Zur Beurteilung der Situation in der DDR
10. Juni 1955
Informationsdienst Nr. 2457 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Die Diskussionen der Werktätigen in den Industrie- und Verkehrsbetrieben werden gegenwärtig von der Note der SU an die Bonner Regierung1 bestimmt.
Nicht nur in den Kurzversammlungen wird positiv diskutiert, sondern auch in den außerhalb der Versammlungen geführten Gesprächen sind die Stellungnahmen überwiegend positiv.
Vorwiegend äußern sich dazu Arbeiter, in geringem Maße Angestellte und vereinzelt Angehörige der Intelligenz.
Umfangmäßig ist zu sagen, dass sich bei Weitem mehr an diesen Diskussionen beteiligen, als dies in der letzten Zeit bei anderen politischen Fragen der Fall war.
Das Interesse resultiert vorwiegend darauf, dass viele durch dieses Angebot an Bonn neue Hoffnung in Bezug auf die Herstellung der Einheit Deutschlands schöpfen.
Vielfach wird betont, dass die sowjetische Note große Überraschung, aber auch in den meisten Fällen Zustimmung ausgelöst hat.
Wiederholt spricht aus den Stellungnahmen eine gewisse Freude, dass Adenauer2 durch die sowjetische Diplomatie in die Enge getrieben wird und »unbedingt jetzt Farbe bekennen muss«.
Aus vielen Äußerungen spricht die Anerkennung der Bemühung der SU, alles zur Beilegung der strittigen Fragen im Interesse der Erhaltung des Friedens zu tun.
Dem gegenüber gibt es auch einen Teil Stellungnahmen, dass dieser Schritt der SU nicht richtig verstanden wird.
Dabei tauchen die verschiedenartigsten Meinungen auf. Zum Beispiel heißt es, wie es möglich sei, dass jetzt Adenauer nach Moskau eingeladen würde, wo er doch immer in unserer Presse als Kriegstreiber bezeichnet wird u. a. mehr.
Negative Elemente argumentieren, dass dieses Angebot an Bonn als Schwäche der SU gewertet werden müsse, da ja nach der Ratifizierung der Pariser Verträge3 »nicht mehr verhandelt werden sollte«.
Oder es heißt auch, dass dieser Schritt eine »Verdummungspolitik« darstelle.
Zum Beispiel sagte ein Kollege aus dem TKF4 in Zella-Mehlis, [Bezirk] Suhl: »Nun hat die SU so ein Angebot an Bonn gemacht, daran sieht man, dass sie Westdeutschland brauchen, von wegen mit einem faschistischen Deutschland gibt es keine Verhandlungen. Es hieß doch immer, nach der Ratifizierung der Pariser Verträge gibt es keine Verhandlungen mehr.«
Ein Weichenwärter vom Bahnhof Meuselwitz, [Bezirk] Leipzig: »Die Note stellt wiederum eine Verdummungspolitik dar. Auf der einen Seite wird gegen Adenauer gehetzt und andererseits wird er nach Moskau eingeladen. Das ist keine ehrliche Politik. Man führt die Arbeiter in der DDR nur an der Nase herum.«
Ein Ingenieur (parteilos) aus dem VEB »Roter Stern« Apolda,5 [Bezirk] Erfurt: »Es ist zum Lachen, dass Adenauer nach Moskau eingeladen ist, er würde bestimmt hinfahren, wenn er sicher wäre, auch wieder zurückzukommen.«
Durch die zahlreichen Diskussionen über die sowjetische Note an die Bonner Regierung wurden Gespräche über andere aktuelle Tagesfragen in den Hintergrund gedrängt.
Auch in dieser Berichtsperiode zeigen sich bei der KVP-Werbung6 keine wesentlich neuen Momente. Wie bereits in letzter Zeit berichtet, mehren sich die Fälle, wo Jugendliche wegen der KVP-Werbung republikflüchtig werden.
Zum Beispiel wurden im Monat Mai 1955 in der Elbe-Werft Boizenburg, [Bezirk] Schwerin, zehn Beschäftigte, darunter sechs Jugendliche republikflüchtig.
Im Kreis Calbe, [Kreis] Milde, [Bezirk] Magdeburg, wurden in der letzten Zeit 15 Jugendliche, im Karl-Marx-Werk Magdeburg7 (im Mai insgesamt 55) sechs Jugendliche, im VEB Soda-Werk »Fred Oelßner« Staßfurt fünf Jugendliche, im Kreis Altenburg, vorwiegend aus dem VEB Textima Altenburg, Maschinenfabrik Meuselwitz und Bahnwerk Zechau (in der Zeit vom 4.6 bis 9.6.1955) 13 Jugendliche und im VEB Simson-Werk in Suhl fünf Jugendliche republikflüchtig.
In den Cottbuser Wollwerken hat in letzter Zeit eine Fluktuation unter den Jugendlichen eingesetzt. Jugendliche, die angesprochen werden, zur KVP zu gehen, reichen sofort ihre Kündigung ein und wechseln in andere Betriebe über.
Der VEB »Fimag« Finsterwalde,8 [Bezirk] Frankfurt/Oder, muss aufgrund des neuen Produktions- und Arbeitskräfteplanes 200 Mann entlassen. Davon wurden 75 Jugendliche betroffen. Sie wurden daraufhin angesprochen zur KVP zu gehen, was alle ablehnten.
In letzter Zeit zeigt sich häufiger, dass entweder betriebliche Mängel oder Schwierigkeiten in der Versorgung von negativen Elementen zur Hetze gegen unsere demokratische Ordnung benutzt werden. In diesem Zusammenhang kommt es verschiedentlich zu Äußerungen über den 17. Juni.9
Ein Kollege aus dem Karl-Liebknecht-Werk Magdeburg10 äußerte z. B.: »Sie sollen uns was zu fressen geben, damit in der DDR kein Tumult entsteht.«
Ein Kollege aus der Lack- und Farbenfabrik Magdeburg: »Das Pressefest in Magdeburg11 wird doch nur wegen des 17. Juni veranstaltet, weil sie Angst haben, aber die können Feste veranstalten wie sie wollen, das nützt ihnen nichts mehr. Das letzte Fest machen wir. Es dauert gar nicht mehr lange, dann ist der ganze Spuk vorbei und wir machen ein Freudenfest.«
Bei einer Unterhaltung über die Versorgungslage sagte ein Betriebshandwerker aus dem VEB Wälzlager Berlin zu einem Kollegen: »Bei uns würden die Arbeiter schon längst streiken, wenn sie könnten. In den kapitalistischen Ländern können die Arbeiter streiken, wenn sie wollen und wenn ihnen etwas nicht passt. Aber in Russland und allen anderen kommunistischen Ländern gibt es keine Freiheit für die Arbeiter.«
Ein Arbeiter aus dem Eisenhüttenwerk Thale, [Bezirk] Halle: »Dass die Arbeiter am 17. Juni 1953 nicht einig waren, ist sehr schade, denn dann sehe es heute anders aus.« Bei der Verladung eines Waggons mit Blechnäpfen sagte er: »Die sind für Stahlhelme bestimmt.« Darauf erwiderte ein anderer: »Ja, die sind für die Wasserköpfe in unserer Regierung bestimmt.«
Arbeitsniederlegungen
Am 16.5.1955 wurde in der Conerei12 II des Kunstseidenwerkes Premnitz, [Bezirk] Potsdam, die provisorische Norm in eine technisch begründete Norm13 umgewandelt. Vonseiten der BGL wurde mit den Kolleginnen nur ungenügend darüber gesprochen und die Anweisung erfolgte formal.
Am 8.6.1955 zur Monatsendauszahlung stellten die Kolleginnen der Frühschicht fest, dass die Mehrzahl 25 bis 20 weniger DM verdient hatten, und sie legten 7.15 Uhr die Arbeit für vier Stunden nieder.
Am 7.6.1955, gegen 14.30 Uhr, bei Beginn der zweiten Schicht in der Spinnerei des VEB Bunt- und Samtweberei Zittau verweigerten sechs Zwirnerinnen, vornehmlich Jugendliche, die Arbeitsaufnahme. Der Grund dafür war, dass einige Zwirnerinnen durch die Einführung neuer Normen nicht auf ihren alten Verdienst gekommen waren. Mit den Kolleginnen wurde daraufhin gesprochen und nach einer Stunde nahmen sie die Arbeit auf.
Am 8.6.1955 nahm im Werk Lützkendorf,14 [Kreis] Merseburg, [Bezirk] Halle, eine Brigade (acht Mann) von der Bau-Union Halle, wegen Bezahlung zu niedriger Löhne die Arbeit nicht auf. Nach Verhandlung und der Bedingung, dass die Lohnforderungen geregelt würden, begannen sie mit der Arbeit. Nur zwei Bauarbeiter konnten nicht dazu bewegt werden, da sie vorhaben, im Wismut Gebiet15 Arbeit anzunehmen.
Fragen der Intelligenz
Seit der letzten Lohnzahlung herrscht unter den Intelligenzlern des VEB Zeiss Jena eine gewisse Unzufriedenheit, da sie keine Treueprämien mehr ausgezahlt bekamen. Aus dem Grunde setzten sich in den letzten 14 Tagen zwei Intelligenzler nach dem Westen ab und nahmen bei Zeiss-Opton16 in Heidenheim17 eine Stellung an.18
Seit dem 6.6.195519 wurden zwei Kollegen aus dem Konstruktions-Büro des VEB »Heinrich Rau« Wildau,20 [Bezirk] Potsdam, vermutlich republikflüchtig. Bei dem einen Kollegen handelt es sich um eine besonders gute Fachkraft. Beide standen in enger Beziehung zu dem kürzlich flüchtig gewordenen technischen Leiter des Betriebes. Es wird deshalb vermutet, dass er sie zu diesem Schritt angehalten hat.21
Bei den betrieblichen Belangen spielen immer wieder die Materialschwierigkeiten eine Rolle. Die Auswirkungen bestehen größtenteils darin, dass die Monatspläne nicht erfüllt werden können, Exportlieferungen sich verzögern und Wartestunden geschrieben werden müssen. Verschiedentlich sind die Ursachen der Materialschwierigkeiten Verzögerungen in Importlieferungen.
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VEB Feinoptik Görlitz (O-Verschlüsse);
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VEB Apparatebau Mylau, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (Präzisions-Stahlrohre, Bandstahl, Feinbleche-Importe);
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Stahlwerk Meiningen, [Bezirk] Suhl (Stahl-Importe);
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VEB Polysius Dessau,22 [Bezirk] Halle (Kesselbleche);
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Fliesenwerke »Kurt Bürger« Boizenburg, [Bezirk] Schwerin (Borax23-Importe);
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Schiffsbau-Reparaturwerft Stralsund (Drucklager- für Gefrierschiffe);
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VEB Schiefergruben in Steinach, [Bezirk] Suhl (Kistenbretter – dringend für Auslieferung von Export-Produkten benötigt);
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VEB Zellwollwerk Wittenberge, [Bezirk] Schwerin (Rohstoffe);
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VEB Gubener Wolle (Rohstoffe) und VEB Sebnitzer Strickwarenerzeugung, [Bezirk] Dresden (Strickmaschinen Nadeln).
Im Kreis Freital, [Bezirk] Dresden, mangelt es im Baugewerbe an Dachziegeln, und zwar werden im 3. und 4. Quartal 750 000 Stück benötigt und zur Verfügung stehen nur 90 000 Stück.
Der VEB Pappenwerk Halsbach, [Kreis] Freiberg, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, benötigt für das 2. Quartal 750 t Kohle und 450 t wurden ihnen nur zugeteilt. Wenn das Kontingent nicht erhöht wird, muss der Betrieb am 13.6.1955 die gesamte Produktion einstellen.
Produktionsstörungen
Im Mansfelder-Kombinat »Wilhelm Pieck« in Eisleben, [Bezirk] Halle, kam es infolge Fahrlässigkeit des Weichenstellers zu einem Zugzusammenstoß. Sachschaden: ca. 3 000 DM.
Am 6.6.1955, in der Zeit von 4.35 bis 12.30 Uhr, musste im Kombinat Böhlen der Bagger 4 wegen doppelseitigen Kettenbruches außer Betrieb genommen werden. Produktionsausfall: 2 600 cbm Abraum.
Im Stickstoffwerk Piesteritz,24 [Bezirk] Halle, musste infolge Elektrodenbruch die Produktion am Phosphor-Ofen eingestellt werden. Sachschaden: 15 000 DM.
Im Elektro-Chemischen-Werk Bitterfeld fiel die Eismaschine des Methylenchlorid-Betriebes25 aus unbekannten Ursachen aus. Dadurch musste der Betrieb angehalten werden. Die Produktion beträgt pro Schicht ca. 2 000 Liter Methylenchlorid.
Im Hammerwerk des VEB Edelstahlwerk Freital, [Bezirk] Dresden, fiel am 8.6.1955, gegen 6.45 Uhr, die Friktionspresse durch Kurzschluss aus. Produktionsausfall: sechs Stunden. Reparationskosten: ca. 60 000 DM.
Am 7.6.1955, 3.15 Uhr, brach im Maschinensaal des VEB Bau- und Möbeltischlerei Reichenbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Brand aus. Ursache: Der Brand wurde durch einen elektrischen Leimkocher hervorgerufen, der infolge Stromabschaltung (Störung im Landesnetz) von den Kollegen vergessen wurde auszuschalten. Gesamtschaden einschließlich Produktionsausfall: 15 000 DM.
Im Sägewerk Wörlitz, Kreis Gräfenhainichen, [Bezirk] Halle, gerieten die Sägewerkhalle und das Dach des Transformatorenhauses in Brand. Schaden: ca. 10 000 DM.
Am Morgen des 7.6.1955 wurde festgestellt, dass zwei neue Busse des VEB Kraftverkehr Mirow, Kreis Neustrelitz, nicht einsatzfähig waren, da sich im Getriebe Fremdkörper befanden.
In der VEB Ziegelei Reetz, [Kreis] Belzig, [Bezirk] Potsdam, stürzten am 7.6.1955 zwei Trockenschuppen ein. Vermutlich wurden von unbekannten Tätern die Stützbalken aus der Erde gezogen. Schaden: ca. 6 500 DM.
Im VEB Messgerätewerk Zwönitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde in einer Toilette die Hetzlosung: »Meldet Euch nicht zur KVP – bleibt standhaft« angeschmiert.
Im Schacht 31 Johanngeorgenstadt wurde Untertage ein Plakat eines »Helden der Arbeit« beschmiert aufgefunden und im gleichen Schacht wurde im Revier 6 ein Hakenkreuz angeschmiert.
Im VEB Sachsenwerk Niedersedlitz, [Bezirk] Dresden, wurde das Gerücht verbreitet, dass bis jetzt 11 000 Jugendliche nach Westdeutschland geflüchtet wären, um sich der KVP-Werbung zu entziehen.
Versorgung der Bevölkerung
Die Klagen über die schlechte Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln auf HO-Basis26 werden noch besonders in den ländlichen Gemeinden geführt. Die schlechte Belieferung der ländlichen Verkaufsstellen ist mit auf eine schlechte Warenstreuung zurückzuführen.
Ansonsten ist die Lage im Handel augenblicklich bis auf örtliche Schwierigkeiten wieder als normal zu bezeichnen.
Die laufenden Planänderungen durch das Ministerium für Handel und Versorgung verursachen den Angestellten der Räte der Bezirke und der Kreise größere Schwierigkeiten und Verärgerungen. Diese Planänderungen wirken sich sehr schlecht bis in die Verkaufsstellen aus.
So wurden z. B. in dem Bezirk Neubrandenburg die Plankürzungen so vorgenommen, dass gerade vor den Pfingstfeiertagen die wenigste Menge Margarine zum Verkauf zur Verfügung stand.
Folgendes Zahlenbeispiel soll dieses untermauern:
Margarine Planmenge für II/1955 900 t
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operative Änderung 18.4.1955 776 t
- 2.
operative Änderung 3.5.1955 685 t
- 3.
operative Änderung 23.5.1955 910 t
Ähnliche und häufige Planänderungen wurden bei Fleisch, Schlachtfetten und HO-Butter vorgenommen. Die Räte der Kreise, die Handelsbetriebe und besonders die Verkaufsstellen finden sich zwischen den verschiedenen Änderungen kaum noch zurecht. So kam es vor, dass die meisten Verkaufsstellen von den Kürzungen nichts wussten.27
Seit Anfang Juni 1955 werden dem Versorgungs- und Lagerungskontor28 der Lebensmittelindustrie-Fischwirtschaft-Außenstelle Dresden laufend von der Dispositionsstelle Stralsund Frischfische in großen Mengen angeliefert. Der Fisch kann weder in Industrie, Lagern und Kühlhäusern untergebracht werden, weil diese durch bisherige Lieferungen bereits überfüllt sind.
Mehrere Fernschreiben an die VEK Zentrale Berlin, worin gegen die erhöhte Lieferung und Zwangsdispositionen protestiert wurde, brachten keine Änderung. Es ist damit zu rechnen, dass weitere Zwangsdispositionen erfolgen. Die Außenstelle will die Annahme weiterer Lieferungen verweigern.
Im Lager des Konsums29 Schmölln, [Bezirk] Leipzig, lagern ca. 23 t Mehl Type 812,30 was von der Bevölkerung nicht gekauft wird. Das Mehl von dieser Type, das laut Plan für das 3. Quartal vorgesehen ist, kann nicht mehr abgenommen werden. Ähnlich sieht es mit Likör aus. Dort lagern zurzeit 449 hl, sodass auch die für das 3. Quartal vorgesehene Menge nicht abgenommen werden kann.
Im März dieses Jahres lagerte die VEAB in eine Mühle in Geringswalde, Kreis Rochlitz, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, Roggen ein, der durch Überhitzen für die menschliche Ernährung unbrauchbar geworden ist. Die Ursache ist darin zu suchen, dass der Roggen zu feucht in das Silo eingelagert und dort von dem Siloverwalter nicht richtig und genügend behandelt wurde.
Der noch dort lagernde Roggen hat zum Teil eine so hohe Temperatur angenommen, dass er bereits zum Gärungsprozess übergegangen ist, 120 t Getreide müssen deshalb der Spirituosen-Fabrik zugeführt werden.
Durch das Staatssekretariat für Erfassung und Aufkauf Berlin wurden dem VEAB Silobetrieb Magdeburg mitgeteilt, dass er im II. Quartal 6 000 t Frühkartoffeln, in der Zeit vom 15.6. bis 30.6.1955, an sämtliche Betriebe der DDR zu verteilen hat. Bei diesen Kartoffeln handelt es sich vorwiegend um Importe. Der Vertragsabschluss, der bis zum 31.5.[1955] mit den Empfangsbetrieben durchgeführt sein sollte, konnte noch nicht erfolgen, da dem VEAB Silobetrieb von dem DIA noch kein Rahmenvertrag zugestellt wurde, obwohl die ersten Kartoffelwaggons bereits am 15.6.[1955] eintreffen sollen.
Am 7.6.1955, gegen 10.15 Uhr, brach im Silo des VEAB Burg, [Bezirk] Magdeburg, ein Brand aus. Die Staubfilteranlage auf dem Boden 8 wurde vernichtet. Ursache: vermutlich Verstopfungen im Schneckentransport der Staubanlage. Geschätzter Schaden: ca. 4 000 bis 5 000 DM.
Die Lage in der Landwirtschaft
Wie in den anderen Bevölkerungskreisen bestimmen die Diskussionen über die Note der SU an Bonn unter der Landbevölkerung, vorwiegend unter den Arbeitern aus dem sozialistischen Sektor, und Genossenschaftsbauern, die politischen Gespräche.
Zum überwiegenden Teil ist der Inhalt der Diskussionen positiv und es wird allgemein die Hoffnung ausgedrückt, dass damit die Möglichkeit der Wiedervereinigung Deutschlands gegeben sei. Es wird deshalb oft betont, dass Adenauer, wenn er sich als Deutscher fühlt, entsprechend dem Willen und den Forderungen des deutschen Volkes die Reise nach Moskau antreten muss, um zu beweisen, wie er zum deutschen Volk steht.
Hierzu sagte z. B. ein Genossenschaftsbauer von der Gemeinde Grochewitz, Kreis Roßlau, [Bezirk] Halle: »Nachdem nun Österreich seinen Vertrag erhalten hat,31 wird mithilfe der Sowjetregierung auch die Einheit Deutschlands und der lang ersehnte Friedensvertrag abgeschlossen.32 Wenn Adenauer ein Deutscher und für den Frieden sein will, fährt er nach Moskau und hört nicht auf den Ami-Klüngel.«
Auch wird zum Ausdruck gebracht, dass die Westmächte aufgrund dieser Note der SU zeigen müssen, ob ihre Friedensbeteuerungen echt sind.
Zum Teil drücken auch einige Personen ihre Verwunderungen darüber aus, dass die SU trotz der Ratifizierung der Pariser Verträge die Deutschlandfrage nicht aufgegeben hat, sondern jetzt verstärkt um die Lösung dieser Frage ringt.
Teilweise ist auch Unverständnis über die Note und die Politik der SU unter der Landbevölkerung vorhanden. Die Argumente dafür sind die gleichen, wie sie schon aus anderen Bevölkerungskreisen berichtet wurden.
So sagte z. B. der Vorsitzende der LPG von Langennaundorf, Kreis Herzberg, [Bezirk] Cottbus, dazu: »Dieses Angebot ist ja hohnsprechend. Vorher und jetzt noch hat man Adenauer in der Zeitung unmöglich gemacht und jetzt ladet die SU Adenauer nach Moskau ein. Ich kann diese Methode nicht verstehen, wie man einen solchen Geisteskranken, wie die Zeitungen immer schreiben, zu Verhandlungen einladen kann.«
Einzelne Personen äußerten sich auch dahingehend, dass man »den alten Mann« nicht mehr zu Verhandlungen einladen sollte, da dabei sowieso nicht viel herauskommen würde.
In der Frage der KVP-Werbung hat sich nichts wesentlich geändert. Die Stellung der Jugendlichen ist nach wie vor die gleiche. In der letzten Zeit macht sich bemerkbar, dass ein Teil Jugendlicher, die von Werbern angesprochen wurden, die Absicht haben, nach dem Westen zu gehen bzw. bereits die DDR verlassen haben.
So sind z. B. am 5.6.[1955] zwei Jugendliche von der MTS Atzendorf, [Kreis] Staßfurt, [Bezirk] Magdeburg, nach Westdeutschland gegangen, weil ihnen gesagt wurde, »dass sie entlassen werden, wenn sie nicht zur KVP gehen«.
Im VEG Cavertitz, MTS-Bereich Oschatz, [Bezirk] Leipzig, traten vor einiger Zeit 27 Jugendliche mit der Begründung aus der GST aus, dass sie nur für den Reit- und Motorsport Interesse hätten. Im gleichen Ort erklärten noch weitere 20 Mitglieder der GST ihren Austritt mit der gleichen Begründung.
Die Beschaffung von Saatkartoffeln macht nach wie vor Schwierigkeiten. Noch immer warten die Bauern, die noch Saatkartoffeln benötigen, auf eine Bereitstellung. Wenn nicht bald eine Änderung dieser Frage erfolgt, können die Kartoffeln nicht mehr ausgesät werden, weil dann eine Ernte im Herbst nicht gewährleistet ist.
Saatkartoffeln fehlen:
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In der ÖLB33 Poseritz, Kreis Putbus, [Bezirk] Rostock (300 Zentner);
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in Kalbe/Milde, [Bezirk] Magdeburg (für ca. 40 ha);
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im MTS-Bereich Moisall, Kreis Bützow, [Bezirk] Schwerin (1 500 dz).
Verschiedentlich wird bekannt, dass das ausgesäte Saatgut nicht aufgeht und dass deshalb die Flächen umgebrochen und neu bestellt werden müssen oder dass aufgrund anderer Ursachen die Saat leidet.
Zum Beispiel musste in der LPG Heynitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, ein Rübenschlag von ca. 7 bis 8 ha umgebrochen werden, weil die Saat nur schlecht aufgegangen war.
In der LPG »Bruno Hinz« in der Gemeinde Strungendorf, Kreis Aschersleben, [Bezirk] Halle, mussten dreißig Morgen Rüben umgebrochen und noch einmal neu bestellt werden. Durch die kalte Witterung sind die einkeimigen Rüben im Wachstum stehen geblieben und durch den Erdfloh noch endgültig vernichtet worden.
In dem Kreisgebiet Stendal, [Bezirk] Magdeburg, ist zu verzeichnen, dass die Rübenfelder durch die Rübenfliege stark befallen sind. Zur Bekämpfung ist nicht im ausreichenden Maße das Bekämpfungsmittel »Wofatox«34 vorhanden. Es besteht die Gefahr, dass die Rüben nicht 100%ig geerntet werden können. Vom Ministerium für Landwirtschaft, Hauptabteilung Pflanzenschutz, wurde vor einigen Tagen schnellste Beschaffung versprochen. Aufgrund der niedrigen Produktion in dem Herstellerwerk35 ist bisher noch keine Lieferung erfolgt.
Aus einigen Bezirken wird berichtet, dass der Kartoffelkäfer bereits wieder stark in Erscheinung getreten ist, sodass verstärkte Suchaktionen durchgeführt werden müssen.
So wurde z. B. auf einem Kartoffelschlag der Gemeinde Plötzin, Kreis Potsdam, am 6.6.1955 eine Unmenge Kartoffelkäfer gefunden.
Ebenso wurden auf einem Kartoffelacker der Gemeinde Unterrißdorf, Kreis Eisleben, [Bezirk] Halle, 100 Stück gefunden.
Es treten weiterhin Unstimmigkeiten unter den Kollegen der MTS wegen Mangel an Ersatzteilen auf, bzw. man führt Klage über reparierte Maschinen, die nur kurze Zeit einsatzfähig sind, weil die zur Reparatur verwendeten Ersatzteile nicht den Erfordernissen entsprechen.
Die Frage der Ersatzteilbeschaffung nimmt im gegenwärtigen Moment durch die Durchführung des Erntereparatur-Programmes wieder an Bedeutung zu.
In folgenden MTS fehlen Ersatzteile:
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in der MTS Panschwitz, [Kreis] Kamenz, [Bezirk] Dresden (Ventilatoren für RS 30);36
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in der MTS Stadtlengsdorf, [Kreis] Bad Salzungen, [Bezirk] Suhl (Reifen);
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in der MTS Barnitz, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden (Dreschsätze);
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in der MTS Berge, Kreis Perleberg, [Bezirk] Schwerin (Für Traktor »Pionier«,37 Kupplung, Kühler);
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in der MTS Setzin, [Kreis] Hagenow, [Bezirk] Schwerin (Ersatzteile für Strohpressen, besonders die dazu notwendigen Lanz[…]38);
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in der MTS Fröhden, [Bezirk] Potsdam (Vorlegewellen für Getriebe und Hauptwellen mit kleinen Ritzeln für Traktoren vom Typ »IFA Aktivist«,39 Siebketten für Kartoffelvollrodemaschinen).
Aus dem Bezirk Magdeburg wird dazu berichtet, dass die Versorgung der MTS mit Ersatzteilen für den Mähdrescher gefährdet ist. Es fehlen Rollenketten, die vom Erich-Weinert-Werk40 geliefert werden sollen, und Näpfchen für Rollenketten, die von einem Thüringer Betrieb geliefert werden.
Die Hauptverwaltung für Walzmaterial in Halle lehnte die Herstellung der Teile ab.
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:
In der LPG Heudeber, Kreis Halberstadt, [Bezirk] Magdeburg, von 50 erkrankten Ferkeln 13 verendet, 37 notgeschlachtet.
In der LPG Rieps, [Kreis] Gadebusch, [Bezirk] Schwerin, Bestand von 160 Schweinen notgeschlachtet.
Hühnerpest
Auf dem VEG Goldenhof, Kreis Gransee, [Bezirk] Potsdam, wurde bei 200 Hühnern und 400 Küken die Hühnerpest festgestellt (alle abgeschlachtet).
In der Gemeinde Groß Rogahn, Kreis Schwerin, wurde der Bestand von 127 Hühnern notgeschlachtet. Bei einem Kleinbauern in Leipzig mussten 129 Tiere notgeschlachtet werden.
Am 6.2.1955 wurde festgestellt, dass ca. 100 Liter Dieselkraftstoff aus einem Tank des Stützpunktes Ollenhagen, Kreis Neubrandenburg, ausliefen. Es wird vermutet, dass dieser Dieselkraftstoff absichtlich ausgelassen wurde. Ermittlungen wurden bisher ergebnislos geführt.
In der Nacht zum 6.6.1955 wurde von einem Grasmäher der LPG Friedersdorf, [Bezirk] Frankfurt/Oder, welcher auf einem Luzernenfeld in der Nähe des Dorfes stand, das Messer gestohlen.
In der LPG »Frisch Auf« in Gartow, Kreis Kyritz, [Bezirk] Potsdam, wurde festgestellt, dass unbekannte Täter an den Zaun eines Gehöftes der LPG angeschmiert hatten »Kolchos41 frisch unter«, daneben war ein Totenkopf gemalt. Die Ermittlungen haben ergeben, dass es sich bei den Tätern um drei Schüler handelt.
Gerüchte
Nach einer Hausdurchsuchung bei einem Großbauern42 in Haida, Kreis Riesa, [Bezirk] Dresden, entstand das Gerücht, die Waffensuche bei diesem Großbauern dient nur als Vorwand, in Wirklichkeit sei die Maßnahme zur Vernichtung der Großbauern durchgeführt worden.
Unter den Mitgliedern der LPG Kuhsdorf/Bullendorf, Kreis Pritzwalk ([Bezirk] Potsdam) werden zurzeit Gerüchte verbreitet, z. B. dass den Genossenschaftsbauern das Vieh, welches sie noch besitzen, abgenommen wird und auch gemeinsames Eigentum wird. Diese Gerüchte sollen bezwecken, dass die Mitglieder aus der LPG austreten. Die Urheber des Gerüchtes konnten bisher noch nicht ermittelt werden.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Die Zahl der an Trichinose43 erkrankten Personen in Weischlitz, [Kreis] Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, hat sich auf 229 erhöht.
Bei weiteren 33 Personen besteht der Verdacht der Trichinose.
Im Braunkohlenwerk Nachterstedt, [Kreis] Aschersleben, [Bezirk] Halle, wurden durch den langanhaltenden Regen schwere Betriebsstörungen ausgelöst.
Die Regenmassen sammelten sich an den Hängen des Tagebaues und stürzten in die Grube, dabei wurden die neugebaggerten Straßen zum Teil weggerissen und die Gleise unterspült.
Weil der Fahrbetrieb nicht mehr gewährleistet war, wurde der Abraumbetrieb am 10.6.1955, um 2.00 Uhr, angehalten, der Mittelbetrieb gegen 2.40 Uhr und die beiden Brikettfabriken in den Morgenstunden des heutigen Tages. Das Kraftwerk fährt voll die Stromversorgung weiter. Die Lurgi-Schwelerei arbeitet mit allen vier Schwelöfen weiter, aber nur ca. 30 % des Tagesplanes.
Im Mittelbetrieb wurde ein Stromkabel durchschlagen, sodass die Grube und der Mittelbetrieb ohne Strom waren.
Es wurden Notkabel gezogen, damit die Wasserpumpen in Tätigkeit treten konnten.
Im Tagebau Königsaue wurde der gesamte Betrieb um 2.30 Uhr stillgelegt. Es trat ein Erdschluss im elektrischen Zuleitungskabel auf. Der Wasserandrang in diesem Betrieb war besonders groß, sodass der Kohlenbunker vollständig versoff, da sich die Kanalisation verstopft hatte. Um 11.00 Uhr war der Erdschluss beseitigt und die Pumpen konnten wieder in Tätigkeit treten.
In beiden Betrieben kam kein Gerät durch die eingetretenen Erdrutsche in die Gefahr des Absackens. Der Regen dauert zurzeit noch an (10.6.1955, 16.00 Uhr).
Einschätzung der Situation
Die politischen Diskussionen der letzten Tage werden von denen über die Note der SU an Bonn bestimmt.
Die Bevölkerung nimmt dazu mehr als bisher zu irgendeinem anderen politischen Problem Stellung.
Die Äußerungen kommen aus allen Bevölkerungskreisen und sind in der überwiegenden Mehrheit positiv. Negative Stellungnahmen enthalten vor allem Hetze gegen die UdSSR in der verschiedensten Form. Teilweise kommt es auch zu Äußerungen, dass man die Politik der SU nicht mehr versteht; dies ist auch manchmal bei Mitgliedern der SED der Fall.
Zu anderen politischen Fragen wird aufgrund der Note zurzeit fast gar nicht Stellung genommen; lediglich die KVP-Werbung gibt immer wieder Anlass zu Diskussionen, wobei keine neuen Momente auftreten. Beachtenswert ist jedoch die zurzeit steigende Zahl der Republikfluchten besonders unter den Jugendlichen.
In den anderen Fragen (Materialmangel, Fehlen von Saatgut und anderes) hat sich die Lage gegenüber den Vortagen nicht verändert.
Anlage 1 vom 10. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2457
Auswertung der Westsendungen
Die in den letzten Tagen von uns getroffenen Maßnahmen, wie Trennung der Telefonkabel der S-Bahn,44 Beschränkung des Reiseverkehrs wegen Typhusepidemie45 und Herabsetzung der Straßenbenutzungsgebühren,46 nimmt der Sender »Freies Berlin«47 zum Anlass, auf den 17. Juni hinzuweisen. Er will bei den Maßnahmen Widersprüche festgestellt haben und sagt dazu: »Wir sind daher insbesondere im Hinblick auf die in zehn Tagen bevorstehende Wiederkehr des Datums, an dem sich vor zwei Jahren die Bevölkerung der Zone gegen ihre Unterdrücker erhob, zugeneigt, diesen beiden Maßnahmen einen Pauschalzusammenhang zu geben, der den wahren Absichten des Zonenregimes näher kommt, als sie vielleicht in der Ermäßigung der Straßenbenutzungsgebühren gesehen werden können. Die Begründung für die Einschränkung des Reiseverkehrs von und nach der Zone ist zu fragwürdig, als dass sie Anspruch darauf erheben könnte, ernst genommen zu werden. Sie sind summarisch für das gesamte Bundesgebiet und nicht etwa nur zu dem Besuch aus der von der Typhusepidemie heimgesuchten Gegend, oder für die Einreise in diese Bezirke. Man muss also dem unterstellen, dass infrage der Hygiene ein von allen sonstigen Erwägungen unabhängiges Bestreben aller beteiligten Stellen vorhanden ist, die Bevölkerung von weiteren Infektionen zu schützen. Die Gesundheitsbehörden des Epidemiegebietes in der Bundesrepublik haben bisher keine Veranlassung gesehen, die Bezirke zum Sperrgebiet zu erklären, in denen Typhus herrscht, sodass für die Sowjetzone eine derartige vorsorgliche Maßnahme kaum notwendig gewesen sein dürfte. Noch fragwürdiger wird die Ehrlichkeit dieser Begründung dadurch, dass sie von dem Schutz vor einer Kinderlähmungsepidemie in Westdeutschland spricht. Von einer solchen Epidemie ist aber in der Bundesrepublik überhaupt nichts bekannt.
Die Sowjetzonenregierung muss leider darauf gefasst sein, dass die von ihr verfügte Ermäßigung der Straßenbenutzungsgebühren von den genannten Maßnahmen stark überschattet wird, wenn schon an ihrem absoluten Wert keine Zweifel geäußert werden sollen.«
Und in einer anderen Sendung, zum gleichen Thema, hetzt RIAS48 u. a.: »Es hat sich erwiesen, dass die Demonstranten des 17. Juni zu Recht misstrauisch waren gegenüber einer Regierung, die jahrelang ein System der Ausbeutung und der Unterdrückung errichtet hatte und nun mit taktischen Mitteln die Erregung und den offenen Widerstand der Bevölkerung zu beschwichtigen versuchte.«
Zu den getroffenen Maßnahmen unserer Regierung, Beschränkung des Reiseverkehrs in den Gebieten, wo die Typhusepidemie herrscht, hetzt RIAS, dass das nur ein Vorwand sei, um die Reisegenehmigungen hauptsächlich von Angestellten des Ministeriums für Volksbildung, der Reichsbahn und von »Jugendlichen im wehrdienstpflichtigen Alter«, ablehnen zu können.
Der veröffentlichte Volkswirtschaftsplan49 ist dem RIAS weiterhin ein Anlass zu seiner Hetze. Unter anderem zweifelt er den Plan der Bauwirtschaft wie folgt an:
»Um den steigenden Bedarf der Bauwirtschaft zu sichern, ist die Produktion im Industriezweig Baumaterialien auf 11,4 % erhöht worden. Das könnte ebenso gut bedeuten, dass im Wirtschaftsjahr 1955 in der Zone 111 oder 1 114 oder 11 400 oder sogar 114 000 mehr Wohnungen gebaut werden. Welche Zahl stimmt, das wird nicht verraten. Aber Sie, Sie können es selbst feststellen, wenn Sie sich in ihrer Nachbarschaft umsehen, wie viele Familien im Laufe der Zeit in bessere Wohnungen ziehen und wie viele darunter nicht Günstlinge der Pankower50 Clique sind.«
Gegen die Anwendung von Neuerermethoden51 in der Industrie hetzt RIAS nach wie vor. Unter anderem sagt er zur Beeinflussung der Industriearbeiter: »Unter der Arbeiterschaft selbst machen sich, wie es auf Parteideutsch heißt, bei der Einführung von Neuerermethoden rückständige Ansichten, kapitalistische Tendenzen und Feindarbeit bemerkbar. Neuerer, die nach den sowjetischen Methoden arbeiten, wurden persönlich diffamiert und eingeschüchtert.«
Und hetzt dann weiter, dass die Arbeiter gar nicht gewillt sind, Neuerermethoden anzuwenden, was er wie folgt zum Ausdruck bringt: »Gegen die Einführung der Neuerermethoden hat sich also sozusagen eine Einheitsfront gebildet, im Betrieb, in den Gewerkschaften und in der Verwaltung.
Der passiven Resistenz dieser Einheitsfront ist es gelungen, die Anwendung der vier Zerspanungsmethoden auf breiter Basis und damit eine Erhöhung der Arbeitsnormen auf breiter Basis zu verhindern.«
Immer wieder versucht RIAS durch seine Hetze, die Jugendlichen zu beeinflussen, nicht in die Reihen der KVP einzutreten. Dabei verwendet er die bereits bekannten Argumente. Des Weiteren zweifelt er an, dass sich Jugendliche freiwillig zur KVP melden, sie würden das nur unter Druck tun.
In diesem Zusammenhang wird von sämtlichen westlichen Presseorganen gehetzt, dass sich die Zahl der Republikfluchten im Laufe des Monats Mai erheblich erhöht hätte, und der Sender »Freies Berlin« führt hierzu drei Gründe an:
- 1.
um der verstärkten Werbung zur Volkspolizei zu entgehen. Und die Bewerbung wird durchgeführt in der Androhung des Verlustes der Arbeitsstelle.
- 2.
weil die Jugendlichen zu vormilitärischen Übungen der Kampfgruppen52 der FDJ und der Kampfgruppen in den Betrieben in verstärktem Maße herangezogen werden, und
- 3.
wegen tatsächlich vorhandener oder für nahe Zukunft vermuteter Erschwerung des Interzonenreiseverkehrs.
In einer Sendung des RIAS über die Rentabilität unserer BHG/VdgB hetzt dieser, dass dieselben nicht rentabel, sondern nur mit Verlust arbeiten. Als Beispiel gibt er an, dass angeblich in der VEAB Zehdenick größere Getreidemengen verschimmelt sind, die sogar als Futtergetreide nicht mehr verwendet werden könnten. Um unsere Bauern zu beeinflussen, gibt er die »Schuld« der personellen Besetzung, da man dort nur vom politischen und nicht vom fachlichen Gesichtspunkt ausginge, und den großen »Gehältern« der Funktionäre. RIAS sagte u. a.: »Überprüft man die Frage, weshalb bei vielen Genossenschaften so große Verluste entstehen konnten, so berührt man sogleich das Hauptproblem: die personelle Besetzung der Genossenschaftsleitungen. Diejenigen Genossenschaften, deren Vorstände unbeirrt von allen Anwürfen der SED ihre Leiter nur nach fachlicher Eignung ausbilden, arbeiten nicht mit Unterbilanz. Diejenigen Genossenschaften aber, die sich bei den Wahlen ihren Vorstand von der SED aufzwingen ließen, bezahlen dieses Experiment jetzt mit ständigen Unterbilanzen. Es kann jedoch kaum ein Zweifel darüber bestehen, dass sämtliche Verluste von den Genossenschaftsmitgliedern eines Tages beglichen werden müssen.«
Er fordert zum Schluss, die Leitungen nach fachlichen Gesichtspunkten und nicht nach politischen aus[zu]wählen.
Der Sender »Freies Berlin« hetzt über die angeblich zunehmende Verunkrautung der Kartoffel- und Rübenfelder, und dass die MTS in den meisten Fällen nicht in der Lage sind, diese zu beseitigen. Zur Beunruhigung der Bevölkerung wird noch behauptet, dass dies großen Einfluss auf die Ernte hätte.
Aufgrund des Proteststurms aller Bevölkerungsschichten gegen das Terrorurteil53 für die Friedenskämpfer Jupp Angenfort54 und Wolfgang Seiffert55 hetzen die Westsender, dass dieses Urteil gerecht sei, und ziehen Vergleiche, dass vor zehn Jahren junge Menschen, die angeblich den »Werwolf«56 angehört hätten, verschleppt wurden und noch jede Nachricht von ihnen fehlt.57
In der Frage des Interzonenhandels zweifelt RIAS den Bericht des Ministerium für innerdeutschen Handel an, dass die Lieferung von Eisen und Stahl im Werte von zehn Mio. Mark seitens Westdeutschland an die DDR nicht erfüllt worden sei,58 und dass die Lieferungen der DDR an Westdeutschland größer seien als umgekehrt. Sie stützen sich hierbei auf die Erklärung des Bundeswirtschaftsministeriums.59
Anlage 2 vom 9. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2457
Erste Stellungnahmen zur Note der Sowjetregierung an Bonn
Nach Bekanntwerden der Note kam es sofort zu Diskussionen unter weitesten Kreisen der Bevölkerung und im Laufe des 8.6.1955 wurden die Diskussionen zu politischen Problemen fast ausschließlich von dem neuen Schritt der Sowjetregierung bestimmt. Im Gegensatz zu anderen politischen Problemen, wo die Diskussionen nur schleppend in Gang kamen, ist das in diesem Fall nicht zu verzeichnen.
Die aus den verschiedensten Kreisen der Bevölkerung der DDR bisher bekannt gewordenen positiven Stimmen, die weit in der Mehrzahl sind, zeigen, dass der Schritt der SU von den fortschrittlichen Kräften begrüßt wird. Auch äußern sich solche Personen positiv, die bisher kaum zu politischen Fragen Stellung nahmen.
Man bezeichnet die Note als gewaltigen Schritt vorwärts im Kampf um den Frieden und zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands. Dabei wird auch oft auf die Lösung der Österreichfrage60 verwiesen und man erklärt, dass bei Verhandlungen mit Deutschland ähnliche Ergebnisse erreicht werden könnten, zumal es gerade die SU gewesen sei, die die Initiative in der Österreichfrage ergriffen hatte. Die Note beweise erneut, dass es die SU mit ihrer Friedenspolitik ehrlich meint und alles versucht, um die internationalen Spannungen zu vermindern. Im Gegensatz zu den Westmächten, die nur vom Frieden reden und ihren Taten etwas ganz anderes zeigen. Die sowjetische Diplomatie sei immer in der Offensive, und dass damit etwas erreicht wird, bewiesen die Beispiele Österreich, Verhandlungen SU – Jugoslawien61 und die Vorbereitungen zur Viererkonferenz.62
In den Diskussionen wird dann sehr oft gesagt, dass man auf die Reaktion von Bonn und den anderen westdeutschen Politikern gespannt ist. Auf jeden Fall wünscht man, dass die Vorschläge angenommen werden, da sie eben für die weitere Entwicklung Deutschlands und auch die Erhaltung des Friedens von entscheidender Bedeutung sind. Aus diesem Grund erwartet man auch, dass sich Adenauer zu Verhandlungen bereit erklärt, da er auch der Volksmeinung und dem Druck der Massen Rechnung tragen muss.
Andererseits würde er sich bei einer Ablehnung nun vollends entlarven.
Allerdings verkennt man dabei in der Mehrzahl nicht, dass Adenauer nicht selbstständig entscheiden kann, sondern nur nach vorherigen Verhandlungen mit den USA Stellung nehmen wird.
Zum Beispiel sagte ein Schlosser aus dem Bahnwerk Engelsdorf, [Bezirk] Leipzig: »Hier sieht man so richtig, wer es mit Deutschland und der Erhaltung des Friedens ehrlich meint. Jetzt muss der Kriegstreiber Adenauer offen seine Meinung äußern und wir werden erleben, dass er gezwungen ist, die Einladung anzunehmen.«
Eine Schichtleiterin vom VEB Vinora Wüstenbrand,63 [Kreis] Hohenstein-Ernstthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich begrüße diese Verhandlungen und erhoffe daraus eine Entspannung der internationalen Lage. Wenn Adenauer nicht zu den Verhandlungen gehen sollte, dann sieht man, dass er von seinem Plan nicht abgeht und ein Feind des Friedens ist. Wir sind alle für den Frieden und das ist ein weiterer Schritt dazu.«
Ein Arbeiter von der MTS Kitzen, [Bezirk] Leipzig: »Das ist wieder ein großartiger diplomatischer Schachzug der SU. Adenauer muss jetzt Farbe bekennen, ob er will oder nicht. Jetzt muss er durch Tatsachen beweisen, ob er zu Verhandlungen bereit ist.«
Ein Arbeiter (SED) der MTS Greifswald, [Bezirk] Rostock: »Wenn die Bevölkerung von Westdeutschland und führende Persönlichkeiten der Öffentlichkeit von ihrem Recht Gebrauch machen, dann wird es Adenauer schwer bzw. unmöglich sein, diese Note mit einem Nein zu beantworten.«
Ein Jungbauer aus Bernsdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Ich begrüße die Einladung Adenauers nach Moskau, denn dies ist ein weiterer großer Schritt zur friedlichen Lösung der deutschen Frage. Ich stelle anlässlich dieser Note den Antrag, als Kandidat in die SED aufgenommen zu werden«.
Der Werkleiter des VEB Papierverarbeitungswerk Engelsdorf, [Bezirk] Leipzig: »Diese neue Note ist wohl wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen und die wenigsten hätten etwas Derartiges erwartet. Ich bin der Ansicht, dass dieser Schritt uns ein Stück näher an die Einheit Deutschlands bringt. Allerdings wird Adenauer nicht selbst nach Moskau fahren, sondern andere damit beauftragen, die Verhandlungen zu führen. Es wäre sehr gut, wenn zu diesen Verhandlungen auch Vertreter der DDR anwesend wären, damit endlich die Losung ›Deutsche an einen Tisch‹ verwirklicht würde. Wenn dieser Tisch auch in Moskau steht, das ist egal. Hier gibt es keine Aufweichungen, hier muss Adenauer Farbe bekennen.«
Ein Mitglied der NDPD aus Quedlinburg, [Bezirk] Halle: »Die sowjetische Diplomatie befindet sich weiterhin in der Offensive, indem die UdSSR über Österreich, Jugoslawien in dieser Woche nach Bonn vorgestoßen ist. Diese kluge Taktik wird nicht nur die Bonner Regierung, sondern auch die Westmächte vor eine solche Frage in der Weltöffentlichkeit stellen, sodass Adenauer es sich reiflich überlegen muss, ein riskantes Nein zu sagen«..
Eine Rentnerin aus Rostock: »Adenauer wird nach Moskau fahren müssen, wenn er sich nicht vor der Weltöffentlichkeit bloßstellen will. Was die Staatsmänner von Österreich und Jugoslawien können, muss Adenauer auch tun. Wenn Adenauer nicht nach Moskau fährt, muss er sich dafür in der Presse rechtfertigen.«
Aus den verschiedensten Kreisen kommen teilweise Stimmen, dass man die Haltung der SU nicht verstehe, da bisher Adenauer als ein Verräter bezeichnet wurde und jetzt wollte man mit ihm verhandeln. Zweitens sei unklar, wieso man jetzt verhandeln könne, da doch vor der Annahme der Pariser Verträge64 gesagt worden sei, dass die Ratifizierung derselben späteren Verhandlungen ausschließe.
Ein Schulungsleiter der SED in den Architekturwerkstätten des Ministeriums für Aufbau Berlin sagte z. B.: »Erst sagen wir, mit Adenauer verhandeln wir nicht, und jetzt ladet ihn die SU nach Moskau ein. Was ist das für eine Politik, da komme ich nicht mit.«
Ein Statistiker aus dem gleichen Betrieb: »Ich weiß jetzt überhaupt nicht mehr, was sich sagen soll. Erst heißt es, mit Adenauer gibt es keine Verhandlungen mehr und jetzt wird Adenauer von der SU eingeladen und wo bleibt die DDR?«
In der Abteilung Gütekontrolle des VEB Apparate- und Kesselbau Berlin äußerte ein Angestellter, wieso eine Schwankung in der Politik von 180 Grad möglich ist. Es sei doch ein gewaltiger Unterschied, dass man denselben Adenauer, den man sonst bekämpft, nun auf einmal nach Moskau einlädt.
Ein Buchhalter von der LPG Gustow, [Bezirk] Rostock: »Der Vorschlag der SU nützt nichts mehr. Mit Bonn kann man nicht verhandeln, erst müssen die Pariser Verträge fallen.«
Im VEB Bergmann Borsig Berlin erklärte eine Kollegin, dass sie sich über die Note wundert, da ja die SU immer gesagt habe, dass nach Inkrafttreten der Pariser Verträge keine Verhandlungen mehr geführt werden.
Vereinzelt wird von den negativen Elementen geäußert, dass Adenauer nicht nach Moskau fahren wird, da er sich von den »Russen nicht« fertigmachen lässt.
Zum anderen wird erklärt, dass durch die Ratifizierung der Pariser Verträge die SU zur neuen Note gezwungen wurde.
Weiterhin wird betont, dass die SU dadurch auch die Souveränität Westdeutschlands anerkenne und somit die Vertiefung der Spaltung Deutschlands herbeigeführt wird.
Es wird auch zum Ausdruck gebracht, dass der »Russe« schon lange die DDR aufgegeben hätte. Andere äußerten, dass der »Russe« von Tito65 »Feuerwerk« erhalten habe und deshalb die Note an die Bundesregierung richtete. Man spricht auch davon, dass Adenauer schlauer wäre wie Tito und nicht auf den Dreh der »Russenpolitik« hineinfallen würde.
Zwei Angestellte des Kirchensteueramtes Magdeburg äußerten: »Na, jetzt können sie mal sehen, wie die ›Russen‹ bei Adenauer betteln. Der Russe wird das Gebiet freigeben, er merkt jetzt, dass der Ami ernstlich an die Sachen herangeht. Am schlechtesten geht es den SED-Leuten. Sie merken erst jetzt, dass sie keinen Rückhalt mehr haben. Auch der Pole ist froh, wenn er die Gebiete, die ehemals deutsch waren, wieder los wird, denn er fühlt sich auch unsicher.«
In der S-Bahn wurden Gespräche einiger Reisenden bekannt, die sagten: »Na die haben sich ja ein schönes Ding erlaubt. Laden Adenauer nach Moskau ein, wo sie doch ganz genau wissen, dass er doch nicht fährt. Aber bei denen ist ja die Hauptsache, dass etwas in der Zeitung steht. Wenn Adenauer auch wirklich nach Russland fährt, dann werden sie es mit ihm genauso machen, wie sie es mit Tito gemacht haben, bloß Adenauer wird etwas schlauer als Tito sein und gar nicht erst auf diesen Dreh der Russenpolitik reinfallen.«
Ein Genosse – Landzusteller – im Kreispostamt Ilmenau: »Jetzt sieht man, wie klein die SU ist, dass sie nun gezwungen ist, an Adenauer eine Note zu schicken, denn Adenauer hätte so etwas nicht nötig. Die in Westdeutschland wollen ja keinen Krieg, das ist doch nur albernes Geschwätz.«
Drei Arbeiter vom RFT Rostock äußerten: »Habt ihr schon gehört? Der Russe hat den Adenauer eingeladen.« Daraufhin antwortete ein anderer: »Na, der Adenauer hat doch keinen Sand im Auge. Die Russen wollen ihn wohl moralisch reinlegen. Sie sollen aber aufpassen, dass er sie nicht reinlegt. Wenn Adenauer die Russen fertigmacht, dann wird es uns auch bald besser gehen. Er wird erst einmal nach Amerika und nach England fahren, um sich genaue Informationen zu holen.«
Ein Monteur vom RFT Anlagenbau Leipzig äußerte: »Der Russe wird von Tito Feuerwerk bekommen haben, dass er endlich die Zügel von seinen Satelliten-Staaten lockert. Der Russe wird nun endlich einmal etwas nachgeben müssen. Wo es um die Pariser Verträge ging, da hieß es, wenn Westdeutschland diese annimmt, werden Verhandlungen unmöglich. Jetzt kommt der Russe von ganz allein, um Adenauer einzuladen. Bisher wurde Adenauer von den Russen als zweiter Hitler bezeichnet.«
Die aufgetretenen negativen Stimmen mit den verschiedensten Argumenten sind örtlich vereinzelt, während die Stellungsnahmen, dass die Note gegen die Einheit Deutschlands gerichtet ist, öfters auftreten.
Anlage 3 vom 10. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2457
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 7.6. bis 9.6.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:66
- –
Dresden: Kreis Görlitz 15, Kreis Kamenz 9, Kreis Löbau 3, Kreis Dippoldiswalde 60, Kreis Bautzen 35;
- –
Potsdam 1 800: Kreis Belzig 10 150, Kreis Brandenburg 6 000, Kreis Oranienburg 1 000, Kreis Neuruppin 1 000;
- –
Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Glauchau, Hohenstein-Ernstthal, Marienberg, Rochlitz und Schwarzenberg 1 600, Kreis Aue 5 300, Kreis Plauen 700;
- –
Neubrandenburg: Kreis Templin 600;
- –
Magdeburg: Kreis Zerbst 20, Kreis Oschersleben 120;
- –
Gera: Kreis Rudolstadt 150, Kreis Lobenstein 2 500;
- –
Erfurt: einige;
- –
Halle: Kreis Merseburg 48, Kreis Weißenfels, Köthen und Naumburg 100, Kreis Bernburg 330;
- –
Frankfurt: Kreis Fürstenberg 200, Kreis Bad Freienwalde 10.
KgU:67
- –
Halle: Kreis Weißenfels 160;
- –
Magdeburg: Kreis Genthin 20;
- –
Potsdam 800.
CDU-Ostbüro:68
- –
Halle: Kreis Bernburg 160.
NTS:69
- –
Neubrandenburg: Kreis Prenzlau 50, Kreis Demmin 1 300;
- –
Leipzig: Kreis Wurzen 5 000;
- –
Suhl: Kreis Meiningen 300;
- –
Magdeburg 1 000;
- –
Halle: Kreis Hohenmölsen 50, Kreis Grimma 10 000, Kreis Gräfenhainichen 1 000;
- –
Erfurt: Kreis Gotha einige;
- –
Dresden: Kreis Sebnitz 17, Kreis Löbau 15, Kreis Pirna 30;
- –
Potsdam 4 000: Kreis Luckenwalde 10 000, Kreis Kyritz 1 000;
- –
Schwerin: Kreis Lübz 1 000.
ZOPE:70
- –
Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Glauchau und Hohenstein-Ernstthal 25;
- –
Cottbus: Kreis Lübben 10 000.
»Tarantel«:71
- –
Magdeburg 80.
»Der Tag«:72
- –
Magdeburg: Kreis Genthin 60;
- –
Potsdam: Kreis Brandenburg 100.
Unbekannte Herausgeber-Zentrale:
- –
Potsdam 18 500: Kreis Brandenburg 1 800.
»Freie Junge Welt«73
- –
Dresden: Kreis Kamenz einige.
Der Inhalt der Hetzschriften befasst sich im Wesentlichen mit der Hetze über einen neuen 17. Juni, wobei im Zusammenhang damit eine wüste Hetze gegen die Neufestsetzung der Normen74 getrieben wird.
Antidemokratische Tätigkeit
In der Nacht vom 6.6.1955 wurde in Rathenow, [Bezirk] Potsdam, ein Schaukasten des DFD75 gewaltsam aufgebrochen und die Ausgestaltung zum Internationalen Kindertag76 herausgerissen und auf der Straße verstreut.
Im Schaukasten der Jungen Gemeinde Goldbach, [Kreis] Bischofswerda, [Bezirk] Dresden, war folgender Inhalt »Wir brauchen keine Sicherheit, nicht weltliche Gewalt, der Kirche Zier ist Niedrigkeit, und Christi Knechtgewalt.«
Bei Kontrollen der Lastwagen am Kontrollpunkt Drewitz, Kreis Potsdam, wurde festgestellt, dass ein Lastwagen seine Fracht in Druckbogen verpackt hatte. Diese Druckbogen waren Hetzschriften gegen die DDR, die nur noch nicht umgebrochen und broschiert waren. Die Genossen des AZKW sagten, dass diese Bogen nicht beschlagnahmt werden dürfen, da sie Verpackungsmaterial seien und sie nur Broschüren mit Hetzliteratur beschlagnahmen dürfen.
Gefälschte Schreiben
Ein Genosse der Betriebsberufsschule VEB Löbau und der stellvertretende Leiter der Abteilung Volksbildung beim Kreisrat Löbau erhielten gefälschte Schreiben. In diesen wird zu einem Erfahrungsaustausch über die Verbesserung der patriotischen Erziehung in den Berufsschulen in Hohenprießnitz,77 Kreis Eilenburg eingeladen. Anreisetag 7.6.1955.
Hetze
In der Unterführung vom Haupt- zum Südbahnhof in Neustrelitz wurde eine Lebensmitteltüte mit folgender Hetzschrift gefunden: »Wir wollen ohne Karten leben, wie der Westen schon acht Jahre. Jeder liebt seine Heimat, deshalb auf zum Kampf gegen die Feinde, den Kommunismus. Wir lieben den Westen, weil er es ehrlich meint mit dem deutschen Volk. Gebt allen seine Heimat wieder und die erarbeiteten Werte. Nieder mit dem Kommunismus.«
Gerüchte
Der Bürgermeister aus Helmsdorf, Kreis Worbis, [Bezirk] Erfurt, Mitglied der CDU, verbreitet folgendes Gerücht: »Wenn Jugendliche nach Westdeutschland wollen, müssten sie bei der PM 1278 eine Kaution von 400 DM hinterlassen. Weiterhin hat er geäußert, dass täglich 600 bis 700 Jugendliche die DDR verlassen und nach Westdeutschland rüber gehen.«
In der Nacht vom 4.6.1955 wurde von der Fernleitung Baruth, [Kreis] Herzberg, [Bezirk] Potsdam, ca. 600 m, 3 mm starker Kupferdraht gestohlen. Der Täter wurde inhaftiert. Über das Motiv macht der Täter bisher noch keine Angaben.
Am 7.6.1955 wurde die Wasserpumpstation in [Bad] Flinsberg, [Bezirk] Erfurt, aufgebrochen und einige Teile der Anlage beschädigt. Der Sachschaden ist gering, jedoch die gesamte Gemeinde Flinsberg79 war ohne Wasser.
Im Gasthaus Engelhardt80 in Helligen, [Kreis] Hildburghausen, [Bezirk] Suhl, unterhielten sich einige Glasmacher aus Schönbrunn, dabei kam Folgendes zum Ausdruck: »Wir haben es wieder dicke satt, es würde Zeit, dass wieder ein 17. Juni käme.«
Eine Schaffnerin der Linie 22 in Leipzig hörte am 2.6.[1955] in einer Unterhaltung von mehreren Personen, vermutlich Studenten der Veterinärmedizinischen Fakultät, folgende Äußerung: »Wenn es am 17.6. gelingt, dann können wir abrechnen.«
In einer Gastwirtschaft in Kalbe81/Milde, [Bezirk] Magdeburg, brachte der Bauunternehmer K. aus Kalbe zum Ausdruck, »dass alle Kontrollen durch die VP oft ungebührlich durchgeführt würden und man wie ein dummer Junge behandelt wird. Dies würde nicht dazu beitragen, die Stimmung der Bevölkerung zu heben, die sowieso schon wieder schlecht sei, wie zum 17.6.1953. Heute wäre es bald wieder so weit.«
Ein Kohlenhändler aus Magdeburg und ein Fuhrunternehmer aus Magdeburg unterhielten sich über die Möglichkeiten der Mitnahme des beweglichen Eigentums bei einer Republikflucht. Sie brachten dabei zum Ausdruck, dass der 17.6. ja nicht mehr weit sei und dass es diesmal hoffentlich besser klappen würde.