Schichtende 14.00 Uhr die Arbeit nicht wieder auf und gingen nach Hause.
Die Brigadeleiterin wurde beauftragt, in einer Besprechung mit der Betriebsleitung am 25.8.1955 folgende Fragen zu klären:
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»Warum so ein Wechsel der Farben?«
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»Warum nicht wieder der alte Lohn?«
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»Warum nicht wieder die alte Arbeitsweise und warum so hohe Prämien an einige Wenige?«
Am anderen Tag wurde die Arbeit um 6.00 Uhr früh wieder aufgenommen.
Die BPO des VEB »H. Rau« Wildau,4 [Bezirk] Potsdam, erhielt ca. 50 Plakate, die in den Produktionsabteilungen angebracht werden sollten, um schlechte Arbeitsmoral anzuprangern. Da aber in diesem VEB eine gute Arbeitsmoral und gute Produktionserfolge zu verzeichnen sind, sind die Arbeiter über diese Art der Agitation beleidigt und es wurden heftige Diskussionen geführt. Die Arbeiter erklären, dass ihre gute Arbeitsmoral dadurch bewiesen wurde, dass ihrem Betrieb eine Prämie sowie die Siegerfahne ausgehändigt wurde.
Auch wurden neben den Plakaten entsprechende Sprüche und Verse geschrieben, wie z. B.: »Wir waren noch nie auf Schlaraffenland und Paradies vernarrt, darum verhalfen wir schon so manchen Wettbewerb zum guten Ziel und Start.« Die BPO sah sich daraufhin gezwungen, diese Plakate wieder zu entfernen.
Auf Beschluss des Rates des Bezirkes Magdeburg und der Ärztekommission ist der Chefarzt (Verdienter Arzt des Volkes) vom Kreiskrankenhaus Staßfurt abzulösen, da er nicht im Besitze der Promotion ist. Er soll zur VP-Klinik Magdeburg versetzt werden, um dort seine Promotion nachzuholen. Am 27.8.1955 sollte die Ablösung erfolgen.
Zu den Zeitpunkt hatten sich die Belegschaftsmitglieder der Klinik I und II sowie Delegationen der Sodawerke und der Kali Verwaltungen Staßfurt auf den Hof der Klinik zu einer Protestveranstaltung eingefunden. Die Teilnehmer forderten in aggressiver Form von der Ärztekommission, die anlässlich der Ablösung des Chefarztes und der Einführung des Nachfolgers anwesend war, Rechenschaft über die Ablösung des Chefarztes. Ein Kollege der Sodawerke erklärte: »In der DDR haben die Werktätigen zu bestimmen und die Bevölkerung von Staßfurt wünsche, dass der Chefarzt in der Klinik verbleibt, da es gleichgültig sei, ob ein Arzt ein Doktortitel hat oder nicht.« Daraufhin forderte der Chefarzt die Versammelten auf, die Arbeit wieder aufzunehmen, was auch erfolgte.
Materialschwierigkeiten
In dieser Berichtsperiode klagten über Materialschwierigkeiten:
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VEB Waggonbau Dessau, [Bezirk] Halle (Federn zur Fertigstellung von Kranwagen und Deckeneiswagen für Volkschina);
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VEB »Elbia«5 in Schönebeck,6 [Bezirk] Magdeburg (Gehäuse zur Fertigstellung von Radios);
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Peenewerft Wolgast (Schalttafeln für die Fertigstellung von Kühlküstenmotorschiffen);
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Schiffswerft Fürstenberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder (Ankerwinden und Netzwinden);
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VEB Lederfabrik Neukirch, [Bezirk] Dresden (Rohhäute);
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VEB Deutzen,7 [Bezirk] Leipzig (Glühbirnen = besonders betroffen sind die Abt. Werkstätten, Tagebau und Werkzeugumzäunung).
Die Arbeiter sind darüber verärgert und es kommt zu Äußerungen wie z. B.: »Wenn der Mangel an Glühbirnen nicht bald behoben wird, werden wir nachts nicht mehr arbeiten.«
Produktionsstörungen
Am 25.8.1955 fiel im VEB Kupferwerk Ilsenburg, [Bezirk] Magdeburg, durch Materialschaden die Walzstraße I aus. Schaden: ca. 10 000 DM – Produktions-Ausfall: ca. sechs bis acht Stunden.
Am 25.8.1955, gegen 22.00 Uhr, brach in der Mühle in Niederschindmaas, [Kreis] Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Brand aus. Vermutliche Ursache: Heißlaufen des Elevators. Schaden: ca. 80 000 DM.
Am 28.8.1955, gegen 13.00 Uhr, ereignete sich im Kaliwerk »Freundschaft« Aschersleben, [Bezirk] Halle, ein starker Gebirgsschlag mit Erdgasausbruch. Von der technischen Bezirksbergbau-Inspektion wurden sofort die Schachtanlagen II, IV und V gesperrt.
Am 29.8.1955 erfolgten weitere schwere Schläge. Produktionsausfall an einem Tag: 650 t.
In der Zeit vom 25.8. bis 28.8.1955 kam es im Braunkohlengebiet der Kreise Altenburg und Borna, [Bezirk] Leipzig, zu mehreren Produktionsstörungen mit einem Produktionsausfall von insgesamt 1 900 t Rohkohle, 300 t Brikett und 2 000 cbm Abraum.
In der Nacht vom 25.8. zum 26.8.1955 wurde im Wismut-Kombinat 2418 – Auerbach – ein Stück Gleis und ein Rad in den Schacht geworfen. Es ist nicht erwiesen, ob von der ersten, zweiten oder dritten Sohle aus.
Vom Gesenk 196/1 zum Maischacht wurde das Telefonkabel zerschnitten. In der Nacht von 23. zum 24.8.1955 wurden im gleichen Gesenk die Ventile der Luftleitung zugedreht.
Ebenfalls wurde dieses im Gesenk 420 in dieser Woche schon einige Male getan.
Im Wismut-Schacht 87 – Johanngeorgenstadt – wurde festgestellt, dass ein neugelegtes Nebenkabel in der Nähe des Förderkorbes 5 mit einem Erzhammer angehackt wurde.
Im VEB Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz, [Bezirk] Suhl, wurde am 22.8.1955 im Abort der Abt. 200 eine Hetzlosung angeschmiert: »Nieder mit der Ostzone und den Kommunisten-Lumpen.«
Am 28.8.1955 wurde im Stahlwerk Gröditz, [Kreis] Riesa, eine Hetzlosung gegen die DDR angeschmiert.
Am 24.8.1955 wurde im Kaliwerk Glückauf, Sondershausen, [Bezirk] Erfurt, in der Grube I festgestellt, dass an zwei Förderwagen mit Blockschrift »Heil Hitler« und ein Hakenkreuz angeschmiert war.
Am 26.8.[1955] wurde durch den Parteisekretär der Grube 5 des gleichen Werkes ein auf Wellpappe aufgemaltes Bild des Genossen Stalin9 an einen Balken angenagelt vorgefunden. Auf dem Bild war am Hals ein Strick mit Blut nachgezogen und über dem Bild stand »Stalin, der beste Freund des deutschen Volkes«.
Im Porzellanwerk Neuhaus-Schierschnitz, [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl, wurde in der Nacht vom 26.8.1955 in der Massenmühle der Abt. 200 ein Bild des Genossen Wilhelm Pieck10 mit Porzellanmasse beschmiert.
In verstärktem Maße taucht unter der Bevölkerung die Frage über den Verbleib des Genossen Walter Ulbricht11 auf. So treten z. B. in den Betrieben Kollegen an die Funktionäre mit der Frage heran, wo sich zurzeit Walter Ulbricht befindet, da er nicht mehr im Parteileben in Erscheinung tritt und andererseits nicht in Presse und Rundfunk über seinen Aufenthalt bekannt gegeben worden ist. Es wird selbst von den Funktionären nicht in jedem Falle eine befriedigende Antwort gegeben.12
Dadurch ist den feindlichen Elementen ausreichend Gelegenheit gegeben, die unsinnigsten Gerüchte zu verbreiten. Am häufigsten wird verbreitet: »Walter Ulbricht ist nach der Schweiz geflüchtet; er hat Nervenzusammenbruch; er ist verhaftet worden; er ist in Ungnade gefallen bei der SU; er hat Differenzen mit Otto Grotewohl13 in der Frage der Herstellung der Einheit Deutschland; er wird in der SU umgeschult« u. Ä. mehr.
Es ist anzunehmen, dass aufgrund der heutigen Pressenotiz über den Genossen Walter Ulbricht diese Gerüchteverbreitung zurückgeht.14
Versorgung der Bevölkerung
Aus den Bezirken Rostock, Neubrandenburg, Schwerin, Potsdam, Magdeburg, Halle, Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Wismut-Gebiet, Dresden, Erfurt und Suhl werden weiterhin und zum Teil erneut Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung gemeldet. In verschiedenen Fällen kam es beim Verkauf von Kartoffeln zu Ausschreitungen, sodass die VP eingreifen musste.
Wie z. B. in Stralsund, [Bezirk] Rostock, wo sich die anstehenden Personen sehr undiszipliniert benahmen und so stark randalierten, dass die VP erst wieder Ruhe und Ordnung herstellen musste.
Ähnlich war es in der VST Thiemstraße in Magdeburg. Dort wurden am 27.8.1955 gegen 15.00 Uhr ca. 2 t Kartoffeln angeliefert. In den erregten Diskussionen kam zum Ausdruck, dass die Frauen (etwa 250) teilweise schon seit früh 9.00 Uhr anstanden, da von der Verkaufsleitung versprochen war, dass noch Kartoffeln kommen.
Auch auf dem Hasselbachplatz und in der Großen Diesdorfer Straße in Magdeburg standen die Käufer von früh 8.00 Uhr vor den Verkaufsstellen, obwohl die Kartoffeln ersten gegen 15.30 Uhr angeliefert wurden.
Der Magdeburger Bevölkerung war durch den Stadtfunk bekannt gegeben worden, dass es in den VST Kartoffeln zu kaufen gäbe.
Besonders schlecht ist die Kartoffelversorgung in den Handelsbereichen der HO-Wismut15 Auerbach, Aue und Freital, wo seit Ende voriger Woche ein Engpass in der Versorgung der Küchen und Gaststätten besteht.
In ihren Diskussionen bringt die Bevölkerung zum Ausdruck, dass sie solche Zustände nicht verstehen könnten und die Ursachen der schlechten Versorgung endlich mal geklärt werden müssten. Vielfach wird den Handelsfunktionären die Schuld gegeben, weil sie es nicht verstehen würden, eine richtige Warenlenkung durchzuführen.
Zum anderen wird auch gesagt, dass man jetzt nicht mehr verstehen könnte, dass es jetzt keine Kartoffeln gibt, da doch die Schlechtwetterperiode, wo der Mangel an Kartoffeln verständlich war, längst vorbei ist.
Im stärkeren Maße als sonst werden jetzt auch Vergleiche zu Westdeutschland gezogen und erklärt, dass dort die Lebenslage besser als bei uns sei. Das kommt auch in Diskussionen von solchen Personen, die zu Besuch in der DDR weilen, oder in Westdeutschland zu Besuch weilten, zum Ausdruck.
So sagte z. B. eine Frau aus Böhlen, [Bezirk] Suhl, dass sie in Westdeutschland gewesen ist und es ihr dort gut gefallen hat, worauf ihr eine Hausfrau Folgendes antwortete:
»Ja, im Westen ist es in jeder Beziehung besser als bei uns in der DDR. Angefangen bei der Rente. Die armen Menschen bekommen noch nicht einmal Kartoffeln zu fressen. Bei uns müssen die Menschen nur viel mehr arbeiten.«
Reisende aus Westdeutschland bei der Durchreise in Magdeburg: »Damit kann man die Einheit Deutschlands nicht erreichen. Bei uns im Westen gibt es genügend Kartoffeln. Es hat nie Schwierigkeiten gegeben. Unter diesen Umständen werden wir die DDR bei der Erlangung der Einheit Deutschland nie unterstützen.«
Wie schon berichtet, richten sich die negativen Diskussionen vor allem gegen unsere unteren Wirtschaftsorgane. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass diese Schuld daran seien, dass die Waren nicht gleichmäßig auf die Gebiete verteilt werden, dass das auch kein Zufall sei, sondern auf Agententätigkeit zurückzuführen wäre.
Zum Beispiel sagte eine Kollegin vom VEB Westglas Haselbach, [Kreis] Sonneberg, [Bezirk] Suhl: »Es ist bedauerlich, dass wir so wenig Obst und Gemüse bekommen. Ich habe aber den Eindruck, dass die schlechte Warensteuerung kein Zufall ist, sondern die Bevölkerung unseres Kreises soll mit Absicht durch die schlechte Versorgung beunruhigt werden. Ich glaube nicht, dass unsere Regierung davon unterrichtet ist, sonst würde sie sicher Abhilfe schaffen.«
Zum anderen wird auch zum Ausdruck gebracht, dass die Versorgung nicht besser, sondern immer schlechter würde. Vereinzelt kommt es dabei auch zu feindlichen Diskussionen gegen unsere Partei und Regierung.
Patienten des Krankenhauses Leninstraße,16 Karl-Marx-Stadt, sagten z. B.: »Sollen sich mal die Großen hier hereinlegen und nur Margarine fressen, dann wird des bestimmt anders werden. Man merkt es geht »aufwärts«. Das sollen sie ruhig mal in die Volksstimme17 setzen, da liest man nur immer, dass die Versorgung besser wird.«
Ein Arbeiter im VEB Blema Aue,18 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Unsere Regierung hat wohl eine große Fresse, aber die kann die Bevölkerung nicht einmal ausreichend mit Kartoffeln beliefern, was der beste Beweis für ihre Unfähigkeit ist.«
Der Mangel an billigen Zigaretten ist noch immer nicht behoben. Es tauchen weiterhin Schwierigkeiten auf, was vor allem unter den Raucherkreisen der Anlass zu negativen Diskussionen ist.
So sagte z. B. ein Lehrer aus Reppinichen,19 Kreis Belzig, [Bezirk] Potsdam: »Man kann heute feststellen, dass die Versorgung der Bevölkerung immer weiter zurückgeht. So hatten wir vor zwei Jahren noch genügend Zigaretten, und heute kann man diese in unserer Gemeinde nicht mehr kaufen.«
Schwierigkeiten in der Zigarettenbelieferung werden aus den Bezirken Schwerin, Frankfurt/Oder, Halle, Neubrandenburg und Dresden gemeldet.
Der im letzten Bericht erwähnte starke Anfall von Frischfisch in der fischverarbeitenden Industrie hält noch weiter an, sodass in den Betrieben noch die gleichen Schwierigkeiten bestehen. Durch den großen Überhang an Fisch kommt es in verschiedenen Lagern der Republik auch bereits zur Überfüllung der Lager, sodass Schwierigkeiten bezüglich der Einlagerung bestehen. In einigen Fällen musste dadurch der Fisch für den menschlichen Genuss verworfen werden, da er schon bei Ankunft in die Lager zum Teil verdorben ist.
Bei der Abrechnung in der Gaststätte des Konsum-Warenhauses20 in Potsdam wurde festgestellt, dass sich unter dem eingenommenen Geld ein 10-Pfennigstück befand, wo auf der Rückseite »ohne uns« eingestanzt war.
Zur Lage in der Landwirtschaft
Auch in dieser Berichtsperiode sind die Diskussionen über die politischen Tagesfragen sehr gering. Im Vordergrund stehen weiterhin die Durchführung und Beendigung der Erntearbeiten. Außerdem beschäftigt sich ein großer Teil der Landbevölkerung mit den Vorbereitungen der Feierlichkeiten anlässlich des 10. Jahrestages der Bodenreform.21 Die Bauern sind bestrebt, diesen Tag würdig zu begehen, weil die Bodenreform vielen Bauern Land und Brot gebracht hat. Das kommt in den zahlreichen Verpflichtungen, die hinsichtlich der vorfristigen 100%igen Ablieferung bis zu diesem Tage abgegeben werden, zum Ausdruck.
Während sich ein großer Teil Bauern bemüht, diese Verpflichtung einzuhalten, gibt es auch eine ganze Reihe Bauern, vorwiegend Groß-, Mittel- und Klein-Bauern, die den Tag der Bodenreform nicht würdigen und ihre Ablehnung zum Ausdruck bringen. Die Diskussionen diesbezüglich laufen dahinaus, dass ihnen die Bodenreform nichts gebracht habe und ihnen [sic!] dieser Tag nichts angehe. Außerdem lehnen sie ab, bis zum 3.9.1955 ihr Soll abzuliefern. Sie hätten bis zum 30.12.1955 Zeit dazu.
So sagte z. B. ein Mittelbauer aus Dahlen, [Kreis] Oschatz, [Bezirk] Leipzig: »Mein Ablieferungstermin ist gültig wie er auf dem Ablieferungsschein steht. Was ihr da wollt – mit oder ohne Bodenreform – ist gleichgültig.«
Ein Mittelbauer aus Liptitz, [Kreis] Oschatz, [Bezirk] Leipzig: »Ich liefere ab, wann ich will. Was interessiert mich die Bodenreform. Ich habe mein Leben lang nur für Deutschland gearbeitet und werde es auch weiter tun.«
Neben den in den letzten Berichten schon des Öfteren aufgezeigten Schwierigkeiten in der Einbringung der Ernte, hinsichtlich Einsatzfähigkeit der Maschinen, schlechter Arbeit der MTS usw., tauchen unter einer ganzen Reihe Bauern häufig Diskussionen über die Druscharbeiten und besonders über den Nachtdrusch22 auf.
Vielfach zeigt sich auch, dass hier die Arbeiten nicht richtig durchgeführt werden können, weil die Druschkästen durch die MTS nicht reibungslos eingesetzt werden, die Stromzuteilung nicht richtig funktioniert, keine Druschmaschinen zur Verfügung stehen, diese z. T. vom schlechten Material sind und deswegen nach kurzer Zeit ausfallen, Mangel an Druschsatzführern usw.
Neben diesen objektiven Schwierigkeiten ist zu verzeichnen, dass eine ganze Reihe Bauern den Drusch unmittelbar nach der Ernte ablehnen und vor allem gegen den Nachtdrusch auftreten.
Das Hauptargument dazu ist, dass es nicht nötig sei, wenn die Bauern am Tage arbeiten, nachts dreschen müssten, wo im Winter Zeit genug wäre.
Zwei werktätige Bauern in Sandhagen, Kreis Neubrandenburg, sagten z. B.: »Die Verwaltungen sollen nicht so viel Druck für den Nachtdrusch ausüben. Sie sollen uns dreschen lassen wie wir wollen.«
Ein Einzelbauer aus Nitzschka,23 [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig: »Durch die Antreiberei werden die Bauern sehr verärgert. 20 Stunden müssen wir schon täglich schuften. Wenn das so weitergeht, lasse ich den Mist einfach liegen und gehe nach dem Westen.«
Vielfach wird von den Bauern auch über die schlechte Arbeit der MTS geklagt, die es in verschiedenen Fällen nicht verstanden hat, bei den Bauern eine vorbildliche Arbeit zu leisten. Durch diese schlechte Einsatzfähigkeit von Maschinen, Ersatzteilmangel, schlechte Arbeitsorganisation, mangelnde Einführung des 2-Schichtsystems, usw. hält diese Verträge oft nicht ein. Die Bauern bringen in ihren Diskussionen verschiedentlich zum Ausdruck, dass sie im nächsten Jahr keine Verträge mit der MTS abschließen würden.
Zum Teil wird aber auch die schlechte Durchführung der Arbeiten bzw. die Interessenlosigkeit einiger Traktoristen an der Arbeit bemängelt.
So hörten z. B. alle Traktoristen und der Stützpunktleiter des Stützpunktes Menz der MTS Schulzendorf, [Bezirk] Potsdam, am Samstag den 20.8.1955 um 12.00 Uhr auf zu arbeiten und spielten im Gasthaus Skat. Die Traktoristen vertraten die Meinung, dass es nichts mehr zu mähen gäbe und für sie keine Arbeit vorhanden sei. Die Landbevölkerung war über die Handlungsweise sehr aufgebracht und erklärte, dass die Traktoristen ebenso gut beim Einfahren des Getreides helfen könnten.
In einigen Gemeinden des Kreises Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, sind die Bauern mit den Bindearbeiten durch die MTS nicht zufrieden, weil die Binder durch Reparatur oft ausfallen. So äußerten sich zahlreiche Bauern in der Gemeinde Pfersdorf, dass sie nächstes Jahr mit der MTS keinen Vertrag mehr abschließen werden.
Auf dem VEG Lindenberg, Kreis Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, sind sämtliche Schafe erkrankt (ca. 600 Stück). Vom Tierarzt wurde festgestellt, dass die Tiere an Würmern leiden. Vermutlich trat die Erkrankung nach der Fütterung allzu nassen Grases ein.
Am 27.8.1955 ging bei zwei Milchkühen und 18 Stück Jungvieh von der LPG Großmecka, [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, und bei 15 Milchkühen und 30 Stück Jungvieh der LPG Gieba des gleichen Kreises die Milchleistung bis auf 40 % durch Durchfall und Fressunlust zurück. Die Untersuchung ergab, dass in beiden LPG am 25.8.1955 und 26.8.1955 von der Fa. Pusch24 aus Gößnitz,25 [Kreis] Schmölln, [Bezirk] Leipzig, die Kuhställe mit Spritz-Duotex gegen Fliegen ausgespritzt wurden. Während der Spritzarbeiten befanden sich die Tiere im Stall.
Am 28.8.1955 brannte in der LPG »Neues Leben« Böhlen, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig, eine Strohfeime26 mit ca. 1 100 Ztr. Stroh ab. Schaden: ca. 2 500 DM. Dieser Brand wurde durch drei Schulkinder im Alter von acht bis elf Jahren angelegt. Eine Brandstiftung durch andere Personen liegt nicht vor.
Am 26.8.1955 brach in einer Scheune der LPG Kohlsdorf, Kreis Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ein Brand aus. In der Scheune befand sich das Getreide von drei werktätigen Bauern.
Die Scheune, ein Wohnhaus und ein unbesetztes Stallgebäude brannten nieder. Geschätzter Schaden ca. 45 000 DM.
Der Täter war ein sieben Jahre altes Kind.
In der Nacht vom 23. zum 24.8.1955 sollte eine Fläche Weizen in der Flur Hohenberger, [Kreis] Mühlhausen, [Bezirk] Suhl, abgebindert werden. Bei der ersten Runde, die der Binder fuhr, geriet er in eine Egge, welche im Weizenfeld mit den Zinken nach oben gelegen hat. Das Messer sowie acht Finger des Binders gingen dabei kaputt. Dadurch fiel die vorgesehene Schicht aus. Ebenfalls wurde in den angrenzenden Feldern festgestellt, dass Holzknüppel sowie Eisenstücke in die Erde gesteckt waren.
Beim Rapsdreschen in der gleichen LPG wurden fünf Stück Stacheldraht ca. 5 cm lang in verschiedenen Rapshaufen gefunden. Hierbei ist kein Schaden entstanden, da dies rechtzeitig bemerkt werden konnte. Den Motiven nach handelt es sich hierbei vermutlich um eine organisierte Wirtschaftssabotage des Klassengegners.
Im Kreis Bad-Salzungen, [Bezirk] Suhl, konnte aufgrund einer Analyse festgestellt werden, dass sich die Arbeit des Klassengegners auf dem Lande in den letzten Tagen verstärkt hat. So wurde z. B. der Motorwagen vom Druschplatz in der Gemeinde Hermannsroda,27 [Bezirk] Suhl, zum größten Teil zerstört.
In der Gemeinde Kaltennordheim wurde festgestellt, dass auf eine Wiese, wo die MTS gemäht hat, Draht quer auf dem Boden der Wiese überspannt wurde.
Am 27.8.1955 wurden bei einem Mittelbauern in Saupersdorf, Kreis Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, von unbekannten Tätern die Bindetücher des Selbstbinders durchgeschnitten.
Des Weiteren wurde von einem Gummirad die Luft abgelassen und das Ventil entwendet. Die für den Transport des Binders benötigten Eisenräder wurden ebenfalls gestohlen. Der Schaden beträgt ca. 200 DM und Ausfall des Binders.
Auf dem Weizenfeld eines werktätigen Bauern in Kleinhennersdorf, [Kreis] Zeitz, [Bezirk] Halle, war eine Baumsäge in den Boden gesteckt. Da die Säge von dem Mähdrescherführer rechtzeitig gesichtet wurde, konnte eine Beschädigung und ein Ausfall verhindert werden.
In dem MTS Stützpunkt der MTS Klöden, Kreis Jessen, [Bezirk] Cottbus, wurden zwei Mähdrescherbalken (Messerbalken) von unbekannten Personen angekerbt. Beim Ausfahren der Mähdrescher sind diese Balken gebrochen und es entstand ein großer Arbeitsverlust.
Bisher unbekannte Täter entwendeten von einer Kartoffelrodemaschine der LPG Göhlsdorf, Kreis Potsdam-Land, ein Laufrad. Die Maschine stand ca. 14 Tage unbeaufsichtigt auf dem Felde.
Am 27.8.1955, gegen 4.00 Uhr, brach auf dem Gelände der VEAB und DHZ28 Schrott Suhl ein Feuer aus. Die Ermittlungen ergaben, dass hier Brandstiftung vorliegt. Der teilweise zerstörte Schuppen, in welchem sich auch Geräte der MTS befanden, sowie ein Vielfachgerät ergeben ein Schaden von ca. 2 500 DM.
In den frühen Morgenstunden des 29.8.1955 brach in der Scheune der LPG Hesserode, [Kreis] Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, ein Brand aus. Auf der Tenne standen zwei Erntewagen mit Getreide, welches samt Wagen verbrannte. Der Schaden beläuft sich auf ca. 4 000 DM.
Bisherige Untersuchungen ergaben, dass der Brandherd auf der Tenne entstanden ist. Es besteht der Verdacht, dass es sich um vorsätzliche Brandstiftung handelt.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Am 29.8.1955, gegen 14.30 Uhr, schlug in der Gemeinde Lehn bei Hochkirch, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, der Blitz in die Scheune eines Kleinbauern ein. Es verbrannten 100 Zentner Stroh, zehn Zentner Weizen und eine Dreschmaschine unbrauchbar. Schaden ca. 15 000 DM.
Am gleichen Tage brannte durch Blitzschlag das Wirtschaftsgebäude der LPG Börnchen, [Kreis] Dippoldiswalde, ab. Schaden ca. 15 000 DM.
Durch ein Unwetter am 28.8.1955 entstanden im Bezirk Frankfurt/Oder durch Blitzschlag sechs Brände in der Landwirtschaft mit einem Gesamtschaden von ca. 57 000 DM (hauptsächlich Scheunen sowie Strohmieten und Getreideschober).
Durch ein Unwetter am 27.8.1955 im Bezirk Potsdam wurde ebenfalls ein beträchtlicher Schaden in der Landwirtschaft hervorgerufen. So verbrannten z. B. sechs Scheunen von Mittel- und Kleinbauern durch Blitzschlag gänzlich. Schaden: ca. 33 700 DM.
Es verbrannten: 1 045 Zentner Getreide, 350 Zentner Stroh, 295 Zentner Heu, 15 Zentner Serradella, 5 Zentner Leinen, ein Breitdrescher, ein Dreschsatz, zwei Häckselmaschinen, eine Drillmaschine und eine Kartoffelrodemaschine.
Zahlreiche Häuser, wie z. B. in der Gemeinde Phöben, Kreis Potsdam-Land, wurden unter Wasser gesetzt und mussten ausgepumpt werden.
In der Stadt Bautzen ist ein Ansteigen der Kinderlähmung zu verzeichnen. Es sind bereits 47 Fälle. Deshalb wurde in einer Lehrerkonferenz beschlossen, mit dem neuen Schuljahr erst am 15.9.1955 zu beginnen.
Vom Klassenfeind werden in Bautzen Gerüchte verbreitet, wie z. B.: »Die Amerikaner haben nach Angaben des Personals der Poliklinik zur Bekämpfung dieser Krankheit Medikamente angeboten, die jedoch von unserer Regierung abgelehnt wurden.«
In der Stadt Dresden haben sich die Fälle auf zehn erhöht, davon bereits ein Todesfall.
In Cunewalde,29 [Kreis] Löbau, ist ein Fall und im Kreis Bischofswerda sind zwei Fälle bekannt geworden.
Einschätzung der Situation
Zurzeit ist nur noch eine geringe Anteilnahme am politischen Geschehen zu verzeichnen.
Die Stimmung hat sich noch nicht gebessert, im Gegenteil, die Unzufriedenheit über die Lebenslage in der DDR nimmt teilweise noch zu.
Dies trägt mit dazu bei, dass im zunehmenden Maße ein Teil der Menschen, auch in den Betrieben, vom scheinbaren »Wohlstand« in Westdeutschland geblendet wird und damit im Zusammenhang der entsprechenden Propaganda der Feinde zugänglicher werden.
Der westliche Rundfunk versucht jetzt im starken Maße Stimmung zu machen für »Freie Wahlen« und den Anschluss der DDR an Westdeutschland. Dazu bringt er vorwiegend Sendungen über die Versorgungslage u. a. wirtschaftliche Schwierigkeiten die er zu irreführenden »Vergleichen« und zur Hetze gegen unsere Arbeiter-und-Bauern-Macht benutzt. Dem gleichen Zweck dienen auch die laufenden Versuche des westlichen Rundfunks, den Werktätigen in der DDR zu »beweisen«, dass es für sie keine Errungenschaften gibt, die verteidigt werden müssen.
Anlage 1 vom 29. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2480
Auswertung der Westsender
Der Gegner versucht unsere Errungenschaften in den Augen der Bevölkerung der DDR herabzusetzen, indem er diese leugnet und Vergleiche mit Westdeutschland zieht. Mit nachstehenden Argumenten will er die Bevölkerung gegen die Vorschläge unserer Regierung in der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands beeinflussen. Ausgehend von der teilweisen schlechten Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, wie Kartoffeln, Obst, Gemüse, HO-Zucker30 und Futter, stellt RIAS31 die Frage, »ob auch diese Erscheinung zu den Errungenschaften zählt, die nach Chruschtschow32 und Grotewohls Worten nicht angetastet werden dürfen«.
Beim FDGB-Feriendienst geht er davon aus, dass die Urlauber ihren Ferienplatz »nicht frei wählen dürfen«, sondern der FDGB würde »bestimmen wo sie hinfahren dürfen«.
Des Weiteren zieht er Vergleiche zwischen FDGB-Feriendienst und den KdF-Reisen,33 dass diese denselben Zweck verfolgt hätten, »bei denen die Erholungssuchenden wie eine Herde an irgendeinem Punkt getrieben und mit politischem Status kulturell betreut wurden«.
Auch stimme nicht, »wenn die SED behauptet, sie hätte gleiches Recht für alle geschaffen … nach wie vor gibt es Funktionäre, die aufgrund ihrer Beziehungen und ihrer Position Ferienplätze für sich ergattern und andere leer ausgehen lassen«.
Zur Frage der Schulreform hetzt der RIAS gegen die Aufnahmebedingungen an Universitäten und Hochschulen, weil die Hochschulbildung nicht für alle erreichbar sei, sondern an erster Stelle für Arbeiter- und Bauernkinder.34 Hierzu heißt es: Während in Westdeutschland »neue Maßnahmen in Vorbereitung sind, die allen den Zugang zu Bildungsstätten erschließen sollen, wurde in der Zone ein neues Bildungsprivileg errichtet, dass einen großen Teil der jungen Menschen ausschließt, keine Umgehungsmöglichkeiten kennt und damit weit schlimmer ist als jene alte, dessen Rechte im Westen langsam abgebaut werden«.
In allen Sendungen bringt man zum Ausdruck, es der Bevölkerung zu überlassen »zu beurteilen, ob die Entwicklung in der Zone tatsächlich Errungenschaften brachte«.
Der RIAS setzt seine Hetze fort, um die Genossen gegen die Durchführung der Parteibeschlüsse zu beeinflussen. In der Sendung vom 24. August 1955 wird versucht, die Parteiarbeit besonders auf dem Lande zu lähmen. Dazu benutzt der RIAS erlogene Berichte aus dem Bezirken Schwerin und Neubrandenburg.
Man behauptet, »SED-Funktionäre auf dem Lande werden abtrünnig«.
Die Landwirtschaftspolitik unserer Partei würde von den Bauern und den SED-Mitgliedern auf dem Lande abgelehnt, da sie keine Entlastung, sondern eine »Belastung« darstellen würde. Das ZK würde daraus nicht die »richtigen Schlussfolgerungen« ziehen und deshalb würden die SED-Mitglieder passiv und zum Teil auch eine parteifeindliche Linie vertreten.
Aus den »Berichten« geht im Wesentlichen Folgendes hervor:
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Parteiaufträge werden ignoriert.
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Funktionäre weigerten sich Rückstände in der Fleischablieferung bei den Einzelbauern einzutreiben.
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Parteimitglieder leisteten Widerstand gegen die Umbildung der ÖLB35 in LPG.
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»Wir wollen deutschen und keinen russischen Kommunismus.«
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»Das Fehlen des Streikrechtes36 im FDGB-Statut«37 sei angeprangert worden.
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»Die örtlichen Parteiorgane und ihre Mitglieder … machen Politik auf eigene Faust oder besser, machen überhaupt keine Politik mehr.«
Anlage 2 vom 27. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2480
Auswertung von Hetzschriften
Ausgehend von der teilweise schlechten Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Gebrauchsgütern stellt der UfJ38 erneut die Losungen der Putschisten des 17. Juni39 auf.
So schreibt der UfJ in der Hetzschrift »Bedarf und Versorgung«40 unter der Überschrift »Immer noch Schlangestehen«.41
»Die Forderung vom 17. Juni 1953, Rücktritt der Sowjetzonen-Regierung und Ausschreibung freier demokratischer Wahlen … besteht nach wie vor. «
Ebenfalls mit der Vorbereitung eines neuen faschistischen Putsches beschäftigt sich die Verbrecherorganisation NTS.42 In der Hetzschrift »Bote der Freiheit«43 Nr. 3 vom August 1955 veröffentlicht der NTS eine angebliche »Leserzuschrift« unter der Überschrift »Vier Forderungen – ein neuer Aufschwung«,44 was gleichzeitig das Programm zur Vorbereitung und Durchführung eines neuen Putsches sein soll, indem darin über die »vier Forderungen« geschrieben wird.
»Sie sollten aber unser Denken in neue Bahnen lenken, in Bahnen, die die technischen Aufgaben der Revolution der Lösung näherbringen.«
Die einzelnen Forderungen sind: »Kein neuer Volksaufstand ohne Solidarität mit den kommunistisch versklavten Völker Osteuropas.«
Unter dieser »Forderung« wird geschrieben, dass sich dem »Volksaufstand« auch die volksdemokratischen Völker anschließen müssen, um gemeinsam den »Kommunismus« zu besiegen.
»Kein neuer Volksaufstand ohne Solidarität mit den bewaffneten Kräften – dem russischen Militär und der Nationalarmee« (KVP gemeint).
Unter dieser zweiten »Forderung« werden die feindlichen Gruppen in der DDR aufgefordert, Verbindungen zu den militärischen Einheiten der Sowjetarmee und der KVP herzustellen, da sie die Waffen liefern sollen für den neuen »Aufstand«.
Wörtlich heißt es darin: »Die Waffen aber liefern uns die Truppen, die dem kommunistischen Regime den Gehorsam aufkündigen und an unsere Seite treten werden. Schlagt Brücken gegenseitigen Vertrauens zum Militär.«
Unter der dritten Forderung: »Kein neuer Volksaufstand ohne Organisation und Revolutionsstab« wird davon geschrieben, dass es notwendig ist, nun die »Gegenschläge zu parieren«, einen einheitlichen »Stab« zu bilden und den »Aufstand gut zu organisieren«.
»Kein neuer Volksaufstand ohne Versuch zur Schaffung einer Mitteldeutschen Befreiungsarmee.«
Mit dieser vierten »Forderung« wendet sich der NTS an alle männlichen Bewohner der DDR, sich der »Wehrpflicht« nicht durch Republikflucht zu entziehen, sondern »auszuhalten« und sich für den »Aufstand« zu organisieren.
Gefälschte Schreiben
Um die Reihen der Partei zu zersetzen und Unruhe zu stiften, werden durch die Feindzentralen45 anonyme Briefe mit einem gefälschten Anschreiben an die Ortsparteiorganisationen verschickt. Die anonymen Briefe enthalten Beschuldigungen gegenüber Funktionären unserer Partei im Partei- und Wirtschaftsapparat und sind ihrem Text nach zum Zwecke der Untersuchung an den Genossen Walter Ulbricht gerichtet. Unterschrieben sind diese Schreiben mit »ein alter Genosse«.
Um glaubhaft zu machen, dass die anonymen Schreiben bei Genosse Walter Ulbricht vorgelegen haben, werden diese anonymen Briefe mit einem gefälschten Briefbogen des Genossen W. Ulbricht an die Ortsparteiorganisationen verschickt. In den gefälschten Schreiben wird die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens mit Terminstellung zur Klärung der Beschuldigungen gefordert.
Anlage 3 vom 30. August 1955 zum Informationsdienst Nr. 2480
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 26.8. bis 29.8.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:46
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Halle: Kreis Hettstedt 4 353;
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Karl-Marx-Stadt 39,
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Leipzig: Kreis Torgau 3 000,
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Cottbus 2 370,
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Erfurt einige,
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Potsdam 1 500: Kreis Belzig 5 000.
NTS:
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Halle 18;
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Dresden einige;
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Potsdam 400.
Unbekannter Herkunft:
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Halle 26;
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Cottbus 4 000;
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Potsdam 1 902;
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Berlin in S-Bahnzügen 200 000.
KgU:47
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Suhl ein verschnürtes Paket.
Sozialdemokrat:48
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Karl-Marx-Stadt 800;
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Rostock 20.
»Der Tag«:49
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Dresden einige;
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Halle: Kreis Wittenberg 1 000.
FDP-Ostbüro:50
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Halle einige.
ZOPE:51
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Karl-Marx-Stadt: Kreis Werdau 1 000.
»Wahrheit«:52
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Karl-Marx-Stadt: Kreis Plauen 1 000;
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Suhl 20.
»Tarantel«:53
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Karl-Marx-Stadt: Kreis Plauen 1 000;
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Leipzig 450;
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Berlin 10 022.
»Tschechische und polnische Sprache«
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Leipzig: Kreis Grimma 3 000;
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Dresden 2 896.
SPD und KgU:
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Gera 5 779.
»Freie Arbeiter und Bauern in der Sowjetzone«:
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Berlin 150 000.
»Deutsche Jugend in der FDJ«:
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Berlin 300 bis 400.
Antidemokratische Tätigkeit
In Dresden wurde eine Hetzlosung: »wir wollen Adenauer – weg mit der Regierung« angeschmiert.
Am 29.8.1955, gegen 3.00 Uhr, wurde das VPKA Dresden durch eine männliche Person angerufen und erklärt, dass in einer halben Stunde die gesamte VP in die Luft fliegt. Durch das Fernsprechamt konnte nicht festgestellt werden, wer der Anrufer war. Maßnahmen wurden eingeleitet. Es ereignete sich jedoch nichts.
Vom AZKW Marienborn, Kreis Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, wird mitgeteilt, dass an Reisende aus der DDR in Helmstedt in einer Baracke, Schöninger Straße, täglich von 7.00 bis 22.00 Uhr Lebensmittelpakete ausgehändigt werden. Viele Reisende unserer Republik weisen diese Bettelpakete zurück. In einem bisher bekannten Falle nahm die Frau eines Pfarrers aus dem Kreis Haldensleben ein Paket an.
Am 24.8.1955 wurde durch eine Person, wohnhaft in Prenzlau, [Bezirk] Neubrandenburg, Bergstraße 5, ein Hetzschreiben, bei der VP abgegeben. Das Schreiben war durch Eilboten an die Mutter dieser Person gerichtet. Der Brief trägt den Poststempel Nergenau vom 23.8.1955.
Inhalt: In dem Brief befanden sich zwei DIN-A5-Bogen. Unter anderem enthielt der Brief folgenden Wortlaut: »Wir erfuhren, dass gegen Sie ein politisches Verfahren läuft. Bringen Sie sich schnell in Sicherheit. Familie nicht gefährdet.| Freunde.«
Die Junge Gemeinde in Falkenberg, [Bezirk] Cottbus, entfaltet zurzeit eine aktive Arbeit. Es wurden dort Zusammenkünfte durchgeführt, in denen Briefe von Dibelius54 verlesen werden, in denen die Mitglieder aufgefordert werden, aus der FDJ auszutreten. Bisher ist zu verzeichnen, dass in Falkenberg zwei FDJ-Mitglieder, die Mitglied der Jungen Gemeinde sind, ihren Austritt aus der FDJ beantragen.
Anlässlich des Sängertreffens in Eisenach,55 [Bezirk] Erfurt, am 28.8.1955, gegen 11.20 Uhr, kam es zu einem unliebsamen Zwischenfall. Um diese Zeit trat auf der Freilichtbühne am Marktplatz das Ensemble der Max-Hütte56 auf. Etwa in der Mitte des Programms trat an die Ansagerin eine ihr unbekannte weibliche Person heran und sagte ihr, dass sie etwas Wichtiges zu sagen habe. Die Ansagerin war der Meinung, dass es sich um eine organisatorische Mitteilung handelt und überließ der Person das Mikrofon. Diese bisher unbekannte Person begann ihre Ausführungen mit folgenden Worten: »Ich bin eine einfache deutsche Frau. Wir sind hier in Eisenach, der Stadt, in der Luther57 und Bach58 gewirkt haben. Man nennt es Thüringen, das grüne Herz Deutschlands. Im Herzen pulsiert das Blut. Hier stehen Menschen aus deutschem Blut, Thüringer, Ostpreußen, Schlesier, Rheinländer, Westfalen,59 vielleicht auch welche aus dem Elsass und dem Baltikum. Wir Deutsche haben nur den einen Wunsch, nämlich die Einheit Deutschlands. Gerade wir Deutschen haben alle einen Ausdruck für unsere Gefühle und dies ist das deutsche Lied – es gab ein Lied, welches wir alle kennen oder kannten. Dies Lied heißt »Deutschland, Deutschland über alles«.60 Gebt Eure Liebe diesem ganzen Deutschland zum Ausdruck, indem ihr mit mir singt: Deutschland, Deutschland über alles.«
Nach diesen Worten stimmte sie die erste Strophe des Liedes an und machte dabei eine Armbewegung als Zeichen der Aufforderung zum Mitsingen. Von den auf dem Marktplatz anwesenden Personen, ca. 5 000, sang ein kleiner Prozentsatz dieses Lied mit. Von dem verantwortlichen Mitarbeiter der Lautsprecheranlage wurde das Mikrofon abgeschaltet, was die Person veranlasste die Tribüne zu verlassen. Circa 300 Meter hinter dem Hinterausgang der Tribüne wurde dann die Frau festgenommen. Es handelt sich hier um die Tochter eines Pfarrers aus Eisenach.
Gerüchte
In Karl-Marx-Stadt wird verschiedentlich das Gerücht verbreitet, dass sich die Spitzensportler, die Boxer der DDR Robe,61 Stubnick62 und Nitzschke63 nach Westdeutschland abgesetzt hätten.