Zur Beurteilung der Situation in der DDR
11. Oktober 1955
Informationsdienst Nr. 2491 zur Beurteilung der Situation in der DDR
Zur Lage in Industrie und Verkehr
Im Vergleich zur letzten Berichtsperiode haben die Diskussionen über den Staatsvertrag1 sowie über das Gesetz zur Ergänzung der Verfassung2 nachgelassen. Charakteristisch dabei ist, dass über die Fragen des Staatsvertrages vorwiegend positiv und in der bereits bekannten Form gesprochen wird. Anders bei dem zweiten Problem, worüber besonders Jugendliche diskutieren. Hier zeigt sich, dass ein ganzer Teil ablehnend spricht und nicht die notwendige Verteidigungsbereitschaft zeigt. Diese Ablehnung erfolgt aber weniger wegen einer feindlichen Einstellung gegenüber unserer Republik, sondern ist vielmehr entweder auf eine pazifistische Einstellung zurückzuführen oder liegt an der allgemeinen Abneigung gegenüber dem Militärdienst. Dies wird in den Betrieben auch vielfach durch die älteren Kollegen unterstützt, die zum Ausdruck bringen, dass sie das Soldatenleben zur Genüge kennengelernt haben und nichts mehr davon wissen wollen. Es muss deshalb Aufgabe der Aufklärer und Agitatoren sein, das Bewusstsein bei den Jugendlichen in der Form zu heben, dass sie den Unterschied zwischen dem Militär in den kapitalistischen Ländern und den Nationalen Streitkräften der volksdemokratischen Länder erkennen und bereit sind, das Geschaffene in unserer Republik vor den Anschlägen des Klassenfeindes zu schützen und zu verteidigen.
Noch weniger wird über aktuelle politische Probleme diskutiert. So nehmen z. B. zum Schmeißer-Prozess3 nur in der Hauptsache fortschrittliche Arbeiter und Angestellte Stellung. Demzufolge sind die meisten Äußerungen positiv.
So wird zum Ausdruck gebracht, dass sich Adenauer4 durch diesen Prozess als Bundeskanzler unmöglich gemacht habe und es an der Zeit wäre, wenn er abtreten würde.
Hier die Unterhaltung von drei Arbeitern aus dem VEB Berliner Glühlampen-Werk: Der eine sagte: »Die jetzige Situation erfordert die Durchführung freier Wahlen.«5
Darauf erwiderte der andere: »Ich bin alter Sozialdemokrat und kann behaupten, dass es freie Wahlen noch nie gab, auch im Westen nicht. Was Adenauer wert ist, sieht man ja an der jetzigen Schmeißer-Affäre.«
Dazu meinte der dritte Arbeiter: »Dabei ist bestimmt viel Propaganda und es wird nicht alles den Tatsachen entsprechen, denn sonst wäre Adenauer doch untragbar.«
Auf die Worte dieser beiden Kollegen äußerte der erstere: »Die drüben wissen auch ihre hohen Beamten vor solchen Skandalen zu schützen. Ihr braucht doch nur nach Westberlin zu sehen, da löst ein Skandal den anderen ab. So etwas gibt es bei uns nicht, solches Packzeug würde hier hinter schwedische Gardinen kommen. Wenn es auch noch an vielen bei uns fehlt und nicht alles so ist wie es sein soll, so fühle ich mich hier bei uns doch wohler.«
Von negativen Elementen wird entweder der Prozess überhaupt angezweifelt oder erklärt, dass bei uns auch ähnliche Sachen vorkommen, die aber vertuscht und der Bevölkerung nicht bekannt gegeben werden.
So sagte z. B. ein Maschinist vom Kraftwerk Lauta,6 [Bezirk] Cottbus: »Dieser Prozess entspricht nicht den Tatsachen. Diese ganze Komödie wurde nur von der Presse der DDR erfunden.«
Ein Arbeiter aus dem VEB Elektrostahlgusswerk Leipzig: »Die sogenannte Adenauer-Schmeißer-Affäre ist nur ein Ablenkungsmanöver. Was hier geschieht, wird nicht veröffentlicht.«
Durch das Eintreffen der Transporte der Kriegsverurteilten7 wurde die Diskussion über diese Frage wieder neu entfacht. Dabei zeigt es sich, dass vielfach Unklarheiten über den Begriff »Kriegsverurteilte« bestehen, indem diese mit den Kriegsgefangenen gleichgesetzt werden. Auch sind die darüber geführten Diskussionen meist negativ, was mit auf die Beeinflussung der Westpropaganda zurückzuführen ist. So wird vielfach betont, dass die Entlassung der Kriegsverurteilten das Verdienst Adenauers sei.
Die groß aufgezogene Feind-Propaganda stützt sich vor allem darauf, dass die Entlassung der Kriegsverurteilten ausschließlich Adenauers Verdienst sei. Damit im Zusammenhang steht die Behauptung, dass es sich um keine Kriegsverbrecher handele, sondern dass sie oftmals nur »geringfügige Vergehen wie Kartoffeldiebstahl« begingen bzw. als Wehrmachtsangehörige Befehle ausführten.
In Bezug auf den Empfang in Westdeutschland preist man vor allem die »großzügige Unterstützung«, die den »armen Heimkehrern« erteilt wird und stellt dazu im Gegensatz heraus, dass die Entlassenen in der DDR nur aus Fürsorgemitteln geringe Unterstützung erhielten.
Darüber hinaus wird die Frage gestellt, was mit denjenigen wird, die nicht an ihre Angehörigen schreiben durften, die aber noch in der SU sind und »von deren Existenz die Sowjetregierung nichts wissen will«. Damit verbunden wird die Forderung nach »Entlassung der politischen Gefangenen in der DDR«.
Wie weit sich der Einfluss dieser Feindpropaganda bemerkbar macht, zeigt sich in Folgendem:
Bei der Ankunft des Zuges mit den Kriegsverurteilten am 10.10.1955 in Frankfurt/Oder gelang es ca. 100 Personen, unmittelbar an die Wagen heranzukommen. Dies wurde von einzelnen dazu benutzt, Blumensträuße den Insassen zuzuwerfen.
Auch erdreistete sich eine männliche Person, einen Kasten Bier an die Kriegsverurteilten zu verteilen. Außerdem notierte er sich von diesen Adressen.
Bemerkenswert ist, dass an den Waggons, die nach Westdeutschland weitergeleitet wurden, Losungen angebracht waren, wie z. B.
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»Wir grüßen unsere Heimat«,
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»Deutschland, Deutschland über alles«8 und
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»Wir danken Adenauer«.
Die beiden letzten Losungen wurden entfernt, was zu Diskussionen führte, wie z. B. »vonseiten der SU wurde nichts unternommen und hier werden sie entfernt«.
Außerdem kam es zu Beschimpfungen der VP und unserer Staatsmacht.
Bei Ankunft des Zuges mit Kriegsverurteilten in Falkenberg, [Bezirk] Halle, verteilten einige von ihnen Konserven, Zigaretten und Brot an die Bevölkerung.
Dagegen in den positiven Stellungnahmen wird zum Ausdruck gebracht, dass die Entlassung der Kriegsverurteilten nicht das Verdienst Adenauers sei, da sich die Regierung der DDR schon viel früher darum bemüht habe.9 Auch wird davon gesprochen, dass diese Elemente eingehend überprüft werden müssten, damit sie kein neues Unheil anrichten können.
Neben den Diskussionen über das aktuelle politische Geschehen werden immer wieder viel Gespräche über unsere wirtschaftliche Entwicklung geführt. Dabei lassen die Äußerungen nach wie vor eine Unzufriedenheit über die laufenden Mängel in der Versorgung sowie über die sich wiederholenden betrieblichen Schwierigkeiten erkennen. So erklären viele Arbeiter immer wieder, dass es ihnen unverständlich ist, dass zehn Jahre nach Kriegsende laufend solche Mängel in der Versorgung und in den Betrieben, besonders in der Materialversorgung, zu verzeichnen sind. In diesem Zusammenhang werden vielfach oberflächliche Vergleiche mit den Verhältnissen in Westdeutschland gezogen und die Feststellung getroffen, dass es drüben besser sei, »weil da nicht solche Pannen vorkommen«.
Die Materialschwierigkeiten treten in den verschiedensten Industriezweigen auf. Die Ursachen sind meist unregelmäßige Lieferungen der Zubringerbetriebe sowie Verzögerungen in den Importlieferungen. Da durch das Fehlen von Material der ganze Produktionsablauf beeinträchtigt wird und vielfach die Arbeiter entweder Wartestunden schreiben müssen oder mit Nebenarbeiten beschäftigt werden, was sich auf ihren Verdienst auswirkt, entsteht unter den Beschäftigten vielfach eine schlechte Stimmung.
Im VEB Baubetrieb Calau, [Bezirk] Cottbus, mangelt es an Zement. Dadurch sieht sich der Betriebsleiter gezwungen, in den nächsten Tagen sämtliche Bauvorhaben stillzulegen. Darüber führen die Kollegen negative Diskussionen.
Für die Bauvorhaben im Bezirk Schwerin fehlen zurzeit sieben Millionen Dachziegel, die wegen ungenügender Produktionskapazität nicht aufgebracht werden können. Wenn keine Maßnahmen ergriffen werden, gehen Millionenwerte verloren, da die begonnenen Bauten nicht winterfest gemacht werden können.
Über die mangelnde Materialbelieferung äußerte der TAN-Sachbearbeiter10 im BKW »Glückauf« Kreis Hoyerswerda, [Bezirk] Cottbus: »Das Arbeiten in unseren Betrieben macht keinen Spaß mehr. Man wird von jeder Seite getrieben, aber das notwendige Material zur Reparatur der vorhandenen Geräte ist nicht da und es muss alles zusammengepfuscht werden.«
Im VEB Bekleidungswerk, Zweigstelle Ilmenau, [Bezirk] Suhl, haben die Arbeiter schon wochenlang nichts Produktives zu tun, weil es an Rohstoffen mangelt. Die Arbeiter schimpfen darüber, da sie mit Nebenarbeiten beschäftigt werden und dadurch weniger verdienen.
Dazu äußerte eine Kollegin: »Bei uns ist es jetzt noch schlimmer als nach dem Zusammenbruch 1945. Solche Engpässe wie jetzt dürften zehn Jahre nach Kriegsende nicht mehr vorkommen.«
Verschiedene Kollegen des Betriebes haben einen Arbeitskollegen, der vor einem Jahr von Westdeutschland gekommen ist, über die Verhältnisse drüben befragt. Sie tragen sich mit dem Gedanken, nach Westdeutschland zu gehen, »da in der DDR nichts mehr los ist«.
Auch im VEB Eichsfelder Bekleidungswerk Heiligenstadt, [Bezirk] Erfurt, bestehen Materialschwierigkeiten, da der Zubringerbetrieb Nord-Thüringer-Textilwerke Bleicherode unregelmäßig die Stoffe anliefert.
Im Stanz- und Emaillierwerk Prettin, [Bezirk] Cottbus, bestehen Schwierigkeiten in der Beschaffung von Blech. Das hat zur Folge, dass 50 Kollegen entlassen werden müssen. Den Kollegen wurden vonseiten der Betriebsleitung Arbeitsstellen in LPG nachgewiesen, was sie aber ablehnen.
Unter den Arbeitern des VEB Glühlampenwerk in Plauen werden darüber Diskussionen geführt, dass in der ersten Hälfte des Jahresplanes stets Materialschwierigkeiten zu verzeichnen sind, die zu einem Planrückstand führen. So muss jetzt z. B. ein Planrückstand von 1,3 Millionen DM aufgeholt werden. Sie sagen: »Jetzt müssen wir rammeln und vor einem halben Jahr wussten wir manchmal nicht, was wir machen sollten.«
Im Dampfkesselbau Meerane, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, fehlen für einen China-Exportauftrag 30 t Rohr- und Kesselblech und für einen anderen Auftrag ca. 40 t Formstahl.
Durch Materialschwierigkeiten im VEB Gasgerätewerk Dessau, [Bezirk] Halle, ist die Erfüllung von Exportaufträgen gefährdet.
Zwei Arbeiter von der Warnowerft in Warnemünde unterhielten sich über die schlechte Arbeitsorganisation auf ihrer Werft.
So sagte der eine: »Man kann sich nicht erklären, woran es liegt, dass bei uns die Arbeitsorganisation so schlecht ist und wir mit unseren Objekten nicht vorankommen. Man versucht alles, mit der Arbeit zurechtzukommen und da sitzen solche, die nichts verstehen und die nur mit einer Anweisung nach der anderen kommen. Wenn dies so weitergeht, machen wir bald pleite. Sieh dir mal die kleine Peenewerft an, die schmeißen alle vier Wochen ein Schiff raus. Da sitzen Menschen, die was verstehen, da ist eine ganz andere Arbeitsorganisation.«
Der andere meinte dazu: »Das sollte sich mal ein Kapitalist leisten, der wäre schon längt pleite. Aber der würde die Nichtsnutze an die frische Luft setzen.«
In der Zeit von 4. bis 10.10.1955 wurden aus den Braunkohlenbetrieben der Kreise Borna, Altenburg, [Bezirk] Leipzig, und Merseburg, [Bezirk] Halle, Produktionsstörungen mit einem Gesamtausfall von 22 900 cbm Abraum, 7 550 t Rohkohle und 175 t Brikett berichtet.
Die Ursachen sind immer wieder die gleichen, und zwar: Zugzusammenstöße, Entgleisungen, Ausfall von Baggern und Förderbändern.
Feindtätigkeit
Am 6.10.1955 wurde im Wismut-Schacht11 207 – Aue – von unbekannten Tätern auf der Sohle 360 eine Schwelle gesprengt. Dadurch löste sich der Schienenstrang in einer Länge von zehn Metern von der Befestigung und wurde nach oben gebogen.
Im Bahnhof Falkenstein-Auerbach, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, wurde von unbekannten Tätern eine Signallampe entwendet und die Vorsignale des Einfahrtsignals vollständig zertrümmert.
In der Garage Zwirtschen-Gera wurde in einen Fahrzeugtank Wasser gefüllt.
Im Wismut-Schacht 356 – Gera – wurde die Losung: »Ächtet die Atomwaffe« in »achtet die Atomwaffe« umgewandelt.
Ein aktiver Genosse aus dem VVB Papierverarbeitung Dresden erhielt im letzten Monat drei fingierte Anrufe mit Morddrohungen.
Zum Anschmieren von hetzerischen Losungen kam es im VEB Wärmegeräte Cossebaude, [Bezirk] Dresden (»nieder mit den roten Ausbeutern«); im VEB Stahlwerk Riesa, [Bezirk] Dresden (gegen die DDR und SU, und ein Bildnis des Genossen Otto Grotewohl12 beschädigt); im Hammerwerk Freital,13 [Bezirk] Dresden (»Norm gesund – Arbeiter krank«); im Kraftwerk Finkenherd, [Bezirk] Frankfurt/Oder (»wir FDJler weigern uns, in die KVP einzutreten«); im VEB Elfa Elsterwerda,14 [Bezirk] Cottbus (»Leute des Elfa-Werkes – besinnt euch und streikt. Streikt im Namen der BGL«).
Versorgung der Bevölkerung
Die im letzten Bericht erwähnten Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Butter, Margarine und pflanzlichen sowie tierischen Fetten, besonders auf HO-Basis,15 halten weiter an und werden in der Hauptsache aus den Bezirken Leipzig, Halle, Karl-Marx-Stadt, Dresden und Gera gemeldet.
Die Bevölkerung bringt darüber ihre Missstimmung zum Ausdruck.
So werden z. B. in Löbau, [Bezirk] Dresden, heftige Diskussionen darüber geführt, dass es nur jeden Mittwoch ab 16.00 Uhr Butter in der HO zum Verkauf gibt. Schon lange vor Verkaufsbeginn sammeln sich lange Menschenschlangen vor diesen Verkaufsstellen an.
Es wurden Stimmen laut, dass die Futterversorgung im Kreis-Gebiet nicht ausreichend sei. Es wird erklärt, man sollte doch nicht noch unseren Feinden das Argument des Schlangestehens in die Hände geben.
Es wurde der Vorschlag gebracht, dass man für die Butter Registriervermerke machen sollte, dann würde das Schlangestehen auch wegfallen.
Stimmen zur Versorgungslage
In den Diskussionen über die allgemeine Versorgung wird wieder das Argument »Zehn Jahre nach Kriegsende müsste es anders aussehen«; Ulbricht16 hat uns am Ende des Fünf-Jahrplanes einen »nie gekannten Wohlstand versprochen« laut.17
Zum anderen wird, besonders von Arbeitern und Angestellten, diskutiert, dass auf der einen Seite in den Zeitungen immer von Erfolgen in der Wirtschaft gesprochen wird, auf der anderen Seite gibt es aber nicht einmal das Wichtigste im Handel zu kaufen.
Wegen des Mangels an HO-Butter, HO-Margarine, HO-Zucker usw. herrscht unter den Arbeitern und Angestellten im VEB Zeiss Jena über diese Mängel eine große Unzufriedenheit. In den Diskussionen wurde zum Ausdruck gebracht: »In unseren Tageszeitungen wird immer von gewaltigen Erfolgen in der Wirtschaft berichtet. So z. B. die Berichte der Leipziger Messe 1955.18 In der Praxis sieht aber die Befriedigung der Bedürfnisse anders aus.«
Ebenso wird aus Jena beichtet, dass hier besonders unter der übrigen Bevölkerung viel im negativen Sinne über die Versorgungslage diskutiert wird.
Zum Beispiel wurde von einer unbekannten Person, die in einer Schlange nach Butter anstand, erklärt: »Es wird Zeit, dass wieder ein neuer 17.6.195319 kommt, damit wir endlich wieder genügend Lebensmittel, vor allem Butter und Fleisch bekommen.«
Der größte Teil der Anwesenden stimmte diesen Worten zu.
Im Allgemeinen richtet sich die Unzufriedenheit über die Versorgungslage hauptsächlich gegen die Arbeitsweise der unteren Handelsorgane.
Berichtigung zum Informationsdienst vom 4.10.195520
Auf Seite zehn wurde falsch formuliert geschrieben, dass die schlechte Versorgung mit Fleisch u. a. auf die »schlechte Anlieferung von Importen zurückzuführen« sei.
Es muss richtig heißen, dass verschiedene Bezirke Klage führten, weil das bereits importierte Fleisch nicht rechtzeitig in die betreffenden Bezirke geliefert wurde und sie lange darauf warten mussten.
Die Lage in der Landwirtschaft
Die politischen Gespräche haben in der letzten Berichtsperiode weiterhin etwas nachgelassen. Die bekannt gewordenen Stimmen lassen jedoch erkennen, dass auch unter der Landbevölkerung besonders das Gesetz über die Ergänzung der Verfassung21 diskutiert wird. Dabei wird von der Landbevölkerung, besonders auch von Jugendlichen, die Schlussfolgerung gezogen, dass diese Änderung die Einführung der Wehrpflicht nach sich ziehen würde. Häufig tauchen dabei pazifistische Meinungen auf, die im Wesentlichen in dem Argument »ich werde nie eine Waffe in die Hand nehmen« zum Ausdruck kommen.
Des Öfteren werden auch solche Äußerungen laut, unsere Regierung hätte erst immer davon gesprochen, dass niemand mehr eine Waffe in die Hand nehmen soll und jetzt würde sie das Gegenteil proklamieren.
Im Zusammenhang damit wird auch erklärt, wenn man die Jugend zwingen würde, eine Waffe in die Hand zu nehmen, dass diese sich dann nach dem Westen absetzen bzw. sich dem Militärdienst entziehen würden.
Ein werktätiger Bauer aus Stierow, [Kreis] Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg, erklärte z. B., dass jetzt die allgemeine Wehrpflicht eingeführt werden soll, ein großer Teil Jugendlicher nach dem Westen abhauen würde.
Jugendliche Arbeiter aus Zwickau, die zurzeit in der LPG »Rotes Banner« in Satow, Kreis Röbel, [Bezirk] Neubrandenburg, arbeiten, erklärten: »Wenn die Wehrpflicht eingeführt wird, dann gehen wir nach Zwickau zurück, denn in der dortigen Bevölkerungsdichte sind wir nicht so schnell zu finden.«
Während auch in der Landwirtschaft der 6. Jahrestag der Gründung der DDR vor allem im sozialistischen Sektor festlich begangen und als Anlass zu einer Reihe Verpflichtungen zur Verbesserung der Arbeit genommen wurde, gibt es auch eine ganze Reihe Beispiele, wo das nicht der Fall war. Verschiedentlich kam es vor, dass dieser Tag von den Bauern nicht dementsprechend gewürdigt wurde. Sie arbeiteten auf dem Felde und vertraten die Meinung, die wenigen günstigen Tage für die Einbringung der Ernte zu benutzen. Zum anderen wurde auch erklärt, man hätte immer davon gesprochen, jede freie Minute für die Einbringung der Ernte zu benutzen und jetzt würde man doch mitten in der Woche einen Feiertag einlegen.
So war z. B. im Bezirk Karl-Marx-Stadt der größte Teil der Genossenschafts- und werktätigen Bauern auf den Feldern beschäftigt. Sie vertraten den Standpunkt, dass sie noch die paar Tage, wo günstiges Wetter ist, ausnützen müssten.
Ein Traktorist von der MTS Teistungen, [Kreis] Worbis, [Bezirk] Erfurt, erklärte: »An den ganzen vergangenen Sonntagen mussten wir arbeiten, damit die heutige Regierung schnellstens ihre Ablieferung bekommt. Aber auf einmal hat man einen solchen Tag mitten in der Woche Zeit, wo man nichts zu tun braucht. Heute wird ja jeder politische Tag bezahlt, da soll es ja nicht darauf ankommen.«
Auch in dieser Berichtsperiode ist die Kartoffelrodung das wichtigste Problem. Neben den bereits des Öfteren erwähnten Schwierigkeiten hinsichtlich der Arbeitsorganisation, die Bereitstellung von Fahrzeugen bzw. Waggons für den Abtransport der Kartoffeln, treten immer wieder Schwierigkeiten hinsichtlich des richtigen und gut organisierten Einsatzes von Erntehelfern auf.
Diese mangelnde Organisierung der Ernteeinsätze22 ruft unter den Kollegen der Betriebe große Unzufriedenheit hervor.
So wurden z. B. vom Karl-Liebknecht-Werk Magdeburg23 durch den Rat der Stadt Magdeburg 100 Kollegen für die Gemeinde Klein-Stimmensleben24 angefordert. Dort wurden jedoch nur 20 Arbeitskräfte benötigt, sodass die restlichen 80 Kollegen in andere Orte weitergeleitet wurden, wo sie auch nicht gebraucht wurden und unverrichteter Dinge wieder zurückkehren mussten.
Zum Teil zeigt sich aber auch, dass vonseiten der Genossenschaftsbauern nicht das genügende Interesse für die reibungslose Einbringung der Kartoffeln aufgebracht wird, was darin zum Ausdruck kommt, dass vielfach die Genossenschaftsbauern sich strikt an den Acht-Stundentag halten und keine Minute länger auf den Feldern arbeiten bzw. an den Sonntagen, wo Erntehelfer im Ort sind, sich nicht an den Einsätzen beteiligen. Das ruft besonders unter den Erntehelfern große Verärgerung hervor.
So wurde z. B. bei Ankunft einer Erntebrigade bei einem Einsatz am 1. und 2.10.1955 in Altweddingen, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg, festgestellt, dass der LPG-Vorsitzende sowie die anderen Genossenschaftsbauern noch schliefen. Der LPG-Vorsitzende war betrunken, ebenso der Treckerfahrer, der die Erntehelfer auf den Acker fuhr. Das rief großen Unwillen unter den Kollegen hervor. Diese konnten deshalb erst durch langes Zureden zur Arbeitsaufnahme bewegt werden.
Trotz des verstärkten Einsatzes von Erntehelfern gibt es einige landwirtschaftliche Betriebe, wo die Rodearbeiten durch Mangel an Arbeitskräften nicht planmäßig durchgeführt werden können.
In den Gemeinden Mescherin,25 Neu Rochlitz, Tantow und Gussow, Kreis Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, diskutieren die Bauern im Zusammenhang mit der Anweisung, die vom Rat des Kreises Angermünde erlassen wurde, dass es nicht richtig sei, wenn die Gemeinden, die ihr Getreidesoll nicht 100%ig ablieferten, kein Erntefest durchführen sollten. Sie hätten ebenfalls mit dazu beigetragen, dass die Ernte verlustlos geborgen würde.
Außerdem sei immer wieder festzustellen, dass nicht genügend Arbeitskräfte bei der Kartoffelrodung zur Verfügung stehen.
So können die vorhandenen Kartoffelroder der MTS Angermünde nicht voll eingesetzt werden, da nicht genügend Arbeitskräfte zum Kartoffelauflesen vorhanden sind. Dieser Arbeitskräftemangel macht sich besonders bei den LPG bemerkbar. Vor allem in den Kreisen Freienwalde, Angermünde und Seelow.
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brach die Schweinepest aus:
Im VEG Büschdorf, Saalkreis, [Bezirk] Halle – 240 Läuferschweine notgeschlachtet.
Bei einem Kleinbauern aus Rathenow, [Bezirk] Potsdam – Bestand vier Schweine und 24 Ferkel – davon ein Schwein und 16 Ferkel verendet, Rest notgeschlachtet.
Bei einem Großbauern26 der Gemeinde Rottstock, [Kreis] Brandenburg, [Bezirk] Potsdam – Bestand von 26 Schweinen und 20 Ferkeln notgeschlachtet.
Verdacht auf Viehvergiftung
Im VEG Walkendorf, [Kreis] Teterow, [Bezirk] Neubrandenburg, sind 38 Schweine verendet. Eine Sektion ergab, dass bei allen Schweinen Vergiftungserscheinungen vorliegen. Die Art der Vergiftung konnte noch nicht festgestellt werden.
Feindtätigkeit
Am 2.10.1955 fanden Mitglieder der LPG Tremsdorf, [Bezirk] Potsdam-Land, zwischen dem Grünfutter, das für einen Bullen bestimmt war, ein Küchenmesser. Vor ca. fünf Wochen wurden dort im Kuhstall an der Futterkrippe von unbekannten Tätern Nägel angebracht, an denen sich das Vieh hätte verletzen können.
In der Nacht zum 4.10.1955 wurden in der LPG Gülzowhof, Kreis Demmin, [Bezirk] Neubrandenburg, Glasflaschen-Scherben in drei Futtersilos der LPG geworfen, sodass diese drei Silos entleert werden mussten. Täter war ein Kleinbauer, der 1954 die LPG geleitet hat und wegen Diebstahls aus der LPG ausgeschlossen wurde. Er hatte aus Rache diese Tat begangen.
Auf dem Stützpunkt Bagemühl27 der MTS Brüssow, [Bezirk] Neubrandenburg (Kreis Pasewalk) wurden in der Nacht zum 9.10.1955 vier Traktoren, ein Lkw und ein Anhänger der MTS beschädigt (Lampen eingeschlagen, Lichtkabel abgerissen, usw.).
In der Gemeinde Rodewitz,28 [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurde in der Nacht zum 3.10.1955 eine Dreschmaschine der MTS Nostitz außer Betrieb gesetzt. Vom Hauptkabel der Dreschmaschine wurde der Stecker mit der Steckdose gelockert, dadurch fiel die Maschine ca. 24 Stunden aus.
In Gorknitz, [Kreis] Pirna, [Bezirk] Dresden, werden laufend die angeforderten Erntehelfer von noch unbekannter Seite abbestellt, sodass in der Bergung der Ernte Schwierigkeiten auftreten.
Durch unbekannte Täter wurde in der Nacht zum 4.10.1955 der Benzinhahn des Tankwagens der MTS, welcher in Kranichborn, [Bezirk] Erfurt, stand, geöffnet, sodass ca. 150 Liter bis 200 Liter Benzin ausgelaufen sind.
Am 5.10.1955 wurde festgestellt, dass bisher unbekannte Täter in das Trommelgehäuse des Mähdreschers der MTS Groß Pankow, [Bezirk] Potsdam, einen acht bis zehn cm starken Balken gelegt haben. Der Mähdrescher stand unbewacht, für jedermann zugänglich, vor dem MTS-Stützpunkt.
Bei einer in der Gaststätte in Kränzlin, [Kreis] Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, von der MTS durchgeführten Feier wurden nach 24.00 Uhr die beiden an der Bühne angebrachten Fahnen heruntergerissen und auf die Straße in den Schmutz geworfen.
Vor der MTS Altentreptow, [Bezirk] Neubrandenburg, wurden drei Transparente, die Losungen anlässlich des 6. Jahrestages der Gründung der DDR enthalten, mit schwarzer Farbe durchkreuzt.
Brände
In folgenden Gemeinden brachen Strohdiemenbrände aus:
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in der Gemeinde Kustrena, [Kreis] Bernburg, [Bezirk] Halle (Schaden 130 DM);
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in der LPG »Ernst Thälmann« Teutschenthal, [Bezirk] Halle (Schaden 2 800 DM);
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in Behnsdorf, [Kreis] Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg (Schaden ca. 20 Fuhren Stroh);
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in der Gemeinde Beelsdorf, Kreis Haldensleben, [Bezirk] Magdeburg (Schaden ca. 350 Zentner Stroh); Ursache: Die Tochter des betroffenen Großbauern wollte sich am Kartoffelkraut wärmen.
In der Gemeinde Wendemark, [Kreis] Angermünde, geriet eine Getreidemiete in Brand (Schaden ca. 2 000 DM).
In der Gemeinde Briest, [Kreis] Angermünde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, brannten am 8.10.1955 eine Miete Roggen, eine Miete Weizen und ein Dreschkasten der MTS Zuchow nieder. Schaden ca. 10 000 DM – Ursache: vermutlich Brandstiftung.
Am 8.10.1955, um 15.30 Uhr, brach bei einer werktätigen Einzelbäuerin aus Dittersdorf, [Kreis] Schleiz, [Bezirk] Gera, ein Brand aus. Schaden ca. 25 000 DM – Ursache: nicht bekannt.
In folgenden landwirtschaftlichen Betrieben brachen Scheunenbrände aus:
Am 10.10.1955, gegen 11.00 Uhr, bei einem werktätigen Bauern aus Diehmen, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden. Es verbrannte das ganze Getreide. Ursache: Das 5-jährige Kind spielte an der Scheune mit Streichhölzer.
Am 7.10.1955, gegen 23.00 Uhr, bei einem Großbauer in Niedergräfenhain, [Kreis] Geithain, [Bezirk] Leipzig. Gesamtschaden 45 000 DM. Ursache nicht bekannt.
Am 10.10.1955, gegen 9.00 Uhr, bei einem Großbauern aus Goldbeck, Kreis Osterburg, [Bezirk] Magdeburg. Schaden ca. 10 000 DM bis 12 000 DM.
Ereignisse von besonderer Bedeutung
Die Ruhr greift im Kreis Zittau weiter um sich. Im Krankenhaus liegen ca. 100 an Ruhr erkrankte Personen. Eine neue Isolierstation musste in Johnsdorf eingerichtet werden.
Das Serum, das benötigt wird, um den Krankheitserreger festzustellen, ist verbraucht. Das Serumwerk Dresden kann kein neues liefern.
Die am 8.10.1955 durchgeführte Untersuchung der HO-Milch ergab, dass auch hierin der Ruhrbazillus enthalten ist.
Einschätzung der Situation
Außer einer Zunahme der Abwürfe feindlicher Hetzschriften mit Ballons zeigt sich keine wesentliche Veränderung in der Lage.
Anlage 1 vom 8. Oktober 1955 zum Informationsdienst Nr. 2491
Bericht über den 6. Jahrestag der Gründung unserer Republik
Die durchschnittliche Beteiligung an den Festveranstaltungen am Vorabend, den Demonstrationen, Kundgebungen und Kranzniederlegungen am 7. Oktober war, im Vergleich zum Vorjahr, in den meisten Bezirks- und Kreisstädten gleichbleibend oder vielfach besser. So berichtet z. B. der Bezirk Suhl, dass dort im Durchschnitt eine bessere Beteiligung bis zu 40 % im Vergleich zum Jahre 1954 zu verzeichnen war. Auch im Bezirk Leipzig und Rostock war die Beteiligung zahlenmäßig höher als im vergangenen Jahr. Dies trifft aber nicht auf die Ausschmückung und Beflaggung zu. Hierüber wird aus den Bezirken fast übereinstimmend berichtet, dass dieses Jahr die Beflaggung und Ausschmückung allgemein etwas schlechter war, was besonders auf die Privathäuser und Geschäfte zutrifft.
So z. B. hatten die Privathändler im Kreis Fürstenwalde, [Bezirk] Frankfurt/Oder, wenig geschmückt.
Die Ausschmückung der Stadt Erfurt ließ, mit Ausnahme der öffentlichen Gebäude und Verwaltungen, stark zu wünschen übrig. Dies traf besonders auf den Stadtbezirk Süd zu, obwohl dort ein ganzer Teil Staats- und Wirtschaftsfunktionäre wohnen.
Auch im Bezirk Gera war mit Ausnahme der öffentlichen Gebäude die Ausschmückung und Beflaggung nicht zufriedenstellend.
Zur Stimmung der Teilnehmer und der Straßenpassanten kann allgemein gesagt werden, dass sie gut war und der Bedeutung des 6. Jahrestages der Gründung unserer Republik entsprach.
Besonders gut wurde überall das disziplinierte und exakte Auftreten der Kampfgruppen29 aufgenommen.
Zum vorzeitigen Verlassen der Kundgebungsplätze kam es in der Hauptsache durch organisatorische Mängel, wie z. B. unpünktliches Beginnen der Kundgebung sowie schlechte Lautsprecherübertragungen. Die Gründe des Abwanderns waren auch der einsetzende Regen. So z. B. verließ in der Bezirk-Hauptstadt Schwerin durch den einsetzenden Regen ein großer Teil der Teilnehmer vorzeitig den Kundgebungsplatz.
In Döbeln entfernten sich ca. 2 000 Personen, in Eilenburg ca. 1 500 Personen und in Delitzsch ca. 4 000 Personen vorzeitig von den Kundgebungsplätzen. Die Ursachen waren organisatorische Mängel.
Zum Teil zeigte die Landbevölkerung nicht das nötige Interesse am Besuch der Feierlichkeiten und Kundgebungen, was mit vordringlichen Erntearbeiten begründet wurde.
So trat z. B. im Bezirk Neubrandenburg häufig die Meinung auf, die Erntearbeiten seien wichtiger als die Feierlichkeiten.
Im Kreis Röbel, [Bezirk] Neubrandenburg, befand sich der größte Teil der Bauern entweder zu Hause oder auf den Feldern.
Im Allgemeinen verliefen die Feierlichkeiten und Kundgebungen in den Bezirken ohne besondere Zwischenfälle und Vorkommnisse.
Teilnehmerzahlen von den Bezirk-Hauptstädten:
[Bezirk] | 1955 | 1954 |
|---|---|---|
Suhl | 12 000 | 12 000 |
Erfurt | 50 000 | [–] |
Gera | 30 000 | [–] |
Magdeburg | 50 000 | [–] |
Halle | 80 000 | 90 000 |
Karl-Marx-Stadt | 100 000 | [–] |
Leipzig | 180 000 | 80 000 |
Dresden | 200 000 | 45 000 |
Frankfurt | 10 000 | [–] |
Cottbus | 18 000 | [–] |
Potsdam | 12 000 | 15 000 |
Schwerin | 40 000 | 35 000 |
Neubrandenburg | 8 200 | [–] |
Rostock | 75 000 | [–] |
Demokratischer Sektor von Berlin
Den Höhepunkt des Feiertages bildete die Kundgebung auf dem Marx-Engels-Platz.30 Außer den Marschsäulen kamen noch Tausende von Teilnehmern einzeln oder in Gruppen zum Marx-Engels-Platz.
Die Stimmung der Kundgebungsteilnehmer war sehr gut. Die Reden wurden mit Interesse verfolgt und oftmals von Beifall unterbrochen.
Die Ausführungen des Genossen Walter Ulbricht, dass die Mitglieder der Kampfgruppen sich mehr mit den Waffen und der Militärwissenschaft vertraut machen müssen, riefen lebhafte Zustimmung hervor.31
Besonderen Anklang fanden die Reden des Ministerpräsidenten der Volksrepublik Polen Cyrankiewicz32 und des Ministers des Innern der ČSR Rudolf Barak.33 Auch deshalb, weil beide ihre Ausführungen in deutscher Sprache machten.34
Während der Kundgebung waren wie immer Abwanderungen zu verzeichnen. Diese wurden teilweise dadurch verhindert, indem andere Kundgebungsteilnehmer einen Absperrriegel bildeten.
Die Stimmung unter den Kampfgruppen am Stellplatz wurde beeinträchtigt, weil sie ca. drei Stunden warten mussten, bis der Abmarsch zum Marx-Engels-Platz erfolgte.
Erst als sie kurz vor dem Marx-Engels-Platz von der Bevölkerung begeistert begrüßt wurden, besserte sich die Stimmung. Immer wieder wurden Hochrufe auf die Kampfgruppen ausgerufen, wie »es leben die Kampfgruppen«, »es lebe die DDR«.
FDJ
Beim Vorbeimarsch der FDJ wurde von der Bevölkerung kritisiert, dass verhältnismäßig wenig Jugendliche in FDJ-Kleidung angetreten waren.
Ausschmückung
Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Beflaggung und Ausschmückung der Wohnhäuser und Betriebe verschlechtert.
So war z. B. die Ausschmückung des VEB Berliner Glühlampenwerkes im Stadtbezirk Friedrichshain sehr schlecht.
Ebenso war die Ausschmückung im Stadtbezirk Prenzlauer Berg wesentlich schlechter. In der Greifswalder Straße waren ganze Häuserfronten überhaupt nicht oder nur sehr mangelhaft geschmückt. In der Umgebung der Bötzowstraße und in der Wigandstaler Straße/Weißensee, wo besonders Angestellte, SPD-Mitglieder und ehemalige Nazis wohnten, war die Ausschmückung dagegen gut.
Anlage 2 vom 11. Oktober 1955 zum Informationsdienst Nr. 2491
Organisierte Feindtätigkeit
In der Zeit vom 7.10. bis 10.10.1955 wurden folgende Hetzschriften sichergestellt:
SPD-Ostbüro:35
- –
Leipzig 170;
- –
Karl-Marx-Stadt 34: Kreis Freiberg 77;
- –
Halle: Kreis Sangerhausen 1 000, Kreis Naumburg 50, Kreis Aschersleben 3 000, Bitterfeld und Bernburg 42, Quedlinburg 18;
- –
Dresden 101;
- –
Magdeburg: Kreis Osterburg 4 000;
- –
Cottbus 13 888;
- –
Rostock 13;
- –
Potsdam 12;
- –
Erfurt: Kreis Eisenach 200;
- –
Berlin 102.36
Unbekannte Herkunft:
- –
Leipzig 550;
- –
Potsdam: Kreis Königs Wusterhausen 15 000, Kreis Nauen 4 223, Potsdam-Land 50;
- –
Berlin 250: Bahnhof Friedrichstraße 100 000;
- –
Gera 3 500;
- –
Frankfurt/Oder 2 732: Kreis Bernau 6 000.37
NTS:38
- –
Dresden 102;
- –
Frankfurt/Oder 5 500, Kreis Beeskow 300;
- –
Halle 52: Kreis Köthen 3 000, Kreis Quedlinburg und Hettstedt 23, Kreis Zeitz 366;
- –
Potsdam 19;
- –
Rostock 52: Kreis Putbus 21;
- –
Erfurt: Kreis Langensalza 2 000.39
NTS und ZOPE:40
- –
Leipzig 6 000: Kreis Eilenburg 30;
- –
Karl-Marx-Stadt 4 422: Kreis Freiberg 31, Kreis Zschopau und Rochlitz 46;
- –
Berlin 41;
- –
Gera 9 806;
- –
Suhl: Kreis Sonneberg 1 500.
ZOPE:
- –
Magdeburg: Kreis Tangerhütte 3 000, Kreis Staßfurt 17 000, Kreis Genthin 2 000, Kreis Stendal 1 000;
- –
Dresden 123;
- –
Halle: Kreis Bernburg 1 950.
»Freie Junge Welt«:41
- –
Dresden einige.
Tschechische Sprache:
- –
Dresen einige.
KgU:42
- –
Dresden einige;
- –
Karl-Marx-Stadt 600.
»Tarantel«:43
- –
Berlin 200;
- –
Neubrandenburg 20.
FDP-Ostbüro:44
- –
Neubrandenburg 380;
- –
Halle einige.
Hetzschriften mit Propaganda für Adenauer:
- –
Frankfurt: Kreis Freienwalde und Strausberg45 20 200;
- –
Berlin 200.
Komitee deutscher Frauen im DFD46 und Freie deutsche Arbeiter- und Bauernbewegung in der Sowjetzone:47
- –
Berlin 16 000: Bahnhof Schönhauser Allee 40 000.
Antidemokratische Tätigkeit
Am 6.10.1955 bzw. in der Nacht zum 7.10.1955 wurden in folgenden Orten durch unbekannte Täter Fahnen heruntergerissen.
In Radebeul, [Bezirk] Dresden (drei Fahnen); in Falkenstein, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt (eine rote Fahne); in Markleeberg–Großstädeln, [Bezirk] Leipzig (Fahne und Fahnenmast);
An der Anschlagtafel der Gemeinde Kirschau, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, wurde auf ein Plakat ein Hakenkreuz geschmiert.
Am 7.10.1955, gegen 24.00 Uhr, wurde in Beerkersdorf, [Kreis] Brand-Erbisdorf, [Bezirk] Karl-Marx-Stadt, ein Schaukasten der SED umgerissen und beschädigt und aus einem Schaukasten der Gemeinde mehrere Anschläge herausgerissen. Des Weiteren wurde eine an der Post angebrachte Fahne heruntergerissen.
Im Hauptbahnhof Karl-Marx-Stadt wurde ein Angehöriger der VP aus Johanngeorgenstadt, der Hetzlosungen schrieb, aufgegriffen. Er wollte innerhalb der VP Zersetzungsarbeit leisten.
Am Nachmittag des 7.10.1955 wurden auf dem Karl-Marx-Platz in Görlitz48 unter dem Bild des Genossen Wilhelm Pieck49 und an der Wand des Ehrenmals der OdF50 Hakenkreuze geschmiert.
Die SED-Kreisleitung Görlitz, [Bezirk] Dresden, erhielt am 6.10.1955, 14.20 Uhr, einen Anruf von einer unbekannten Person. Dieser fragte an, ob bei der Demonstration am 7. Oktober51 Transparente mitgeführt werden dürfen. Als die Frage bejaht wurde, sagte diese Person, dass sie ein Transparent angefertigt hat. Diese Losung war eine Hetzlosung gegen Walter Ulbricht.
In Taubenheim, [Kreis] Meißen, [Bezirk] Dresden, wurden zwei Plakate der Volkssolidarität52 mit Hakenkreuzen beschmiert.
Am 2.10.1955 wurde einem Genossen aus der Gemeinde Blumenthal, [Bezirk] Potsdam, von einer angetrunkenen Person das Parteiabzeichen53 mit dem Bemerken, warum trägst du nur sonntags das Parteizeichen, abgerissen.
Am 8.10.1955 wurden durch unbekannte Täter an der Endstelle der Straßenbahnlinie 16 in Leipzig-Marienbrunn drei ca. 1,25 Meter lange Eisenstangen auf die Schienen gelegt. Dadurch kam es zu einer Wagenentgleisung. Personen wurden nicht verletzt.
Am 5.10.1955 wurde die Kreissekretärin des DFD Neubrandenburg von einer ihr unbekannten Person überfallen. Der Täter wollte ihr Parteidokument entwenden, was ihm jedoch nicht gelang, da die Genossin diesen abwehrte. Er schlug ihr jedoch mehrere Male mit der Faust auf den Kopf, sodass sie zu Boden fiel. Der Unbekannte gebrauchte die Worte: »Dawei, Dokument«. Weiterhin führte er im gebrochenen Deutsch aus »auf Sie Schwein ich schon lange warten«. Als die Genossin um Hilfe rief, stieß er sie noch einmal zu Boden und sagte im perfekten Deutsch: »Das war die erste Probe.«
Am 7.10.1955, gegen 22.00 Uhr, wollten mehrere Jugendliche aus Priepert, [Kreis] Neustrelitz, [Bezirk] Neubrandenburg, die dortigen Feierlichkeiten anlässlich des 6. Jahrestages der DDR stören, indem sie einen Stolperdraht über die Straße gespannt hatten, um Leute zum Fallen zu bringen. Auch wurde vor dem Vorraum des Versammlungsraumes durch mehrere Jugendliche randaliert.
Die geführten Ermittlungen ergaben, dass der FDJ-Sekretär eine negative Arbeit unter den Jugendlichen leistet. Der FDJ-Sekretär selbst war während den Störungen nicht im Ort.
Auf dem Hauptbahnhof Rathenow, [Bezirk] Potsdam, wurde eine Person festgenommen, die zwei Volkspolizisten aufforderte, die Uniformen auszuziehen und mit nach dem Westen zu kommen. Er wollte die Fahrt bezahlen. Es wurde festgestellt, dass diese Person im Begriff war, die DDR illegal zu verlassen. Auf dem VPKA äußerte die Person, dass auch die Zeit kommen wird, wo die Volkspolizei eingesperrt wird.
In der vorigen Woche wurde eine männliche Person aus Neuruppin, [Bezirk] Potsdam, von einem angetrunkenen sowjetischen Soldaten angeschossen. An den Halsverletzungen verstarb diese Person.
Am 8.10.1955 wurde bekannt, dass bisher unbekannte Täter auf das Grab dieser Person eine weiße Tafel gestellt haben mit der Aufschrift: »wurde von den ›sowjetischen Freunden‹ erschossen – es lebe die Deutsch-Sowjetische Freundschaft«.
Bisher unbekannte Täter haben in der Nacht zum 1.10.1955 und zum 4.10.1955 bei einem Genossen in Potsdam-Babelsberg zwei Veranda-Fenster eingeschlagen.
Am 7.10.1955 wurde vor dem Schnellkommando Rathenow, [Bezirk] Potsdam, ein Soldat der KVP ohnmächtig. Im Krankenhaus gab dieser an, dass er vor dem Hause der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft eine Diskussion mit einem Zivilisten hatte, welcher sich in negativer Weise äußerte. Dieser Zivilist bot dem Genossen der KVP eine Zigarette an, wonach dem Soldat schlecht wurde.
Im Krankenhaus in Rathenow wurde durch den Arzt festgestellt, dass die Ohnmacht auf das Inhalieren von Gift zurückzuführen ist.
In Brandenburg wurde am 7.10.1955 ein Kohlenschipper festgenommen. Dieser führte am Bahnhof provokatorische Reden. Unter anderem sagte diese Person, dass beide Republiken hochleben sollen.
In der Gemeinde Waltersdorf, Kreis Königs Wusterhausen, [Bezirk] Potsdam, fand am 7.10.1955 eine patriotische Konferenz statt. Der Tisch des Präsidiums wurde dazu mit einer weißen Tischdecke bedeckt. Als der Bürgermeister, Genosse, angesprochen wurde, warum der Tisch nicht mit einer roten Decke bedeckt wird, antwortete der Bürgermeister: »Wir sind auch keine Roten.«
Vermutliche Feindtätigkeit
In der Gemeinde Friedrichsbrunn, Kreis Quedlinburg, [Bezirk] Halle, wurde ein Kranz zum 6. Jahrestag der Republik niedergelegt mit der Aufschrift »zum Geburtstag unserer Republik – den faschistischen Kämpfern«. Die Kranzbinderei in Suderode hat diese Aufschrift gedruckt und das Wort anti weggelassen.
Eine bewusste Handlung konnte nicht nachgewiesen werden.
Gerüchte
Ein Einwohner aus Sohland, [Kreis] Bautzen, [Bezirk] Dresden, diskutiert, in Sohland hätten bereits 50 junge Menschen die Einberufung erhalten. Er hätte es durch den Briefträger erfahren.
In der Gemeinde Caputh, [Bezirk] Potsdam, wurde von einer Frau verbreitet, dass der RIAS54 bekannt gegeben hat, dass in der DDR Weihnachten abgeschafft wird und dafür der 7. Oktober als Hauptfeiertag eingeführt wird. Diese Diskussion hat in Caputh, besonders bei den Forstarbeitern und den Obstanbauern, einen breiten Rahmen angenommen.