Zur Beurteilung der Situation in der DDR
15. Februar 1955
Informationsdienst Nr. 2424 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Die Lage in Industrie und Verkehr
Während dieser Berichtszeit wurden die politischen Diskussionen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben vom Rücktritt des Genossen Malenkow1 beherrscht.2 Über alle anderen aktuellen Probleme wurde nur vereinzelt gesprochen, so auch über die Rede3 des Genossen Molotow4 und über die neueste sowjetische Deklaration.5
Zu diesen beiden Problemen wurden fast ausschließlich positive Äußerungen bekannt. Die Ausführungen des Genossen Molotow finden ebenso Anerkennung und Zustimmung wie die Deklaration.
Bei den Diskussionen über den Rücktritt des Genossen Malenkow zeigen sich keine wesentlichen Veränderungen. In der Mehrzahl sind die Stimmen, die die Handlungsweise des Genossen Malenkow richtig einschätzen. Sie erklären, dass dies keineswegs eine Schwäche sei, sondern von der Stärke einer Gesellschaft zeugt, da sie Menschen hervorbringt, die ihre Funktion in erster Linie zum Wohle ihres Volkes ausüben und sich nicht von egoistischen Bestrebungen leiten lassen. So etwas wäre in einem kapitalistischen Staat niemals möglich. Es gibt auch Einzelstimmen, die zum Ausdruck bringen, dass sich auch bei uns in der DDR einige besondere Wirtschaftsfunktionäre, an dem Genossen Malenkow ein Vorbild nehmen und ebenfalls einsehen sollten, dass sie ihren Aufgaben nicht gewachsen sind.6 Dies könnte sich nur positiv auf unsere Wirtschaft auswirken. In den Unterhaltungen treten des Öfteren Unklarheiten über die Ursachen des Rücktritts des Genossen Malenkow auf. Dies wird mit der internationalen Lage in Verbindung gebracht und herausgestellt, dass sich aufgrund dessen in der SU ein Regierungswechsel notwendig gemacht habe, indem jetzt an der Spitze ein erfahrener Militär stehe, was nicht ungünstig für die SU sei. Andere wieder mutmaßen, dass wohl auch Bulganin7 jetzt einen anderen Kurs einschlagen würde, was sich vielleicht auch ungünstig für die Lösung der Deutschlandfrage auswirken könne. In diesem Zusammenhang spricht man davon, dass Malenkow zu weich gewesen sei und dass die jetzige Situation einen härteren Staatsmann erfordere.
In der Minderheit sind die Stimmen, die die Meldungen der Westsendungen verbreiten, indem sie von Machtkämpfen, Krisenerscheinungen und ähnlichem sprechen. Einige reaktionäre Elemente erklären ganz offen, dass unsere Verlautbarungen nicht stimmen würden und dass die Westsender ganz anders und schon früher darüber berichtet hätten. Diese verleumderischen Argumente gewinnen keinen Einfluss auf die sonst überwiegenden positiven Ansichten über den Rücktritt des Genossen Malenkows.
Außer den politischen Tagesfragen spielen in den Gesprächen die betrieblichen Probleme im zunehmenden Maße eine Rolle. Es gibt immer wieder Beispiele dafür, wo sich die Arbeiter mit den Normenüberprüfungen oder Umbesetzungen8 einverstanden erklären, oder wo sie einsehen, dass die Rentabilität unserer Betriebe unbedingt gesteigert werden muss. Aber sie können nicht verstehen, dass immer wieder die gleichen Mängel auftraten, die den Produktionsablauf hemmen und eine schlechte Stimmung unter den Beschäftigten schaffen. Vorwiegend spielen dabei Materialschwierigkeiten sowie Planfragen eine Rolle.
Zum Beispiel fehlen in der Peenewerft, [Bezirk] Rostock, IFA-Aggregate (Zulieferbetrieb: IFA-Motorenbau Berlin-Johannisthal) Messeanlagen, Lüftermotoren, Vergussmasse (Weichkitt), Zulieferbetrieb: Schiffselektronik Rostock, Minenreißseile/Leinen, Munitionsaufzüge, Kabeltrommeln, Zulieferbetrieb: Förderanlagenbau Leipzig. Besondere Schwierigkeiten bildet die Beschaffung von Spezialisten für die Bugspieranlagen für Habigte. (In der DDR nicht erhältlich – müssen auf dem Importwege beschafft werden.) Diese Nichteinhaltung der termingemäßen Lieferungen gefährdet den Produktionsplan.
Ähnliche Schwierigkeiten sind auch auf der Volkswerft Stralsund und der Neptunwerft Rostock zu verzeichnen. Dazu äußerte ein leitender Funktionär von der Volkswerft Stralsund:
»Wir sind wieder auf dem gleichen Stand wie 1954, nämlich, dass wir einen Kredit aufnehmen müssen, um die fälligen Löhne zahlen zu können«.
Ein Maler der gleichen Werft sagte: »Im vergangenen Jahr wurde uns versprochen, dass es 1955 nicht mehr vorkommt, dass Wartestunden geschrieben werden müssen. Das neue Jahr hat aber genau wieder so angefangen, indem jetzt Wartestunden geschrieben werden und am Ende des Jahres wieder mit Hängen und Würgen der Plan erfüllt wird.«
Ein Schlosser von der Neptunwerft in Rostock: »Man spricht immer von der Rentabilität der Betriebe, aber dass wir mit dem aufgeblähten Verwaltungsapparat nicht weiterkommen, sieht keiner. Wir bauen Schiffe, aber bekommen sie nicht aus dem Hafen, weil sie immer wieder umgebaut werden.
Die Qualität ist oftmals so schlecht, dass immer wieder Reparaturen notwendig sind, wodurch die Schiffe ungeheuer verteuert werden. Wegen drei Maschinenschrauben müssen die Kollegen den halben Vormittag herumlaufen, weil dazu eine ganze Reihe Unterschriften notwendig sind. Zur Parteileitung haben die Kollegen nicht mehr das richtige Vertrauen, da sie bisher viel versprochen, aber wenig zur Beseitigung von Missständen beigetragen hat.«
Ein anderer Kollege der gleichen Werft sagte: »Einige Brigaden stehen im Wettbewerb und die anderen sehen zu. Es herrscht unter ihnen die Meinung vor, erst genügend Material, dann wird der Wettbewerb von Mann zu Mann organisiert. Die Kollegen sind nicht reaktionär, aber ihre Einstellung zu unserer Regierung wird nicht besser werden, wenn die Zustände auf den Werften nicht geändert werden.«
Des Weiteren wurden aus den verschiedensten Industriezweigen eine ganze Reihe Materialschwierigkeiten bekannt.
Zum Beispiel fehlt es im VEB Dampfkesselbau Meerane, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, an Blechen, im VEB Porzellanwerk in Stadtlengsfeld/Bad-Salzungen, [Bezirk] Suhl, an dem wichtigsten Rohstoff Kaolin.
Der VEB Buntmetall Pößneck, [Bezirk] Gera, ist Zulieferungsbetrieb u. a. für die Maxhütte,9 hat aber in diesem Jahr noch keine Materialzuteilung erhalten. Dadurch sind Exportaufträge gefährdet.
Der VEB Feinpapierfabrik Königstein, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, benötigt Foto-Blanc-Fix aus westdeutschen Importen.
Aufgrund ungenügender Strohzuteilung geriet der VEB Matratzenwerk Waren, [Bezirk] Schwerin, in Produktionsschwierigkeiten und musste am 8.2.1955 vorübergehend stillgelegt werden.
Dem VEB Meva in Elsterwerda,10 [Bezirk] Cottbus, sollen für 1955 nur 5 000 Melkstrümpfe geliefert werden. Benötigt werden aber 40 000.
Der VEB Stärkefabrik in Kyritz, [Bezirk] Potsdam, hat Produktionsschwierigkeiten, weil die Kartoffelanlieferung trotz ordnungsgemäßer Vertragsabschlüsse sehr schlecht ist. Dadurch können die Exportaufträge nicht termingemäß erfüllt werden.
Wie bereits am 19.1.[1955] berichtet, mangelt es bei der Privat-Kunstblumenindustrie in Sebnitz/Dresden an Verpackungsmaterial.11
Die am 8.2.[1955] berichteten Schwierigkeiten im Feinstrumpfwerk Oberlungwitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, (Es mangelt an Zellophanbeuteln), im VEB Planeta Radebeul,12 [Bezirk] Dresden, (fehlt es an Kugellagern) und im VEB Reifenwerk in Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, (Engpass an Kautschuk) bestehen weiterhin und wirken sich auf die Stimmung der Beschäftigten negativ aus.13
Ebenfalls berichteten wir bereits über die Absatzschwierigkeiten des Ölwerkes Wittenberge, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin. Trotz wiederholter Rückfrage beim zuständigen Ministerium und beim Büro des Genossen Walter Ulbricht,14 konnte bisher keine Änderung erzielt werden.15
Vom VEB Elbtalwerk in Heidenau, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, wurde bekannt, dass laut Richtlinien vom Dezember der DIA – Elektrotechnik die VE-Betriebe eigene Exportgeschäfte abschließen müssen.
Das bedingt, dass dadurch die Verwaltungen vergrößert werden müssten. Darüber hinaus entstehen besondere Schwierigkeiten in der Beschaffung von Dolmetschern. Der Betrieb steht auf dem Standpunkt, dass die Abschlüsse über den DIA weitaus rentabler seien.
Im VEB Schiffswerft Uebigau, [Bezirk] Dresden, sollen Motorgüterschiffe in die Produktion aufgenommen werden. Von dem DIA wurde aber dazu das Material nicht geplant. Es liegen Aufträge für zehn Motorschiffe vor.
Im Phosphatwerk Rüdersdorf, [Kreis] Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ist die Planerfüllung für Februar gefährdet. Ursache: Durch schlechte Ofensteine müssen die Öfen vorzeitig eingemauert werden.
Der VEB Porzellanfabrik in Veilsdorf, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, mit den Werken in Eisfeld und Brattendorf hat keine Kohlenvorräte mehr. Wenn keine Lieferungen erfolgen, müssen ca. 1 200 Arbeiter einige Tage aussetzen.
Produktionsstörungen
Im Wismut-Schacht16 21 (Annaberg), [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist seit dem 11.2.[1955] ein stärkerer Wassereinbruch zu verzeichnen. Die Produktion musste zu 50 % eingestellt werden.
Am 13.2.[1955] ereignete sich im BKW »Franz Mehring« Lauchhammer, [Bezirk] Cottbus, eine Betriebsstörung. (Zwei Züge sind aufeinander gefahren.) Produktionsausfall: 2 800 Tonnen Rohkohle.
Auch in dieser Berichtsperiode wurden vom Klassenfeind gefälschte Schreiben versandt.
Zum Beispiel erhielt am 11.2.[1955] der VEB Leipziger Transportanlagenbau ein Rundschreiben: Inhalt: »Ab sofort wäre die Einstellungssperre von Arbeitskräften in der Schwerindustrie aufgehoben.« Briefkopf: Ministerium für Maschinenbau.17
Am 14.2.[1955] erhielt ein Held der Arbeit18 vom Schachtkombinat Zobes, [Kreis] Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, einen gefälschten Brief mit dem Absender: Reichsbahndirektion Berlin – N 54. Inhalt: »Der Betroffene sei vom Bundesvorstand des FDGB für die Durchführung wichtiger Notstandsarbeiten namhaft gemacht worden. Aus dem Grunde habe er sich am 15.2. im Gebäude der Reichsbahndirektion Berlin N 54 einzufinden.«
Im VEB Wasserwerk Stolpe bei Hennigsdorf, [Bezirk] Potsdam, wurde an einer Anschlagtafel ein Auszug aus einer Westzeitung über die Pensionsberechtigung der Westberliner Arbeiter angebracht.
Im VEB Waggonbau Bautzen wurde in der Toilette »Es lebe der deutsche Militarismus – die russische Regierung schwankt!« angeschmiert.
Am 10.2.[1955], gegen 7.15 Uhr, brannte im Steinkohlenwerk »Karl Liebknecht« in Oelsnitz, [Kreis] Stollberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, auf der Sohle 412 das 6 000 Volt-Kabel durch. Es handelt sich um eine bewusste Zerstörung. Produktionsausfall beträgt ca. 100 t Kohle.
Im Kreis Liebenwerda, [Bezirk] Cottbus, ist das Gerücht im Umlauf, dass im Stahl- und Walzwerk Gröditz, [Bezirk] Dresden, am 1. April 1954 den Jahrgängen [19]35 und [19]36 gekündigt wurde, um sie zur Volkspolizei einzuziehen.
Die Versorgung der Bevölkerung
In der letzten Zeit verschlechterte sich in einigen Bezirken die Versorgung der Bevölkerung, vor allem mit HO-Butter19 und Schmalz. Die in den letzten Berichten erwähnten Schwierigkeiten in der Fleisch-Versorgung sind mit Ausnahme von Schwerin zurückgegangen, sodass die Versorgung mit Fleisch vorläufig sichergestellt ist.
Schwierig ist die HO-Butter-Versorgung. Das wird wieder einmal vom dem Klassengegner ausgenützt, indem er Gerüchte über die schlechte Versorgung unserer Bevölkerung verbreitet. In diesen Gerüchten kommt vor allem zum Ausdruck, dass alle Lebensmittel für die zukünftigen Streitkräfte gebraucht würden.
In Fürstenberg, [Kreis] Gransee, traten durch diese Mängel negative Diskussionen über die dort stationierten sowjetischen Einheiten auf. Man äußerte sich, dass diese angeblich zu viel für sich in Anspruch nehmen würden, sodass sie die Schuld an den augenblicklichen Versorgung-Schwierigkeiten tragen sollen.
Mangel an HO-Butter und Schmalz wird aus den Bezirken Halle, Neubrandenburg, Dresden, Potsdam, Rostock, Karl-Marx-Stadt, Frankfurt und Schwerin gemeldet.
Auch bei den anderen Lebensmitteln, wie HO-Zucker, Mehl, Kindernährmittel, sind noch in einigen Bezirken Schwierigkeiten vorhanden.
In Guben, [Bezirk] Cottbus, wird von einzelnen Bäckermeistern HO-Zucker in größeren Mengen eingekauft, da sie der Meinung sind, dass es in Kürze keinen Zucker mehr zu kaufen gibt.20
In den Bezirken Frankfurt, Dresden und Rostock ist die Kohlenversorgung für die Bevölkerung für 1954 noch immer nicht restlos sichergestellt. Besonders macht sich der Mangel an Kohle auch in der Landwirtschaft bemerkbar, was sich darin zeigt, dass die Bauern ihre Kohlenzulieferungen auf freie Spitzen21 von den BHG nicht erhalten können.
So z. B. im Kreis Bad Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder. Dort können den Bauern für ihre Kohlengutscheine von 1954 keine Kohlen auf freie Spitzen geliefert werden, weil die Belieferung der BHG seitens der DHZ ungenügend ist.
Bei der Versorgung mit Industriewaren steht vor allem die Belieferung mit Streichhölzern und Glühbirnen in dem Vordergrund. Hier tritt immer wieder in einigen Bezirken auf, dass diese Artikel nicht zu kaufen sind.
Die Lage in der Landwirtschaft
Die Diskussionen über den Genossen Malenkow halten weiter an.
Es wird darüber vorwiegend positiv diskutiert. Die Genossenschaftsbauern und die Arbeiter im sozialistischen Sektor des Landwirtschaft äußern sich, dass es gut ist, wenn die Partei der Arbeiterklasse die Kritik und Selbstkritik fördert, denn nur dadurch können die Funktionäre und der Staat Fortschritte in der Entwicklung erzielen. Ein guter Beweis dafür sei die Selbstkritik des Genossen Malenkow. Man kann nur so Fehler und Mängel beseitigen. Der Genosse Malenkow hat richtig gehandelt, wenn er erkannt hat, dass er sich den Aufgaben nicht gewachsen fühlt und stärkere Genossen an seinen Platz lässt.
So sagte ein Genossenschaftsbauer aus Culmatzsch, [Kreis] Greiz, [Bezirk] Gera: »Der Rücktritt Malenkows hat auf die internationale Lage und auf die Außenpolitik der SU keine Auswirkungen und Malenkow hat auch richtig gehandelt, nachdem er erkannt hat, dass er diesen großen Aufgaben nicht gewachsen ist.«
In den negativen Diskussionen versucht man vor allem, gegen die SU zu hetzen und bringt zum Ausdruck, dass Genosse Malenkow wahrscheinlich zu weich gewesen sei und deshalb gehen musste.
Ein Teil der Belegschaft des VEG Schöngleina, [Kreis] Stadtroda, [Bezirk] Gera, äußerte sich sogar dahingehend darüber, dass der neue Vorsitzende Bulganin erst recht nicht dazu in der Lage sei, die Aufgaben zu lösen, welche in der Landwirtschaft gestellt werden, weil er doch ein Militärstratege ist und deshalb noch weniger Erfahrungen besitzt als der Genosse Malenkow.
Vereinzelt beginnt man jetzt auch, über die Rede des Genossen Molotow zu sprechen. Vor allem diskutiert man dahingehend, dass die Rede wieder von der großen Friedensliebe der SU zeugt und dass sie wieder Kraft zur Arbeit gibt, denn Genosse Molotow zeigt ganz klar die Stärke der Friedenskräfte.
Bei einer Aussprache mit einem Kollegen aus der MTS Badrina, [Kreis] Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, erklärte dieser, dass die Rede Molotows die klare Linie der sowjetischen Außenpolitik aufgezeigt und die gegenwärtige internationale Lage genau analysiert.
Ein Bauer aus Gaunitz, [Kreis] Oschatz: »Trotz der Änderung der Regierungschefs der SU wird keine Änderung in der Friedenspolitik durchgeführt werden. Das kommt ganz klar in der Rede des Genossen Molotow zum Ausdruck.«
Der Abschluss der Jahresabrechnung ist in einer Reihe LPG immer doch beendet. Die Schwierigkeiten bestehen hauptsächlich darin, die geplanten Arbeitseinheiten22 nicht voll auszahlen zu können. Die Genossenschaftsbauern sind darüber unzufrieden, teilweise fordern sie die restlose Auszahlung der geplanten Arbeitseinheiten, auch wenn die LPG ihren Finanzplan nicht erfüllt hat.
So ist die Lage z. B. in den LPG Buchholz, [Kreis] Röbeln, LPG »Fortschritt« Altwigshagen, [Kreis] Ueckermünde, [Bezirk] Neubrandenburg; LPG Podelzig, LPG Mallnow, LPG Gusow, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder; LPG Gantikow, Kolrop, Dreetz, Broddin, Ganzer [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam.
Es gibt auch Fälle, wo die Buchhalter der LPG nicht qualifiziert genug sind, um die Jahresabrechnung abzuschließen, wie z. B. im Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder.
Die Frage der Ersatzteilbeschaffung ist in einigen MTS noch nicht geklärt. Obwohl die meisten MTS den größten Teil der Maschinen reparieren konnten, mangelt es doch vor allem noch an Ersatzteilen für Traktoren und anderen landwirtschaftlichen Maschinen.
Ersatzteilschwierigkeiten bestehen noch in einigen MTS der Bezirke Erfurt, Potsdam, Dresden, Karl-Marx-Stadt, Halle, Schwerin, Frankfurt/Oder und Leipzig.
Bei den technischen Überprüfungen der Fahrzeuge der MTS durch die VP im Bezirk Leipzig stellt sich verschiedentlich heraus, dass sich die Fahrzeuge in einem technisch schlechten Zustand befinden, sodass diese aus dem Verkehr gezogen werden mussten.
Ursache dafür ist vor allem, dass eben für die Fahrzeuge und Maschinen nicht die genügenden Ersatzteile zur Reparatur vorhanden sind.
Schweinepest
Im VEG Reinfeld, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde die Schweinepest festgestellt: 642 Schweine. Davon 107 verendet und 88 notgeschlachtet.
In der LPG Thurow, [Kreis] Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde ebenfalls die Schweinepest festgestellt. Bestand: 52 Schweine. Davon drei verendet und 49 notgeschlachtet.
In der Schweinemästerei Annaberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, mussten bereits 60 Schweine abgeschlachtet werden. Bei zwei Schweinen stellte man die Schweinepest fest, während die restlichen Tiere an Grippeerkrankungen litten. Zurzeit befinden sich noch 30 bis 40 Läufer in dieser Mästerei, wo sich ebenfalls Grippeerkrankungen bemerkbar machen. Das wurde durch schlechte Stallverhältnisse herbeigeführt.
In Hagenow, [Bezirk] Schwerin, wurde in der dortigen Mästerei die Schweinepest festgestellt. Bestand: 48 Tiere, die alle notgeschlachtet wurden.
In der LPG »Neues Leben« in Lebin, [Kreis] Jessen, [Bezirk] Cottbus, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Das Gehöft gehörte einem ehemaligen Großbauern.23
In der LPG »Roter Oktober« in Klöden, [Kreis] Jessen, wurde die Maul- und Klauenseuche festgestellt.
In der LPG Udersleben, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, wurde von unbekannten Personen Giftweizen ausgestreut, sodass fünf Hühner dadurch verendeten.
Im Futterstall der LPG Heygendorf, [Bezirk] Halle, wurden Rasierklingen und der Sockel einer Glühbirne gefunden. In der letzten Zeit macht sich in dieser LPG ein Viehsterben bemerkbar.
Im VEG Oldisleben, [Kreis] Artern, [Bezirk] Halle, wurden von einem Jugendlichen Nägel vor die Reifen eines Anhängers geworfen, um somit den Anhänger unbrauchbar zu machen.
Aus dem ÖLB Jeggeleben, [Kreis] Calbe, [Bezirk] Magdeburg, wurde bekannt, dass am 11.2.[1955] in Rinderstall durch eine bis jetzt noch unbekannte männliche Person Gift gestreut wurde. Eine Untersuchung des Kuhstalles ergab, dass in sämtlichen Futterkrippen Gift gestreut war.
Es handelt sich um Hedolit24 der Fa. Wolfen,25 das zu Unkrautbekämpfung verwendet wird. Von den sich im Stall befindlichen 20 Stück Rindvieh hatten bereits fünf davon gefressen. Durch den Tierarzt wurden sofort Maßnahmen eingeleitet.
Auf dem VEB Groß Fredenwalde, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde das Gerücht verbreitet, dass der Genosse Walter Ulbricht abgesetzt ist und die Regierung so schlecht ist, dass sie dies der Bevölkerung nicht mitteilt. Ursachen: Flugblatt.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Ergänzend zum Bericht vom 12.2.195526 über die Raupenfunde wird uns bekannt, dass unter der Bevölkerung in den Gemeinden, wo man diese Raupen fand, Unruhe herrscht, da man bis jetzt weder in der Presse, noch im Rundfunk Hinweise auf die Art der Insekten gegeben hat. Ganz besonders deshalb, weil zu dieser Suchaktion Schulkinder eingesetzt werden, und kein Mensch weiß, ob die Insekten mit Bakterien infiziert sind oder nicht.
Durch den Rat des Kreises Auerbach wird bekannt, dass nicht nur Raupen, sondern auch Fliegen, Käfer, Spinnen sowie grüne Blätter mit Milben gefunden wurden.
Durch einen Genossen der Abteilung Pflanzenschutz beim Rat des Kreises Auerbach wurde bekannt, dass das Kriminaltechnische Institut Berlin mitgeteilt habe, dass die Raupen hier im Boden gewesen seien und jetzt durch die Schneedecke nach oben kommen würden. Diese Angabe werden jedoch nicht geglaubt. Die Bewohner diskutieren in der Form, dass sie Flugzeug-Geräusche gehört haben, aber durch das Schneegestöber konnten sie nichts sehen. Man vermutet, dass die Insekten durch Flugzeuge abgeworfen wurden und infiziert seien. Es werden auch Vergleiche mit dem Bakterien-Krieg27 in Korea und den Raupenfunden gezogen.
Die Zentralschule in Neuenkirchen, [Bezirk] Neubrandenburg, wurde wegen Grippe-Erkrankungen vorläufig geschlossen, da bereits 50 Kinder erkrankt sind. Die Grippe-Erkrankungen in dem Bezirk Rostock nehmen noch zu.
In der Peenewerft in Wolgast, [Bezirk] Rostock, ist ein durchschnittlicher Krankheitszustand von 450 bis 470 Arbeitern zu verzeichnen.
Am 9.2.1955 wurde die Grundschule der Gemeinde Beutersitz, [Bezirk] Cottbus, wegen Grippe-Erkrankungen geschlossen.
Ebenfalls wird aus der Gemeinde Drehna, [Kreis] Luckau, [Bezirk] Cottbus, bekannt, dass in einer Schule die Grippe-Epidemie ausgebrochen ist.
Einschätzung der Situation
In den letzten Tagen stand der Rücktritt des Genossen Malenkow und die Ernennung des Genossen Bulganin im Mittelpunkt der Gespräche. Inhaltlich hat sich dabei nichts wesentlich geändert. Bemerkenswert sind dabei nur die stark verbreiteten Ansichten, dass dieser Wechsel aus militärischen Gründen vollzogen worden sei.
Jetzt findet auch die Rede des Genossen Molotow im zunehmenden Maße Beachtung. Die Stellungnahmen sind durchweg positiv.
Die feindliche Flugblattverbreitung hat in den letzten Tagen stark nachgelassen. Sonst zeigen sich keine bemerkenswerten Veränderungen in der Lage.
Anlage 1 vom 15. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2424
Auswertung von Hetzschriften
Von einer unbekannten Feindzentrale28 wird eine Fälschung verbreitet, die als »Sondermeldung des ADN« bezeichnet wird und Hetze gegen den Genosse Walter Ulbricht enthält. Unter anderem wird von der »Absetzung und Entlarvung« des Genossen Walter Ulbricht gesprochen. Durch dieses Flugblatt soll die Bevölkerung gegen den Genossen Walter Ulbricht beeinflusst und gleichzeitig soll Unruhe darüber erzeugt werden, dass man unseren Funktionären nicht vertrauen könnte.
An Funktionäre des FDGB wendet sich ein Flugblatt, unterschrieben mit »Freie deutsche Arbeiter im FDGB«. Bezugnehmend auf den 17. Juni 195329 wird von einer »neuen Normenschraube« gesprochen und die Funktionäre des FDGB werden aufgefordert, der Entwicklung Einhalt zu gebieten. Unter anderem heißt es dazu: »Zwingt sie, wenn es sein muss, mit den Mitteln des Generalstreiks.«
In einem weiteren Flugblatt mit der Unterschrift »Freunde für Freiheit und Recht« wird gegen die Magistratsverordnung vom 20.12.[1955]30 gehetzt und die Bürger werden aufgefordert, »Wachsam zu sein«, d. h. sie sollen überall in Lokalen u. a. bei Gesprächen vorsichtig sein, da »überall Agenten des Bolschewismus« säßen.
Die KgU31 verbreitet auf dem Postweg Hetzbriefe »an die technische Intelligenz«. Nach einer üblen Hetze gegen die SU, wobei besonders von »geistigem Diebstahl von Erfindungen u. a.« gesprochen wird, werden die Angehörigen der technischen Intelligenz aufgefordert, »nicht allzu freiwillig technische Anlagen und Rüstungsbauten für den Bolschewismus durchzuführen oder Erfindungen zu machen«.
Anlage 2 vom 15. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2424
Auswertung der Westsendungen
Mit einer Hetze gegen die Normen und Löhne versucht der RIAS,32 die Werktätigen der DDR gegen die Partei und den FDGB aufzuhetzen.
Zu diesem Zweck verbreitet der die Meldung, »dass die Zahl der Leistungslöhne im Gegensatz zu der Propaganda am Anfang des Fünfjahrplanes33 jetzt verringert werde. Bei Ausweicharbeiten werden keine Durchschnittslöhne, sondern Grundlöhne gezahlt, die aber nicht ausgezahlt werden, wenn aus objektiven Gründen die Erfüllung der Norm nicht möglich ist. Die Kaufkraft wird durch diese Maßnahmen gesenkt und der Neue Kurs34 liquidiert. Die Überprüfung weicher Normen war nur die Vorstufe für die jetzt in größerem Umfang einsetzende generelle Normenüberprüfung, mit der man wegen der FDGB-Wahlen35 solange gewartet hat«. Mit einem Hinweis auf die Richtlinien zur Ausarbeitung technisch begründeter Arbeitsnormen36 vom 20. Mai 1952,37 wonach Arbeitsnormen am Arbeitsplatz unter Mitwirkung der Arbeiter, Brigadiere, Normenbearbeiter und der Meister ausgearbeitet werden müssten,38 hetzt RIAS mit einen angeblichen Beispiel wie folgt zum Streik: »Im Kraftwerk Hirschfelde, wo man im Januar eine Normenerhöhung befehlen wollte, wurde für zehn Minuten die Arbeit niedergelegt. Die Betriebsleitung musste die geplante Lohnsenkung zurücknehmen, weil Normenerhöhung nicht generell befohlen werden dürfen«.
In einer Hetzsendung gegen den Arbeitskräfteplan in der DDR hetzt RIAS gleichzeitig gegen unsere Presse, die in den letzten Tagen keine Berichte mehr über die Massenarbeitslosigkeit in Westdeutschland gebracht hätte. Nach aufgebauschten Meldungen über Massenentlassungen in der DDR, die die Gründe für das »betretene Schweigen der Zeitungen« seien, heißt es zum Schluss:
»… Unbedenklich werden die Folgen des Versagens der Planer auf die Schultern der Arbeiter abgewälzt. Die einen werden entlassen, den anderen wird eine höhere Arbeitslast bei gleichbleibendem Lohn aufgebürdet. Verständlich, dass die SED sich geniert, diesen Arbeitern weiterhin Berichte über die angebliche Massenarbeitslosigkeit in Westdeutschland vorzusetzen.«
In einer anderen Sendung hetzt der RIAS gegen die Verordnung über Produktions- und Dienstleistungsabgaben39 der VEB und Volkseigenen Dienstleistungsbetriebe. Er beschuldigt die SED, »dass sie durch diese Maßnahme Stück für Stück des gemeinsamen Deutschlands zerstört, weil sie ihr Regime immer mehr der SU gleich und somit die Erhaltung des Gemeinsamen und die Wiedervereinigung illusorisch macht«. Zur Beunruhigung der Werktätigen und der Verbraucher wird gehetzt, dass in dieser Verordnung »die Absicht liege, die Betriebe in Geldschwierigkeiten zu bringen, um den Druck auf die Selbstkostensenkung zu verstärken«.
Um auch die Betriebsleiter gegen diese Verordnung aufzuhetzen, argumentiert RIAS an anderer Stelle: »Die Leitungen der staatlichen Betriebe werden jetzt schärfer kontrolliert und leichter unter Druck gesetzt werden können, sparsam und immer sparsamer zu wirtschaften, auch wenn die Schuld der Schwierigkeiten bei der Staatlichen Plankommission liegt. Wichtig ist aber, wie konsequent die SED den Weg geht, sich dem Moskauer System anzupassen.«
Ferner hetzt RIAS gegen die Schnellzerspanung und die Schnellreparatur.40 Dabei beschuldigt er den FDGB, dass er die Einführung dieser Methoden durch den Ministerrat befohlen hätte, wodurch er sich zu einer Staatsgewerkschaft stemple. In längeren Ausführungen über die o. a. Neuerungen versucht er, sie mit einem Hinweis auf die Stromsperren und Nachtschichten in den Kraftwerken als wertlos hinzustellen, und hetzt dabei wie folgt gegen die SU: »… Durch die Einführung von Schnellreparaturmethoden kann die Stromversorgung der Zone nicht wesentlich gebessert werden, vielmehr sollten die Auswirkungen der sowjetischen Demontagen durch den Aufbau neuer Kapazitäten ausgeglichen werden. Das war bisher kaum möglich, weil die in der Zone hergestellten Energiemaschinen in die SU als Reparations- oder Exportlieferungen gingen. Die Sowjets nahmen die Maschinen und gaben dafür Neuerermethoden.41 Das war ein schlechter Tausch.«
Des Weiteren hetzt RIAS gegen den Zwickauer Eisenbahnerwettbewerb.42 Zur Aufwiegelung der Eisenbahner verbreitet er, dass die Loks wegen des starken Kohlenmangels in der DDR neuerdings mit Schlammkohle geheizt werden sollen, wodurch die Leistungsfähigkeit um 50 % sinke. Dadurch und durch den »chronischen Lokmangel« entstünden stundenlange Verspätungen, beim Güterdienst bis zu sechs Stunden.
»Die Zwickauer Methode«, so argumentiert der RIAS weiter: »Wirkt sich dann so aus, dass das Lokpersonal für unterbelastete Züge und Unpünktlichkeiten aufkommen muss. Die Gründe für die Nichteinhaltung der Last- und Fahrzeiten spielen keine Rolle. Verkehrsminister Kramer43 will mit seiner neuen Abrechnungsmethode nicht das Chaos beseitigen, sondern das Durcheinander bei der Deutschen Reichsbahn aus den Lohntüten der Eisenbahner bestreiten.«
Im Zusammenhang damit hetzt RIAS gegen die neue Betriebsleitung der Reichsbahnbau-Union. Sie wird beschuldigt mit neuen Maßnahmen die »Millionenverluste« vom Vorjahr wettmachen zu wollen.
Unter anderem wird gehetzt, dass die Betriebsleitung den Wegfall des Freifahrtwesens und des Unterkunftsgeldes für die Kollegen der Bau-Union vorbereite.
Anlage 3 vom 14. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2424
Bericht über Umgruppierung von Arbeitskräften in der Zeit vom 10. bis 14.2.1955
Die Umgruppierung von Arbeitskräften,44 entweder innerhalb des gleichen Betriebes oder auch von einem Industriezweig in einen anderen, erfolgt weiterhin planmäßig. Da nur in wenigen Fällen Fehler vorkommen, haben auch die Diskussionen weiter nachgelassen. Unter anderem berichtete der Bezirk Neubrandenburg, dass überall dort, wo es zu Fehlern kam, sich sofort die Partei eingeschaltet habe. Auch wurden individuelle Aussprachen mit den Betreffenden geführt, sodass die bestehende schlechte Stimmung unter den Entlassenen zum größten Teil beseitigt wurde. Überall dort, wo es jetzt noch Arbeitssuchende gibt, wird alles versucht, sie in andere Arbeitsstellen unterzubringen. Zum Beispiel gibt es zurzeit in den Gemeinden des Kreises Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, 200 Arbeitssuchende, die eine Unterstützung erhalten. Am 1.3.1955 ist vorgesehen, 60 Personen auf dem VEG Demmin und in Stolpe unterzubringen. Die Übrigen sollen bis zum 15.3.1955 auf der ÖLB und LPG verteilt werden.
Bei der Frage der Unterbringung der freigestellten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft zeigen sich insofern Schwierigkeiten, weil dies des Öfteren wegen des niedrigen Verdienstes abgelehnt wird.
Zum Beispiel lehnte eine Jugendliche vom Fischkombinat Saßnitz, [Bezirk] Rostock, ab, in der Landwirtschaft zu arbeiten, weil sie dort nicht wie jetzt, 300 DM monatlich verdient.
In der Stadt Dresden werden bei der Umbesetzung 2 900 Arbeitskräfte frei. Dazu kommen noch 1 800 Jungmechaniker, die jetzt ihre Lehre beenden. Frei sind aber nur 200 Arbeitsstellen. Es kostet auch deshalb Anstrengungen, die Betreffenden in andere Arbeitsstellen unterzubringen, weil nicht gerade die besten Arbeitskräfte freigestellt werden.
In der »Perfecta« Bautzen,45 [Bezirk] Dresden, müssen innerhalb des Betriebes Umbesetzungen vorgenommen werden. Zum Beispiel sind acht Arbeitsplätze in der Dreherei und Fräserei frei, die mit Schlossern besetzt werden sollen, da in der Schlosserei fünf Arbeitskräfte zu viel sind.
Die Schlosser lehnen die Umbesetzung mit der Begründung ab, dass die technischen Normen dort zu hoch seien und sie diese nicht erfüllen könnten.
Besonders im demokratischen Sektor von Berlin gibt es immer noch Diskussionen über die Entlassungen von Westberlinern.46 Vor allem unter den Betroffenen selbst. Dies wird noch durch Gerüchteverbreitung geschürt.
Zum Beispiel erzählte ein Kollege aus dem Konsum47 in Nauen, [Bezirk] Potsdam, er habe im VEB Kahlbaum48 in Berlin gehört, »dass in den nächsten Tagen 31 000 Westberliner, die im demokratischen Sektor und in der DDR arbeiten, gekündigt werden. Der Grund hierfür sei, dass eine bessere Kontrolle an den Grenzübergangsstellen gewährleistet ist. Er will weiter gehört haben, dass auf diese Maßnahme hin 54 000 Bewohner der DDR und des demokratischen Sektors von Berlin, die in Westberlin arbeiten, vom Westberliner-Senat gekündigt werden sollen.«
Arbeiter aus dem VEB EAW J. W. Stalin49 unterhielten sich in einem Lokal, dass sie als Westberliner nun auch gekündigt sind.
Ein Arbeiter schimpfte besonders und erwähnte, dass er schon 41 Jahre im Betrieb arbeite und jetzt, nachdem er seine ganze Kraft im Betrieb gelassen hat, von der Arbeitsregierung ohne jede Entschädigung entlassen wurde. Er meinte: »Nach einer so langen Tätigkeit müsste uns der Betrieb doch monatlich eine kleine Entschädigung geben, damit wir uns zusätzlich im demokratischen Sektor einige Lebensmittel und auch hin und wieder ein Glas Bier kaufen können.«
Unter der Belegschaft des VEB TRO »Karl Liebknecht«50 Oberschöneweide herrscht große Empörung wegen der Entlassung von Westberliner Arbeitern. Die Arbeiter sagen: »Solange der Betrieb SAG-Betrieb51 war, wurden die Westberliner Arbeiter gesucht. Heute, wo der Betrieb Volkseigentum ist, schmeißt man die Westberliner Arbeiter auf die Straße obwohl von der Regierung der DDR so viel von der Verbindung zwischen Ost und West gesprochen wird.«
Anlage 4 vom 14. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2424
Bericht über Lohn- und Normfragen in der Zeit vom 10. bis 14.2.1955
Wie bereits berichtet, geht man jetzt in den Industrie- und Verkehrsbetrieben in größerem Maße an die Normenprüfung heran und verschiedentlich wurden bereits neue technisch begründete Normen festgelegt. Es gibt auch genügend Beispiele dafür, wo die Arbeiter selbst einsehen, dass die veralteten Normen nicht länger bestehen bleiben können und sie fordern deshalb von sich aus eine Überprüfung und Neufestsetzung. Das schließt natürlich nicht aus, dass das Überprüfen der Normen oft noch auf Unverständnis stößt. Vielfach versteht man nicht, dass die Neufestsetzung der Normen keine Lohnminderung, sondern die Steigerung des Realeinkommens bedeutet. Zum Beispiel sind im Schamottewerk in Bad Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, Kollegen der Meinung, die Normen könnten jetzt nicht geändert werden, weil der Lebensunterhalt noch zu teuer sei. Um einigermaßen gut leben zu können, müsse man mindestens am Tag DM 16,00 verdienen.
Es kommt aber auch vor, dass die Überprüfung der Normen nicht richtig durchgeführt wird und dass dadurch unter dem Einfluss negativer Elemente sich eine schlechte Stimmung zeigt. Zum Beispiel sind die Kollegen der Abt. Blechmontage im VEB Patent-Lineol52 in Brandenburg mit der Einführung der technisch begründeten Arbeitsnorm einverstanden, aber nicht mit der Art und Weise wie die Überprüfung vorgenommen wurde. Und zwar wurde bei der Überprüfung das zu bearbeitende Material zum Arbeitsplatz gebracht und sonst muss es aber von den Kolleginnen selbst geholt werden. Dadurch entstand ein falsches Bild der Verlustzeiten. Des Weiteren sind die Kollegen der Meinung, dass der TAN-Sachbearbeiter sie direkt zur Arbeit angetrieben habe und dass dadurch die Zeit viel zu hoch festgesetzt wurde.
Diese Unzufriedenheit über die neu festgesetzten Normen wirkt sich auf die Arbeitsmoral aus, zurzeit haben sich von 80 Beschäftigten 32 krank gemeldet. Es kommt zu Äußerungen wie z. B.: »Bei dieser Norm gehen wir vor die Hunde. Wir werden uns um andere Arbeit bemühen.«
Es gibt auch Beispiele dafür, wo von negativen Elementen versucht wird, gegen die Normen Stimmung zu machen. Unter anderem ereignete sich auf der Baustelle Torgelow/Bau-Union Neubrandenburg Folgendes:
Eine Brigade, die von der Bau-Union Waren übernommen wurde, wurde zu Erdarbeiten eingesetzt. Die Norm betrug pro Stunde 0,78 cbm. Das war der Brigade zu hoch und sie nahm deshalb die Arbeit nicht auf. Daraufhin wurde die Zeit neu festgesetzt und zwar auf 0,39 cbm, die aber ebenfalls abgelehnt wurde. Es kam daraufhin zu einer Auseinandersetzung und ein Kollege der Brigade äußerte: »Man müsste die Hunde alle aufhängen.« Diese Worte rief er über die ganze Baustelle und forderte andere Brigaden zur Arbeitsniederlegung auf, dem aber nicht Folge geleistet wurde.
Wie notwendig u. a. die Neufestsetzung der technischen Arbeitsnormen ist, zeigen nachfolgende Beispiele von der Wismut AG.
Im Werk 512 des Objektes 34 sagte ein Kumpel, dass eine Norm-Erhöhung unbedingt und schnellstens notwendig sei.53 Und zwar führte er als Begründung einige Brigaden des Werkes an, die während der Arbeitszeit Kinovorstellungen besuchen und eine Stunde vor Arbeitsschluss nach Hause gehen, aber ihre Norm trotzdem mit 200 % erfüllen würden.
Im Schacht 234 in Bergen ist zu verzeichnen, dass ein Teil der Brigaden ihre Norm innerhalb von vier Stunden mit 200 % erfüllen und die restliche Zeit nicht mehr arbeiten.
Zum anderen zeigt sich in der Wismut AG, dass durch gute Aufklärung erreicht wird, dass Kumpels von sich aus eine Überprüfung der Normen fordern, oder dass sie die Norm freiwillig erhöhen, der größte Teil der Wismutkumpel ist mit einer Neufestsetzung der Normen einverstanden.
Anlage 5 vom 14. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2424
Stimmung über die Rede des Genossen Molotow vor dem Obersten Sowjet der UdSSR
Bei den Diskussionen über die Tagung des Obersten Sowjet wird rege über den Rücktritt des Genossen Malenkow gesprochen.
Wenige Gespräche werden über die Rede des Genossen Molotow zur internationalen Lage geführt. Diese Diskussionen treten meist nur in den Betrieben auf. Vereinzelt nehmen auch Gewerbetreibende und Hausfrauen dazu Stellung.
In diesen wenigen Diskussionen bringt man zum Ausdruck, dass Genosse Molotow aufgezeigt hat, dass die Kräfte des Friedenslagers ständig wachsen und die Imperialisten nichts unversucht lassen, um einen neuen Krieg vom Zaune zu brechen. In anderen Diskussionen wird darauf hingewiesen, dass die SU ebenfalls über genügend militärische Streitkräfte verfügt.
Betont wird, dass die SU sich weiterhin für den Frieden und die Regelung der Deutschlandfrage einsetzt. Auch werden Produktionsverpflichtungen zu Ehren der Rede des Genossen Molotow übernommen, allerdings nur selten.
Ein Arbeiter aus dem Reifenwerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Wenn ich immer wieder das Kriegsgeschrei von Adenauer54 höre, dann muss ich mich an das Eiland auf den Schlachtfeldern erinnern. Molotow hat die Absichten der westlichen Imperialisten klar aufgezeigt und der friedliebenden Welt aus dem Herzen gesprochen, denn die Einheit Deutschlands ist der Schlüssel zum Frieden.«
Eine Hausfrau aus Bad Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Die Menschen müssen Molotow dankbar sein, er will doch nur das Gute für alle Völker.«
Eine Jugendbrigade aus dem RAW Cottbus nimmt die Rede des Genossen Molotow zum Anlass, noch entschiedener gegen die Pariser Verträge55 einzutreten. Sie werden die Worte des Genossen Molotow beherzigen und ihre ganze Kraft zur Stärkung und Festigung des Weltfriedenslagers zur Verfügung stellen.
Die Brigade verpflichtete sich, ihren Plan für das Jahr 1955 bis zum 21. Dezember zu erfüllen und nach Komplexnormen zu arbeiten, um die Selbstkosten zu senken.
Ein Gastwirt aus Cottbus äußerte Folgendes: »Die Gewerbetreibenden sind doch auch sehr daran interessiert, dass die Deutschlandfrage, wie vom Genosse Molotow erneut betont wurde, auf friedlichem Wege gelöst wird. Ein Krieg schadet uns nur. Er würde nur neues Elend über unser Volk bringen. Der Kampf der Arbeiterklasse gegen die Kriegsverträge findet auch meine Billigung und Unterstützung.«
Ein Arbeiter des Walzwerkes Hettstedt, [Bezirk] Halle: »Der Außenminister Molotow hat seinen Ausführungen zur politischen Lage in der ganzen Welt klar aufgezeigt, dass die friedliebenden Kräfte in der ganzen Welt ständig im Wachsen begriffen sind, während man sich andererseits in der kapitalistischen Welt immer krampfhafter bemüht, seine ›Stärke‹ zu behaupten.
Die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes liegt allen friedliebenden Völkern sehr am Herzen und hier hat Außenminister Molotow besonders klar den Weg aufgezeigt.«
Im Leuna-Werk Halle, in der Kesselschmiede b 79 wurde zum Ausdruck gebracht, dass durch die Erklärung Molotows das Vertrauen der Arbeiterklasse zur Arbeiter- und Bauernregierung gefestigt wurde. Weiterhin wurde zum Ausdruck gebracht, dass die USA mit der Atombombe die Politik der Stärke fortführen kann, denn die gleiche Waffe hat zum gegebenen Augenblick auch die Sowjetunion.
Der überwiegende Teil der Diskussionen zur Rede des Genossen Molotow ist positiv und nur ganz vereinzelt werden negative Diskussionen bekannt.
Ein Lagerarbeiter der Fa. Zwirnerei »Astra« Dresden56 sagte: »Nun haben wird es aber genau gehört, dass bald die Ostarmee steht, denn wenn Molotow von einem gemeinsamen Militärkommando spricht, so sagt das doch ganz klar, dass dann alles unter russischem Kommando stehen wird und mancher von uns seine Dienstpflicht im Osten abmachen wird.«
Anlage 6 vom 15. Februar 1955 zum Informationsdienst Nr. 2424
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 11.2. bis 14.2.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:57
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Gera: Kreis Schleiz 1 200;
- –
Magdeburg: Kreis Seehausen 50;
- –
Rostock: Kreis Grevesmühlen 20;
- –
Karl-Marx-Stadt 70: Kreis Zwickau 600, Kreis Stollberg 230;
- –
Schwerin: Kreis Sternberg 1 500;
- –
Cottbus 480;
- –
Dresden: Kreis Großenhain 13;
- –
Potsdam: Kreis Rathenow und Belzig 1 300.
Ostbüro der CDU:58
- –
Halle 112.
unbekannter Herkunft:
- –
Frankfurt/Oder: 2 000;
- –
(Inhalt: Man soll sich vom Kommunismus lossagen, denn auch Funktionäre, die nicht mehr »passen«, werden liquidiert.)
- –
Frankfurt/Oder 200.
- –
(Hetze gegen die Oder-Neiße Friedensgrenze)
»Kommunistische Freiheitsliga der Sowjetzone«
- –
Frankfurt 3 000.
»Freiheitsrat«59
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Zwickau 1 200;
- –
Potsdam: Kreis Rathenow: 1 000.
NTS:60
- –
Frankfurt 500;
- –
Neubrandenburg: Kreis Waren 1 600;
- –
Karl-Marx-Stadt: Kreis Zwickau 130, Kreis Plauen 4 400;
- –
Erfurt: Kreis Sömmerda 30;
- –
Schwerin: Kreis Güstrow 230;
- –
Gera: Kreis Zeulenroda 660;
- –
Rostock: Kreis Wolgast 19;
- –
Potsdam 15 000;
- –
Halle: Kreis Gräfenhainichen 60, Kreis Eisleben 25, Kreis Quedlinburg 40.
tschechische Sprache:
- –
Dresden 260.
Bei den Hetzschriften handelt es sich meist um bereits bekannte Exemplare.
In letzter Zeit wurden im Bezirk Magdeburg verschiedentlich an Privatadressen Ausschnitte aus Westzeitungen mit Stellenangeboten gesandt, um die Personen zur Republikflucht zu bewegen. Dem Stellenangebot ist ein Zettel beigefügt, mit der Aufschrift:
»Jeder Spezialist der sowjetischen Besatzungszone kann zur Nationalarmee, zur KVP, nach China oder in die SU verpflichtet werden. Wollen Sie das? Nein, nicht wahr? Bitte bedienen Sie sich mit diesem Arbeitsangebot, ihre Angehörigen danken Ihnen.«
Der Ingenieur und Dozent [Name 1, Vorname] aus Meiningen, [Bezirk] Suhl, erhielt einen Drohbrief zugestellt. Inhaltlich wird darin betont, dass er zu Fall gebracht werden wird und seine Stunden gezählt seien, wenn er seine bisherige fortschrittliche Einstellung nicht aufgeben wird.
Am 14.2.1955 fand in einer Gaststätte in Beelitz, [Bezirk] Potsdam, eine Kulturveranstaltung mit einem sowjetischen Ensemble statt. Diese Veranstaltung versuchte ein Maurer aus Beelitz mit noch anderen Jugendlichen, alle Mitglieder der BSG »Lok«, zu stören. Die Jugendlichen saßen in dem Vorraum und sangen so laut Fußball-Lieder, Schlager und faschistische Lieder, dass dieses in den Saal deutlich zu hören war. Trotz Aufforderung, vonseiten des Gastwirtes und der Zuschauer, stellten die Jugendlichen ihr Treiben nicht ein. Sie gingen sogar soweit, dass sie nach der Kulturveranstaltung während des Tanzes die Angehörigen des sowjetischen Ensembles anpöbelten und auf das gemeinste beleidigten. Der Initiator wurde festgenommen.
Die Nationale Front61 Bautzen, [Bezirk] Dresden, erhielt am 9.2.1955 vormittags einen gefälschten Anruf, dass die am 10.2.1955 einberufene Einwohnerversammlung in Großdubrau nicht stattfindet, da die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen sei.
Auf einer Tafel in Elsterburg, [Bezirk] Gera, auf welcher die Namen der Gefallenen des II. Weltkrieges stehen, wurde folgende Inschrift festgestellt: »Das waren Helden, aber keine Kommunisten«.
In einer Wahlversammlung der 49. Grundschule in Leipzig wurde über die ungerechte Verteilung der Ferienplätze diskutiert. In dieser Diskussion trat ein Kollege auf und forderte, wenn die Gewerkschaft jetzt nicht die Forderung erfülle, so sollen die Mitglieder eine eigene Gewerkschaft gründen. Solche und ähnliche Diskussionen sind in den letzten vier Tagen schlagartig in dem gesamten Stadtkreis aufgetreten.
Gerücht
In verschiedenen Orten des Kreises Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist das Gerücht im Umlauf, dass eine Währungsreform bevorstehe. Es werden aufgrund dessen von verschiedenen Personen bereits Geldbeträge von der Bank abgehoben.