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Zur Beurteilung der Situation in der DDR

15. Juni 1955
Informationsdienst Nr. 2458 zur Beurteilung der Situation in der DDR

Zur Lage in Industrie und Verkehr

Im Mittelpunkt der politischen Gespräche steht auch in dieser Berichtsperiode die sowjetische Note an die Bonner Regierung.1

Dieses Entgegenkommen der SU gegenüber der Bundesrepublik findet große Zustimmung und Interesse.

In den Diskussionen beteiligen sich viele Werktätige, die sonst kaum zu politischen Problemen Stellung genommen haben. Es zeigt sich hier, dass viele aus der Herstellung besserer Beziehungen zur Bonner Regierung die Hoffnung schöpfen, in der Frage der Einheit Deutschlands einen Schritt weiterzukommen.

Immer wieder heißt es in den Stellungnahmen, Adenauer2 muss auf Druck der Massen nach Moskau fahren, damit endlich bessere Voraussetzungen zur Schaffung der Einheit Deutschlands gegeben sind.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder Österreich3 als Beispiel zitiert und die Schlussfolgerung gezogen: Was dort möglich war, muss auch bei uns möglich sein.

Auf jeden Fall sind die Äußerungen in der Mehrzahl positiv und lassen eine richtige Einschätzung der sowjetischen Diplomatie erkennen.

Bemerkenswert sind die Feststellungen darüber, dass die SU in ihren Bemühungen, die strittigen Fragen friedlich zu lösen, nie nachlässt, sondern ständig von neuem die Initiative ergreift.

Zum anderen stellt man auch die Überlegenheit der Sowjetdiplomatie heraus, die Adenauer durch die Einladung4 dazu zwingt, vor der Welt Farbe zu bekennen. Er müsse jetzt beweisen, ob er zu seinen Friedensbeteuerungen und Einheitsbestrebungen steht. Er könne sich entscheiden wie er will, es wird für ihn immer zum Nachteil sein.

Andere wieder sagen, dass er gar nicht selbst entscheiden darf, sondern erst nach Washington zum »Befehlsempfang« fahren müsste.

Daran erkenne man die vielgepriesene Souveränität der Bundesrepublik.

Neben diesen überaus positiven Stimmen gibt es Erklärungen, die erkennen lassen, dass die Handlungsweise der SU nicht richtig verstanden wird. Es heißt dort z. B., dass sie gar nicht mehr wüssten, was sie denken sollten, da Adenauer erst immer als Kriegstreiber bezeichnet wurde und jetzt plötzlich die Einladung nach Moskau erfolgte. Oder es heißt auch, ob sie jetzt vielleicht in der Politik der SU gegenüber der DDR etwas geändert habe u. a. mehr.

Direkt negative Äußerungen wurden nur im geringen Maße festgestellt, haben etwas gegenüber den Diskussionen der ersten Tage über die Note etwas zugenommen. Sie stammen meist von gegnerischen Kräften und vom Klassenfeind beeinflussten Elementen.

Neben hetzerischen Äußerungen wie z. B., dass Adenauer gar nicht wagen könne, nach Moskau zu fahren, da er keine Garantie habe, von dort wieder lebend zurückzukommen, wird argumentiert, es sei eine Schwäche der SU, wenn sie jetzt Beziehungen zur Adenauer-Regierung anbahne. Erst habe es immer geheißen, nach der Ratifizierung5 würde nicht mehr verhandelt und »jetzt lädt man sogar Adenauer nach Moskau ein«.

Andere wieder behaupten, die SU habe die DDR »fallen gelassen« oder zumindestens »übergangen«.

Zum Beispiel sagte ein Kollege aus dem BKW Heide, [Bezirk] Cottbus: »Die Note der SU an die Bonner Regierung ist ein Angstschrei der DDR an Moskau um Hilfe, da wir uns nicht mehr zu helfen wissen.«

Ein Abteilungsleiter aus dem EMW Eisenach, [Erfurt] Erfurt: »Bisher war es immer der Kriegsverbrecher Adenauer und jetzt auf einmal heißt es, Herr Bundeskanzler Dr. Adenauer. Wenn er überhaupt nach Moskau fährt, wird er ihnen dort klaren Wein einschenken.«

Ein Kollege aus den »Karl-Liebknecht-Werk« Magdeburg:6 »Der Iwan7 kriecht jetzt zu Kreuze, indem er Adenauer nach Moskau einladet. Der Russe kann nicht mehr weiter.«

Ein Angestellter im VEB Kunstleder Tannenbergsthal, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt: »Erst wurde Adenauer unberechtigterweise in den Schmutz gezogen, und er wäre dumm, wenn er nach Moskau fahren würde.«

Ein Kollege aus dem VEB Eisenbau, [Bezirk] Leipzig: »Die Einladung Adenauers nach Moskau ist ein Schlag gegen die DDR. Wahrscheinlich werden dort Abmachungen getroffen, von denen wir nichts erfahren. Dadurch werden wir hintergangen.«

Ein Angestellter von der Mathias-Thesen-Werft in Wismar: »Jetzt sieht man, dass wir nichts mehr haben in der DDR und vollkommen fertig sind. Deshalb wenden sich die Russen an Adenauer und wollen mit Westdeutschland Handelsbeziehungen aufnehmen.«

Ein Kollege aus »Karl-Ossietzky-Werk«8 Teltow, [Bezirk] Potsdam, erklärte: »Die SU muss nun doch klein beigeben und ein Loch zurückstecken.«

Ein Angestellter aus dem Kraftwerk »Ernst Thälmann« in Leipzig: »Die Einladung an Adenauer ist ein Erfolg der Politik der Stärke.«9

Über andere politische Probleme wird zurzeit kaum gesprochen. Verschiedentlich hetzen feindliche Elemente gegen unsere Entwicklung und sprechen negativ über die Versorgungslage sowie über andere Fragen.

Dabei werden Anspielungen auf einen neuen 17. Juni10 gemacht, oder sie erinnern in ihrem Sinne an den 17. Juni 1953.

Bei einer Agitation in den Keramischen Werken in Hermsdorf, [Bezirk] Gera, über die Note der SU sagte ein Kollege: »Hört mir auf mit der Note. Immer sprecht ihr nur von den internationalen Problemen, aber von der Lage in der DDR wird nichts gesagt, höchstens nur von Leistungssteigerung, Plan und bessere Zukunft. Dabei werden wir alt und dann brauchen wir nichts mehr.«

Eine Arbeiterin aus dem gleichen Betrieb äußerte: »Die haben jetzt Angst, weil der 17. Juni bald wiederkommt und es wird auch wieder Zeit, denn sie werden so langsam wieder frech.«

Ein Bauarbeiter aus der Privatfirma Schmidt11 in Ziesar, [Bezirk] Potsdam: »Die Stimmung ist überall wo man hinkommt schlecht. Wenn es so weitergeht mit der Versorgungslage stehen wir bald vor einem zweiten 17. Juni. Dann gibt es aber eine Backpfeife und es stehen alle Räder still. In Königsborn wird in den Kneipen ganz offen gesungen: Am 30. Mai kehrt der Führer12 zurück, was haben wir für ein Glück.«

Ein Bauarbeiter von der Bau-Union Güstrow, [Bezirk] Schwerin: »Die Regierung hat bald abgewirtschaftet und der nächste 17. Juni wird die Hochzeit sein, denn es kann ja so nicht weitergehen.«

Ein großer Prozentsatz der Kollegen des Fischkombinates Bergen, [Bezirk] Rostock, diskutiert: »Die Regierung hat schon einmal ihre Fehler zugeben müssen und jetzt ist es bald wieder soweit.«

Anlass zu Unzufriedenheit und schlechter Stimmung geben verschiedentlich Lohn- und Normfragen. Auch hier zeigt sich, dass negative Elemente hervortreten und versuchen, die Situation in ihrem Sinne zu nutzen.

Zum Beispiel bestanden im VEB (K) Metallwerk Oranienburg, [Bezirk] Potsdam, Anzeichen einer Arbeitsniederlegung. Viele Kollegen diskutierten unzufrieden über die administrative Kündigung von einzelnen Lohngruppen. Von der SED-Kreisleitung Oranienburg wurde ein Genosse in den Betrieb geschickt, der mit den Kollegen diskutierte und die Angelegenheit klärte. Dadurch konnte eine Arbeitsniederlegung verhindert werden.

Am 10.6.1955 wurden im Kraftwerk Trattendorf, [Bezirk] Cottbus, an Blechtafeln und Turbinenhauben drei Losungen folgenden Inhalts angeschrieben:

  • »Wir fordern unser Geld!«

  • »Wir fordern unsere Prozente.«

Eine Aussprache mit der Brigade an der Turbine II ergab, dass die Arbeiter über die Maßnahmen der Verwaltung Bergmann Borsig verärgert sind. Und zwar wurde in diesem Betrieb eine ökonomische Konferenz13 durchgeführt und beschlossen, die 15 % Erschwerniszulage den Kollegen zu streichen.

Die Kollegen bezeichnen dies als bürokratisch und sind der Meinung, dass ihnen aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen diese Prozente zustehen. (Sie haben dadurch monatlich 80,00 bis 100 DM weniger Verdienst.)

Am 10.6.[1955], um 14.00 Uhr, forderte im VEB Textilveredlung Großschönau, [Bezirk] Dresden, ein Arbeiter seine Schicht zur Arbeitsniederlegung auf.

Die Gründe dazu waren die Neufestsetzung der Norm.14 Bei der Festlegung waren die Arbeiter vollkommen damit einverstanden gewesen. Trotzdem rief dieser Kollege zu einer Versammlung auf. Die Betriebsleitung schaltet sich sofort ein, sodass es nur zu einem Arbeitsausfall von 45 Minuten kam.

In betrieblicher Hinsicht spielen weiterhin die Materialschwierigkeiten eine Rolle. Daneben gibt es noch andere Unzulänglichkeiten, die nicht zur Hebung der Rentabilität unserer volkseigenen Industrie beitragen.

Im VEB Inlett- und Matratzenstoffweberei Sebnitz, [Bezirk] Dresden, besteht ein großer Mangel an Ketten, sodass ein großer Teil Webstühle stillsteht. Kollegen, die sonst vier bis fünf Webstühle bedienen, arbeiten jetzt nur an zwei bis drei Webstühlen. Dieser Zustand hält schon einige Wochen an und es besteht dadurch Unzufriedenheit unter der Belegschaft.

Zum Beispiel sagte ein Arbeiter: »Was nützt der Aufruf Frida Hockaufs,15 wenn vonseiten der oberen Stellen nicht die Voraussetzungen dazu geschaffen werden.«

Zum anderen fehlt es im VEB Baumwollspinnerei Mittweida, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, an Ketten und im Braunkohlentagebau Völpke und Harpke, Kreis Oschersleben, [Bezirk] Magdeburg, an Schrauben und Muttern.

Die Papierfabrik Hohenofen, [Kreis] Kyritz, [Bezirk] Potsdam, benötigt dringend Kohlen, da sonst die Produktion eingestellt werden muss. (Verhandlungen mit dem zuständigen Ministerium verliefen erfolglos.)

Im VEB Dampfhammerwerk Großenhain, [Bezirk] Dresden, herrscht unter den Intelligenzlern sowie unter den Arbeitern eine schlechte Stimmung.

Der Grund dafür ist, dass der Betrieb durch die Stahlpreiserhöhung16 am Jahresende mit einem Verlust in Höhe von 700 000 DM abschließen wird. Der Betrieb hat noch nie mit Verlust gearbeitet.

Bei der VEB Deutschen Spedition Dresden werden immer wieder vollkommen unverpackte hochwertige Güter angeliefert.

Zum Beispiel war dies beim VEB Textilwerk Pleissengrund, [Bezirk] Dresden, mit 64 Ballen Mantelstoff (1 850 kg) der Fall.

Der VEB Elektroapparatebau J. W. Stalin Berlin-Treptow verschickte zwei Revolverdrehbänke. Beigefügt waren zwei Zeichnungen im offenen Umschlag.

Produktionsstörungen

Durch den starken anhaltenden Regen der letzten Tage entstand im Versorgungsnetz des Mansfeld Hüttenkombinats Halle eine Störung, wodurch alle drei Kraftwerke ausfielen.

(Der entstandene Produktionsausfall kann noch nicht angegeben werden.)

Im Eisenhüttenwerk Calbe-West, [Bezirk] Magdeburg, wurden infolge starken Regens die Stromschienen an verschiedenen Stellen nass.

Durch den entstandenen Kurzschluss war ein Weiterarbeiten nicht möglich und am 10.6.[1955], gegen 2.00 Uhr, mussten sämtliche Niederschachtöfen des Werkes stilgelegt werden. Da durch den Ausfall der Öfen kein Leuchtgas zur Verfügung stand, wurde auch das Kraftwerk stillgelegt. Um 17.00 Uhr des gleichen Tages wurde die Produktion wieder voll aufgenommen. (Der Produktionsausfall steht noch nicht fest.)

Am 10.6.[1955], um 10.00 Uhr, musste die gesamte Gießerei I des VEB Eisenwerk »1. Mai« Tangerhütte, [Bezirk] Magdeburg, stillgelegt werden.

Da sich die Dächer der Gießerei in einem schlechten Zustand befinden, stand durch den anhaltenden Regen ein großer Teil der Gießerei unter Wasser. Zum anderen waren die Wände, an denen die Elektroleitungen zum Ofen und Gebläseraum angebracht sind, derart durchnässt, dass beim Fortsetzen der Produktion mit Kurzschluss zu rechnen war. Produktionsausfall ca. 35 t Fertigeisen.

Am 7.6.[1955] fiel im Funkwerk Burg, [Bezirk] Magdeburg, der Gleichrichtertrafo aus unbekannten Ursachen aus.

Ein vom zuständigen Ministerium eingesetztes Ingenieurkollektiv konnte bisher noch keine eingreifende Abhilfe schaffen, um auch bei den anderen Sendern in der DDR Sendeausfälle zu vermeiden.

Durch eine Explosion einer Hochspannungssicherung für 200 Ampere stand am 12.6.[1955], in der Zeit vom 21.55 Uhr bis 22.15 Uhr, die gesamte Produktion des VEB Lippendorf,17 [Kreis] Borna, [Bezirk] Leipzig, still. Ursache: wahrscheinlich Materialfehler.

Am 10.6.1955, gegen 4.10 Uhr, erfolgte im VEB Steinkohlenwerk »August Bebel« Zwickau am Ammoniakhaus eine Rohgasexplosion. Ursache: defekte Leitung. Schaden ca. 40 000 bis 50 000 DM.

Im Schichtkombinat 277 Querschlag 207 – Auerbach – wurde festgestellt, dass ca. 154 Isolatoren von der Starkstromleitung, welche am Forst entlangläuft, abgeschlagen waren. Dadurch konnten Menschen in Gefahr gebracht werden.

Am 8.6.[1955], gegen 7.00 Uhr, löste sich im Werk 536 – Zwickau – selbstständig der Bär vom Dampfhammer und fiel auf den Amboss. Der Dampfhammer wurde eine Woche vorher repariert, da die Kolbenstange gebrochen war. Eine Überprüfung ergab, dass der Konus um ca. 20 mm zu kurz angefertigt wurde.

Zu bemerken ist, dass der Bär des Dampfhammers ca. 35 Zentner wiegt und dadurch größerer Schaden entstehen konnte.

Am 12.6.1955 brannte in der Garage des VEB (K) Bautzen, [Bezirk] Dresden, aus bisher unbekannten Gründen eine Zugmaschine.

Im Bahnbetriebswerk Wahren, [Bezirk] Leipzig, Leipziger Verkehrsbetriebe und VEB Damenbekleidungswerk Leipzig ist das Gerücht im Umlauf, dass sich der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig nach dem Westen abgesetzt habe.

In einer Toilette des Messgerätewerkes Treuenbrietzen, [Bezirk] Potsdam, und im RAW Schlauroth wurden zwei Hetzlosungen angeschmiert, die sich gegen die Ernährungslage richteten.

In Wilthen, [Kreis] Bautzen, musste auf einer Neubaustelle vorübergehend wegen Wassermangels die Arbeit eingestellt werden. Es wurde festgestellt, dass an einem Kipper mit Lehm das Wort »Streik« angebracht war.

Versorgung der Bevölkerung

Die Versorgung der Bevölkerung mit Markenwaren ist im Allgemeinen sichergestellt. Örtlich treten jedoch immer wieder Klagen über den Mangel an verschiedenen HO-Waren18 auf. Es fehlt vor allem an HO-Margarine, -Butter und -Milch, aber auch an Schokolade, Bohnenkaffee und Kakao. (Verknappung an HO-Margarine ist vor allem wieder in Bitterfeld, [Bezirk] Halle, aufgetreten.)

In ihren Diskussionen über die Versorgungslage drücken die Hausfrauen ihre Verärgerung darüber aus und sagen, dass man nach zehn Jahren Kriegsende diese Waren verlangen könnte. Negative Elemente drohen verschiedentlich in diesem Zusammenhang mit einem neuen 17. Juni und im Wesentlichen wird dabei zum Ausdruck gebracht, dass die Lage heute wieder genauso schlecht sei, wie vor dem 17. Juni 1953 und dass aus diesem Grunde ein neuer 17. Juni notwendig wäre, damit sich die Lage wieder bessere.

So sagte z. B. eine Kollegin der Deutschen Notenbank in Greiz, [Bezirk] Gera: »Infolge der schlechten Versorgung mit HO-Butter und Margarine usw. werden die großen politischen Ereignisse gar nicht mehr beachtet. Man braucht sich dann auch nicht mehr zu wundern, dass es keine Diskussionen mehr gibt und wenn wieder ein neuer 17. Juni kommen würde; denn man hat daraus nichts gelernt. Die Verhältnisse sind genau wieder so schlecht wie vor zwei Jahren.«

Aus Leipzig wird berichtet, dass der Rat des Kreises, Abt. Handel und Versorgung, vom Rat des Bezirkes Mitteilung erhielt, dass ab sofort die für das Kreisgebiet im II. Quartal vorgesehene Planmenge von 50 t HO-Fleischwaren um 15 t gekürzt worden ist.

Aufgrund dieser Kürzungen können ab 14.6.1955 keine Fleisch- und Wurstwaren mehr an die Bevölkerung ausgeliefert werden, da bereits die übrigen 35 t zum Verkauf gelangt sind.

Der Rat des Bezirkes erklärte dem Rat des Kreises, der diesem über den Zustand Bericht erstattet hatte, dass es nicht möglich sei, eine Änderung herbeizuführen, da diese Anweisung von Berlin käme.

In der Molkerei Rhinow, Kreis Rathenow, [Bezirk] Potsdam, lagern zurzeit 5,5 t Butter, die von dem zuständigen Kontor19 in Potsdam nicht abgenommen werden können, da die Kartons zur ordnungsgemäßen Verpackung fehlen.

Die Lage in der Landwirtschaft

Die Diskussionen über die neue Note der SU an Adenauer bestimmten weiterhin die politischen Tagesgespräche. Auch unter der Landbevölkerung kann man feststellen, dass diese Note mit größerem Interesse als sonst politische Ereignisse aufgenommen wurde.

Trotzdem kommt es aber noch oft genug vor, dass auch diese Note nicht die genügende Achtung geschenkt wird. Die Schuld daran ist vielfach bei unseren Parteifunktionären auf dem Lande zu suchen, die der politischen Entwicklung der Landbevölkerung noch nicht die genügende Aufmerksamkeit schenken.

Ein Beispiel aus der MTS Mockrehna, [Bezirk] Leipzig, beweist dies:

Dort führen die Kollegen nur einzelne Diskussionen über die neue Note. Von der Politabteilung und der Leitung der MTS wurden bisher noch keine Maßnahmen eingeleitet, um die Diskussionen unter den Arbeitern zu entfachen. Von der Leitung werden immer nur betriebliche Belange – Planerfüllung usw. – zur Diskussion gestellt, aber zur politischen Aufklärung wird nichts getan.

Die bekannt gewordenen Diskussionen, die vor allem aus dem sozialistischen Sektor kommen, sind vorwiegend positiv und drücken die Zustimmung zu dieser Note aus. Der Inhalt der Diskussionen zeigt immer wieder, dass die Sowjetdiplomatie und die Friedensliebe der SU bewundert wird, dass Adenauer unter dem Druck der Bevölkerung diesen Vorschlag annehmen muss, da er sich sonst vor der Menschheit als Feind des Friedens entlarvt.

Vielfach wird aus dieser Note wieder Hoffnung auf eine friedliche Wiedervereinigung Deutschlands geschöpft und dabei des Öfteren auf Österreich verwiesen und gesagt, dass das, was in Österreich möglich war, auch für Deutschland möglich sein muss.20

Es drückt sich in den Diskussionen aber auch eine Spannung aus, ob Adenauer nach Moskau fährt oder ob er das Angebot ablehnen wird.

Die wichtigsten Argumente sind hierzu einerseits »Adenauer muss fahren, da ihn die Bevölkerung dazu zwingt!« und andererseits »Adenauer wird nicht fahren, weil er seine Politik von den Amis vorgeschrieben bekommt«.

Teilweise ist man jedoch über die Politik der SU verwundert und äußert, dass man diesen Schritt der SU nicht verstehen könne, oder dass die SU doch erst gesagt hätte, nach der Ratifizierung der Pariser Verträge seien keine Verhandlungen mit Westdeutschland mehr möglich.

So sagte z. B. ein werktätiger Bauer auf einer Ortsvorstandsitzung der VdgB (BHG) Falkenthal, [Kreis] Gransee, [Bezirk] Potsdam: »Die ganze große Politik ist Schwindel. Ich verstehe nicht, wie man den Nachfolger Hitlers, den Kriegshetzer Adenauer, plötzlich nach der SU einladen kann. Hier ist doch irgendeine Hintertür und wir einfachen Menschen sind nicht in der Lage, das zu verstehen.«

Vereinzelt kommen auch solche Stimmen, dass sich die SU durch diese Note eine Blöße gegeben hätte. Außerdem würde sich klar zeigen, dass es nun mit der Stalin’schen21 Politik vorbei sei, da jetzt auf einmal Verhandlungen möglich seien.

Dazu sagte z. B. ein Arbeiter von der MTS Wriezen, [Bezirk] Frankfurt/Oder: »Die werden sich ja nicht viel tun, denn Adenauer und Bulganin22 sind ja Studienfreunde. Jetzt bewahrheitet sich, was ich schon immer gesagt habe, dass die SU nicht mehr die Stalin’sche Politik betreibt, sondern eine andere Richtung einschlägt und den Weg der Verhandlungen sucht, da sie nicht mehr ein noch aus weiß.«

Der DDR feindlich gegenüberstehende Personen geben ihrer Freude Ausdruck, nun endlich auf ein Deutschland unter dem Adenauer-Regime rechnen zu können oder, dass Adenauer sowieso nicht fahren würde, da die »Russen« Westdeutschland einwickeln wollen.

Immer noch sind in der Landwirtschaft unbepflanzte Flächen vorhanden, weil es an Saatkartoffeln mangelt.

Dem MTS-Bereich Karstädt, [Kreis] Perleberg, [Bezirk] Schwerin, fehlen z. B. noch ca. 600 Zentner Saatkartoffeln.

Auch in anderen landwirtschaftlichen Betrieben treten diesbezüglich noch Mängel auf.

In verschiedenen MTS besteht weiter ein Mangel an Ersatzteilen, ohne die das Reparaturprogramm bis zum Tag der Bereitschaft nicht restlos erfüllt werden kann.

In einigen MTS des Kreises Grimmen, [Bezirk] Rostock (Ersatzteile für Knüpfvorrichtungen an Strohpressen); in der MTS Dobritz, [Kreis] Zerbst, [Bezirk] Magdeburg (für Mähdrescher S 423 sämtliche Antriebsketten, Antriebsketten für Mähbinder und für die Pick-up-Presse sowie Schutzfinger, für zwei Traktoren »Aktivist«24 je ein Tellerrad für Ausgleichsgetriebe usw.); in der MTS Großraschütz, [Kreis] Großenhain, [Bezirk] Dresden (Ersatzteile für Anbaubalken der Schlepper zur Grasmahd, Finger).

Wie schon des Öfteren berichtet, treten in einigen LPG immer wieder Unstimmigkeiten über die Neufestsetzung der Arbeitseinheiten25 und die Entlohnung auf.

Zum Beispiel gibt es im Kreis Burg, [Bezirk] Magdeburg, negative Diskussionen über die Festsetzung der Arbeitseinheiten auf DM 6,00 DM, da die Genossenschaftsbauern der Ansicht sind, dass das keine Existenzgrundlage bieten würde. Eine ehemalige Umsiedlerin26 aus Parchau äußerte sich wie folgt dazu: »Man kann nicht immer auf Kredit leben. Für die, die individuelle Viehhaltung haben, sind DM 6,00 keine Existenzgrundlage.«

Von den elf betroffenen LPG im Kreis Burg haben bisher sechs in einer Vollversammlung den Produktionsplan mit DM 6,00 pro Arbeitseinheit bestätigt, in den LPG Steglitz und Schartau wird das abgelehnt. Von einem Vertreter des Ministeriums für Land- und Forst und dem Rat des Kreises soll eine Sonderregelung getroffen werden, da in diesen beiden LPG überwiegend Landarbeiter und Arbeiter tätig sind, die dem Ruf »Industriearbeiter aufs Land«27 folgten.

In den LPG des Kreises Stendal, wo die Arbeitseinheiten auf DM 5,00 festgesetzt sind, haben sich die Diskussionen im Allgemeinen etwas gebessert.

In der LPG Hobeck, Kreis Loburg, kam es bei der letzten Geldauszahlung zu Unstimmigkeiten, da nur 50 % ausgezahlt wurden.

In verschiedenen LPG des Kreises Seehausen herrschen ebenfalls Unstimmigkeiten wegen der Entlohnung, was sich auch in einer schlechten Arbeitsmoral zeigt. Von der Brigade Groß Garz von der LPG Gollensdorf sind von ehemals 20 Mitgliedern kaum noch die Hälfte auf Arbeit.

In den LPG Losse und Harbe äußerten einige Mitglieder, dass sie aufgrund des schlechten Verdienstes in den nächsten Tagen ihr Austrittsgesuch einreichen werden.

In letzter Zeit wird wieder verschiedentlich berichtet, dass durch Schädlinge, Wild usw. Schäden auf den Feldern verursacht werden.

So diskutierten die Bauern in der Hohen Rhön, Kreis Meiningen, [Bezirk] Suhl, viel über die Wildschweinplage. Durch die Wildschweine wurden in den letzten zwei Tagen ca. zwei ha Kartoffeln völlig umgewühlt.

In der Flur vom Emseloh, Kreis Sangerhausen, [Bezirk] Halle, ist der Roggen von einem Schädling befallen, der die Ähren abfrisst.

Nach Angaben einiger Bauern vermehrt sich der Schaden ständig. Bis jetzt sind schon ca. 15 % der dort zu erwartenden Ernte vernichtet worden.

Auf einigen Feldern der LPG »Florian Geyer« in Zaschwitz, [Kreis] Döbeln, [Bezirk] Leipzig, wurden ca. 60 Kartoffelkäfer gefunden.

Ebenso sind in verschiedenen Gemeinden des Bezirkes Frankfurt/Oder die ersten Kartoffelkäfer gefunden worden.

Diesbezüglich wurden überall Maßnahmen eingeleitet.

In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:

In der LPG Briesewitz, [Bezirk] Schwerin – Bestand von 30 Schweinen notgeschlachtet.

Bei einem Großbauern28 aus der Gemeinde Riegensee, [Bezirk] Schwerin – Bestand: 38 Schweine, verendet eins, notgeschlachtet 37.

Bei einem Großbauern aus der Gemeinde Dittersbach, Kreis Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurden ca. 80 Schweine notgeschlachtet.

Durch Fahrlässigkeit hat der Viehzuchtbrigadier der LPG Gransee, [Bezirk] Potsdam, die Hühnerpest weiterverbreitet, indem er den Anweisungen des Tierarztes nicht Folge leistete und die Hühner nicht richtig abkochte, sodass der Bazillus nicht abstarb. Zirka 600 Hühner von Genossenschaftsbauern wurden dadurch noch angesteckt und mussten deshalb abgeschlachtet werden.

Außer der Schweine- und Hühnerpest – die Hühnerpest trat in der letzten Zeit besonders stark auf – gibt es auch noch andere verschiedene Ursachen, wodurch Vieh verendete und damit unserer Viehwirtschaft erheblicher Schaden zugefügt wird.

In der LPG Arnsdorf, [Bezirk] Dresden, Teilgut Wallroda sind 40 Schafe am Verhungern. Laut Angaben des Tierarztes war die Futtergrundlage immer gegeben. Es ist anzunehmen, dass der Betreuer Futter verschoben hat. Bis jetzt sind sieben Tiere verendet und vier mussten notgeschlachtet werden.

Am 11.6.1955 wurden in der LPG Wefensleben, Kreis Wanzleben,29 [Bezirk] Magdeburg, durch drei Schäferhunde der LPG die Schafe im Stall gejagt, sodass bereits 23 Schafe verendet waren.

Am 11.6.[1955] sind in der Schafherde eines Schäfermeisters in Calbe/Saale, Kreis Schönebeck, [Bezirk] Magdeburg, 20 Schafe verendet, die verschiedene Einzelbauern aus der Gemeinde Zucha gehören. Die Schafe waren geschoren und sind durch den enthaltenen Regen durch Erkältung verendet. Weitere 32 Schafe mussten notgeschlachtet werden. Der Gesamtschaden beläuft sich auf ca. 2 500 DM.

Die LPG Bullendorf, Kreis Pritzwalk, [Bezirk] Potsdam, kaufte im März 1955 vom Handelskontor30 eine wertvolle Färse. Der Tierarzt, der die Färse damals untersuchte, stellte fest, dass das Tier vollkommen gesund sei. Jetzt, nachdem die Färse verkalbt hatte, wurde vom gleichen Tierarzt festgestellt, dass sie vollkommen von Tbc befallen ist und geschlachtet werden muss. Als man den Tierarzt darauf aufmerksam machte, dass er die Krankheit schon damals hätte feststellen müssen, gab er keine Antwort und verließ die LPG.

Vom 1.1. bis 10.6.1955 sind in der LPG Bergersdorf, Kreis Zeitz, [Bezirk] Halle, ca. 98 Schweine an Ferkelgrippe und Unterernährung verendet.

Die Ursachen sind in der Fettplanung der Futtergrundlage zu suchen, die der Vorsitzende der LPG verursachte.

Das mit Wachs überzogene Bindegarn, das die Rindervergiftungen verursachte, wurde in den BHG und bei den Bauern des Bezirkes Dresden sichergestellt. Jedoch wurde bis heute noch keine Entscheidung getroffen, was mit dem Bindegarn geschehen soll. Nach Befragen beim Rat des Bezirkes wurde mitgeteilt, dass das Ministerium für Land und Forst Berlin noch keine Entscheidung getroffen hat.

Aus dem Kreis Pößneck, [Bezirk] Gera, wird berichtet, dass auf der Wiese eines Einzelbauern ein Hakenkreuz durch besonders gute Düngung gewachsen ist. Das wurde erst festgestellt, als das Gras abgemäht wurde.

Am 9.6.1955 wurden auf einem Kartoffelfeld der LPG Bestensee, Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, Kartoffelkäfer festgestellt. Fußspuren von drei Personen lassen vermuten, dass die Kartoffelkäfer bewusst auf das Feld geworfen wurden.

Am 9.6.[1955] brach bei einem Mittelbauern aus Bartensleben, Kreis Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, ein Scheunenbrand aus. Es verbrannten 33 Zentner Stroh, 12 Zentner Düngemittel, zehn Zentner Nassschnitzel und verschiedene landwirtschaftliche Kleingeräte.

Brandursache noch nicht ermittelt. Schaden insgesamt ca. 11 000 DM.

In der Nacht zum 10.6.1955 gerieten die Gebäude eines Kleinbauern aus Etzdorf, Kreis Hainichen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, in Brand. Die Scheune und der Schuppen wurden völlig vernichtet. Außerdem verbrannten noch Kleinvieh, Getreide, Futtermittel und Geräte. Schaden ca. 20 000 DM. Brandursache, vermutlich Blitzeinschlag.

Ereignisse von besonderer Bedeutung

Die Zahl der Erkrankungen in Weichlitz, Kreis Plauen, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ist auf 269 Personen angestiegen. Davon sind 231 in Krankenhäusern untergebracht.

Ferner wurden am 10.6.1955 vier Personen von Plauen ins Krankenhaus eingeliefert, welche ebenfalls an Trichinose31 erkrankt sind.

Bei ihnen steht fest, dass sie ihr Fleisch nicht in Weichlitz kauften.

Am 12.6.1955 wurde in der Gemeinde Schadeberg, Kreis Salzwedel, [Bezirk] Magdeburg, in zehn Fällen bei Kindern leichte Ruhr festgestellt.

Ärztliche Maßnahmen wurden eingeleitet.

Am 11.6.[1955] erfolgte auf der Hauptstraße von Königshütte nach Tanne, Kreis Wernigerode, [Bezirk] Magdeburg, eine Explosion. Eine sofortige Überprüfung durch die VP ergab, dass in einem Waldstück zwischen Königshütte und Tanne alte Wehrmachtsmunition (vier Stück überschwere Bordwaffenmunition und eine 2 cm Flakgranate) von acht Kindern gefunden wurden. Die Kinder versuchten die Zünder abzuschrauben, wobei die Granate explodierte. Ein Kind wurde durch die Explosion sofort getötet, ein zweites schleppte sich noch ca. 20 m fort und brach dann tot zusammen. Drei Kinder wurden schwerverletzt und drei erlitten leichte Verletzungen. Im Kreiskrankenhaus verstarb ein Kind an den Verletzungen.

Die Kinder waren im Alter von zehn bis 16 Jahren.

Einschätzung der Situation

Die Diskussionen zu den politischen Problemen werden nach wie vor von der Note der Sowjetregierung an Bonn bestimmt. Dabei kommt es überwiegend zu positiven Stellungnahmen, während andererseits die in geringer Zahl bekannt gewordenen negativen bzw. feindlichen Stimmen oft Hetze gegen die SU enthalten.

Zu anderen politischen Fragen wird zurzeit fast gar nicht Stellung genommen, was sich auch auf die KVP-Werbung32 bezieht. Außer den weiterhin anhaltenden zahlreichen Diskussionen zur Note der SU ergab sich gegenüber den Vortagen keine wesentliche Veränderung.

Anlage 1 vom 11. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2458

Auswertung von Hetzschriften

In den letzten Tagen wurden mehrfach Hetzschriften bekannt, die auf den 17. Juni Bezug nehmen.

So verbreitet das SPD-Ostbüro33 ein Flugblatt mit der Überschrift »Der Geist des 17. Juni lebt!«, in dem dieser Tag als »Tag der deutschen Einheit«34 verherrlicht wird. Neben der Hetze, dass alle Menschen Deutschlands »dieses Tages gedenken und auch der Toten« stellt man weiterhin die »Forderungen des Juniaufstandes:

  • Die Beseitigung des SED-Regimes.

  • Die Durchführung freier Wahlen.

  • Die Wiedervereinigung des Vaterlandes …«

Abschließend heißt es dann: »… Mögen an diesen 17. Juni der SSD, die Kampfgruppen35 des Regimes und seine Funktionäre die Überwachung verhundertfachen, mögen sie den Tag unter Alarmbereitschaft und ängstlichem Warten verbringen, eines könnten sie nicht verhindern: Das Gedenken an den 17. Juni eint das deutsche Volk über die Zonengrenzen hinweg, ist eines der unzertrennbaren Bande deutscher Gemeinsamkeit, ist ein Unterpfand des Sieges über Unterdrücker, Spalter und Verräter …«

Weiter wird gehetzt, dass unsere Regierung von dem deutschen Volk isoliert sei und dass »die Funktionäre vor dem Volke zittern«. Im Zusammenhang mit der Österreichfrage wird die bekannte Hetze wiederholt, dass unsere Regierung nur wegen des Vorhandenseins der Sowjetarmee in der DDR bestehen könne und in der Folge heißt es: »Aber mögen sie tun, was immer sie wollen: Diese Stunde wird schlagen! Weder KVP noch Kampfgruppen, weder SSD noch irgendetwas wird sie retten. Die Sowjets, die gerade jetzt die österreichischen Kommunisten abgeschrieben haben und sie ihrem Schicksal überlassen mussten, werden eines Tages auch in Deutschland Ulbricht36 aufgeben! …«

Zur Haltung der Arbeiterschaft in den Tagen des 17. Juni wird gefordert, »Vorsicht vor Provokationen« zu üben, denn der Wille unserer Organe wäre es, »die Arbeiter zu unbedachten Spontanaktionen zu reizen, damit man sie verhaften könne. Deshalb muss jeder bedenken: Widerstand ist gut und notwendig – doch die Sicherheit jedes einzelnen steht vor allem! Jede Aktion muss von der Sicherheit der Beteiligten ausgehen. Die Erhaltung der Widerstandskräfte ist die Voraussetzung zur Fortführung und Steigerung des Widerstandes – deshalb: niemand lasse sich provozieren! …«

Das Flugblatt schließt mit den Worten: »… Wenn später einmal die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung geschrieben wird, kann es nicht anders heißen als: Die 18 Millionen der Zone machten den Anfang. Der 17. Juni 1953 gab das Signal! In diesem Sinne begeht das gesamte deutsche Volk den 17. Juni 1955, der bald auch in einer befreiten Zone für alle der Nationalfeiertag sein wird.«

Ein weiteres Flugblatt des SPD-Ostbüros mit der Überschrift »Stoppt die Normenschraube!« verfolgt ebenfalls das Ziel der Aufwiegelung – insbesondere der Arbeiter der VEB. Nach der Hetze, dass es in unserer Wirtschaft aufgrund verschiedener Faktoren – wie z. B. »Aufbau einer antinationalen Satellitenarmee, Zusammenscharung von Staatskriegsreserven und Erfüllung der immer höher werdenden Exportforderungen der Sowjets …« – immer mehr abwärts ginge, wird von einer »Verschärfung der Ausbeutung der Werktätigen« gesprochen, was u. a. durch die Lohnherabstufungen zum Ausdruck käme. Weiter heißt es, dass die Einführung der Wirtschaftszweiglohngruppenkataloge37 gescheitert sei, »…, weil die Kollegen die Absicht durchschauten und durch ihre ablehnende Haltung zum Scheitern brachten. Das zeigt erneut: Die SED fürchtet die Arbeiter, wenn sie zum Widerstand entschlossen sind …«

Und in diesem Zusammenhang wird weiter gehetzt, dass wir mit unseren Maßnahmen gegen unsere eigenen Gesetze verstießen, aber »… einige Teilstreiks von Bauarbeitern hätten den Kommunisten bereits in den letzten Wochen und Monaten gezeigt, dass es ihnen wenig nützt, die eigenen Gesetze zu vergessen …«

Die Hetzschrift schließt mit folgenden Worten, nach der Aufforderung, sich »keine neuen Normen aufzwingen zu lassen«. »… Wer für eine Prämie an der kommunistischen Normenschraube dreht, schadet also sich selbst und seinen Kollegen. Deshalb, Kollegen, keine Normendurchbrüche bei den sogenannten Wettbewerben! Haltet Solidarität. Die Verteidigung der alten Normen verhindert die Verschärfung der Ausbeutung! Sie verhindert ebenso, dass Ulbricht durch unsere Leistungen aufrüstet. Der Erreichung dieser Ziele gilt die Parole: Stoppt die Normenschraube! Dem Ulbricht-Regime keine Mehrleistungen und keinen Groschen!«

Mit dem Absender der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft werden an Bürger Leipzigs gefälschte Schreiben gesandt, die eine wüste Hetze gegen die Wismut38 erhalten. Es wird Bezug auf einen angeblich im November 1953 tödlich verunglückten Bergzimmerlehrling aus Leipzig genommen, dessen Todesfall und Beerdigung unter mysteriösen Umständen erfolgt sei und dessen Eltern keine finanzielle Unterstützung erhielten. In der Folge wird die Wismut als »Ausbeutungs- und Sträflingslager« bezeichnet und anhand verschiedener Fragen soll die Meinung erweckt werden, dass die Wismut außerhalb der Gesetze unserer DDR steht. Gleichzeitig wird der Präsident der DDR beschuldigt, Schreiben, in denen Aufklärung über diese Angelegenheit gefordert wurde, nicht beantwortet zu haben und in Verfälschung der Aufgaben der DSF heißt es abschließend:

»… Wir erfüllen nur unsere Pflicht als Gesellschaft und Massenorganisation, wenn wir den Präsidenten der DDR und den FDGB auffordern, endlich die unermüdlich gestellten Anträge zur Bereinigung dieser Angelegenheit zu beantworten.«

Anlage 2 vom 13. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2458

Die Westsender zur Note der Sowjetregierung an Bonn

Die Kommentare der westlichen Sender und Zeitungen zur Note der Sowjetregierung tragen inhaltlich den gleichen Charakter.

Übereinstimmend wird von der »diplomatischen Fähigkeit« Adenauers gesprochen und dass nur er der geeignetste Mann sei, Verhandlungen zwecks Wiedervereinigung Deutschlands führen zu können.

Dazu sagt z. B. der RIAS:39

»… Auf dem Bundeskanzler liegt eine schwere Verantwortung. Er muss und wird zu einer Politik treiben wollen, die der Wiedervereinigung maximal nützt, ohne dabei die Sicherheit der Bundesrepublik wie eines künftigen Gesamtdeutschlands, ohne das Vertrauen unserer westlichen Bündnispartner und ohne eine jetzt und in Zukunft die freiheitliche deutsche Existenz sichernde Beziehung zum Westen zu gefährden …«

Der Londoner Rundfunk40

Zitiert aus dem »Manchester Guardian«: »… Adenauer wird seine ganze Geschicklichkeit aufbieten müssen, eine Formel zu finden, die die Sicherheit Deutschlands und seine Freiheit gewährleisten, aber es gleichzeitig den Russen ermöglichen, ihr Gesicht zu wahren …«

Um die Diskussionen der Bevölkerung der DDR zu beeinflussen, werden folgende Argumente gegeben:

RIAS sagt sinngemäß, dass trotz Ratifizierung der Pariser Verträge die SU durch die »Stärke der westlichen Länder« gezwungen wurde, mit Bonn zu verhandeln und dass sich damit unsere Feststellung, der Beitritt der Bundesregierung zur NATO ließe keine Verhandlungsmöglichkeiten mehr offen, als falsch erwiesen hätte.

London: »… Die Politik mit der Unstabilität der kapitalistischen Welt hat sich nicht bewährt und die große Wirtschaftskrise ist nicht gekommen. Die Elastizität der ›freien Welt‹ auf wirtschaftlichem Gebiet hat Russland zur gegenwärtigen Linieneinschränkung gezwungen …«

Sender »Freies Berlin«:41 »… Die Visite im Kreml ist nur sinnvoll, wenn wir sicher sein können, dass als Generalthema die Wiedervereinigung – und vergessen wir nicht, immer wieder hinzuzufügen – das Schicksal der Kriegsgefangenen42 besprochen werden kann. Auch dies ist heute deutlich …«

Auch gibt der gleiche Sender folgende Worte Eisenhowers43 wieder: »… Die Wiedervereinigung nach westlichen Bedingungen, die Rückgabe der deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten,44 eine Einigung über die Oder-Neiße-Gebiete, Angebote also, die kein deutscher Bundeskanzler ausschlagen kann und denen die Westmächte nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen haben …«

In einem Interview des Londoner Rundfunks mit Bischof Dibelius45 sagte dieser zur Lage der Kirche nach der Wiedervereinigung – in ihrem Sinne – »… dass im Falle der Wiedervereinigung bei uns alles so bleibt, wie es ist, mit dem einzigen Unterschied, dass wir hoffen, im Falle der Wiedervereinigung nun wirklich viel schneller voranzukommen mit dem Wiederaufbau der Tausenden von zerstörten Kirchen und Pfarrhäusern, der bisher in Ostdeutschland sehr langsam vor sich gegangen ist …«

Weiterhin wird eine wüste Hetze gegen unsere Partei und vor allem gegen unsere Agitation geführt: Londoner Rundfunk: »… Ich kann mir gut vorstellen, wie die Propagandaschreiber der Sowjetzone augenblicklich fieberhabt daran arbeiten, die Flut ihrer wüsten Beschimpfungen gegen Dr. Adenauer einzustellen. Gegen den gleichen Dr. Adenauer, der jetzt als Ehrengast in die SU eingeladen wurde …«

Um unsere Funktionäre einzuschüchtern, sagt der gleiche Sender weiter: »Ich kann mir vorstellen, dass sich augenblicklich so mancher Funktionär in der Sowjetzone besorgt fragen wird, wie es mit seiner Karriere, ja mit der Sicherheit seines Lebens steht. Er wird wenig Trost in der russischen Note an die Bundesrepublik finden können und noch weniger in der gestrigen Moskauer Pressekonferenz46…«

Anlage 3 vom 14. Juni 1955 zum Informationsdienst Nr. 2458

Organisierte Feindtätigkeit

In der Zeit vom 10.6. bis 13.6.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt.

SPD-Ostbüro:

  • Schwerin: Kreis Perleberg 5 000;

  • Dresden: Kreis Löbau 25;

  • Magdeburg 225: Kreis Schönebeck 300, Kreis Halberstadt 3 000;

  • Potsdam 4 000: Kreis Jüterbog 4 000;

  • Erfurt: Kreis Arnstadt 65;

  • Neubrandenburg: Kreis Prenzlau 500;

  • Gera: Kreis Jena 4 600;

  • Karl-Marx-Stadt: Kreis Oelsnitz, Schwarzenberg, Stollberg und Schneeberg, Kreis Glauchau und Kreis Klingenthal 17 800;

  • Halle: Kreis Bernburg 630, Kreis Wittenberg 50, Kreis Artern 3 000, Kreis Sangerhausen 5 000, Kreis Quedlinburg 130, Kreis Querfurt 100, Kreis Eisleben 30;

  • Rostock: Kreis Greifswald einige;

  • Frankfurt: Kreis Fürstenberg 1 800, Lichtenberg 28;

  • Leipzig 200.

NTS:47

  • Suhl: Kreis Bad Salzungen 1 000;

  • Potsdam: Kreis Kyritz 5 000, Kreis Brandenburg 50;

  • Karl-Marx-Stadt: in den Kreisen Rochlitz, Freiberg, Annaberg und Schneeberg 45;

  • Dresden: Kreis Sebnitz 40, Kreis Görlitz 5.

ZOPE:48

  • Potsdam: Kreis Brandenburg 250;

  • Dresden: Kreis Bautzen einige.

»Freie Junge Welt«:49

  • Magdeburg: Kreis Klötze 2 000;

  • Dresden: Kreis Bautzen 21, Kreis Pirna 7.

»Der Tag«:50

  • Frankfurt[/Oder] 1 300;

  • Potsdam: Kreis Brandenburg 880;

  • Halle 21.

KgU:51

  • Potsdam: Kreis Brandenburg 250;

  • Halle: Kreis Hohenmölsen 290.

Die Flugblätter beinhalten im Wesentlichen Hetze zu einem neuen 17. Juni.52 Dabei hetzt man auch gegen die Neufestsetzung der Normen.53

Antidemokratische Tätigkeit

Der Leiter der Registrierabteilung Meißen erhielt einen Hetzzettel mit folgenden Losungen: »Nie wieder Krieg – zerschlagt die Waffen, keinen Pfennig für Rüstungszwecke«. Unterzeichnet: »Die Patrioten der Freiheit«.

Beim Rat des Kreises Geithain wurden unter den Wettbewerbsheften für die Steigerung der tierischen Produkte ebenfalls Hefte mit einer schwarz-weiß-roten Schleife im Emblem der DDR festgestellt.

17. Juni

In Halle wurde an die Fa. Glas- und Gebäudereinigung durch die Post ein Flugblatt (mit Schreibmaschine geschrieben), welches zum Käuferstreik am 17.6.1955 in der HO aufruft, gesandt.

Ein Einwohner aus Gardelegen, [Bezirk] Magdeburg, äußerte zu einem Stadtverordneten und einem anderen Genossen: »Da haben wir die richtigen Stadtverordneten gewählt. Das sind die richtigen Postenjäger. Aber in 14 Tagen kommt es sowieso anders. Da werden sich Verschiedene noch umgucken, und wir werden nicht mehr tatenlos wie bisher zusehen.«

Ein Rentner aus Gardelegen (ehemaliges Mitglied der NSDAP) erklärte: »Ich bekomme ein Armengeld von 150 DM monatlich (Rente). Das ist zu wenig. Als ehemaliger Lehrer müsste ich mehr bekommen. Aber es kommt in Kürze anders. Der Osten wird bald zum Westen kommen und dann wird vieles anders. Der Tag steht ja vor der Tür.«

Ein Jugendlicher aus Kietz, [Kreis] Seelow, [Bezirk] Frankfurt[/Oder] äußerte sich im Zusammenhang mit der Oder-Neiße-Grenze wie folgt: »Viele Menschen haben keine Heimat mehr, sie haben ihre Heimat drüben jenseits der Oder-Neiße. Alle diese werden die Grenze niemals anerkennen. Viele sind auch aus dem letzten Krieg als Versehrte zurückgekommen und erhalten in der DDR keine Unterstützung. Als einen wahren Deutschen erkenne ich Jakob Kaiser54 an. Der hätte sich am 17. Juni für ein besseres Leben der Bewohner der Ostzone eingesetzt.«

In der Gaststätte der Gemeinde Langenstein, [Kreis] Halberstadt, [Bezirk] Magdeburg, wurde von einem Oberschüler das Gerücht verbreitet, dass am 17.6.1955 Veranstaltungsverbot für jegliche Veranstaltungen und Ausschankverbot bestehen würde.

Aus persönlicher Verärgerung schätzte ein Mitglied der NDPD die Situation so ein, wie sie am 17.6.1953 war und sagte, dass die Mitglieder des Kreisvorstandes gefärbte Berichte dem Parteivorstand zuschicken und dadurch wird er über die wirklichen Verhältnisse getäuscht.

Ein Tischlermeister aus Kühlungsborn, [Bezirk] Rostock (Mitglied der NDPD) sagte auf einer Mitgliederversammlung Folgendes: »Die SED und der FDGB steuern, ohne dass sie es merken, auf einen neuen 17. Juni hin. Beide wollen uns sagen, brecht den Kapitalisten das Genick. Uns ging es schon einmal besser, jetzt geht es wieder rückwärts.«

Ein Kreisvorstandsmitglied der NDPD sagte in einer Sitzung in Stralsund, [Bezirk] Rostock: »Die Stimmung der Bevölkerung ist zurzeit genau, wie vor dem 17.6. Die übergeordneten Dienststellen haben keine Ahnung davon. Ich bin überzeugt, dass der Parteivorstand sich durch schön gefärbte Berichte täuschen lässt, den Ereignissen weit vorauseilt und mit der Masse der Bevölkerung keine Verbindung hält.«

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    17. Juni 1955
    Informationsdienst Nr. 2459 zur Beurteilung der Situation in der DDR

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    10. Juni 1955
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