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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

23. Februar 1955
Informationsdienst Nr. 2426 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Im Allgemeinen sind die Diskussionen über die Fragen, die mit der Tagung des Obersten Sowjets in Zusammenhang stehen, stark zurückgegangen.1 Da überwiegend von fortschrittlichen Kräften diskutiert wird, sind die Äußerungen fast ausschließlich positiv, und weisen keine neuen Momente auf. Etwas zugenommen haben jetzt wieder die Gespräche um den Kampf gegen die Pariser Verträge.2 Aus den Stellungnahmen geht übereinstimmend hervor, dass die Kriegsverträge von Paris entschieden abgelehnt werden, da von vielen erkannt wird, dass diese Verträge, wenn sie ratifiziert würden, einen neuen Krieg zur Folge hätten. Der Wunsch nach der baldigen Herstellung der Einheit Deutschlands sowie die Erhaltung des Friedens beherrscht immer wieder die Diskussionen. Von einem geringen Teil wird zu den Ausführungen des Genossen Otto Grotewohl3 in der Sporthalle Stellung genommen und hervorgehoben, dass die Regierung der DDR unermüdlich für eine Verständigung der Deutschen untereinander eintritt.4 Einige erwarten mit Spannung die Reaktion Ollenhauers5 auf die Worte des Genossen Grotewohl.6

Bei den Diskussionen über die aktuellen Probleme zeigt sich vereinzelt, dass Umsiedler7 immer wieder über die Rückkehr in ihre Heimat-Gebiete sprechen. Unter anderem ist dies im VEB Bastfaser Fehrbellin, [Bezirk] Potsdam, der Fall. Dort setzt sich die Belegschaft zu ca. 70 % aus ehemaligen Umsiedlern zusammen. Es kommt zu Äußerungen wie z. B., dass zur Einheit Deutschlands auch die Ostgebiete gehören würden.

In vielen Betrieben u. a. in den Bezirken Magdeburg, Gera, und besonders in Leipzig, wurde über die Teilnahme an den Umzügen am Rosenmontag gesprochen. Zum Beispiel wurden in Leipzig die Beschäftigten aufgefordert, sich an dem Umzug zu beteiligen. Die ausfallenden Stunden sollen rausgearbeitet werden, was auch von einigen Betrieben getan wurde. Später wurde aber von der SED-Kreisleitung Leipzig angewiesen, dass am Rosenmontag voll gearbeitet wird.

Dadurch ergab sich zum Beispiel in dem VEB Bleichert8 folgende Lage: für die geleisteten Arbeitsstunden müssten 90 000 DM zusätzlich gezahlt werden. Der Werkleiter lehnte ab, für die volle Arbeitszeit am Rosenmontag einzutreten, bevor nicht geklärt ist, aus welchem Fond die 90 000 DM entnommen werden sollen.

Auf der Baustelle der Deutschen Hochschule für Körperkultur der Bau-Union Leipzig (ca. 300 Arbeiter) verließen um 12.00 Uhr 50 % der Beschäftigten die Baustelle. Die übrigen Arbeiter arbeiteten weiter und gegen 13.00 Uhr war aber der größte Teil betrunken.

Auch ca. 60 Angestellte des gleichen Betriebes verließen ihre Arbeitsplätze.

Im VEB Bodenbearbeitungs-Geräte Leipzig erschien eine Brigade zur Nachtschicht am 20.2.1955 und nachdem sie die Öfen angezündet hatten, um 22.00 Uhr, verließen sie den Betrieb, um Fasching zu feiern. Daraufhin wurde diese Brigade entlassen.

Im VEB Verlade- und Transport-Anlagen-Werk I (Bleichert) arbeiteten am Rosenmontag nur 60 bis 70 % der Belegschaft.

Zum Produktionsablauf im Allgemeinen kann gesagt werden, dass sich vorwiegend der Materialmangel, schlechtes Material, Absatzschwierigkeiten, Kohlenmangel, sowie die Produktionsstörungen, besonders in der Braunkohlen-Industrie, hemmend auswirken. Auch kommt es vor, dass die bestehenden betrieblichen Mängel durch Krankfeiern ausgenutzt werden. Zum Beispiel berichtet der Bezirk Magdeburg, dass der Krankheitsstand im Vergleich zu den Vorjahren gestiegen ist. In der Großgaserei Magdeburg erklärten die Kollegen: Wenn der Produktionsablauf besser wäre, und sie eine produktive Arbeit leisten können und dementsprechend verdienen würden, würden sofort 30 bis 40 % der jetzigen Kranken ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Im VEB Pumpenwerk Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, ist im Januar 1955 ebenfalls ein außergewöhnlich hoher Krankenstand eingetreten. So haben z. B. die Abteilung Dreherei, 1 344, Abteilung Gießerei 1 473 und die Abteilung Schlosserei 837 Stunden Ausfall durch Krankmeldungen. In diesem Betrieb sind ebenfalls Materialschwierigkeiten zu verzeichnen.

Wie bereits erwähnt, sind in letzter Zeit Produktionsstörungen in der Braunkohlen-Industrie häufiger zu verzeichnen.

Zum Beispiel ist am 18.2.1955, gegen 18.35 Uhr, die Stromleitung der Niederlausitzer Überlandzentrale in Höhe der Ortschaft Sedlitz gerissen. Dadurch musste der Tagebau Koschen, [Bezirk] Cottbus, seine Produktion einstellen und die Förderbrücke in dem Tagebau Niemtsch musste vorübergehend angehalten werden. Der Produktionsausfall in der Brikettfabrik Meuro-Stollen betrug 250 Tonnen Brikett und durch das Anhalten der Förderbrücke konnten ca. 7 520 cbm Abraum nicht befördert werden.

Am 18.2.1955 kam es im BKW Sedlitz – Tagebau Nordfeld, Kippe 2 zu einer Produktionsstörung. Produktionsausfall: etwa 2 800 cbm Abraum durch Umkippen von sieben Waggons beim Entladen.

Aus den verschiedensten Industriezweigen kommen immer wieder Klagen über die unzureichenden Kohlen-Lieferungen, die mitunter dazu führen, dass Betriebe vorübergehend stillgelegt werden müssen, oder Stilllegung unmittelbar bevorstehen.

Zum Beispiel hat der VEB Grenzquell-Brauerei Wernesgrün,9 [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, bereits 75 Tonnen Braunkohlen-Brikett von dem Bevölkerungskontingent bekommen und wenn keine Lieferung erfolgt, muss der Betrieb die Produktion einstellen.

Das gleiche trifft für den VEB Kabelwerk Schönow, [Kreis] Bernau, [Bezirk] Potsdam, zu.

Außerdem berichten über Kohlenschwierigkeiten: VEB Strohzellstoff-Werk Coswig, [Bezirk] Dresden, VEB Braun- und Kunsttöpferei Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, VEB Rose-Brauerei10 Grabow, [Kreis] Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, und Fischkombinat Saßnitz, [Bezirk] Rostock. Im letztgenannten Betrieb sind außerdem 25 % (255 Arbeiter) an Grippe erkrankt, sodass Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von Rohfischen entstanden sind.

Über Materialschwierigkeiten klagen weiterhin viele Betriebe, so u. a. die »Mathias-Thesen-Werft« in Wismar (6 mm Bleche für Schwimmdocks, Werkzeug-Maschinen und Verteilerrohre für die Produktion von Schwimmdocks), die Schiffsmontage der Warnowwerft in Warnemünde (6 mm Sperrholz und Birkenfurniere), Lieferfirma: Holzveredlungswerke Leipzig und die Birkenfurniere werden aus finnischen Importen bereitgestellt. Im VEB Schuhfabrik Großharthau, [Bezirk] Dresden, fehlt es an Poroplast,11 dadurch können 80 000 Paar Schuhe nicht fertiggestellt werden. Lieferwerk: VEB Elektrotechnisch-chemisches Kombinat Eilenburg – kann nur 25 % der bestellten Mengen liefern.

Im VEB Gablona12 in Neuheim, [Kreis] Jüterbog, [Bezirk] Potsdam, ist infolge von Materialschwierigkeiten die Erfüllung der Exportaufträge und Vertragslieferungen infrage gestellt. Es werden dringend 99,9 % Alpur (reines Aluminium) benötigt. Dieses wurde bisher von der DHZ13 Metallurgie Rackwitz geliefert.

Durch die Materialschwierigkeiten entstehen in den Betrieben Wartestunden, die unter den Beschäftigten eine schlechte Stimmung auslösen. Das ist u. a. in dem Waggonbau Ammendorf, [Bezirk] Halle, und zwar waren von den Wartestunden am 17.2.1955 ca. 55 Kollegen betroffen. Außerdem hat der Krankheitszustand in dem Werk mit 11,39 % den höchsten Stand erreicht. Die Arbeiter bringen in ihren Diskussionen zum Ausdruck, dass sie nicht verstehen können, weshalb die Materialversorgung so mangelhaft ist und dass es dadurch immer wieder zu Wartestunden kommt.

Ähnlich ist es im Industriewerk Ludwigsfelde, [Bezirk] Potsdam. Es fehlt dort vor allem an Einzelteilen für Zylinder. Durch die Wartestunden ist ebenfalls eine schlechte Stimmung unter den Arbeitern zu verzeichnen. Sie bringen zum Ausdruck, dass sie für das Geld, was sie erhalten, auch etwas leisten wollen.

Im VEB Möbelwerk in Themar, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, sowie in einigen anderen Möbelwerken dieses Kreises ist kein Holz vorrätig. Dadurch kann das Holz nicht vor der Verarbeitung auf dem Lagerplatz getrocknet werden, sondern in den Hallen muss Tag und Nacht geheizt werden, um das Holz einigermaßen zu trocknen. Dadurch, dass nicht genügend Holz getrocknet werden kann, wird die Produktion gehemmt. Einige Arbeiter müssen deshalb mit Nebenarbeiten beschäftigt werden, was Unzufriedenheit auslöst.

Im Ziegelwerk Bralitz, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wurde durch die verspätete Bereitstellung der Investmittel für die Abraumförderung der neuen Tongrube eine Verzögerung des Produktionsanlaufes bis zum 15. März 1955 hervorgerufen.

Im VEB Bau (ST) Dresden müssen zurzeit 60 Maurer mit Enttrümmerungsarbeit beschäftigt werden, weil der Betrieb für das I. Quartal 1955 nicht voll ausgelastet ist. Jetzt kommen noch Jungmaurer dazu, die auslernen.

Im VEB Bau Parchim, [Bezirk] Schwerin, bestehen ebenfalls Schwierigkeiten in der Vollbeschäftigung der Arbeitskräfte, besonders der Tiefbauarbeiter. Es fehlen die Projektierungs-Unterlagen für 1955. Verantwortlich: Rat des Bezirkes, Abteilung Aufbau.

Über die Lieferung von schlechtem Material klagt das TEWA Drahtwerk14 Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus. Das Werk erhielt in der Zeit vom 19.12.[1954] bis 12.1.1955 320 497 Tonnen Walzdraht in Schweiß-Draht-Güte aus schwedischen Importen und in der Zeit vom 6. bis 8.2.1955 das gleiche Material aus französischen Importen. Eine Kontrolle ergab, dass außerordentliche Streuungen in den einzelnen Chargen vorhanden waren. Durch die nicht gütegerechten Lieferungen wird der Produktionsablauf erheblich gehemmt und der größte Teil der Kollegen muss mit Ausweicharbeiten beschäftigt werden. Auch können dadurch die vertraglichen Liefertermine nicht eingehalten werden, was wiederum zu Produktionsstockungen bei den Abnehmer-Betrieben führt. Zum Beispiel mussten aus dem Grunde im Elektronen-Werk Kjellberg/15Finsterwalde elf Elektroden-Pressen außer Betrieb gesetzt werden.

Vom LEW Hennigsdorf wurden 2 mm Schmiedestücke mit zu kleinem Lagerdurchschnitt an den VEB Sachsenwerk Niedersedlitz, [Bezirk] Dresden, geliefert. Dieses Material stammt aus Importen der SU und lagerte bereits sechs Monate in dem LEW. Die Schmiedestücke können nicht verwendet werden. Der Wert pro Stück beträgt ca. 20 000 DM. Bestellt wurde dieses Material vom Zentralen Konstruktionsbüro für Energiemaschinen Berlin.

Im VEB Volltuchwerk Luckenwalde, [Bezirk] Potsdam, bestehen Absatzschwierigkeiten an fertigen Stoffen. Fast sämtliche Stoffe aus dem I. Quartal lagern noch in dem Betrieb. Sie wurden teilweise von dem Handel wieder in den Betrieb zurückgeschickt, da keine Absatzmöglichkeiten vorhanden sind. Mehrere Rücksprachen mit dem Ministerium für Leichtindustrie bleiben bisher ohne Erfolg. Dem Betrieb entstand bisher ein Schaden von ca. 450 000 DM. Es besteht die Gefahr, dass in nächster Zeit aus diesen Gründen der Betrieb die Produktion einstellen muss. Außerdem werden auch in Kürze Lohnschwierigkeiten auftreten, da nur noch für ca. drei Wochen der Lohn gezahlt werden kann. Infolge dieser Situation herrscht besonders unter der technischen Intelligenz Missstimmung.

Am 18.2., gegen 14.00 Uhr, brach in der Baracke der Privatfirma Schreiber & Co,16 die auf der Baustelle des Kraftwerkes Trattendorf Bauarbeiten durchführt, ein Brand aus. Nach vorläufiger Schätzung beläuft sich der Schaden auf etwa 15 000 DM.

In der Neptunwerft in Rostock wurden von der AGL 8 die Kandidaten zur Gewerkschaftswahl mittels Fotos und Erklärung an die Wandzeitung gebracht. Am 8.2.[1955] in der Spätschicht wurden die Fotos der Genossen durchkreuzt und alle anderen Fotos der Parteilosen waren unbeschädigt.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgungsschwierigkeiten, besonders bei Lebensmitteln, halten weiter an. Aus fast allen Bezirken wird berichtet, dass sich darüber eine Unzufriedenheit unter der Bevölkerung bemerkbar macht und die Bevölkerung Kritik an der schlechten Versorgungslage übt. Aber auch der Gegner versucht jetzt ganz besonders, die augenblicklich tatsächlich bestehenden Schwierigkeiten in der Versorgung für seine Schädlingstätigkeit auszunutzen. Er versucht, die Bevölkerung durch Gerüchteverbreitung zu Angsteinkäufen zu verleiten, die letzten Endes unsere Wirtschaft schädigen sollen.17

Er versucht aber damit auch, eine Panik und Unruhe unter die Bevölkerung zu bringen.

So wurden in Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in den letzten Tagen Hetzzettel angeklebt, die folgenden Inhalt haben:

»Trotz Hunger, Elend, keine Butter und Kohlen, wird das Volk auf die Straße gerufen, um Fasching zu feiern. Ihr Kommunisten mit eurem Haufen und eurer Umgebung kommt auf die Straße.« und

»Die Sklaverei muss ein Ende nehmen. Drum Freiheitshelden benutzt eure Hände. Auf solche Zettel hier schreibt eure Klagen. Das können die SED-Verbrecher nicht vertragen.«

Die Versorgungsschwierigkeiten bringt man besonders auch mit der Aufstellung Nationaler Streitkräfte18 in Zusammenhang. Hier diskutiert man vor allem dahingehend, dass alle Lebensmittel zur Konservierung für den in Kürze beginnenden Krieg gelagert würden.

So sagte ein werktätiger Bauer aus Rankwitz, [Kreis] Wolgast, [Bezirk] Rostock:

»Man sollte nicht glauben, dass es so etwas noch gibt. Zehn Jahre sind nun schon vergangen und immer bestehen noch Schwierigkeiten in der Versorgung. Es ist nicht zu glauben, dass es nicht einmal die notwendigsten Dinge gibt. Wahrscheinlich brauchen ›sie‹ es für die Nationalen Streitkräfte und werden alles einkonservieren.«

Durch den Mangel an Zucker wurde der freie Verkauf gesperrt und Zucker ist nur noch auf die Marken erhältlich.19 Im Zusammenhang damit treten unter der Bevölkerung negative Diskussionen auf, die zum Teil aber auch berechtigt sind. Ein großer Teil der Bevölkerung sieht ein, dass durch eine schlechte Ernte im vergangenen Jahr die Zuckerversorgung jetzt schwierig ist. Was aber nicht eingesehen wird ist, dass darüber nicht die genügende Aufklärung unter die Bevölkerung getragen wird und diese Maßnahme rein administrativ durchgeführt wurde.

Es gibt aber auch Verkaufspersonal, die genauere Kenntnis von der schlechten Zuckerversorgung haben und dies unter der Bevölkerung als Gerüchte verbreiten.

So kursiert im VEB Gummiwerk »Elastik« Gotha, [Bezirk] Erfurt, das Gerücht, dass der Zucker sehr knapp sei und es bald keinen mehr geben würde, da er beschlagnahmt werden soll. Das Gerücht wurde von der Verkaufsstellenleiterin des Betriebes unter den Kollegen verbreitet. Sie äußerte sich wie folgt: »Ich habe erfahren, dass der Zucker gesperrt wird. Ich warne Euch nur, wenn Ihr noch welchen wollt, ich habe noch genügend da.«

Daraufhin setzte ein Massenaufkauf von Zucker ein, wo meistens 15 bis 20 Pfund gekauft wurden.

Eine Verkaufsstellenleiterin der Konsumfleischerei20 Probstzella, [Bezirk] Gera, sagte zu den Kunden: »Kauft nur noch ein, solange der Vorrat reicht, denn vor acht bis zehn Wochen sind keine neuen HO-Waren21 vorhanden und zu erwarten.«

Diese Argumentation löste unter der Bevölkerung natürlich eine gewisse Beunruhigung aus.

Die Schwierigkeiten in der HO-Fleischversorgung nehmen gegen Ende des Monats wieder zu. Die Fleischversorgung auf Marken ist aber weiterhin sichergestellt. Auch hier treten unter der Bevölkerung negative Diskussionen auf. Es wird zum Ausdruck gebracht, warum gerade am Ende des Monats, wo doch die Marken alle sind, immer kein HO-Fleisch zu erhalten ist. Es werde auch dahingehend Äußerungen laut, dass man die Fleischknappheit auf die jetzt Ende Februar stattfindende Messe22 zurückführt.

Eine Hausfrau aus Magdeburg sagte in dem HO-Fleischwarengeschäft Breiter Weg: »Das Fleisch geht jetzt alles nach Leipzig, weil dort die Ausländer sehen sollen, dass es uns in der DDR besonders gut geht. Das ist aber alles bloß wieder Aufmachung, weil dafür die große Masse wieder nichts aufs Brot hat.«

Die anwesenden Hausfrauen pflichteten dieser Argumentation bei.

Am 17.2.1955 sind in der Konsumniederlassung Karl-Marx-Stadt, Kauffahrtei 25, von ca. 1 200 Personen die am Werkküchenessen teilnehmen, ca. 200 Personen an leichtem Durchfall erkrankt. Vermutlich sind die Erkrankungen durch das am 16.2.1955 ausgegebene Mittagessen hervorgerufen worden.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Landbevölkerung diskutiert noch immer über den Rücktritt23 des Genossen Malenkow24 und die Rede25 des Genossen Molotow.26 Die Stimmen dazu sind vorwiegend positiv. So wurde in den Diskussionen immer wieder gesagt, dass es einzig und allein nur die SU ist, die immer wieder um die Erhaltung des Friedens bemüht ist, und auch die Interessen des deutschen Volkes zu seiner Wiedervereinigung vertritt. Die Rede Molotows gibt ganz klar den Beweis, wer die eigentlichen Unruhestifter in der Welt sind.

So sagte ein parteiloser Genossenschaftsbauer aus der LPG Tremmen, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam: »Ich kann es nur begrüßen, dass die SU die Linie der Erhaltung des Friedens beibehält. Auch die Amerikaner müssten nun doch erkennen, dass sie nicht tun können was sie wollen, sondern dass das werktätige Volk in allen Ländern entscheidet, ob es einen Krieg gibt, oder der Frieden erhalten bleibt.«

Durch die bevorstehende zweiten Lesung der Pariser Verträge im Bonner Bundestag27 beginnen jetzt wieder die Diskussionen über die Pariser Verträge und die Aufstellung Nationaler Streitkräfte in der DDR im Falle der Ratifizierung der Pariser Verträge. Fortschrittliche Kräfte diskutieren darüber, dass die Ratifizierung auf jeden Fall verhindert werden muss und jeder dafür eintreten müsse, auch wenn es mit der Waffe in der Hand ist.

Jetzt beginnt man auch in Versammlungen, Protestresolutionen und Briefe an Abgeordnete des Bonner Bundestages zu schreiben. In diesen fordert man, die zweite Lesung der Pariser Verträge zu verhindern und gegen die Ratifizierung zu stimmen.

So sandten z. B. die Angestellten des staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl, eine Protestresolution an den Bundestagsabgeordneten Helmut Petersen,28 Düsseldorf mit der Aufforderung, gegen die Pariser Verträge zu stimmen. Sie schrieben: »Seien Sie sich der großen Verantwortung bewusst und handeln Sie als Patriot.«

Diese Resolution wurde von den Anwesenden angenommen.

In der Gemeinde Mahlpfuhl, [Kreis] Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, haben die Einwohner sieben Briefe an den Bonner Bundestag geschickt, welche von 77 Einwohnern unterzeichnet wurden.

In weiteren Orten des Kreises wurden Protestresolutionen verfasst und nach Westdeutschland versandt.

In MTS, VEG und LPG traf man Vorbereitungen zum »Tag der Bereitschaft«.29 Dabei wurde festgestellt, dass in den meisten Betrieben eine gute Arbeit zu verzeichnen ist. Fast alle Maschinen, ausgenommen die, wo keine Ersatzteile erhältlich sind, sind einsatzfähig. Auch die Beteiligung an den Versammlungen und Besichtigungen, die zum Tag der Bereitschaft durchgeführt wurden, war besser als in den vergangenen Jahren. Es kamen sogar Einzelbauern, die sich zum größten Teil positiv über den Zustand der Maschinen äußerten. Man brachte auch offen die Fehler und Mängel vor, die an den Maschinen noch nicht entdeckt wurden. Das zeigt, dass in der Landwirtschaft Fortschritte gemacht wurden, die nicht zu unterschätzen sind und den Beweis dafür erbringen, dass ein großer Teil der Landbevölkerung an der Verbesserung ihrer Arbeit interessiert ist.

Im Bezirk Halle wurde z. B. am »Tag der Bereitschaft« festgestellt, dass fast alle Maschinen einsatzfähig sind und die Vorbereitungen und Durchführung zufriedenstellend waren. Der Abschluss der Verträge bei den MTS beläuft sich bei vier MTS im Kreis Artern auf ca. 84 %.

In der MTS Kamenz, [Bezirk] Dresden, wurden zum »Tag der Bereitschaft« bis 11.00 Uhr 200 Besucher gezählt. Das war im Verhältnis zu den letzten Jahren eine gute Beteiligung. Unter anderem stellte dort ein werktätiger Bauer an einer Maschine einige Mängel fest und gab Ratschläge, wie man diese Mängel beseitigen könne.

Trotz der guten Vorbereitung des »Tages der Bereitschaft« und der Einsatzfähigkeit der meisten landwirtschaftlichen Maschinen hätte ein besserer Erfolg erzielt werden können, wenn die MTS die genügenden Ersatzteile zur Reparatur ihrer Maschinen von den staatlichen Handelsorganen erhalten hätten. Obwohl auch die Frage der Ersatzteilbeschaffung oft auch an der schlechten Arbeit der MTS lag, so muss man doch sagen, dass auch unser staatlicher Handel nicht genügende Vorbereitungen getroffen hatte, den Bedarf der MTS mit Ersatzteilen zu befriedigen. Der Erfolg davon ist, dass bei der Überprüfung der Maschinen und Traktoren ebenfalls anlässlich des »Tages der Bereitschaft« von der VP einige Traktoren für den Verkehr gesperrt wurden.

Das war z. B. im Bezirk Halle der Fall. Die VP musste einen Teil der bereits reparierten Maschinen als nicht einsatzbereit erklären, weil durch das Fehlen des Kabels die elektrischen Anlagen nicht funktionierten. Das Bezirkskontor in Halle war nicht in der Lage, das Kabel termingerecht zu liefern, obwohl im privaten Handel genügend vorhanden war.

Das Bezirkskontor verstand es nicht, in einem Vierteljahr die notwendigen Kabel zu beschaffen. Es wurde auch festgestellt, dass das Bezirkskontor die von den MTS so dringend benötigten Ersatzteile deshalb nicht auslieferte, weil die Ersatzteile erst ausgezählt und verpackt werden mussten. Diese Arbeit hatte eine tagelange Lagerung zur Folge.

Die MT-Stationen Urbach und Eckstedt, [Bezirk] Erfurt, haben wie vorgesehen ihr Winterreparaturprogramm an Traktoren planmäßig erfüllt.

Eine Überprüfung durch die Verkehrspolizei ergab aber, dass wegen nicht vorschriftsmäßiger Sicherheit 20 Traktoren aus dem Verkehr gezogen wurden.

In den rein landwirtschaftlichen Bezirken wie Neubrandenburg und Frankfurt/Oder zeigt sich, dass der »Tag der Bereitschaft« nicht solche Erfolge hatte, wie das in den Industriegebieten der Fall ist.

So wurde z. B. in der MTS Lübbenow,30 [Kreis] Strasburg,31 [Bezirk] Neubrandenburg, festgestellt, dass zum »Tag der Bereitschaft« kaum Vorbereitungen getroffen wurden. Auf dem Hof lagern zum Teil noch die Ersatzteile. Die Traktoren und Raupen standen noch im Schmutz.

Ebenso waren die Vorbereitungen im Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, mangelhaft. Die Schuld ist hier den MTS zuzusprechen. Die MTS im Kreis Eberswalde haben nicht verstanden, mit den Bauern 100%ig Verträge abzuschließen. Besonders mangelhaft ist der Abschluss von Verträgen über die Anwendung von Neuerermethoden32 laut Beschluss des Ministerrates.33

Nach Berichten aus dem Bezirk Potsdam treten jetzt in der Neufestsetzung der Arbeitseinheiten34 für 1955 Schwierigkeiten in den LPG auf. Die Arbeitseinheiten mussten deshalb niedriger festgesetzt werden, weil viele LPG im letzten Jahr unrentabel gearbeitet haben und für 1955 hohe Kredite übernommen werden mussten.

In einigen LPG des Kreises Wittstock haben bis jetzt nur die LPG-Vorsitzenden davon Kenntnis. Wenn das aber den Mitgliedern unterbreitet wird, dann ist damit zu rechnen, dass viele Genossenschaftsbauern ihren Austritt aus der LPG erklären oder dass es zu anderen Ausschreitungen kommt.

In den LPG Ketzin und Pausin, [Kreis] Nauen, [Bezirk] Potsdam, wurden die Arbeitseinheiten auf DM 5,00 festgesetzt. Davon erfuhren die Mitglieder am 17.2.1955. Daraufhin waren von 30 Mitgliedern der LPG Ketzin 21 am 17.2.[1955] nicht zur Arbeit erschienen. Sie begründeten es damit, dass sie für 5,00 DM nicht mehr weiterarbeiten wollten, da sie mit diesem Geld ihre Familien nicht ernähren könnten. Auf einer sofort einberufenen Vollversammlung wiederholten die Mitglieder ihre Forderungen.

Die Mitglieder der LPG Pausin haben am 18.2.[1955] ihre Arbeit ebenfalls mit der gleichen Begründung nicht aufgenommen.

In der LPG Planitz-Deila, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurde laut Meldung vom 18.2.1955 von neun Mitgliedern die Arbeit niedergelegt. Begründung hierfür ist die Nichtauszahlung der restlichen Arbeitseinheiten. Der Initiator der Arbeitsniederlegung wurde aus der LPG ausgeschlossen.

Schweinepest

In zwei Orten des Bezirkes Schwerin wurde die Schweinepest festgestellt. 42 Tiere wurden von dieser Seuche befallen und notgeschlachtet.

Am 17.2.1955 wurde unter dem Schweinebestand der ÖLB Krohnhorst, [Bezirk] Neubrandenburg, die Schweinepest festgestellt der Gesamtbestand von 45 Schweinen wurde notgeschlachtet.

Am 18.2.1955, gegen 18.00 Uhr, brach in der LPG sowie bei einem Mittelbauern in Schernberg, [Kreis] Sondershausen, [Bezirk] Erfurt, ein Brand aus, bei welchem eine Scheune der LPG und die Scheune sowie die Stallungen des Mittelbauern niederbrannten. Sachschaden: Scheune der LPG etwa 4 000, Stallungen und Scheune des Mittelbauern ca. 6 000 DM. Brandursache noch nicht ermittelt.

Am 21.2.1955, gegen 13.00 Uhr, brach in der Gemeinde Frauenhagen, [Kreis] Pasewalk, [Bezirk] Neubrandenburg, bei einem werktätigen Bauern ein Brand aus. Die Scheune ist bis auf die Grundmauern abgebrannt. Mitverbrannt sind ein neuer Dreschkasten im Werte von 11 000 DM, 16 Schafe, sechs Lämmer sowie Saatgetreide. Menge noch nicht bekannt. Der Gemeindeschaden beläuft sich auf ca. 20 000 DM. Nach bisherigen Ermittlungen ist vermutlich der fünfjährige Sohn des werktätigen Bauern der Brandstifter. Das Kind gab an, mit Streichhölzern in der Scheune Eier gesucht zu haben, wobei der Brand entstanden sei.

Einschätzung der Situation

Allgemein ist eine Abnahme der politischen Gespräche zu verzeichnen. Zu den aktuellen Fragen wird meist von fortschrittlichen Kreisen positiv Stellung genommen. Der Kampf in Deutschland gegen die Pariser Verträge findet noch nicht genügend Anteilnahme bei den Massen.

Auf wirtschaftlichem Gebiet, z. B. bei der Vorbereitung der Frühjahrsbestellung und in der Normenfrage, wie z. B. bei der Wismut,35 zeigen sich gute Fortschritte. Der wachsende Einfluss unserer Partei wird dabei deutlich sichtbar. Hemmend auf diese Entwicklung wirken die Produktionsschwierigkeiten in zahlreichen Betrieben, da viele dieser Schwierigkeiten bei planmäßiger Arbeit zu vermeiden wären.

Der Gegner benutzt die Versorgungsschwierigkeiten, um die zunehmende Unzufriedenheit zu schüren und die Menschen zum Hamstern zu verleiten.

Desgleichen benutzen die feindlichen Elemente die Gewerkschaftswahlen36 um Einfluss zu gewinnen.

Ebenso wird die Hetze gegen die Jugendweihe37 teilweise noch weitergeführt.

In der Feindpropaganda entwickelt der Gegner jetzt vor allem eine starke Hetze gegen die Neufestsetzung der Normen und gegen die planmäßige Arbeitskräftelenkung.

Die feindliche Flugblattverbreitung hat weiter nachgelassen und ist zurzeit nur wenig bedeutend.

Anlage 1 vom 21. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2426

Bericht über die Umgruppierung von Arbeitskräften in der Zeit vom 15. bis 21.2.1955

Seit dem letzten Bericht38 hat sich zum o. g. Problem39 keine wesentliche Änderung ergeben. Im Allgemeinen wird der Ministerratsbeschluss eingehalten und zu einer formalen Durchführung kommt es nur in wenigen Fällen. Diskussionen größeren Umfanges werden auch weiterhin nicht geführt, sondern gesprochen wird meist nur in den Betrieben, wo sich Umgruppierungen notwendig machen.

Zum Beispiel wurden beim Rat des Kreises Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, aufgrund der Stellenplankürzungen einige Entlassungen ausgesprochen. Unter diesen befand sich eine Kollegin, welche Buchhalterin und gleichzeitig perfekte Stenotypistin ist. Dazu äußerte ein Kollege: »Jetzt werden gute Buchhaltungskräfte entlassen und nachher werden wieder welche mit der Laterne gesucht, wogegen man Nieten so mit durchschleppe und nicht entlässt.«

Die Entlassungen wurden der BGL nicht unterbreitet, sondern eigenmächtig vom stellvertretenden Ratsvorsitzenden ausgesprochen.

In der Volkswerft Stralsund äußerte ein Betriebsabrechner, dessen Frau aus dem gleichen Betrieb freigestellt wurde, ohne Nachweis einer neuen Arbeitsstelle: »Das zwangsmäßige Durchführen der Umbesetzung von Arbeitern wird einen neuen 17. Juni40 herausbeschwören.«

Im Werk für Fernmeldewesen Berlin wird über die Entlassungen der Westberliner41 heftig diskutiert. Die Kollegen sind entrüstet, weil die Betriebsleitung nicht offen mit den einzelnen Bereichsleitern darüber gesprochen hat. Bei einer Besprechung hat der Werkleiter angegeben, dass 30 Westberliner zur Entlassung kommen sollen. Die einzelnen Wirtschaftsfunktionäre haben danach ihren Arbeitskräfteplan abgestimmt. Erst nachträglich wurden Kollegen zum Arbeitsdirektor gerufen und bekamen dort ihre Entlassungspapiere ausgehändigt. Unter anderem wurden in der Abteilung Spezialröhre zwei gute Arbeitskräfte entlassen, für die noch kein Ersatz vorhanden ist. Eine Anlernzeit für diese Arbeit beträgt mindestens ein halbes Jahr. Auch in der Abteilung UKW Großsenderöhre wurde ein Kollege mit jahrelanger Berufserfahrung entlassen. Für einen gleichwertigen Ersatz ist eine einjährige Anlernzeit notwendig.

Anfang Februar bekamen ungefähr 80 Kollegen des VEB Raumgestaltung Berlin, Petristraße, ihre Kündigungen per Einschreiber ins Haus geschickt. Die Betroffenen sowie die im Betrieb verbliebenen Kollegen sind über die Art der Durchführung der Kündigungen empört. Nach ihrer Ansicht ist ein derartiges Vorgehen schlimmer als früher bei den privaten Unternehmern.

Durch die Kündigung der Westberliner Kollegen sowie durch Krankmeldungen machten sich Versetzungen innerhalb der KG-Mitte Berlin notwendig. Daraufhin stieg der Krankenstand besonders rapide an, (9,7 % = 127 Personen) denn die Kollegen, die man versetzen wollte, ließen sich einfach krankschreiben.

Bei der Unterbringung von Arbeitskräften aus der Industrie in die Landwirtschaft treten immer wieder insofern Schwierigkeiten auf, weil die wegen der niedrigeren Bezahlung sowie der Wohnverhältnisse vielfach abgelehnt wird.

Zum Beispiel äußerte ein Lehrausbilder im Schiffbau der Warnowwerft Rostock, der vom Lande stammt und dorthin zurückgehen sollte: »Ich gehe nicht aufs Land zurück. Wenn ich nicht hier als Lehrausbilder weiterarbeiten darf, dann gehe ich nach Hamburg.«

In der MTS Sonnewalde, [Kreis] Finsterwalde, [Bezirk] Cottbus, arbeiten zurzeit vier Kollegen aus der Industrie. Sie sind mit der Bezahlung nicht einverstanden und erklären: »Wenn wir das gewusst hätten, dass hier der Lohn so niedrig ist, wären wir nie aufs Land gegangen. Wir werden versuchen, wieder in die Industrie zurückzukommen.«

In der LPG Ronneburg, [Bezirk] Gera, sind die gleichen Erscheinungen zu verzeichnen und ein Industriearbeiter hat bereits seine Mitgliedschaft rückgängig gemacht.

Anlage 2 vom 21. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2426

Bericht über Lohn- und Normfragen in der Zeit vom 15. bis 21.2.1955

Wie bereits berichtet, geht man jetzt in den Betrieben dazu über, die Normen zu überprüfen und neu festzusetzen. Dies ist u. a. auch bei der Wismut AG der Fall. Dort zeigt sich, dass viele Kumpels von selbst einsehen, dass die jetzigen Normen nicht mehr real sind und neu festgesetzt werden müssen.42

Unter anderem hat die Brigade Dombek,43 Konzentrat-Brigade Zeche a, Objekt 101, Crossen, [Kreis] Zwickau, bereits im Dezember 1954 vorgeschlagen, ihre Norm um 9,5 % zu erhöhen.44 Dies wurde von der Gewerkschaft mit der Begründung abgelehnt, dass technisch begründete Normen45 nur vom Normierer festgelegt werden können. Die Brigade hat im Dezember schon alles vorbereitet und ist auch jetzt noch bereit die Erhöhung vorzunehmen, was jedoch immer noch nicht möglich ist, weil eben die Normierer die Normen festsetzen müssten.

Bei guter Aufklärung, vorheriger Aussprache mit den Kumpels und bei Verbesserung der Arbeitsorganisation wird im Wismut-Gebiet die Normenfrage ohne große Schwierigkeiten zu lösen sein. Nachteilig wirkt sich zurzeit noch aus, dass noch nicht von allen Parteileitungen sowie Massenorganisationen die Wichtigkeit der Normfrage erkannt und demzufolge die Aufklärungsarbeit noch nicht überall so durchgeführt wird, wie es sein müsste.

Zum Beispiel wird vonseiten der hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionäre des Objektes 101 Crossen, [Kreis] Zwickau, die Arbeit in Bezug auf die Normenfrage als zusätzliche Belastung speziell jetzt, während der Zeit der Gewerkschaftswahlen aufgefasst und sie haben sich noch nicht so aktiv eingesetzt, wie es sein müsste. Dies zeigt sich darin, dass sie nicht verstehen die Diskussionen über die Gewerkschaftswahlen gleichzeitig mit der Normenfrage zu verbinden. Man trennt beides und die Frage der Normen wird in den Hintergrund gedrängt.

Dass bei guter Aufklärungsarbeit der Erfolg nicht ausbleibt und wie aufgeschlossen unter anderem die Kumpels der Normenfrage gegenüberstehen, zeigen nachfolgende Beispiele.

In der Zeche I Fabrik 95, Objekt 96 Freital führte der Parteisekretär eine Aussprache mit den Kumpels. Unter anderem zeigte er den Kumpels auf, dass es ein ungesundes Verhältnis ist, wenn die Normerfüllung im Durchschnitt jetzt bei 190 % bis 200 % liegt.

Nach eingehender Diskussion verlangten die Kumpels die Abfassung eines Schriftstückes, welches beinhalten soll, dass die Normen technisch überprüft und nach neuen Normen gearbeitet werden solle. Nachdem das Schriftstück verfasst war, waren alle damit einverstanden und sie verlangten nur noch den Zusatz, dass diesem Beispiel auch die anderen Betriebspunkte im Objekt nacheifern sollten. Dieses Schriftstück soll ausgehängt und zur Diskussion gestellt werden.

Beispiele, wo Kumpels verlangen, dass ihre Normen überprüft werden sollen, sind in fast allen Schächten zu verzeichnen. Unter anderem verlangten acht Brigadiere vom Schacht 254 Freital schriftlich, dass in Kürze eine Überprüfung der Normen stattfinden muss, da sie der Meinung sind, dass die festgesetzten Normen nicht mehr real sind.

Eine Brigade vom Revier II Schacht 277 Zobes, [Kreis] Auerbach, erklärte sich freiwillig bereit, ihre Norm um 20 % zu erhöhen. Hiermit will die Brigade als erste in Zobes den Beweis erbringen, dass durch die Erhöhung der Norm die Arbeitsproduktivität gesteigert und somit unsere Arbeiter-und-Bauern-Macht gefestigt wird.

Bei den Aussprachen mit den Kumpels tritt immer wieder in Erscheinung, dass sie nicht grundsätzlich gegen die Neufestsetzung der Normen sind, dass dies aber immer wieder mit der Forderung nach einer besseren Arbeitsorganisation verbunden wird.

Zum Beispiel sagte ein Kumpel von der Bohrabteilung II des Objektes 29 Gera: »Wir haben nichts dagegen, wenn die technisch begründeten Normen überprüft werden, aber die Zufuhr von Material muss gesichert sein, nicht dass wir das Material 500 m in den großen Schlamm bis zu unserer Bohrabteilung transportieren müssen.«

Ein anderer Kumpel, ebenfalls aus dem Objekt 29/Gera äußerte: »Es ist längst Zeit, dass die Normen überprüft werden und dass nicht immer ein und dieselben mit 1 500 bis 2 000 DM nach Hause gehen und die andern mit 400 bis 500 DM. Wenn die Normen überprüft werden, muss auch die Gewähr gegeben sein, dass die Materialzufuhr gesichert ist.«

Ein Lokführer vom Schacht 207/Aue erklärte: »Wir sind jederzeit bereit, nach technisch begründeten Normen zu arbeiten, wenn die Voraussetzungen einer guten Arbeitsorganisation geschaffen sind.«

Allgemein zur Stimmung der Wismutkumpel zur Normenfrage kann gesagt werden, dass sich ein großer Teil aufgeschlossen zeigt, es aber auch nicht wenige sind, die sich zurückhalten und nur ein geringer Teil äußert sich direkt feindlich. Bei diesen feindlichen Argumenten taucht immer wieder der 17. Juni auf. Entweder so, dass an den Tag erinnert wird oder mit einem zweiten 17. Juni gedroht wird.

Zum Beispiel brachten einige Kumpels vom Gesenk 78/Aue zum Ausdruck, dass für eine Normerhöhung die technischen Voraussetzungen fehlen würden und die Kumpels sollten nicht unterschreiben. Wenn dies aber trotzdem erzwungen würde, wäre die Wiederholung eines zweiten 17. Juni gegeben.

Bei einer Unterhaltung über die Normenfrage sagte ein Kumpel von der Bohrabteilung des Objektes 29 Gera: »Die haben wohl den 17. Juni vergessen?«

Ein anderer Kumpel von der Garage I Aue äußerte: »Wir stehen vor einem zweiten 17. Juni und müssen zusammenhalten, damit eine Normenerhöhung nicht durchgepeitscht werden kann.«

Zur Normenfrage im Allgemeinen ist zu sagen, dass es neben den positiven Erscheinungen, dass z. B. eingesehen wird, dass die Normen nicht mehr real sind, und dass die Rentabilität nur erreicht werden kann, wenn nach technisch begründeten Normen gearbeitet wird, eine ganze Reihe von Beispielen gibt, wo man bei der Überprüfung der Normen auf Unverständnis stößt. Am verbreiteten ist die Ansicht, dass die Neufestsetzung der Normen eine Lohnminderung, bzw. eine Verschlechterung des Lebensstandards der Arbeiter zur Folge habe.

Dazu kommt noch, dass die Aufklärung vielfach noch ungenügend ist.

Zum Beispiel wurde im VEB Feinprüf in Schmalkalden,46 [Bezirk] Suhl, von allen Brigaden der Wettbewerb von Mann zu Mann mit dem Hauptziel: Die Schaffung technisch begründeter Arbeitsnormen, entfaltet. Die Mehrzahl der Arbeiter ist der Meinung, dass das Ziel des Wettbewerbs niedrigere Löhne der Arbeiter seien. Dazu äußerte ein parteiloser Kollege: »Man versteht es bis heute immer noch nicht, mit den Arbeitern so zu diskutieren, dass sie von den technisch begründeten Arbeitsnormen überzeugt werden. Viele sehen immer nur darin eine Senkung der Löhne und demzufolge hält sich ein Teil der Arbeiter mit ihren wirklichen Arbeitsleistungen zurück. Andere wieder sind der Ansicht, solange wie die Wirtschaftsfunktionäre des Betriebes noch so viel Geld verdienen, es für den Arbeiter auch nicht zu viel sei, wenn er seine Norm mit 180 % erfüllt.«

Der TAN-Sachbearbeiter im RAW Meiningen erklärte, dass im RAW in sämtlichen Brigaden, wo er über Einführungen technisch begründeter Arbeitsnormen gesprochen habe, die Kollegen zum Ausdruck brachten, dass »dies nur auf die Arbeiter zurückschlägt«.

Im VEB IKA in Suhl wird zur Normenfrage negativ diskutiert. Der überwiegende Teil der Kollegen ist der Meinung, dass ein Stundenlohn von DM 2,00 bei den heutigen Verhältnissen nicht zu hoch sei.

Im VEB Kinderfahrzeuge Großschönau, [Kreis] Zittau bildet die Normenfrage zurzeit einen Schwerpunkt. In den Versammlungen der BGL und BPO wird das Problem eingehend behandelt, jedoch stehen einige Kollegen auf dem Standpunkt, sich niemals die Normen neu abstoppen zu lassen.

Ein Arbeiter aus dem Dieselmotorenwerk Rostock äußerte: »Wenn es so ist, wie der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung sagte, dass eine Norm erst dann richtig ist, wenn sie zu 110 % erfüllt wird, dann ist dies gleichbedeutend mit einem Ausbeutersystem.«

Zum anderen entsteht mitunter auch deshalb in den Betrieben eine schlechte Stimmung, wenn an die Normenfrage formal herangegangen wird.

Zum Beispiel wurden im Kunstseidenwerk »Friedrich Engels« in Premnitz, [Kreis] Rathenow, [Bezirk] Potsdam, in den Reparaturwerkstätten aufgrund der Umstellung der TAN die Vorgabezeiten verkürzt. Die Arbeiter sind darüber sehr verärgert, da sie dadurch ihre Norm nicht mehr schaffen und zwar trifft dies nicht etwa für Bummelanten zu, sondern auch für die besten Arbeiter. In den Diskussionen zwischen den Arbeitern und den TAN-Sachbearbeitern äußerten diese, dass die Normen noch mehr erhöht werden sollen und die Arbeiter dann noch weniger verdienen würden. Über diese Äußerung sind die Arbeiter sehr empört.

Im VEB Gießerei Schmiedeberg, [Kreis] Dippoldiswalde, [Bezirk] Dresden, kam es zu Unstimmigkeiten, weil in der Tempergießerei den Schleiferinnen eine vorläufige Norm gegeben wurde, die sie sehr hoch erfüllen und dadurch zu einem monatlichen Verdienst von 592 DM kommen. Dieser Verdienst liegt über dem der Former. Der Verdienst entspricht nicht der geleisteten Arbeit und dadurch entstanden große Unzufriedenheiten unter den Arbeitern. Es ist jetzt schwer, die bestehenden Normen zu verändern.

Am 16.2.1955 fand im Rathaus Dresden eine öffentliche Stadtverordnetensitzung statt, auf der Unrentabilität des Holzverarbeitungsbetriebes der Stadt Dresden zur Diskussion stand. Es wurde besonders über die bestehenden Normen gesprochen, die als vollständig unrentabel bezeichnet würden. Der Sprecher aus der Normenabteilung zeigte anhand von Beispielen, dass das im Jahre 1954 zu verzeichnende Defizit von mehr als 200 000 DM der Ausdruck schlechter Normierung sei und wegen vorhandener Gesetzgrundlage nicht beseitigt werden könne. Um den Betrieb rentabel zu gestalten, sind bereits Verhandlungen mit dem FDGB geführt worden, die jedoch ohne Erfolg blieben.

Von feindlichen Elementen wird immer wieder versucht, entweder durch Gerüchteverbreitung oder durch feindliche Äußerungen Stimmung gegen die Normenfrage zu machen. Bis jetzt sind dies aber nur Einzelerscheinungen.

Zum Beispiel ist im VEB Hochbau Friedrichshain/Berlin die Stimmung unter den Kollegen nicht gut, weil jetzt die durchgeführten Arbeiten nach den geltenden Normen verrechnet werden. Die Arbeiter sehen darin eine Erhöhung der Normen. Außerdem ist ihnen bekannt geworden, dass im nächsten Monat ein Normenkatalog herausgegeben wird. Daraufhin wird erzählt, dass durch diesen Katalog eine Erhöhung der Normen erfolge, die sich zu Ungunsten der Arbeiter auswirken werde. In einer Unterhaltung über die Normenerhöhung sagte ein Kollege der Zimmererbrigade: »Wenn ihr so weitermacht, marschieren wir bald wieder.«

Zu verzeichnen ist, dass die Funktionäre der BPO und der BGL nicht zu den Arbeitern gehen und sich mit ihnen über die Lohn- und Normenfrage unterhalten.

Ein Brigadier vom VEB Industriebau Berlin, Baustelle Wilhelmstraße äußerte gegenüber einem Kollegen der Verwaltung: »Gib Dir keine allzu große Mühe mit Deinen Normen, bald brauchen wir sie nicht mehr, dann arbeiten wir wieder ohne Normen.«

Im VEB Keramische Werke in Hermsdorf, [Kreis] Stadtroda, [Bezirk] Gera, sagte ein Kollege: »Passt auf, es dauert nicht mehr lange und wir fressen wieder trocken Brot. Die Normen werden wieder so gedrückt, dass wir nichts verdienen können, denn nur durch Hunger erhält man ein billiges Volk.«

Anlage 3 vom 22. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2426

Auswertung von Hetzschriften

Die KgU47 hetzt in den verschiedenartigsten Hetzschriften, die auf dem Postwege versandt werden, gegen die derzeitige Versorgungslage in der DDR. Die dabei aufgestellten verleumderischen Behauptungen werden mit der Hetze gegen verschiedene Probleme verbunden. So wird z. B. in einem Hetzschreiben mit der Überschrift »An die Bevölkerung der DDR« gegen die Aktion »Kader aufs Land«48 gehetzt. Der Einsatz von Funktionären würde keinesfalls eine Verbesserung der Versorgung bringen, da selbst die Landwirtschaft in der SU noch jetzt mit Schwierigkeiten zu kämpfen habe. Zum Verhalten gegenüber aufs Land kommender Funktionäre heißt es: »… Zeigt euch nicht als offensichtliche Gegner dieser Funktionäre, sondern seid freundlich zu ihnen, denn sie haben alle Vollmachten und vernichten rücksichtslos die sogenannten Feinde der DDR. Sie werden in den Dörfern Helfer suchen, denen sie gewisse Vorteile einräumen. Oftmals handelt es sich hierbei um kriminelle Elemente. Meldet die Verfehlungen dieser Handlanger anonym, damit sie sich selbstkritisch zerfleischen. Lasst euch nicht durch Gerüchte irritieren! …«

In einem Schreiben an Zahnärzte heißt es dazu u. a.: »… Ich meine, sie sollten etwas für die Wiedervereinigung Deutschlands tun. Schließlicherweise hat der 17. Juni bewiesen, dass etwas getan wurde und wenn die Stimmung der Bevölkerung weiter so kritisch wie in den letzten Monaten bleibt, dann kann schon wieder einmal etwas passieren …«

Auch in einem Schreiben an Hausfrauen in der DDR wird in gleicher Weise Stellung genommen und betont, dass sich die Bevölkerung der DDR nicht mit der derzeitigen Versorgungslage zufriedengeben werde.

Ein kleines Flugblatt der KgU spricht von der »Krisenanfälligkeit des kommunistischen Staatskapitalismus«, wobei vorgenommene Entlassungen zur Beweisführung benutzt wurden. Das Flugblatt schließt mit dem Aufruf: »… Arbeiter, Angestellte in der Sowjetzone – eure Kampfmittel dagegen sind Passive Resistenz und Solidarität!«

Erstmalig wird in einem Flugblatt der KgU zur Jugendweihe Stellung genommen. Es wird von Beschränkung der Glaubensfreiheit gesprochen und die Eltern werden aufgefordert, »einmütig die kommunistische Jugendweihe abzulehnen, dann sei auch der totale Staat machtlos«.

In einer Ausgabe der Hetzschrift »Der Tag«49 wird davon gesprochen, dass »an den Hochschulen der politische Kampf entbrannt« ist. Verbunden mit einer Hetze gegen die FDJ heißt es, dass jetzt von jedem Studenten die politische Entscheidung gefordert würde, und dass die FDJ die Hochschulen »säubern« solle. Es heißt weiter, dass sich aber die Studenten nicht »terrorisieren« lassen würden und besonders in der Frage der Aufstellung Nationaler Streitkräfte eine ablehnende Haltung einnehmen und ihre »wahre Meinung dazu offen zum Ausdruck bringen«. Darüber heißt es zum Schluss des Artikels »… Im Westen wird man aufmerksam verzeichnen müssen, dass das freiheitliche Denken an den sowjetzonalen Hochschulen auch von dem herrschenden Regime nicht ausgemerzt werden kann«.50

Mit einer Hetzschrift »Hexen-Einmaleins des Kremls« soll Hass gegen die SU erzeugt werden. Unter Bezugnahme auf die Moskauer Verhandlungen im Jahre 195351 über den Erlass der Reparationen u. a. durch die SU soll anhand von Zahlenbeispielen bewiesen werden, dass die SU der DDR durch die Moskauer Beschlüsse nichts geschenkt hat, sondern dass die DDR viel mehr habe »bezahlen müssen«, als jemals festgelegt worden sei. Zum Schluss wird auf eine vom »Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen« herausgegebene Broschüre »Die Reparationen der sowjetischen Besatzungszone in den Jahren 1945 bis Ende 1953«52 hingewiesen.

Auf gefälschten Briefbogen mit dem Briefkopf des »Verbandes der Deutschen Presse« wird zu internationalen Problemen Stellung genommen, wobei in der jetzigen Ausgabe besonders das Verhältnis zwischen der SU und Volkschina verleumdet wird.

Anlage 4 vom 22. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2426

Auswertung der Westsendungen

In zahlreichen Sendungen setzt RIAS53 seine Hetze gegen die technisch begründeten Arbeitsnormen fort und argumentiert, dass die Normenzeiten in erster Linie in den Betrieben gekündigt würden, die im Vorjahr besonders unrentabel gearbeitet hätten oder dort, wo Betriebsleitungen Sonderverpflichtungen zur Selbstkostensenkung eingegangen wären. Zur Beunruhigung der Arbeiter wird verbreitet, dass in diesen Betrieben Senkungen der Monatslöhne bereits um 20 bis 40 % erfolgt seien. Mit einer Hetze gegen den FDGB werden die Arbeiter aufgefordert, sich selbst zu helfen, und sich gegen die Normen zu wehren. Sie sollen sich nachdrücklich auf die Richtlinien zur Ausarbeitung und Einführung technisch begründeter Normen vom 20.5.195254 und 11.10.195255 berufen.

Weiterhin hetzt RIAS gegen den Arbeitskräfteplan, wobei er sich besonders gegen den VEB Berliner Glühlampenwerk wendet. Mit verleumderischer Absicht behauptet er, dass dort Arbeiter aus Westberlin täglich entlassen würden, ohne Rücksicht darauf, dass sie schon 20 Jahre dort beschäftigt sind und ihre ganze Kraft dem Wiederaufbau dieses Werkes gewidmet hätten. Sie würden einfach auf die Straße gesetzt, »weil es eben der Parteileitung so passt«. Abschließend hetzt RIAS, dass bis Ende Februar alle Westberliner entlassen würden und dass dies die Folge von dem Ausgang der Westberliner Wahlen sei.56

In Fortsetzung der Hetze gegen die Kinder- und Jugendsportschulen57 argumentiert RIAS u. a.: »… Nach dem 17. Juni 1953 stellte die GST ihre Tätigkeit an den Berufs- und Oberschulen ein. Auf der Suche nach Möglichkeiten, aus den Oberschulen bereits vorgebildete Kader für das Unteroffiziers- und Offizierskorps der KVP herauszuziehen, fand sie Vorbilder in den ehemaligen nationalpolitischen Erziehungsanstalten der Hitlerzeit, den sogenannten Napolas.58 Genauso, nur mit anderen Vorzeichen, ist es heute. Die 15 Kinder- und Jugendsportschulen, die junge Menschen auf ihre Tätigkeit in der KVP vorzubereiten haben, sollen von der FDJ geleitet und der Partei überwacht werden«. Im Anschluss daran folgt die bereits bekannte, vor Kurzem berichtete Hetze gegen die Kinder- und Jugendsportschulen.

Im Zusammenhang mit einer Hetze gegen sowjetische Erziehungsmethoden bezichtigt der RIAS »die DDR, diese Methoden nach dem Roman ›Wie der Stahl gehärtet wurde‹59 überall dort anzuwenden, wo junge Menschen zusammenkommen, ob in Schule, Internat, Betrieb oder FDJ. Besonders scharf wird diese Methode der Kaderschmiede in der Fürsorgeerziehung angewendet« argumentiert RIAS weiter, und führt dazu als Beispiel den Jugendwerkhof in der ehemaligen Festung Königsstein60 an. Mit der Aufzählung von angeblichen Schikanen und »kommunistischem Drill« versucht RIAS, diese Fürsorgeheime als »Kadettenanstalten« und die Insassen als »Strafkompanien des Kommunismus« hinzustellen. So behauptet er z. B., »dass die Zöglinge bei einem Tagelohn von 0,55 DM von morgens 5.55 Uhr bis 20.30 Uhr nicht zur Ruhe kommen und dass die ehemaligen Gefangenen der Festung Königstein besser dran waren als die heutigen Insassen«.

Ferner treibt RIAS weiterhin eine umfangreiche Hetze gegen die Landwirtschaft im Allgemeinen und gegen die LPG und MTS im Besonderen.

Den Bauern prophezeit er eine unzureichende Kunstdüngerversorgung, da der Kunstdünger importiert würde und von der »ostzonalen Erfüllung der Exportaufträge« die Versorgung der Bauern in der DDR mit Kunstdünger abhängig sei. Bei der derzeitigen Situation sei mit der Erhöhung der Kontingente für 1955 nicht zu rechnen.

Zur Umwandlung der ÖLB in LPG61 wird argumentiert, dass die Umwandlung jetzt verstärkt vorangetrieben würde, weil die Forderung Walter Ulbrichts62 auf dem Kongress der Neuerer der Landwirtschaft am 17.1.195563 nicht erreicht worden sei. Statt der vorgesehenen 300 Betriebe seien nur 50 in LPG umgestaltet worden.

In Fortsetzung der Hetze gegen die MTS benutzt RIAS neben dem Argument der Nichterfüllung des Reparaturprogrammes jetzt das Entlohnungsprinzip und eine angebliche mangelhafte fachliche Leistung, die er besonders den Genossen in den MTS unterstellt.

Mit der Anführung des Entlohnungsprinzips beabsichtigt RIAS, Unruhe unter den MTS-Schlossern zu stiften und einen Keil zwischen die MTS-Schlosser einerseits und die Leiter und Traktoristen der MTS andererseits zu treiben. Die MTS-Schlosser werden aufgehetzt, dass sie die wichtigsten Arbeiter der MTS sind, die in der Regel als einzige eine abgeschlossene Berufsausbildung hätten, und den niedrigsten Lohn beziehen. Sie hätten außerdem den größten Verschleiß an Arbeitskleidung, Schuhen usw. und müssten sich ungerechtfertigte Vorwürfe anhören, wenn das Reparaturprogramm wegen Ersatzteilmangel nicht erfüllt werde. Dagegen würden die Traktoristen 700 DM und noch mehr verdienen, hätten auch sonst noch Vergünstigungen und ihre Arbeit würde immer als gut bewertet, anders als bei den Schlossern. Das sei darauf zurückzuführen, dass bei uns sowjetische Methoden in der Landwirtschaft eingeführt worden seien.

Zur fachlichen Eignung hetzt RIAS, dass die untauglichsten Leiter am ausdauerndsten seien, weil sie »gute SEDisten« wären, während die Fachkräfte unter den Leitern es vorziehen würden, in die Industrie abzuwandern, da sie dort mehr verdienten. Er führt dazu ein Beispiel von der MTS Langenwetzendorf an, wo innerhalb eines Jahres fünf verschiedene Leiter die Station übernommen und verlassen hätten.

Anlage 5 vom 21. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2426

Auswertung der Westsendungen

RIAS hetzt noch immer gegen die FDGB-Wahlen. Er vergleicht sie mit den Volkswahlen 1954 und erklärt verleumderisch, »dass die Partei in beiden Fällen nicht bereit ist, in ihrem Machtbereich freie Wahlen durchzuführen oder auch nur freie Wahlen zuzulassen. Bei den Volkswahlen z. B. wurden nur Stimmen abgegeben und bei den FDGB-Wahlen befahl die Partei, wer gewählt werden soll«.

Außerdem setzt der Sender seine Hetze gegen die Planung fort. Anhand von Zahlen versucht er zu beweisen, dass die Pläne nicht erfüllt wurden und nicht erfüllt werden können, weil es »Phantasieprodukte« seien, »die in der Bevölkerung die Hoffnung auf einen besseren Lebensstandard erhalten sollen«. An anderer Stelle wird versucht, die Pläne lächerlich zu machen, indem eine Reihe von Plänen aufgezählt wird wie z. B. Quartals-, Aufkaufs-, Transport-, Warenumschlags-, Presse- und Sauenbedeckungspläne.

Nach einer Hetze gegen den Arbeitskräfteplan und der Behauptung: »Seit Wochen häufen sich die Meldungen über Entlassungen von Arbeitern und Angestellten in den Betrieben und Verwaltungen der Sowjetzone. Auf der anderen Seite ist die Planerfüllung nach wie vor nicht nur durch die zum Teil noch mangelhafte Versorgung mit bestimmten Rohstoffen, sondern auch durch den akuten Arbeitskräftemangel gefährdet« versucht der Sender »Freies Berlin«64 diesen angeblichen Widerspruch zu begründen: »1. sind die Reparationslieferungen in Wegfall gekommen, die bis Anfang 1954 gerade in den Industriezweigen einen beachtlichen Teil beansprucht haben.65 Zum anderen ist es nicht gelungen, den Export so auszuweiten, wie die Erreichung des Zahlungsbilanz-Gleichgewichtes und die Aufrechterhaltung der industriellen Beschäftigung es erfordern. Zur Versorgung des sowjetzonalen Marktes allein aber sind diese Industrien überdimensioniert«.

Daraus schlussfolgert der SFB, »dass die Sowjetzonenwirtschaft keineswegs frei von Arbeitslosigkeit ist und dass die von den Kommunisten immer wieder in Anspruch genommene Fähigkeit, eine reibungslose proportionelle Entwicklung aller Teile zu garantieren, in der Sowjetzone ebenso wenig verwirklicht ist, wie in den anderen Ostblockstaaten«.

Mit einer umfangreichen Hetze gegen unsere Ersatzteilproduktion und »ihre Verteilung durch SED-Mitglieder« in den Kreiskontoren und Handelszentralen,66 die der RIAS der »Unfähigkeit« beschuldigt, hetzt er gleichzeitig gegen die MTS. Er verleumdet die MTS, dass sie durch die »Nichterfüllung ihrer Winterreparaturpläne« den Anforderungen der Einzelbauern nicht gewachsen sei. Den Einzelbauern stellt er dann weiterhin eine ungünstige Prognose bei ihrer Frühjahrsbestellung. Einmal durch die »mangelnde Kapazität der MTS, trotz der Senkung der MTS-Tarife«,67 dann durch den eigenen Fuhrpark, der einer Generalüberholung bedürfe, wozu die Ersatzteile fehlten und schließlich durch den Arbeitskräftemangel für die Gespanne. Mit einem Hinweis auf die »Freie Wirtschaft« in Westdeutschland, wo angeblich die Bauern diese Sorgen nicht kennen, da ihre Maschinen einsatzbereit auf ihren Höfen stünden, fordert RIAS die Einzelbauern auf, »sich nicht allein auf die MTS zu verlassen, denn dann wären sie verlassen, wenn die Frühjahrsarbeit beginnt«.

Auch an derer Stelle versucht der RIAS, die Lage der Einzelbauern in der DDR als katastrophal hinzustellen. Er bedient sich dabei in maßloser Übertreibung eines Beispiels aus Mecklenburg, dass er auf die DDR zu verallgemeinern versucht. Wörtlich heißt es dazu: »Es ist geradezu erschreckend, wie viele Bauern gerade jetzt wieder, und besonders schlimm ist es in Mecklenburg, Anträge auf Abnahme ihrer Wirtschaft bei den Räten der Kreise stellen. Darunter sind Neubauern, die 1945 Land aus der Bodenreform68 erhalten haben und die ihr Handwerk verstehen müssen. Jetzt, wo sie nicht mehr arbeiten können und sich auf ihre Kinder stützen wollen, holt man diese zur VP oder sie sind von selbst gegangen, weil sie erkannt haben, welches Schicksal die Sowjetzone den Einzelbauern zugedacht hat … Die kommunistische Agrarpolitik ist allein daran schuld, dass die Bevölkerung der Sowjetzone zehn Jahre nach dem Kriege noch immer unzureichend mit landwirtschaftlichen Produkten versorgt wird.«

Mit der Verherrlichung eines 2 000 Wirtschaften umfassenden bäuerlichen Gemeinschaftsunternehmens in Westdeutschland und der Diffamierung der LPG versucht der RIAS, die Unfähigkeit der Agrarpolitik in unserer demokratischen Ordnung zu beweisen. Unter anderem richtet er seine Hetze besonders gegen die LPG Worin und behauptet, dass diese die Arbeitseinheiten nur mit 73 Pfennige bewerten könnte. Austretende Mitglieder müssten 86 000 DM Schulden übernehmen.

In wiederholten Sendungen hetzt der RIAS erneut gegen die Lebensmittelversorgung in der DDR und versucht mit aufgebauschten Meldungen aus den einzelnen Kreisen über Versorgungsschwierigkeiten eine eventuelle Unruhe in der Bevölkerung zu schüren. Neuerdings verbreitet er, dass es in Zukunft auf Marken wieder Austauschprodukte gäbe, wodurch die verbliebenen Reste des Neuen Kurses69 beseitigt würden.

In einer Sendung für die Jugend hetzt der RIAS gegen den »Plan zur Förderung der Jugend im Jahr 1955«.70 Er bezeichnet diesen Plan als eine neue Maßnahme der Partei zur Ausnutzung der Jugend, die zwei Aufgaben zum Ziel haben: »Erstens die bessere Bespitzelung der Jugend durch die Verstärkung der Kontrollposten in den Betrieben und Werkstätten, wofür größere Geldsummen angekündigt wurden. Zweitens die Steigerung der Arbeitsproduktivität in den Jugendbrigaden zur besseren Ausnutzung der Jugend.« Mit dem Hinweis, dass die Jugend den Plan aufmerksam lesen sollen, warnt RIAS vor den Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht auf dem 2. Jungaktivistenkongress,71 die sich auf die Beschleunigung der Produktion und die Vermehrung der Arbeitsleistung jedes Einzelnen bezogen, weil das, bzw. die Jungaktivistenehrung nach RIAS eine Auszeichnung der Antreiber unter den jungen Arbeitern, Lehrlingen und eine Ausnutzung aller Jugendlichen sei.

Zu der Lehrstellenvermittlung im Förderungsplan hetzt RIAS, dass darin die Absicht liege, die überwiegende Zahl der Schulentlassenen nach einer zweijährigen Übergangszeit in den LPG und die VP auszunehmen, da die DDR nur 76 000 Lehrstellen habe und die Zahl der Schulentlassenen in diesem Jahr 181 000 betrage, wozu noch 45 000 aus dem Vorjahr kämen, die keine Lehrstellen erhielten.

In mehreren Sendungen wurde gegen die Ausführungen des Genossen Otto Grotewohl anlässlich des Jahrestages der Zerstörung Dresdens gehetzt.72 Dies wird gleichzeitig mit einer Hetze gegen die SU verbunden, die auch in den Westzeitungen zum Ausdruck gebracht wurde, wonach die Zerstörung Dresdens auf »ausdrücklichen Wunsch der SU« geschehen sei. eine weitere Hetze spricht von den »Raub von Kunstschätzen durch die SU«.

Anlage 6 vom 22. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2426

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 18. bis 21.2.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:

SPD Ostbüro:73

  • Halle 8;

  • Potsdam: Kreis Pritzwalk 450;

  • Dresden 8.

DGB Ostbüro:74

  • Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 2 000;

  • Halle: Kreis Quedlinburg 19.

»Freiheitsrat«75

  • Erfurt einige.

NTS:76

  • Halle, Gera und Karl-Marx-Stadt einige.

Unbekannter Herkunft:

  • Frankfurt 3 000 (Inhalt unbekannt);

  • Dresden einige in polnischer Sprache.

Die Hetzschriften beinhalten größtenteils Hetze gegen die KVP und VP, sowie Hetze gegen die Entwicklung in der DDR.

Am 18.2.1955 ist in Themar, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, ein Ballon von 8 m Durchmesser gefunden worden. An diesem Ballon war ein Korb mit ca. 80 cm Durchmesser befestigt, in welchem sich einige Tausend Hetzschriften befanden. Diese Hetzschriften waren in Zellophanhüllen verpackt. Zu bemerken ist dazu, dass in diesen Hüllen gleichzeitig Matrizen zur Anfertigung neuer Hetzschriften waren.

Von feindlichen Elementen wird immer wieder ein neuer ›17. Juni‹ erhofft. So äußerte z. B. eine Krankenschwester aus dem Krankenhaus Cottbus: »In diesem Jahr kommt wieder ein 17. Juni wie im Jahre 1953 nur mit dem Unterschied, dass dieser Tag zu einem früheren Zeitpunkt eintreten wird.« Ähnlich äußerte sich ein Arbeiter aus Cottbus.

Antidemokratische Tätigkeit

Ein Plakat der Nationalen Front77 in Görlitz, [Bezirk] Dresden, welches gegen die Pariser Verträge gerichtet war, wurde von unbekannten Tätern verändert, sodass eine Befürwortung zum Ausdruck gebracht wurde.

Ähnliches war im Rat des Kreises Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, zu verzeichnen, wo die Losung: »Wählt eure Besten in die Gewerkschaftsleitungen« in: »Gewerkschaftler, wählt eure Bestien in die Gewerkschaftsleitungen« umgeändert wurde.

Terror

Ein Oberfeldwebel vom Grenzkommando Klein Glienicke, [Bezirk] Potsdam, berichtete, dass er am 18.2.1955 gegen 1.30 Uhr von drei Personen überfallen wurde, wobei man ihm die Taschen untersuchte und die Mütze gestohlen hat. Die Täter konnten unerkannt entkommen. Der Oberfeldwebel trug eine Platzwunde über dem rechten Auge davon.

Ein Dachdeckermeister aus Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, erhielt einen Drohbrief, in welchem er zur Flucht nach Westberlin aufgefordert wurde, da gegen ihn Haftbefehl vorliege.

Die Ostseezeitung78 Bezirksredaktion erhielt einen anonymen Brief, an dem ein Zeitungsausschnitt mit der Karikatur von Adenauer,79 der an einem Baum hängt, geheftet war. Auf dem Zettel standen folgende Worte: »So wird es Euch gehen, wartet nur kurze Zeit!«

Durch die Kreisleitung der FDJ Weimar, [Bezirk] Erfurt, wurde mitgeteilt, dass an das Bezirksjugendclubhaus »Walter Ulbricht« ein gefälschtes Schreiben vom »Zentralrat der FDJ« geschickt wurde. In diesem Schreiben wird Bezug genommen, auf ein Schreiben des Bezirksjugendclubhauses der FDJ an den Zentralrat, betreffs Vorbereitungen der Schillertage der deutschen Jugend in Weimar80 am 2. und 3.4.1955. In diesem gefälschten Antwortschreiben wird darauf hingewiesen, dass der Zentralrat den Beschluss gefasst hat, an keiner Veranstaltung während der Schillertage teilzunehmen. Der Zentralrat hätte dazu keine Geldmittel zur Verfügung, alle Kräfte und Mittel müssten zur Verhütung der Ratifizierung der Pariser-Kriegsverträge und zur verstärkten Werbung für die KVP81 eingesetzt werden.

Gerücht

Im Stadtgebiet von Weimar, [Bezirk] Erfurt, ist das Gerücht in Umlauf, das männliche Personen von 17 bis 35 Jahren keine PM 1282 mehr erhalten würden, um nach Westdeutschland zu fahren.

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