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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

6. September 1955
Informationsdienst Nr. 2482 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Zur Einschätzung der Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben kann gesagt werden, dass zu den aktuellen politischen Geschehen verhältnismäßig wenig gesprochen wird. Andererseits zeigen die meist geführten Gespräche über die politische und wirtschaftliche Lage in der DDR sowie speziell über die betrieblichen Fragen, dass ein großer Teil der Beschäftigten über die gegenwärtige Lebenslage in der DDR unzufrieden ist. Im zunehmenden Maße zeigt sich der Einfluss der Westpropaganda, die durch die vielen RIAS-Hörer1 unter die Beschäftigten getragen wird. Andererseits bleiben die Westreisen nicht ohne Einfluss, insofern, dass viele Kollegen, die zurückkommen von ihrem Urlaub aus Westdeutschland, Diskussionen entfachen, wie z. B., dass drüben die Lebenslage der Werktätigen besser, das Warenangebot reichhaltiger und qualitativ besser, dass uns Westdeutschland technisch überlegen sei, was seinen besonderen Ausdruck im Bauwesen finden würde. Bei vielen Arbeitskollegen finden diese »Westagitatoren« eben aufgrund der bestehenden Unzufriedenheit, die auf keinem Fall unterschätzt werden darf, ein bereitwilliges Ohr. Zum anderen werden viele Betriebsarbeiter sowie Angehörige der technischen Intelligenz aufgrund von bestehenden objektiven und in der Mehrzahl aber subjektiven Schwierigkeiten in den Betrieben sowie von der Propaganda über die »günstige« Arbeitsmarktlage in der Bundesrepublik durch die Feindzentralen2 im verstärkten Maße zur Westflucht verleitet. Noch dazu, wenn ehemalige Arbeitskollegen, die sich nach drüben abgesetzt haben, in ihren Briefen die »günstigen« Arbeitsverhältnisse in Westdeutschland »bestätigen« und ihre Kollegen auffordern, ihrem Beispiel zu folgen.

Die Unzufriedenheit über die Lebenslage im Allgemeinen drückt sich vor allem darin aus, dass ein größerer Teil Werktätiger der Meinung ist, dass die Entlohnung, das trifft besonders auf die niedrigen Lohngruppen zu, im Widerspruch zu unserem Preisgefüge steht. Dadurch gibt es im zunehmenden Maße Erscheinungen der Fluktuation von Arbeitskräften aus einem niedrig bezahlten in einen besser bezahlten Industriezweig oder Absetzung nach Westdeutschland bzw. Westberlin.

Ausgangspunkt der Verärgerung sind andererseits vielfach die betrieblichen Schwierigkeiten, ganz besonders die Materialfrage, schlechte Arbeitsorganisation, Auftragsmangel sowie Absatzschwierigkeiten. Die Werktätigen bemühen sich um eine gute Planerfüllung und Übererfüllung und werden durch diese Mängel in ihrer Initiative gehemmt und andererseits rufen diese angeführten Schwierigkeiten vielfach, da sie mit einer Verdienstminderung zusammenhängen, Verärgerung und Missstimmung hervor.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die gegenwärtige Lage in unseren Industrie- und Verkehrsbetrieben von einer starken Unzufriedenheit breiter Kreise der Werktätigen, die in einzelnen Fällen als ernstzunehmende Signale zu betrachten ist, gekennzeichnet wird.

Als Beweis dienen nachstehende Beispiele aus einigen Groß- und Mittelbetrieben der Republik.

Unter einem großen Teil der Beschäftigten (18 000) des VEB Zeiss Jena, einbegriffen sind Arbeiter, Angestellte, Wissenschaftler und Betriebsfunktionäre, besteht eine Unzufriedenheit bzw. Missstimmung, die besonders durch folgende Umstände hervorberufen wird:

  • a)

    Durch die Umbesetzung innerhalb des Betriebes ist ein Teil der Arbeiter und Angestellten in eine niedrigere Lohngruppe gekommen.

  • b)

    Trotz laufender Beratungen und Konferenzen sowie Verbesserungsvorschlägen besteht im Betrieb eine schlechte Arbeitsorganisation.

  • c)

    Ein Teil der Wissenschaftler ist mit der Bezahlung nicht einverstanden und ein Teil vertritt weiter die Meinung, dass sie sich nicht im erforderlichen Maße den Forschungs- und Entwicklungsarbeiten widmen können.

Die bestehende Unzufriedenheit zeigt sich in einer ständig steigenden Westflucht.

Wenn in den letzten Monaten im überwiegenden Maße fast nur Jugendliche republikflüchtig wurden, so stellt man jetzt fest, dass Arbeiter und Personen in verantwortlichen Funktionen (Planungsleiter, Bereichsleiter vom Entwicklungsbüro und andere mehr), das Gebiet der DDR im zunehmenden Maße verlassen.

Beispielsweise teilte ein Planungsleiter, der von seinem Urlaub aus Westdeutschland nicht zurückkehrte, dem Betrieb mit, dass er im Zeiss Jena keine Zukunft mehr gesehen habe und die jetzige Arbeitsweise nicht mehr mit verantworten könne.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt sind in diesem Jahr aus dem VEB Zeiss Jena 400 Personen republikflüchtig geworden. Davon allein im Monat August 1955 75 Personen.

Der Intelligenzler Dr. K., sowie eine Reihe seiner engsten Mitarbeiter fühlen sich in der Bezahlung benachteiligt. Außerdem sagte Dr. K., dass er in der UdSSR besser arbeiten konnte3 und es dort nicht so einen großen Bürokratismus gegeben habe, wie er ihm hier im Werk täglich begegnen würde.

In einer Mitglieder-Versammlung der SED in der Abteilung Fertigungs-Betriebsleitung (35 Mitglieder) wurde auch die Unzufriedenheit über die Versorgunglage zum Ausdruck gebracht. Es wurde in dem Sinne diskutiert, dass die gegenwärtige Lage als ein Alarmzeichen aufzufassen sei und dass wieder ein »17. Juni«4 bevorstände.

Stellungnahme eines Genossen aus dem Leuna-Werk über die Stimmung in diesem Werk: »Jeder, der in Westdeutschland im Urlaub war, erzählt von dem reichen Warenangebot in den Geschäften und bei uns fehlt es, wo man hinschaut. Die ganze Zeitungsschreiberei über die deutsche Einheit oder über die Genfer Konferenz5 interessiert die Kumpels nicht. Sie wollen Tatsachen sehen. Das Geld reicht nicht aus, weil man zu viel in der HO6 kaufen muss. Unserer Regierung kann man keine Schuld geben, weil sie nur von allen Seiten schmackhafte Berichte kriegen und man ihnen nicht die Wahrheit berichtet. Schuld haben die Funktionäre in den Betrieben, die nicht die wahre Stimmung weiterberichten, da jeder glänzen will und seine Stellung behalten will.«7

Ein Kollege aus dem Kraftwerk der Filmfabrik Wolfen sagte zu einem Genossen: »Wenn ihr Funktionäre kommt, so sagen die Kollegen nichts oder geben euch recht. Die richtige Stimmung bekommt ihr nicht zu erfahren. Auch weigern sich die Kollegen für die westdeutschen Streikenden zu spenden, denn erst wollen sie ihre Lohnforderungen, die vor Jahren schon gestellt wurden, erfüllt haben. Im Westen dürfen sie streiken, aber wir nicht. Wenn freie Wahlen8 kommen, dann wird die SED ihr Wunder erleben. Die kommt für uns überhaupt nicht infrage.«

(So eine Stimmung herrscht unter mehreren Brigaden des Kraftwerkes.)

Unter den Kumpels des Tagebaus im Braunkohlenwerk Profen, [Bezirk] Halle, herrscht ebenfalls eine schlechte Stimmung. Die Arbeiter bringen in ihren Diskussionen zum Ausdruck, dass sie nicht damit einverstanden sind, dass neuerdings die Stillstandzeiten nur noch im Zeitlohn bezahlt werden sollen.

So kommt es zu Äußerungen, wie z. B.: »Die 300 DM, die wir verdienen, reichen nicht aus, um unsere Familien außer der Verpflegung auch noch einzukleiden.« (Arbeiter der Gleiskolonne) Sie tragen sich mit den Gedanken, zur Wismut9 zu gehen. Auch bewirkt diese Stimmung eine verstärkte Westflucht. So sind im Monat August 1955 zwölf Personen republikflüchtig geworden. Das Werk ist personell bereits mit 150 Mann unterbesetzt.

Die Stimmung wird auch negativ durch die vielen Westbesucher beeinflusst. Im Juli und August 1955 waren 80 Kollegen in ihrem Urlaub in Westdeutschland.

Im Knäckebrotwerk Burg, [Bezirk] Magdeburg, weilte eine westdeutsche Delegation, deren Delegationsmitglieder sich lobend über die sozialen und kulturellen Einrichtungen in der DDR aussprachen. Diese gute Einstellung wurde durch einige negative Diskussionen von Werksangehörigen getrübt.

Zum Beispiel äußerten zwei Kollegen: »Ihr könnt doch hier bleiben, wenn es euch hier so gut gefällt. Dann könnt ihr euch mal nach Kartoffeln anstellen, dann merkt ihr, wo die Landwirtschaft gesünder ist und wo man mehr für das Geld bekommt.«

Eine Arbeiterin sagte: »Wir haben zwar Demokratie in der DDR, aber zu sagen haben wir nichts.«

Ein Arbeiter erklärte: »Die Leute im Saargebiet10 haben Mut zu streiken,11 sie dürfen es ja auch. Wenn wir es hier wagen würden, fahren die Russen gleich mit Panzern auf.«

Ein Arbeiter, parteilos, aus dem VEB Waggonbau Niesky sagte: »In unserem Betrieb ist nichts mehr zu verdienen. Es ist viel schlechter geworden als früher. Man kann aber nichts dagegen machen. In Westdeutschland kann man wenigstens streiken.«

Ein Schlosser, parteilos, des gleichen Betriebes: »Seht euch doch mal um, wie die Leute alle abhauen, und eins steht fest, es werden noch viele gehen.«

Unter den Arbeitern der Brikettfabrik des VEB Großzössen,12 [Bezirk] Leipzig, ist die Stimmung ebenfalls schlecht, und zwar deshalb, weil das Plansoll für 1956, trotz erheblicher Planrückstände in diesem Jahr erhöht werden soll.

Unter den Arbeitern wird folgende Meinung vertreten: »Die Planerhöhungen dienen nur dazu, den Verdienst der Arbeiter zu schmälern. Wir erhielten 1955 bei einer Leistung von 593 t Brikett 15 % Leistungszuschlag und für 1956 ist vorgesehen den 15%igen Leistungszuschlag für 640 t zu zahlen.«

Ein Arbeiter sagte zu seinen Kollegen: »In Westdeutschland streiken die Arbeiter, wenn sie ihren Lebensstandard verbessern wollen. Aber was sollen wir machen? Mit den paar Mark, die wir verdienen, sind wir auch nicht zufrieden. Die Lebensmittelkarten reichen nicht aus und in der HO kann man nichts kaufen.«

In den Steinkohlenwerken »Karl Liebknecht«13 und »Werk Deutschland«14, Kreis Stollberg, Bezirk Karl-Marx-Stadt, ist unter den Arbeitern wegen Normenänderungen eine negative Stimmung zu verzeichnen. Deshalb lösen viele Arbeiter aus diesen zwei Werken ihr Arbeitsverhältnis und gehen größtenteils zur Wismut oder in die Zwickauer Schächte. Zum Beispiel haben im August 1955 165 Kumpels aus dem »Karl-Liebknecht-Werk« ihre Kündigung eingereicht.

Im VEB »Vinora« in Hohenstein-Ernstthal,15 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, lagern für über 600 000 DM unabsetzbare Waren (dreiteilige Garnituren). Die Ursache dafür ist, dass verschiedene Handelskontore16 laufend Verträge rückgängig machen.

So hat z. B. das Großhandelskontor für Textilwaren Niederlassung Berlin C 2 Ware im Werte von 200 000 DM rückgängig gemacht, da angeblich keine Abnehmer vorhanden wären.

Aufgrund dieser Lage im Betrieb sind die Arbeiter missgestimmt und es kommt zu Diskussionen, wie z. B.: »Letzten Endes kommt es noch soweit, dass wir unsere hergestellten Waren selbst kaufen müssen, da keine Abnehmer vorhanden sind. Bei uns heißt es immer mehr produzieren, besser leben. Dabei möchten wir gern mehr produzieren, um besser leben zu können, aber wir wissen doch bald gar nicht mehr wohin mit der Ware. Es kommt ja sogar vor, dass Arbeiter wegen Arbeitsmangel nach Hause geschickt werden. Uns wird es ja unmöglich gemacht, den Plan zu erfüllen.«

Die Hauptdirektrice des Betriebes sagte: »Ich lehne es ab, weiterhin mit den Arbeitern über Aufstellung der Pläne für 1956 zu sprechen, denn sie lachen uns rundweg aus.«

Der VEB Feinstrumpf-Werk in Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, arbeitet gegenwärtig zum Teil ohne Aufträge, d. h., es wird nur auf Lager produziert.

Der Betriebsleiter erklärte hierzu: »Meine einzige Hoffnung ist noch die Leipziger Messe. Wenn dort keine Geschäfte abgeschlossen werden, weiß ich nicht, wie die Produktion weitergehen soll.«

Im VEB (K) Schuhfabrik Görlitz bestehen zurzeit Produktionsschwierigkeiten infolge Materialmangels. Es wird ca. eine Tonne Porokrepp17 (grau) benötigt.

Außerdem bestehen besonders große Schwierigkeiten bei der Verarbeitung des synthetischen Porokrepps, und zwar deshalb, weil bei dem zur Verfügung stehenden Kleber mit dem synthetischen Porokrepp keine zufriedenstellende Bindung erzielt wird. Die Ursachen sollen darin liegen, dass der im synthetischen Porokrepp enthaltene Härter den Kleber zersetzt und sich dadurch die Sohlen von den Schuhen lösen. Diese Erscheinungen zeigen sich ca. vier bis sechs Wochen nach der Verarbeitung und treten in der gesamten Schuhindustrie der DDR auf. Die Betriebe haben dadurch erhebliche Mengen an Schuhen zurückbekommen und es entstand ein beträchtlicher Schaden. Allein in der Schuhfabrik Görlitz in Höhe von ca. 10 000 DM.

Des Weiteren klagen über Materialmangel:

  • VEB Volltuchwerk Rödelbachthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Wolle) – dadurch stehen 40 Webstühle still und Regierungsaufträge können nicht erfüllt werden.

  • VEB Leineweberei Ringenhain, [Bezirk] Dresden (Kettenmaterial) – dadurch stehen sieben Webstühle still und ein wichtiger Regierungsauftrag kann nicht termingemäß erfüllt werden.

  • VEB Lederwaren Apolda, [Bezirk] Erfurt (Reisverschlüsse) – dadurch treten Schwierigkeiten in der Beschäftigung der Betriebsangehörigen auf.

  • VEB (K) Strickwaren Apolda – drei Betriebe – (Rohstoffe) ebenfalls Schwierigkeiten in der Beschäftigung der Arbeiter.

  • VEB Phosphat-Werk Erkner, Kreis Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder.

  • (Kola-Apatit18 – Import aus der UdSSR) – dadurch musste man am 1.9.1955 die Produktion einstellen. (Nächste Lieferung sollte am 3.9.1955 erfolgen.)

Produktionsstörungen

In der Zeit vom 31.8. bis 2.9.1955 kam es in den Braunkohlenwerken der Kreise Borna und Altenburg, [Bezirk] Leipzig, zu mehreren Produktionsstörungen mit einem insgesamten Produktionsausfall von 400 t Brikett und 9 000 cbm Abraum.

Am 31.8.1955, in der Zeit von 3.05 bis 10.00 Uhr, trat im Schacht III des VEB Kaliwerkes »Ernst Thälmann« in Merkers, [Bezirk] Suhl, eine Betriebsstörung ein. Ursache: Entgleisung eines vollen Wagens – dadurch Aufreißen der Gleise. Produktionsausfall: 400 t Rohsalz.

Durch den Ausfall des Doppelstoßofens im Walzwerk I des Kupferwerkes Ilsenburg, [Bezirk] Magdeburg, ist ein Produktionsstillstand vom 3. bis 10.9.1955 zu verzeichnen. Produktionsausfall: 4 150 t = 330 000 DM.

Feindtätigkeit

In nachstehenden Betrieben kam es zu feindlichen Schmierereien:

  • VEB Sachsenwerk Radeberg, [Bezirk] Dresden (Aufforderung zu streiken und Kampf gegen unsere Regierung);

  • VEB Zellstoffwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden (ein Hakenkreuz);

  • Kraftwerk Trattendorf, [Bezirk] Cottbus (»Wir kommen wieder« und ein Hakenkreuz);

  • Volkswerft Stralsund und Stahlwerk Riesa (Hetzlosung gegen Walter Ulbricht19).

In der VEB Porzellanmanufaktur Meißen wird das Gerücht verbreitet, dass durch den ehemaligen Direktor dieses Betriebes in Westberlin ein gleichartiges Unternehmen aufgebaut wird und dass Betriebsangehörige, die bereits vor 1945 im Betrieb gearbeitet haben, mit vollen Rentenansprüchen, wie sie früher bestanden, in den neuen Betrieb in Westberlin eingestellt werden.

Daraufhin äußerten einige Angestellte, wenn dies den Tatsachen entspricht, wollen sie nach Westberlin gehen.

Versorgung der Bevölkerung

Die Kartoffelversorgung ist, trotz Verbesserung in einigen Bezirken, auch in dieser Berichtsperiode noch das wichtigste Problem. Die Hausfrauen müssen weiterhin stundenlang nach ein paar Pfund Kartoffeln anstehen. Bereits schon in den Morgenstunden stellen sich die Hausfrauen an, obwohl in den Verkaufsstellen zum Teil noch gar keine Kartoffeln angeliefert wurden. Sie warten bis eine Lieferung kommt.

Das war z. B. in Werder, Kreis Potsdam, der Fall, wo vor einigen Tagen ca. 100 Frauen fast einen ganzen Tag vor einer Konsum-Verkaufsstelle20 standen, weil sie erfahren hatten, dass dort Kartoffeln angeliefert werden sollten. Sie äußerten, nicht eher von der Verkaufsstelle wegzugehen, bis sie Kartoffeln erhalten haben.

Vereinzelt treten auch solche Erscheinungen auf, dass Frauen, die berufstätig sind, ihrer Arbeit fernbleiben, oder drohen, die Arbeit zu versäumen, um sich Kartoffeln zu beschaffen.

So haben z. B. im »Carl-von-Ossietzky«-Werk in Teltow,21 [Bezirk] Potsdam, einige Frauen die Arbeit versäumt. Sie begründeten das damit, dass sie gezwungen seien zum Bauern zu fahren, um sich dort Kartoffeln zu besorgen.

Ein Agitator des Karl-Marx-Werkes in Zwickau,22 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, erklärte: »Die Stimmung unter Tage bei den Arbeitern ist schlecht. Wenn keine Kartoffeln eintreffen, wollen sie nicht arbeiten gehen, sondern in den Bezirk Leipzig fahren, wo es Kartoffeln geben soll, um sich wenigstens von dort ein paar zu holen.«

Die Diskussionen werden durch diese augenblicklich schwierige Lage bestimmt und sind ausschließlich negativ. Selbst der DDR positiv gegenüberstehende Personen erklären, dass es so nicht mehr weitergehen kann und bald eine Änderung herbeigeführt werden muss.

Zehn Jahre nach Kriegsende dürfte es nicht mehr vorkommen, dass sich die Menschen sogar nach Kartoffeln anstellen müssen.

Es wird auch erklärt, dass sich der Arbeiter nicht mehr lange mit leeren Worten abspeisen lässt.

Zum Beispiel ein parteiloser Magazinverwalter vom VEB LMW in Barth,23 [Bezirk] Ribnitz, [Bezirk] Rostock: »Es wird so viel von der Technik auf dem Lande gesprochen. Es ist aber eine Tatsache, dass wir nicht einmal Speisekartoffeln bekommen. Mit schönen Worten lässt sich der Arbeiter nicht mehr abspeisen, und zehn Jahre nach dem Krieg muss es doch einmal besser werden. Mit Nudeln kann der Arbeiter heute nicht mehr existieren, dabei schafft er seine Normen nicht.«

Ein Produktionsleiter vom VEB Anlagenbau in Rostock: »Es ist unverantwortlich, jetzt nach zehn Jahren die Menschen noch nach Kartoffeln anstehen zu lassen. Wenn Engpässe auftreten, müssen sie durch Importe gedeckt werden.«

Vielfach wird den untersten Verwaltungsstellen die Schuld an der schlechten Versorgung gegeben, weil diese es zum Teil nicht verstehen würden, eine richtige Warenlenkung durchzuführen und bei jeder Gelegenheit versagen. Auch sollten die Verantwortlichen mehr das Ohr an den Massen haben, denn dann würde die Stimmung der Bevölkerung endlich bekannt werden.

Ein Transportarbeiter vom VEB Anlagenbau Rostock sagte z. B.: »Der Grund für die schlechte Kartoffelversorgung ist das vollkommene Versagen der verantwortlichen Verwaltungsstellen.«

Ein Angestellter der Stadtverwaltung Planitz, Kreis Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Verantwortlichen sollten mehr ihr Ohr an den Massen haben und nicht hinter dem Schreibtisch sitzen, denn dann würden sie mal die wirkliche Stimmung hören und sich vielleicht etwas mehr dahinter klemmen, um Kartoffeln ranzuschaffen. Dieser Zustand besteht nun schon ein paar Wochen und es wird immer noch nicht anders.«

Verschiedentlich wird auch erklärt, man sollte die Bauern nicht so mit der Ablieferung der Getreideernte treiben, denn dadurch würden die Bauern gezwungen, sich nur auf diese Aufgabe zu konzentrieren, während sie die Kartoffelrodung vernachlässigen müssen.

Ein Arbeiter vom VEB IKA Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, sagte z. B.: »Ich kann nicht verstehen, dass man jetzt die Bauern mit der Ablieferung des Getreides so treibt. Meiner Meinung nach wäre es wichtiger, erst einmal die Versorgung der Bevölkerung mit Kartoffeln zu sichern.«

Durch die lang anhaltenden Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung werden jetzt auch vereinzelt Drohungen laut, wenn sich nichts ändert, zu demonstrieren oder die verantwortlichen Verwaltungsstellen zu stürmen.

So waren z. B. am 2.9.1955 unter der Bevölkerung in Greiz, [Bezirk] Gera, Stimmen zu hören, wie: »Wenn morgen keine Kartoffeln kommen, dann ist was los.«

Ein Einwohner aus Schönau, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl: »In der DDR gibt es überhaupt nichts. Trotzdem bei uns der nie geahnte Wohlstand sein soll. Wenn wir warten, bis sich von oben was tut, können wir noch lange warten. Es muss erst wieder einmal einen 17. Juni geben, aber diesmal ein bisschen doller.«

Eine Plätterin im VEB »Cuwifa« – Annaberg,24 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Kartoffelversorgung ist eine große Schweinerei. Meiner Meinung nach ist es ganz richtig, wenn die Frauen das Ernährungsamt stürmen, um Kartoffeln zu erhalten, wie es in einer Stadt vorgekommen sein soll. Das müsste man auch hier tun. Leider traut sich nur niemand den Anfang zu machen.«

Bereits seit einigen Tagen ist unter größeren Kreisen der Bevölkerung in Leipzig die Parole verbreitet, wonach Leipzig als die heiligste Stadt bezeichnet wird, da sie von einer Messe bis zur anderen fasten müsste.

Bemerkenswert ist, dass diese Parole zuerst von aktiven Anhängern der Kirche verbreitet wurde und heute allgemein als Witz bei größeren Kreisen Anklang findet.

Die Versorgungsschwierigkeiten in billigen Zigaretten, Süßwaren, die besonders durch den Schulbeginn stark gefragt waren, Hülsenfrüchte, Zucker, Marmelade halten ebenfalls in den Bezirken Halle, Frankfurt/Oder, Neubrandenburg und Magdeburg an. Dieser Mangel macht sich besonders in den ländlichen Verkaufsstellen bemerkbar und es wird oft von der Landbevölkerung erklärt, dass sie nicht verstehen können, wieso gerade auf dem Lande die Läden immer leer sind, wo es doch in der Stadt genügend Waren gibt.

Ebenso halten die Vergleiche des Lebensstandards in Westdeutschland mit dem in der DDR noch an. In den Diskussionen wird, wie schon berichtet, immer wieder erklärt, dass der Lebensstandard dort viel besser als in der DDR sei und dass dort nichts mehr vom Krieg, Schlangenstehen usw. zu bemerken wäre.

Warenverderb

Am 31.8.1955 wurde die Fisch-Konsum-Genossenschaft Wittstock, [Bezirk] Potsdam, mit 94 Fässern ca. 9 370 kg Fettheringen beliefert, die zu ca. 50 % verdorben waren. Der Fisch wurde am 27.8.1955 vom Fischkombinat Rostock geliefert.

Der Konsum-Verband Niesky, [Bezirk] Dresden, erhielt vom Zentralen Absatzkontor der Fischwirtschaft Görlitz 540 kg Heringe, die nicht mehr verkauft werden konnten.

Der Kreis Pirna, [Bezirk] Dresden, erhielt am 2.9.1955 600 kg Frischfisch vom kommunalen Großhandel Dresden, der sofort wieder zurückgeschickt werden musste, da er verdorben war.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft stand in den letzten Tagen im Zeichen der Feierlichkeiten anlässlich des zehnten Jahrestages der Bodenreform.25 Im Allgemeinen wurde dieser Tag in Versammlungen, durch Festzüge, Feierlichkeiten, Kundgebungen, Veranstaltungen usw. gewürdigt.

In den zahlreichen Einzel- und Kollektiv-Verpflichtungen, die LPG, Genossenschafts- und Einzelbauern auf Kundgebungen abgaben, wo ihnen für gute Leistungen bei der Einbringung der Ernte Prämien, Ehrennadeln usw. überreicht wurden, kam das Vertrauen dieser Kreise zu unserer Regierung und der Dank, dass sie Boden durch die Bodenreform erhalten haben, zum Ausdruck.

Nicht überall zeigte sich eine gute Organisation der Feierlichkeiten, was zu einem großen Teil auf die schlechte politische Aufklärungsarbeit auf dem Lande zurückzuführen ist. So war z. B. die Teilnahme an Festsitzungen, Versammlungen, Kundgebungen mitunter sehr mangelhaft. Mitunter zeigte sich eine Unterschätzung dieses Tages auch an dem Verhalten einiger Funktionäre der Partei, MTS oder LPG, die nicht genügend die Organisation der Feierlichkeiten unterstützen, usw.

Zum Beispiel äußerte der Bürgermeister aus der Gemeinde Bredentin, Kreis Güstrow, [Bezirk] Schwerin, zur Ausgestaltung der Gemeinde mit Transparenten, dass hierfür kein Geld vorhanden sei.

In Goldberg, Kreis Lübz, [Bezirk] Schwerin, war zu verzeichnen, dass das Parteibüro der SED nicht geflaggt hatte. Aus diesem Grunde war auch die Beflaggung der Stadt mäßig.

Ebenso waren in der Gemeinde Karow, Kreis Lübz, am Festzug nicht das Leitungskollektiv der MTS, die Betriebsleiter und Parteisekretäre beteiligt, sodass überhaupt am Festzug von 200 Teilnehmern 190 Kinder und ein Landarbeiter teilnahmen.

Wie die Teilnahme an den Demonstrationen mitunter mangelhaft war, so zeigt auch die Kranzniederlegung an den sowjetischen Ehrenmälern zum Teil eine schlechte Beteiligung.

Die Unterschätzung der Bedeutung des Tages der Bodenreform zeigte sich z. B. auch bei den Bauern, die durch diese Land erhalten haben. So konnte z. B. festgestellt werden, dass sich an den Demonstrationen oder Versammlungen sehr wenig solche Bauern beteiligten.

So waren z. B. in der Gemeinde Saaso, [Kreis] Eisenberg, [Bezirk] Gera, zu der Festsitzung am 4.9.1955, um 9.00 Uhr, nur fünf Gemeindevertreter und zwei Gäste erschienen. Von den Genossenschaftsbauern war keiner anwesend. Selbst der Sekretär der OPO der SED war nicht erschienen.

Ähnlich war es in der Gemeinde Unterwellenborn, [Bezirk] Gera, und in der Gemeinde Göritz, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera. Dort warteten verschiedene Personen, auch Genossenschaftsbauern, bis zum Ende der Feierstunde im Hausflur und kamen erst zur Kinovorstellung in den Saal.

An der Kundgebung am 4.9.1955 in der Gemeinde Langenleuba-Oberhain, [Kreis] Geithain, [Bezirk] Leipzig, nahmen von 400 Kundgebungsteilnehmern nur drei Bauern teil.

Ähnliche Erscheinungen traten noch in verschiedenen anderen Gemeinden auf.

Die Diskussionen zu diesem Tag sind von den Personen, die durch die Bodenreform Land erhalten haben, positiv.

Es wird immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass man nicht wieder unter einem Junker arbeiten und niemals das erhaltene Land wieder abgeben will.

Ein Genossenschaftsbauer von der LPG »Maxim Gorki« Wendorf, Kreis Sternberg, [Bezirk] Schwerin: »Wir sind jetzt in der Lage, auf der LPG mit einer achtstündigen Arbeitszeit zurechtzukommen. Wenn ich noch an früher denke, wo ich als Landarbeiter unter der Knute des Grundbesitzers von morgens bis abends schuften musste, dann kann ich nur eins sagen, dass ich freiwillig mein Land diesen Herrschaften nicht abtreten würde. Unsere Bauern sollten wirklich einsehen, dass durch die Bodenreform der Knecht aufgehört hat, auf dem Land zu existieren.«

Ein Kleinbauer aus derselben Gemeinde: »Ich habe aufgrund der Bodenreform meine Siedlung erhalten. Ich muss jetzt wohl, wenn ich etwas schaffen will, genau so viel arbeiten wie beim Gutsbesitzer, aber mit dem Unterschied, dass es mein Eigentum ist. Wenn ich jetzt gut wirtschafte und auf freie Spitzen26 liefere, ist alles mein eigenes Geld und ich brauche nicht auf die Gnade des Herrn zu warten.«

Es zeigt sich, dass besonders von großbäuerlichen Elementen27 der Tag der Bodenreform Anlass zur Hetze gegen die Errungenschaften in der Landwirtschaft der DDR war. So wird vielfach geäußert, dass sich durch die Bodenreform nicht viel verändert hat, sie nicht viel davon hätten. Verschiedentlich wird dabei auch hinsichtlich der Ablieferungsverpflichtungsbewegung bis zum 3.9.1955 gesagt, dass sie es bis zu diesem Tage nicht schaffen würden ihr Getreide abzuliefern.28 Es werden dabei meistens objektive Schwierigkeiten in den Vordergrund geschoben.

Zum Beispiel sagte ein Großbauer aus Wussentin, [Kreis] Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg: »Mein Soll bis zum 3.9.1955 abzuliefern, schaffe ich nicht. Mein Dreschkasten ist jetzt schon defekt, und es dauert mindestens 14 Tage bis drei Wochen, ehe dieser wieder instand gesetzt wird. Dauernd diese Drängelei mit der Ablieferung, das kann ich durchaus nicht vertragen. Ich bin Bauer und weiß auch was ich zu tun und zu lassen habe. Da lasse ich mir auch von euch keine Vorschriften machen.«

Ein Großbauer aus der Gemeinde Benzin, [Bezirk] Schwerin: »Geht mir ja mit eurer Bodenreform los. Wenn alle ländlichen Betriebe durch die Bodenreform erfasst wären, dann käme es so, dass, wenn der Roggen noch grün auf dem Halm steht, man alles treibt, nachts zu dreschen.«

Ein Großbauer aus Gastewitz, [Kreis] Grimma, [Bezirk] Leipzig: »Keiner dürfte den Tag in irgendeiner Form unterstützen, denn wenn der 17. Juni nicht gekommen wäre, hätten wir auch keinen Boden.«

Ein Großbauer aus Dabergotz, Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, lieferte am 26.8.1955 in den Vormittagsstunden Getreide an die VEAB, welches er am Tage zuvor gedroschen hatte und einwandfrei war. Am gleichen Tage lieferte er Getreide ab, welches längere Zeit auf einem ungesäuberten Kornboden gelagert hatte und wo sich noch Getreide aus dem Vorjahr befand, welches total mit Kornkäfern befallen war. Da der Großbauer das Vorhandensein von Kornkäfern wissentlich verschwiegen hatte, wurde Haftbefehl beantragt.

In der Nacht zum 2.9.1955 wurde von bisher noch unbekannten Personen der LPG in Geismar, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, eine Mähmaschine, die sich auf dem Feld dieser LPG befand, auseinander montiert und die Teile im größeren Umkreis verstreut. Des Weiteren rissen sie von einigen Bäumen der LPG unreifes Obst mitsamt den Ästen herunter.

In dem MTS-Stützpunkt Streu [bei] Karow, MTS Gademow, [Kreis] Bergen, [Bezirk] Rostock, wurde in den Tank eines parkenden Traktors Wasser gegossen. Dieser Vorfall hat sich bereits einige Male wiederholt.

Vonseiten des Gegners werden ständig Störungsversuche bei der Einbringung der Ernte unternommen. Auf dem Druschplatz der MTS Weißensee – [Bezirk] Erfurt – wurden in den Garben Eisenstäbe gefunden. Durch rechtzeitige Entdeckung derselben konnte größerer Schaden verhindert werden.

Auf einem Weizenfeld der LPG Garsebach – [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurde eine Getreidepuppe in der Nacht zum 31.8.1955 angebrannt. Zwei Meter entfernt befand sich ein ca. fünf ha großes Feld Weizen. Das Feuer griff jedoch nicht auf dieses Feld über.

In Bad Lauchstädt, Kreis Merseburg, [Bezirk] Halle, wurde nach der Feier anlässlich des 10. Jahrestages der Bodenreform eine Schlägerei verursacht, wobei der zweite SED-Sekretär von Bad Lauchstädt, welcher diese schlichten wollte, mit einem Stuhl niedergeschlagen wurde.

An 2.9.1955 wurden in Linuim, Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, mehrere FDJ-Funktionäre in einem Lokal und auf dem Nachhauseweg von einem Genossenschaftsbauern angepöbelt und tätlich angegriffen. Er versuchte dem Instrukteur der Kreisleitung der FDJ eine rote Fahne, welcher diese trug, zu entreißen. Der FDJ-Sekretär der Gemeinde, welcher dies verhinderte, wurde von dem Beschuldigten ebenfalls angegriffen und beschimpft mit Worten wie »Kommunistenschwein, Spitzel und Agent«.

Der Genossenschaftsbauer, welcher in der LPG als Arbeitsbummelant und Provokateur entlarvt wurde, wurde festgenommen.

Am 1.9.1955 erhielt der Vorsitzende der LPG Grapzow, Kreis Altentreptow, Mitglied des ZK,29 eine Postkarte durch die Post zugeschickt mit folgendem Inhalt: »Denk immer daran, was du Beerbaum30 und [Name 1] angetan, aber du Strolch kommst auch noch dran.«

Die Postkarte trägt den Poststempel Altentreptow vom 30.8.1955.

Ein Großbauer aus Gersdorf, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, brachte einen Anhänger voll Getreidesäcke zur VEAB-Ablieferungsstelle Hartha. Dabei wurde festgestellt, dass mehrere Säcke noch mit dem »Hoheitsadler« und Hakenkreuz beschriftet waren. Diese Säcke waren so aufgeladen, dass sie von der Bevölkerung sofort gesehen werden konnten.

Durch Brände wurde in der Landwirtschaft erheblicher Schaden verursacht, da diese vor allem in Scheunen ausbrachen, wo mitunter erheblicher Schaden, neben Gebäudeschaden, an Stroh, Getreide, Inventar, landwirtschaftlichen Geräten usw. entstand.

So brannten z. B. in Möbiskruge, [Bezirk] Frankfurt/Oder, die Scheune nebst Inventar ab, wobei ein Schaden von ca. 25 000 DM entstand.

In Arnsdorf, Kreis Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, entstand durch Scheunenbrand bei einem werktätigen Einzelbauern ein Schaden von 6 800 DM.

In der Gemeinde Gera-Tinz entstand bei einem Bauern ein Schaden von 8 500 DM, und in der LPG »Nordhausen« in Hundisburg, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, ein Schaden von ca. 3 000 DM.

Die Brandursachen sind Blitzschlag, Fahrlässigkeit usw.

Einschätzung der Situation

Die Stimmung der Bevölkerung hat sich nicht geändert. Die Unzufriedenheit über die wirtschaftliche Lage in der DDR hält weiterhin an.

Anlage 1 vom 6. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2482

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 2.9. bis 5.9.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD-Ostbüro:31

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Oelsnitz 2 017;

  • Magdeburg: Kreis Klötze 100;

  • Gera 787;

  • Leipzig: Kreis Schmölln 3 000, Kreis Altenburg 132;

  • Frankfurt/Oder 59;

  • Potsdam einige;

  • Suhl 70;

  • Halle: Kreis Wittenberg 520, Kreis Eisleben 500;

  • Cottbus 2 104;

  • Erfurt: Kreis Langensalza 1 000, Kreis Erfurt 2 000.

»Tschechische Sprache«:

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Brand-Erbisdorf 641, Kreis Marienberg 35;

  • Dresden: Kreis Görlitz 1½ Mio.

Unbekannter Herkunft:

  • Potsdam 5 011: Kreis Potsdam 5 000, Kreis Neuruppin 1 500, Kreis Pritzwalk 25;

  • Schwerin 200;

  • Frankfurt/Oder 243;

  • Berlin in einem S-Bahnwagen ca. 45 kg.

NTS:32

  • Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 1 000;

  • Magdeburg: Kreis Genthin 2 000;

  • Potsdam: Kreis Neuruppin 4 500, Kreis Pritzwalk 50;

  • Frankfurt/Oder 901;

  • Erfurt 2 500;

  • Berlin-Wuhlheide 29.

KgU:33

  • Potsdam 30;

  • Halle: Kreis Weißenfels 10 000;

  • Frankfurt/Oder 22;

  • Leipzig 600;

  • Karl-Marx-Stadt 720.

»Freie Junge Welt«:34

  • Magdeburg: Kreis Klötze 100;

  • Halle: Kreis Quedlinburg 396;

  • Suhl einige.

Verschiedener Art:

  • Halle: Kreis Quedlinburg 1 311;

  • Potsdam: Oranienburg 35 kg.

ZOPE:35

  • Suhl: Kreis Hildburghausen 1 000;

  • Dresden einige;

  • Potsdam: Kreis Pritzwalk 115.

»ZK der antibolschewistischen Jugend in der KVP«:

  • Berlin – Nordbahnhof in einem S-Bahnzug 120 000.

»Freie Arbeiter und Bauern der Sowjetzone«:

  • Berlin 30 000.

Antidemokratische Tätigkeit

Am 31.8.1955 wurde an einer Plakattafel in Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, folgende Hetzparole mit Ölkreide angeschmiert: »Unter fremdem Joch 10 Jahre – wie lange noch?«

In der Nacht zum 2.9.1955 wurde die Stalinbüste,36 die in der Parkanlage in Stalinsee37 [in ] Stendal, [Bezirk] Magdeburg, steht, von bisher unbekannten Tätern mit Teer beschmiert.

Am 1.9.1955 wurden von unbekannten Tätern in Parchim, [Bezirk] Schwerin, an einem Schaufenster des Heimatmuseums am Thälmannplatz38 zwei Hetzschriften angeklebt.

In Dresden wurde am 2.9.1955 an eine Hauswand eine Hetzlosung »Wo steckt Ulbricht – im KZ« angeschmiert.

Am 5.9.1955, gegen 0.10 Uhr, wurde an einer Brücke zwischen Königsborn und Möckern, Kreis Loburg, [Bezirk] Magdeburg, »Freie Wahlen SPD« angeschmiert.

In den vergangenen Tagen wurden einige Personen im Kreis Nauen, [Bezirk] Potsdam, angeschrieben, dass sie sich innerhalb von 14 Tagen in Berlin einfinden und eine im Brief angegebene Telefon-Nr. anrufen sollen.

Am 2.9.1955 sollte in Malchow, Kreis Waren, [Bezirk] Neubrandenburg, um 11.00 Uhr die Schule für Anfänger beginnen. Der Pfarrer aus Malchow setzte um 10.00 Uhr Gottesdienst für die Kinder an, den er bis 11.30 Uhr ausdehnte, sodass viele Kinder zu spät zum Schulbeginn erschienen. Der größte Teil der Eltern war über das Verhalten des Pastors empört.

In den Gemeinden Döringsdorf, Bebendorf und Willbach, Kreis Heiligenstadt, [Bezirk] Erfurt, erschienen die Kinder am 1.9.1955 und zum Teil am 2.9.1955 nicht zur Schule. Die Ursache lag darin, dass die Kinder dieser Orte in der Zentralschule Ershausen und Geismar unterrichtet werden sollten, womit der größte Teil der Eltern auch einverstanden war. Der Bruder Capistran39 vom Kloster Hülfensberg40 trat gegen die Zentralisation auf, beeinflusste Eltern und Kinder und forderte, die Kinder wieder in die alte Schule zu schicken. Bis auf drei erschienen am 3.9.1955 alle Kinder zur Schule.

Am 4.9.1955, gegen 21.00 Uhr, erschoss der ABV41 von Schermen, Kreis Burg, [Bezirk] Magdeburg, einen Angehörigen der sowjetischen Armee. Der sowjetische Soldat verstarb kurze Zeit nach den erlittenen Verletzungen. Der Hauptwachtmeister sowie ein S-Angehöriger42 befanden sich auf der Streife im ABV-Bereich. Bei einer Verkehrskontrolle von vier Personen wurden sie darauf hingewiesen, dass diese vor der Gärtnerei Bremer43 zwischen Schermen und Burg überfallen worden waren. Beide VP-Angehörigen begaben sich zu dieser Gärtnerei. Der ABV wurde dort von einem sowjetischen Soldaten bedroht. Daraufhin gab er einen Warnschuss ab. Nachdem der sowjetische Soldat einen Gegenstand, ähnlich einer Pistole, in der Hand hielt und auf den ABV richten wollte, gab dieser einen weiteren Schuss ab, worauf der sowjetische Soldat zusammenbrach.

Ein Volkspolizist vom VPKA Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, wurde am 4.9.1955 auf dem Nachhauseweg von einem Tanzlokal, als er einen Streit zwischen seinem Bruder und einer weiteren Person schlichten wollte, von dieser tätlich angegriffen und niedergeschlagen. Diese Person, welche bereits 1953 wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt war, wurde festgenommen.

Anlage 2 vom 5. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2482

Stimmung zum Prozess gegen Nellis und andere

Vom 30.8. bis 3.9.1955 fand der Prozess44 gegen Nellis,45 Altenbrandt,46 [Name 2], Bünger47 und [Name 3] wegen Schädlingstätigkeit vor dem Obersten Gericht der DDR statt.

Der Prozess verlief im Allgemeinen reibungslos und ohne besondere Vorkommnisse.

Die Zuhörer bei diesem Prozess, vorwiegend Arbeiter aus den Betrieben, Delegationen aus Verwaltungsstellen usw., verfolgten diesen Prozess sehr aufmerksam und brachten während den Verhandlungen und in den Pausen ihre Empörung über das schändliche Treiben dieser Feinde zum Ausdruck.

In den Diskussionen gingen die Anwesenden auf die Schädlingsarbeit der einzelnen Angeklagten ein und sprachen über die verschiedenen Machenschaften, durch welche diese der Wirtschaft in der DDR großen Schaden zugefügt haben. Besonders betont wurde immer wieder, wie es möglich sein kann, dass sich diese fünf solange in unseren Verwaltungen breitmachen konnten, hohe Gehälter bezogen und trotzdem Sabotage durchführten. Vielfach wurde die Schuld bei den Parteiorganisationen und den Verantwortlichen der Ministerien gesucht, da diese es offensichtlich versäumt hatten, eine gute Anleitung und Kontrolle auszuüben. Dieses Problem wurde besonders nach der Vernehmung des Angeklagten Bünger behandelt, der vier Jahre Kandidat unserer Partei war und wo die Vorgesetzten dessen schlechte Arbeitsweise kannten.

Arbeiter aus den Betrieben zogen daraus die Lehre, besser auf die Geschehnisse im eigenen Betrieb zu achten und solche Erscheinungen, wie Materialschwierigkeit, langsam Arbeiten, Arbeitsbummelei, hetzerische Reden, usw., die besonders von dem Angeklagten [Name 3] in seinem ehemaligen Betrieb proklamiert wurden, sofort aufzudecken und die Betreffenden zur Verantwortung zu ziehen.

Auch die Parteiorganisationen müssten in Zukunft besser arbeiten und kontrollieren. Dadurch würde die Tätigkeit leitender Personen überprüft, was zur Folge hätte, dass sich solche Verbrecher wie Nellis nicht so lange halten könnten.

Ein Angehöriger der HO-Lichtenberg sagte z. B.: »Man kann nur staunen, was diese Verbrecher uns für einen Schaden zugefügt haben. Wie ist bloß so etwas möglich, dass diese so lange arbeiten konnten. Eins kann ich nicht verstehen, dass keine Verantwortlichen der zuständigen Ministerien mit zur Verantwortung gezogen werden. Auch die Partei dieses Betriebes hat einen großen Teil Schuld an dem hohen Schaden, denn sie hat auf keinen Fall die führende Rolle im Betrieb dargestellt. Für mich ist es klar, dass diese Verbrecher nur die Todesstrafe verdient haben. Jetzt ist mir auch klar, weshalb keine Preissenkung durchgeführt werden konnte, denn von solch einem hohen Schaden kann sich unser Staat nicht gleich erholen.«

Ein Kollege von der Sicherheitszentrale: »Man kann auch aus der Verhandlung erkennen, dass die Parteiarbeit sehr mangelhaft war. Es wäre bestimmt jetzt an der Zeit, auch einmal die Parteileitungen bei so einer verantwortungslosen Arbeit zur Rechenschaft zu ziehen.«

Durch den ungeheuren Schaden, den Nellis und Konsorten unserer Volkswirtschaft zugefügt haben, wurde bei den Diskussionen gleichzeitig auch immer der Hoffnung Ausdruck gegeben, das Oberste Gericht möge keine Milde walten lassen und die Verbrecher der höchsten Strafe zuführen.

Zum Prozess selbst wurde erklärt, dass noch viel zu wenig daran teilnehmen, da doch gerade durch solche Verhandlungen klar wird, wie der Feind in unsere Betriebe und Verwaltungen eindringt und seine Schädlingsarbeit betreibt.

Bei diesem Prozess wurden auch besonders die Presse und der Augenzeuge48 vermisst. Darüber wurde gesagt, dass es unverständlich sei, wieso dieser Prozess nicht in der Presse erwähnt wird, da er doch der Bevölkerung über die Ursache vieler Missstände in der DDR Aufklärung gäbe.

Besonders rege waren die Diskussionen über den Prozess im Elektro-Apparate-Werk J. W. Stalin. Der Betrieb hatte seine Vertreter zum Prozess geschickt, die jeden Tag früh 7.00 Uhr im Betrieb über den Verlauf des Prozesses Bericht erstatteten. Diese Berichterstattungen wurden rege besucht und der Verlauf der Verhandlungen interessiert verfolgt.

Die Kollegen, besonders die in den Abteilungen, die Nellis unterstanden, erwarteten für diesen die Höchststrafe.

In einer Parteiversammlung am 29.8.1955 zeigten die Genossen ihr Unverständnis darüber, dass der Prozess nicht im Betrieb durchgeführt wurde. Es wurde auch kritisiert, dass nur 24 Angehörige des EAW als Zuhörer dem Prozess beiwohnen konnten. Nach Meinung der Genossen wäre es wichtig gewesen, dass gerade leitende Funktionäre Zeugen des Verlaufes des Prozesses geworden wären.

Bei der Auswertung des Verhandlungstages vom 31.8.1955 verlas der Sekretär für Propaganda in der BPO eine Resolution, in welcher die Höchststrafe für Nellis und Altenbrandt gefordert wurde. Über diese Resolution wurde nicht abgestimmt.49

Im EAW zeigte sich aber auch, dass ein Teil Ingenieure mit der Höchststrafe des Nellis nicht einverstanden waren.

Zum Beispiel sagten Ingenieure, die mit Altenbrandt gut bekannt waren, »dass sie überhaupt nicht dazu berechtigt sind, die Höchststrafe zu beantragen«. Wieder andere Ingenieure sind der Meinung, dass Altenbrandt und Nellis nicht die Alleinschuldigen sind.

Im Allgemeinen ist jedoch festzustellen, dass besonders auch die Arbeiter des RAW – J. W. Stalin den Prozess mit großem Interesse verfolgten und dass besonders die beiden, Nellis und Altenbrandt, die ihrem Werk so viel Schaden zugefügt hatten, die gerechte Strafe verdient haben.

Anlage 3 vom 5. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2482

Hinweise über besonders schlechte Stimmung in einigen Betrieben

Vereinzelt ist die Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben so schlecht, dass man dies als ernst zu nehmendes Signal betrachten muss. Die Ursache dafür ist die Unzufriedenheit allgemein über die Lebenslage sowie die Schwierigkeiten in der Kartoffelversorgung und die betrieblichen Unzulänglichkeiten.

So z. B. wird wiederholt aus dem Bezirk Erfurt berichtet, dass unter den Kumpels der Kaliwerke, ganz besonders aber im Kalischacht »T. Müntzer« in Worbis, eine starke Unzufriedenheit herrscht, die als ein ernstes Signal zu betrachten ist. So haben z. B. in diesem Schacht ca. 30 Kumpels gedroht zu kündigen, wenn sich die Verdienstmöglichkeiten nicht in kurzer Zeit ändern.

Dazu äußerte z. B. ein Parteiloser: »Ich mache den Zinnober nicht mehr mit. Man verspricht uns Tag für Tag, dass es besser werden und der Lebensstandard von 1936 erreicht werden soll.50 Wer dieses glaubt, ist ein Spinner, das Leben wird immer schlechter.«

In einem Gespräch zwischen dem Leiter, parteilos, der Bergbauinspektion und des Grubendirektors, parteilos, des »T.-Müntzer«-Schachtes kam zum Ausdruck, dass die Funktionäre im Schacht der Meinung wären, dass die gegenwärtige Situation reif sei für einen neuen 17. Juni. Die Stimmung wäre auf dem Nullpunkt angelangt. Es würden Diskussionen geführt, wie z. B., »wo bleiben die an Reparationen und Besatzungsgeldern eingesparten Mittel«?51 Oder: »Wo bleibt das Versprechen von W. Ulbricht, dass am Ende des Fünf-Jahrplanes der Lebensstandard höher ein würde als vordem.« Und: »Die Lebensmittelkarten sind immer noch da und die HO-Preise haben trotz Preissenkung52 wieder angezogen. Es macht sich eine verstärkte Westflucht, besonders von jungen Kräften, bemerkbar.«

Des Weiteren kam in der Unterhaltung zum Ausdruck, dass die Abgänge aus der Kaliindustrie in andere Industriezweige so stark angestiegen seien, dass alle Kaliwerke unterbesetzt sind und der Plan nur zu 80 % erfüllt werden könnte.

Auch sei die Arbeitsmoral stark gesunken und es mache sich eine starke Interessenlosigkeit bemerkbar, welche seinen Ausdruck in Fehlschichten, häufigen Störungen in der Produktion und vollkommener Gleichgültigkeit seinen Ausdruck findet. In den Produktionsbesprechungen werden immer mehr Klagen laut, auch von solchen Kollegen, die bisher immer geschwiegen haben.

Auch aus dem Kaliwerk »Glückauf« Sondershausen ist eine ähnliche Stimmung zu verzeichnen, besonders schlecht ist sie unter den Seilbahnern: Zum Beispiel sagte ein Seilbahner, parteilos: »Es ist doch alles großer Mist. Man hat gar keine Lust mehr zu arbeiten. Es ist doch ein Hungerlohn 1,45 DM die Stunde. Da verdienen doch die Frauen in den Betrieben mehr als wir unter Tage. Dieser Meinung sind alle Seilbahner sowie viele Kumpels. Das ist auch die Ursache mit für die schlechte Planerfüllung.«

Im VEB Fortschrittwerk I in Neustadt, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, war für den 29.8.1955 eine Lektion »10 Jahre Bodenreform« angesetzt. Diese konnte aber nicht gelesen werden, da außer vier Genossen keine weiteren Teilnehmer anwesend waren. Zur Organisierung dieser Lektion erfolgten täglich Durchsagen im Betriebsfunk und außerdem wurde durch Plakate darauf hingewiesen.

In Diskussionen, die mit Genossen geführt wurden, brachten diese zum Ausdruck, dass es gegenwärtig im Betrieb nach passivem Widerstand aussehe, und dass die Stimmung unter der Belegschaft schlechter als vor dem 17. Juni 1953 sei.

Als Hauptgrund wurde die gegenwärtige schlechte Kartoffelversorgung genannt.

Ein Arbeiter, parteilos, aus der Abteilung Kesselhaus des VEB Maxhütte äußerte: »Die Zeiten sind sehr unruhig. Selbst Genossen sind der Meinung, dass so etwas wie ein 17. Juni kommt.« (Dieser Meinung schloss sich ein weiterer Arbeiter an.)

Auch sind in den Arbeiterzügen der Maxhütte folgende Redewendungen zu hören:

  • »Nun warten wir noch 14 Tage.«

  • »In 14 Tagen wird sich etwas ändern.«

(Inwieweit sich dies auf die Reise Adenauers53 nach Moskau54 bezieht, kann nur angenommen werden.)

Die Stimmung unter Parteilosen und Genossen in den VEB im Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl, ist zurzeit so, dass in Versammlungen kaum gesprochen wird, aber umso mehr an den Arbeitsplätzen und in der Mehrzahl negativ zu unserer Entwicklung. Unter den Genossen zeigen sich Erscheinungen von Mutlosigkeit sowie Zweifel an der Richtigkeit unserer Politik.

So sagte z. B. ein Genosse aus dem VEB Feinprüf Schmalkalden: »Ich ziehe mich von allem zurück, weil es keinen Spaß mehr macht und es nicht mehr ehrlich zugeht.«

Ein Parteisekretär dieses Betriebes äußerte: »Es ist kein Elan mehr unter den Genossen. Mir kommt es so vor, als wenn sich immer mehr von unserer Linie zurückziehen.«

Anlage 4 vom 6. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2482

Auswertung der Westendungen

Zur Störung von Handelsabschlüssen mit westlichen Unternehmen sowie zur Störung von Einkäufen bei VEB während der Leipziger Messe55 hetzt der Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen56 über den RIAS57 die als Standpersonal, Ein- und Verkäufer, Exporteure sowie Betriebsdelegierte beauftragten Personen durch sogenannte »warnende Hinweise« auf. Mit dieser Hetze soll erreicht werden, dass weniger Liefer- und Kaufverträge abgeschlossen werden.

Als warnende Hinweise führt er Folgendes auf: »Termine zur Lieferung nur soweit zu machen, als es sich verantworten lässt, da Terminüberschreitungen zu Konventionalstrafen führen«. Die Käufer »auf die Gütezeichen hinzuweisen«, da schlechte Qualität zu »Mangelrügen und Entschädigungsansprüchen« führt.

Weiterhin warnt er vor Anbietung von Erzeugnissen der Feinmechanik-Optik, des Fahrzeug- und Maschinenbaues der VEB wie Zeiss Jena, da angeblich die Herstellung ohne »Lizenzerlaubnis« erfolgen würde und dadurch »erhebliche Nachteile« für die Betriebe entstehen können, sowie vor dem Aufkauf westlicher Ausstellungserzeugnisse, da diese lediglich zum Zwecke der Zerlegung und des »Nachbaues« gekauft würden. Weiter macht er darauf aufmerksam, jede negativen Diskussionen zu vermeiden, um einer Verhaftung aus dem Wege zu gehen, da sich auch unter den westlichen Partnern »kommunistische infizierte Personen und Denunzianten befinden« können.

Im Zusammenhang mit dem Beginn des neuen Schuljahres befasst sich RIAS mit unserem demokratischen Schulwesen und Lehrziel, das darauf gerichtet ist, die Kinder von Anfang an politisch zu beeinflussen. Seine besondere Hetze gilt dem neu eingeführten Fach Heimatkunde.58

Damit unsere Kinder nicht zu wahren Patrioten ihrer Heimat erzogen werden und um dem Unterricht für Heimatkunde entgegenwirken zu können, schlägt RIAS den Lehrern Folgendes vor: »… durch eine Vermehrung des Anschauungsunterrichts, d. h. der Wanderung und Ausflüge, und durch Besprechung der Ereignisse der nationalsozialistischen Zeit, die ja manche Parallelen zulassen«, könnte man diesem entgegenwirken.

Bezüglich der Lehrlings- und Berufsausbildung hetzt RIAS gegen den Lehrvertrag und fordert die Eltern auf, keinen Lehrvertrag unter zwei Jahren zu unterschreiben, und gibt sinngemäß folgenden Hinweis, wie die Eltern antworten sollen: »Mein Kind ist nicht in der Lage, den verlangten Stoff in zwei Jahren zu erlernen, deshalb bestehe ich auf eine dreijährige Lehrausbildung.«

Gleichzeitig hetzt RIAS die Lehrlinge auf, keine Verpflichtungen abzugeben und Neuerermethoden59 nicht anzuwenden. Dieses hätte mit der Berufsausbildung nichts zu tun, sondern wäre eine »Ausnutzung der jugendlichen Arbeitskraft«. Um allem aus dem Wege zu gehen, sollen die Lehrlinge sagen: »Wir wollen gute Facharbeiter werden, deshalb sind wir für die bestmöglichste Berufsausbildung.«

In einer Sendung des RIAS »Jugend spricht zur Jugend«60 warnt dieser die Oberschüler, sich nicht für folgende FDJ-Funktionen wie 1. Instrukteur, 2. Instrukteur, Kadersachbearbeiter und Sicherheitsbeauftragter, welche die FDJ sucht, zu entschließen. Dazu heißt es: »Alle vier Funktionen haben nichts mit Berufsausbildung zu tun, sind also schon deshalb für euch nicht zu empfehlen.«

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    9. September 1955
    Informationsdienst Nr. 2483 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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