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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

7. Juni 1955
Informationsdienst Nr. 2456 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Noch immer sind die Diskussionen über die politischen aktuellen Probleme umfangmäßig gering, aber in der Mehrzahl positiv.

Bei den Stellungnahmen zu dem Zusammentreffen sowjetischer Staatsmänner mit dem jugoslawischen Staatschef Tito1 gibt es neben den positiven Äußerungen, in denen dieses politische Ereignis richtig eingeschätzt wird, einige Stimmen, die die verschiedensten falschen Meinungen zum Ausdruck bringen.2

Zum Beispiel sagte ein Ingenieur aus der Farbenfabrik Wolfen, [Bezirk] Halle: »Es ist uns unbegreiflich, dass jetzt auf einmal freundschaftliche Verhältnisse zwischen den Staatsmännern der SU und Jugoslawiens geschaffen werden, wo sie sich doch noch vor Kurzem gegenseitig verleumdeten. Tito wurde als Verräter bezeichnet und heute wird er wieder als Genosse betitelt.3 Daraus kann man doch sehen, dass auch die sowjetischen Staatsmänner Fehler gemacht haben.«

Im Leunazug äußerte ein Arbeiter zu diesem Problem: »Der Genossen Chruschtschow4 hat bei seiner Begrüßungsrede5 nur von der Partei Lenins6 gesprochen und dabei Stalin7 nicht genannt. Wahrscheinlich ist Stalin an diesem Zerwürfnis schuld gewesen.«

Ein Genosse aus dem VEB Porzellanwerk Kahla, [Bezirk] Gera, vertrat die Ansicht: »Wie mir bekannt ist, war doch Tito ein Schüler Trotzkis8 und ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass Tito eine Politik auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus durchführen wird.«

Direkt negative Äußerungen sind zu dieser Frage verhältnismäßig gering.

Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus dem EKS9 [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Tito verfolgt einen besonderen Zweck, um die SU irrezuführen. Über die wahren Absichten, dass Tito mit dem Amerikaner angemacht hat und die er auch trotzdem weiter Führen wird, darüber wird er mit der SU nicht verhandeln.«

Ein Arbeiter aus dem Kabelwerk Oberspree Berlin äußerte: »Erst hat der Russe auf Tito geschimpft und ihn einen Verräter genannt und jetzt tun sie mit ihm schön und schmieren ihm Honig um den Mund.«

Ein anderer erwiderte darauf: »Das ist genau wie damals bei Hitler. Der hat auch auf die Russen geschimpft und dann einen Vertrag mit ihnen abgeschlossen und schön mit ihnen getan.«10

Bei den Stellungnahmen zu dem Streik in England11 kommt übereinstimmend eine positive Einstellung zum Ausdruck. Verschiedentlich wird erklärt, dass auch die westdeutschen Arbeiter so für ihre Belange kämpfen müssten. Es findet allgemein Anerkennung, dass die englischen Arbeiter trotz des Ausnahmezustandes ihren Kampf fortsetzen.

Die Meinung eines Arbeiters aus dem Sächsischen Kunstseidenwerk in Pirna, [Bezirk] Dresden, gilt für viele. Er sagte: »Der Streik in England ist in Ordnung. Die Arbeiter müssten die Ausbeuter alle zum Teufel jagen. So etwas müsste sich auch einmal in Westdeutschland abspielen. Man sieht immer mehr, dass sich die Arbeiter nicht alles gefallen lassen.«

Zu dem verhinderten faschistischen Bärentreffen12 in Westberlin wurden nur vereinzelte Äußerungen bekannt, die fast ausschließlich positiv waren. Allgemein werden die Faschisierung und diese faschistischen Treffen in Westberlin und Westdeutschland verurteilt.

Von einem großen Teil der Kollegen in der Abteilung Fernmeldekabelfabrik im VEB Kabelwerk Oberspree Berlin wurde die Meinung vertreten, dass das Treffen der Bärendivision13 hätte von amtlicher Seite verboten werden müssen. Es wäre doch aus zahlreichen Protesten zu ersehen gewesen, wie die Bevölkerung über derartige Treffen denkt.

Daraufhin erklärte ein Maschinenarbeiter: »Wenn sie dies verboten hätten, wäre drüben doch auch keine Freiheit. Weil aber drüben Freiheit herrscht, werden solche Verbote nicht ausgesprochen. Meines Erachtens wäre es besser gewesen, wenn dieses Treffen anlässlich des Jahrestages des 17. Juni14 stattgefunden hätte.«

Keiner der anwesenden Kollegen nahm gegen diese Ausführungen Stellung.

Wie bereits berichtet, zeigt sich jetzt bei der KVP-Werbung15 immer mehr, dass zwar auf der einen Seite Erfolge zu verzeichnen sind, aber andererseits in einer ganzen Reihe von Betrieben die Werbung sehr schleppend vorangeht und verschiedene Werbediskussionen die Jugendlichen unter Druck setzen.

Aus dem Grunde mehren sich die Fälle, wo sich Jugendliche nach dem Westen absetzen.

In der Kyffhäuserhütte Artern, [Bezirk] Halle, werden unter den Kumpel Diskussionen über die Verteilung von Flugblättern, die von der BPO herausgegeben wurden, geführt. In diesen Flugblättern wurden verschiedene Jugendliche wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der KVP-Werbung angesprochen und als Feinde der DDR bezeichnet. Die Kumpels finden das nicht richtig und bezeichnen die Flugblätter als Dokumente für den Klassengegner.

Zum anderen wurden vier Jugendliche, die man wegen des Beitritts zur KVP ansprach, republikflüchtig.

In der Brikettfabrik III des Braunkohlenwerkes Nachterstedt, [Bezirk] Halle, wurden zwei Jugendliche für die KVP geworben und von der FDJ-Gruppe feierlich verabschiedet. In der Nacht zum 6.6.1955 setzten sich diese beiden Jugendlichen nach Westberlin ab.

In der Peenewerft in Wolgast herrscht unter den Kollegen aufgrund der Einstellung der Werbekommission, dass die Jugendlichen, die nicht zur KVP gehen, nicht mehr für einen VEB tragbar sind, eine schlechte Stimmung.

Zum Beispiel sagte ein Arbeiter: »Mit dem Argument, für einen VEB bei Ablehnung der KVP nicht mehr tragbar zu sein, können sie mich nicht fangen. Es gibt noch andere Betriebe, wo man arbeiten kann.«

Ähnliche Erscheinungen gibt es auch auf der Neptunwerft. Dort droht der Werkdirektor den Arbeitern mit Entlassungen, wenn sie nicht zur KVP gehen. Daraufhin wird von vielen Kollegen von einem »freiwilligen Zwang« gesprochen.

Im Motorenbau der Schiffs- und Reparaturwerft Stralsund wurde unter anderem ein Genosse angesprochen, der sich aber weigerte, freiwillig zur KVP zu gehen. Daraufhin bezeichneten ihn der Kaderleiter und der Parteisekretär als Agent, und sie sagten ihm, dass er sich zum Teufel scheren solle. Daraufhin reagierte er so, dass er acht Tage Urlaub nahm und mit unbekanntem Ziel mit dem Motorrad wegfuhr.

Aufgrund dieser Sache entstand im Betrieb große Unzufriedenheit.

Unter anderem äußerte ein parteiloser Schlosser: »Wenn die so weitermachen, haben wir bald wieder einen 17. Juni.«

Am 3.6.1955 wurden im Fischkombinat Rostock sechs Jugendliche entlassen, weil sie sich nicht zur KVP meldeten. Alle sechs arbeiteten als Handwerker in der Werkstatt, wo zurzeit genügend Arbeit vorhanden ist. In der Werkstatt wird über diese Angelegenheit kaum gesprochen, da jeder Angst hat, auch entlassen zu werden, wenn er seine Meinung dazu äußert.

Im VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow, [Bezirk] Potsdam, wurden bisher aufgrund der KVP-Werbung sieben Jugendliche, im VEB Görlitzer Maschinenbau in den letzten drei Wochen acht Jugendliche und im VEB Kleinmetallwarenwerk Heiligenstadt, [Bezirk] Erfurt, vier Jugendliche republikflüchtig.

Die Diskussionen über die Kampfgruppen16 weisen keine wesentlich neuen Momente auf. Noch immer gibt es einen großen Teil von Kollegen, der eine mangelnde Verteidigungsbereitschaft zeigt. Meist ist dies auf pazifistische Anschauungen zurückzuführen.

Die Gespräche über die gegenwärtige Versorgungslage halten in vielen Betrieben weiter an. Dabei zeigt sich immer wieder eine gewisse Unzufriedenheit im Allgemeinen über die Wirtschaftslage und insbesondere über die Fettversorgung.

Von negativen Elementen werden Vergleiche zu den Verhältnissen in Westdeutschland gezogen und es wird betont, dass es drüben bedeutend besser sei und bei uns der Lebensstandard immer schlechter würde.

Zum Beispiel sagte ein Arbeiter aus Neuzelle, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Im Westen ist alles besser als bei uns. Drüben wird nur nicht solche Propaganda wie bei uns gemacht. Auch gibt es alles zu kaufen und in guter Qualität. Hier werden nur viel Versprechungen gemacht aber nicht gehalten. Es hat keinen Zweck, an einer Versammlung teilzunehmen, weil sich ja doch nichts ändert.«

Ein E-Lok-Fahrer aus dem VEB Kombinat Böhlen, [Bezirk] Leipzig: »Was sie hier vom Westen erzählen, das weiß ich besser als die hier. Ich war schon öfter drüben und weiß, dass dort die Arbeiter besser leben. Bei uns gibt es ja kaum Margarine zu kaufen. Es wird noch einmal so weit kommen, dass wir wieder Rübenblätter fressen.«

Ein anderer Arbeiter aus dem gleichen Werk: »Habt ihr bei uns schon mal etwas Vernünftiges gesehen? Hier ist doch alles Mist. Die gelbe Butter, die uns der Russe liefert, kann man ja vor Salz nicht essen.17 Genauso ein Problem ist es jetzt mit dem schwarzen Brot.18 Na für uns Arbeiter ist eben alles gut.«

Ein Angestellter, auch aus diesem Werk: »Ich war jetzt einige Tage im Westen und konnte mir ein wirkliches Bild von drüben machen. Es gibt dort alles zu kaufen und die Menschen leben viel freier.«

Stimmen zum 17. Juni

Ein Kollege aus dem VEB IFA Fahrzeugbau Waltershausen, [Bezirk] Erfurt: »Selbst ein gelungener neuer 17. Juni bringt uns nichts Gutes. Die Pferde wechseln, aber der Stall bleibt.«

Darauf erwidert ein anderer Kollege: »Na, wenn das damals einen Tag länger gedauert hätte und ohne die Russenpanzer, vielleicht wäre dann doch etwas anderes herausgekommen.«

Arbeitsniederlegungen

Am 3.6.1955 legten in der Wohnwirtschaftsabteilung des Objektes 29 – Gera – sieben Arbeiter die Arbeit nieder. Als Begründung gaben sie an, dass sie im vergangenen Monat nur 83 % ihres Lohnes erhalten haben. Eine Überprüfung ergab, dass diese Brigade 13 Fehlschichten mit einem Arbeitsausfall von insgesamt 252 Stunden zu verzeichnen hatte.

Der Anstifter zu dieser Arbeitsniederlegung war ein Jugendlicher, der daraufhin entlassen wurde. Die anderen Kollegen wurden aufgeklärt und nahmen nach zwei Stunden die Arbeit wieder auf.

Am 3.6.1955 legten in der Halle III des VEB Gusswerkes in Brand-Erbisdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, von 6.00 bis 9.00 Uhr 18 Arbeiter die Arbeit nieder.

Der Grund dafür war, dass sie für die Bearbeitung bestimmter Schmiedestücke nicht nach der Lohngruppe VI sondern nach V bezahlt wurden.

Nach einer Rücksprache mit der Betriebsleitung, BPO und BGL wurde beschlossen, den Arbeitern eine Erschwerniszulage zu zahlen, womit sich die Arbeiter auch einverstanden erklärten.

Die Arbeit wurde daraufhin wieder aufgenommen.

Am 25.5.1955 wurde im Konsumbekleidungswerk I in Brandenburg für 20 Minuten die Arbeit niedergelegt. Der Grund dafür war die Einführung neuer Normen,19 die von den Kollegen nicht anerkannt wurden. Eine Untersuchung ergab, dass dies auf administrative Weise geschah und die Kollegen ungenügend darüber aufgeklärt wurden. Nachdem mit den Kollegen von leitender Stelle des Betriebes gesprochen und ihnen erklärt wurde, dass noch eine genaue Überprüfung der neuen Normen durchgeführt wurde, nahmen sie die Arbeit wieder auf.

Die Klagen über Materialmangel halten in dieser Berichtsperiode weiterhin an und kommen aus folgenden Betrieben:

  • VEB Apparatebau Mylau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Rohre für die Herstellung von Kühlschränken);

  • VEB Reifenwerk Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder (Reifeneinlegedraht);

  • VEB Kabelwerk Meißen, [Bezirk] Dresden (Stahldraht);

  • VEB Lederwerk »Friedensgrenze« Ostritz, [Bezirk] Dresden (Bindemittel »Eukanol«20) und

  • VEB Süd-Thüringer Möbelwerke in Themar, [Bezirk] Suhl (Furniere).

Der VEB Papierfabrik Fährbrücke, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, muss vom 10.6. bis Ende Juni 1955 seine Produktion einstellen, weil ihm die zuständige HV in Berlin von seinem Kontingent 1 800 t Kohle gestrichen hat.

Der VEB Wäsche- und Kleiderfabrik Arnstadt, [Bezirk] Erfurt, ist in seiner Produktionskapazität nicht ausgelastet. Zum Beispiel war der Betrieb, in der Zeit vom 25.5. bis 3.6.1955, nur mit 40 % ausgelastet. Die Betriebsleiterin befindet sich zurzeit in Karl-Marx-Stadt, um Aufträge einzuholen.

Auch in der Privatfirma Strohbach und Co.21 (Tüllfabrik) mangelt es an Aufträgen. Aufgrund dessen kündigte dieser Betrieb 20 Arbeitern.

Die Kündigung wurde für den 17. Juni 1955 ausgesprochen.

Besondere Vorkommnisse

Am 6.6.[1955], um 8.10 Uhr, fiel das Kraftwerk Espenhain infolge eines Überschlages am Sammelschienentrennschalter der Maschine I mit der Eigenverbrauchsanlage aus. Dadurch brach das gesamte Netz Westsachsen zusammen. Bis 15.30 Uhr wurden wieder 80 MW des Kraftwerkes in Betrieb genommen. Ursache noch nicht bekannt.

Die Auswirklungen des Ausfalles des Landesnetzes zeigten sich in Folgendem:

Von 8.25 Uhr bis 8.35 Uhr fielen die Betriebe Großkokerei und »Friedenswacht« im Raum Lauchhammer aus.

Im VEB Kfz-Werk »Audi« Zwickau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fielen ca. 2 500 und im RAW »7. Oktober« ebenfalls in Zwickau 2 000 Produktionsstunden aus.

In den Wismut-Objekten22 Crossen, Johanngeorgenstadt und Aue kam es zu einer Störung von 1¼ Stunde.

In der Zeche »B« des Objektes Crossen bestand die Gefahr des Absaufens der Pumpen und Motoren.

In Oberschlema ruhte die Arbeit in der Zeit von 8.15 bis 10.10 Uhr und in Auerbach konnte erst ab 13.00 Uhr wieder gefördert werden.

Im Braunkohlenwerk Profen und im Braunkohlenwerk Zeitz, [Bezirk] Halle, musste der gesamte Betrieb wegen Stromstörungen zweimal angehalten werden.

Die Stadt Eisenach war seit früh 9.00 Uhr den ganzen Tag ohne Strom, außer am Nachmittag, für die Dauer von 1½ Stunde. Dadurch ruhte die gesamte Industrie. Ursache: die Störungen im Landesnetz Westsachsen und der Ausfall eines 100 000-V-Trafo in Lemkendorf, [Bezirk] Gera.

Produktionsstörungen

Im Tagebau Pirkau des Braunkohlenwerkes »Erich Weinert« Deuben, [Bezirk] Halle, entgleiste ein Kohlendoppelwagen. Materialschaden: ca. 15 000 DM.

Am 2.6.1955 war im VEB Regis, [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, der Bagger 750 ca. neun Stunden außer Betrieb. Ursache: Sechs Seile vom Heb- und Senkwerk waren von den Rollen abgelaufen. Produktionsausfall: 7 000 cbm Abraum = 7 200 DM.

Am 2.6.1955 brannte in der Nähe der Schlammleitung von der Fabrik 96 – Freital – eine Baubude von der Bau-Union Dresden ab. Für die Wismut entstand ein Schaden an der vorbeiführenden Brücke der Schlammleitung. In der Fabrik 95 – Freital – brannte am 3.6.[1955], gegen 5.00 Uhr, ein Transformator, der außerhalb des Fabrikgeländes stand, durch. Ursache: wegen Überlastung.

Am 3.6.1955, um 23.30 Uhr, brach im Wohnlager des EKS Fürstenberg ein Brand aus. Schaden: Eine Baracke ist völlig vernichtet, eine andere zum Teil beschädigt. Ursache: noch nicht bekannt.

Im Maschinensaal des VEB EKM Motorenwerk Cunewalde, [Bezirk] Dresden, wurden an einem bearbeiteten Werkstück für ein Drehkolbengebläse, welches für den UdSSR-Export bestimmt ist, an einem eingepassten Rollenlager Gussspäne vorgefunden. Diese können bei einem normalen Produktionsablauf nicht in dieses Lager gelangen.

In nachstehenden Betrieben wurden Hetzlosungen, die vorwiegend gegen die DDR und SU gerichtet waren, meist in Toilettenanlagen angeschmiert.

VEB EMW Eisenach,23 VEB Schlepperwerk Nordhausen, [Bezirk] Erfurt, VEB Peniger Maschinenfabrik, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Zentralwerkstatt Regis, [Bezirk] Leipzig, und auf der Warnowerft in Warnemünde.

Im letztgenannten Betrieb lautet die Hetzlosung wie folgt: »Jungen und Mädel, lasst Euch nicht von dieser Politik beeinflussen, denn diese führt zu einem neuen Krieg. Wir fordern Euch auf, Euch gegen diese Politik aufzulehnen. Stürzt die Regierung, denn sie sind Vaterlandsverräter.«

Am 3.6.1955 wurden im VEB Plasta in Sonneberg,24 [Bezirk] Suhl, selbstangefertigte Hetzzettel mit der Aufschrift angebracht: »Arbeiter, Du musst immer mehr schuften, wo bleiben Deine Prämien.«

In einigen Betrieben wurden Plakate, welche zur Sichtwerbung angebracht waren, beschädigt, unter anderem im BKW »Friedenswacht«, Großkokerei Lauchhammer und VEB Ostsachsendruck Görlitz.

Im VEB Porzellanmanufaktur Meißen wurde die Wandzeitung mit Kohle beschmiert und in der Abteilung Werkverkehr des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg wurden sämtliche Artikel von der Wandzeitung abgerissen.

Versorgung der Bevölkerung

Trotzdem die Schwierigkeiten in der Margarineversorgung im Allgemeinen beseitigt sind, treten doch immer wieder örtlich, besonders in ländlichen Gemeinden, Schwierigkeiten auf. In verschiedenen ländlichen Gebieten ist dabei nicht nur die Belieferung mit HO-Margarine25 schlecht, sondern die Belieferung mit Waren überhaupt.

So hat z. B. die Verkaufsstelle Lübbenow, [Kreis] Strasburg, [Bezirk] Neubrandenburg, seit drei Wochen keine Margarine auf Marken erhalten.

Auch traten Schwierigkeiten durch ungenügende Bereitstellung von Wurstwaren, Öl und Schmalz (Markenware) auf, sodass seit voriger Woche keine Versorgung mit Wurstwaren mehr möglich ist und die Bevölkerung ist auf HO-Waren angewiesen.

Hierzu äußerte sich eine Hausfrau wie folgt: »Was sollen wir denn jetzt unseren Männern bei der schweren Arbeit aufs Brot geben.«

Die Belieferung der Verkaufsstellen mit Obst und Frischgemüse ist in vielen Fällen noch schlecht.

Die Bevölkerung führt besonders auch darüber Klage, dass das Gemüse, was es verschiedentlich zu kaufen gibt, zu teuer ist und dass vor allem bei den einzelnen Handelsorganen (Privat-HO und Konsum)26 unterschiedliche Preise festgesetzt sind.

Verschiedentlich wird noch immer die neue Buttersorte zum Preis von 4,60 DM beanstandet, und es wird gesagt, dass die Butter minderwertige Qualität sei, da sie nur kurze Zeit haltbar ist.

Von den Handelsorganen wird gefordert, dass diese Butter nicht in kleinen Stücken, sondern in großen Stücken verpackt, den Verkaufsstellen geliefert werden soll.

Darüber gibt es z. B. im Kreiskonsum Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, unzufriedene Stimmen. Der Konsum wird vorwiegend von der Molkerei in Burgstall mit Butter beliefert.

Laut Anweisung soll die Butter in größerem Maße in ein viertel und ein halbes Kilo Stücken verpackt und in den Handel gebracht werden.

Die Butter hält so nicht länger als sechs bis zehn Tage. In größeren Stücken verpackt, würde sie länger haltbar sein.

In Weißenfels, [Bezirk] Halle, betragen die Überplanbestände an Aluminiumgeschirr ca. 150 000 DM. Der Grund des schlechten Absatzes liegt daran, dass das Aluminiumgeschirr zu teuer ist.

In der DHZ27 Allstedt, [Kreis] Sangerhausen, [Bezirk] Halle, lagern für 160 000 DM Importzigaretten, die von keiner Verkaufsstelle abgenommen werden, weil sie zu teuer sind.

In der HO-Industriewaren Karl-Marx-Stadt/Land lagern Überplanbestände von Schuhen im Wert über 100 000 DM. Obwohl die Schuhe eine gute Qualität aufweisen, werden sie nicht gekauft. Ursache: ungenügende Wendigkeit der Handelsorgane.

Zurzeit bestehen im Kreis Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, Absatzschwierigkeiten.

In der VEAB Neuruppin lagern 300 000 Stück Eier. Diese können nicht verpackt werden, weil Kisten und Einsätze von den Abnahmen noch nicht zurückgeschickt wurden, da bei diesen die Lager ebenfalls voll sind.

Aussicht auf Abnahme der Eier besteht vorläufig nicht, da die Abteilung Handel und Versorgung beim Rat des Bezirkes gemeldet hat, dass Importeier geliefert werden.

Durch unsachgemäßes Lagern von 100 t Zwiebeln bei der Konsumgenossenschaft Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, verdarb der größte Teil. Es entstand ein Schaden von 18 000 DM.

Im Textillager Delitzsch, [Bezirk] Leipzig, lagern Überplanbestände im Wert 500 000 bis 600 000 DM (Übergrößen), wodurch die Umlaufmittel des Konsums gebunden werden.

Der Konsum ist nicht in der Lage, in den nächsten Wochen die Rechnungen von der Industrie zu begleichen und muss deshalb Verzugszinsen entrichten.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Diskussionen zu den politischen Tagesfragen haben sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert.

Es wird weiterhin, vor allem im sozialistischen Sektor, über die Warschauer Konferenz,28 die Verhandlungen Sowjetunion – Jugoslawien und die KVP-Werbung diskutiert.

Es werden die gleichen Argumente, wie bereits des Öfteren berichtet, zum Ausdruck gebracht.

Wie in der Industrie, so beschäftigt sich auch ein Teil der Jugendlichen auf dem Lande mit der KVP-Werbung.

Auch hier ist die ablehnende Haltung eines großen Teiles der Jugendlichen unverändert.

Es kommt häufig vor, dass Jugendliche beim Auftauchen der Werbekommission das Dorf verlassen, sodass diese des Öfteren keinen Jugendlichen antreffen (z. B. in der Gemeinde Lietzow, [Kreis] Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg).

Es zeigt sich aber auch, dass dort, wo gute Erziehungsarbeit geleistet wird, auch gute Erfolge erzielt werden.

So konnten z. B. vom staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Belzig, [Bezirk] Potsdam, in der diesjährigen Werbeperiode bisher zwölf Jugendliche für die KVP geworben werden.

Auf einer Mitgliederversammlung in der Gemeinde Langwitz, [Kreis] Malchin, [Bezirk] Neubrandenburg, erklärte ein werktätiger Bauer, dass es die Pflicht aller Jugendlichen in der DDR wäre, die Errungenschaften des Arbeiter-und-Bauern-Staates zu verteidigen und zu schützen. Er selbst meldet sich sofort zur KVP und fordert die Jugendlichen auf, das gleiche zu tun.

Aus dem MTS-Bereich Blesewitz, [Kreis] Anklam, [Bezirk] Neubrandenburg, meldeten sich während der Diskussion zehn Jugendliche zur KVP.

Aufgrund der bevorstehenden Viererkonferenz29 haben die Umsiedler30 in der Gemeinde Groß Lubolz, [Kreis] Lübben, [Bezirk] Cottbus, große Hoffnung auf eine Rückkehr in ihre Heimat.

Ein Neubauer31 äußerte zu Kollegen, dass sie im Herbst 1955 ihr Bier wieder in Landsberg an der Warthe32 trinken.

Ein anderer Landwirt, ebenfalls Neubauer, äußerte sich, er sei der erste Umsiedler, der in seinen Heimatort einzieht. Der RIAS33 hätte verbreitet, dass der kalte Krieg beendet ist und die Sowjetunion schwer unter Druck gesetzt wird. Hierdurch würden bei der Konferenz die Freiheit der Ostgebiete bis zum Herbst dieses Jahres erzwungen werden.

In der Gemeinde Zelz-Bahren diskutierten die Bauern nach einer Gemeindeversammlung, dass sie nicht damit einverstanden sind, wenn ein rückkehrender Republikflüchtiger Kredit und den Schaden (Geldunterschlagung) erlassen erhält.34 Sie sagen, wir werden jetzt auch Schulden machen und uns dann absetzen und später zurückkommen, das Geld bekommen wir ja erlassen. Das Geld, was der Republikflüchtige veruntreute, gehörte der BHG und sie stehen auf dem Standpunkt, dass das Geld ihnen gehört.

Einige Bauern tragen sich mit dem Gedanken, aus diesem Grunde aus der BHG auszutreten.

In der Gemeinde Burg-Dorf35 im Spreewald, [Bezirk] Cottbus, wurde eine Kirchenversammlung durchgeführt. Dort wurde der Beschluss gefasst, dem ehemaligen Naziortsgruppenleiter auf dem Friedhof ein Denkmal zu setzen. Dieses wurde auch durchgeführt und das Denkmal erhielt die Inschrift: »Die dankbare Kirchengemeinde.«36

Weiterhin wurde in der Kirche Burg-Dorf eine Ehrentafel über alle Gefallenen des II. Weltkrieges, darunter alle Nazis und solcher die 1945 inhaftiert wurden, enthüllt. Die Tafel trägt die Überschrift: »Die Helden des II. Weltkrieges.«37

In der MTS-Spezialwerkstatt Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, sind die Arbeiter missgestimmt, dass der ehemalige Besitzer der Werkstatt, der vor einigen Jahren wegen Steuerrückständen verurteilt und jedoch vorzeitig entlassen wurde, jetzt den Betrieb zurückerhalten soll. Sie äußerten dazu, dass sie den ehemaligen Besitzer vom Hof prügeln werden, wenn er sich dort sehen lässt. Außerdem sagten sie, wenn sie das gewusst hätten, dass der Kapitalist seinen Betrieb wiedererhält, so hätten sie ihn nicht am 1. und 8. Mai durch verstärkte Wachen geschützt.

Zurzeit werden noch Verhandlungen geführt, wie viel Pacht in Zukunft von der MTS an den ehemaligen Besitzer bezahlt werden soll. Die Arbeiter äußern darüber immer wieder ihre Unzufriedenheit und verlangen, dass dem Kapitalisten der Betrieb auf keinen Fall zurückgegeben werden soll.

Der Mangel an Saatkartoffeln hält in verschiedenen Kreisen noch immer an. Die Bauern sind darüber schon ungehalten und befürchten, wenn in dieser Beziehung nicht bald Abhilfe geschaffen wird, dass dann die Kartoffeln nicht mehr gesetzt werden können, weil es dann bald zu spät ist.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben, Gemeinden und Kreisen fehlen noch Saatkartoffeln:

  • im Kreis Jüterbog für 124 ha (besonders LPG und ÖLB,38 aber auch in Privatbetrieben),

  • in 26 LPG des Kreises Güstrow, [Bezirk] Schwerin (2 581 dz),

  • in 19 ÖLB (3 180 dz),

  • im privaten Sektor (2 207 dz);

  • im Kreis Bützow, [Bezirk] Schwerin (6,23 dz);

  • in den Gemeinden Schaliep,39 Neuenkirchen und Zarrentin, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin (170 dz);

  • im MTS-Bereich Roggendorf, [Kreis] Gadebusch (1 300 dz);

  • im ÖLB Techentin und im ÖLB Wendisch Waren,40 [Kreis] Lübz, [Bezirk] Schwerin (300 dz);

  • in der Gemeinde Beggerow, [Kreis] Demmin (für 7,5 ha);

  • die LPG Kaackstadt, [Kreis] Templin, [Bezirk] Neubrandenburg (200 dz);

  • in der Gemeinde Ulbersdorf, [Kreis] Sebnitz, [Bezirk] Dresden (30 dz);

  • in der Gemeinde Parstein und Trampe, Kreis Eberswalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder (250 dz) und

  • in der Gemeinde Wittmannsdorf, Kreis Lübben, [Bezirk] Cottbus (9 dz).

Aus verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben wird berichtet, dass das Saatgut, was ausgesät worden war, nicht aufgegangen ist, weil es keine bzw. wenig Keimfähigkeit besaß.

So bestellte z. B. die LPG »Neues Leben« in der Gemeinde Radisleben, Kreis Aschersleben, [Bezirk] Halle, 36 Morgen Land mit Bohnen, die nicht aufgegangen sind. Das Land muss neu bestellt werden.

Im Kreis Westerfels, [Bezirk] Halle, kritisierten die Bauern die schlechte Keimfähigkeit des Futtermaises. Verschiedene LPG beschweren sich, dass der Saat-Mais von der DSG Naumburg, der zur Vermehrung geliefert wurde, nicht aufgegangen ist.

Ähnliche Erscheinungen traten noch in anderen landwirtschaftlichen Betrieben auch mit anderem Saatgut auf.

Augenblicklich macht sich vor allem der Kraftfuttermangel in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben wieder bemerkbar. Das ruft unter den Bauern negative Diskussionen hervor und die Einzelbauern diskutieren noch dazu, dass die gegenüber den LPG und VEG benachteiligt werden.

Zum Beispiel sagt ein Bauer aus Mühltroff, Kreis Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Die Verhältnisse in der Landwirtschaft werden immer schlechter. Futtermittel für unsere Kühe erhalten wir überhaupt nicht oder nur ganz knapp. Alles wird den LPG und VEG gegeben. Aber unser Vieh hat doch auch Hunger, wie sollen wir denn unter diesen Verhältnissen den Ministerratsbeschluss41 verwirklichen?«

Durch den Mangel an Kraftfutter können die Betriebe nicht richtig füttern, sodass es des Öfteren an Gewicht abnimmt bzw. abmagert.

Zum Beispiel hat der Schweinemeister der LPG Bollewick42, Kreis Röbel, [Bezirk] Neubrandenburg, 50 Schweine zu betreuen, wovon der größte Teil der Tiere, die schon ein Jahr alt sind, nur 15 bis 20 kg wiegen.

Die VEG des Bezirkes Rostock liefern sämtliche Schweine von 95 kg an die Schlachthöfe, da nicht genügend Futter vorhanden ist.

Im VEG Benndorf, Kreis Hettstedt, [Bezirk] Halle, ist die Gewichtszunahme der Schweine von 740 auf 250 g zurückgegangen.

In verschiedenen MTS tauchen immer wieder Schwierigkeiten in der Ersatzteilbeschaffung auf.

Darüber wurde schon des Öfteren berichtet und es hat sich bis jetzt in dieser Frage nicht viel verändert. Die Traktoristen klagen auch darüber, dass reparierte Maschinen in kurzer Zeit wieder ausfallen, weil die verwendeten Ersatzteile nicht den Erfordernissen entsprechen, sodass z. B. eben reparierte Motoren in kürzester Zeit festlaufen usw.

Das war z. B. in der MTS Altweschdorf, Kreis Seelow, [Bezirk] Frankfurt/Oder, der Fall, wo der Motor nach ca. 110 Betriebsstunden in den Lagern festlief. Ein reparierter Pioniermotor lief ungefähr 400 Betriebsstunden.

Ersatzteile fehlen:

  • in der MTS Kamenz, [Bezirk] Dresden (Schrauben 12 × 50, 12 × 20);

  • in der MTS Niemegk, [Bezirk] Potsdam (Hauptwellen mit kleinen Antriebsrädern, große Antriebsräder usw. aus diesem Grunde können fünf Traktoren Typ »Aktivist«43 nicht eingesetzt werden);

  • in der MTS Spezialwerkstatt Sangerhausen, [Bezirk] Halle (von 8 000 angeforderten Fördergliedern aus dem Mähdrescherwerk Weimar wurden bis jetzt nur ca. 100 Stück geliefert);

  • in der MTS Breitungen, Kreis Schmalkalden, [Bezirk] Suhl (Anbaubalken für die Grasmahd);

  • in der MTS Roggendorf, Kreis Gadebusch, [Bezirk] Schwerin (20 Traktorenreifen 12, 78 × 28).

Von sämtlichen VEG des Bezirkes Rostock wurden bisher bei den Traktoren getrennt Leuna44 und Mineralöl verwandt.

In der letzten Zeit kam plötzlich Bunaöl45 zur Auslieferung. Diese Ölsorte lässt sich mit Leuna und Mineralöl nicht vermischen, das bedeutet, dass bei sämtlichen Traktoren, wo Öl nachgefüllt werden muss, ein Ölwechsel erfolgen muss. Hierbei entsteht der Volkswirtschaft ein erheblicher Schaden.

Dieses trifft nicht nur für die VEG, sondern auch für sämtliche MTS und den gesamten Kraftfahrzeugpark zu.

In mehreren LPG des Kreises Zeitz, [Bezirk] Halle, wurden in den letzten Jahren Hopfenplantagen angelegt. Bereits vor acht Wochen versprach die zuständige Stelle beim Rat des Bezirkes die Gerüste dafür bereitstellen zu lassen. Heute ist der Hopfen bereits 2 m lang und wächst auseinander. Jedoch wurden die Gerüste bis jetzt noch nicht geliefert.

Mit einem Ertrag ist deswegen in diesem Jahr nicht zu rechnen.

Die Genossenschaftsbauern sind über eine derartige Arbeitsweise der Staatsorgane sehr verärgert.

Aus den Bezirken Gera, Dresden, Erfurt, Suhl, Halle und Potsdam wird wiederholt über die Wildschweinplage berichtet.

Die Bauern, deren Felder von den Wildschweinen zerwühlt werden, fordern, endlich Abhilfe zu schaffen, da sie sonst nicht den Verpflichtungen dem Staat gegenüber nachkommen können.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

In der LPG Ganz, Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam – Bestand von 80 Schweinen notgeschlachtet.

Im VEG Bergen, Kreis Wanzleben, [Bezirk] Magdeburg, sind von 350 Schweinen 115 erkrankt, davon wurden 111 notgeschlachtet, vier verendeten.

In der LPG Beckendorf, Kreis Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, sind von 63 erkrankten Schweinen 36 notgeschlachtet worden.

In der LPG Dobbertin, Kreis Lübz, [Bezirk] Schwerin, sind von 110 Schweinen neun verendet, 111 wurden notgeschlachtet.

In der LPG Groß Rogahn, Kreis Schwerin, sind von 82 Schweinen 15 verendet, 69 wurden notgeschlachtet.

Am 1.6.1955 wurden durch bisher unbekannte Täter die Pferdekoppeln der LPG Ferchesar, Kreis Rathenow, [Bezirk] Potsdam, geöffnet, sodass drei Pferde ausbrechen konnten. Die Pferde richteten auf den Feldern des VEG Rhinsmühlen Schaden an.

Brände

Am 2.6.1955, gegen 2.00 Uhr, entstand in Buchholz, Kreis Schwerin, durch Fahrlässigkeit ein Waldbrand. Gesamtschaden: 300 DM.

Aus bisher unbekannten Ursachen brannte am 3.6.1955, gegen 7.30 Uhr, ein Holzschuppen eines Kleinbauern in Ludwigslust, [Bezirk] Schwerin, nieder. Der Gesamtschaden: 1 200 DM.

Am 2.6.1955, gegen 17.30 Uhr, brach bei einem LPG-Bauern in Neureetz, Kreis Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, ein Scheunenbrand aus. Ursachen: Der Neffe des Bauern spielte in der Scheune mit Streichhölzern. Schaden: ca. 5 000 DM.

Am 2.6.1955, gegen 16.45 Uhr, brach bei einem werktätigen Bauern in Groß Garz, Kreis Seehausen, [Bezirk] Magdeburg, ein Scheunenbrand aus. Die Scheune und die daran angrenzenden Stallungen brannten nieder. Ursache: noch nicht ermittelt. Schaden beträgt ca. 8 500 DM.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Die Zahl der Massenerkrankten in Weischlitz,46 Kreis Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hat sich auf 211 Personen erhöht. Davon sind 170 Personen in Krankenhäusern untergebracht. Bei weiteren 41 Personen besteht der Verdacht.

Die Arznei, die aus Westdeutschland besorgt werden muss, ist bis jetzt noch nicht eingetroffen.

Am 1.6.1955 wurden beim Spielen mit einer Splitterbombe drei Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren in der Gemeinde Karlshof, Kreis Freienwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, schwer verletzt. Ein Kind wurde getötet.

Die Kinder befanden sich auf dem Acker. Die Mutter war mit Rübenhacken beschäftigt, während die Kinder mit der Bombe am Feldrand spielten.

Einschätzung der Situation

Die Lage hat sich gegenüber den Vortagen nicht wesentlich verändert.

Anlage vom 6. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2456

Auswertung der Westsendungen

Zur 24. Tagung des ZK der SED47 wird gehetzt, dass es sich nicht lohne, dazu in den westlichen Presseorganen Stellung zu nehmen, da nur allzu Bekanntes auf ermüdende Weise wiederholt worden sei. Die »Vorschläge zur Wiedervereinigung48 enthielten überhaupt nichts Neues«. Die Hetze befasste sich dann mit der Aufgabenstellung »Annäherung beider Teile Deutschlands« und es heißt dazu, dass unsere Partei und Regierung nichts unternehmen, diese Aufgabe zu erfüllen, sondern gegen eine Annäherung arbeiten. Der Austausch von Delegationen49 sei keine Lösung dieser Frage, sondern man müsse auch die »getroffenen Maßnahmen gegen einen normalen Reiseverkehr von Privatpersonen«50 beachten. Genannt wird auch noch die Trennung des Eisenbahnsondernetzes (BASA)51 in Berlin und zum Schluss heißt es:

»… Die Kommunisten in der Zone haben jederzeit Gelegenheit, für die Annäherung der beiden Teile Deutschlands zu wirken, sie brauchen nur schrittweise die Politik zurückzunehmen, die sie in den letzten Jahren zielstrebig betrieben haben und die das Gebiet der Zone dem Block der gewaltsamen bolschewistischen Länder einverleibte. Eine Annäherung ohne Korrekturen am wirtschaftlichen und politischen System der DDR ist undenkbar.«

Im Zusammenhang mit einem Kommentar zur bevorstehenden Beendigung des 1. Fünfjahrplanes52 der DDR stellt der RIAS die Frage, ob die Bevölkerung der DDR etwas von der Übererfüllung des Planes zu spüren bekommen hätte. Im Verlauf der Sendung wird darauf u. a. folgende Antwort gegeben:

»… Ob nun also überplanmäßige Produktionserfolge oder nicht, mindestens eins ist klar, der Masse der Bevölkerung, den Arbeitern und den Verbrauchern, geht es heute längst nicht so gut, wie ihnen der Fünfjahrplan versprochen hatte. Die industrielle Produktion ist um ungefähr 1/10 größer, so behauptet jedenfalls die SED, als geplant worden war. Die Versorgung der Bevölkerung ist aber, das können wir aus Ulbrichts53 Zahlen errechnen, trotzdem um mindestens 1/10 schlechter als 1950 beabsichtigt war …«

Als »Beweis« dafür wird mit den verschiedensten Zahlen jongliert, die ein Hörer gar nicht erfassen kann.

In einer Sendung zu der für Juni vorgesehenen Rechenschaftslegung über die bisherige Erfüllung der Planaufgaben wird vom RIAS wiederholt zur Beeinflussung der Arbeiter gehetzt, dass die Schuld an aufgetretenen Mängeln in der Volkswirtschaft nicht bei den Arbeitern zu suchen sei, sondern in jedem Fall bei den verantwortlichen Funktionären, die »versagt« hätten.

Als Beispiele werden dazu die Bearbeitung von Verbesserungsvorschlägen, die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten usw. genannt.

RIAS hetzt dazu weiter: »… Die Werktätigen auf der einen Seite haben durch Hunderttausende von Verbesserungsvorschlägen ihre Bereitschaft zur Mitarbeit bewiesen, die Bürokratie auf der anderen Seite hat versagt. Sie war weder in der Lage, die gemachten Vorschläge auszuführen, noch eine reale Aufgabenstellung für die staatliche Forschung zu entwickeln …«

Gegenstand der Hetze zur Versorgung war in einer der letzten Sendungen des Londoner Rundfunks54 die Ausschüttungs-Quote des Mehles55 in der DDR und der Fettgehalt der Milch, »der zu 20 % herabgesetzt und der Wassergehalt der Butter, der von 20 % auf 24 % erhöht worden sei«.56 Mit diesen Behauptungen sollen die in der DDR in dieser Hinsicht vereinzelt vorhandenen negativen Meinungen noch geschürt werden.

Im gleichen Zusammenhang wird dabei gegen die Funktionäre gehetzt, die von all den »Schwierigkeiten« der Bevölkerung nichts merken würden.

Im engen Zusammenhang mit der Versorgung steht die Hetze der Westsender über die Landwirtschaft in der DDR.

Dabei wird immer wieder zugrunde gelegt, dass die LPG ihre Aufgaben nicht erfüllen können und dass die selbstständigen Bauern mehr leisten könnten, wenn sie eine bessere Unterstützung vom Staat erhielten.

Der Sender »Freies Berlin«57 sagt dazu: »Auch die Bauern in Mitteldeutschland wären in der Lage, es ihren Berufskollegen in der Bundesrepublik gleichzutun, es dürften ihnen nur die nötigen Betriebsmittel wie Saatgut, Futtermittel und Maschinen nicht vorenthalten werden. Und was vielleicht noch wichtiger wäre, sie müssten von den eingegangenen Bestimmungen und Gesetzten der Zwangswirtschaft befreit sein.«

Um die Bauern gegen die MTS zu beeinflussen, wird wiederholt gegen dieselben gehetzt, dass sie auf keinen Fall den gestellten Anforderungen entsprächen. Unter andrem spricht man von veraltetem bzw. ungenügendem Maschinenpark.

Gleichzeitig wird die Qualität der geleisteten Arbeit als »schlechter denn je« bezeichnet, und als Endkonsequenz wird wiederum die Forderung nach der »eigenen Produktion« aufgestellt.

Mit den verschiedensten Formulierungen wird immer wieder gegen die Anwendung von Neuerermethoden58 in der Landwirtschaft gehetzt, wobei man in den Vordergrund stellt, dass es grundfalsch sei, sowjetische Neuerermethoden bei uns in Anwendung zu bringen, da hier ganz andere Bedingungen vorlägen. Unter anderem werden dabei genannt:

Die Jarowisation59 – der »Präparierungsaufwand für das Saatgut würde durch die Ertragserhöhung nicht eingebracht«.

Die Engsaatmethode sei den Bauern mit ihren Vor- und Nachteilen schon seit Generationen bekannt.

Das Quadratastpflanzverfahren60 würde sich in Mitteleuropa nicht durchsetzen.

Verschiedentlich wird von RIAS versucht, die Wissenschaftler auf dem Gebiet der Agrartechnik zu beeinflussen. Das soll zumal durch die Behauptung erreicht werden, dass sie immer mehr von ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu einer ausgesprochen politischen Arbeit veranlasst werden sollen, was aber den Wert ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit vermindere. Dies kommt besonders deutlich in den Schlussausführungen einer diesbezüglichen Sendung des RIAS zum Ausdruck, wo es heißt:

»Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es sich unter dem Druck der SED in der Agrarwissenschaft der Sowjetzone um einen Umwandlungsprozess handelt, mit dem Ziel die Wissenschaftler von der rein wissenschaftlichen und objektiven Einstellung zu einer parteiischen und staatlichen konzessionierten Stellungnahme zu bewegen. Sollte die SED auf der Verwirklichung dieses Zieles bestehen, so wird sie nicht nur den Verlust weiterer namhafter Wissenschaftler hinnehmen müssen, sondern sie wird erleben, dass die Agrarwissenschaft der Sowjetzone ihre Bedeutung immer mehr verliert.«

Zum anderen verfolgt eine Sendung über den Prozess gegen Baltzer61 den gleichen Zweck.62 Es wird behauptet, »dass die gegen Baltzer in der Kartoffelzucht vorgebrachten Anschuldigungen jeglicher Grundlage entbehrten und dass man ihn nur als ›missliebigen Wissenschaftler‹ beseitigen wollte«.

Dazu heißt es im RIAS: »Weil bei dem ganzen Schauprozess, bei der die SED ihre Hand im Spiel hat, es gar nicht darum ging, Dr. Baltzer Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen, sondern weil man diesen Mann, der klar erkannt hatte, wohin die Misswirtschaft der SED führt und es auch ausgesprochen hat, weil man diesen Mann unschädlich machen wollte …«

»Für diese Missstände, für die einzig und allein die SED mit ihrer verfehlten Agrarpolitik verantwortlich zeichnet, brauchte man nur wieder einmal einen Sündenbock und das soll Dr. Baltzer sein.«

RIAS benutzt Artikel unserer demokratischen Presse, die kritisch zu den bisherigen Ergebnissen der KVP-Werbung Stellung nehmen, um die Meinung zu schüren, dass die Werbung bisher erfolglos war und um diejenigen in ihrer Haltung zu bestärken, die bisher den Beitritt zur KVP ablehnten.

Als Beweis dazu führt man auch an, dass das Wort »Ehrendienst« in der KVP in »Ehrenpflicht« umgewandelt worden sei.

Zur Beeinflussung der Angehörigen der Sicherheitsorgane spricht RIAS in einer Sendung über die Einrichtung von Militärtribunalen.63 Dazu werden unter anderem auch Ausführungen über einen Sonderlehrgang zur Ausbildung der entsprechenden Kräfte und über die künftige Struktur gemacht.64

In einer Sendung des RIAS wird eine Beeinflussung der Mitglieder der Kampfgruppen im Zusammenhang mit der Österreich-Frage versucht. Es wird gehetzt, dass den »Werkschutzleuten der Usia-Betriebe«65 gekündigt worden sei, und dass denselben nur der Verzug nach den Volksdemokratien möglich sei, wenn sie sich nicht der »Verachtung ihrer Mitbürger« aussetzen wollen.

In Bezug auf unsere Kampfgruppen heißt es dann weiter:

»Die Werkschutzgruppen der Usia-Betrieb waren so etwas wie ein Vorbild und Gegenstück zu den Kampfgruppen der volkseigenen Betriebe. Welchem Kampfgruppenleiter oder Agitator für den Eintritt in die Kampfgruppen kann man es verübeln, wenn er sich die eventuellen Auswirkungen der von ihm so laut empfohlenen österreichischen Lösungen auf sein persönliches Schicksal vorzustellen versucht.

Dieses Beispiel Österreich kann so manchen freiwilligen Eintritt in die Kampfgruppen abschrecken und die, die schon drin sind, werden sich möglicherweise hüten, allzu eifrig zu erscheinen und mancher, der sich dort heute an seiner eigenen Kommandostimme berauscht, wird nun sehr viel leiser werden und seinem Arbeitskollegen beim Glas Bier versichern, es sei ja alles gar nicht so gemeint.«

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