Zur Beurteilung der Situation in der DDR
2. September 1955
Informationsdienst Nr. 2481 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Zur Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben gibt es zu sagen, dass sich eine zunehmende Unzufriedenheit über die allgemeine Wirtschaftslage, aber insbesondere über die gegenwärtigen Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung sowie über betriebliche Unzulänglichkeiten zeigt.
Dabei ist immer wieder in den Diskussionen zu hören, »ob das der versprochene Lebensstandard für das Jahr 1955« sei.1
Durch die zahlreichen Gespräche über diese angeführten Probleme treten die politischen Diskussionen immer mehr in den Hintergrund und die Werktätigen verhalten sich ziemlich uninteressiert gegenüber dem politischen Geschehen, was, wie bereits erwähnt, vielfach auf die Unzufriedenheit über die wirtschaftliche Lage zurückzuführen ist.
So findet z. B. am 2.9.1955 in Magdeburg unter Beteiligung sämtlicher Betriebe eine Friedensdemonstration2 und Kundgebung statt. Darüber gibt es besonders im Ernst-Thälmann-Werk3 unzufriedene bzw. negative Diskussionen. So vertreten verschiedene Arbeiter die Meinung, nicht mit zu demonstrieren, wenn es keine Kartoffeln gibt.
Im Betrieb II wurde geäußert, »die wollen wohl einen ähnlichen Tag wie den 17. Juni4 hervorrufen?«
Außerdem wurde bekannt, dass Sprechchöre gebildet werden sollen, wie z. B. »wo bleiben die Kartoffeln«.
Ein Arbeiter aus dem VEB Prägedruck in Greiz,5 [Bezirk] Gera, sagte zur Stimmung in seinem Betrieb: Die Stimmung bei uns im Betrieb ist nicht mehr so wie in den früheren Jahren. Es ist schwer, mit den Kollegen in eine Diskussion zu kommen, da sie über die schlechte Versorgung mit Gemüse und Kartoffeln verärgert sind. Oft wird die Frage gestellt, »ob nicht bald aufgrund der vielen Einsparungen in den Betrieben, worüber laufend in der Presse berichtet wird, eine Preissenkung zu erwarten ist«.
In den Buna-Werken wird zurzeit viel über den in der »Freiheit«6 erschienenen Artikel »Erreichter Wohlstand«7 diskutiert.
Arbeiter bringen zum Ausdruck, »es ist lachhaft, solche Artikel in die Presse zu setzen, da doch auch die Funktionäre wissen, dass man wegen jeder Ware Schlange stehen muss, und dass es nicht einmal Kartoffeln gibt. Deshalb sollten sie lieber schweigen und die Bevölkerung mit derartigen Artikeln nicht noch aufwiegeln.«
Bei Agitationseinsätzen des DFD in den Geraer Betrieben werden häufig Bemerkungen gemacht, wie z. B. »gebt uns genügend Kartoffeln zu essen, dann können wir auch über Politik sprechen«.
Oder: »Wir denken am Ende des 5-Jahrplanes8 sollte es zu einem nie gekannten Wohlstand kommen, und jetzt haben wir nicht einmal Kartoffeln.«
Die Interessenlosigkeit zeigt sich auch an Folgendem:
Am 30.8.1955 fand im VEB Silika-Werk Bad Lausick,9 [Bezirk] Leipzig, eine öffentliche Mitgliederversammlung der SED statt. Es sprach ein Genosse aus Berlin im Auftrag des ZK über Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands. Von insgesamt 435 Belegschaftsmitgliedern nahmen nur 23 Kollegen teil.
Da außerdem auch die Vorbereitung durch die Parteiorganisation schlecht war, nahmen von den insgesamt 85 Genossen nur acht Genossen teil.
Zum anderen werden in den Unterhaltungen immer wieder oberflächliche Vergleiche mit den Verhältnissen in Westdeutschland gezogen. Dabei herrscht die Tendenz vor, dass drüben die Lebenslage der Werktätigen besser als bei uns in der DDR sei.
Mit dieser Begründung werden vielfach, besonders in den Berliner Betrieben, Spenden für die Streikenden in Westdeutschland bzw. Westberlin abgelehnt. Oder es wird behauptet, dass es die Arbeiter im Westen gar nicht nötig hätten zu streiken, da es ihnen doch gutgehe. In der Hauptsache werden solche Diskussionen von Kollegen ausgelöst, die in Westdeutschland zu Besuch waren.
So z. B. weilte in der Hauptwerkstatt des VEB Kombinat »Otto Grotewohl« Böhlen ein Schweißer, SED, in Westdeutschland und jetzt nach seiner Rückkehr versucht er mit nachstehenden Äußerungen seine Arbeitskollegen zu beeinflussen: »Ich habe erst jetzt gemerkt, wie arm wir in der DDR sind. Der Lebensstandard der Arbeiter in Westdeutschland ist viel besser als bei uns. Sie haben es deshalb drüben gar nicht nötig zu streiken.«
Im VEB Universal-Werk Schmalkalden,10 [Bezirk] Suhl, weigerten sich die Arbeiter Geld zu geben bzw. Spendenmarken für Streikende in Westdeutschland zu kaufen, weil sie den Standpunkt vertreten, dass drüben die Arbeiter mehr Geld verdienen würden als sie. Demzufolge würden die Arbeiter im Westen auch besser leben.
Unter den Angestellten der Peenewerft in Wolgast, von denen einige ihren Jahresurlaub in Westdeutschland verbrachten, werden lebhafte Diskussionen über die Verhältnisse in Westdeutschland und in der DDR geführt. Dabei werden immer wieder die Verhältnisse in Westdeutschland verherrlicht.
In den chemischen Werken des Bezirkes Halle werden ebenfalls von Westbesuchern negative Diskussionen über unsere wirtschaftliche Lage geführt.
So sagte z. B. ein Jugendlicher aus dem Bau 90 der Buna-Werke: »Die Arbeiter in der Bundesrepublik können sich mehr leisten als wir in der DDR. Was die Zeitungen schreiben, ist ja doch nicht wahr. Es gibt im Westen eine ganze Reihe Dinge, mit denen wir nicht einverstanden sind. Es gibt aber andererseits viele Dinge drüben, die wir hier gar nicht haben.«
Ein anderer Jugendlicher aus dem gleichen Bau äußerte: »Um in Westdeutschland die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, will man jetzt die Vierzig-Stunden-Woche einführen.«11
Darauf erwiderten ein paar Arbeiter: »Auch sind die verstärkten Republikfluchten auf den besseren Lebensstandard in Westdeutschland zurückzuführen.«
In einzelnen Betrieben des Bezirkes Karl-Marx-Stadt sind in letzten Tagen die verstärkten Republikfluchten, besonders unter den Jugendlichen, Gegenstand negativer Diskussionen.
So sagten z. B. einige Jugendliche aus dem VEB Kfz-Werk »E. Grube« in Werdau:12 »Die Arbeitslosigkeit ist doch gar nicht so schlimm, wie sie bei uns geschildert wird. Die bisherigen Geflüchteten haben alle schnell Arbeit erhalten. Außerdem ist auch drüben der Lebensstandard besser als bei uns.«
Zu bemerken dazu ist, dass jetzt unter den Produktionsarbeitern sowie technische Intelligenz, eine verstärkte Tendenz der Republikflucht auftritt. Dies ist u. a. mit auf die Einstellung zurückzuführen, dass in Westdeutschland bzw. in Westberlin der Verdienst und die Lebenslage besser als bei uns sei. Zum anderen ist auch die Ursache, die Westpropaganda über die »günstige Arbeitskräftelage« im Westen. Auch versuchen Westberliner Firmen durch hohe Löhne, Arbeitskräfte aus dem demokratischen Sektor13 von Berlin und den Randgebieten des Bezirk Potsdam abzuziehen.
In den vergangenen Monaten sind in dem Ernst-Thälmann-Werk in Magdeburg14 die Republikfluchten angestiegen und haben mit 48 Personen im Monat August ihren Höchststand erreicht.
Aus dem Bezirk Erfurt wird berichtet, dass die Anträge auf Interzonenreisen enorm angestiegen sind und dass diese Reisen zum Absetzen nach dem Westen benutzt werden.
Zum Beispiel sind im Kreis Worbis im August 134 Personen, die einem PM 1215 beantragten, nicht wieder in die DDR zurückgekehrt. Es handelt sich dabei vorwiegend um Beschäftigte aus der volkseigenen Industrie.
Auch liegen in den letzten Tagen viele Anträge auf PM 12 von Beschäftigten des Kalischachtes »Thomas Müntzer« Worbis vor. Dazu gilt es zu bemerken, dass sich unter den Kumpels dieses Schachtes eine immer stärkere Unzufriedenheit bemerkbar macht.
Die Gründe dazu sind in schlechter Normenerfüllung und des sich daraus ergebenden Verdienstes zu suchen, und weil zwischen den einzelnen Kaliwerken im Südharz eine unterschiedliche Entlohnung besteht. Zum Beispiel eine Normenerfüllung im Kalischacht »Thomas Müntzer« mit 100 % ist in den Kaliwerken Bleicherode, Sondershausen und Sollstedt gleich 120 % bis 130 %. Außerdem werden in den letztgenannten Kaliwerken höhere Lohnstufen der einzelnen Arbeitspositionen gezahlt. Dadurch kommt es, dass die Kumpels der »Thomas Müntzer« Schachtes im Monat bei gleichen Arbeitsleistungen ca. 80 DM bis 100 DM weniger verdienen. Dadurch entstehen Diskussionen, wie z. B.: »Wenn wir von unserem Streikrecht Gebrauch machen würden, so wie in Westdeutschland, was würde dann wohl mit uns geschehen? Es würde uns so gehen, wie es schon einmal in der Ostzone dagewesen ist.«
Auch in den VEB Fahlberg-List16 und VEB Schiffswerft »E. André«17 Magdeburg setzten sich in den letzten Wochen mehr Arbeiter als gewöhnlich ab. In der Schiffswerft werden Diskussionen geführt, dass in Westdeutschland gute Verdienstmöglichkeiten bestehen würden.
Im Kaliwerk Roßleben, [Bezirk] Halle, ist seit einigen Tagen eine Fluktuation von Jugendlichen, welche erst ausgelernt haben, nach Westberlin und Westdeutschland zu verzeichnen.
Unter den Arbeitern der Schiffbauhalle der Warnowerft Warnemünde herrscht über die schlechte Arbeitsorganisation eine unzufriedene Stimmung. Vor einiger Zeit setzten sich einige Arbeiter nach dem Westen ab. Sie schreiben jetzt an ihre Arbeitskollegen und fordern sie auf, ebenfalls nach drüben zu kommen, »da es dort Arbeit für jeden gibt«.
In der Berliner Bau-Industrie macht sich ein Mangel an qualifizierten Facharbeitern bemerkbar. Dadurch können in einigen Fällen die Termine für den Abschluss der Bauobjekte nicht eingehalten werden.
Beispielsweise gab es im vergangenen Jahr in ganz Berlin ca. 500 Steinsetzer, davon entfielen 200 auf Westberlin und 300 auf den demokratischen Sektor. Eine Überprüfung ergab, dass im demokratischen Sektor nur noch 150 Steinsetzer beschäftigt sind.
Besondere Anzeichen von Fluktuation nach Westberlin sind auch in den Randgebieten von Berlin zu verzeichnen. Dies ist mit auf den Umstand zurückzuführen, dass unter den Arbeitern bekannt wird, auf welche Art und Weise die Westberliner Firmen versuchen, Arbeitskräfte vom demokratischen Sektor und der DDR abzuziehen.
So ist zu verzeichnen, dass die Westberliner Firmen Orenstein und Koppel,18 Deutsche Werke19 in Berlin Spandau sowie BMW im zunehmenden Maße Autogen-Schweißer,20 Blechschlosser und andere Facharbeiter aus der Metallindustrie, die bisher in der DDR beschäftigt waren, einstellen. Sie bieten ihnen je nach Qualifikation 2,50 bis 3,00 Mark Akkord die Stunde, davon 38 % in Westgeld. Gearbeitet wird täglich bis zu zehn Stunden und auch sonntags noch.
Wie der Klassenfeind versucht, Unruhe unter die Belegschaften der Reichsbahndienststellen in den Berliner Westsektoren zu bringen, zeigt sich in Folgendem:
In einer Mitgliederversammlung der SED-Betriebsgruppe des Bahnhofes Wannsee21 erklärten Genossen, dass einzelne Westberliner Eisenbahner die Ansicht vertreten, dass auch bei der S-Bahn in Westberlin gestreikt werden muss.
Andere Berufsgruppen hätten bereits durch Streiks einen höheren Lohn erkämpft. Der Lohn der Westberliner Eisenbahner entspräche nicht mehr den verteuerten Preisen in Westberlin.
Ähnliche Diskussionen traten auf dem S-Bahnhof Berlin-Lichterfelde Ost und Berlin-Neukölln auf.
Diese Meinung wird besonders bei den niedrig bezahlten Lohngruppen vertreten, und sie sind der Meinung, dass bei der Bundesbahn höhere Löhne gezahlt werden.
Anlass zu Unzufriedenheit und schlechter Stimmung geben die betrieblichen Schwierigkeiten, besonders aber der Materialmangel. Die Einstellung eines Parteilosen aus dem VEB Ziehwerk in Brotterode, [Bezirk] Suhl, gilt für einen großen Teil der Werktätigen.
Er sagte: »Vonseiten der Arbeiter wird alles getan, um die Pläne zu erfüllen und überzuerfüllen. Wir können dies aber nur erreichen, wenn wir genügend Rohmaterial haben und die Maschinen richtig ausgelastet sind. Dies ist aber bei uns im Betrieb durch den Rohmaterialmangel nicht der Fall.«
In der gesamten Fahrzeugindustrie der DDR wird eine schwierige Lage entstehen, wenn die hohe Ausschussquote von 80 % bei Gussteilen, die das Eisenhammerwerk Dresden-Dölzschen22 an den VEB Bremsenwerk Limbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, liefert, nicht verringert wird. Das Bremsenwerk beliefert die gesamte Fahrzeugindustrie mit den nötigen Bremsteilen, was aber durch die hohe Ausschussquote nicht ganz möglich ist.
Im VEB Zeiss Ikon Dresden wird damit gerechnet, dass am 15.12.1955 der Plan erfüllt ist und eine Planübererfüllung von insgesamt ca. 7 000 Stück Kameras, die an die HO23 nicht absetzbar sind, zu verzeichnen sein wird.
Davon wurde das Ministerium für allgemeinen Maschinenbau in Kenntnis gesetzt und dieses sandte an den Betrieb ein Schreiben mit der Bemerkung, dass eine Planübererfüllung im VEB Zeiss Ikon unerwünscht sei.
Produktionsstörung
In der Zeit vom 27.8. bis 30.8.1955 kam es in den Braunkohlenwerken der Gebiete Borna und Altenburg, [Bezirk] Leipzig, zu mehreren Produktionsstörungen mit einem Produktionsausfall von insgesamt: 100 t Brikett, 1 000 t Rohkohle und 5 250 cbm Abraum.
Durch die Fahrlässigkeit eines Weichenstellers kam es im Braunkohlenwerk Nachterstedt, Werk I, Kreis Aschersleben, [Bezirk] Halle, zu einem Zugzusammenstoß. Sachschaden ca. 15 000 DM.
Am 31.8.1955 ereignete sich auf der Strecke Artern – Reinsdorf, [Bezirk] Halle, ein Zugzusammenstoß. (Haltesignal überfahren) Schaden: ca. 80 000 DM.
Feindtätigkeit
Im VEB Braunkohlenwerk Berzdorf,24 [Kreis] Görlitz, wurde in der Nachtschicht am 27.8.1955 festgestellt, dass die Lok 21 unregelmäßig lief. Beim Öffnen des Schieberkastens zeigte sich, dass in einer Vertiefung des Einströmkanals zum Zylinder ein Fremdkörper gelegt worden ist, der den unregelmäßigen Lauf verursachte.
In der mechanischen Abteilung Werk III des VEB EKM Görlitz wurde bei der Endmontage einer Dampfmaschine ein größerer Stahlsplitter im Inneren der Dampfmaschine festgestellt. Bei der Inbetriebnahme der Maschine hätte dieser Splitter einen Kolben- oder Schieberfraß verursacht.
Nach der Abnahme eines Hochseeschleppers auf der Schiffswerft »E. André« Magdeburg wurde am 29.8.1955 von unbekannten Tätern das Außenbordfeuerlöschventil geöffnet, sodass nach dem Stapellauf Wasser in das Innere drang.
In den Ziegelwerken Passendorf, [Bezirk] Halle, rissen des Öfteren die Transportketten, und zwar in der Zeit vom 1.7. bis 31.8.1955 insgesamt 31mal. Die Täter legten auf die U-Eisenträger des Transporteurs der Ziegelsteine einen ca. 20 cm langen Eisenstab, »der von den Rollen ergriffen wurde und sich an den senkrechten Eisenträgern festklemmte«. Täter gefasst.
Aufgrund der Presse- und Rundfunkmeldung über den Aufenthalt des Genossen Walter Ulbricht25 sind die Gerüchte stark zurückgegangen.26 Inwieweit die feindlichen Verleumdungen einen gewissen Einfluss unter den Werktätigen gewonnen hatten zeigt u. a., dass z. B. im Kunstseidenwerk Premnitz, [Bezirk] Potsdam, viele Parteilose über die Zeitungsnotiz überrascht waren.
Versorgung der Bevölkerung
Die Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln hat sich während der Berichtsperiode weiterhin verschlechtert. Die Bevölkerung steht stundenlang Schlange, um nur einige Pfund Kartoffeln zu erhalten. Schlecht ist die Lage auch in den Betriebsküchen usw., wo den Arbeitern nur noch Teigwaren u. Ä. vorgesetzt wird.
Besonders stark treten Schwierigkeiten in den Großküchen der Wismutbetriebe27 im Zwickauer Gebiet auf. Ein Teil der HO-Wismutküchen und Gaststätten können schon seit zwei Tagen keine Kartoffelspeisen mehr verabreichen. Es ist damit zu rechnen, dass bis Mitte nächster Woche auch keine Besserung eintritt.
Diese Lage führte bereits in den Küchen und Gaststätten zwischen den Kumpels und dem Küchenpersonal zu unliebsamen Auseinandersetzungen. So wurden, z. B. in der Großküche Ronneburg-Gera die verabreichte Tagesspeise von den Kumpels auf den Boden geworfen und Kartoffeln verlangt.
Dadurch, dass die Bevölkerung keine Verbesserung in der Versorgung mit Kartoffeln sieht, haben sich in den letzten Tagen die negativen Diskussionen verstärkt.
Die Bevölkerung bringt zum Ausdruck, dass dieser Zustand schon einige Wochen anhält und bis jetzt, trotz der Rodeperiode, keine Verbesserung erzielt wurde. Oft wird dann gesagt, dass hier Saboteure in der Wirtschaft sitzen müssen, sonst könnten solche anhaltenden Pannen nicht auftreten.
Weiter wird erklärt, dass es 1945 noch nicht einmal so schlimm mit Kartoffeln gewesen sei. Jetzt, da bei uns eine Planwirtschaft geführt wurde, dürfte so etwas erst recht nicht vorkommen. Immer wieder ist das Hauptargument, »Ulbrichts Wohlstand ist gekommen, wir sind ja am Ende des ersten Fünf-Jahrplanes«.
Die Hausfrauen klagen besonders darüber, weil sie nicht wissen, was sie ihren Männern zu Mittag kochen sollen. Es wird gesagt, dass die Männer schwer arbeiten müssen und demzufolge auch gutes Essen verdient haben. Mit Milchspeisen und Brot können sie ihre Aufgaben nicht erfüllen.
Zum Beispiel sagten einige Hausfrauen aus Magdeburg, sie wollten nach Berlin fahren, um dort Kartoffeln zu holen, weil ihre Männer, wenn sie von der Arbeit kommen, Kartoffeln verlangen, da sie von Brötchen und Nudeln nicht satt werden.
Ein Bahnsteigschaffner vom Hauptbahnhof Leipzig: »Das ist ja schlimm, nirgends gibt es Kartoffeln, und man weiß nicht mehr, was man mittags essen soll. Wenn es wirklich einmal welche gibt, dann muss man sich stundenlang anstellen, denn in den Schlangen stehen Hunderte von Käufern.«
Die »Vergleiche« zum Lebensstandard in Westdeutschland halten weiterhin an und werden von der Bevölkerung durch die augenblicklichen Kartoffelschwierigkeiten besonders geglaubt.
So sagte z. B. ein Postbote in Stadtroda, [Bezirk] Gera: »Im Westen ist doch alles in Hülle und Fülle da. Nur bei uns mangelt es an allem. Ich war Ostern in Berlin und man kann nur Neid bekommen, wenn man die Verhältnisse in Westberlin sieht.«
Am 30.8.1955 wurden in Pirna-Süd, [Bezirk] Dresden, elf Tonnen Kartoffeln ausgeladen, die zum größten Teil nicht mehr genießbar waren und der Schweinemästerei zugeführt werden mussten.
Im Kreis Saalfeld, [Bezirk] Gera, traf am 31.8.1955 ein Waggon mit Frühkartoffeln ein, die für den menschlichen Genuss verworfen werden mussten. Nach Meinung der Sachverständigen ist das auf die frühe Rodung zurückzuführen.
Durch den starken Anfall an Frischfisch in der Fischverarbeitenden Industrie kann dieser nicht richtig verarbeitet werden.
In die Bezirke wird jetzt verstärkt Fisch angeliefert, sodass durch den starken Anfall viel Fisch verdirbt.
So sind z. B. in Altenburg, [Bezirk] Leipzig, auf dem Schlachthof Altenburg 180 Zentner Frischfisch verdorben. Der Fisch war bereits an Großverbraucher ausgeliefert gewesen. Durch rechtzeitige Kontrolle der Hygienekontrolle wurde festgestellt, dass der Fisch nicht mehr genießbar war und sofort zurückgezogen werden musste.
Im VE Versorgungs- und Lagerungskontor28 der Lebensmittelindustrie Fische Dresden wurden am 1.9.1955 sieben Tonnen verdorbene Fische der Schweinemästerei zugeführt.
Im Bezirk Cottbus sind in den letzten zehn Tagen 17 t Frischfisch verdorben. Am 31.8.1955 trafen wiederum 20 t ein, die nur im geringen Maße abgesetzt werden können.
Im Kreis Genthin, [Bezirk] Magdeburg, sind bisher 700 kg Räucher- und Frischfisch und im Kreis Burg 1 500 kg verdorben.
Vom Großhandelskontor Dresden wurden folgende Produkte der Schweinemästerei angeliefert:
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30 Sack a 15 kg Erbsen,
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100 kg Bohnen,
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3 Fässer Gurken,
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4 t Wirsing,
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5 142 kg Aprikosen,
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6 885 kg Kirschen,
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3 419 kg Tomaten.
Zur Lage in der Landwirtschaft
In der Berichtsperiode wurden die Vorbereitungen zum zehnten Jahrestag der Bodenreform29 aktiver durchgeführt. Bauern, die ihr Land durch die Bodenreform erhalten haben, bringen in ihren Diskussionen zum Ausdruck, dass sie erst durch die Bodenreform eine Existenzgrundlage erhalten haben und nun erst als Menschen leben können. Es werden auch Vergleiche zu der Zeit vor 1945 angestellt und betont, dass früher nur für die Geldsäcke gearbeitet wurde. Die Errungenschaften müssen vor allen feindlichen Elementen geschützt werden, damit sich die ehemaligen Junker nicht wieder in ihre alten Positionen einschleichen können.
Zum Beispiel sagte ein werktätiger Bauer aus Lubegart, Kreis Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus: »Zehn Jahre sind seit der Einführung der Bodenreform vergangen. Nun muss jeder werktägige Bauer ständig aufklärend wirken, denn wenn wir es nicht verstehen, die feindlichen Argumente zu zerschlagen, werden sich die früheren Junker wieder in ihre alten Positionen bei uns einschwindeln.«
Es gibt aber auch eine ganze Reihe Beispiele, wo dieser Tag nicht so gut vorbereitet wird, und zum Teil von Personen, besonders Groß-30 und Mittelbauern, die der Entwicklung der Landwirtschaft in der DDR nicht positiv gegenüberstehen, darüber ablehnend bzw. negativ diskutiert wird. Das Hauptargument hier ist, »die Bodenreform hat uns persönlich nichts gebracht, der Tag geht uns nichts an, usw.«.
Vielfach drückt sich dies auch in der ablehnenden Haltung zur vorfristigen Ablieferung des Getreides bis zum 3.9.1955 aus.31 Als Begründung der Nichtbeteiligung wird angegeben, dass die Ablieferung bis zum 30.12.1955 Zeit hat, jeder abliefern kann was er will, erst die Ernte unter Dach und Fach zu bringen, usw.
Zum Teil zeigt sich auch eine Unterstützung der Bedeutung dieses Tages.
So wurde z. B. im Kreis Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, festgestellt, dass in den Gemeinden die Vorbereitungsversammlung nur schwach besucht werden. In einigen Gemeinden waren nur wenige Bauern und keine Genossenschaftsbauern anwesend.
In Letzlingen, Kreis Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, wurde die Versammlung zum Tag der Bodenreform ebenfalls schlecht besucht. Obwohl ein gutes Referat gehalten wurde, störten die Anwesenden durch private Unterhaltungen die Versammlung. Ähnlich war es noch in anderen Gemeinden des Bezirkes Magdeburg.
Der Pfarrer aus Uhyst, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, hat am Sonntag den 27.8.1955 die Einwohner, besonders die Frauen von Auschkowitz und anderen Dörfern, aufgefordert, sich an einer Autobusfahrt vonseiten der Kirche am 3.9.1955 zu beteiligen. Es ist zu verzeichnen, dass gerade in diesen Dörfern die Vorbereitung zur Durchführung der Volksfeste anlässlich des 10. Jahrestages der demokratischen Bodenreform sehr gut waren. Die Kirche versucht auf diese Art, die Menschen von den Feiern abzuhalten.
Die Schwierigkeiten bei der Einbringung der Ernte halten noch immer an. Die Bauern führen weiterhin Klage über die schlechte Einsatzfähigkeit der Maschinen, die aufgrund von schlechtem Material bzw. Mangel an Ersatzteilen immer wieder ausfallen; über die schlechte Arbeit der MTS, die die Verträge vor allem hinsichtlich des Einsatzes von Mähdreschern nicht erfüllen können; die Schwierigkeiten bei den Druscharbeiten, wo durch mangelhafte Organisation des Einsatzes der Maschinen, Mangel an Dreschkästen, Stromschwierigkeiten, die Druscharbeiten nicht reibungslos durchgeführt werden können, sodass die Bauern ihre Verpflichtungen bezüglich der vorfristigen Ablieferung von Getreide nicht erfüllen können.
Die Diskussionen unter den Bauern über den Nachtdrusch32 zeigen, dass die Bedeutung vielfach nicht erkannt wird. Es wird zum größten Teil die Ansicht vertreten, dass am Tage genug gearbeitet, sodass die Nacht zum Ausruhen dringend gebraucht wird.
So wurde z. B. am 27.8.1955 im MTS-Bereich Plötz, Kreis Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, bei einer Kontrolle betreffs Nachtdrusch festgestellt, dass von 15 Dreschsätzen nur sechs im Einsatz waren, weil die Bauern dort noch nicht die Bedeutung des Nachtdrusches erkannt haben.
Dazu sagte z. B. eine Genossin vom VEG Neu-Plötz: »Ich arbeite am Tage acht Stunden in der Schweinestation und sehe nicht ein, dass ich noch des Nachts beim Dreschen helfen muss.«
Ein Brigadier der LPG »Einheit« aus Ribnitz, [Bezirk] Rostock: »Wenn wir den ganzen Tag arbeiten, können wir nicht noch nachts dreschen. Grundbedingung ist, dass wir das Getreide vom Felde bringen.«
Am 25.8.1955 7.00 Uhr wurde von 13 Erntehelfern aus dem Kreis Glauchau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, die in der LPG »Roter Stern« in Neukalen, Kreis Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, tätig sind, die Arbeitsaufnahme mit der Begründung verweigert, sie hätten vom Rat des Kreises Glauchau Arbeitsbekleidung erhalten sollen, was aber nicht geschehen ist.
Noch in den Vormittagsstunden des 25.8.1955 wurde den Erntehelfern Arbeitsbekleidung vom Rat der Stadt Malchin gegeben, sodass diese am Nachmittag ihre Arbeit wieder aufnahmen.
In Seyda, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, brach mehrere Male das Jungvieh, das der LPG Zehren-Seilitz gehört und laut Vertrag dort untergebracht wurde, aus den Koppeln aus, da unbekannte Täter die Türen der Koppeln gewaltsam geöffnet hatten.
Im VEB Blankenburg, Kreis Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, ist eine Menge von ca. 13 t lagernden Getreides von Kornkäfern33 und Motten befallen. Schuld daran trägt ein Großbauer, der 45 Zentner Weizen und 16 Zentner Roggen, der von diesem Ungeziefer befallen war, und aus dem Jahre 1954 stammt, abgeliefert hatte.
Am 27.8.1955 fuhr in der Flur von Vieselbach, [Bezirk] Erfurt, ein Mähdrescher der MTS Eckstedt auf eine ca. 50 cm tief in die Erde gerammte Eisenstange, wobei sich das Förderband und die Dreschtrommel verbogen.
In einem Getreidefeld der LPG Labin, Kreis Jessen, [Bezirk] Cottbus, auf welchem der Mähdrescher der MTS Gebisbach eingesetzt war, wurde eine zwei Meter lange Eisenstange (gewellt) gefunden. Der Mähdrescherführer hat diesen Gegenstand noch im letzten Augenblick bemerkt und es konnte jeglicher Schaden vermieden werden.
Auf dem MTS-Stützpunkt Dolgelin, Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde in der Nacht zum 29.8.1955 an einer Raupe die Einspritzdüse beschädigt, sodass die Maschine für längere Zeit ausfallen wird.
An einer Dreschmaschine der MTS Urbrisch, [Bezirk] Erfurt, sind drei neue Riemen gerissen. Es wird vermutet, dass die Riemen von unbekannten Tätern eingeschnitten worden sind.
In der Gemeinde Falkenhain, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, wurde aus den Plakaten, die auf den Tag der demokratischen Bodenreform hinweisen, durch unbekannte Täter verschiedene Stellen herausgeschnitten.
Zum Beispiel wurden folgende Worte herausgeschnitten:
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Schuldenfrei übergeben,
- –
Rechtskräftig übergeben,
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Grundbesitz von der Arbeiterklasse übergeben.
Bei einem Großbauern in Zehlendorf-Ausbau, Kreis Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, brannte am 29.8.1955 eine Miete mit ca. 1 500 Zentner Stroh nieder.
Bei einem Kleinbauern aus Kiebitz, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, brach aus bisher unbekannter Ursache am 30.8.1955 im Stallgebäude ein Brand aus. Es entstand ein Schaden von ca. 2 000 DM.
Am 30.8.1955 entstand in der Scheune eines werktätigen Bauern in Altenhof, Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ein Brand, der auf die Scheune eines Waldarbeiters übergriff. Beide Scheunen, zwei Dreschmaschinen und Getreide wurden vom Feuer vernichtet. Schaden ca. 8 000 DM. Die Ermittlungen ergaben, dass ein 14-jähriger Junge mit Feuer gespielt hat.
Durch Blitzschlag wurde in der Zeit vom 30.8. bis 1.9.1955 in der Landwirtschaft folgender Schaden angerichtet: Insgesamt brannten 27 Gebäude im Werte von ca. 411 850 DM nieder. Vor allem brannten Scheunen nieder, wobei außerdem erhebliche Mengen an Getreide, landwirtschaftliche Maschinen und Geräte, Stroh usw. mit vernichtet wurden.
Einschätzung der Situation
Aufgrund der weiter zunehmenden Unzufriedenheit über die wirtschaftliche Lage in der DDR und aufgrund der geringen Aufklärungstätigkeit unter der Bevölkerung, sind die Diskussionen über die aktuellen politischen Probleme in den Hintergrund getreten.
Dagegen macht sich in steigendem Maße auch unter den Arbeitern der westliche Einfluss bemerkbar. Das zeigt besonders deutlich die sich immer weiter verbreitende Meinung, dass die Lebenslage der Werktätigen in Westdeutschland besser wäre als in der DDR.
Die Ursachen sind folgende:
Durch den Ost-Westverkehr werden vielfach oberflächliche Vergleiche zwischen DDR und Westdeutschland gezogen, die meist zu dieser falschen Meinung führen.
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der steigende Arbeitskräfte-Bedarf in Westdeutschland;
- –
die feindliche Propaganda, besonders der Westsender;
- –
die zunehmende Unzufriedenheit in der DDR;
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die nachlassende Aufklärungsarbeit unter den Massen.
Anlage 1 vom 1. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2481
Auswertung von Hetzschriften
Die Feindzentralen34 beschäftigen sich in letzter Zeit immer häufiger mit der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands und nehmen die Regierungserklärung des Genossen Otto Grotewohl35 zum Anlass,36 die Bevölkerung der DDR gegen die Regierung und die Partei aufzuhetzen.
In mehreren Artikeln hetzt der »Telegraf-Wochenspiegel37 Nr. 33« die Bevölkerung auf, »freie Wahlen« zu fordern.38 Unter Verdrehung der Ausführungen Grotewohls versucht das Hetzblatt zu beweisen, dass die Regierung der DDR gegen die Wiedervereinigung Deutschlands ist, da sie »freie Wahlen«39 ablehne und schreibt dann wörtlich:
»Natürlich weiß Pankow40 genau, dass dies keine Konzeption für, sondern eine gegen die Wiedervereinigung ist. Für die Bevölkerung der Sowjetzone, soweit sie überhaupt noch irgendwelche Illusionen hatte, aber ist nun regierungsamtlich klargestellt, was es mit dem jahrelangen Einheitsgerede ihrer Unterdrücker auf sich hat.«41
Zum gleichen Thema nimmt auch das Hetzblatt »Deutsches Monatsblatt August 1955«42 in einem Artikel unter der Überschrift »Was geschieht am Tage X«43 Stellung. In diesem Artikel werden als Aufgaben des sogenannten »Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung«44 nach der »Einbeziehung« der DDR in die Bundesrepublik herausgestellt:
- »1.)
Die Sicherstellung und Verbesserung der Versorgung;
- 2.)
Die Sicherung der Kontinuität der Produktion und der Arbeitsplätze;
- 3.)
Möglichst rasche Anpassung der Wirtschaft der sowjetischen Zone an die Bundesrepublik.«
Mit diesem Artikel versuchen die Feindzentralen die Bevölkerung dahinzubringen, sich passiv gegenüber der Entwicklung in der DDR zu verhalten. Besonders richtet sich dieser Artikel an die Neubauern,45 nicht in die LPG einzutreten, da dieselben nach der Wiedervereinigung aufgelöst wurden.
Unter der Überschrift »Die Oder-Neiße-Linie ist keine Staatsgrenze«46 hetzt das gleiche Blatt gegen die Oder-Neiße-Grenze und das darüber abgeschlossene Abkommen.47 Ausgehend von der Feststellung des Potsdamer-Abkommens,48 dass »die Häupter der drei Regierungen die Auffassung, dass die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zur Friedenskonferenz zurückgestellt werden solle«, vertreten, hetzt das Blatt die Bevölkerung der DDR auf, eine Revision dieser Grenze zu fordern, indem er dazu einen angeblichen Ausspruch des Genossen Pieck49 zitiert, der heißt: »Wir werden alles tun, damit bei den Alliierten die Grenzfragen nachgeprüft und eine ernste Korrektur an der jetzt bestehenden Ostgrenze vorgenommen wird.«50
Die Feindzentralen hetzen die Arbeiter auf, gegen die Bestrebungen der fortschrittlichen Arbeiter die Normen zu erhöhen, Stellung zu nehmen. So schreibt die »KgU«51 in Hetzschriften die an Funktionäre und Arbeiter der MTS verschickt werden: »Nach alter bolschewistischer Taktik räumt man einigen Kollegen in jeder Beziehung Vorteile ein, die mit hohen Verdienstmöglichkeiten verbunden sind, um das Gros der Werktätigen darauf hinweisen zu können, so gut könnt ihr es auch haben. Seid ihr euch gar nicht darüber im Klaren, dass ihr durch euer Verhalten genau wie in der volkseigenen Industrie zur Erhöhung der Normen beitragt?«
Und der »Telegraf-Wochenspiegel« hetzt die Arbeiter unter der Überschrift »Pankow steigert wieder Normen«52 gegen die Regierung der DDR auf. In dem Artikel wird über einen angeblichen »Geheimbeschluss 11/4«53 geschrieben und die Arbeiter aufgefordert, gegen Normenerhöhung Stellung zu nehmen. Wörtlich schreibt der »Telegraf-Wochenspiegel« über den angeblichen Beschluss über Normenerhöhung und Lohnrückstufung.
»In dem Geheimbeschluss heißt es unter Ziffer 2b, dass angeblich ungesetzliche Löhne, Gehälter und Zuschläge vorerst personengebunden weiterzuzahlen sind, wenn sich die Werktätigen nicht mit der Herabsetzung des Lohnes oder Gehaltes bzw. mit der Kürzung des Zuschlages einverstanden erklären.«54
Die Feindzentralen versuchen durch ihre Hetzblätter die Mütter in der DDR davon abzuhalten, ihre Söhne zur KVP werben55 zu lassen. Unter der Überschrift »DFD mit zwei Gesichtern«56 hetzt das »Deutsche Monatsblatt«57 die Frauen in der DDR auf, ihre Kinder nicht in die »KVP zu schicken« und auch nicht deren »Arbeitsplätze zu übernehmen«. Nach der Aufführung einiger dieser Verpflichtungen schreibt dieses Hetzblatt:
»Fast zur gleichen Zeit veröffentlichte die Vorsitzende der westdeutschen … Frauenorganisation Lilly Wächter58 eine Flugschrift, in der die Jugend aufgefordert wird, sich nicht in Uniformen stecken, drillen und erniedrigen zu lassen.«
Anlage 2 vom 1. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2481
Auswertung der Westsendungen
Unter dem Vorwand, der Bevölkerung der DDR die »Voraussetzung« für die Wiedervereinigung Deutschlands nach der Genfer Konferenz59 zu erklären, hetzt das Ostbüro der FDP60 im RIAS61 gegen unsere Regierung und stellt provokatorische Forderungen. Dadurch soll die Bevölkerung davon abgehalten werden, die Politik unserer Partei und Regierung, wie sie in der Regierungserklärung vom 12.8.1955 zum Ausdruck kam, aktiv zu unterstützen. Gleichzeitig soll durch diese Hetze die Bevölkerung für die gegen die Einheit und den Frieden gerichteten Machenschaften des Bonner Staates gewonnen werden.
Der Gegner stellt unsere Regierung als »nicht bevollmächtigt« hin, um für die Bevölkerung der DDR mit der Bonner Regierung Verhandlungen führen zu können, da sie nicht aus »freien Wahlen« hervorgegangen wäre. Deshalb fordert er die Durchführung von Listenwahlen noch im Jahre 1955, in deren Ergebnis in der DDR eine Regierung gebildet werden könnte, mit der die Bonner Regierung verhandeln würde.
Damit verbunden werden unsere Errungenschaften geleugnet und die DDR als ein »Terrorstaat« hingestellt, in dem keine »Freiheit und Rechtssicherheit« bestehen würde.
Unter dem Deckmantel, die »Voraussetzungen« für die Wiedervereinigung Deutschlands schaffen zu wollen, in Wirklichkeit aber um ungehindert ihre verbrecherische Tätigkeit gegen die DDR, gegen den Frieden und die Einheit verstärkt fortsetzen zu können, wird für folgende Forderungen Propaganda gemacht:
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Entlassung der 20 000 Häftlinge,
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die Einstellung der Tätigkeit des SfS,
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Austausch aller Literatur zwischen Ost und West,
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Einstellung der Störsender,62
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unkontrollierter Personenverkehr zwischen Ost und West sowie zwischen Westberlin und demokratischen Sektor.
Die Hetze gegen unsere Errungenschaften wird vom Gegner fortgesetzt.
Zurzeit richtet sie sich gegen unsere Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten63 und gegen die Landschulen.64
Mit diesen Sendungen versucht man die Arbeiter- und Bauern-Jugend dahingehend zu beeinflussen, dass sie bei der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands auf die Erhaltung ihrer Bildungsmöglichkeiten verzichtet. Man will verhindern, dass die Arbeiter- und Bauernjugend erkennt, dass ihr Recht auf Bildung als Errungenschaft unseres Staates erhalten werden muss.
Die Hetze des RIAS richtet sich besonders gegen den Unterricht über Gesellschaftswissenschaft65 an den ABF, gegen die Aufnahmebedingungen und gegen die Stipendienordnung.66
Zur Entwicklung des Landschulwesens behauptet der RIAS, das wäre keine Errungenschaft, diese Entwicklung könne man auch in Westdeutschland beobachten.
In der Hetze gegen unsere Republik und gegen die Partei versucht man oft unsere Planwirtschaft als »nachteilig« für die Bevölkerung hinzustellen. Dazu hetzt man, dass die Dienststellen, die sich mit der Planung befassen, »die Versorgung der Bevölkerung auf Geheiß der Partei behindern und manchmal sogar gänzlich unterbinden«.
Der RIAS bringt dazu eine Sendung über die Gemüseversorgung in der DDR. Darin werden zahlreiche Missstände in der Erfassung und im Handel aufgezeigt. Demgegenüber stellt man einige positive Seiten des Privathandels besonders heraus. Damit versucht man dem Hörer zu »beweisen«, dass der Privathandel dem staatlichen Handel »überlegen« sei. Damit im Zusammenhang hetzt RIAS, dass es der Partei und dem staatlichen Handel nicht darum ginge, dass die Bevölkerung ausreichend mit Gemüse versorgt wird, »sondern, dass der private Handel unterdrückt werden soll. Mag auch die Bevölkerung entbehren, Hauptsache, die Partei-Doktrin wird gewahrt.«
Dann wird behauptet, die staatliche und planmäßige Lenkung der Versorgung sei hinfällig, da sie nicht imstande sei, für eine gleichmäßige Belieferung des Marktes zu sorgen. Unter dem Vorwand, um dieses »Ziel« zu erreichen, wird gefordert: »Herausnahme des Gemüses aus dem Anbauplan und der freie Anbau … im Vertrage … mit dem privaten Handel, der früher für eine … ausreichende Versorgung der Bevölkerung gesorgt hat.«
Anlage 3 vom 2. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2481
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 30.8. bis 1.9.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:
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Schwerin 12: Kreis Ludwigslust 3 000;
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Gera 1 010;
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Potsdam 5 020: Kreis Belzig 1 000, Kreis Parchim 2 000;
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Neubrandenburg 25;
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Erfurt 100;
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Rostock einige.
Tschechische Sprache:
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Dresden: Kreis Kamenz 756, Freital eine Million, Dippoldiswalde 1 467;
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Cottbus: Kreis Guben ca. 1½ Zentner;
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Karl-Marx-Stadt 361: Kreis Annaberg 5 000, Kreis Rochlitz 2 582.
KgU:
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Karl-Marx-Stadt: Glauchau und Oelsnitz 1 900, Kreis Auerbach 600;
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Gera 1 550;
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Frankfurt/Oder 2 000;
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Potsdam 150;
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Schwerin 400;
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Berlin 100.
Tarantel:67
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Karl-Marx-Stadt 530.
»Freie Welt«:68
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Gera 300.
»Welt und Zeit«:69
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Potsdam 5 200;
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Cottbus 1 500.
»Zentralkomitee antibolschewistische Soldaten in der KVP«:
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Berlin – Bahnhof Griebnitzsee 3 000.
»Brüder und Schwester in der Sowjetzone«:
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Potsdam 1 000.
Unbekannter Herkunft:
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Potsdam 2 000: Kreis Brandenburg 180;
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Schwerin 200.
»Der Tag«:
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Potsdam 980: Kreis Jüterbog 1 500;
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Halle: Kreis Wittenberg 2 000.
NTS:
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Potsdam: Königs Wusterhausen 792, Kreis Kyritz 10 000, Kreis Nauen 203;
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Erfurt 1 500.
ZOPE:70
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Potsdam 40: Kreis Kyritz 1 003.
FDP-Ostbüro:
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Potsdam 1 000;
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Halle 102.
Freie Arbeiter und Bauern in der Sowjetzone:
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Berlin – U-Bahn Nordbahnhof 800, Bhf. Friedrichstraße 500, Bhf. Wannsee 95 000.
Antidemokratische Tätigkeit
Am 30.8.1955 wurde in Finkenburg, Kreis Nauen, [Bezirk] Potsdam, in der Gaststätte »Vier Jahreszeiten« ein Oberleutnant der KVP von zehn Jugendlichen tätlich angegriffen, geschlagen und seiner Pistole beraubt. Drei Jugendliche verfolgten den KVP-Angehörigen bis in seine Wohnung und versuchten dort einzudringen. Durch das Eingreifen der Volkspolizei konnten drei der Haupttäter verhaftet werden. Ermittlungen werden geführt.
Anlage 4 vom 1. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2481
Stimmung zur Auszahlung der II. Quartalsprämien in den volkseigenen Betrieben
Es zeigt sich in einer ganzen Reihe Betriebe vielfach unter den Arbeitern eine Unzufriedenheit über die Zahlung der hohen Quartalsprämien an die Wirtschaftsfunktionäre der Betriebe.71
Die Diskussionen richten sich nicht grundsätzlich gegen das Prämiensystem, sondern nur dagegen, dass die leitenden Angestellten so hohe Summen und die Arbeiter nur kleine Beträge oder auch gar nichts bekommen. Die Arbeiter vertreten die Meinung (darunter auch einige Genossen), dass sie die Pläne erfüllen und die Angestellten die hohen Prämien dafür »einstecken«. Die Aufschlüsselung der Prämien wird vielfach von den Arbeitern als ungerecht empfunden, was andererseits zu negativen Diskussionen in den Betrieben führt, was nachstehende Beispiele bewiesen:
So z. B. löste die Zahlung der Quartalsprämie unter den Arbeitern des VEB RFT-Röhrenwerk Mühlhausen, [Bezirk] Erfurt, eine schlechte Stimmung aus. Es herrscht die Meinung vor, dass die Prämien an die Wirtschaftsfunktionäre viel zu hoch seien.
Auch wurden in einer Abteilung sämtliche Plaketten für ein vorgesehenes Sportfest mit der Begründung an die BGL zurückgegeben, »es sollen sie diejenigen kaufen, welche hohe Prämien bekommen haben«.
Außerdem wurde mit der gleichen Bemerkung von einigen Arbeitern die Bestellung der Tribüne72 rückgängig gemacht.
Auch im VEB Elisabeth-Hütte in Brandenburg73 sind die Arbeiter mit der Aufschlüsselung der Wettbewerbs- und Quartalsprämien nicht einverstanden. Ihrer Meinung nach erhalten die leitenden Angestellten, im Vergleich zu den Arbeitern, viel zu hohe Summen.
Im Verlauf solcher Diskussionen tauchen Stimmen auf, die es ablehnen, an überbetrieblichen Wettbewerben wie z. B. am Wilhelm-Pieck-Aufgebot74 teilzunehmen.
Im VEB EMW Eisenach, [Bezirk] Erfurt, sagte ein Genosse: »Es ist eine Schweinerei mit der Prämienverteilung. Immer sind es dieselben, die in den Genuss einer Prämie kommen. Wir müssen arbeiten und die anderen bekommen das Geld, obwohl sie schon einen ganzen Haufen davon haben.«
Ein Maschinenleiter, SED, aus dem VEB Papierfabrik Grünhainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich bin nicht einverstanden damit, dass die Arbeiter, die oftmals auch eine verantwortungsvolle Funktion im Betrieb bekleiden, nur 50,00 bis 70,00 DM erhalten, während die Wirtschaftsfunktionäre, die auch nicht ohne uns Arbeiter den Betrieb aufrechterhalten können, ca. 1 000 DM erhalten.«
Ähnliche Diskussionen werden noch in einigen anderen Betrieben geführt, wie z. B. im VEB Bau (K) in Rathenow, [Bezirk] Potsdam, VEB Universal-Werk I in Schmalkalden,75 [Bezirk] Suhl, VEB-Textima Zittau, Druckhaus »Einheit« Leipzig und Plattenwerke Friedland, [Bezirk] Neubrandenburg und andere.
Anlage 5 vom 1. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2481
Bericht über die Kampfgruppen
Bei der Bildung der Kampfgruppen76 bestanden die Schwierigkeiten im Wesentlichen in der Überwindung der pazifistischen Meinungen eines großen Teiles Parteiloser sowie auch Genossen unserer Partei. Nachdem diese Tendenz sowie andere hemmende Erscheinungen größtenteils überwunden waren, traten neue Schwierigkeiten bezüglich der Ausbildung auf. Vielfach herrscht unter den Kampfgruppen-Mitgliedern die Meinung vor, dass die Kampfgruppen lediglich nur dem Schutze der Betriebe und Institutionen dienen und deshalb eine militärische Ausbildung nicht notwendig sei. Durch diese Einstellung ist in vielen Betrieben und Institutionen die Beteiligung an den Ausbildungsstunden stark zurückgegangen.
Ganz besonders zeigt sich dieses aber nach dem erfolgreichen Ausgang der Genfer Konferenz. Seitdem vertreten zahlreiche Kampfgruppen-Mitglieder die Meinung, dass aufgrund der Entspannung eine Ausbildung bzw. die Kampfgruppen nicht mehr notwendig seien und ähnliche Argumente.
So sind z. B. die Mitglieder der Kampfgruppe im VEB Glaswerk Großbreitenbach, [Bezirk] Suhl, der Meinung: »Durch die Genfer Konferenz ist eine Entspannung der internationalen Lage eingetreten. Demzufolge sind die Kampfgruppen nicht mehr notwendig.«
(Die gleiche Einstellung vertreten einige Mitglieder der Kampfgruppe aus den Betrieben in Geschwenda, Altenfeld und Langewiesen, Kreis Ilmenau.)
Einige Genossen und Parteilose der Wittstocker Holzindustrie, [Bezirk] Potsdam, lehnen die Ausbildung mit folgender Begründung ab: »Wir brauchen keine Gewehre und brauchen keine Ausbildung, da wir vom Krieg genug haben. Außerdem ist der kalte Krieg durch die Genfer Konferenz beendet worden, da ist es doch überflüssig, die Kampfgruppen aufrechtzuerhalten.«
Der Betriebsleiter, SED, des VEB Reißerei in Saupendorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Aufgrund der Entspannung der Lage durch die Genfer Konferenz bin ich der Ansicht, dass man die Kampfgruppen in den Betrieben nicht mehr braucht.«
Die Beteiligung an der Ausbildung ist auch in den Buna-Werken gering.
Selbst Genossen nehmen nicht daran teil und begründen es zum Teil wie folgt: »Ich habe früher keine Waffe in die Hand genommen und nehme auch jetzt keine. Jetzt nach der Genfer Konferenz sehe ich die Ausbildung nicht mehr für notwendig an.« (Ein Meister)
(Ähnliche Meinungen traten auch im VEB Maxhütte77 auf.)
Nachstehende Beispiele beweisen die mangelnde Beteiligung an den Ausbildungsstunden.
An den letzten Übungsstunden im Monat August 1955 nahmen teil:
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VEB »Ernst-Thälmann-Werk«78 [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, von 150 Mann nur 38 Mann,
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Stützpunkt VEB Pama Freiberg,79 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, von drei Hundertschaften ca. 50 Mann,
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Staatlicher Forstwirtschaftsbetrieb Blankenburg, [Bezirk] Magdeburg, von 110 Mann ca. 20 bis 25 Mann,
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Buna-Werke [Bezirk] Halle, von vier Hundertschaften nur 150 Mann,
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VEB »Chemie« Rudisleben,80 [Bezirk] Erfurt, von 100 Mann nur 30 Mann,
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VEB Waggonbau Dessau, [Bezirk] Halle, von vier Hundertschaften nur 25 Mann,
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VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck« Gera von 250 Mann nur 18 Mann,
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VEB Funkwerk Berlin-Köpenick von 130 Mann nur 15 Mann.
In der Stadt Loitz, [Bezirk] Neubrandenburg, bestehen mehrere Kampfgruppen, die zur Ausbildung zusammengezogen werden sollen. Bisher war aber aufgrund der schlechten Beteiligung eine Ausbildung nicht möglich. So erschienen z. B. von 30 Mitgliedern der Dübelwerke81 nur sechs Mann.
Eine schlechte Beteiligung an den Ausbildungsstunden zeigt sich ebenfalls auf dem Lande. Die Gründe dafür sind ziemlich die gleichen wie in der Industrie. Dazu kommen noch die jetzigen Erntearbeiten, die eine Ausbildung stark beeinträchtigen.
In der MTS Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, beträgt die Mitgliederzahl einschließlich sieben umliegende Gemeinden, 88 Mann. Die Beteiligung ist aber sehr schlecht und die Kampfgruppen stehen zum Teil nur auf dem Papier.
Das Gleiche trifft auch auf die Kampfgruppen Calvörde, Uthmöden, MTS Klüden und MTS Flechtingen, Kreis Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, zu.
Im Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, konnten bereits mehrmals angesetzte Übungsstunden wegen den Erntearbeiten nicht durchgeführt werden.
Die Kampfgruppe der BPO Jürgersdorf, Kreis Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, ist 24 Mann stark. Zur Ausbildung erscheint aber der größte Teil nicht.
Ein Genosse vom VEG Rottmannshagen, [Kreis] Malchin, begründete sein Fernbleiben wie folgt: »Ich bin lange genug Soldat gewesen und brauche keine Grundausbildung mehr. Wenn es darauf ankommt, mache ich mit, aber links und rechts um, mache ich nicht mit.«
(Diese Einstellung wird in der Kampfgruppe der BPO Jürgersdorf häufig vertreten, da es meistens ältere Jahrgänge sind.)
Ein Kollege vom VEG Jürgersdorf sagte: »Ich mache in der Kampfgruppe nicht mehr mit. Ich fasse kein Gewehr mehr an. Unseren Betrieb werde ich verteidigen, aber wenn es über die Grenzen unseres Dorfes hinausgeht, dann ist Schluss. Ich habe genug erlebt und wenn es wieder einmal anders kommt, dann bin ich dran.«
Außer den angeführten Gründen liegt die schlechte Beteiligung auch daran, dass die Parteiorganisationen zu wenig Kontrolle ausüben, wie das z. B. im VEB Waggonfabrik Dessau der Fall ist. So ist überhaupt von einer Parteiarbeit im Betrieb wenig zu spüren, was natürlich nicht ohne Wirkung auf die Arbeit der Kampfgruppen bleibt. Von den verantwortlichen Genossen der zentralen Parteileitung lässt sich auch keiner im Betrieb sehen. Unter den Genossen wird diskutiert, »die Parteiarbeit macht wahrscheinlich Ferien«.
Ein anderer Grund ist auch, dass oftmals die Genossen und sogar Funktionäre den Parteilosen nicht Vorbild sind und ebenfalls kein Interesse an der Ausbildung zeigen.
Zum Beispiel war erst unter den Genossen der Warnowwerft ein starkes Interesse an den Kampfgruppen zu verzeichnen, was aber immer mehr nachgelassen hat. Jetzt werden die Ausbildungsabende sehr schwach besucht. So mussten wegen der zu geringen Beteiligung einige Ausbildungsabende ausfallen, worüber der größte Teil der Genossen nicht ungehalten war.
Auch wird seitens der Grundorganisationen keine exakte Kontrolle über die Teilnahme der Genossen an den Ausbildungsstunden durchgeführt.
Aus dem Kreis Brandenburg wird berichtet, das sich oftmals Genossen nicht vorbildlich zeigen, in dem sie nicht an der Ausbildung teilnehmen und außerdem noch negativ diskutieren.
So äußerte z. B. ein Genosse (Sachbearbeiter) vom VEB Stahlwerk Brandenburg: »Ich nehme keine Waffe mehr in die Hand. Früher stand ich schon einmal an der Front und jetzt soll dies vielleicht wieder der Fall sein, das kommt nicht infrage.«
Im Bahnwerk Hagenow, [Bezirk] Schwerin, lehnen die Genossen eine Ausbildung mit der Begründung ab, weil dadurch ihre Freizeit am Wochenende zu sehr beansprucht wird.
Abschließend kann zu dem jetzigen Stand der Kampfgruppen gesagt werden, dass diese in vielen Betrieben zahlenmäßig nur auf dem Papier stehen und die Ausbildung sowie die Kampfbereitschaft von Genossen sowie Parteilosen oftmals noch viel zu wünschen übrig lässt.