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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

9. September 1955
Informationsdienst Nr. 2483 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Gegenüber der letzten Berichtsperiode zeigen sich keine wesentlichen Veränderungen in der Stimmung der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben. Aufgrund der teilweise bestehenden starken Verärgerung bzw. gegenüber den politischen Verhältnisse in der DDR besteht gegenüber den politischen Geschehen eine gewisse Gleichgültigkeit bzw. Uninteressiertheit. Demzufolge wird über das gegenwärtige bedeutende politische Ereignis, die Reise Adenauers1 nach Moskau,2 noch immer verhältnismäßig wenig gesprochen.

Bei den Diskussionen darüber sprechen fortschrittliche Werktätige die Hoffnung auf ein positives Ergebnis dieser Besprechung aus und wünschen, dass dies wiederum ein Beitrag zur weiteren Entspannung der internationalen Lage und ein weiterer Schritt zur Herstellung der Einheit sein möge.

Auch schätzen sie richtig ein, dass Adenauer durch den Druck der Massen zu dieser Reise gezwungen worden ist.

Gegenüber diesen politisch klaren Stellungnahmen gibt es eine ganze Reihe Stimmen, die aus der bisherigen sturen Haltung Adenauers schlussfolgern, dass die Reise zwecklos sei und nichts dabei herauskommen würde.

Negative Elemente treten bis jetzt mit ihren Stellungnahmen nur im geringen Maße in Erscheinung. Ihre Äußerungen lassen übereinstimmend eine Befürwortung der Adenauer-Politik erkennen. Auch sprechen sie, besonders Umsiedler,3 die Hoffnung aus, Adenauer möge in Moskau die Revidierung der Oder-Neiße-Grenze und freie Wahlen4 fordern sowie für eine »Klärung« der »Kriegsgefangenenfrage«5 eintreten.

Zum anderen wünschen sie in diesem Zusammenhang, dass die Einheit Deutschlands nach westlicher Prägung zustande komme und in Moskau auf dieser Linie verhandelt werden möge.

Durch die in den Betrieben durchgeführten Solidaritätsaktionen für die Streikenden in Westdeutschland und Westberlin6 werden Diskussionen darüber entfacht, die ebenfalls nur geringen Umfang tragen. Diejenigen Kollegen, die die Verhältnisse in Westdeutschland und Westberlin richtig einzuschätzen wissen und demzufolge den Streik als berechtigt ansehen, weigern sich auch nicht, durch Geldspenden die Streikenden zu unterstützen.

Aber diejenigen, die der Meinung sind, dass im Westen die Verhältnisse besser als bei uns seien und die Arbeiter drüben mehr verdienen würden, äußern, dass die Arbeiter unberechtigter Weise streiken würden. Auch kommt es aufgrund dieser Einstellung vor, dass Kollegen eine Geldspende verweigern. Dies tritt besonders in den Berliner Bau-Betrieben auf, wo Kollegen erklären, dass die Putzer in Westberlin viel mehr als sie verdienen würden und außerdem befinden sich unter den Streikenden ehemalige Kollegen aus dem demokratischen Sektor7 und die würden sie nicht unterstützen.

Zum Beispiel war das Ergebnis einer Sammlung im VEB Industriebau nicht gut. Die Verweigerung der Spenden erfolgte meistens mit der Begründung, dass man die Bauarbeiter, die im Frühjahr unsere Betriebe verlassen haben und sich nun aufgrund ihrer Beschäftigung in Westberlin durch den Wechselkurs »gesundstoßen« nicht unterstützen würden.8

Die Einstellung, dass die Verhältnisse in Westdeutschland besser als bei uns seien, zeigt sich besonders stark bei dem im größeren Umfang geführten negativen Diskussionen bzw. der Unzufriedenheit über die Lebenslage in der DDR, im Allgemeinen und insbesondere über die Frage der Versorgung sowie über betriebliche Belange. Wie bereits des Öfteren schon berichtet, werden solche Diskussionen über die »Verherrlichung des Westens« vorwiegend von den Kollegen entfacht, die in Westdeutschland zu Besuch weilten bzw. sich abgesetzt haben und an ihre ehemaligen Kollegen schreiben.

Sie finden eben immer wieder dadurch Anklang mit ihren Schilderungen, weil zurzeit ein großer Teil der Werktätigen über die Verhältnisse in der DDR unzufrieden ist, was anhand zahlreicher Beispiele bewiesen werden kann und dadurch Nachstehendes zum Ausdruck kommt.

Zum Beispiel wird im VEB Maschinenfabrik Meuselwitz, [Bezirk] Leipzig, in letzter Zeit von einem Teil der Beschäftigten sehr stark der Westen verherrlicht. Die Ursache dafür ist, dass ein republikflüchtiger Kollege dieses Betriebes Briefe an die ehemaligen Kollegen schreibt, wie z. B. »ich habe gleich Arbeit bekommen und verdiene in der Stunde 1,44 Mark. Weiterhin mache ich viel Überstunden, die ich mit 2 Mark bezahlt bekomme. Ich habe mir bereits verschiedene gute Anzüge und ein Leichtmotorrad kaufen können …«

Im Bau 106 des Buna-Werkes machen zwei Arbeiter, die in ihrem Urlaub in Westdeutschland weilten, große Propaganda, dass man in Westdeutschland besser leben könnte, da dort alles besser und billiger und das Warendepot mit unserem nicht zu vergleichen sei.

Im VEB Gummiwerk Zeulenroda, [Bezirk] Gera, verweigerten verschiedene Kollegen die FDGB-Beitragszahlung mit der Begründung, dass der FDGB nichts zur Beseitigung der Schwierigkeiten in der Versorgung tue.

Es kam dabei zu Äußerungen wie z. B.: »Sorgt erst dafür, dass das Schlangestehen nach Margarine und anderen Dingen aufhört, dann bezahlen wir auch wieder.«

Erst nach längeren Diskussionen erklärten sich die Kollegen bereit zu zahlen.

Ein Intelligenzler aus dem Leuna-Werk: »Es herrschen doch zurzeit wirklich unerträgliche Zustände. Meine Frau hat weiter nichts zu tun, als zu erkunden, wo es Kartoffeln gibt, um sich dann stundenlang danach anzustellen.«

Ein dreifacher Aktivist9 aus dem Buna-Werk: »Die Unzufriedenheit der Arbeiter, ganz gleich ob in Leuna, Buna oder anderswo, nimmt immer mehr zu. Sie brauchen sich nicht zu wundern, wenn die Leute wieder auf die Straße gehen. Die Arbeiter können nichts mehr verdienen, die Normen sind zu hoch und alles ist wahnsinnig teuer.«

Eine Arbeiterin aus dem VEB Feinstrumpfwerk Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Man braucht sich nicht zu wundern, wenn es bei uns immer mehr Republikfluchten gibt. Bei uns will man ja den Arbeiter nichts mehr verdienen lassen. Die Löhne werden immer niedriger, aber von einer Preissenkung ist nichts zu spüren und das nennt sich Arbeiter-und-Bauern-Staat.«

In der Hauptwerkstatt des Braunkohlenwerk Nachterstedt, [Bezirk] Halle, werden Diskussionen über die Normenfrage10 geführt, in denen zum Ausdruck kommt: »Die Erfüllung der Normen ist unmöglich. Wenn hier nicht Maßnahmen zur Abänderung in der Normenfrage getroffen werden, steht ein neuer 17. Juni11 vor der Tür.«12

Eine Schaffnerin von der Straßenbahn Magdeburg äußerte: »Wir bekommen im Monat 200 DM ausgezahlt, das ist zu wenig. In Halle und Leipzig gibt es mehr. Wir wollen auch mehr haben, sonst streiken wir. Am 19.9.1955 haben wir Meisterschaftsversammlung, da werden die alten Schaffner und Fahrer den gleichen Lohn fordern, der in Halle und Leipzig gezahlt wird. Wenn dies so nicht stattgegeben wird, streiken wir. Wir wollen mal sehen, was die Arbeiter sagen, wenn die Straßenbahn steht.«

Trotz der starken Unzufriedenheit sowie Verärgerung sind solche Drohungen sowie aggressiven Äußerungen gegen die Partei und Regierung nur vereinzelt, müssen aber aufgrund der ständigen Beeinflussung der Bevölkerung durch die Sendungen des feindlichen Rundfunks und Verbreitung von Hetzschriften beachtet werden.

Drei Arbeiter aus dem VEB Chemiewerk Greiz-Dölau, [Bezirk] Gera, erklärten: »Die sollen nicht so ein Geschrei machen um die Streiks in Westdeutschland, wenn wir hier streiken könnten, würden wir gar nicht fertig werden. Wenn man den RIAS13 hört, merkt man nichts von Hetzerei, dies merkt man erst, wenn man unsere Sender anstellt. Auch soll man nicht immer die Adenauer-Regierung so schlechtmachen. Bis jetzt hat noch niemand der drüben war gesagt, dass die Verhältnisse schlechter als bei uns sind.«

Am 5.9.1955 wurde im VEB Landmaschinenbau Torgau, [Bezirk] Leipzig, eine Lektion über das Thema »Wie wirkt sich das Grundgesetz des modernen Kapitalismus in Westdeutschland aus« gelesen. Von der ca. 600 Mann starken Belegschaft erschienen ca. 40 Kollegen.

Im Anschluss daran sagte ein Meister, SED, aus der Abt. Schweißerei: »Die Bevölkerung ist nicht mehr mit der Regierung einverstanden. Man sieht es am besten daran, dass keiner mehr zu den Versammlungen geht. Bei freien Wahlen würden wir sehen, wie die Regierung abfällt, denn sie würden alle Adenauer wählen.«

Ein Schlosser, parteilos, aus dem VEB Förderanlagenbau Leipzig: »Wenn die Lebenslage nicht besser wird, hat die Regierung einen neuen 17. Juni zu befürchten. Dieser würde aber anders ausfallen, da sich Westdeutschland mit daran beteiligen und der Russe sich deshalb überlegen würde mit einzugreifen.«

Ein Gepäckarbeiter vom Leipziger Hauptbahnhof: »Es wird höchste Zeit, dass die Regierung abgelöst wird, damit endlich die Ernährungsschwierigkeiten behoben werden.«

Wie sich betriebliche Schwierigkeiten und Mängel mitunter auf die Stimmung der Werktätigen auswirken, zeigt nachstehendes Beispiel:14

Im BKW Senftenberg, [Bezirk] Cottbus, treten in der Erfüllung der Produktion große Schwierigkeiten auf. Die Ursache dafür ist die schlechte Rohkohlenbelieferung und zum anderen, weil die Rohkohle aus dem Neuaufschluss – Koschen15 eine starke Feuchtigkeit bis zu sechs Prozent aufweist. Dadurch treten Betriebsstörungen und Arbeitserschwernisse für die Kumpel ein. Um dem Plan einigermaßen gerecht zu werden, werden die Pressen bei ausreichender Kohlelieferung überbeansprucht und fallen dadurch verschiedentlich aus.

Diese Schwierigkeiten verursachen eine Mehrarbeit für die Kumpels, was eine schlechte Stimmung in allen Abteilungen zur Folge hat. Dazu kommen noch der Entzug der Branntweinzuteilung bei Nichterfüllung des Plansolls, der Abbau der Erschwerniszulage und die finanzielle Einbuße bei Nichterfüllung des Planes. All das trägt zur Verärgerung der Kumpels bei. Dadurch treten Diskussionen auf, wie z. B. »wir zahlen keine Gewerkschafts-gelder mehr« oder »wir treten aus dem FDGB aus, wenn sich nichts ändert«.

Andere wieder sagen: »Wir wollen den Plan erfüllen, aber es fehlt an Rohkohle und dadurch werden wir noch damit bestraft, dass man uns die Vergütungen streicht, wo es doch gar nicht an uns liegt. Wenn die Regierung dies alles wüsste, würden hier bestimmt andere Maßnahmen eingeleitet.«

Auch unter dem Bagger- und Fahrpersonal herrschen ebenfalls große Unzufriedenheiten, besonders wegen der Berechnung der Löhne. Sie erhalten z. B. bei Betriebsstörungen oder Strommangel nur Zeitlohn.

Dazu äußerte ein Baggerführer: »Es ist ganz egal wie viel wir fahren, wir kommen ja am Tag doch nur auf sechs höchstens sieben Leistungsstunden. Bei uns spart man die Prämien für die technische Intelligenz ein.16 Es hat ja gar keinen Zweck mehr, dass man überhaupt zur Arbeit geht. Man geht mit 300 DM den Monat nach Hause. Ich bin ja gespannt, wann die Kumpels wieder mal aufmucken. Mir kommt es so vor, als wenn es die Partei und Regierung wieder auf eine Kraftprobe der Kumpels ankommen lassen will.«

Solche Art Stimmung ist keine Einzelerscheinung. Deshalb müssten schnellstens die Schwierigkeiten behoben werden. Dazu ist zu bemerken, dass die Parteiorganisation in den BKW in ihrer Arbeit sehr schwach ist.

Auch treten solche Erscheinungen schlechter Stimmung noch in den anderen BKW des Bezirkes Cottbus auf.

Weitere Gründe der Verärgerung unter den Werktätigen sind die Materialschwierigkeiten, Absatzschwierigkeiten, Auftragsmangel u. Ä. mehr.

So werden im VEB Ziehwerk in Brotterode, [Bezirk] Suhl, Diskussionen über den Materialmangel geführt, wie z. B.: »Weshalb sollen wir noch besser und mehr arbeiten, wenn hierzu die Voraussetzungen nicht gegeben sind. Wir wollen gern die Pläne erfüllen und übererfüllen, aber wenn wir kein Rohmaterial bekommen und unsere Maschinen stillstehen, ist dies nicht möglich. Dann können wir nicht dazu beitragen unseren Lebensstandard zu verbessern.«

Des Weiteren klagen über Materialmangel:

  • Waggonbau Görlitz und Dessau (Auswirkung: Verzögerung von Export-Aufträgen und Wartestunden);

  • VEB BKM Dampfkesselbau Meerane, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Rohre – dadurch Verzögerung von Exportaufträgen);

  • die Steinkohlenwerke »M. Hoop« und »Karl Marx« in Zwickau [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Blasersatzrohre u. Signaldraht);

  • RAW Zwickau (Grobbleche für Tender – dadurch die Produktionserfüllung infrage gestellt).

Im VEB Glaswerk Großräschen, [Bezirk] Cottbus, bestehen weiterhin Absatzschwierigkeiten. Zurzeit lagern noch 1 000 t Einweckgläser, die von den Handelsorganen nicht abgenommen werden. Dadurch herrscht im Betrieb eine schlechte Stimmung. Einige Kollegen tragen sich mit dem Gedanken nach dem Westen zu gehen, weil sie der Meinung sind, dass das Werk aufgrund der großen Überplanbestände die Produktion eines Tages einstellen muss und sie als Glasmacher dann ohne Arbeit sein werden.

In der Weberei Niederorschel, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, lagern zurzeit ca. 50 000 qm Schlafanzugstoff aus Perlonmischgarn. (Können nicht an die weiterverarbeitende Industrie abgegeben werden, weil nur Verträge über Baumwoll- und Zellstoffgewebe abgeschlossen wurden. Zurzeit wird aber dem Betrieb nur Perlonmischgarn geliefert.)

Produktionsstörungen

In dieser Berichtsperiode kam es in den Braunkohlengebieten der Bezirke Halle und Leipzig zu mehreren Störungen, die einen Schaden verursachten von insgesamt 7 450 cbm Abraum, 12 800 t Rohkohle und 450 t Brikett. Ursachen: Zugzusammenstöße, Unterbrechung der Stromzufuhr und Witterungseinflüsse (wolkenbruchartiger Regen).

Feindtätigkeit

Bei einer Reparatur eines Motors im Wismut-Schacht17 1 – Johanngeorgenstadt – fielen beim Öffnen der Lagerschalen zehn Steine heraus. Dadurch verursachten die unbekannten Täter das Durchbrennen des Motors.

In der Nacht zum 5.9.1955 wurde von unbekannten Tätern im Ziegelwerk Ducherow, [Bezirk] Neubrandenburg, eine schwarz-rot-goldene Fahne entwendet.

Im VEB Kerzen und Seifen in Frankfurt/Oder wurde das Gerücht verbreitet, dass der Betrieb unrentabel arbeitet und deshalb geschlossen würde.

Im Betrieb 11 des Ernst-Thälmann-Werkes Magdeburg18 wurde in einer Toilette die Hetzlosung »gegen die SED die Fäuste zu erheben, dann haben wir ein besseres Leben« und im VEB Deutzen,19 [Bezirk] Leipzig, eine Hetzperiode gegen führende Funktionäre angeschmiert.

Versorgung der Bevölkerung

Nach wie vor ist die Kartoffelversorgung das am meisten diskutierte Problem. Obwohl in einigen Bezirken eine Verbesserung der Lage zu verzeichnen ist, gibt es doch noch genug Beispiele, wo die Hausfrauen sich schon bei Tagesanbruch vor die Läden stellen und stundenlang warten müssen, bis sie Kartoffeln erhalten. Oftmals muss durch die VP eingegriffen werden, damit ein reibungsloser Verkauf gewährleistet ist, denn wenn die zuletzt stehenden Hausfrauen bemerken, dass sie keine Kartoffeln mehr abbekommen, kommt es auch zu Ausschreitungen. Dabei wollte man z. B. am 3.9.1955 beim Kartoffelverkauf am Neumarkt in Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bei dem Tumult einen VP-Angehörigen verprügeln. Bei diesen Auseinandersetzungen wird vor allem auf die Unfähigkeit der untersten Verwaltungsorgane geschimpft, die es nicht einmal verstehen würden, einen reibungslosen Ablauf zu organisieren. Verschiedentlich taucht dabei die Meinung auf, geschlossen auf dem Wirtschaftsamt gegen die schlechte Kartoffelversorgung zu protestieren.

Ebenso sind auch die Arbeiter empört, weil es in den Betriebsküchen kaum noch Kartoffelspeisen gibt. Es kommt sogar schon so weit, dass die Arbeiter mit Arbeitsniederlegungen drohen, wie z. B. im Bezirk Karl-Marx-Stadt, wenn nicht schnellstens eine Verbesserung der Versorgungslage eintritt. So berichtet z. B. Karl-Marx-Stadt, dass dort an die Räte der Kreise viele anonyme Anrufe erfolgen, wo über die Versorgungslage geschimpft wird. Die Arbeiter bringen in ihren Diskussionen über die schlechte Versorgung der Werkküchen zum Ausdruck, dass sie gut arbeiten müssen und demnach auch anständiges Essen verdient hätten. Die schlechte Versorgung ginge nun schon wochenlang. Wenn keine Änderung erzielt würde, werden sich die Leistungen der Arbeiter wesentlich verringern. Außerdem wird erklärt, dass man in den ersten Jahren für solche Sachen noch Verständnis gehabt hätte, aber jetzt nach zehn Jahren Kriegsende die Zustände nicht zu verantworten seien.

So sagte z. B. eine Arbeiterin aus dem VEB Garnveredlungswerk Sehma, Kreis Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Es geht nun schon wochenlang, dass wir keine Kartoffeln zu essen haben. Aber in der Fabrik wird darauf gesehen, dass man ja seine Norm erfüllt und keine Minute ungenutzt verstreichen lässt. Wenn keine Änderung in der Versorgung eintritt, werden sich bestimmt die Leistungen der Arbeiter verringern. In den ersten Jahren nach Kriegsende hat man für solche Zustände noch Verständnis aufgebracht, aber nach zehn Jahren Planwirtschaft müsste es doch endlich einmal klappen und eine geregelte Versorgung vorhanden sein. Bei uns fehlt doch dauernd etwas anderes und wir kommen aus den Engpässen überhaupt nicht mehr heraus. Entweder es fehlt an Lebensmitteln oder es hängt irgendwo im Betrieb an diesen oder jenen Dingen.«

Wie schon des Öfteren berichtet, klagt die Bevölkerung nicht nur über die Kartoffelversorgung, sondern auch über den Mangel an den verschiedensten Waren, die für kurze Zeit im Handel zu kaufen, aber dann wieder für längere Zeit nicht zu haben sind. Augenblicklich tritt in einigen Bezirken die schlechte Fleischversorgung auf HO-Basis,20 aber auch zum Teil auf Markenbasis, in den Vordergrund. Durch den zu geringen Auftrieb in den Bezirken steht jetzt die Frage, wie die Versorgung wenigstens auf Markenbasis gesichert werden kann.

Schwierigkeiten in der Fleischversorgung gibt es in den HO-Wismut Geschäften im Bezirk Karl-Marx-Stadt, in Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wo die Vorräte im Konsum erschöpft sind; im Bezirk Erfurt, dort ist vor allem in den Kreisen Nordhausen, Worbis und Sömmerda der Fleischverkauf auf Marken nicht mehr gewährleistet; in Zittau, [Bezirk] Dresden, wird versucht das fehlende Frischfleisch mit Gefrierfleisch, was unter der Bevölkerung zu ernsthaften negativen Diskussionen führt, zu ersetzen; und in einigen Orten des Bezirkes Potsdam, wo die Schwierigkeiten in der Fleischversorgung teilweise auch auf Markenbasis auftreten.

Neben Mangel an Fleischwaren, besteht vor allem immer noch der Mangel an billigen Zigaretten, Obst und Gemüse, vor allem Zwiebeln, HO-Butter, Dauerbackwaren, Marmelade, Zucker, Eier, Nährmittel usw. Die Bevölkerung diskutiert über den Mangel an diesen Waren vor allem so, dass das Fehlen dieser Waren ein Verschulden der örtlichen Handelsorgane sei, die es nicht verstehen würden, eine richtige Warenstreuung durchzuführen.

Obwohl in der DDR ein großer Mangel an verschiedenen Waren besteht, gibt es immer wieder Beispiele, wo durch Unachtsamkeit wertvolle Nahrungsmittel verderben.

So traf z. B. am 4.9.1955 in Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, ein Waggon Importfleisch aus der ČSR ein, was zum größten Teil verdorben war. Es handelt sich um eine Menge von ca. 4 118 kg. Der Waggon war ca. zwei Tage zu lange unterwegs. Ebenso waren die Klappenöffnungen nicht vollständig geöffnet, sodass eine geringe Lüftung zu verzeichnen war.

Am 23.8.1955 wurden in Görlitz 190 Kisten mit 68 400 Eier angeliefert, von denen nur noch 59 815 verwendbar sind, während ein Teil für die sofortige Verwendung für Backwaren gegeben werden mussten. Der Rest war vollständig verdorben. Die Eier waren laut Frachtbrief in Klein Wanzleben, [Bezirk] Magdeburg, verladen. Der Packzettel war mit dem Datum 14.7. bis 18.7.1955 vermerkt.

Am 6.9.1955 traf in Erfurt ein Waggon mit Fleisch aus dem Bezirk Rostock ein, welcher völlig verdorben war. Der Grund hierfür ist, dass der Transport sechs Tage unterwegs und das Eis während dieser Zeit völlig geschmolzen war.

In Eilenburg, [Bezirk] Leipzig, mussten 580 kg Bockwurst (Produktion Halberstadt) der Tierkörperverwertung Glauchau zugeführt werden.

Das Lebensmittelkontor21 Naumburg, [Bezirk] Halle, erhielt von der DHZ-Lebensmittel22 Importrohrzucker, der in einigen Waggon verladen war, in dem vorher Vieh transportiert wurde. Von den 250 Sack sind 70 Sack unverkäuflich, während die anderen Säcke starken Viehgeruch aufweisen.

Zur Lage in der Landwirtschaft

Die Reise Adenauers nach Moskau hat unter der Landbevölkerung, trotz der großen Bedeutung, keine Aktivierung der politischen Gespräche gebracht. Es treten nach wie vor nur vereinzelt Diskussionen auf, sodass weiterhin keine politische Einschätzung gegeben werden kann.

In der jetzigen Berichtsperiode wurden vor allem Stimmen über den Tag der Bodenreform,23 über den Einsatz von Instrukteuren auf dem Lande24 und über die Einbringung der Ernte bekannt.

Die Stimmen zum 10. Jahrestag der Bodenreform25 sind inhaltlich nicht wesentlich anders als in den Vortagen. Fortschrittliche Bauern begrüßten diesen Tag und würdigten in den Feierlichkeiten, Kundgebungen usw. die Errungenschaften in den zehn Jahren auf dem Lande.

Die negativen Stimmen dazu, vorwiegend aus groß- und mittelbäuerlichen Kreisen, brachten zum Ausdruck, dass ihnen [sic!] dieser Tag nichts anginge. Vielfach wurde von diesen Personen bezüglich der 100%igen Ablieferung von Getreide bis zu diesem Tag erklärt,26 dass es gar nicht infrage käme, bis dahin das Getreide abzuliefern, da für sie dieser Tag nichts bedeute. Einzelne gaben ihre ablehnende Haltung nicht so offen zum Ausdruck und erklärten, dass sie durch objektive Schwierigkeiten zu einer vorfristigen Ablieferung nicht in der Lage seien.

Verschiedentlich werden Stimmen über den Einsatz von Instrukteuren laut. Die Bauern bringen zum Ausdruck, dass es nicht richtig sei, so viele Instrukteure einzusetzen, die nur herumlaufen und nicht viel ändern können, weil sie mitunter gar nicht in der Lage seien, konkrete Anweisungen bezüglich des Ernteablaufes zu geben. Außerdem würden sie die Bauern nur von der Arbeit abhalten. Sie sollten lieber praktisch mitarbeiten als herumzustehen, wenn die anderen arbeiten.

So waren z. B. beim Einsatz einer neuen Dreschmaschine mit Selbsteinleger in Schlagenthin, Kreis Genthin, [Bezirk] Magdeburg, fünf Instrukteure anwesend. Die Bauern sagten dazu: »Es würde genügen, wenn einer gekommen wäre. Die anderen vier könnten schon wieder wo anders eingesetzt werden. Das sind richtige Aktentaschenkompanien, die man hier gebildet hat. In unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat laufen noch zu viel Bummler herum.«

Im Bezirk Frankfurt/Oder wurde ein Instrukteurapparat eingesetzt, sodass z. B. an einem Tage sechs Kollegen in einem Betrieb Anweisungen geben, ohne dass einer von diesen Leuten in der Lage wäre, richtige operative Anleitung geben zu können. So sagte z. B. auf einem Dreschplatz des Ortsteiles Herrenwiese, Kreis Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ein Genosse zu einem Instrukteur, als dieser fragte, wie weit die Ablieferung mit Getreide sei. »Ich schmeiße bald alles hin. Ich bin ein alter Genosse, aber hier komme ich nicht mehr mit, denn dauernd kommt einer und redet dumm.«

Die Schwierigkeiten bei der Einbringung der Ernte sind noch nicht behoben. Neben den schlechten Einsatz von Maschinen, wegen Mangel an Ersatzteilen bzw. schlechtem Zustand der Maschinen, wird vor allem immer wieder die schlechte und unsystematische Arbeit verschiedener MTS diskutiert. Durch die Nichteinhaltung der Verträge hinsichtlich des Einsatzes von Mähdreschern gibt es noch Felder, wo das Getreide noch auf dem Halm steht und weil es überreif ist, nicht mehr oder nur mit großem Verlust mit dem Mähbinder abgemäht werden kann. Die Bauern sind über solche Arbeitsweise sehr ungehalten und erklären, keine Verträge mit der MTS wieder abzuschließen, weil sie nun nicht wüssten, wie sie ihr Getreide verlustlos vom Felde bringen.

Klagen werden besonders über folgende MTS laut: Verschiedene MTS im Bezirk Karl-Marx-Stadt, MTS Gaußig, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, Neubrandenburg (dort wurden die Verträge nur zu 61,3 % erfüllt), MTS Grimma, [Bezirk] Leipzig, verschiedene MTS Cottbus.

Dass Getreide noch auf dem Halm steht, kommt besonders in LPG und VEG vor, was von Einzelbauern oft zum Anlass genommen wird zu erklären nicht in die LPG einzutreten, da man ja daran sehen würde, wie die LPG arbeitet.

Verschiedentlich werden Diskussionen über die Ablieferung von Getreide, besonders von Großbauern27 geführt. Es wird zum Ausdruck gebracht abzuliefern, wenn sie Zeit hätten, denn dreschen würden sie erst an den Tagen, wenn es regnet. Die Ablieferung hätte bis Ende des Jahres Zeit. Das Getreide sei zu feucht, es wären keine Arbeitskräfte zum Dreschen vorhanden usw.

Zum anderen wird auch das Getreide zurückgehalten, mit der Erklärung, die Kartoffelernte würde in diesem Jahr zu schlecht, man müsste deshalb das Getreide aufheben, um das Vieh füttern zu können.

Einige Großbauern aus der Gemeinde Dommitzsch, [Kreis] Torgau, [Bezirk] Leipzig, erklärten z. B. zur Bildung einer Dreschgemeinschaft und zur schnelleren Ablieferung: »Wir liefern ab, wenn wir Zeit dazu haben und wenn es uns passt. Dreschen tun wir nur, wenn es draußen regnet.«

Großbauern, besonders im Kreise Fürstenberg/Oder, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Auf dem Ablieferungsbescheid stehen die einzelnen Termine. Danach habe ich bis zum 31.11.[1955] Zeit mit der Ablieferung.«

Zum Teil bestehen Schwierigkeiten bei der Lagerung von Getreide in den VEAB. Da das Getreide in diesem Jahr einen verhältnismäßig hohen Feuchtigkeitsgrad hat, muss es des Öfteren umgeschaufelt werden, weil zum Teil die Trockenanlagen nicht ausreichen bzw. keine vorhanden sind.

Die Schuld an der zum Teil schlechten Arbeit ist aber mitunter auch in der Leitung der VEAB und der ungenügenden Kontrolle durch unsere Verwaltungsstellen zu suchen.

So lagert z. B. in der VEAB Neustadt, Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, das Getreide drei Meter hoch. Da die Trockenanlage nicht ausreicht, muss das Getreide wegen des hohen Feuchtigkeitsgehaltes des Öfteren umgeschaufelt werden.

Die Arbeiter müssen dort schwere körperliche Arbeit verrichten.

Als für sie die Lebensmittelkarte B28 beantragt wurde, wurde dies vom Rat des Bezirkes abgelehnt.

Mit der VEAB Nauen wurde über das Trocknen von Getreide gesprochen. Diese versprach der VEAB Neustadt auch das Getreide abzunehmen. Mehrere Lastwagen voll wurden daraufhin nach Nauen gebracht, wo die Kraftfahrer vom Kreisagronomen gesagt bekamen: »Uns sind im vorigen Jahr die Rüben verfault, dann kann auch in diesem Jahr das Getreide verfaulen.«

Laut Mitteilung von der Abt. Verfassung und Aufkauf im Bezirk Frankfurt/Oder sind ca. 3 000 t Getreide in den Lagern der VEAB des Bezirkes dem Verderb preisgegeben. In der VEAB Golzow, Kreis Seelow, sind bereits 60 t Gerste und ca. 100 t Roggen verdorben.

Die Ursachen dafür liegen in der mangelhaften Kontrolle der Erfassungsstellenleiters und des Staatsapparates.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

In der LPG »Junge Garde« in Asendorf, [Kreis] Querfurt, [Bezirk] Halle – 30 Schweine notgeschlachtet;

In der LPG Blankensee, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg-Westend – Bestand von 56 Schweinen notgeschlachtet;

In der LPG Brüssow, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg – Bestand von 196 Schweinen – davon 35 verendet und 16 notgeschlachtet.

Die LPG Nauendorf, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden, hat im Frühjahr ein ca. 30 ha großes Roggenfeld von Steinbrocken befreit. Als der Mähdrescher diesen Schlag abernten wollte, wurde festgestellt, dass sämtliche Steine wieder ins Feld geworfen waren.

Ein Einzelbauer aus Seehausen, [Kreis] Riesa, [Bezirk] Dresden, bedrohte am 5.9.1955, gegen 1.30 Uhr, den LPG-Vorsitzenden aus Grubnitz. Er nannte ihn Lumpen und Verbrecher. Es würde nicht mehr lange dauern, da würde auch er auf Knien gerutscht kommen und um seine Hilfe und Unterstützung bitten.

In der MTS Polenz, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, wurde von einem Binder, welcher auf dem Flur der LPG Rückertsdorf eingesetzt ist, nachts von allen drei Rädern die Luft abgelassen.

In der LPG Sturza, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden, wurde in der Nacht zum 1.9.1955 von einem auf dem Feld stehenden Grasmäher ein Messer mit Balken entwendet.

Auf einem abgeernteten Roggenfeld der LPG Colmnitz,29 [Kreis] Riesa, [Bezirk] Dresden, wurde von dem auf dem Feld liegenden gepressten Strohballen die Hälfte aufgeschnitten.

Von einem Bauern aus Groß Rietz, Kreis Beeskow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde am 5.9.1955 in der Trommel eines Dreschkastens, welcher von der MTS Birkholz der Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde, ein ca. 23 cm langes Ventil eines Dieselmotors gefunden.

In der Gemeinde Rannstedt, [Bezirk] Erfurt, wurde in der Nacht zum 5.9.1955 während des Nachtdreschens30 der Strom abgeschaltet. Es stellte sich heraus, dass die Tür des Trafohäuschens mittels Nachschlüssel geöffnet worden war und der Schalthebel für Stromzufuhr auf »aus« gestellt wurde.

In der Nacht zum 3.9.1955 wurde am Schwarzen Brett der Gemeinde Brunne, Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, ein Zettel mit folgender Aufschrift befestigt:

»Heute vor 10 Jahren begann in der deutschen Geschichte der größte Landraub. Wir fordern für die Vertreter die gerechte Strafe.« Unterschrift: »Freiheit«.

Ein Neubauer aus Heyda, [Kreis] Wurzen, [Bezirk] Leipzig, verbreitet das Gerücht, dass die Arbeiter in Dresden streiken wollten. Die Feuerwehr in Dresden wäre mit Wasserwerfern gegen die Arbeiter vorgegangen und hätte den Streik eingedämmt.

Am 6.9.1955 früh wurde der LPG Oberlichtenau, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden, ein Dreschsatz der MTS von Schönbach zum Drusch des Getreides geschickt. An diesem Dreschsatz waren die Kabelsteckdosen und die Drähte abmontiert. Des Weiteren war der Zähler beschädigt. Trotz mehrerer Stunden Reparatur konnte der Dreschsatz nicht in Gang gebracht werden, sodass die Helfer aus dem Patenbetrieb nach langem Warten unverrichteter Dinge nach Hause gehen mussten.

Bei einem Neubauern in Spitzkunnersdorf, [Bezirk] Dresden, wurde beim Mähen von Futtergetreide und Weizen am 24.8.1955 ein Langrohr Tesching,31 ein Luftgewehr und ein Karabiner in tadellosem Zustand gefunden.

Der Neubauer ist sehr fortschrittlich und tritt dafür ein, im Ort eine LPG zu gründen.

Am 4.9.1955 erkrankten auf der LPG Rappenhagen, [Kreis] Greifswald, [Bezirk] Rostock, sieben Pferde. Ein Pferd ist bereits in der darauf folgenden Nacht verendet. Bemerkenswert ist, dass je ein Gespannpferd erkrankte.

Wie sich der Klassenkampf besonders auf dem Lande verstärkt, zeigt deutlich das nachfolgende Beispiel:

In der Gemeinde Schäpe, Kreis Potsdam-Land, bewirtschaftet ein Mittelbauer, der fortschrittlich eingestellt ist, sein Land nach neuen Arbeitsmethoden. Darüber hinaus hat er verschiedene Verpflichtungen übernommen und diese öffentlich an seinem Hoftor angebracht. In einer der darauffolgenden Nächte wurde eine Färse des Mittelbauern auf der Koppel mit einem Beil niedergeschlagen. Durch sofortige tierärztliche Hilfe konnte das Tier jedoch noch gerettet werden.

Brände

Am 5.9.1955, gegen 2.00 Uhr, brannte der Getreideschober und ein Ackerwagen eines werktätigen Bauern aus Gielsdorf, Kreis Strausberg, [Bezirk] Frankfurt/Oder, nieder.

Ein werktätiger Bauer in Gielsdorf hatte dem Geschädigten beim Einfahren der Ernte geholfen und festgestellt, dass dessen Ernte besser war als seine. Aus Wut darüber zündete er den Getreideschober des werktätigen Bauern an.

Auf einem 23 ha großen Gemengeschlag des VEG Groß Siethen, Kreis Zossen, [Bezirk] Potsdam entstand am 4.9.1955 vermutlich durch Brandstiftung ein Brand. Es verbrannten jedoch nur ca. 50 qm Gemenge, wobei ein Schaden von 20,00 DM entstand. Ermittlungen werden durchgeführt.

In der Scheune der LPG Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, brach am 5.9.1955 ein Brand aus. In der Scheune befanden sich: 18 Fuder ungedroschene Gerste, 22 Fuder ungedroschener Weizen usw.

Nach bisheriger Feststellung der Brandkommission Neubrandenburg ist die vermutliche Brandursache auf Selbstzündung infolge Lagerung von verschiedenen Düngersorten zurückzuführen.

Ereignisse von besonderer Bedeutung – Stimmung zur Messe32

a) Stimmung unter den westdeutschen und ausländischen Messebesuchern

Diese Kreise beschäftigen sich in ihren politischen Unterhaltungen vorwiegend mit der Reise Adenauers nach Moskau und geben der Hoffnung Ausdruck, dass diese Reise die Wiedervereinigung Deutschlands herbeiführen möge.

Ein größerer Teil, vor allem Wirtschaftler, ist der Auffassung, dass Adenauer von den industriellen Kreisen Westdeutschlands zu dieser Reise gezwungen sei.

Außerdem erhofft man sich in diesem Personenkreis von den Verhandlungen in erster Linie Ergebnisse zur Aufnahme von wirtschaftlichen Beziehungen mit der UdSSR und den anderen Ländern des demokratischen Weltmarktes.

Mehrere Personen äußerten sich auch dahingehend, dass Adenauer bei Beibehaltung seines bisherigen sturen Standpunktes damit rechnen muss, dass er zum Rücktritt gezwungen wird.

Zur Messe selbst tragen die Äußerungen aus diesen Kreisen in der Hauptsache positiven Charakter. Im Mittelpunkt der Gespräche stehen die guten Vertragsabschlüsse, die ansprechende Ausgestaltung und reibungslose Organisation des Messebetriebes. Häufig wird betont, dass die Ein- und Verkaufsmöglichkeiten auf der diesjährigen Herbstmesse größer im Vergleich zu den bisherigen Messen sind. Zum anderen wird auch verschiedentlich bemerkt, dass die Leipziger Messe sich von allen anderen internationalen Messen unterscheidet und weit besser ist als alle anderen.

Es wird auch darüber gesprochen, dass man gern Handelsbeziehungen mit der DDR anbahnen will, aber durch die hohen Ausfuhrzölle davon absehen muss.

Negative Stellungnahmen zur Messe, vor allem zum innerdeutschen Handel und zu den Erzeugnissen der DDR, traten bisher nur vereinzelt in Erscheinung.

So äußerte sich z. B. ein Handelsvertreter aus Hamburg: »Alle westdeutschen Wirtschaftsstellen – auch in der Regierung – sind bestrebt, den Handel zu fördern. Wenn in euren Zeitungen steht, dass es beim Westen an guten Willen fehlt, dann ist es eine glatte Lüge.33 Vielmehr ist es so, dass die DDR nicht mehr in der Lage ist, unsere Waren zu bezahlen. Zum anderen habt ihr nicht die Qualitätsware um etwas anzubieten.«

b) Stimmung der Messebesucher aus der DDR und der Bevölkerung Leipzigs

In erster Linie wird von der Leipziger Bevölkerung die Messe dahingehend betrachtet, dass durch sie eine Verbesserung der Versorgungslage erzielt wurde. Zu der Bedeutung der Messe im Allgemeinen gibt es nur wenig Äußerungen. Es wird erklärt, dass die Ausstellung der DDR sich durchaus sehen lassen könnte, weil sie klar die Errungenschaften in der DDR aufzeigen. Es wäre deshalb nur zu wünschen, dass gute Abschlüsse getätigt werden, damit der Handel noch mehr in Fluss kommt.

Negative Diskussionen beinhalten, die DDR wolle mit ihren Ausstellungen nur glänzen, denn in Wirklichkeit sehe die Lage ganz anders aus, als hier gezeigt würde.

In verstärktem Maße werden die Verhältnisse in Westdeutschland verherrlicht.

Erkrankungen

Die Zahl der an Kinderlähmung erkrankten Personen hat sich im Kreis Bautzen, [Bezirk] Dresden, auf 60, im Kreis Nebra, [Bezirk] Halle, auf 26 und im Kreis Naumburg, [Bezirk] Halle, auf 30 erhöht.

Einschätzung der Situation

Durch die Reise Adenauers nach Moskau haben die Gespräche über politische Fragen bisher nur eine geringe Belebung erfahren.

Die Diskussionen beschränken sich meist nur auf die Werktätigen in den Betrieben. Fortschrittliche Kräfte erhoffen sich positive Ergebnisse und erkennen, dass Adenauer durch den Druck der Massen zur Fahrt nach Moskau gezwungen ist. Eine ganze Reihe Menschen ist aufgrund der bisherigen Politik Adenauers der Meinung, dass »nichts dabei herauskommt«. Feindliche Elemente, welche die Adenauer-Politik befürworten, sind bisher nur in geringem Umfang in Erscheinung getreten.

Im Allgemeinen verhält sich die Bevölkerung abwertend. Die Gespräche werden erst in Gang kommen, wenn die ersten Berichte über die Moskauer Besprechung bekannt sind.

Die Stimmung der Bevölkerung hat sich sonst nicht geändert. Die verhältnismäßig große Unzufriedenheit über die wirtschaftliche Lage in der DDR hält an.

Anlage 1 vom 9. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2483

Ernteeinsatz

Die vielen Ernteeinsätze, die auch wieder in diesem Jahr von Arbeitern, VP-Angehörigen und der Bevölkerung durchgeführt werden, zeigen, wie der größte Teil der Menschen daran interessiert ist, die Ernte möglichst schnell unter Dach und Fach zu bringen.34

Zum Beispiel sagte dazu ein Arbeiter vom VEB Metallwarenwerk Bernsbach, [Kreis] Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Aufgrund des schlechten Wetters konnte ich nicht so recht am Aufbauwerk35 im Ort helfen. Dafür habe ich aber bis jetzt nach Feierabend 50 freiwillige Stunden zur verlustlosen Einbringung der Ernte geleistet. Viele Menschen denken sich nichts dabei, aber es ist ja auch unsere Ernte.«

Ein Arbeiter aus dem gleichen Betrieb: »Ich habe jedes Jahr beim Bauern mitgeholfen. Mich braucht man nicht besonders anzusprechen. Ich tue es sowieso. Ich weiß ja auch, worum es geht.«

In vielen Fällen zeigt sich aber auch, dass diese Ernteeinsätze nicht den gewünschten Erfolg bringen, was zum Teil auf eine schlechte Organisation derselben zurückzuführen ist. Entweder liegt es dabei daran, dass die Wagen, die die Erntehelfer nach den Einsatzorten bringen sollen, nicht kommen und die Erntehelfer nach stundenlangem Warten wieder nach Hause gehen, oder im Ort selbst keiner etwas von dem geplanten Ernteeinsatz weiß und sie deshalb wieder nach Hause geschickt werden.

Es ist aber auch zu verzeichnen, dass die Betriebe selbst die Einsätze nicht vorbereiten, keine Maschinen vorhanden sind, sodass auch hier wieder lange Wartezeiten entstehen, oder die Erntehelfer müssen erst stundenlang Aufräumungsarbeiten leisten, ehe der eigentliche Einsatz beginnt.

So standen z. B. am 1.9.1955 zehn Arbeiter des RAW Magdeburg-Salbke zur Kartoffelernte bereit. Sie warteten vor dem Werk von 10.30 bis 14.00 Uhr, wurden jedoch nicht abgeholt.

Ebenfalls wurde dem RAW Magdeburg-Salbke von der Abt. Arbeit der Auftrag erteilt, 40 Arbeitskräfte zur Kartoffelernte für das Volksgut Sohlen freizustellen. Am 2.9.1955, morgens 7.00 Uhr, wurden 50 Kollegen dieses Betriebes mit einem Omnibus nach Sohlen gebracht, wo ihnen vom Wirtschaftsleiter des VEG erklärt wurde, dass keine Arbeit da sei und sie nichts von einem Ernteeinsatz wüssten. Die Arbeiter mussten daraufhin wieder in ihren Betrieb zurückfahren.

Kollegen des Kunstfaserwerkes »Wilhelm Pieck«36 fuhren aufgrund einer Aufforderung des Kreisrates zum Ernteeinsatz. Jedoch wusste auch hier der Einsatzort nichts von einem Ernteeinsatz, sodass die Arbeiter unverrichteter Dinge wieder zurückfahren mussten.

In der LPG Lüblow, Kreis Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, waren keinerlei Vorbereitungen zum Sammeln von Kartoffeln getroffen, obgleich sich eine große Anzahl von Erntehelfern bereiterklärten, beim Kartoffelroden zu helfen. Es waren keine Rodemaschinen vorhanden.

Von Bitterfeld, [Bezirk] Halle, war ein Erntekollektiv von Angestellten in Bobbau zu einem Druscheinsatz. Dieses Kollektiv musste erst von 7.00 bis 12.00 Uhr die Scheune von altem Gerümpel räumen und die Dreschmaschinen und Strohpresse erst instand setzen.

Die Erntehelfer, die durch diese Zustände verärgert wurden, erklären in ihren Diskussionen, dass sie nicht mehr zum Ernteeinsatz gehen wollen, wenn vonseiten der Bauern die Einsätze so schlecht vorbereitet werden. Die Arbeiter sind vor allem auch darüber empört, weil ihren Betrieben so viel Ausfallstunden entstehen, die dann wieder zulasten des Betriebes gingen. Die Stellen, die solche Ernteeinsätze organisieren, müssten außerdem zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie nur Unruhe und Verärgerung unter die Erntehelfer bringen würden.

Zum Teil zeigt sich in den Diskussionen aber auch eine Unterschätzung der Notwendigkeit den Bauern zu helfen. Das kommt darin zum Ausdruck, dass man sagt, die Bauern sollten lieber alles alleine machen, erst mal zeigen was sie können, weil sie ja bewiesen hätten, dass sie gerade in den Hauptzeiten wenig Initiative zeigen würden.

Bei einem Einsatz der Agitatoren in der Kyffhäuserhütte Artern,37 [Bezirk] Halle, wo insgesamt 30 Arbeiter anwesend waren, machte sich eine negative Einstellung gegenüber den Ernteeinsätzen bemerkbar. Sie erklärten, dass sie nicht gewillt sind während oder nach der Arbeitszeit Ernteeinsätze zu machen, da in der Hochsaison die Mehrzahl der Mitglieder der LPG keinerlei Initiative zur vorfristigen Einbringung der Ernte zeigten und bei den zwei bisher durchgeführten Einsätzen sie zwei bis drei Stunden vor dem Hofe der LPG in Artern warten mussten, bis sie eine Arbeit zugewiesen bekamen.

Sie erklärten, dass der Kyffhäuserhütte dadurch 280 Arbeitsstunden verloren gegangen sind.

Verschiedentlich kommt in den Diskussionen auch zum Ausdruck, dass es keinem einfallen würde, den Bauern zu helfen, da diese sich mehr als ein Arbeiter leisten können. Wenn sie zum Ernteeinsatz gingen, würden sie nur die Geldtasche des Bauern noch mehr füllen. Vereinzelt wird auch erklärt, nie wieder bei den Bauern zu arbeiten, weil diese nicht einmal »danke schön« sagen könnten.

Ein Kollege vom Waggonwerk Dessau, [Bezirk] Halle, sagte z. B. in einer Versammlung: »Solange der Bauer noch einen Zentner Schwein für 300 DM verkauft und sich leisten kann, ein Motorrad zu kaufen, weil er sechs Schweine auf freie Spitzen38 verkaufen kann, gehe ich nicht aufs Land zum Helfen. Die Bauern warten doch nur auf die Städter, dass sie kommen und ihnen helfen.«

Zu diesen Ausführungen wurde von den Arbeitern Beifall geklatscht.

Ein Arbeiter aus dem VEB Zementwerk Göschwitz, [Bezirk] Gera: »Ich sehe nicht ein, wenn es Bauerntöchtern möglich ist, in der Erntezeit an die Ostsee zu fahren, dass wir als Arbeiter für diese noch die Arbeit tun. Noch dazu ist es einem Arbeiter z. B. kaum möglich, sich einen IFA F 939 zu kaufen. Dem Bauern geht es heute viel zu gut.«

Im VEB Holzbau Hermsdorf, [Kreis] Stadtroda, [Bezirk] Gera, wird wie folgt diskutiert: »Die LPG und werktätigen Bauern kaufen sich Autos und Motorräder und fahren während der Erntezeit an die See und das auf Kosten der Arbeiter, denn diese werden dann zu Ernteeinsätzen mit herangezogen und müssen den Bauern die Arbeit machen und ihnen das Geld verdienen.«

Ein Arbeiter vom VEB Mewa Lauta,40 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wenn zu mir noch mal jemand kommt um mich zu überzeugen, der beißt auf Granit. Ich habe einen ganzen Tag im vorigen Jahr geschuftet. Nicht einmal »danke schön« hat der Bauer gesagt, noch einen Schluck Milch habe ich bekommen. So kann man keine Erntehelfer gewinnen.«

Anlage 2 vom 9. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2483

Lohnfragen

Die zurzeit unter einem Teil der Werktätigen der Industrie- und Verkehrsbetriebe bestehende Unzufriedenheit, besonders über die allgemeine Lebenslage, wird vielfach von den Lohnfragen bestimmt, und zwar insofern, weil die Meinung vorherrscht, ganz besonders unter den Eisenbahnern und Bauarbeitern sowie überhaupt bei den Beschäftigten der unteren Lohngruppen, dass ihre Entlohnung zu niedrig sei und nicht den Lebenshaltungskosten in der DDR entsprechen würden. Demzufolge besteht in einer ganzen Reihe von Betrieben und Objekten unter den Betreffenden eine schlechte Stimmung. Sie zeigt sich in der Form, dass entweder Diskussionen darüber geführt werden, dass der versprochene Lebensstandard für 195541 nicht verwirklicht worden ist, dass die Verhältnisse in Westdeutschland besser als bei uns seien, dass drüben die Arbeiter das Recht zum Streiken haben, sie aber nicht u. Ä. mehr.

Zum anderen führt diese Unzufriedenheit zu Fluktuationen von einem Industriezweig in den anderen, was mitunter in einigen Betrieben, besonders aber in den Objekten der Reichsbahn zu Arbeitskräftemangel bzw. zur Unterbesetzung der Arbeitsstellen führt.

Auch bestehen die Auswirkungen – in letzter Zeit in zunehmendem Maße – in dem Abwandern von Arbeitskräften nach dem Westen.

Allerdings ist die Unzufriedenheit über die Entlohnung nicht der ausschließliche Grund des Abwanderns, sondern es spielt bei der Unzufriedenheit eines Teiles der Werktätigen über die Lebenslage eine besondere Rolle mit.

Da die Feindzentralen42 im verstärktem Maße Propaganda für die »günstige« Arbeitsmarktlage in der Bundesrepublik machen, gilt es die bestehende Unzufriedenheit über die Entlohnung besonders zu beachten.

Zum Beispiel sagte ein technischer Zeichner, SED, aus dem VEB Schott Jena: »Die Unzufriedenheit unter den unteren Lohngruppen ist sehr groß und wenn sich hier nicht bald eine Änderung vollzieht, ist unser sozialistischer Aufbau in Gefahr.«

Im Zellwollbetrieb des VEB Kunstfaserwerk »Wilhelm Pieck«43 [Bezirk] Gera, sind die Beschäftigten über ihre Entlohnung unzufrieden. Es werden von ihnen immer wieder Vergleiche zum Vorjahr gezogen und dabei erklärt, dass sie da 80,00 bis 100 DM mehr verdient hätten.

Der Parteisekretär vom Straßenbahnhof Reudnitz, [Bezirk] Leipzig, äußerte über die Stimmung in diesem Objekt: »Die Betriebsleitung müsste einmal sehen, wie es unter den Kollegen an der Basis wirklich aussieht. Die da oben haben es schon längst vergessen wie es ist, wenn man nur 300 DM im Monat verdient. Der Leiter der LVB mit 1 600 DM kann große Töne spucken. Er soll mal die Schaffnertasche umhängen und mit unserem Geld nach Hause gehen.«

Der Parteisekretär des VEB Ziehwerk in Brotterode, [Bezirk] Suhl, erklärte: »Ein Teil unserer Kollegen ist mit dem niedrigen Lohn nicht einverstanden. Neun Arbeiter haben deshalb bereits ihr Arbeitsverhältnis gelöst, um sich in anderen Betrieben Beschäftigung zu suchen.«

Ein Brigadier vom Kraftwerk Nord des Elektrisch-Chemischen-Kombinates Bitterfeld äußerte, dass die Kollegen zu wenig verdienen und deshalb einige ihre Arbeitsstellen verlassen wollen. Dadurch könnte eines Tages der Zustand eintreten, dass das Kraftwerk stillgelegt werden müsste.

Ein Teil der Belegschaft des VEB Stärkefabrik Kyritz, [Bezirk] Potsdam, ist ebenfalls über den Verdienst unzufrieden.

In den darüber geführten Diskussionen erklärten einige Arbeiter: »Walter Ulbricht44 hat sein Versprechen nicht gehalten, denn wir sollten doch Ende des Fünfjahrplanes in einem nie gekannten Wohlstand leben. Dies ist aber nicht der Fall, denn im Verhältnis zu den Löhnen sind die HO-Preise45 viel zu hoch.« (In diesem Betrieb wird nicht nach Leistungslohn gearbeitet und somit der Durchschnittsverdienst ca. 280 DM beträgt. Die Kolleginnen haben im Durchschnitt einen Stundenlohn von ca. 0,85 DM.)

Ein Rangierer vom Bahnhof Frankfurt/Oder äußerte, dass die Rangierer sehr schlecht bezahlt würden.46 »Deshalb sind auch bei uns sämtliche Rangiererkolonnen unterbesetzt. Es kommt vor, dass Rangiermeister ohne Arbeitskräfte dastehen.«

Ein Angestellter vom Bahnhof Greifswald, [Bezirk] Rostock, sagte: »Bei uns haben zwei Rangierer gekündigt, weil sie zu wenig verdienen. Sie sind der Meinung, dass die Anforderungen sowie die Verantwortung gegenüber dem Verdienst zu hoch sind. Durch die Kündigungen können Stockungen im Verkehr eintreten.«

Mit welchen Methoden der Gegner47 arbeitet, zeigt nachstehendes Beispiel:

Bei einem Telefongespräch am 3.9.1955 zwischen einer Angestellten vom Bahnhof Berlin-Neukölln48 und einem Angestellten von der Bundesbahn fragte dieser, ob sie keine Kollegen der Reichsbahn im Alter von 35 bis 50 Jahren kenne, welche bei der Bundesbahn arbeiten würden. Die Bundesbahn benötige zurzeit dringend 300 bis 400 ausgebildete Eisenbahner, da die jungen Kollegen vom Amt Blank49 eingezogen würden.

Aufgrund der Unzufriedenheit wegen der Entlohnung wechselte ein großer Teil der Bauarbeiter im BKW Großräschen, [Bezirk] Cottbus, zum Objekt »Schwarze Pumpe«50 über. Durch diese Fluktuation können gestellte Termine an Bauobjekten im genannten BKW nicht eingehalten werden.

Auch unter den Kollegen des RAW, BW und des Bahnhofes Hoyerswerda werden Diskussionen über ihre niedrige Bezahlung geführt51 und es kommt dabei zu Äußerungen wie z. B. »wir gehen lieber zum Objekt ›Schwarze Pumpe‹, dort verdienen wir mehr«. Dadurch gehen laufend Kündigungen bei den Reichsbahndienststellen ein.

In der letzten Zeit haben mehrere Arbeiter des Kreisbaubetriebes Langensalza, [Bezirk] Erfurt, ihre Arbeitsstelle gekündigt und sind zu Privatunternehmern übergewechselt, weil sie dort mehr verdienen.

Auch im Kreis Rudolstadt, [Bezirk] Gera, werden unter den Bauarbeitern Diskussionen über ihre Entlohnung geführt.

Zum Beispiel sagten mehrere Kollegen von der Baustelle der LPG Etzelbach: »Wir haben die Schnauze voll und wir arbeiten nicht mehr länger für 1,40 DM die Stunde, da dies nicht unseren Leistungen entspricht. Da bekommen doch die Arbeitslosen in Westdeutschland mehr Unterstützung als wir Lohn für unsere schwere Arbeit.«

Auf einer vorbereitenden Versammlung zu einer Ökonomischen Konferenz52 der Bau-Union Magdeburg brachten einige Kollegen zum Ausdruck: »Der Lohn der Bauarbeiter in der DDR ist zu niedrig. In Westdeutschland verdienen die Maurer und Zimmerer 2,30 DM die Stunde.

Bei uns gehen durch die niedrige Bezahlung viele Bauarbeiter in den Schwermaschinenbau, da sie dort mehr verdienen.«

In letzter Zeit kündigten im VEB Tiefbau Berlin mehrere Kollegen. Als Begründung gaben sie an, dass sie mit ihrem Verdienst nicht einverstanden sind und deshalb »nach drüben gehen wollen«.

Im Walzwerk Finow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, besteht unter den Kumpeln eine sehr schlechte Stimmung, weil ihnen in Zukunft die Wartestunden nicht mehr im Leistungslohn gezahlt werden sollen. Sie diskutieren darüber: »Man soll bei den Lohnkürzungen nicht immer bei dem kleinen Mann anfangen, sondern bei denen, die 1 800 bis 2 000 DM im Monat verdienen.«

Seit der Einführung des Prämienzeitlohnes53 (Juli 1955) im Wismut54 Objekt 101 – Zwickau – haben im Monat August 1955 28 Arbeiter gekündigt und zum anderen war im August ein sehr hoher Krankenstand (396 Personen, das sind 14 % der Belegschaft) zu verzeichnen.

Auch im Braunkohlenwerk Profen, [Bezirk] Halle, besteht aus dem gleichen Grund eine Unzufriedenheit unter den Kumpeln.

Es kündigten bereits acht E-Lokfahrer und sechs Elektriker.

Anlage 3 vom 9. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2483

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 6.9. bis 8.9.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD-Ostbüro:55

  • Potsdam: Kreis Jüterbog 10 000, Kreis Potsdam, 1 500, Kreis Königs Wusterhausen 1 500, Kreis Wittstock 53, Kreis Belzig 200, Kreis Pritzwalk 30;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Auerbach einige Tausend, Kreis Klingenthal 755, Kreis Oelßnitz 2 445, in verschiedenen Kreisen 996;

  • Frankfurt/Oder 130;

  • Schwerin ca. 50 kleine Ballons: Kreis Ludwigslust 3 725;

  • Dresden 16;

  • Halle 20;

  • Erfurt 211: Sondershausen 2 000;

  • Neubrandenburg 200;

  • Gera 130.

Unbekannter Herkunft:

  • Potsdam 2 500;

  • Cottbus 2 339;

  • Schwerin: Kreis Perleberg 5 000, Kreis Ludwigslust 5 000 bis 6 000;

  • Frankfurt/Oder 1 250;

  • Berlin 15 000.

KgU:56

  • Potsdam 15;

  • Frankfurt/Oder 300.

ZOPE:

  • Potsdam: Kreis Pritzwalk 9 100;

  • Gera 6 850.

Verschiedener Art:

  • Halle 18: Kreis Bernburg 52;

  • Schwerin 460;

  • Dresden 15;

  • Rostock 8.

Tschechische Sprache:

  • Dresden 49;

  • Karl-Marx-Stadt 155;

  • Halle 580;

  • Leipzig: Kreis Döbeln 1 000, Kreis Delitzsch 300, Kreis Oschatz 75.

NTS:57

  • Karl-Marx-Stadt 23: Kreis Rochlitz 443;

  • Suhl: Kreis Ilmenau 1 000;

  • Halle: einige;

  • Erfurt 1 000: Kreis Arnstadt 800, Kreis Eisenach 2 000, Kreis Apolda 1 000;

  • Dresden 17;

  • Schwerin 4 000;

  • Frankfurt/Oder 500;

  • Potsdam 1 000;

  • Berlin 46.

Welt und Zeit:58

  • Schwerin 200.

Antidemokratische Tätigkeit

In den Morgenstunden des 8.9.1955 wurden in Lauter, Kreis Aue, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, an einer Anschlagtafel zwei handgeschriebene Plakate in der Größe 30 × 40 cm mit folgendem Inhalt festgestellt:

»An die Einwohner von Lauter – Schluss mit dem russischen Antreiber- und Ausbeutersystem. Raus mit den Russen.«

An die Jugendlichen von Lauter »– keine Mark und keinen Groschen für die Ulbricht-Armee. KVP nee«.

Am 5.9.1955 wurden im Wald zwischen Stadtroda und Kahla, [Bezirk] Gera, auf einer Fläche von ca. fünf qm 15 Stück Brandsätze, welche vermutlich mit Ballons abgeworfen wurden, gefunden. Brandschaden entstand nicht.

Am 4.9.1955 erhielt ein Fleischermeister aus Meißen, [Bezirk] Dresden, der sich in Haft befindet einen Hetzbrief, der handgeschrieben und mit einem Poststempel aus Homburg versehen war.

»Ich bin Bürger Westdeutschlands und bitte, als Bürger Ostdeutschlands dafür sorgen zu wollen, dass sie geschickt in allen Schichten der Bevölkerung reden wollen, dass sie geschickt in allen Schichten der Bevölkerung reden wollen, dass diesmal die gesamte Bevölkerung Aufstände machen soll, um sich selbst zu befreien. Die russische Besatzung wird sich nicht wieder einmischen, das ist amtlich. Aber Moskau wird durch Aufstände schnellstens Wahlen und Wiedervereinigung fordern. Die Aufstände sollen während der Kanzlerreise und nachträglich erfolgen.

Die Zeiten sind jetzt günstig und von großem Erfolg. Es geht nicht fehl wie am 17. Juni. Wir alle im Westen wissen es. Trotz allem sind sie vorsichtig, wichtig ist es in den Arbeiterschichten, welche in Riesa und Lauchhammer sind, diesen Inhalt zu verbreiten. Wenn die Ostzone ruhig bleibt, dauert es noch zehn Jahre. Wir Bürger halten es für unsere Pflicht, das alle wissen zu lassen. Die Bevölkerung muss Aufstände machen, die verlangt freie Wahlen und Wiedervereinigung. Als Metzgermeister ist es meine Pflicht, dass diese Fanfare überall schnellstens verbreitet wird und die Massen Bescheid wissen müssen, dass jetzt der richtige Moment da ist. Also los ihr lieben Brüder, Gott schütze euch und stehe euch bei.

Es ist heiligste Pflicht, dass es mit Windeseile alle wissen müssen. Ihre Berufskollegen aus Gresenheim.«

In der Nacht zum 4.9.1955 wurde von bisher unbekannten Tätern vor dem HO-Schuhwarengeschäft in der Bahnhofstraße in Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, eine schwarz-rot-goldene Fahne mit Fahnenstange entwendet. Die Fahne wurde durch das offen stehende Schlafzimmerfenster eines Genossen der SED-Kreisleitung Strasburg geworfen.

Aus dem Jugendheim Dresden sind in den letzten Tagen vier Mädchen illegal nach Westdeutschland verzogen. Zwei weitere wurden auf der Fahrt nach Berlin aufgegriffen. Sechs hatten bereits alle Vorbereitungen zum illegalen Verzug getroffen. Ermittlungen ergaben begründeten Verdacht einer organisierten Feindarbeit.

In Radeberg, [Bezirk] Dresden, fahren jetzt sehr viele Bürger nach Westdeutschland, weil von westdeutschen Behörden das Fahrgeld nach der DDR zurückerstattet wird, wenn die Angehörigen ein Monatseinkommen von weniger als 400 DM West haben. Das Geld wird auf dem zuständigen Gemeindeamt ausgezahlt.

So erklärte z. B. ein Schöffe vom Kreisgericht Riesa, [Bezirk] Dresden, der kürzlich in Westdeutschland war, dass er vom Roten Kreuz Geld bekommen hätte, weil er wenig Westgeld zur Verfügung hatte.

Anlage 4 vom 7. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2483

Stimmung über Maßnahmen gegen das Betreten der Westsektoren und Fahrt nach Westdeutschland

Die Maßnahmen bezüglich des Verbotes des Durchfahrens der Westsektoren und die Reisen nach Westdeutschland59 rufen weiterhin zum größten Teil unter den Mitarbeitern heftige Diskussionen und eine allgemeine Ablehnung hervor. Die meisten können nicht verstehen, wieso gerade jetzt solche Maßnahmen erlassen werden, wo es doch darauf ankäme, das gesamtdeutsche Gespräch besonders zu fördern, nachdem nach der Genfer Konferenz60 eine allgemeine Entspannung der internationalen Lage erzielt worden sei. Diese Maßnahme würde deshalb keineswegs zu einer Entspannung der Lage führen und die Frage der Wiedervereinigung Deutschlands fördern. Das wäre umso schlimmer, weil doch vonseiten unserer Regierung angestrebt würde, Delegationen auszutauschen, die wesentlich zur Verwirklichung oben angeführter Ziele beitragen sollen.

So sagte z. B. eine Genossin in einer Gruppenversammlung im Rathaus Paunsdorf, [Bezirk] Leipzig: »Die Regierung wünscht auf der einen Seite einen stärkeren Austausch von Delegationen aus Ost und West und auf der anderen Seite dürfen Staatsangestellte nicht nach Westdeutschland reisen.«

Eine Angestellte im Bürgermeisteramt Niederorschel, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt: »Wenn man die Einheit Deutschlands fördern will, verstehe ich nicht, dass man uns nicht nach Westdeutschland und Westberlin fahren lässt. Diese Maßnahme entspricht nicht der Regierungserklärung,61 wo aufgezeigt wurde, dass gerade jetzt ein verstärkter bzw. erleichterter Verkehr zwischen Ost- und Westdeutschland stattfinden soll.«

Zum großen Teil wird die Ablehnung der Unterschrift auch mit verwandtschaftlichen Beziehungen in Westdeutschland und Westberlin begründet. Es wird erklärt, dass es gar nicht infrage käme, die Verbindungen mit den Verwandten drüben aufzugeben und sie trotz Verbot fahren würden. Außerdem würde diese Maßnahme auch die persönlichen Freiheiten beschneiden.

Ein Eisenbahner, SED, vom Bahnhof Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, sagte z. B.: »Ich unterschreibe diese Erklärung nicht, denn ich habe einen Bruder in Westberlin zu wohnen und wenn ich den einmal besuchen will, so darf ich dann nicht mal zu ihm fahren. Genauso wie mir geht es auch anderen Kollegen. Demnach müssten ja alle ihre Beziehungen zu den Verwandten abbrechen.«

Die Verärgerungen über diese Maßnahmen gehen mitunter soweit, dass Kollegen kündigen, weil sie die Beziehungen mit ihren Verwandten im Westen nicht aufgeben wollen.

Zum Teil treten aber auch solche Erscheinungen auf, dass, aus Angst die Arbeitsstelle zu verlieren, viele Angestellte die Unterschrift abgeben. Sie erklären, sie müssten schon unterschreiben, weil sie sonst ihre Arbeitsstelle verlieren könnten. Aber was sie dann hinterher machten, ginge niemand etwas an.

Ein Genosse aus dem VEB Volltuch in Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, erklärte z. B.: »Nun gut, wenn wir unsere Stellung behalten wollen, müssen wir unsere Unterschrift geben. Aber was wir trotzdem tun, bleibt uns ja überlassen, denn es wird nie so heiß gegessen, wie es gekocht wird.«

Ein Sportlehrer (Genosse) aus der Sportschule in Strausberg,62 [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Unterschreiben müssen wir schon. Wir dürfen uns eben beim Rüberfahren nicht erwischen lassen.«

Die vorwiegend negative Einstellung zu diesen Maßnahmen zeigt, dass ihre Bedeutung nicht klar ist. Selbst unter vielen Genossen treten solche Meinungen auf. In ihren Diskussionen darüber unterscheidet diese sich nicht von bürgerlich eingestellten Personen. Fortschrittliche Kräfte erklären deshalb mitunter auch, dass es an und für sich eine Schande ist, Genossen erst von der Notwendigkeit dieser Maßnahme zu überzeugen.

So erklärten z. B. einige Kollegen beim Rat des Kreises Sangerhausen, [Bezirk] Halle, dass es bedauerlich ist, sogar erst Genossen der SED klarzumachen, wie notwendig es ist, dass Verwaltungsangestellte so wenig wie möglich nach dem Westen fahren sollen.

Anlage 5 vom 7. September 1955 zum Informationsdienst Nr. 2483

Stimmung zur Reise Adenauers nach Moskau

Da zurzeit in allen Bevölkerungsschichten verhältnismäßig wenig zu dem politischen Geschehen Stellung genommen wird, sind auch die Diskussionen über die Adenauer-Reise nach Moskau gering. Fortschrittliche Kräfte, besonders aus den Betrieben, deren Stellungnahmen überwiegen, erhoffen sich aus den Verhandlungen, die zwischen Adenauer und den sowjetischen Staatsmännern stattfinden werden, zumindestens die Herstellung diplomatischer Beziehungen zwischen der SU und der Bundesrepublik, die in der Endkonsequenz der Herstellung der Einheit Deutschlands dienen werden. Zum anderen wird in den positiven Stellungnahmen der Standpunkt vertreten, dass Adenauer durch den positiven Ausgang der Genfer Konferenz und besonders durch den Willen der westdeutschen Bevölkerung, auch der bürgerlichen Kreise, die sich wirtschaftliche Vorteile versprechen, zu dieser Reise gezwungen wurde.

Einige wünschen auch, dass Adenauer in Moskau endlich davon überzeugt werden möge, dass die SU alle Anstrengungen zur Erhaltung und Festigung des Friedens unternimmt.

Auch wird verurteilt, dass der Stab, von dem Adenauer nach Moskau begleitet63 wird, ausschließlich aus alten Faschisten besteht. Abschließend kann zu den positiven Äußerungen gesagt werden, dass aus ihnen Optimismus und Hoffnung auf ein gutes Ergebnis der Besprechungen, die in Moskau stattfinden werden, spricht.

Was in erster Linie auf der Erkenntnis beruht, dass Adenauer durch den Druck der Massen, die stark an der Erhaltung des Friedens sowie der Schaffung der Einheit Deutschlands interessiert sind und durch den positiven Ausgang der Genfer Konferenz, die Einladung nach Moskau annehmen musste.

Hierzu einige Stellungnahmen aus den verschiedenen Bevölkerungskreisen.

Ein parteiloser Arbeiter aus Schwarzenberg: »Wenn die Bevölkerung Westdeutschlands nicht so darauf gedrungen hätte, wäre Adenauer bestimmt nicht gefahren.«

Ein Ingenieur aus dem Elektrobetrieb des Kraftwerkes Kulkwitz, [Bezirk] Leipzig: »An der Reise Adenauers nach Moskau sieht man, dass die wirtschaftlichen Kreise Westdeutschlands die Bundesregierung zwingen, mit der SU zu wirtschaftlichen Verträgen zu kommen. Dadurch wird auch ein Schritt zur Einheit Deutschlands getan.«

Ein Pastor aus Kyritz, [Bezirk] Potsdam: »Nach dem Verlauf der Genfer Konferenz kann man wieder zuversichtlicher sein. Auch die Reise Adenauers wird zur weiteren Entspannung der Lage beitragen.«

Ein Mitglied der NDPD aus Niesky: »Die zum Stab Adenauers gehörenden Faschisten und Ostlandritter64 fahren nur mit nach Moskau, weil sie erkannt haben, dass durch die Genfer Konferenz eine wesentliche Entspannung der internationalen Lage eingetreten ist und sie ihre volksfeindliche Politik gegenüber der breiten Masse nicht mehr so offen durchführen können.«

Ein Bergmann, parteilos, aus Zwickau: »Adenauer wird bestimmt in Moskau von seinem aggressiven Absichten Abstand nehmen und sich überzeugen lassen müssen, mit den sowjetischen Staatsmännern einen Weg zu finden, um die Wiedervereinigung Deutschlands auf friedlichem Wege herzustellen.«

Neben den positiven Stellungnahmen gibt es eine ganze Reihe von pessimistischen Äußerungen, die erklären, dass die Reise zwecklos sei bzw. nicht viel herauskommen wird, da Adenauer nicht von seiner Linie abgehe und er gar kein Interesse an einer Entspannung habe.

Auch handele er nur nach den Richtlinien der USA. Auch solche Äußerungen, genau wie die positiven, kommen aus den verschiedensten Bevölkerungskreisen, was nachstehende Beispiele beweisen.

In der E-Werkstatt des Braunkohlenwerkes Nachterstedt, [Bezirk] Halle, diskutierten die Kollegen: »Aus der Reise Adenauers nach Moskau wird nicht viel dabei herauskommen. Lediglich in wirtschaftlicher Hinsicht wird es zu einigen Vereinbarungen kommen.«

Ein Heizungsmonteur aus Leipzig: »Was will denn Adenauer in Moskau? Dieser Besuch ist doch zwecklos. Er hat doch so einen sturen Kopf und wird seine Meinung nicht ändern.«

Ein Mitglied der LDPD aus Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Von der Reise Adenauers nach Moskau verspreche ich mir nichts, denn er wird seine Politik weiter durchsetzen, zumal er vonseiten des Westens volle Unterstützung hat.«

Ein Kollege, der kürzlich aus Westdeutschland in die DDR kam, aus dem Ölwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin: »Aus der Moskau-Reise wird nicht viel herauskommen, denn Adenauer ist gar nicht an einer Entspannung der Lage interessiert. Für ihn sind nur die USA zuständig.«

Ein Arbeiter aus dem Simson-Werk in Suhl: »Es könnte längst schon alles in Ordnung sein, wenn Adenauer nicht so stur wäre. Ich glaube, dass er auch jetzt wieder kneifen wird. Er stellt mit seiner Politik das Haupthindernis bei der Wiedervereinigung dar.«

Eine LPG-Bäuerin aus Milzau, [Bezirk] Halle: »Es ist unbegreiflich, dass Adenauer noch immer an der Politik der Stärke65 festhält. Mit der Reise nach Moskau wird er keine Entspannung herbeiführen und er hat auch gar kein Interesse, dass die Einheit zustande kommt. Sein Verhalten in Moskau wird der Welt beweisen, dass er ein Feind des Friedens ist.«

Entgegen dieser angeführten Stellungnahmen, in denen übereinstimmend die Politik Adenauers verurteilt und abgelehnt wird, gibt es einen Teil negativer Stimmen, die diese Politik befürworten. Dies zeigt sich besonders darin, dass diese Elemente, darunter einige Umsiedler,66 die Hoffnung an die Reise Adenauers knüpfen, dass er in Moskau Forderungen stellen wird, wie z. B. die Revidierung der Oder-Neiße-Grenze – dies tritt am stärksten auf – oder die Durchführung freier Wahlen.

Auch heißt es mitunter, dass Adenauer sich keine Änderung seiner Politik in Moskau aufzwingen ließe und dies auch gar nicht angebracht sei.

So sagte z. B. ein Schlosser aus dem Ölwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin: »Lasst nur erst Adenauer nach Moskau fahren, der lässt sich in seiner Diplomatie nicht beeinflussen. Er weiß schon, was er zu tun hat.«

Ein Arbeiter aus dem Buna-Werk: »Adenauer fährt nach Moskau, aber er wird keinen Schritt von seiner Linie abgehen. Er wird bestimmt die Revision der Oder-Neiße-Grenze fordern.«

Ein Umsiedler aus Kleinweitzschen, [Bezirk] Leipzig: »Wenn unsere Regierung so weitermacht, wird es bald wieder krachen. Wenn sie freie Wahlen machen, bekommen wir unsere Ostgebiete wieder. Adenauer wird schon dafür sorgen.«

Ein Arbeiter aus dem Wismut Gebiet – Auerbach: »Adenauer wird in Moskau auf seinen Forderungen, wie freie Wahlen und Herstellung des Zustandes von 1938,67 bestehen bleiben.«

Ein Rentner aus Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Wenn Adenauer nach Moskau fährt, wird er den Herren schon seinen Standpunkt klarmachen. Sie sollen nicht glauben, dass sie ihn überfahren können, er weiß genau was er will.«

Ein Rentner aus Sebnitz, [Bezirk] Dresden: »Adenauer wird in Moskau nicht nur die Interessen der Umsiedler, sondern der Bevölkerung ganz Deutschlands vertreten.«

Ein Angestellter aus Putbus, [Bezirk] Rostock: »Millionen Menschen, besonders die Umsiedler, blicken auf Adenauer, der sich in Moskau dafür einsetzen soll, dass die Oder-Neiße-Grenze fällt. Wenn er diese Frage in Moskau nicht erörtert, verliert er das Vertrauen vieler Menschen.«

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